Das Märchen von der heilen Welt in den Köpfen manch Gutgläubiger

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An einem schönen Frühlingstage, die Sonne hatte gerade ihre ersten wärmenden, goldgelben Strahlen gen Pflanzenblüten gesendet, die diese wie im Rausche dankbar aufsaugten, in der fröhlich zwitschernden Vogelwelt längst dieser Augenblick schon seit Stunden unüberhörbar von ihnen erwartungsvoll verkündet wurde, rannte eine junge Frau wild gestikulierend ins Geschehen, stolperte über einen dicken, morschen Ast, den der letzte Herbststurm einer alten Eiche entrissen hatte und fiel der Länge nach hin.

Hier draußen am Waldrand, wo eine ausladende Blumenwiese und etliche Bäume aufeinander trafen, dieser fließende Übergang zwischen Graslandschaft und Laubgehölz einer Vielzahl von Tieren ein Zuhause bot, dort lag sie nun, völlig abgehetzt, verzweifelt und in schier grenzenloser Trauer erst leise schluchzend, um kurz darauf lauthals hemmungslos den Tränen freien Lauf zu lassen. Was war geschehen, daß Lisa bis hierher rannte, weinend im feuchten Gras lag? Sie ließ die letzten zurückliegenden Ereignisse in ihrer Erinnerung vorbeiziehen, vielleicht auch, damit sie mehr Klarheit erhielt.

Es begann am gestrigen späten Abend, sie hatte just die Spülmaschine ausgeräumt, als ihr ein Glas aus der Hand glitt, sie spontan nach diesem griff, aber nicht bemerkt hatte, daß es längst auf den Bodenfliesen zerschellt war. Erst ein scharfstechender Schmerz holte sie zusammenzuckend, aufschreiend zurück aus gedankenlosem Handeln, weil eine große Scherbe ihren rechten Daumen tief verletzte. Für einen kurzen Moment ward ihr schwarz vor Augen, doch gezielt routiniert begab sie sich zum Verbandskasten im Badezimmer, wusch kurz die Wunde am Waschbecken aus und versorgte sie mit einem Pflaster.

Und dann fiel ihr plötzlich wieder die schier aussichtslose Lage ein, in der sie sich befand. Der Traum vom sorglosen Leben war mittags Knall auf Fall geplatzt. Nie zuvor hatte sie auch nur ansatzweise damit gerechnet, eine solch berufliche Position verlieren zu können. Doch die Firma schien nicht im geringsten bemerkt zu haben, mit welch perfiden Methoden sämtliche Ideen, Erfindungen, das gesamte Know-how auspioniert worden war. Nur der Firmenchef und dessen rechte Hand hatten das endgültige Aus kommen sehen, für sich behalten und erst am Ende den Mitarbeitern reinen Wein eingeschenkt.

Tagtäglich fanden vor den Augen aller Wirtschaftsverbrechen statt, aber Lisa hatte stets gemeint, solches möge anderen widerfahren, sie selbst lebe ihr sorgenfreies Leben, um es in vollen Zügen zu genießen. Zwar gehörte sie ebenso zu den ständig umherflatternden Singles, die sich einfach nicht binden wollten, dennoch war sie glücklich und zufrieden in sich ruhend bisherig gewesen, den ein oder anderen Mann für kurze Zeit liebend. Innerhalb ihres kleinen Freundes- und Bekanntenkreises galt sie stets als offenherzig, anziehend sympathisch, mit einer gewissen erotischen Ausstrahlung, begleitet von kühler Beherrschtheit, eine ideale Vorraussetzung für eine unnahbar distanzierte Autorität, die sie ziemlich geschickt einsetzte.

Doch jetzt war alles durcheinandergewirbelt, lag sie hier im Gras und begriff, was ihre kleine heile Welt bisherig bedeutet hatte. Auf einmal gab es keine Sicherheit mehr, dem hohen Gehalt würde eine Zeit der Entbehrungen folgen, wie Lisa nur zu genau wußte, weil ihre berufliche Spezialisierung zu selten da draußen gesucht wurde, ein schneller Anschluß eben nicht gewährleistet war. Aus der Traum von unabhängigem Dasein, alleingelassen mit sich und den aufkommenden Existenzängsten, obendrein keine hilfreich liebende Schulter an der Seite, wo sie hätte Trost finden können.

