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Keineswegs chaotisch
„Erinnerst du dich noch an deinen Schwarm, Bert aus der 10ten?“
„Wie kommst du denn jetzt auf den?“
„Ich hab neulich die Stefanie getroffen, er hat wohl fünf Töchter, ist aber zweimal geschieden.“
„Ach, ne!“
„Du warst ja auch nicht die einzige, die für ihn geschwärmt hat.“
Heute sprechen wir doch eher von Idolen oder Traummännern und -frauen, wer schwärmt heute noch von jemanden? Wir schwärmen von der leckeren Torte oder vom letzten Urlaub, aber von einer Person? Laut Duden ist schwärmen abgeleitet von althochdeutsch swarm, schwirren. Bienenvölker schwirren, ihre Flügelbewegungen verbreiten ein helles unruhiges Geräusch, sie schwirren im Schwarm.
Schwarm ist also eine Ansammlung von Tieren oder Menschen, die scheinbar ungeordnet auftreten. Die Vogelschwärme, die im Frühling und Herbst zu ihren jeweiligen Sommer- oder Winterplätzen fliegen, die Fischschwärme, die scheinbar ohne Ziel durchs Wasser schwimmen, titulieren wir als Schwarm. Ein Schwarm von Menschen, die das Kaufhaus stürmen auf der Suche nach dem günstigsten Angebot, hören wir dagegen selten, hier sprechen wir eher von einer Schar Menschen.
Warum eigentlich? Eine Gruppe Abgeordneter stimmte gegen den Gesetzentwurf…, und nicht ein Schwarm Abgeordneter stimmte gegen den Gesetzentwurf, werden wir eher in den Zeitungen lesen. Gruppe ist ebenso eine Ansammlung von Menschen, die zusammen eine Einheit bilden wie der Schwarm, aber genau hier liegt auch der Unterschied, laut Duden ist die Gruppe geordnet und der Schwarm ungeordnet. Ist das wirklich so?
Wer den Roman „Der Schwarm“ von Frank Schätzing gelesen oder selbst Schwärme beobachtet hat, wird dem nicht zustimmen können. Wer bestimmt die Ordnung einer Gruppe, Schar, Meute, Rudel, Schwarm, welche Motivation liegt dem Zusammenschluß inne? Jeder einzelne in diesen Gemeinschaften bleibt trotzdem ein Individuum, sie schwärmen von einem bestimmten Ergebnis oder Ziel, zusammen bilden sie eine Einheit und damit eine neue Ordnung.
Thema verfehlt? Es geht doch ums Schwärmen und den Schwarm, den man anbetet, was hat das mit Ordnung, Unordnung und Einheit zu tun? Zunächst nicht viel, aber schwärmen sie nicht für die Torte, weil sie phantastisch schmeckt, und ist der Schwarm nicht die Verkörperung des höchst Vorstellbaren an positiven Aspekten? Die verschiedenen Strömungen, egal mit welchen Ergebnissen, die wir aus der Geschichte kennen, kann man auch Schwärme nennen, die durch unterschiedliche Anläße Menschen veranlaßt haben, auszuschwärmen und ihre Botschaften weiter zu vermittelten. Und das kann man am besten, wenn man von diesen Botschaften schwärmt und die Ideale vergöttert. Nicht alle Schwärme haben positive Entwicklungen für die Menschen errungen, eine Gegenüberstellung der einzelnen Strömungen würde Bücher füllen.
Lassen wir uns nicht umschwirren von teils widersprüchlichen Thesen und Themen, aber fühlen wir uns als Einheit im Schwarm, wenn er unsere Herzen berührt. Vielleicht stammt die Bedeutung auch aus dem Alemannischen, denn auf die Frage nach der Temperatur des Badewassers bekommen Sie eventuell die Antwort: ´s isch warm.
Ihre
Doris Mock-Kamm