Grüßen ohne Worte

Ihr Blick, an was erinnert er mich,
behauchter Badezimmerspiegel,
behauchter Badezimmerspiegel,
mit der Handfläche gewischt,
um eine klare Sicht zu erhaschen,
in Wirklichkeit nützt dies nichts,
man weiß das, und streicht drüber,
genau daran erinnert mich ihr Blick,
wenn wir uns begegnen, selten,
aber immer, wenn wir uns begegnen,
sehe ich den gewischten Spiegel,
den behauchten Badezimmerspiegel,
durch den sie mich sieht, sie nickt,
wir erkennen uns, gehen weiter,
richtig kennen wir uns nicht,
das Grüßen ohne Worte, das Nicken,
ist unsere gesamte Vertrautheit,
nicht ganz, denn sie erlaubt mir,
ihren behauchten Badezimmerspiegel
mit der Handfläche drübergewischt,
anzusehen, ihr Bad zu betreten,
nachdem sie gerade geduscht hat,
eigentlich ist das Vertrautheit, oder?

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Gedichte

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Corona-Krise: Keine Rücksicht auf Belange der Belegschaft

Sozialabbau setzt sich erst recht fort

Gib mir den kleinen Finger und ich nehme die ganze Hand. Genauso verhält sich besonders unverfroren das Wesen des Neoliberalismus. Kein Wunder, daß diese Regierung auch in Krisenzeiten sich manches ausheckt, was man eher als grotesk unmenschlich bezeichnen sollte. Sie will Arbeitszeiten bundesweit lockern.

Ein gefundenes Fressen, um die ohnehin schon belasteten Angestellten noch mehr zu drücken. Das erinnert an Hartz-IV-Demütigung zusammen mit jener Politik der Agenda 2010, die man in dieser Krise besser Agenda 2020 bezeichnen muß. Welch fatales Signal!

Das Erbe von Kohl und Schröder

Eine kurze Zeitspanne durfte sich Deutschland schon als Sozialstaat bezeichnen, obwohl bereits Helmut Schmidt am Ende seiner kurzen Amtszeit schmerzlich erfahren durfte, wie die Liberalen ihm mit den Lambsdorff-Papieren in den Rücken fielen, Herr Kohl dies schnell umsetzte, kaum an die Macht gekommen. Schmidts Anmahnung zur „Hinwendung einer Ellenbogengesellschaft“ wurde schlichtweg ignoriert.

Dieselbe Kaltschnäuzigkeit wie Kohl legte der sozialdemokratische Hoffnungsträger Gerhard Schröder mit der ins Leben gerufenen Agenda 2010 an den Tag, auch wenn Oscar Lafontaine zuvor wenigstens die Beschränkung des Kündigungsschutzes in kleinen Betrieben revidieren ließ, zumindest wurde die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall für die ersten sechs Wochen gesetzlich verankert. Danach durfte Lafontaine seinen Hut nehmen, weil Schröder dem Druck der Wirtschaft nachgab. Es folgte der tragischste soziale Einschnitt mit den Hartz-IV-Gesetzen.

Gesundheitsreformen und Steuergeschenke für Wohlhabende

Die Lawine von Erlassen, Vergünstigungen, die in Steuergeschenken und Spekulationsblasen mündete, ließ sich nicht mehr aufhalten, Schröder hatte ganze Arbeit geleistet, was Kohl zuvor begonnen hatte, setzte das Rot-Grüne-Regierungsbündnis einfach fort. Bei den Gesundheitsreformen lag der Fokus auf Einsparungen zu Lasten der Bürger, der Abbau ganzer Hospitäler, Privatisierungen riefen Lobbyisten auf den Plan, die nur noch Gewinnmaximierung sich auf die Fahnen schrieben, rücksichtslos, menschenverachtend.

