Leise wächst erneut Faschismus

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In Talkrunden sitzen,
um gesprächig zu schwitzen,
Politik schönreden,
egal was für Fehden,
Hauptsache der Geldhahn tropft,
selbst wenn’s Gehirn verstopft.

Trautes Zusammensein,
niemand wirklich allein,
wenn Haß mal wieder gewinnt,
das Blut in den Adern gerinnt,
Rechtsextremen eine Stimme geben,
soweit ist’s bereits hier eben.

Ablenkung funktioniert ganz gut,
kaum jemmand wirklich auf der Hut,
obwohl die Demokratie in Gefahr,
begrüßt man jene blaune Schar,
der man stetig Vertrauen schenkt,
weil sie viele längst abgelenkt.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gedichte

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Nahezu ein Viertel wählen in Thüringen Nazis

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Ein Armutszeugnis sondergleichen

Prognosen haben etwas bestechend nüchterndes, wo doch in den letzten Wochen vor der Thüringer Landtagswahl oftmals auf jene AfD hingewiesen wurde, der trotz ihres fragwürdigen Hauptkandidaten Björn Höcke wohl erheblicher Stimmenzugewinn bescheinigt worden war. Darüber hinaus war zumindest von einer CDU die Rede, der man in etwa genauso viele Wählerstimmen zutraute.

Doch der große Wahlverlierer ist eben jene CDU in Thüringen, während die rechtspopulistische blaue Partei ihr Ergebnis von 2014 sogar mehr als verdoppeln kann. Das gelingt im übrigen fast den Liberalen, die damit im Plenum wieder teilnehmen dürfen. Die Linke legt zu, während die Grünen gleichwohl Stimmen verlieren, die Sozialdemokraten als zweitgrößte Verliererpartei sich mit Platz vier begnügen muß.

Die Zahlen im Einzelnen

Ministerpräsident Bodo Ramelows erstes Statement am Wahlabend, die Demokratie habe in Thüringen gewonnen, mag sicherlich zutreffen, obwohl eine AfD sich als zweitstärkste Partei siegessicher mit 23,4% glücklich schätzen darf. Die Linke erreichte immerhin mit 31% ein Plus von 2,8% im Vergleich zur letzten Landtagswahl vor fünf Jahren.

Mit Blick zur CDU ist diese als nunmehr drittstärkste Partei zurückgefallen, sie hat die meisten Stimmenverluste mit einem Minus von 11,7%, so daß sie nur noch 21,8% der Wählerstimmen erhielt. Bei der SPD schaut es ebenso mies aus, gerade mal 8,2% , ein Verlust von 4,2%.

Die Grünen konnten keinen Stimmenzuwachs erreichen, verloren gar 0,5%, während die FDP als drittgrößter Wahlgewinner hervorging, mit einem Plus von 2,5% ihr Wahlergebnis aus 2014 exakt verdoppelte, im Parlament wieder dabei sein darf.

Keine regierungsfähige Mehrheit in Thüringen

Dennoch darf Ramelow weiter im Amt regieren, wie die beschlossene Thüringer Verfassung dies vorsieht, er und auf dessen Ersuchen seien die Minister gar verpflichtet, die Geschäfte bis zum Amtsantritt ihrer Nachfolger oder einer Neuwahl fortzuführen, wobei dabei keine Frist explizit genannt wird.

Es dürfte daher im Lande noch manch Ungereimtes geschehen, unabhängig davon, daß jene rechtsradikale Partei dermaßen an Beachtung seitens der Wählerschaft erhalten hat, ein Björn Höcke trotz etlicher Verfehlungen mit Vorschußlorbeeren bestückt agieren darf, wenn auch als größte Oppositionspartei im Landtag. Schlimm genug!

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Politik

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Letztes Grau schlummern

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Sahniges Grau,
aus der Küche Stimmen,
leise flüsternd beginnt der Tag,
Brötchen mit eingeritzten Kreisen,
Backofenlade knarrt,
knisternde Tüte für Papa,
noch Zeit, viel Zeit
zum Wälzen im warmen Bett,
strecken, gähnen, rollen,
Bettvorleger, so weich,
sich drehend unters Bett trollen,
Kälte spürt man da,
sich winden, leicht schwitzen,
Bettvorleger stellt Insel dar,
erklimmen das verlassene Nest,
Decke hielt Nachtinnigkeit fest,
einmummeln,
das letzte Grau schlummern,
Haare werden aus Stirn gestrichen,
Mutter Küßchen wird draufdrücken.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Gedichte

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Verunglimpfung von Greta mit klarem Kontra

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„Falsche Gretas“ auf Facebook unterwegs

Im Zeitalter von Fakenews darf niemand sich wundern, daß gewisse Kräfte alles unternehmen, um sinnvolle Aktionen kleinzureden, schlechtzumachen oder gar zu schädigen. Allen voran zeigt das The Donald drüben in den USA tagaus tagein, wo auch Greta Thunberg sich noch aufhält.

