Zu viele offene Fragen zur Leipzig-Silvesternacht

Demokratische DNA hat ein Recht auf Aufklärung

In Sachsen wird weiterhin mit zweierlei Maß gemessen, zum einen dürfen sich Rechtsextreme vollkommen straffrei ziemlich viel erlauben, während bei sogenannten Linken unverhältnismäßig hart seitens deutscher Ordnungsmacht durchgegriffen wird. Genauso wie in der Silvesternacht im Leipziger Stadtteil Connewitz geschehen. Laut Augenzeugen aus dem linken Spektrum trat dort die Polizei äußerst offensiv auf, es gab etliche Verletzungen auf beiden Seiten, wobei die Polizei selbst maßlos übertrieb, ein Kollege angeblich schwer verletzt worden sei.

Im Nachhinein stellte sich allerdings heraus, daß es eben nicht wie behauptet eine „Notoperation“ gegeben habe, sondern der betroffene Polizist lokal betäubt an dessen Ohrmuschel behandelt wurde. Völlig zu Recht hinterfragte die SPD-Vorsitzende Saskia Esken die Einsatztaktik der Polizei, diese habe kein Recht darauf, angebetet zu werden, wie Mely Kiyak in der Zeit in ihrer Kolumne zum Besten gibt.

Eins auf die Fresse kriegen Fahnenhisser von Reichskriegsflaggen in Connewitz

Wie die Kolumnistin in ihrem Artikel anmerkt, da in anderen Stadtteilen von Leipzig wohl eher Rechtsextreme dominieren. Ein Fingerzeig dessen, was weiterhin im Herzen Sachsens wohl verkehrt läuft, aber auch in etlichen anderen Städten sowohl im Osten als auch im Westen, die Zunahme jenes Rechtsextremismus, dem Deutschland zu viel Freiraum gewährt, was ganz offensichtlich überhaupt nicht guttut.

Von einem offenem Bürgerkrieg sind wir noch weit entfernt, aber angesichts eines solchen Verhaltens, wie die Polizei in Leipzig an den Tag in jener Silvesternacht legte, darf und muß man solche Überlegungen und Befürchtungen auch mal anführen. Parallelen zur deutschen Geschichte vor über 80 Jahren werden immer offenkundiger, während Berlins Regierung tatenlos dies geschehen läßt.

Gegenseitige Kontrolle ein Garant – AfD untergräbt rechtsstaatliche Mittel

Wer fortwährend mit Fakenews und Politikschelte hausieren geht, gleichzeitig die eigene Meinungsfreiheit mit Haßparolen verwechselt, wie die Neue Rechte dies schon seit längerem für sich in Anspruch nimmt, allen voran jene politisch etablierte AfD, darf sich nicht wundern, wenn ihnen der Vorwurf entgegenweht, sie würden rechtsstaatliche Mittel untergraben. Dazu gehört eben eine gegenseitige Kontrolle, wie auch Saskia Esken dies einfordert. Dem AfD-Politiker Georg Pazderski fällt nichts besseres ein, als ihre Aussagen „infam und hinterfotzig“ zu bezeichnen.

Insofern kann man auch Mely Kiyak nur zustimmen, die Polizei hat erneut versagt, man muß dieser unterstellen, daß da ein großer Vertrauensverlust entstanden ist angesichts der unübersehbaren Falschdarstellungen. Spätestens politisch Verantwortliche haben jetzt noch die Möglichkeit, per Untersuchungsausschuß ihrer Pflicht nachzukommen. Verpassen sie das, obsiegt weiterhin ein einkalkulierter, sich austobender Rechtsextremismus in diesem Lande.

