Kein Gewinn durch Gier

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Nebelschwaden ziehen durchs Land,
in Dunkelheit gehüllt,
Menschen außer Rand und Band
Wünsche haben sich erfüllt.

Kommen keineswegs von Herzen,
Not erfinderisch ermahnt,
was entbehrt vor lauter Schmerzen,
sich Wege der Entfaltung bahnt.

Gier allerorten Spuren hinterließ,
die vermeidbar gewesen wären all die Zeit.
Doch man den Mammon pries,
zur Nächstenliebe war kaum jemand bereit.

Einmal entlassen der tiefe Groll, die Wut,
muß er ständig Opfer finden,
wache Geister sind somit auf der Hut,
lassen sich nicht mit Bösem binden.

Nur wenn das Teilen endlich einkehrt,
gerecht und ohne Hintersinn,
sich vielleicht manch Glück erneut vermehrt,
das wäre dann ein wahrhaftiger Gewinn.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gedichte

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Urapfel aus Kasachstan blieb lange im Verborgenen

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Vom Malus sieversii zu immer weniger Apfelsorten?

Obst und Gemüse innerhalb der Ernährung sind ganz wichtig für unsere Gesundheit. Das weiß inzwischen wohl jeder, auch wenn viele sich nicht dran halten, wir uns die Beschwerden und Folgekrankheiten betrachten aufgrund falschen Eßverhaltens. Gravierend kommt die toxische Belastung hinzu, die durch Pestizide, Kunstdünger und andere Stoffe unseren Speiseplan nicht gerade bereichern.

Das gleiche Schicksal der unbedachten Veränderung hat auch der Malus, wie der Apfel im Lateinischen lautet, erreicht. Der Mensch achtet viel mehr auf Wirtschaftlichkeit und vor allem auf die weitverbreiteten Werbeslogans einer nimmersatten Lebensmittelindustrie, deren einzigstes Ziel nicht etwa das Wohlergehen des Homo sapiens zu sein scheint, sondern lediglich eine schier unendliche Gewinnmaximierung. Ein Apfel hat heutzutage knackig, wässrig und knallfarbig zu sein. Wehe eine Delle, ein brauner Fleck oder einige Runzeln zeigen dem Kunden Kriterien von gewisser Unappetitlichkeit, die diesem in den letzten Jahrzehnten eingeredet wurde! Ein solcher Apfel landet im günstigsten Fall in der Saftpresse, ansonsten auf dem Müll.

In Zentralasien bei Almaty am Fuße des Tian-Shan-Massivs – Wiege des Urapfels

Eine zeitlang lautete die größte Stadt Kasachstans Alma-Ata (von 1921-1993), ehe sie dann wieder Almaty genannt wurde, obwohl davor noch Almati hieß. Im Kasachischen bedeutet alma nun mal Apfel. Das ist natürlich kein Zufall. In der Region um Almaty, welches 80 Kilometer nördlich der kirgisistanischen Grenze liegt, die Volksrepublik China befindet sich 300 Kilometer entfernt im Osten, herrscht ein ausgeprägtes Kontinentalklima, wobei die Winter relativ mild sind, wozu die warmen Luftströme der Wüsten Zentralasiens sicherlich wesentlich beitragen.

Der schon vor Millionen Jahren dort wachsende Urapfel, Malus sieversii, hat sich nicht etwa über die sonst üblichen Wege der Samen ausgebreitet, da die Kerne in einer Hülle eingeschlossen waren, ging das nicht, sondern Bären trugen dazu bei. Diese suchten die besten und süßesten aus, verspeisten sie und erst durch die Auflösung in deren Gedärme konnten die Samen mit der Ausscheidung ihres Kotes den Weg zur Verbreitung finden.