Parallel dazu gönnt sich bis heute auch unter Angela Merkel diese Große Koalition höhere Diäten, während Rentner verarmen, der Niedriglohnsektor weiter ausgebaut wird, Mindestlöhne keine gesicherte Existenz gewähren. In der Corona-Krise fällt den Regierenden nichts Besseres ein, als erneut Unternehmer zu begünstigen, damit Belegschaften am Rande der Erschöpfung „ihren Dienst“ tun. Von einer sozialen Ausgewogenheit kann daher gar keine Rede mehr sein. Woran scheiterten stets Hochkulturen? An der Diskrepanz zwischen Überreichtum und sozialer Not.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Soziales

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Ayelet Shachars „Shifting Border“ in der Corona-Krise

Überwachung hat einen dramatischen Preis

Selbstverständlich zählt der Schutz unserer Gesundheit zu den wichtigsten Errungenschaften der zivilisierten Welt, auch wenn vielerorts die Politik tatsächlich versagt hat, wie man unschwer gerade während der Corona-Krise feststellen muß. Dennoch ein Grund mehr mit Nachdruck verantwortliche Regierende an ihren Auftrag zu appellieren, sich für Menschen einzusetzen, statt sie unnötig zu belasten.

Ayelet Shachar, Direktorin am Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften in Göttingen, hat jüngst einen interessanten Artikel, Grenzen in Zeiten von Covid-19, verfaßt, der sich mit den Folgen gezielter Maßnahmen seitens politischer Entscheidungen auseinandersetzt. Grenzen dicht machen aus der Distanz, ein Trend seit den Anschlägen vom 11. September, wie sie beschreibt.

Science-Fiction-Horror-Szenarien oder dringend notwendige Maßnahmen?

Irgendwo zwischen jenen beiden Gesichtspunkten liegt die Realität. Beim Lesen von Ayelet Shachars ausführlicher Beschreibung, was da seit etlichen Jahren oftmals im Hintergrund beschlossen und umgesetzt wurde, gewinnt man den Eindruck, daß zwar einerseits jene Regelungen, Gebote und Gesetze dem Schutz vor Terror oder wie jetzt unserer Gesundheit dienen sollen als Vorsichtsmaßnahmen, andererseits erhalten Staaten wirksame Mittel einer umfassenden Überwachung.

Werden hierbei etwa mühsam errungene Bürger- und Freiheitsrechte klammheimlich ausgehebelt? In den USA soll bereits vorgeschlagen worden sein, dem Generalstaatsanwalt die Befugnis zu erteilen, die obersten Richter des Landes zu ermächtigen, Gerichtsverfahren zu unterbrechen und Personen ohne Gerichtsverfahren auf unbestimmte Zeit in Haft zu nehmen. Notstandsbefugnisse in der Corona-Krise stehen einer Mobilitätsüberwachung gegenüber, wie sie zu Recht anführt.

Totalitäre Staaten bedienen sich bereits

Was absehbar sein sollte, wer nicht allzu blauäugig deren Verhalten unterschätzt. Ungarn geriet dadurch in den Fokus der Kritik, weil jetzt Premierminister Orbán ohne Parlament regieren darf.

Was im Kleinen plötzlich geschieht, hat sich die EU längst selbst zu Nutze gemacht mit dem Forschungsprojekt iBorderCtrl, welches man ohne weiteres auch als einen „Video-Lügendetekor“ für Reisende bezeichnen sollte. Patrick Breyer, der im EU-Parlament für die Piratenpartei Deutschland sitzt, verklagt die EU-Kommission wegen Geheimhaltung des Projekts.  Die Agentur soll vor Gericht inzwischen zugegeben haben, daß sie nicht geprüft hat, „ob der Gegenstand und die Methoden des Projekts in der Wissenschaft anerkannt sind.“

Es liegt insofern an uns allen, ob wie trotz Corona-Krise Politiker sehr genau beobachten und rechtzeitig Mißstände anmahnen, bevor autoritäre Maßnahmen unser Leben bestimmen.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Quergedachtes

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Gewissenlose Zeiten

In allen gewissenlosen Zeiten
Lügen, Betrügereien sich verbreiten,
Fakenews sie heute auch heißen,
Blender zuhauf darauf herum beißen,
verzehren sich schmachtend nach ihnen,
wie nach alkoholgefüllten Pralinen,
Fröhnen nach Sucht in kleinen Schüben,
Wiederholungen lassen so sich einüben,
Mantra ähnliche Sprüche
untermalen Untergangsflüche
für die verrohte, verdorbene Welt,
eine bewährte Art zu scheffeln Geld,
schließlich ist dies eine Aufopferung,
zu erfinden heuchlerische Verdummung,
die braucht man nämlich allenthalben,
um sich mit der braunen Brühe einzusalben,
um unter dem Moder der Einfältigkeit,
sie dient als Uniform der Gemeinsamkeit,
ihr Publikum in die Irre zu führen,
der vortreffliche Platz jede Art von Allüren,
im Labyrinth der Gehirnlosigkeit
sind schließlich alle von Gesetzen befreit,
ihre beschissenen Charaktere feiern zu lassen,
von verschwörungsliebenden Massen.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Gedichte

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Im Kindergartenalter die Welt im Spiel ohne Belehrung entdecken

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Zu früh Konkurrenzdenken vermitteln?

