Torquay – zwischen The Doors und Klimawandel


Keine Einsicht trotz Earth Day

Vergebene Mühe, schoß es ihr durch den Kopf, warum sich weiterhin anstrengen, Gedanken machen, wenn ohnehin am Ende alles umsonst, zumal das Gegenüber keinerlei Bereitschaft zeigte, auch nur ansatzweise mitzudenken oder wenigstens eine gewisse Einsicht an den Tag legte. Nada, niente, nothing works, wat soll’s, dann eben nicht. Sarah stand wortlos auf, begab sich nach draußen, der untergehenden Sonne entgegen, ein laues Lüftchen wehte ihr angenehm ins Gesicht, zumindest das heutige Wetter enttäuschte sie diesmal nicht. In den zurückliegenden Tagen hatten erneut Wetterextreme sie daran erinnert, wie ignorant sowohl ihre Mitmenschen als auch die verantwortliche Politik die jahrelangen Warnungen über die Folgen des menschengemachten Klimawandels mißachteten. Wird schon nicht so tragisch sein, war das Hauptargument jener Verharmloser.

Kaum hatte sie ihr Häuschen erreicht, klingelte das Telephon im Flur. Gedankenverloren griff Sarah zum Hörer. Am anderen Ende der Leitung räusperte sich eine unsichere, dunkle Stimme.

„Spreche ich mit Sarah Brighton?“

„Wer will das wissen?“, erwiderte die schlacksige Mittdreißigerin und setzte sich auf den Eschenparkett.

„Hier Henry Winston aus Liverpool vom Broadgreen Hospital, ich habe keine gute Nachricht für Sie.“ Sarahs Gesichtsfarbe erblaßte schlagartig, sie konnte zunächst nichts erwidern.

„Es tut mir leid, aber ihre Mutter hat die Not-OP nicht überlebt, trotz aller Reanimationsversuche blieb ihr Herz gestern Nacht um 2:11 Uhr stehen.“ Sarah bedankte sich kurz für die Info und legte auf. Nahezu in Trance stolperte sie ins Schlafzimmer und ließ sich ins Bett fallen, konnte ihre Tränen nicht weiter zurückhalten. Wirklich überrascht war sie mitnichten, Mum hatte in letzter Zeit erheblich mit ihrer Gesundheit zu kämpfen, zwei Krebsarten in einem Zeitraum von zwölf Jahren gar besiegt. Zuletzt setzte ein Herzinfarkt ihr zu, der zunächst sie nicht weiter belastete. Der behandelnde Arzt meinte letzte Woche noch, ein weiterer sollte besser nicht stattfinden. Nun war es wohl doch geschehen, dachte sie, bevor sie schluchzend einschlief.

Lost in a Roman wilderness of pain, And all the children are insane, All the children are insane, Waiting for the summer rain… trällerte Jim Morrison von den Doors, Sarah wußte im selben Moment, daß ihr Bruder Thomas im Wohnzimmer den Plattenspieler bedient haben mußte, grinsend richtete sie sich auf und wälzte sich aus dem Bett.

„Hi Bruderherz, bist du ebenso von der Klinik benachrichtigt worden?“, sprach sie ihn gähnend an. Wortlos umarmte er sie langanhaltend, strich ihr durchs rote Haar und küßte sie auf die Stirn.

„Nein, Dad hat mich informiert, er sitzt im Flieger, war wohl noch in Sydney gewesen, wo sie ihn benachrichtigt hatten. Dich konnten sie erst gestern Abend erreichen, teilte er mir per SMS noch mit.“ Sarah nickte kurz und schlug vor, sie würde für beide das Frühstück zubereiten, sie bräuchte jetzt erst mal einen anständigen Kaffee. Hier in Torquay in der Grafschaft Devon, im Südwesten Englands gelegen, war es im April wieder ziemlich naß, doch heute schien mal länger die Sonne, die Englische Riviera zeigte sich von ihrer angenehmen Seite. Ein Grund mehr, nach draußen an den Strand sich zu begeben, dachte das Geschwisterpaar.

Vor zwei Jahren hatten sich ihre Eltern getrennt, was schon sehr lange absehbar war. Allerdings hatte Dad stets darauf bestanden, daß sowohl die Ärzte als auch seine Kinder ihn informieren sollten über den Gesundheitszustand von ihrer Mum. Kate war ziemlich rapide gealtert, die beiden Krebserkrankungen hatten wohl dazu hauptsächlich beigetragen, wobei Jack sichtbar aufblühte im weitentfernten Sydney, eine neue Liebe ihn beschäftigte. Sarah verzieh ihm ziemlich schnell, während Thomas sich eher schwertat, er hing wesentlich mehr an Kate, konnte sich mit der Trennung der Eltern nicht abfinden. Fast schon ein Klassiker, nicht unbedingt überraschend, in vielen Familien leiden die Kinder selbst als Erwachsene, wenn die Eltern sich trennen. Wenn obendrein noch eine Mutter mit Krebserkrankungen zu kämpfen hat, potenziert sich das Leid umso mehr.

Der Blick in die Weite des Küstenpfads südlich von Brixham, das Rauschen der Meereswellen beruhigte ihre angespannten Gemüter während der Wanderung. Sarah und Thomas schlenderten Hand in Hand, es waren keine anderen unterwegs.

„Vergiß Peter, er ist und bleibt ein gnadenloser Ignorant“, raunte ihr Bruder ihr zu. Sarah hatte ihm von den gestrigen, endlosen Bemühungen berichtet, Peter doch noch überzeugen zu können, den Klimawandel besser ernst zu nehmen.

„Hab ich ja inzwischen, das sollte der letzte Versuch gewesen sein, zumal weltweit ohnehin etliche Länder bereits sich dieser Trump-Administration anschließen, drill baby, drill sich auf ihre Fahnen schreiben. Was für ein Unsinn!“ Thomas nickte zustimmend.

Ihre Eltern durften noch voller Hoffnung in den späteren 1960igern und 1970igern gen Zukunft blicken, besonders die sich formierenden Bürgerprotestbewegungen waren Lichtblicke in den verkrusteten, eher konservativen Demokratien, besonders die Grüne Bewegung. In den USA initiierte US-Senator Gaylord Nelson von Wisconsin einen nationalen Umweltaktionstag mit dem Namen Environmental Teach-in, den Earth Day, am 22. April 1970.  Ein Meilenstein und wichtiger Denkanstoß. Parallel wirkte natürlich der Club Of Rome, der bereits zwei Jahre zuvor gegründet worden war. Insofern waren inzwischen weit über fünf Jahrzehnte vergangen, wo eine unerschrockene Weltgemeinschaft trotz des Pariser Abkommens am 12. Dezember 2015 immer noch meinte, sie könne nur halherzig oder gar nicht handeln. Welch gefährlicher Trugschluß!

Das Geschwisterpaar war sich dessen bewußt, daß ihre Mum zumindest ohne tragischere Folgen jener Klimakatastrophen das Jenseits betrat und sorgenvoll auf sie blicken würde. Im nächsten Moment erreichte sie die Nachricht von Dad, dessen Flieger im Heathrow Airport wohlbehalten landete.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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