Es war der russische Botaniker und Genetiker Nikolai Iwanowitsch Wawilow, der 1929 diesen Apfel neu entdeckte für die Wissenschaft. Doch durch eine üble Intrige kam er ins Gefängnis und verstarb dort wahrscheinlich sogar an Hunger. 1945 widmete sich der kasachische Diplom-Landwirt, Aimak Dschangaljew Wawilows Entdeckung und entwickelte die Erbforschung weiter. Jedoch sollten nochmals 65 Jahre vergehen, bis schließlich 2010 ein Jahr nach dem Tod Dschangaljews die Entschlüsselung des Erbgutes einwandfrei feststand: Malus sieversii darf als Urapfel bezeichnet werden.

Abholzung gefährdet den Malus sieversii – Polyphenole machen Äpfel wertvoll

In der Region um Almaty herrscht aber kein Umweltbewußtsein, sodaß bereits 70 Prozent der Apfelbäume für immer verschwunden sind. Erst wenn eine höhere Dringlichkeit der Weltöffentlichkeit den vor Ort Verantwortlichen vielleicht entscheidenden Einfluß ausübt und ihnen somit aufzeigt, welch große Chance mit dem Malus sieversii vor der eigenen Haustüre sich bietet, könnten sie wohl einlenken. Daß die sogenannten Polyphenole besonders in getrockneten Äpfeln vorhanden sind, macht sie so wertvoll für unsere Gesundheit, während Pestizide wiederum uns gefährden. Selbst Bioäpfel können nicht mithalten an den Vorteilen des Urapfels, weil dieser einfach eine vielfach höhere Resistenz aufweist, was den Krankheitsbefall anbelangt.

Was wäre da naheliegender, als ihn unbedingt für die Nachwelt zu schützen? Die Bäume des Urapfels sind im Gegensatz zu unseren wahre Baumriesen mit einem Durchmesser von 2 Metern und einer Höhe von 20 bis 30 Metern. Übrigens tragen Polyphenole erheblich dazu bei, das Krebsrisiko zu senken, sowie den Cholesterinspiegel. Nicht zufällig lautet es im Englischen: „An apple a day keeps the doctor away“, was frei übersetzt „ein Apfel am Tag hält den Doktor fern“ bedeutet.

Auch wenn der Malus sieversii bei Paris im Wald von Vincennes gepflanzt wurde, auch eine Ausstellung über den „Ursprung des Apfels“ bis zum 05. März 2012 im Rathaus von Paris zu sehen war, bleibt die Haltung der EU fraglich. Diese hat sich ohnehin festgelegt in ihren Bestimmungen, wie ein Apfel auszuschauen hat, der den europäischen Verbraucher beglücken darf. Was nutzen also sämtliche tollen Erkenntnisse über den neuentdeckten Urapfel, wenn Mensch weiterhin völlig sorglos seine Umwelt zerstört? Nicht viel, und dennoch dürfen wir nicht ruhen, die Verursacher dieser Politik anzumahnen.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gesundheit

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Neue Töne

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Lutz hat sich verfahr´n,
nicht mit der Bahn,
nicht mit einem mobilen Untersatz,
wegen dem Vogel, wegen dem Spatz.

Bemerkt hat er´s selbst nicht,
so ein Vogel hat ja fast kein Gewicht,
nachdem er öfters, bei dir piept´s, hörte,
ihn dies nicht sonderlich weiter störte.

Erst als immer mehr es wagten,
nicht nur hinter vorgehaltener Hand sagten,
du hast im Schrank nicht alle Tassen,
nahm er selbst Geräusche wahr, ist es zu fassen.

Ein Kling, ein Gong, ein Pieps, ein Geschnatter,
vermutlich, wahrscheinlich, da ein Gedankengatter.
Eine Idee, eine Erinnerung, eine Warnung, Zweifel,
anstatt auf dem Eiffelturm landete er in der Eifel.

Glaubt, Hengste leben nur auf Bergen,
Stuten darf man nur im Garten beherbergen,
vergißt, nach dem Pinkeln meistens zu spülen,
liebt es, bei anderen die Schubladen zu durchwühlen.