Lotar Martin Kamm

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Buddelbaum oder warum es nachts Tränen regnet

Sie war nicht das einzige Anhängsel, daß an diesem Nachmittag von den älteren Geschwistern beaufsichtigt werden sollte, wie ihr eigener Augapfel, das so viel bedeutete, rühr‘ dich nicht von der Stelle, sind gleich wieder da, sonst nehmen wir dich nie wieder mit. Da sie mitgenommen werden wollte, anstatt bei Mutter zu Hause zu bleiben, bis die Geschwister wieder greifbar sein würden, um sie für sich zu vereinnahmen, blieb sie brav auf der Decke sitzen und gehorchte, auch wenn es ihr nicht paßte. Rings um sie herum sprangen Kinder allen Alters von ihren Plätzen ins Wasser oder kamen triefend naß kurz zurück, um nach dem Rechten zu sehen, sprich nach den alleingelassenen Geschwistern, die wie Frederike still dem Treiben zusahen, mitunter dadurch so beschäftigt, daß sie im Nachhinein nicht hätten sagen können, ob überhaupt die Geschwister wirklich zwischendurch anwesend waren.

Zwei Decken neben ihr schniefte ein rotblondes Mädchen leise vor sich hin. Frederike schielte immer wieder zu ihr herüber. Die Geschwister, zwei Jungs, etwa so groß wie ihre Schwester Gisela, sind ständig abwechselnd bei ihr und setzen ihr immer wieder eine rote Mütze mit welligen Rand auf, die das Mädchen, sobald sie sich unbeobachtet fühlt, abzieht und von der Decke wirft. Frederike hätte sich liebend gern diese Mütze, genau diese rote Mütze mit welligem Rand, aufgesetzt. Nur kurz. Kurz hätte ausgereicht, zu wissen, ich fühle mich mit dieser roten Mütze mit welligem Rand wohl, das spürte Frederike, weil sie in Gedanken schon mehrmals mit der Mütze durch den Garten lief, die Katzen vor ihr davonliefen, und wie Benny sie schwanzwedelnd begrüßte, um sofort danach den Katzen hinterherzujagen.

Sie robbte, vielmehr setzte sich Stück um Stück näher an die Wurfstelle der Mütze, ließ sich dafür viel Zeit, schließlich galt es, den richtigen Zeitpunkt abzupassen, an dem eine ihrer Schwestern hier waren, alles in Ordnung vorfand und dem neuerlichen Wurf des Mädchens. Und als ob es lange einstudiert geworden wäre, saß sie punktgenau an der Stelle, an dem die rote Mütze mit dem welligen Rand auf ihren Schoß fiel. Sie mußte die Mütze nur noch aufsetzen. Anstatt des erwarteten Gefühls des absoluten perfekten Wohlergehens und der erträumten Freude mit der Mütze im Garten zu toben, empfand sie die rote Mütze mit dem gewellten Rand, als hätte ihr jemand eine schwere Holzkiste auf den Kopf gesetzt, das lag nicht an der roten Mütze mit dem welligen Rand oder ihrer Fehleinschätzung, es war das Lächeln des Mädchens, das ihr den erwünschten Augenblick verdarb.

„Buddelbaum! Buddelbaum!“, fast klang es wie der Refrain eines Liedes, dennoch schien es eher eine Aufforderung zu sein, denn das Mädchen bewegte mit jeder Silbe des Wortes ihre Handgelenke, würde sie die Hände aneinander halten, anstatt von ihrem Körper entfernt, könnte man meinen, sie stricke Socken wie Tante Resi, wenn sie zum Kaffeeplausch kam, und weil sie so viel zu erzählen hat, immer, darf ich nur kurz am Küchentisch sitzenbleiben, bis Mama uns nach draußen oder nach oben schickt, und wehe ich erwisch‘ euch beim Lauschen, Frederike schüttelte den Kopf über diese für sie ungerechte Behandlung seitens ihrer Mutter und verzog das Gesicht, schließlich war sie gerade traurig, und zu allem Übel war das Mädchen zu ihr gekommen und legte ihr die rote Mütze mit dem welligen Rand auf den Kopf. Buddelbaum, Buddelbaum.

Verunsichert sah sich Frederike um, keiner der Badegäste, die sich auf ihren Decken und Liegen in der Sonne räkelten, interessierte sich für sie und das Mädchen, kein Blick streifte sie. Aus den Augenwinkeln meinte sie Dorothea zu erkennen, die gerade lustlos aus dem Wasser stieg, um ihrer Pflicht nachzukommen, die kleine Schwester zu bewachen. Frederike ergriff die Hand des Mädchens, das immer noch von Buddelbaum redete und lief mit ihr hinter die Hecke, die die beiden Tischtennisplatten umsäumten, dort duckten sie sich, wie untereinander abgesprochen, verschwörerisch lachten sie sich an.

