Dämmern zwischen Zweifel und Gewißheit


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Altbekanntes etwa doch neu überdenken?

„Na, dämmert es langsam bei dir?“ „Na, verstehst du es langsam?“ Diese beiden Sätze sagen so ziemlich das gleiche aus, jemand fragt sein Gegenüber, ob er langsam irgendeinen Zusammenhang begreift, ob ihm langsam etwas bewußt wird.

Eigentlich komisch, oder? Dämmern bedeutet doch langsam dunkel werden, wenn der Tag sich verabschiedet und die Nacht schon in greifbarer Nähe ist, so in etwa die Abendstunden beschreibt. Es ist der Übergang von hell zu dunkel. Abenddämmerung. Ups! Da ist aber auch die Morgendämmerung, wenn die Nacht zart durchbrochen wird, durch leichte Nebelschwaden das erste Sonnenlicht wieder erahnen läßt. Es ist der Übergang von dunkel zu hell.

Wenn uns also etwas dämmert, dann befinden wir uns eher in der Morgendämmerung, somit haben wir genügend einleuchtende Stunden, etwas zu verstehen, das uns bis dato nicht so ganz klar war. Es wär also unlogisch, wenn bei „Dämmert es langsam bei dir?“ der Übergang vom Tag zur Nacht als der Moment der Erleuchtung zu verstehen wäre. Aber so sicher kann man sich bei manchen Menschen nicht sein. Denn bei einigen Menschen scheint das Dämmern tatsächlich eher in die Nacht, das Dunkle zu führen.

Dämmern, schlagen, klopfen, daß es schallt, durch Schlagen bewältigen, niederdrücken.

Dämmern, er geht gedankenverloren seines Weges, er dämmert vor sich hin.

Dämmern, die Übergange von hell zu dunkel oder dunkel zu hell, das Zwielicht, diesige Stimmung.

Anderseits muß man wirklich immer alles verstehen, muß wirklich bei allen nicht zu verstehenden Angelegenheiten ein Dämmern stattfinden? Darf denn nicht mal irgendetwas im Unklaren bleiben, in der Dämmerung, im zwielichten Schein oder sogar im Dunkeln? Ist es nicht manchmal so, daß gerade das Erkannte oft den Reiz, des nochmaligen Überlegens, des Grübelns verhindert? Daß dadurch die Möglichkeit verloren geht, eine andere Sichtweise wahrzunehmen?

Dämmerung ist nicht umsonst mit Zwielicht umschrieben. Das Zwielicht, das geteilte Licht, das Zweilicht, das Licht, das Gegenstände in der Ferne nicht mehr klar umformt, das Spekulationen die Möglichkeit gibt zum Rätseln, ob das Objekt, das man vermeintlich wahrnimmt, ein Baumstamm oder doch eher ein Tier ist. Dämmert es Ihnen?

Auch wenn wir etwas verstehen, brauchen wir trotzdem nicht auf ewig an diesem Platz stehen bleiben, die berühmte Schublade mit der Erkenntnis geschlossen halten, wir können ohne weiteres auch diesen Platz räumen und unser Verstehen an einen anderen Ort stellen.

Denn wenn wir zu viel eindämmen, durch Schlagen bewältigen, Dämme aufstellen, kann das Dämmerlicht uns nicht mehr erreichen, und wir bleiben auf festgefahrenen Wegen stecken.

Vielleicht kann aber auch das Dämmerlicht nicht mehr weichen und wir verbringen unser Leben im stetigen Dämmerzustand, das jegliches Neues nicht mehr zu uns vordringen läßt. So wie es Heinrich Heine in seinem Gedicht „Rückschau“ umschrieb, „so dämmersüchtig, so sterbefaul“.

Wenn wir uns auf die Frage einlassen: „Na, dämmert es langsam bei dir?“, so ist dies nicht unbedingt die Unfähigkeit, etwas nicht zu verstehen, sondern auch die Fähigkeit etwas neu Vernommenes oder etwas Altbekanntes im möglichen Zwielicht erneut zu überdenken.

Doris Mock-Kamm

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