Sicher will er gehen, alles sei unter Dach und Fach,
so wie bei ihm ständiges Ordnen, das ist seine Sach´.
Galt Lutz früher als pedantisch, aufdringlich, fahrig,
seit er dem Spatz neue Töne beibringt, haben alle vor ihm Panik

Nafia

Kategorie: Gedichte

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Anja Karliczeks Forderung führt zu berechtigter Empörung

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Ein Klima der Intoleranz breitet sich aus

Die heuchlerische Doppelmoral, welche besonders Glaubensvertreter der christlichen Kirchen gern an den Tag legen, sollte mal langsam überwunden sein, erst recht seitdem innerhalb der Gesellschaft Regenbogenfamilien zunehmend akzeptiert werden.

Allerdings tragen weitreichende Homophobie, Vorurteile gegenüber gleichgeschlechtlichen Paaren quer durch sämtliche Gesellschaftsschichten bis hin zu Muslimen entscheidend mit dazu bei, sie ärgwöhnisch, verächtlich zu behandeln, selbst Gewalt entlädt sich. Anja Karliczek, Bundesministerin für Bildung und Forschung, fordert nunmehr Studien zum Wohl von Kindern homosexueller Eltern.

Argwohn vs. längst vorhandenen Studien

Eine finanzpolitische Expertin auf dem Stuhl der Bundesministerin für Bildung und Forschung, um ihr die Möglichkeit zu geben, „die richtigen Fragen“ zu stellen, so ihre eigene Argumentation? Dann sollte mal Anja Karliczek besser sich mit längst vorhandenen Studien zur Thematik beschäftigen, bevor sie eine derart unnötige, vor allem polemische Diskussion wieder entflammen läßt.

Das bringt besonders Stimmung unter all denjenigen, die ohnehin die gleichgeschlechtliche Familie anprangern, frenetisch ihre Abschaffung fordern, ihren Haß gegen Homoseuelle unverblümt äußern. Darunter die Neue Rechte, fanatische Glaubensgemeinschaften. Anstatt endlich Regenbogenfamilien weiterhin zu unterstützen, werden altbekannte Vorurteile geschürt, erst recht wenn Anja Karliczek obendrein Mobbing und Diskriminierung an Schulen gegenüber Kindern gleichgeschlechtlicher Eltern als Argument einwirft. Ihre Forderung führt viel eher dazu bei, Argwohn erneut zu streuen.

International Family Equality Day – Solidarität zu Regenbogenfamilien

Im Juli 2011 fand das erste internationale Symposium von LGBT-Familien-Organisationen aus Europa, den USA und Kanada statt, wurde der International Family Equality Day ausgerufen, der seitdem an jedem ersten Sonntag im Mai gefeiert wird, ein Zeichen der Solidarität und Gleichstellung von Regenbogenfamilien.

Das will jetzt Anja Karliczek gezielt in Frage stellen, eine Farce par excellence! Ein Rückschritt, der exakt die verkehrte Richtung einschlägt, was natürlich für entsprechende Empörung sorgt. Familienministerin Franziska Giffey hat vollkommen Recht mit ihrem Einwand, es zählt vor allem der liebevolle Umgang mit Kindern. Vorurteile tragen somit dazu bei, wieder Verachtung und Haß gegenüber Homosexuellen zu schüren. Das wäre nicht im Sinne eines friedfertigen Zusammenlebens, sollte längst überwunden sein.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gesellschaft

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Kladden

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Die Treppe ist auch nicht mehr das, was sie einmal war. Noch während sie in Gedanken den Satz formulierte, hielt sie die linke Hand vor ihren Mund. Wie jemand, dem gerade ungewollt ein Geheimnis über die Lippen kam, das er mit der Hand zurückhalten wollte, obwohl es längst ausgesprochen. Oder ein Versuch, den grinsenden Mund zu verstecken, weil eine Situation urkomisch sich anfühlte, man seine Regung nicht zeigen will, sie unangebracht erscheint. Oder, weil man seine Zähne nicht im Mund hat, antwortete sie sich. Die Zähne sind drin, das Grinsen ist da, und meine Gedanken sind immer noch genauso schlagfertig, wie mein Handeln schnell ist.