Der Mann, der auf dem Bahnhofsvorplatz auf einer Decke saß, vor sich einen Plastikbecher mit einigen Münzen darin, neben ihm eine wißbegierige Hündin, Ella war auf einem Schild an ihrem Halsband zu lesen, blickte jetzt weniger verwundert und skeptisch, seit Leonore anfing, von ihrem Schreibblock abzulesen, er schien anzufangen, sich zu amüsieren, um seine Mundwinkel und Augen bildeten sich Lachfältchen. Frederike hat sich nicht getäuscht, da war Leonore jetzt sicher, reichte ihr den Block, hörte ihrer Freundin zu und las im Gesicht des Mannes auch ihre Erinnerung.

Ob aus schlechtem Gewissen, weil sie ihren Platz verlassen hatte oder weil sie sich mit dem Kind hinter den Büschen versteckt hielt, jedenfalls war Frederike plötzlich klar, sie hatte etwas falsch gemacht, anstatt sich aber der Schwester zu zeigen, zog sie das Mädchen zum Eingangsbereich, gab ihr Zeichen, nichts zu sagen, indem sie ihre freie Hand an den Mund hielt, und beide entwischten aus dem Freibad, sie bückten unter dem Kassiererfenster nach draußen. Zuerst noch geschützt durch das Gebäude schlichen sie hinter abgestellten Fahrrädern und weiter an den geparkten Autos vorbei, ohne wirkliches Ziel vor Augen.

Etwas abseits der Strecke zum Freibad, das wußte Frederike, lagen Gärten, die gepachtet werden konnten, Ihre Eltern sprachen oft davon, hofften sie doch, daß so eine Gartenparzelle irgendwann, wenn die Kinder noch klein sind, selbst beackern zu können. Daran erinnerte sich Frederike und daran, daß dort jetzt in der Sommerhitze niemand sein würde, sie also ungestört überlegen könnte, und vielleicht könnten sie auch ein paar Himbeeren, Erdbeeren essen, die noch nicht abgeerntet worden waren.

„Hast du Hunger, Durst?“, fragte sie das Mädchen, deren Name sie nicht wußte, ihr fiel ein, bis jetzt nur Buddelbaum von ihr gehört zu haben. „Wie heißt du? Ich bin Frederike“, lächelte sie und sah in ein ernstes, scheues Gesicht, das sich sofort wieder abdrehte und auf einen Mann stierte, der hinter einem Holzzaun sich gerade aufrichtete.

„Ja, wen haben wir denn da? Wollt ihr ein paar von diesen leckeren Beeren“, er streckte ihnen über den Zaun eine Hand hin, in der rote Johannisbeeren leuchteten.

Tränen rannen über seine Wangen, und Ella kroch näher an ihr Herrchen heran.

„Ich hätte das nicht machen sollen“, unterbrach er mit erstickter Stimme die vorlesende Frederike.

„Nein, nein, nun ja, daß du die rote Mütze in den See geworfen hast, weil sie durchsuppt war von dem Beerensaft, das hättest du, ich darf doch wieder du zu dir sagen, das war nicht ganz richtig, das hat denen einen noch riesigeren Schrecken eingejagt. Irgendwie haben Frederike und ich immer gehofft, dich wieder zu sehen, als sie mich vor zwei Tagen anrief und meinte, sie hätte dich gefunden, diesmal tausendprozentig sicher, du kannst dir nicht vorstellen, wen wir schon alles verdächtigt haben, Ludwig zu sein, der Ludwig, der uns, weil es spät geworden war, zu seinem Nachtlager mitnahm, uns Geschichten erzählte…“ Leonore umarmte den alten Mann vorsichtig, denn Ella warf ihr einen „Wage nicht, ihm weh zu tun-Blick“ zu.