Ein brennender Schmerz holte sie zurück in die Gegenwart. Mehrere Ameisen liefen über ihre langen Beine auf dem Weg gen Slip. Natürlich raffte Lisa sich sofort auf, wischte die Insekten gezielt ab und schaute sich etwas genauer um. Zunächst vermittelte die Umgebung durch das untrügerisch erscheinende Gras, die Bäume genau das zu zeigen, was sie zu sein schien: eine unberührte Natur. Aber je länger und intensiver Lisa hinschaute, desto deutlicher bemerkte sie eine zunächst unbestimmte Schwingung, die sie folglich nicht einordnen konnte. Irgend etwas stimmte hier nicht, schoß es ihr noch durch den Kopf, als im nächsten Moment ein ohrenbetäubender Knall ihr fast das Trommelfell zum Platzen brachte. Sie hatte zwar blitzartig, völlig entsetzt beide Hände vor ihre Ohren gehalten, dennoch konnte sie anschließend keinen Laut mehr hören.

Was war geschehen? So gänzlich ohne Gehör schaute sie sich genauer um, kroch durchs Gras, eine alte, mächtige Buche im Visier, um dort erst mal Schutz zu suchen. Ein verbrannter Geruch verriet Lisa, daß da irgend ein Tier Opfer dieser Explosion wurde, einen Menschen hätte sie wohl noch rechtzeitig bemerkt, überlegte sie. Vorsichtig lugte sie hinter dem Buchenstamm hervor und gewahrte einen ausgewachsenen Eber, der allerdings halb zerfetzt keine zwanzig Meter von ihr in einer Brombeerhecke hing. War er etwa auf eine Mine getreten, grübelte sie. Und das am Waldrand, wo doch zuvor bestimmt etliche Tiere und manch Menschen auch mal hierher gingen? So viele Fragen, die sich Lisa schlagartig stellte, blieben unbeantwortet. Niemand war zugegen, ohnehin ihr Leben scheinbar aussichtslos vor ihr lag. Und trotzdem nahm sie eines mit, bevor sie sich sammelte, um zurückzugehen.

Vieles erschien in geordneten Bahnen zu laufen in unserer heilen Welt, solange wir dem Alltagstrott folgten. Aber wehe, wir brachen mal aus oder bestimmte Umstände führten uns auf andere Wege, weil wir der Wirklichkeit entfliehen wollten. Dann wurden noch wachen Geistern die Augen geöffnet, wer denn durch Schicksalsschläge erst Fingerzeige erhielt.

Lotar Martin Kamm

Erschienen im Buch „Hrabans geheimnisvolle Reise zum Kontinent des Lächelns“ (BoD)

Kategorie: Kurzgeschichten

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Schamlos ausgenutzt

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Gleichgültigkeit
unterwegs
im Gewande
falscher Annahmen.

Wer sät den Samen
der Bosheit,
meist bereit
Menschen zu opfern?

Gewissenlosigkeit
überall präsent,
kennt keine Grenzen,
die sich von Liebe trennt.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gedichte

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Weltpolitik: Wer fährt hier was an die Wand?

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Keine Weitsicht, Lerneffekte gen Null

Jedwede Kritik muß man erst recht als viel zu harmlos werten, wer sich das Desaster und somit die Verfehlungen der Weltpolitik vergegenwärtigt. Tief im Kern der Problematik unwiderruflich verwurzelt, die Essenz des Raubtierkapitalismus, dessen Wortschöpfung vortrefflich das daraus resultierende weltweite Elend beschreibt.

Man kann der Weltpolitik nur noch keine Weitsicht bescheinigen, Lerneffekte tendieren gen Null, zumal trotz historischer Analysen simpelst an den bisherigen Mißtaten stoisch festgehalten wird. Der Grund erweist sich letztlich als lapidar. Was interessieren schon hungernde Menschen, Kriege und bewußt geförderte Armut, Hauptsache Politik hofiert das Leben der Superreichen, der Hochfinanz und sichert sich auf diese Weise ihre eigene Pfründe.

Angeblich liberale Politik knickt zu Gunsten eines rechtsradikalen Kurses ein

Wer es immer noch nicht wahrhaben möchte, der lese mal den ziemlich fundierten Artikel von Heribert Prantl, in dem er in Sachen Asylrecht aufzeigt, wie Europa für Flüchtlinge dicht macht. Hatte die Bundeskanzlerin noch im Herbst 2015 eine unerschrockene Willkommenskultur Flüchtlingen gegenüber zelebriert, mit ihren Worten „Wir schaffen das“ weltweit etliche in Staunen versetzt, bemühte sich besonders jene ekelhaft menschenverachtende rechtsextreme Klientel à la Pegida, NPD, AfD und Co., um per einfacher Panikmache Keile in die Gesellschaft zu setzen, die inzwischen ganz offensichtlich ihre Wirkung nicht verfehlt.