Sie warnte kürzlich vor „falschen Gretas“, die sich als Greta Thunberg auf Facebook ausgeben, um sie selbst zu „vertreten“, eine Möglichkeit für diese, wohl mit Prominenten in Kontakt treten zu können. Dafür hat die echte Greta sich nunmehr entschuldigt, ihre Arbeit zeige aber Wirkung, Aktivismus funktioniere, man sehe sich auf den Straßen. Gut so!

Fridays For Future seit 45 Wochen in Folge aktiv

Aus anfänglich kleiner Bewegung ist inzwischen FFF zur größten weltweiten Jugendprotestbewegung herangewachsen, die weder die Politik noch die Wirtschaft kleinreden oder zu stoppen vermag. Diese haben sich ihr zu stellen, ob es den Herrschaften paßt oder nicht.

Markus Lanz’ Versuch, Luise Neubauer aus der Reserve zu locken bei dessen Talksendung, scheint ihm teilweise gelungen zu sein, zumal „Keine Kinder kriegen für das Klima“ in der Tat grenzwertig sich verhält, das Nachhaken vom Moderator daher nachvollziehbar ist, Utopia zu Recht „Menschenfeindlichkeit“ in diesem Kontext wittert.

Eine friedfertige Beharrlichkeit setzt sich am Ende dennoch durch

Genau das kann und muß man der Bewegung bisherig bescheinigen, selbst wenn die Medienreaktionen zu den Klimaprotesten exemplarisch entlarvend sich geben. Die Klimakrise kommt keineswegs von ungefähr, neben etlichen Wissenschaftlern warnt auch der Wirtschafts- und Sozialphilosoph Jeremy Rifkin vor den Folgen der Erderhitzung, nahm Stellung im Interview, die fossile Ökonomie kollabiere vor unseren Augen. Regierungen seien in der Verantwortung, Infrastrukturen zu schaffen, die Welt auf diese Weise zu revolutionieren, verpassen sie das, würden wir in der Luft hängen.

Aber genau das versucht eindrucksvoll eben FFF mit Nachdruck, inzwischen hat sich einiges merklich verändert trotz erheblich haßerfülltem Gegenwind besonders in rechtsextremen Kreisen. Damit kann die Bewegung umgehen, läßt sich eben nicht beirren.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Meinung

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Wären wir Geschwister geblieben

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Wären wir Geschwister geblieben,
hätten uns Briefe geschrieben,
Freude und Sorgen mitgeteilt,
in Gedanken miteinander verweilt,
würden wir uns wiedererkennen,
anstatt vor Fremden wegzurennen.

Wären wir Geschwister geblieben,
Bruder, Schwester, die sich lieben,
die sich verstehen mit Blinzeln bloß,
keine Entfernung wäre dafür zu groß,
viel Leid uns erspart geblieben wäre
in dieser unser aller Weltenatmosphäre.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Gedichte

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Keine Böcke auf Höcke

Nazis raus aus diesem Land

Was für eine Schand! Da steht der Bernd vor versammeltem Publikum, sei’s drum, hält jedwede Kritiker ohnehin für dumm, um „wohltemperierte Grausamkeit“ zuzulassen, das ist des Deutschen neues Hassen. Wer hat hier wohl im Schrank nicht alle Tassen?

Es blüht der Rassismus erneut völlig ungeniert, wer nicht spurtet, nicht pariert, wird gleichwohl simpelst selektiert. Neue Nazis tummeln sich allüberall, wat für’n dramatischer Fall, die Geschichte wiederholt sich allemal. Nur wahrhaben wollen dette noch immer nicht die allermeisten, worauf die braune Brut tut uff uns scheißen.

Fäkaliensprache macht erst recht keenen Sinn, wir sehen doch, wo das führt hin. Scheinbar gibt’s in diesem Land noch genug Deppen, die kann man völlig easy aufpeppen, auf Haß, auf Wut geeicht, hat man schnell das eigentliche Ziel erreicht: kulturfremde Menschen aus dem Land jagen, sozusagen mit erhoffter Wendephase, ganz im Sinn von Friedrich Hegel, darin liegt der Hase, schlägt bald aus der Pegel, als sei nichts gewesen, wolle man als Zuchtmeister mit starkem Besen den Saustall ausmisten, notfalls per zusammengezimmerte Kisten.