„Von der fliegenden Katze, die nur pinkeln konnte, wenn sie über Bäume flog, dem verschnupften Rotkehlchen, das in Wirklichkeit ein Papierkügelchen in der Nase hatte, der schwimmenden Sau, die ständig die Enten auf der Flußinsel besucht, vom Elefanten, der es liebte, einen Hügel runter zu rutschen, über die Streitigkeiten der Sterne, weil eine heller als die andere strahlen wollte, deshalb fing die Nacht Wolken ein, damit sie im Dunkeln die Sterne bedecken, deshalb regnet es nachts Tränen, statt Wassertropfen, fand ich am schönsten, als wir in eine warme Decke gehüllt mit dir den Nachthimmel erleben durften. Wir erzählten uns die Geschichten immer wieder, nichts davon wollten wir je vergessen. Du warst unser Zimmermann auf Wanderschaft“, fuhr Frederike fort.

„Geselle, habe das Wandern irgendwann zu meinem Beruf gemacht, wie ihr seht. Aber es war falsch, euch beide nicht sofort nach Hause gebracht zu haben, das werfe ich mir bis heute vor“, Ludwigs Gesicht war feucht vom vielen Tränen und ständigen Abwischen mit seinem Jackenärmel.

„Ja, schon, dennoch…“, Leonore suchte nach Worten.

„Wir hätten ja auch schreien können, schließlich hörten wir in der Ferne, daß nach uns gerufen wurde“, kam ihr Frederike zu Hilfe.

„Das Ganze ist mehr als zwanzig Jahre her, oder? Ich hätte euch niemals mehr wieder erkannt. Dachte lange Zeit, irgendwann schnappen sie mich, wegen Kindesraub. Nie hat aber auch nur einer mich mit der Sache in Verbindung gebracht. In den Zeitungen stand, es war ein alter kleiner Mann mit Glatze, der zwei Mädchen entführt hatte“.

„Wir waren uns einig zu lügen, noch bevor du uns am nächsten Morgen in der Nähe der Polizeiwache aufgefordert hast, dort reinzugehen.“

„Frederike war immer überzeugt, irgendwann und irgendwie würden wir dich treffen und voilà, hier sind wir. Und ich habe jetzt fürchterlichen Durst.“

„Gibt es hier irgendwo ein Café oder Restaurant, wir laden dich ein, Ludwig.“

„In der Fußgängerzone ist ein Eiscafé, gleich zu Beginn. Sag mal, kennt ihr euch hier nicht aus, wohnt nicht hier?“

„Frederike ist ständig auf Achse, recherchiert für ihre Bücher, schreibt über Städte, Hotels, etc., ich wohne immer noch in Hagspüren, hab Mann und ein kleines Baby.“

„Leonore ist Heimchen am Herd, übt immer noch Buddelbaum.“

„Hör auf mich zu foppen!“

„Wenn‘s doch wahr ist, du kannst es immer noch nicht.“

„Ich trag deine Tasche. Muß Ella an die Leine?“

„Du kannst immer noch keinen Purzelbaum?“

„Nicht so richtig und schon gar nicht, wenn ich dabei die Mütze nicht verlieren soll.“

„Ihre Brüder haben ihr das vor langer Zeit nachgesehen, seit sie bemerkt haben, eine kleine Schwester zu haben, ist vorteilhaft, wenn man Mädchen kennenlernen will.“

„Buddelbaum mit Mütze, sowas kann nur Kindern einfallen“, murmelte Ludwig.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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Verstaubt, ergraut, erlaubt

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Verbissen gelangweilt dreingeschaut,
Nachbars Jungen mal soeben verhaut.
Solch Erzählung schlichtweg geklaut,
so was man sich auch traut.
Ne Type, ganz toll gebaut,
keineswegs wirklich versaut,
stimmgewaltig und somit laut.
Nach seinem Auftritt wächst kein Kraut,
eine gewisse Gegenwut sich aufstaut.
Ein Kätzchen im Hof versteckt miaut,
schwarz-weiß gestreift, nur noch Knochen und Haut.
Frühling noch weit weg, eh alles taut,
aus der Kirche tritt eine stolze Braut.
Sie hat noch an Liebe geglaubt,
ihrem neuen Mann vertraut.
Der war in seiner Jugend ein Scout,
einerlei und überhaupt,
wird beiden schon bald Zeit geklaut.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gedichte