Da paßt vieles zusammen, was wohl wie ein Zahnrad ineinander greift, denkt man an die Weltpolitik unter der Fuchtel der USA. Im Prinzip nichts neues, da dies schon viel zu lange währt, nur mittels jenes Donald Trump wird’s jetzt deutlicher. Punktuell setzt man „Kettenhund“ Richard Grenell in Berlin ab, damit im Herzen Europas gleich der Wind entsprechend scharf wehen mag. Wer ihn zu lange gewähren läßt, muß am Ende mit den Konsequenzen leben. Genau, nicht Politiker sind betroffen, vielmehr die Menschen Europas!

Herbeigelogene Feindbilder destabilisieren den Weltfrieden

Dessen Räume ohnehin immer kleiner werden, wer sich die Mühe macht und sämtliche Konfliktherde benennt. Wenn dann Trumps Chefökonom, Larry Kudlow, zweifelt, das Welthandelssystem sei kaputt, kann jene Bemerkung an Zynismus kaum noch getoppt werden. Wer sorgt denn weltweit für all die Kriegsschauplätze, Lebensmittelspekulationen, nebst Ausbeutung der Natur zur Ressourcengewinnung bis hin zu hochgradigen Umweltbelastungen? Die USA und ihre Vasallen, obendrein die meisten anderen Länder wie Russland, China etc., die im Kampf um Wirtschaftsmacht gleichziehen!

Selbst die Bundesregierung stellt ihre uneigeschränkte Bündnistreue zur Schau, obwohl keinerlei Beweise für den Skripal-Fall vorhanden sind. Derartig herbeigelogene Feindbilder destabilieren den Weltfrieden, es wird immer schwieriger, den Dialog mit Russland zu finden, Europa täte gut daran, sein Verhältnis mit dieser Politik der USA kritisch zu überdenken. Schwierig bei gleichzeitiger Nato-Mitgliedschaft, einem zunehmenden Wettrüsten.

Nahezu jede Niederlage bedeutet gleichzeitig eine Chance, aus ihr zu lernen. Selbst wenn im Raubtierkapitalismus die Räume einer kreativen Entfaltung immer kleiner werden, eine gleichgültige Gesellschaft zunehmend mehr Gewalt zuläßt, obliegt es geistiger Größe, dem entgegenzuwirken.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Quergedachtes

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Die Scherben sind gefallen

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Nein, das bringt kein Lottogewinn,
kein Partner fürs Leben,
keine ewige Jugend,
kein Ruhm, keine Ehre,
keine Misere.

Doch die schon,
zersplittert der Ton,
tausendfach,
die Welt beraubt,
von einmaligem Kunstschatz.

Die Vase alt, aus Porzellan,
älter als Dschingis Khan.

Zieh doch nicht so ein Gesicht,
du schaust aus, grauslich.
Laß dich in die Arme nehmen,
nein, nicht weinen, nicht schämen.

War doch bloß eine Vase,
wisch die Tränen von deiner Nase.
War doch keine Absicht,
das weiß ich, ich kenne dich.
War doch nicht bös gemeint, war guter Wille,
um berühmt zu werden wie Zille.
War doch ein Versehen,
woher solltest du wissen,
nicht alle Scherben bringen Glück,
ich hab Verständnis für dies Mißgeschick.

Schau, selbst manche Politiker
zerbrechen Tag für Tag die Contenance,
um gehört zu werden, um Unruhe zu stiften,
ohne sich zu genieren, um Unliebsames zu vernichten.

Dabei geht es um Millionen,
um Menschen,
so wirklich zählen sie nicht.
Es geht hauptsächlich um Macht und Geld,
schließlich soll es sich lohnen,
den Eintrag in die Geschichtswelt.

Laß die anderen reden von Scherbengericht.
Was die Möchtegernhelden opfern, um Opfer zu spielen,
dafür müßte für dich das Mittelmeer statt Wellen,
millionenfach Porzellanvasen anspülen.
Ich seh nur dein trauriges Scherbengesicht.

