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Mögen wir nicht trostlos durchs Leben gehen
Wir tragen ihn im Winter eng anliegend oder salopp umgeschwungen, aber auch in den anderen Jahreszeiten wird er häufig als Accessoire lässig verspielt zur Untermalung des Gesichtes oder als Blickpunkt für die Kleidung getragen. Dann schreiben wir das Wort, da Substantiv, groß. Wir befinden die Suppe nach nichts schmeckend, das Theaterstück war nichtssagend, ohne Ausdruck, seelenlos, dann schreiben wir das Wort klein, denn hier benützen wir es als Adjektiv. Haben Sie es erraten, um welches Wort es sich handelt? Gemeint sind der Schal und schal.
Setzen wir nun ein „e“ hinter das Substantiv Schal, so haben wir ein, vielleicht das definitiv am meisten sich hervortuende Wort für das Spiel Teekesselchen, nämlich eine Schale. Bedeutungen: flaches, rund oder ovales, gibt es auch in eckig, Gefäß, die Schale einer Frucht, es gibt Schalentiere, flächiges oder gekrümmtes Bauteil, äußere Wandung bei einem Flugzeug, in der Jägersprache die Klaue bei Wildschwein, Reh, in der Physik als Bezeichnung von zwiebelschalenartigen Schichten bei Atom- und Kernmodellen, im Schmuckhandwerk bei Edelsteinen, die unten flach und oben gewölbt sind.
Sie standen, den Schal um den Hals geschlungen, mit nach schalem abgestandenen Wasser schmeckenden Tee in einer Schale und horchten dem Schall, der ihre heiseren Stimmen von den Mauern der Ohnmacht in Wellen zu ihnen zurücktrug.
Jetzt haben wir ein neues Wort gefunden, der Schall, der Begriff für in wellenform ausbreitende Töne. Der Schall also auch im weitesten Sinne verwandt mit Schale, also Schild, etwas abgespaltenes, ebenso das Wort schellen, klingeln. Das Wort Schellen ist im süddeutschen Raum für die Klingel noch in Gebrauch. Die Frage stellt sich nun, warum wird dieses Wort für so viele Begriffe eingesetzt? Und was hat das alles mit dem Schal und schal zu tun?
Gehen wir einfach mal davon aus, wir wären viel unterwegs, ein Teil unserer Habe wäre sicher ein Tuch, entweder um es als Zudecke zum Schlafen zu benützen, als Schutz vor Wind und Wetter um uns gelegt, als Windschutz zwischen Bäumen oder Ästen, als Sichtschutz oder als Transportmittel. Auf alten Zeichnungen werden die Wanderer mit einem Stock über der Schulter, an dem ein geschnürtes Tuch hängt, dargestellt. Es gibt ebenso Darstellungen, auf denen ein Stück Stoff als Transportmittel über der Schulter oder an der Schulter hängend zu sehen ist. Kinder werden in Tüchern entweder auf dem Rücken oder vorne an der Brust getragen. Bei all diesen Trageformen ist aus dem Tuch so etwas wie eine Schale entstanden. Die Form findet sich ebenso in Hängematten.
Wir können anhand der vielen Einsatzmöglichkeiten eines Tuches (Schal) davon ausgehen, daß es im täglichen Gebrauch nicht wegzudenken war oder ist. Somit ist die Wortverwandtschaft von Schale zu Schal erklärbar. Und wie erklärt sich das Wort schal? Spekulativ, aber ohne weiteres in dem Sinne vielleicht zu verstehen, daß ein Tuch ohne Inhalt öde, trist sinnentleert, fade, eben schal ist. Nach dem mittelhochdeutschen schal bezog sich der Begriff auf trocken, dürr.
Ist der Schal, die Schale nicht gefüllt, ist sie schal, trocken, langweilig. Eine Schale mit Flüssigkeit gefüllt, kann verschiedene Klangwellen ertönen lassen. Somit schließt sich der Kreis der Erklärungen, zu hoffen bleibt lediglich, daß wir selbst unser Tuch (Schal) des Schutzes so oft als möglich füllen können mit positiven Eigenschaften, um nicht sinnentleert, schal, durchs Leben zu wandern.
Doris Mock-Kamm