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Adele, Hermine

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Adele, dabei strich ihre Hand über meinen Kopf, leicht, geistesabwesend, so als wollte sie, man merkte es nicht, fortwischen, was sie nicht ausgesprochen, und doch haftete die Berührung auf mir, lange, manchmal abends im Bett noch oder plötzlich beim Spiel wie ein Lufthauch, der sich in meinen Haaren verfangen hatte, ein Gewicht, welches Gewicht, hatte sie mir abgegeben und erneuerte diese verwehte Schwere immer wieder, wenn ich sie traf.

Ein wenig unheimlich war sie mir, die Hermine, Hermine Walters, geborene Schilling, ihr Haus stand an der Wegstrecke zu Hollersgarten, damals eine Anhöhe umgeben von Gestrüpp, Sträuchern und hangabwärts Baulingen zu, bewachsen mit Holunderbüschen, heute steht dort oben ein Kiosk, Tische und Bänke, sogar ein Fernrohr, der Ausflüglern Erfrischungen anbietet. Zu meiner Kindheit hielten sich dort oben nur die heimlich Verliebten auf, aber nur die, deren Liebe nicht erlaubt ist, und im Frühjahr die Holunderblütensammler, und im Herbst die Holunderbeerensammler. Die waren auch Schuld, daß sich die Huberta vor den Zug warf, als im Dorf geschwätzt wurde, sie würde es mit Tristan Kolbe dort oben treiben, das wußte bei uns jedes Kind im Dorf, obwohl es lange vor meiner Geburt passiert war, und es wurde gemunkelt, Hermine hätte ihre Schwester bei diesen verbotenen Treffen stets Wache geschoben.

Die Schillings hatten auf ihrem Grundstück ein Blumenparadies, nicht nur für ihre Rosen waren sie weithin bekannt, in den Gewächshäusern blühten die verschiedensten exotischen Pflanzen, sie belieferten Kirchen, reiche Geschäftsleute und auf fast jedem Friedhof im Umkreis standen ihre Blumen auf den Gräbern. Hermine hatte nicht das glückliche Händchen mit Pflanzen wie ihre Eltern, und so kam es, daß mit ihrem Tod erst die Freilandblumen verschwanden, später auch die Gewächshäuser, die rund um das Haus standen. Hermines Mann in jeder Hinsicht kein Feinfühliger, so jedenfalls die Meinung der Dörfler, baute abseits der früheren Blumenbeete Gemüse an, und nur Gemüse. Blumen schienen ihm ein Greuel, Hermine fügte sich, anfangs aus Liebe, später wohl aus Ängsten, die, das meinten einige zu wissen, aus dem schlechten Gewissen bestand, ihre Schwester nicht vom schlechten Weg der Sünde abgehalten zu haben.

Täglich rannte sie vor dem Frühstück zur Frühmesse, überhaupt zu jeder Andacht, das war auch der Grund, warum jeder im Dorf ihr so oft über den Weg lief. Und sie lief ins Dorf, weil sie anstatt Mehl Zucker gekauft hatte, mal Waschpulver anstatt Brot besorgte, den Geldbeutel vergessen hatte, mal in Hausschuhen, Lockenwickler im Haar, mal mit, mal ohne Schürze, nicht zu erwähnen, die vielen Male, die ich sie sah, nur mit einer Bluse und leichtem Jäckchen gekleidet und das mitten im Winter. Vermutlich, nein, sehr wahrscheinlich waren dies die Gründe, warum aus der lebhaften, frechen Hermine, die sie wohl als Kind gewesen war, laut meiner Mutter, eine Hermine wurde, der Schusseligkeit und seitens ihres Mannes Schlampigkeit vorgeworfen wurde. Ich weiß aber, sie war nicht schlampig, nie habe ich sie schmutzig gesehen, und die wenigen Male zwar, die ich bei ihr im Haus war, weil sie mir unbedingt Bonbons, oh, es sind keine mehr da, aber ein Stückchen Schokolade magst du wohl, oder, ich habe ganz vergessen, und schon drückte sie mir ein paar Pfennige in die Hand, da, mußt die selbst kaufen.