Wieviel Beweise braucht’s denn noch, daß das alles schwer nach Neunazi roch? Während der Bernd mit dem Finger auf uns zeigt, wir alle hätten’s vergeigt, wir seien in Wirklichkeit zu zig Untaten bereit, eine Nazibande, wünscht er sich zu regieren im Lande. Als Führer versteht sich von selbst glockenklar, gefeiert wie damals der Hitler als Star.

Bürgerkrieg ist Höckes Option, das weiß man irgendwie schon. In manch Schubladen schlummern bereits Attentatspläne, wir wissen doch, wo gehobelt, fallen Späne. Nach fast hundert Jahren wiederholt sich der geschichtliche Verlauf erneut hierzulande? Das ist die eigentliche Schande, niemand stoppt wirklich jene Nazi-Bande! Was nützt schon ein Grönemeyer-Appell, wenn am Ende man feuert gar auf Menschen mit Schrapnell.

Dann sind wir mittendrin, dazu führt’s dann hin. Gewalt kennt keine Grenzen, überwindet jeden humanitären Gedanken, was für Turbulenzen, jedwedes Gewissen gerät ins Schwanken. Alle demokratischen Kräfte sind jetzt gefragt, auch was Zauderern plagt, jene Nazis von dannen zu jagen, bevor die haben dann das Sagen!

Den Bernd wollen wir nicht, stellt ihn vors Gericht, sagt’s ihm direkt ins Gesicht. Wer soviel Kreide hat gefressen, den sollten wir möglichst für immer vergessen!

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Satire

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Kilians Weg

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„Bin gleich wieder da“, rief Kilian durch den Flur, kurz bevor die Haustür hinter ihm ins Schloß fiel. Damit konnte er sicher sein, egal was seine Mutter ihm nachrufen wird, er kann es nicht hören. Weder ihre Mahnung, aber der Zug fährt doch gleich, noch kann sie Markus hinter ihm herschicken mit dem Auftrag, ihn zu bedrängen, wieder ins Haus zurückzukommen, bis sie selbst Kilian eingeholt hat, um ihn, quasi am Schlafittchen nach Hause zu schleifen, weil sie befürchtet, er könne den Zug verpassen, der ihn für eine lange Zeit von ihr trennen wird.

Diese letzten Minuten wollte sie mit ihm verbringen, obwohl alles gesagt, besprochen, Tränen zu genüge geflossen sind, Umarmungen nicht mehr aufhören wollten, und die letzten Tage durchsetzt waren mit geschäftigem Treiben des Kofferpackens, aus dem nun zwei Koffer geworden sind, zusätzlich mit seinem Rucksack und der Tragetasche, in der seine Mutter den gesamten Vormittag immer ein neues Plätzchen findet, sie mit Lebensmittel zu füllen.

Für Kilian gab es einen Platz hoch über dem See, dem er einen Besuch abstatten wollte, bevor er für Monate nicht mehr Gelegenheit dafür haben würde, das würde seine Mutter, weder sein Bruder verstehen, wahrscheinlich gehen sie davon aus, daß Kilian seine Freundin, was heißt Freundin Celeste war für ihn eher eine Kameradin, eine Schwester, und sie hatten bereits letzte Woche Adieu gesagt, sie mit Tränen in den Augen, weil sie ihn sicher vermissen würde, aber auch aus Freude über Kilians Chance, bei der Arbeitsstelle in Frankfurt die Option erhalten zu haben, seinen Meister in diesem Betrieb zu machen, so eine Chance hätte er hier nie bekommen. Wahrscheinlich werden sie bei Celeste anrufen, ihr ausrichten, Kilian möge so schnell als möglich nach Hause kommen, sonst würde er den Zug verpassen, und wenn sie keinen Rückanruf bekämen, könnte es sein, sie rufen sämtliche Freunde an, mit dem Ergebnis, alle in Unruhe zu versetzen, wo ist Kilian, er verpaßt den Zug, hoffentlich ist ihm nichts passiert, wo könnte er hingegangen sein.

