
flickr.com/ Truus, Bob & Jan too!/ (CC BY-NC 2.0)
Ritchie der Rapper
Matse nickte nur leicht und verschwand einfach, nachdem er noch kurz etwas von keine Muse mehr zum Schreiben gemurmelt hatte. Steffen wiederum trollte sich danach ebenso, ihm ging die Bemerkung nicht aus dem Kopf, daß sein bester Freund und seine Schwester sich mochten.
Braunverwelkte Ahornblätter säumten den breiten Bürgersteig der Sophie-Charlotten-Straße, die Matse gemütlich aber vor sich hin grummelnd entlangschlenderte, ab und zu mit seinen abgelatschten, billigen Turnschuhen in Blätterhaufen stieß, einmal fast ausgerutscht wäre, weil ein Hundekothaufen sich unter dem Laub befand. Fluchend strich er die Sohle an der Bordsteinkante ab, nahm einen kleinen Ast zu hilfe, um den Schiß aus dem Profil zu kratzen.
„Widerlich, wa?“, tippte plötzlich ein Mittzwanziger, Dunkelblonder wie aus dem Nichts erschienen auf Matses linke Schulter und grinste ihn dabei freundlich an, „bevor du mich fragst, ich bin der Ritchie, hauptberuflich Rapper, nebenberuflich stets pleite.“ Der Zille-Nachfahre mußte einfach nur schallend lachen und gab ihm die Fünf. Vorbeigehende Passanten wunderten sich über die offene Herzlichkeit, eine Rentnerin nickte ihnen wohlwollend zu.
„Aha, rappen tuste. Jefällt mir, Ritchie, ick bin der Matse, nen Nachfahre vom ollen Zille, jenauer jesacht sein Ururenkel. Aber darauf bilde ick mir nüscht ein, kann eh keener wat dafür, wo er hineinjeboren wird.“
Die beiden schauten sich interessiert an und liefen weiter in Richtung Lietzensee, sie mußten dazu lediglich den Kaiserdamm überqueren. Kaum angekommen in dessen gleichnamigen Park, suchten sie eine Bank auf, weil Ritchie ihm unterdessen einiges über das Rappen erzählt hatte, Matse wiederum ganz spontan ein passender Text einfiel, den er nun schnell aufschrieb. Der Rapper war sichtlich beeindruckt, las drüber und legte schon rappend los, wobei eine Endlosschleife von seinem MP3-Player mitlief, die Mucke aus kleinen Boxen auf der Parkbank stehend die nähere Umgebung beschallte:
„Neulich schauten wir mal wieder fern, wie jeden Abend so gern, Lieder, auf und nieder, in den Charts die Industrie antreibt, weit verzweigt, oder ham wir dat vergeigt? Einerlei, biste dabei? Nein, nicht nur wir zwei, sondern jede Menge Leute, gestern, morgen und vor allem heute. Was, besorgen? Nix kann ick dir borgen, keene Kneete da, was auch immer geschah, du warst so wunderbar und nah, ick in dir drin, jetzt allein wohin, worin der Sinn? Lauter Bilder schwirren an uns vorbei, einerlei, komm laß uns tanzen, die ganzen grauen Tage vergessen, nicht wahllos fressen, eher Leute treffen, die Erfolgreiche nachäffen. Wo tobt der Mob, wenn Politik sehr grob sich verhält? Geht’s nur ums Geld in dieser kranken Welt? Laßt uns dennoch frohen Mutes sein bei soviel Schein, nix allein und einsam siechend, kriechend den Reichen die Stiefel leckend, woanders viele verreckend! Sollen sie doch weichen, weltweit täglich Leichen, weil die den Hals nie voll genug kriegen. Alle wollen siegen und wir hier? Nehmen uns an den Händen, stoppen das Verschwenden, schreien laut hinaus, ohne Angst zu haben: Schau sie an, wie Küchenschaben sie sich an uns allen laben!“
Inzwischen hatten sich einige Jugendliche und manch ein Passant dazugesellt, standen hinter den beiden kreisförmig, zwei tanzten gar im Rhythmus laufend auf und ab, alle applaudierten, als Ritchie endete und nickten anerkennend Matse zu.
Fortsetzung folgt.
Lotar Martin Kamm
Straffreier Raum Internet – wenn Zille sich austobt (Teil 1)