„Adele, bleib ein liebes Kind, du“, sagte sie immer zum Abschied, und ihre Hand legte sich kurz auf meinem Kopf, verträumt, geistesabwesend und doch so bemerkbar, als hätte sie mir Gewichte aufgelegt, welche Gewichte. Ausgefragt hat sie mich, wenn wir uns trafen, egal ob ich mit Mutter, Geschwister oder Freundinnen unterwegs war, sind alle gesund zu Hause, bald kommst in die Schule, freust dich schon, hast deine Hausaufgaben heut‘ schon fertig, hab gehört, du kannst jetzt schwimmen, aber am Weiher, da paßt du auf, ja, versprich’s, hat die Gerda den Führerschein, meinte, ich hätte sie fahren sehen, ist euer Besuch wieder abgereist, Adele, du, und ihre Hand fuhr sanft und verträumt über meine Haare. Bestrich mich mit ihrem Gewicht, mit Adele, mit Abschied, der auf meinem Kopf blieb, Gewicht, das kein Wind aus den Haaren fegen, kein Wasser je abspülen kann, das bleibt und bleibt, auf immer „Adele, Hermine“.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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Taimane Gardner – eine Ukulele-Virtuosin mit ganzem Körpereinsatz

Musikalisch mit Bach, Led Zeppelin und eigenen Kompositionen unterwegs

Um zu wissen, wie die gitarrenähnliche Ukulele entstand, vorneweg eine kurze Beschreibung. Ihre musikalische Entwicklung begann mit der Braguinha, eine aus Portugal stammende kleine Gitarrenform, die der portugiesische Einwanderer João Fernandez über Madeira nach Hawaii brachte, wo somit das Instrument seinen Namen, hüpfender Floh, bekannt als Ukulele erhielt.

Inzwischen hat Taimane Gardner mit ihrer starken Bühnenpräsenz, ihrem Talent die Ukulele weltweit noch bekannter gemacht, mit dafür gesorgt, die Musikwelt zu bereichern, aufzuzeigen, was jene Klänge im perfekten Zusammenspiel anderer uns Zuhörern gönnen mögen.

Ein Diamant ward geboren, auserkoren, um uns zu verzaubern

Denn ihr Vorname Taimane bedeutet vom Samoanischen ins Deutsche übersetzt schlichtweg Diamant. Die am 13. Februar 1989 in Honolulu (Hawaii) geborene Taimane Gardner ist samoanischer, deutscher, irischer, französischer und schwedischer Abstammung. Bereits als Fünfjährige begann sie die Ukulele zu spielen und wurde als 13-Jährige vom legendären hawaiianischen Popmusiker Don Ho entdeckt und entsprechend gefördert.

Nach dem Schulabschluß auf einer Waldorfschule studierte sie im Kapiolani Community College, veröffentlichte bereits mit 15 ihr erstes Album Loco Princess. Ihr fünftes Album Elemental erschien 2018.

Auch Pierce Brosnan lobte Taimane Gardner

Der ehemalige James Bond-Darsteller Pierce Brosnan hatte sich eine Show mit Taimane Gardner angeschaut und bemerkt, daß sie die Bühne mit ihrer sinnlichen Lebendigkeit und glühendem Talent rocke, das fessele und betöre.