Schmunzeln zu können, obwohl man schnauft wie ein Pferd, das gerade mit der Gerte angetrieben wird, um als erster durchs Ziel zu laufen. Für einen Pokal. Für einen Preis. Fürs Ansehen. Zum Betrachten und geachtet werden. Sie beäugte die Treppe, ihre Stufen, ihren Handlauf, die Absätze oben und unten. Noch zwei Stockwerke und die Anstrengung liegt hinter ihr. Ihr Herz raste. Ihr Preis für diese Anstrengung war das Ankommen zuhause.

„Ich nehm’s zurück“, sagte sie und ihre Stimme kam ihr lauter vor, als sie sie ansonsten wahrnahm.

Sie setzte sich auf den Stuhl, der im Wohnzimmer nahe der Balkontüre stand. Neben ihm lagen mehrere Stapel Bücher. Es war der einzige Platz in der Wohnung, in dem Bücher zu sehen waren. Nein, nicht ganz, manchmal noch stapelten sich Bücher neben dem Kopfende ihres Bettes. Selten zwar, denn sie bemühte sich, nur eins, höchstens zwei Bücher dort abzulegen. Vor dem Einschlafen in mehreren Bücher zu lesen, hatte schon lange nicht mehr den Effekt, vom Schlaf übermannt zu werden. Das Alter verlangt nach einer gewissen Beständigkeit. Zu dieser Einsicht gelangte sie, nachdem sie sich vor die Wahl gestellt fühlte, entweder den Tagesablauf zu verändern, nur noch nach Lust und Laune, oder nach einem einigermaßen festgelegten Schema ihr Leben einzurichten.

Die gewisse Beständigkeit obsiegte gegenüber eines flatterhaften Umhertreibens. Schließlich hatte sie Termine. Zwar keine festgelegten, zeitlich eingeschränkte, aber wie sollte sie ansonsten ihre Kurzreisen bewältigen, ihre Einkäufe, ihr Schlendern durch Parks. Und sie war sich sicher, jeder Park zeigte ihr sein schönstes Gesicht, wenn sie nicht wahllos, ohne ihm die Möglichkeit zu geben, für sie sein Herz zu öffnen, die angelegten Wege beging. Sie sind so unterschiedlich in ihrer Art, mir ihre ganze Pracht zu zeigen. Der Luisenpark im Nachmittagsfrühling, der Klostergarten morgens im Sommer, Savigny-Park abends im Herbst, göttlich, unaussprechlich.

Die Wohnung war spärlich eingerichtet. Nicht ärmlich. Auf das Notwendigste beschränkt, ohne viel Firlefanz. Ein wenig Nippes. An den Wänden standen verglaste Vitrinen, gefüllt mit Kladden. Unterschiedliche Vitrinen, aus Holz, aus Kunststoff, aus Metall, aus Bambus, antik, modern, zu einer Stilrichtung zählend oder eher dafür geeignet, in einem Werkstattraum zu stehen. Wo ein wenig Platz übrigblieb, hingen Bilder, Gemälde, Ansichtskarten, sie folgten dem Anschein nach keinem Geschmack, der als Stil bezeichnet werden könnte.

„Kladden, natürlich führen Sie Kladden! Junge Frau, das Gestell hinter Ihnen ist voll davon.“

„Hier heißen sie Notizbücher oder Skizzenbücher“, entgegnete die Verkäuferin in einem spitzen, herablassenden Ton.

„Kladde steht für Schmutz, Schmiererei. Sie dienten als vorläufige Geschäftsbücher. Es war eine mühsame Arbeit, sie ordentlich zu führen, dazu gehörte Konzentration und ein gutes Schriftbild. Wissen Sie was? Behalten Sie Ihre Schmierbücher, so einen Dreck will ich nicht kaufen“, sprach’s und verließ den Laden in der Gewissheit, ihn nie wieder zu betreten, nie wieder Kladden zu kaufen, sondern sie selbst anzufertigen.

