
flickr.com/ Truus, Bob & Jan too!/ (CC BY-NC 2.0)
Brüderchen, komm mir nicht in die Nähe
„Dette kann doch alles jar nich wahr sein, muß man denn imma allet alleene machen? Na, is doch wahr! Wieso hat denn neulich der Steffen, die olle Socke, sich prompt in dem Augenblick aus dem Staub jemacht, als ick nach hause kam mit ner Riesenwut uff seine Unfähigkeit? Der wußte nur zu jenau, wat ihm blüht, wenn ick den zwischen meene Finger jekriecht hätte!“, entfuhr es Matthias, den die meisten ohnehin nur kurz Matse nannten.
Der Ururenkel vom Heinrich Zille hatte keinen einfachen Stand hier in Charlottenburg Berlins trotz oder vielleicht gerade wegen dessen berühmten Vorfahren. Eines aber hatte Matse unbedingt tief verwurzelt verinnerlicht mitgenommen aus dem Hause seines Ururgroßvaters: die Nähe zum Volk, den tiefen Drang, sich unter die einfachen Leute zu mischen. Obwohl heutzutage das Leben sich nicht mehr so viel in den Straßen abspielte, nutzte er jede Gelegenheit, um den Menschen näher zu sein, so daß neben Straßencafés und Kneipen das Internet hinzukam, die virtuellen Räume von Foren und Social Communities.
Sein alter Freund Steffen aus vergangenen Schultagen verärgerte ihn hin und wieder, weil dieser in manchen Bereichen ihm einfach nicht folgen wollte. Ganz besonders die Differenz zwischen Armut und Reichtum brachte Matse oftmals auf die Palme, da Steffen in seiner arroganten, wohlgefällig konservativen Art meist mit seinem Elternhaus protzte, nicht offensichtlich direkt, aber stets versteckt sich in Sicherheit wiegend. Was konnte schon einem Steffen von Predow passieren, außer daß seine Adelsfamilie ihn permanent finanziell unter die Arme griff?
Kaum hatte Matse sich halbwegs beruhigt vor seinem Laptop gesetzt, stieß auch schon Steffen schwungvoll, leicht beschwipst die Zimmertür auf.
„Na, da ist ja mein lieber Matse, habe dich schon überall gesucht, dachte eigentlich, du seist unterwegs!“ Matse war schon rot anlaufend aufgesprungen und trat auf ihn zu.
„Sach mal, haste noch alle Latten am Zaun? Ick mußte mir von deiner Schwester vorhin ne Standpauke über mir erjehen lassen, weil der Herr Bruder mal wieda nen Bock jeschossen hatte. Oh, man! Brauchst ja nüscht so verdattert kiecken, die hat nämlich dein Post in der Facebook-Gruppe „Ungefiltert“ entdeckt, da hat dein Pseudonym als Graf Kox nich viel jeholfen, wa? Wieso? Na, die is doch nich blöde. Ihr hattet wohl in Eurer Jugend so nen Spielchen jetrieben, wo genau dieser Name benutzt wurde. Erinnerst du dir jetzt?“
Steffen schaute seinen Schulfreund verdutzt an, setzte sich ganz langsam und unsicher auf einen Baststuhl, der die typischen Knirschgeräusche dabei von sich gab.
„Oh weh, du hast Recht, ist mir vollkommen entgangen. Was mach ich denn jetzt? Die wird mir alles weitere niemals verzeihen, zumal ich gerade in den letzten Posts so richtig über unsere Familie hergezogen habe!“
„Keene Sorge, hab ick schon glattjebügelt“, erwiderte Matse grinsend, „deine Schwester mag mir, dat weeßte doch, oder? Aber paß mir dat nächste mal uff, daß dat nie wieda vorkommt, oder laß deinen ollen Freund besser drüberschauen, wa?“ Steffen nickte in sich versonnen, wußte nicht so recht, wie er dessen Bemerkung einordnen sollte. Irgendwie hatte er zwar von dem Verhältnis zwischen den beiden geahnt, aber wollte es einfach nicht wahrhaben.
Fortsetzung folgt.
Lotar Martin Kamm