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Sie wußte, wenn sie die Treppenstufen des Hinterhauses in den zweiten Stock hochging, würde ihr Herz wieder so fürchterlich pochen, würden ihre Beine gleichzeitig starr und ungelenk und dennoch butterweich zähflüßig die Stufen treten, sie müßte wieder das Treppengeländer mit ihrer schwitzigen Hand umklammern und sich einbilden, sich an einem Strang nach oben zu ziehen, der sie in die Wohnung führte, an deren Eingangstür nur das Schild festgenagelt war mit dem Namenskürzel V.B.
Anonym, so anonym wie selbst die anderen Teilnehmer, die sie dort seit einem halben Jahr jeden Dienstag Abend antraf. Um überhaupt dort sein zu dürfen, mußte sie einwilligen, ihre Persönlichkeit äußerlich zu verändern, deshalb hatte sie an diesen Dienstagen blonde lange Haare, einen wallenden langen Rock und eine unförmige blaue Bluse an. Männliche Teilnehmer trugen ebenfalls Perücken, aber auch vereinzelt aufgeklebte Bärte und mußten ebenfalls in blauen Hemden erscheinen. Stillschweigen über das Gehörte wurde schriftlich vereinbart und bei Zuwiderhandlungen drohten je nach Schwere Gefängnisstrafen.
Namen durften nicht erwähnt werden, ihre gegenseitige Ansprache lautete immer, die Leserin oder der Leser und dabei mußten sie einen blauen Stock, der ihnen ausgehändigt wurde bei jedem Treffen, nach vorne ausstrecken. Es waren schwere Momente, die sie durchleiden mußte, aber immerhin besser, als gebrandmarkt durchs Leben zu gehen. Denn sie hatte es getan und sie machte es bisweilen immer noch, heimlich, und trotz ihres schlechten Gewissens erlebte sie dabei doch immer wieder ein absolutes Hochgefühl, wenn sie die an manchen Stellen kaum noch lesbaren Sätze entziffern konnte und so die Gesamtheit des Textes erlas.
Ja, ich bin eine Leserin. Das war der Satz, den jeder Teilnehmer jeden Dienstagabend zur Begrüßung zu sagen hatte. Heute hat sie mit den Einleitungssätzen die Therapiestunde zu eröffnen, sie hatte schon die ganze letzte Woche diese Sätze ständig wiederholt, damit sie ihr ja nicht verloren gingen. Und heute sollten alle hören, wie bei ihr das Laster anfing. Lesen allgemein war nicht verboten, denn wie sollten sonst Maßregelungen und Hinweise weitergegeben werden, aber das Lesen von Dichtern und Denkern, von Poesie und Romanen, von Philosophie und Religion und alles andere, das auf der Liste für verbotenen Bücher stand, und diese Liste war lang.
Sie hoffte, ihre Einleitung würde nicht so katastrophale Auseinandersetzungen nach sich ziehen, wie vor vierzehn Tagen, obwohl man konnte nie sicher sein, sie hatte sich deshalb vorgenommen, ihre Geschichte ein wenig zu verändern, und wenn sie schon von Schuld sprechen würde, dann von ihrer eigenen und nicht von ihren Großeltern, der Nachbarin und ihrem Onkel. Vor vierzehn Tagen wäre es beinahe zum Ausschluß eines Teilnehmers gekommen, weil er bei seinen Einleitungssätzen sich verleiten ließ, immer intensiver und fast nur noch seinem Gefühl ergeben über das am meisten verbotene Buch zu sprechen. Seither war sie überzeugt, er kenne das Buch auch auswendig wie sie. Der erste Satz aus diesem Buch, die Überschrift von Kapitel I wurde in der Runde kaum mehr als sonst auch aufgenommen:
“Staaten, die den Menschen, aus welchen Gründen auch immer sie in dieser Gesellschaft wohnen und leben, die Angst vermitteln und sogar fördernd mitwirken, die Ängste zu verstärken, allein gelassen zu werden bei Krankheit, Alter, bei allen nur erdenklichen Problemen, die Menschen widerfahren können, können nicht erwarten, daß selbstbewußte aufrichtige und ehrliche Mitmenschen in dieser Gesellschaft leben.“
Gelangweilt hörten die meisten über diesen Satz hinweg, wußten doch alle, woher er stammte. Bis dahin gab es solche Einleitungen nicht, die meisten Teilnehmer saßen hier auf Grund ihrer Vorlieben für Poesie und Romane, das jedenfalls hatte sie bis dahin angenommen. Und sie war sich seither auch nicht mehr so sicher, ob einzelne Gruppenteilnehmer oder vielleicht alle Lügen erzählten, um von ihren wahren Interessen für das Buch abzulenken.
„Jeder Mensch ist ein Individuum, egal in welcher gesellschaftlichen Schicht er hineingeboren wurde, damit ist er einzigartig und die größtmöglichste Förderung seiner Talente erhält, und sein Wesens obliegt dem gesamtem Staat, denn nur ein Wesen, das gemäß seinen Anlagen in die Gesellschaft intrigiert ist, kann dem Gemeinwohl sein Bestes geben, auch wenn das Wesen selbst nicht fähig ist, für sich zu sorgen, so fördert es durch seine Hilflosigkeit den Wert der verantwortungsvollen Mitmenschen (Pfleger).“ Das war ein Satz aus Kapitel III, zweiter Abschnitt, und kaum war er zu Ende gesprochen, zeigte der Gesprächstherapeut mit seinem blauen Stab auf den Teilnehmer, der nun mit weinerlicher Stimme über die schlimmen Verhältnisse in seinem Elternhause berichtete und nur sein Zurückziehen mit einem Gedichtband über romantische Liebe, das er, als er mal wieder abgehauen war, auf einem Hochsitz fand, ließ ihn nicht am Leben verzweifeln.
„Nur wenn in einem Staat kein materieller Besitz als Wertbemessung für ein Individuum angesehen wird und 100g Apfel genauso viel wert sind wie 100g Gold, wird dies gelingen. Bringen die Menschen ihre gefertigten Waren oder ihre gepflanzten Erzeugnisse in die gemeinschaftlichen Häuser (Füllhallen), damit jeder nach seiner Facon sich bedienen kann, dessen er bedarf, wird es keine Neider und Habgier, geschweige denn Raub mehr geben. – Dieser Wechselhandel setzt voraus, daß kein Produkt teurer bewertet wird als das andere.“
Die letzten Wörter wurden jetzt im Chor von mehreren Teilnehmern ausgesprochen, und das Aufzeigen mit dem blauen Stab konnte den Redefluß nicht stören. Der Therapeut schlug nun mit seinem Stab an die während der Sitzung nach vorne gestreckten Stäbe der Teilnehmer, und wie erstarrt waren alle stumm, nur der Teilnehmer, der die Einleitung begonnen hatte, sprach unbeeindruckt weiter, vielleicht auch deshalb, weil er als der Sprechende seinen Stab in die Höhe halten mußte. Er erzählte von seinen Eltern, denen irgendwann Arbeit und Familie über ihre Kräfte stieg und wie sie ausgezerrt ihre Hilflosigkeit an den Kindern ausließen, indem sie anfangs schlugen und brüllten, schließlich aber die Kinder ihrem Schicksal überließen und irgendwann nur noch Kraft aufwanden, um an Alkohol zu kommen.
Fortsetzung folgt.
Doris Mock-Kamm