Kilian schmunzelte kurz, er wußte, dies war nun wirklich nicht angebracht, aber es war das Schmunzeln über die Fähigkeit seiner Mutter, aus einer Mücke einen Elefanten zu machen und nicht über die Vorstellung der Sorgen, die sie durch ihre Anrufe verursachen würde. Durch Zufall hatte er letztes Jahr beim Durchstreifen des Waldes, als er kurzzeitig die Orientierung verloren hatte, den kleinen Platz entdeckt, der kurz vor einem Abhang einen Blick auf die Stelle des Sees freigab, an der Toni ums Leben kam. Gesucht hatten sie ihn, mit Ausnahme von Kleinkindern und nicht mehr rüstigen Alten war das gesamte Dorf daran beteiligt, durch Büsche sind sie gekrochen, auf Bäume geklettert, Scheunen durchforstet, Stroh gewendet, Keller durchsucht, durch Wasserrohre gewatet, im Sumpfgebiet mit Flachbooten und Stangen jeden Halm gebogen, Toni war nicht zu finden. Reporter waren vor Ort, befragten und belästigten die Dörfler, der Pfarrer und Rektor der Schule knöpften sich vermeintliche Feinde Tonis vor, im Streit erschlagen, sie sollten gestehen, ihre Lügen würden sowieso irgendwann ans Licht kommen. Tonis Vater wurde verdächtigt, mit dem Verschwinden etwas zu tun zu haben, die Eltern lebten in Scheidung, er hatte vor kurzem gedroht, daß würde seine Frau noch bereuen, und obwohl er ein Alibi hatte, mußte er fast eine Woche im Gefängnis bleiben. Frau Markwart wurde hinter der Hand vorgeworfen, Toni in den Selbstmord getrieben zu haben, der Junge, er sei schließlich erst neun, wäre im Gewissenskonflikt, den sie schüren würde, weil er doch seinen Vater abgöttisch liebte und nicht verstehen könnte, daß sie die Scheidung wollte, wo doch der Vater nur am Wochenende trinken und nur ab und an alkoholisiert seine Frau schlagen würde.

Eine Woche nach seinem Verschwinden schrie eine junge Frau hysterisch im Zug, der auf der Strecke zwischen Brackhofen und Tunsdorf fuhr, die Strecke verläuft etwas oberhalb des Seeufers. „Tod, Tote“, und zog die Notbremse. Verbissen und zitternd marschierte sie in Begleitung des Schaffners und einigen Passagieren an dem schlüpfrigen Ufer entlang, das an dieser Stelle aus losen großen Steinen bestand, es hatte die Nacht über in Strömen gegossen. Tonis Pulli hatte sich im Geäst eines Busches verfangen, dessen Zweige bei hohem Wasserstand ins Wasser hineinreichten. Die junge Frau mußte von ihrem Ansinnen, ins kalte Wasser zu gehen, dessen Tiefe niemand der Umstehenden kannte, abgehalten werden. Laut den Berichten in den Zeitungen fiel sie, nachdem Rettungskräfte vor Ort eintrafen und Toni geborgen hatten, in Ohnmacht.

Kilian war ein Meister der Leichtfüßigkeit, nur er besaß die nötige Körperbeherrschung, auf der Uferbefestigung entlang zu gehen, tänzeln wäre der bessere Ausdruck. Es war im Dorf bekannt, daß er von einer ganzen Schar Kindern bewundert wurde. Längs des Ufers waren teilweise begehbare Mauern gezogen, bei einigen Teilstücken waren die bröckelnden Stellen mit losen Steinen aufgefüllt. Auf diesen losen Steinen zu balancieren, sogar wenn sie mit glitschigem Moos behaftet waren, konnte nur Kilian, ohne auch nur einmal ins Wasser abzurutschen. Laut Obduktionsbericht war Toni bewußtlos, als er ins Wasser fiel, mehrere Kopfwunden deuteten darauf hin, er ist aus größerer Höhe abgestürzt und dabei mehrmals mit dem Kopf gegen Mauersteine geprallt. Der einzige Platz, der dafür in Frage kam, war die Stelle außerhalb des Dorfes, die gleichzeitig einen Steilhang abstützte. Strömungen haben ihn von dieser Stelle etwa einen Kilometer weit abgetrieben. Es wurde von Glück gesprochen, ihn gefunden zu haben, dem vielen Wasser, das die Nacht vor seinem Auffinden in der Gegend herabregnete, dankten sie, genauso dem Wind.

Warum nur kam er auf die absurde Idee, gerade an der gefährlichsten Stelle auf den Steinen entlangzugehen? Kilian zerbrach sich lange den Kopf, war er Schuld am Tod von Toni? Sie kannten sich nur vom Sehen, in der Schule war Toni vier Klassen unter ihm. War er für Toni der große Meister, dem er nacheifern wollte, um gefeiert zu werden, um aus der Rolle des Bemitleidenden zu entfliehen? Ein Unfall, der verhindert hätte werden können, wenn Kilian nicht selbst mächtig stolz auf sein Können, seine Mauerbegehungen kein Gesprächsthema während der Pausen gewesen wäre? Kilian kannte diesen Blick zum Seeufer mit dem Busch, der bei Hochwasser seine Äste ins Wasser taucht, wie sein eigenes Gesicht, er wird diesen Blick mitnehmen, wohin er auch geht. Sehnsuchtsvoll und ermahnend in ihm erkennen zu wollen, was er nicht weiß. Wie Mutter, dachte er.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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