Nafia

Kategorie: Gedichte

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Ein Interview mit Liedermacher Trubartic – Lieder gegen Menschenverachtung

Von Protestsongs wie „Die Moritat von Frau von Strolch“ und anderen

Der Kreativität sind letztlich keine Grenzen gesetzt, wer Kunstschaffenden nötige Freiräume läßt. In einer gesunden Demokratie funktioneriert dies normalerweise auch, in Zeiten, in denen sich Rechtsextreme immer deutlicher etablieren, muß befürchtet werden, daß jenes Kulturgut eines Tages strikt verboten wird. Mit Blick zu despotisch geführten Staaten kann sich ein jeder davon überzeugen.

Umso besser, wenn sich Ideenreichtum entfaltet, möglichst viele Menschen erreicht, die wiederum durchaus davon profitieren, nicht im geschäftsmäßigen Sinne, sondern den Blick öffnet, für eigene Inspirationen sorgt, das Leben bunter werden läßt. Querdenkende entdeckte die Musik von Trubartic, war von Beginn an begeistert. Insofern freuen wir uns auf folgendes Interview mit dem Künstler.

Lotar Martin Kamm: Wer kennt sie nicht, die Liedermacher wie Franz Josef Degenhardt, Reinhard Mey oder Konstantin Wecker, um nur mal drei zu benennen. Wie kamen Sie zur Musik, zu Protestliedern? Gab es einen bestimmten Anlaß?

Trubartic: Stimmt, ich war lange Zeit vor allem ein Fan von Hannes Wader, Konstantin Wecker oder auch Hermann van Veen, u.a.. Reinhard Mey war mir früher zu artig und unpolitisch, das hat sich in den letzten Jahren geändert, den finde ich heute richtig gut.

Ich liebe politische Musik, sie darf gern phantasievoll, frech, intelligent, lyrisch und polemisch sein. Da geht mir das Herz auf. Sowas selber zu machen, habe ich einfach lange nicht wirklich an mir entdeckt.

Ich war schon immer ein politischer Mensch, habe an vielen, aus meiner Sicht, linken Bewegungen teilgenommen, ohne mich allerdings an Parteien, Gewerkschaften o.ä. zu binden. Ich war und bin oft und immer wieder empört, wie Menschen mit ihresgleichen, mit Tieren und der Umwelt frevelhaft und abscheulich umgehen.

Mir sind zudem seit ein paar Jahrzehnten einige Dur und Moll Akkorde auf der Gitarre bekannt, denen ich dann beruflich einige Texte zuordnete, die ich selber schrieb, gern auf bekannte Melodien. Das Ganze wurde dann irgendwann politisch, als der neue nationalistische Rechtsradikalismus Einzug in Deutschland, Europa und der Welt hielt. Meine Musik ist meine ganz eigene und individuelle Antwort auf menschen- und umweltverachtende Politik in aller Welt – vor allem aber in meiner Heimat Deutschland, aufgrund der unvergleichbaren, menschenverachtenden Geschichte des industriellen Massenmordes.

Lotar Martin Kamm: Wer bei YouTube ein wenig stöbert, kann den ein oder anderen Song von Ihnen entdecken, so wie z.B. „Die Moritat von Frau von Strolch“. Ähnlichkeiten mit einer lebenden Politikerin sind natürlich keineswegs zufällig, wie auch im Text unter dem Video bemerkt wird. Wer hat die Skizzen gezeichnet? Wie kam es zum Song bei der Zusammenarbeit mit Jürgen Fastje?

Trubartic: Berthold Brecht jagt mir in seiner immerwährenden Aktualität oft Schauer über den Rücken. Ich kenne Macky Messer aus meiner frühesten Kindheit von Hildegard Knef. Die Aktualisierung auf die heutige Zeit mit der entsetzlichen Frau von Strolch ist sozusagen eine persönliche Hommage an den Vater von Mutter Courage… deren geistige weiße Rose ich mit vielen anderen gern wäre.

Da ich etwas spiritueller bin als Brecht, hoffe ich auf seine augenzwinkernde Zustimmung. Ich habe auf dem zweiten Bildungsweg Sozialwissenschaften studiert und arbeite seit langer Zeit als Sozialarbeiter mit fantastischen und engagierten jungen Leuten. Die habe ich im Rahmen eines Kunstprojektes gebeten, möglichst einfache Bilder zu dem Text zu zeichnen. War eigentlich nur ein Versuch. Dabei sind die vielen tollen Bilder in Textfolge entstanden, über die ich mich sehr gefreut und mit dem Videokünstler Bastian Stoll umsetzen konnte.