Bilden Sie sich selbst ein Urteil, welch imposantes Talent Menschen in den Bann ziehen vermag, die Ukulele erhält durch Taimane Gardner einen neuen Stellenwert, zugleich auch ihre tollen Interpretationen etlicher bekannter Musiker und Komponisten.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Musik

Carmen / Phantom of the Opera Rehearsal

Beethoven, System of a Down, Led and ACDC Medley

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Sommertage am See

Meine Freundin hätte sie werden können,
wenigstens für die Wochenenden,
an jedem Ferientag zusammenspielen,
Langeweile für uns ein Fremdwort,
redeten, so wie man zu sich selber spricht,
die kommt aus einer Großfamilie,
unsere Beine baumelten nicht nur im See,
zu Entdeckerinnen waren wir geboren,
liebten Planschen, obwohl wir schon acht,
ihre Eltern sind einfache Leute,
fütterten Schwäne, Enten und Möwen,
waren verbunden wie zwei Hälften,
bis zu jenem Sommertag,
wir dürfen uns nicht mehr sehen,
der soziale Stand hat uns zersägt,
Ehrenmänner dafür gesorgt, Ordnung besteht,
neben dem Mercedes standen sie,
zerfetzte Innigkeit,
ins Auto stieg sie, geknickt,
ich schlich zum Brunnen, gebückt,
Fabrikantentochter,
Arbeiterkind,
Segelyachtbesitzer, Dorfhonoratioren,
wir waren Kinder, die Freundschaft pflegten,
eure Freundschaft war und bleibt verlogen.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Gedichte

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Scott Morrisons Australien-Brände sprechen Bände

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Premierminister bezeichnet Klimaaktivisten als „Anarchisten“

Die Parallele zu Donald Trump kann kaum übersehen werden, der doch tatsächlich sagte, sich als Forstexperte aufzuspielen, mit Laubfegen hätten die Waldbrände in Kalifornien verhindert werden können. Im Dezember des letzten Jahres meinte Scott Morrison trotz zunehmender Buschbrände in Australien mit seiner Familie, sich einen Urlaub auf Hawaii zu gönnen.

Beim weiteren Umgang mit Buschbränden kritisieren Feuerwehrleute den australischen Premier scharf, „er habe keine Ahnung“, obendrein würde es ihm an „grundlegender professioneller Höflichkeit“ mangeln, weil die Feuerwehrleute erst durch die Medien erfuhren, daß Morrison 3.000 Reservisten der Armee zur Unterstützung mobilisiert habe.

Wer die Klimakrise herunterspielt, hat keinerlei Verständnis für deutliche Zusammenhänge

Welch typisches Signal, das von jener rechtskonservativen Regierung ausgeht, an deren Spitze Premierminister Scott Morrison seit August 2018 sein Amt ausübt, wobei er zuvor schon als Minister für Einwanderung und Grenzschutz unter seinem Vorvorgänger Tony Abbott wirken durfte, ein Jahr später ausgerechnet als Sozialminister.

Inzwischen regiert er äußert rigide in seiner zweiten Amtszeit, die erste währte nur ein Jahr, weil dessen Vorgänger Malcolm Turnbell zurückgetreten war, per harter Stop-the-boats-Linie mit Einwanderungshaft, verurteilt die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe und bezeichnet Klimaaktivisten kurzerhand als „Anarchisten“. Für ihn gibt es keine Klimakrise, auch negiert er einen Zusammenhang zwischen Buschfeuer und Klimawandel.

Sechsfache Größe des Amazonas-Brandes in Australien vernichtet

Das Ausmaß der Feuerzerstörung in Australien ist als äußerst gigantisch zu bezeichnen. Die Flora und Fauna sei fort, wie der Biologe Professor Andrew Beattie von der Macquarie-Universität nahe Sydney verkündete, eine halbe Milliarde Tiere verenden in Australien. Wer sich angesichts solch dramatischer Folgen hinstellt und weiterhin die Klimakrise herunterspielt, nimmt jede Menge Schuld und Uneinsichtigkeit auf sich. Fraglich, daß ein Mitglied der Pfingstgemeinde wie Herr Scott dies mit seinem Gewissen vereinbaren kann.

Andererseits paßt dies ins Muster all derjenigen, die ganz ähnlich ignorant sich verhalten, denkt man an Bolsonaro oder eben Trump. Mit Blick zu Hochrechnungen einer möglichen Regeneration in Australien schaut es dabei gar nicht gut aus, wenn man die Prognosen des Klimawandels hinzuzieht. Demnach muß man von einem Desaster ausgehen, einer unwiederbringlichen Vernichtung vieler Tier- und Pflanzenarten.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Quergedachtes

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