In manchen Köpfen spukt die Gewißheit, daß bereits nach einem halben Jahr, eventuell gar noch früher, ihre Kinder in die Hände einer Kinderkrippe oder einer Tagesmutter gut versorgt sich weiterentwickeln dürfen, während Mama und Papa berufsbedingt das nötige Geld heranschaffen, die eigene Karriereleiter erklimmen. Man mag dies gutheißen oder aber ein wenig streng sich ins Gewissen reden und es einfach lassen, um den eigenen Sprößlingen die äußerst wichtige Nestwärme, die Elternliebe ganztags zu gönnen.

Drei Jahre nach der Geburt sprechen wir dann vom allgemein definierten Kindergartenalter, bis die Schulzeit ihren Anfang nimmt. Unter Gleichgesinnten für ein paar Stunden dem Elternhaus entfleucht die Welt im Spiel ohne Belehrung entdecken – was kann es schöneres geben? Doch inwieweit gestaltet sich der eigentliche Alltag in Kindergärten?

Das Abnicken zugunsten einer herzlosen Leistungsgesellschaft

Früh übt sich. Diesem Gedankengang gehorchen all jene, die meinen, sich einer herzlosen Leistungsgesellschaft unterordnen zu müssen. Es wird sich nach den Vorgaben eines gnadenlosen Konkurrenzkampfes in der Wirtschaft gerichtet, das gesamte Berufsleben von der Lehre bis zum Manager oder Chefsessel der eigenen Firma, vom gutbezahlten Pöstchen bis zum Berufsschullehrer selbst – das Diktat einer erfolgsorientierten Berufswelt bestimmt das Miteinander, wo Verlierer auf der Strecke bleiben, Sieger sich ihren Platz erkämpfen.

Was kann da besser fruchten, als möglichst früh die heranwachsenden Menschenleben zu trimmen, um bestens vorbereitet ihnen Wege anzubieten. Das „Ländle“ wollte seiner Rolle gerecht werden, denken wir an die fragwürdige Pisa-Studie, Bildung frühzeitig fördern mit einem Bildungsplan auch für den Kindergarten. Auf den ersten Blick wirkt es positiv, obwohl der kritische Betrachter bereits ins Stutzen gerät, wenn schon gleich zu Beginn der Hinweis folgt, Freude am Spielen stehe nach wie vor im Mittelpunkt. Anlaß genug, dem Spielen mehr Beachtung zu schenken.

Nicht lernen ist angesagt, sondern das Spielen selbst

Albert Einstein formulierte nicht zufällig nur aus seiner Sicht, daß Spielen die höchste Form der Forschung sei, sondern das bestätigen all jene, die nicht gleich den Vorgaben einer bildungspolitischen Konzeption erliegen, die den Menschen möglichst früh in die Welt des Konkurrenzdenkens heranführen möchte, wenn auch im Gewande einer angeblich fundierten Pädagogik. Diese ordnet sich einfach dem Wirtschaftsdiktat unter, welches entsprechende Weichen stellt, nach dem sich alles zu richten hat.

Kein geringerer als Salman Ansari, der deutlich mit dazu beitrug, in der Odenwaldschule „aufzuräumen“, der sagte, wie es dort war, meldete sich zu Wort, indem er Frühförderung anprangerte. Wenn Ansari in einem Interview antwortete: „Ich möchte, dass die Kinder selbst eine Art Lösungsweg finden und nicht einfach nur Wissen anhäufen.“, dann entspricht dies exakt der Auffassung, ihnen viel eher Raum für Phantasie zu überlassen, der ohnehin in einer Welt der Reizüberflutung verlorengeht. Und schon befinden wir uns erneut beim Spielen, selbst dem freien Spielen zuviel Bedeutung beizumessen, kann genauso verkehrt sein wie die ganze Palette anspruchsvoller Spiele. Es kommt hierbei darauf an, allen Bedürfnissen der Kinder gerecht zu werden. Sicherlich keine leichte Aufgabe, wenn man bedenkt, welchen Einflüssen sie in einer Welt des TVs und Internets ausgesetzt sind, zumal dabei ein hohes Maß an Passivität vermittelt sowie Vorprogrammierung zu Übergewicht und späterem Suchtverhalten dadurch begünstigt wird.