Jürgen Fastje ist ein professioneller Musiker, ein guter Freund, ähnlich politisch wie ich und unglaublich emphatisch. Er arbeitet an allen Liedern sehr geduldig mit mir, spielt viele Instrumente und entwickelt bei den Nichtcovern auch oft die Melodien, manchmal mit mir, manchmal auch ohne mich. Die Zusammenarbeit hat meine Frau organisiert, die meine mitunter hilflose Klimperei nicht mehr ertragen konnte. Jürgen Fastje ist in der Tat die musikalische Seele, die Gestaltung und ideenreiche Umsetzung meines kleinen Projektes.

Lotar Martin Kamm: „Trubartic – politische Lieder gegen Menschenverachtung und Ausgrenzung. Für Hilfe, Nächstenliebe, Mitmenschlichkeit und Solidarität. Gegen politische, populistische und religiöse Hetze. Für Demokratie, Auseinandersetzung und Kritik, gegen Gewalt und Brutalität in allen seinen tätlichen, verbalen und digitalen Formen“, so der Wortlaut Ihres Schaffens zur Protestmusik. Gerade beim Aufkommen der Neuen Rechten ein wichtiges Signal. Spielen Sie an vielen Orten live und direkt?

Trubartic: Leider noch nicht. Ich bin Familienvater, habe 3 Kinder und einen Hund. Dazu bin ich sozialarbeitender Schichtarbeiter mit 39 Stunden anspruchsvoller Tätigkeit. Meine Wochenenden sind oft mit Arbeit besetzt, ich arbeite engagiert und gern mit benachteiligten jungen Menschen. Das alles bindet sehr viel Zeit

Da hinein passt, für mein politisch-musikalisches Engagement, das Angebot von YouTube ganz gut, ich stelle alle paar Monate einen neuen Song ein. So wie es möglich ist und ich es will. Dennoch werde ich in den nächsten 2 Jahren ein Programm aufstellen und mich hier und da mal ausprobieren. Mal sehen, was daraus wird…

Lotar Martin Kamm: Das Gleichnis mit dem Song „The House Of The Rising Sun“ paßt natürlich vortrefflich, um mit eigenem Text die Verbrechen rechter Gewalt zu verdeutlichen, sowie sie wie unter dem Video geschehen, beim Namen zu nennen. Selbst wenn Sie das Original für sich belassen wollen, was gleichzeitig Ihren Respekt unterstreicht. Entsprechend bösartige Kommentare ließen nicht lange auf sich warten. Wie gehen Sie damit um?

Trubartic: Ich war zunächst natürlich entsetzt darüber! Insbesondere die sexuellen Gewaltphantasien einiger Kommentatoren zu den weiblichen Mitgliederinnen meiner Familie sind für mich außerordentlich abstoßend und beängstigend. Diese Form von Menschenfeindlichkeit gegenüber Frauen ist bei der AfD und anderen Rechtsradikalen leider weit verbreitet, wie immer wieder zu lesen und zu hören ist.

Ich bin in meiner Menschenachtung aber sehr konsequent, Herr Kamm. Das schließt alle Menschen ein, mögen sie noch so widerlich und ekelhaft sein. Extrem erklärt, stelle mir die rechtsradikalen Massenmörder Anders Behring Breivik, Mohammed Atta – oder kriegstreibende Geschäftsleute und Politiker in aller Welt – als kleine Jungen vor – und tiefste Trauer treibt mir Tränen in die Augen.

An erster Stelle für ihre Opfer, deren Angehörige und Freunde!

Aber auch für die bestialisierten Täter. Das ist ein mitunter fast unerträgliches Grundempfinden von mir, das mir immer wieder schwere innere Kämpfe bereitet…

Tatsache ist, dass mich die fiesen Kommentare empören, mein Trauergefühl und mein Mitleid über die ernstzunehmenden Kommentatoren aber überwiegt. Ich gebe Menschen nach meinen Möglichkeiten prinzipiell nicht verloren, auch nicht, wenn ich bis ins Mark entsetzt bin von ihren schlimmen Äußerungen und ihren Taten. Ich glaube, dass es irgendwo in ihnen Andockstellen gibt, sie der Menschenverachtung zu entziehen. Wenn ich solche Leute unter meinen Liedern entdecke, schreibe ich oft mit ihnen, wenn sie mich lassen. Und manchmal fühle ich auch, dass da was ankommt…

Lotar Martin Kamm: Simon & Garfunkel wunderschön für den eigenen Song präsentiert bei „Für AfD Wähler und Pegida Gänger: Keine Ahnung?“ Man sieht Sie vor einem Studio-Mikro, was die Frage nach sich zieht, ob neben dem YouTube-Film auch eine CD daraus entstand?

