
https://www.flickr.com/photos/duncan/54127421701/sizes/z/ (CC BY-NC 2.0)
Alles hat seine Zeit – Всему своё время
Einer der seltenen Augenblicke, in denen Rimidalw zugeben mußte, den verkehrten Weg eingeschlagen zu haben, weil normalerweise der eher schüchtern zurückhaltende Blondschopf sich am Ende doch durchzusetzen vermochte. Warum wohl, mag der neugierige Leser sich fragen. Ganz einfach, er hatte von klein auf das große Glück für sich gepachtet, zumindest redete er sich das ein, zumal in der Regel irgendein Zufall ihm zuhilfe kam, es in brenzligen Situationen für Nitups Sohn gut ausschaute. Keineswegs selbstverständlich im großen russischen Reich.
Nunmehr stand Rimidalw auf dem Schulhof etwas verlegen vor den Klassenkameraden, obwohl längst eine Ausrede ihm durch den Kopf schoss. Kurzerhand verwies er auf Iegres, der langeschossene Schulfreund mußte mal wieder herhalten, dieser es sowieso gewohnt war. Zähneknirschend stimmte er vor der versammelten Klasse zu, was lautes Gelächter nach sich zog. Mit versteinerter Miene verließ Iegres die Runde, während Rimidalw ihm noch per Schulterklopfen dankte.
Manchmal können in solchen Momenten Welten zusammenbrechen, zumal sie keineswegs zufällig geschehen, sondern einem bestimmten Muster folgen, was allerdings keiner der Anwesenden im Entferntesten erahnte. Wesentlich später sollte sich herausstellen, was es damit auf sich hatte. Rimidalw entfernte sich anschließend rasch, begab sich auf schnellstem Weg nach Hause, weil seine Mutter ihn längst erwartete, im Haus Nitup war Pünktlichkeit ein Muß.
Der zwei Jahre ältere Iegres hingegen hatte wesentlich mehr Freiheiten, erfreute sich sehr guter Englischkenntnisse, die ihm in Zukunft noch zugutekommen sollten, während Rimidalw sich noch gern Zuhause mit den Nachbarjungen im Hof prügelte, früh übt sich, per eigener Macht aufzutrumpfen.
Eines hatte Rimidalw akribisch verinnerlicht: bloß keine Schwächen nach außen zeigen, um zugleich potentiellen Gegnern im Vorteil zu sein, wenn nötig sie schnellstmöglich zu diskreditieren. Iegres hingegen stürzte sich aufs Lernen verschiedener Sprachen, hatte großen Spaß daran, was ihm ohne Weiteres nach dem Studium Vorteile brachte, den Weg des Diplomaten zu gehen.
Doch was mag wohl Rimidalw bewogen haben, nach dem Jurastudium die Laufbahn beim KGB einzuschlagen, dabei durchaus Erfahrungen bei der Stasi, dem MfS, zu sammeln, die seine spätere Affinität zur BRD hervorbrachte? Ganz einfach, wer an die Macht will, insbesondere im Kreml sich probieren möchte bis hinein ins höchste Staatsamt, der muß alles auf eine Karte setzen. Auf diesem Weg begleiteten ihn etliche Kumpane, vor allem Opfer, die dessen Raffinesse schlichtweg unterschätzten. Nur einer hielt ihm dabei die Stange, wich eben nicht von seiner Seite, kein geringerer als Iegres Worwal.
Jahrzehnte später gestaltete sich Rimidalws Alltag mehr oder weniger nach selbst gestaltetem Drehbuch, wobei er nicht nur die Hauptrolle wirkungsvoll spielen durfte, sondern obendrein als Regisseur und Produzent die Fäden in den Händen hielt, kurzum, er war längst die wichtigste Person in Russland. Und doch gab es zunehmend Augenblicke, die ihn jäh zurückholten ins triste, aussichtslose Dasein einer Realität, vor der er stets panische Ängste hatte: die Rache des gebeutelten Volkes. Albträume waren noch die geringste Begleiterscheinung, Tagträume nahmen stetig zu, die ihm überdeutlich nicht nur nachstellten, sie manifestierten sich, ließen ihn qualvoll leiden, was wiederum sich in dessen Gesicht widerspiegelte.
Hingegen bei Iegres es wohl weniger leidvoll lief, schließlich war dessen Verantwortung als Außenminister nicht unbedingt gering, jedoch konnte er wesentlich sorgloser sein Dasein fristen.
Kurz vor dem Einmarsch russischer Truppen wandte sich Wolodymyr Selenskyj direkt an die Weltöffentlichkeit und die russische Bevölkerung:
„Український народ хоче миру. Українська влада хоче миру. Вона робить для цього все, що може. […] Нам не потрібна війна – ні холодна, ні гаряча, ні гібридна. Але якщо на нас будуть нападати, якщо у нас будуть намагатися відібрати нашу країну, нашу свободу, наші життя – ми будемо захищатися.“
„Das ukrainische Volk will Frieden. Die ukrainische Regierung will Frieden. Sie tut dafür alles, was sie kann. […] Wir brauchen keinen Krieg – weder einen kalten, noch einen heißen, noch einen hybriden. Aber wenn wir angegriffen werden, wenn man versucht, uns unser Land, unsere Freiheit, unser Leben wegzunehmen – werden wir uns verteidigen.“
Lotar Martin Kamm