So jedenfalls ist die Szene in ihrem Gedächtnis präsent. Vielleicht ist dies auch der Grund, warum viele der Kladden unförmig wirken, schief, gequetscht, zerfranst, keine einheitliche Größe und Dicke zu erkennen sind. Angefangen, Kladden zu bekleben, später gelernt, sie zu binden, hat sie am 26. Juli, das Jahresdatum weiß sie nicht mehr. Sie hatte aufgeräumt, ihre Tagebücher der Kindheit gefunden, alte Bücher von damals, und sie konnte sich nicht so recht davon trennen. Also riß und schnitt sie einzelne Seiten aus den Tagebüchern, aus den Büchern meistens die dritte Seite, auf der der Titel und Autor zu lesen sind, klebte die Seiten in ein Notizbuch.

Das war der Beginn ihrer Kladdensammlung. Ab diesem Tag schnitt sie aus jedem Buch, das sie gelesen hat, eine Seite, anfangs nach strikten Auswahlkriterien. Etliche Kladden waren beklebt mit aufsteigenden Seitenzahlen, weil sie aus den Büchern die Seiten herausschnitt, die nötig waren, um in der Kladde von eins zu fünfhundertsechs oder achthundertdreiundneunzig zu blättern. In einigen Kladden gab es nur DIN A5-Seiten, in anderen stets dieselbe Seitenzahl, manche Kladden bestanden nur aus zusammengefalteten Seiten, bei den meisten konnte man keine Systematik erkennen.

Sie hatte mehrere Bibliothekkarten, nicht nur aus den umliegenden Städten, landesweit. So reich, alle Bücher zu kaufen, die sie gerne lesen wollte, war sie nicht, obwohl sie als Sekretärin gearbeitet hatte. Anfangs kostete sie es Überwindung, aus diesen geliehenen Büchern Seiten herauszuschneiden, aber entdeckte sie nicht selbst immer wieder Seiten in diesen Büchern, die verschmiert oder bekritzelt waren? Was macht es schon, wenn eine Seite fehlt. Schließlich kann kein Mensch alle seine Tage lückenlos wiedergeben. Wird nicht ständig Leben beschönigt, ausradiert, hinzugedichtet, herausgestrichen, verändert, um bestaunt zu werden wie Pokale? Selbst die Geschichtsbücher sind oftmals dem wahren Zeitgeschehen entfremdet, sind nur Kladden. Zeitkladden. Wenn sie die Kladden durchsah, und das tat sie genauso oft wie neue Bücher lesen, erinnerte sie sich an Tage, Stunden, die in ihrem Leben bedeutsam waren. Als sie mal wieder Rilkes Malte Laurids Brigge las, erfuhr sie auf Seite 51, „Und wehrte sich nicht mehr. Und ich wehre mich noch.“, durch einen Anruf, das eine liebste Freundin verstorben ist. Dies birgt auf ewig Erinnerung.

Heute Abend wird sie die letzten Seiten von Márquez, Die Liebe in Zeiten der Cholera, lesen. Sie kennt das Ende. Es wird morgen nicht das erste Mal sein, daß sie eine Seite aus diesem Buch herausschneidet wie bei vielen anderen Büchern auch. Morgen würde sie die letzte Seite, die, auf der in dieser Auflage keine Seitenzahl gedruckt wurde, ausschneiden und in die neu gefertigte Kladde legen. Eine Erinnerung mehr. „Das ganze Leben“, sagte er.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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Rassismus allerorten spürbar

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Im Kleinen wie im Großen

Das Verdrehen der Augen können Sie sich getrost sparen, im Alltag mitten unter uns herrscht er längst, versteckt er sich kaum noch, der Rassismus, schon gleich gar in Zeiten einer sich ungeniert zeigenden Neuen Rechten, die obendrein europaweit ihre Chancen wittert, bis hinein Regierungspolitik gestalten zu dürfen.

