Wer zieht den Karren aus dem Dreck?
In was für einer verrückten Zeit leben wir eigentlich? Diese Frage, die zugleich eine vorwurfsvolle Feststellung beinhaltet, paßt nahezu in allen Zeiträumen sowohl in vergangenen Jahren bis heinein in unsere Gegenwart. Dennoch offenbart sie eine wesentliche Komponente: die politische Unberechenbarkeit, die obendrein den Worstcase bedeuten mag, die Menschheit gen Dritten und letzten Weltkrieg blickt. Blanker Pessimismus oder haarscharfe Analyse gefällig?
Etliche sehnen sich zurück an überschaubare Zeiten wie den Nato-Doppelbeschluß, das Gleichgewicht des Kalten Krieges, obwohl auch damals die Furcht vor einem Atomkrieg in den Köpfen für entsprechenden Unmut und Horror sorgte. Eine USA als Garant zum Schutz Europas auf der einen Seite, der Ostblock unter der Knute der UdSSR auf der anderen, während China noch als Entwicklungsland weit entfernt mit Weltherrschaftsabsichten.
Wann begann der Zerfall demokratischer Systeme, die sich von rechtsradikalen Kräften steuern ließen? Zu Beginn Putins Herrschaft oder bereits weit vorher? Wir sollten bedenken, wie die VR China systematisch uns beobachtete und weltweit Einfluß nahm, noch bevor der Goldene Westen erahnen konnte, wohin die dritte Supermacht zu steuern gedachte. Wir waren viel zu beschäftigt, den Ostblock in Schach zu halten. In den Siebzigerjahren versuchten die Sozialdemokraten eine soziale Gerechtigkeit zu etablieren, mußten spätestens mit dem Verrat der Liberalen die Konsequenzen ziehen, Kohl, Thatcher, Reagan lieferten die deutliche Antwort: der Neoliberalismus übernahm das Zepter, am Ende zerfiel der Ostblock.
Doch anstatt mit diesem Neuanfang und Michail Gorbatschow endlich das Ende des Kalten Krieges positiv zu nutzen, ließ der Westen die Putin-Ära zu. Der wiederum setzte von Beginn an auf seine Alleinherrschaft, eine billige Kopie des Einparteiensystems wie in der DDR oder in der VR China, was einem autokratischen System entspricht.
Die Politik der Demokratien geraten unübersehbar ins Hintertreffen, überall setzt sich bewußt inszeniertes Mißtrauen durch, eine gezielt hybride Kriegsführung seitens Putins gen Westen bis hinein ins Weiße Haus spülte jenen Donald Trump an die Oberfläche, damit dessen Wahnsinn sich ungebremst ausbreiten kann. Ein explizit herbeigeführtes Ziel, um die Herrschaft der Achse Russland-China zu stärken.
Wenn Europa jene Zusammenhänge ignoriert oder schlichtweg konzeptionslos zuläßt, besonders fatal abgenickt durch den 10. deutschen Bundeskanzler Friedrich Merz, fragt sich zurecht der stille Beobachter, wohin dies führen mag! Solange die drei Mächte wirken dürfen, bleibt Europa außen vor. Eine gefährliche Mischung, die unbedingt beendet werden sollte, bevor es zu spät ist.
Lotar Martin Kamm