Trubartic: Leider gibt es noch keine CD. Ist aber in Planung. Da dieses Projekt bisher ein privatpolitisches Engagement ist, lassen sich die Kosten glücklicherweise sehr klein halten. Das bekommt mit CDs und Auftritten dann eine andere Dimension, die ich momentan weder meinen daran beteiligten Freunden, noch meiner Familie zumuten möchte. Aber ich denke, zur richtigen Zeit wird sich sicher etwas ergeben.

Lotar Martin Kamm: Zum Schluß des Interviews möchten wir Ihnen gern Gelegenheit geben, vielleicht selbst den ein oder anderen Kommentar über Ihr Schaffen hier zu ergänzen.

Trubartic: Ich kann die Wut der vielen Leute verstehen, die sich im Stich gelassen fühlen: Kinder- und Altersarmut, Hartz 4, Zwei-Klassen-Gesundheitssystem, Agenda 2010, Neoliberalismus, Privatisierungen, die fortschreitende Umverteilung nach oben, der immer unverschämter werdende globale Finanzkapitalismus – der sich mit immer größer werdenden Schritten seiner sozialen Verantwortung entzieht (dabei habe ich gar nichts gegen diese bekloppten Kapitalmessis! Aber !!!! Krieg!! Mord!! Unterdrückung!! Ausbeutung!! Waffenexporte!! Hunger !! Elend!! Umweltvernichtung!! Soziale Verantwortungslosigkeit!! Ausgrenzung!! … !! Das darf nicht sein, kein Wirtschaftssystem und kein zynischer, arroganter und mörderischer Kapitalgeilismus sollte so etwas verursachen dürfen!! Nirgendwo!!).

Dass die neuen Rechtsradikalen in aller Welt mit ihren populistischen Antworten irgendetwas verbessern, kann ich nicht glauben. Das wollen die auch gar nicht! Allein deren zynischer Brutalverbalismus zeigt, in welcher unsäglichen Tradition diese Leute stehen.

Vor zwei Jahren habe ich dieses Projekt angefangen mit dem Lied Gegen Pegida. Jetzt ist der zwölfte Song fertig, das Video ist geplant und wird vielleicht im Juli bei YouTube hochgeladen. Es heißt Am Stadtrand (Melodie: Louis Armstrong – What a wonderful world) und handelt von Häusern für geflüchtete Menschen – von Leuten, die dort leben und anderen, die dort arbeiten.

Mittlerweile 53.000 mal wurden meine Lieder bei YouTube angeklickt, auf meiner Facebook – Seite sind es nochmal so viele, und ich habe ein paar Hundert Abonnenten auf beiden Seiten.

Das mag vergleichsweise wenig sein, für mich ist das ziemlich überwältigend – und ich bedanke mich ganz herzlich dafür.

Mittlerweile kriegt das ganze Ding auch eine Eigendynamik. Es gibt neben den unerfreulichen rechtradikalen Entwicklungen viele politische und soziale Themen, die besungen werden sollten. Das werden sie sicher auch, leider übernimmt noch nicht einmal die öffentlich–rechtliche Presse die Gelegenheit, diese adäquat zu veröffentlichen. Politische Musik hat es nicht leicht und wird in der Regel auch nicht gefördert. Das ist sehr schade!

Neue Möglichkeiten gibt es jetzt glücklicherweise in Eigenregie über die sozialen Medien. Vielleicht ist das, was ich da mache, ja auch eine neue Art des uralten politischen Bänkelgesangs, …ich freue mich jedenfalls, dass ich das mitmachen kann und sowieso… über jeden, der oder die mir zuhört.

Lotar Martin Kamm: Vielen lieben Dank für das aufschlußreiche Interview.

Trubartic: Ich bedanke mich auch!

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Für Vampire schmecken Schmetterlingsflügel
wie mehrfach gebrauchtes Filterpapier.
Sie saß am Pier.

