
Image by Ana Desh´ka from Pixabay
Zeit spielt keine Rolle mehr
Manchmal einfach aufwachen des Nachts, urplötzlich aus tiefen Träumen gerissen, sich fragend, was just geschah, ohne eine mögliche Antwort abwartend unruhig im Bett gewälzt, die Wolldecke keinesfalls mehr an dem Platz, wo sie Sinn machte. Ray wußte Augenblicke später nicht mehr so genau, weshalb er ausgerechnet an diesem Ort sich befand, sinnierte zugleich, woran dies wohl liegen mochte.
Mitten im Grübeln schreckte der Mittzwanziger auf, saß senkrecht im Hochbett, Lichtkegel erschienen im Halbdunkel, allerdings weit entfernt irgendwo in einem Raum, an dem er sich beim besten Willen nicht entsinnen konnte. Gleichzeitig wurde ihm jäh bewußt, in welch verfahrener Situation er steckte, schließlich hatten ihn gestern noch bestimmte Dienste gezielt gesucht.
Unsicher schaute er sich um, horchte hinein in die hellerleuchtete Szenerie, wohl wissend, daß sein Leben gefährdet. Nur zu gut, wenn Menschen wie Ray eine Ausbildung vollführt hatten, die ihnen einen gewissen Schutz boten, um nicht hilflos sich ausliefern zu müssen. Die Gratwanderung zwischen Überleben und Todesfallen war hauchdünn, ein Fehltritt konnte jederzeit ihn gefährden. Sich dessen bewußt reagierte er entsprechend zielorientiert, schnappte sich seine Klamotten und verschwand im Bad. Wenige Augenblicke später stürzte er nahezu lautlos gen Dachboden, öffnete die kleine Luke, rutschte die Dachpfannen hinunter und sprang aufs gegenüberliegende Nachbardach, welches allerdings gut drei Meter tiefer sich befand, landete somit auf einer großzügigen Terasse, rollte sich ab und kam neben einer Glastür zum Liegen. Im nächsten Moment verfehlten ihn ziemlich knapp mehrere 45er Kugeln, was ihn dazu veranlaßte, mit einem Hechtsprung durch die Glastür mit den Schuhen voran zu springen, laut klirrend landete er unverletzt relativ weich auf einem großen Teppich, um sofort das nahe Treppenhaus zu nutzen, vier, fünf Stufen auf einmal überwindend. Seine Schnelligkeit bewahrte ihn vor Schlimmeren.
Ein völlig unerwarteter Schlag traf ihn aus dem Nichts, im nächsten Moment komplette Schwärze ihn umgab, er das Bewußtsein verlor. Als er wieder zu sich kam, spürte er sofort eine ziemlich große Beule am Hinterkopf, rasende Kopfschmerzen erinnerten ihn daran, was zuvor geschehen war. Allerdings vermochte er sich kaum zu rühren, bemerkte die beiden Handschellen an seinen Handgelenken, die am stählernen Oberteil des Bettrahmens befestigt waren. Der Raum war abgedunkelt, nahezu lautlos, kein Geräusch drang an sein Ohr. Umso erstaunter reagierte Ray, als plötzlich eine dunkle Frauenstimme ihn von hinten ansprach.
»Ray Brighton, im Grunde genommen hab ich Ihnen das Leben gerettet, die Verfolger waren Ihnen wohl dicht auf den Fersen«, begann sie ohne Umschweife, ermahnte ihn im nächsten Moment mit eindeutiger Handbewegung, sie nicht zu unterbrechen, »in Anbetracht Ihrer derzeitigen Lage empfehle ich Ihnen im eigenen Interesse, sich ein wenig zurückzuhalten. Es hat schon seine Gründe, warum Sie hier liegen, vorerst in Sicherheit, wie ich meine.« Ray nutzte dennoch die Gelegenheit bei der entstandenden Pause, ihr sofort zu erwidern.
»Ich darf doch mit Nachdruck bitten, mir schleunigst zu erklären, weshalb Sie mich hier gefesselt vor wem auch immer schützen wollen, ich bin durchaus in der Lage, mich meist erfolgreich zu verteidigen.«
»Das weiß ich nur zu genau, schließlich kenne ich Ihre Akte. Ich bin Melinda Smith, zuständig für die innere Sicherheit im Land, um es mal so auszudrücken, weder bei der Polizei noch beim MI6, sondern freischaffend, allerdings dennoch im Auftrag des Britischen Empire’s. Mehr darf und will ich Ihnen im Moment nicht verraten«, antwortete sie und öffnete die Handschellen. Kaum geschehen, überwältigte er sie kurzerhand, legte ihr jene Handschellen an und verließ sofort den Raum.
Es dauerte eine Weile, sich zurecht zu finden, schließlich hatte Ray nicht die geringste Ahnung, wo er sich befand. Genau das aber wurde ihm zum Verhängnis, als er just rechts um die Ecke ging. Ein kurzer Schlag an seiner linken Schläfe beförderte ihn erneut in die Bewußtlosigkeit. Diesmal erwachte er nicht mehr, sondern befand sich in Trance, weder in einem Traum noch in der Wirklichkeit. Krampfhaft, nahezu panikartig versuchte er, sich zu sammeln, einen Anhaltspunkt zu finden, was hier wohl mit ihm geschah, vermochte aber nicht, logisch zu kombinieren, zu diffus gestaltete sich das Umfeld. Obendrein war sein Gesichtsfeld erheblich eingeschränkt, die Umgebung glich einer nebeligen, ziemlich lautlosen Landschaft. Auch lag er nicht irgendwo oder bewegte sich vorwärts, sondern spürte keinerlei Regung in Armen und Beinen, es fühlte sich beinah an, als ob er gelähmt sei. Lediglich gewisse Gerüche erinnerten an eine moorige Landschaft, ab und an spürte er Wassertropfen auf den Wangen, die naßkalt übers Kinn hinabliefen. Ray, gefangen in einem Nirgendwo, schoß es ihm noch durch den Kopf, bevor totale Finsternis ihn ereilte.
Lotar Martin Kamm