In anderen Worten, gerade das freie Spielen, in dem Kinder selbst bestimmen, eben nicht irgend einem Programmablauf  folgend agieren dürfen, sollte einen höheren Stellenwert erhalten – gönnen wir es ihnen. Diese drei bis vier Jahre Kindergarten sollten niemals als Schulvorbereitung interpretiert werden, ganz besonders deshalb, weil das Schulsystem selbst ohnehin grundlegend erneuert werden müßte!

Wie sagte schon Jacques-Yves Cousteau so zutreffend: „Spielen ist eine Tätigkeit, die man gar nicht ernst genug nehmen kann.“

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gesellschaft

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Schön

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Schön,
liegt dem Wort
nicht etwas verläßliches,
einfaches, schlichtes,
und doch eine Größe
ohne in Fantasterei
auszuarten, inne?

Schön,
ohne Schnörkel,
dennoch mit Makel,
dem Makel
der Unvollkommenheit,
kein Anhaften
von Preziosität,
würde nicht
jeder Zusatz
das Schöne
in Frage stellen,
braucht schön
einen Beweis?

Schön,
daß es dich gibt.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Gedichte

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Türkei offenbart sich weiterhin als faschistische Republik

Helin Böleks Tod durch Hungerstreik unterstreicht berechtigte Kritik

Ein Staat, der sich einem Alleinherrscher unterwirft, die Pressefreiheit stetig untergräbt, willkürlich Kritiker einsperrt, foltert und gar ermorden läßt, Länder militärisch überfällt, den IS unterstützt, der muß sich den Vorwurf gefallen lassen, als Polizeistaat bezeichnet zu werden, den man obendrein als faschistische Republik werten muß.

Das Fatale daran, der demokratisch geprägte Westen schaut einfach zu und läßt diesen Recep Tayyip Erdoğan nonchalant gewähren, trifft sich auf allen möglichen internationalen Treffen mit ihm, verkauft ihm gar Waffensysteme, ohne irgendwelche Konsequenzen. Nun ist die Sängerin Helin Bölek als Mitglied der türkischen Folkband Grup Yorum nach Hungerstreik gestorben.

Folkmusik ein moderates Ventil kritischer Stimmen

Was vor rund 33 Jahren im Jahre 1987 begann, die Gründung der türkischen Folkband Grup Yorum, hat selbstverständlich von Beginn an eine politische Initialzündung: den Antifaschismus. Den mußten wir in Südamerikas Chile durchleben, daher ihr Vorbild der chilenischen Folklore-Band Inti-Illimani galt als auch dem türkischen Musiker und Opernsänger Mehmet Ruhi Su, der in der Türkei selbst unter der Militärdiktatur Auftrittsverbote hatte, seine Musik im Land nicht verkauft wurde.

Kritik unerwünscht in restriktiven Staaten, somit auch in der Republik Türkei unter Erdoğan, wir erinnern uns an den Journalisten Denis Yücel, der am Ende doch noch freigelassen wurde, während die Türkei gewissenlos auf weltpolitischem Parkett schachert. Daran hat sich bis heute nichts geändert, für die Menschen im Land bleibt es gefährlich bei kritischen Äußerungen.

Angeblicher Linksterrorismus willkommene Gelegenheit

Um die Band und auch andere kritische Stimmen einzuschüchtern, einzusperren oder den Hungerstreik, der zum Tod von Helin Bölek führte, billigend in Kauf zu nehmen. Dabei hat die Band es gar nicht nötig, tatsächlich Terror anzuwenden oder sich mit Terroristen auszutauschen, zu bekannt sie nun mal im Lande ist.

Das Wesen des Faschismus duldet keinerlei Widerspruch, selbst wenn nach außen hin Parlamentarismus in jener Republik die Weltöffentlichkeit täuschen will. Das sollte inzwischen längst bekannt sein. Aber solange eine schweigende Mehrheit dies duldet, fühlen sich solche Herrscher beflügelt, einfach ihren Kurs fortzufahren. Die traurige Zahl der Opfer mag ein Mahnmal darstellen. Mit Demokratie hat das nichts zu tun, schon gleich gar nicht mit der UN-Charta der Menschenrechte.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Proteste und Widerstände

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