Möwen streiten sich über hartes Brot,
das selbst im Wasser nicht aufweicht.
Sie lutscht an einem Eis.

Keine Bäume stehen auf der Brandungsmauer,
Hunde pissen an die Straßenlaternen.
Sie will sich aufwärmen.

Den Rücken gekrümmt vom Tragen,
vom Hunger der Bauch gebläht.
Sie macht wohl Diät.

Verliebte Pärchen halten Händchen,
Kinder toben, Menschen schlendern.
Sie kann´s nicht ändern.

Spatzen schlemmen Waffel mit Eis,
Essen beim Sonnenuntergang gibt’s öfters hier.
Sie lag auf dem Pier.

Schmetterlingsflügel ausgespuckt
wie mehrfach benützter Kaugummi.
Sie war, gelebt hat sie nie.

Nafia

Kategorie: Gedichte

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Richard Grenells Tage sollten gezählt sein

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Wenn losgelassene „Kettenhunde“ vollmundig tönen

Wer sich auf die Meinungsfreiheit beruft, gleichzeitig aber mit einer unverkennbaren Propaganda aufwartet, erst recht als Diplomat, der hat nicht nur seinen Job verfehlt, der sollte seine Koffer packen und nach Hause fliegen. Ein Richard Grenell, den Martin Schulz vollkommen zu Recht als „rechtsextremen Kolonialoffizier“ bezeichnete, hat nicht nur sein Amt als US-Diplomat mißbraucht, sondern entpuppt sich obendrein als „Kettenhund“ Trumps, der jetzt vollmundig in Deutschland herumtönen darf.

Allerdings stellt die Bundeskanzlerin erneut ihre zögerliche Haltung unter Beweis, keine gute Voraussetzung, um auf weltpolitischen Parkett zu punkten. Gerade The Donald wird das für seine Zwecke ausnutzen, erst recht sich aufgefordert fühlen, den Kurs des America First fortzusetzen, damit Europa schwächen, falls es nicht an einem Strang zieht, was in etlichen Bereichen ohnehin der Fall ist.

Von Einsicht keine Spur

Ganz im Gegenteil, das US-Außenministerium betont, daß Botschafter ein Recht haben, ihre Meinung zu äußern. Das mag für den privaten Bereich durchaus gelten, als Botschafter in Deutschland hat er dies aber zu unterlassen, selbst wenn es keine ausdrückliche Regelung gibt, die dies ihm untersagt.

Was soll man schon von diesem neuen Botschafter halten, der den jüngst ins Amt gewählten österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz als „Rockstar“ bezeichnet? Nichts, denn es gibt schlichtweg keine Rockstars in der Politik, allein seine Wortwahl verdeutlicht die typisch US-amerikanische Selbstüberschätzung, diese Mischung aus Glamour und Storryteller, aus Wild-West-Manier und Weltherrschaft, die das Verhalten des Hegemon nur noch unterstreicht!

Die Weltpolitik täte gut daran, endlich dem „blonden Dollen“ klare Kante zu zeigen

Noch ist es dafür nicht zu spät, bevor die Schäden immer größer werden. Die politische Schneise einer unberechenbar cholerisch geprägten Handlungsweise hat schon genug Beispiele geliefert, wohin die Reise jenes Donald Trump führt. Das Ausklinken aus dem Pariser Abkommen, das Ende des Iran-Atomabkommens, die daraus resultierende Nötigung den verbleibenden Unterzeichnerstaaten gegenüber, in erster Linie die Europäer zu verprellen und ihnen zu drohen, die Erhebung US-amerikanischer Zölle, die Streichung etlicher Sozialleistungen, sodaß die ohnehin große Armut in den USA erst recht zunimmt, sind nur ein paar Beispiele des politischen Kurses dieses 45. Präsidenten.

Von den enormen Kosten, die er für sich und seine Familie beansprucht, sowie die ständigen Wechsel im politischen Umfeld als auch die weiterhin anhaltenden offenen Fragen zur Wahl im Kontext zu Russland mal ganz zu schweigen. Da mag ihm ein Richard Grenell ganz genehm sein, um mal im Herzen Europas, in Deutschland, ordentlich aufzuräumen, den unübersehbaren Ruck hin zum Rechtsextremismus zu stärken. Grund genug, diesen ins nächste Flugzeug zu verfrachten, um per One Way Ticket gen USA zu senden.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Politik

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