Was die Bürger im Alltag untereinander austragen, von Beleidgungen bis handfesten Argumenten per Gewalt, praktizieren gleichwohl Ordnungshüter, Ämter. Unter der sinnigen Überschrift „Kafka lebt“ beschreibt Heinrich Schmitz im Tagesspiegel Causa, wie bundesdeutsche Bürokratie einen Asylbewerber behandeln, der zweifellos sich korrekt verhält, nur daß ihm die Menschen in den Amtsstuben bewußt Steine in den Weg legen.

Wenn drei Behörden gemeinsam versagen

Dabei als oberste Richtschnur die Justiz eigentlich Herrn P. schützen sollte, schließlich gibt es das Grundgesetz, auf das sich die meisten vollmundig gern berufen. Doch was nützt jene deutsche Verfassung, wenn sie fortlaufend ignoriert wird, obendrein Behörden und das Familiengericht sich gegen ihn verschworen haben? Dabei Unlogik vorherrscht?

Gar nichts, vor allem ist er der Leidtragende, zu allem Übel sein Kind, welches ihm am Ende genommen wird, ihm gar Abschiebung droht, obwohl dies gesetzlich nicht sein dürfte. Naheliegend, wenn der Autor sich an Kafka erinnert, der oftmals der Staatsgewalt den Spiegel vors Gesicht hielt, sie somit in Frage stellte.

Soziale Not wird gezielt mit Füßen getreten

Die da unten kann man schnell verhöhnen, mit dem Finger auf sie zeigen, sie demütigen, schlagen, gar anzünden, über sie hetzen, im Alltag, in Medien, Politiker tun das, denken wir an die bösartigen Phrasen gegen Hartz-IV-Empfänger. Auch die jüngste Diskussion über die Abschaffung jenes Agenda 2010-Monstrums läßt tief blicken. Während besonders die Union an ihm festhält, Sanktionen werden als dringend notwendig erachtet, übrigens auch von Sigmar Gabriel, grübeln zumindest mal die Grünen, die es in Regierungsverantwortung mit beschlossen hatten. Wenigstens ein Anfang.

Dennoch ohne Aussicht auf Erfolg. Es paßt so wunderbar ins Konzept jenes Raubtierkapitalismus, die Ausbeutung in jeder Form, daher auch die Hofierung des Niedriglohns, prekärer Arbeitsverhältnisse. In Österreich darf man beobachten, wie die Neue Rechte tickt, am liebsten ein 16-Stunden-Tag, Rente mit 80, malochen, pennen, malochen, der Sarg am Arbeitsplatz, schöne neue Welt des Sklaventums, gepriesen sei dein Arbeitgeber, Hauptsache Profit für die superreiche Klientel. Wer kritisiert, wird als Neider vorgeführt. So simpel tickt Verunglimpfung, Hauptsache die große Masse schweigt. Appelle, sich die Freiheit nicht nehmen zu lassen, verpuffen, solange keiner sich mehr rührt.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Soziales

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Der, der nebenan wohnt

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Im Zimmer nebenan wohnt ein Lektor,
ein menschlicher Detektor,
er spürt auf jeden kleinen Fehler,
er ist ein Falschstehler.
Ob Semikolon oder Komma,
groß oder klein, was auch imma,
er findet es, ohne zu suchen,
ohne den Herrgott anzurufen.

Meine Texte säubert er akkurat
wie andere beim Kochen den Spinat.
Sind auch Ausdrucksweisen redigiert,
den Lesern wird Sprache serviert,
die alles inhaltlich erlaubt,
manchem den Atem raubt.
Egal, ob die Inhalte gefallen oder nicht,
ich finde, zusammen sind wir ein Gedicht.

Nafia

Kategorie: Gedichte

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