Proleten benötigen banale Parolen

Jeder ist sich selbst der Nächste

Es stinkt schon nach starkem Tobak, wenn fast dreißig Prozent Wähler eines Bundeslandes ihr Kreuzchen bei einer Partei hinpinseln, die eindeutig Faschismus, Rassismus versprüht. Diktatorische Parolen brüllen und fast im gleichen Atemzug überheblich grinsend, wie als ob sie Kreide gefressen hätten, einbalsamierend tönen, das meinen wir nicht so, wir sind liebe Patrioten.

Die Heimatverliebten sorgen wieder für Ordnung, Gesetz, daß das Alte erhalten bleibt. Frauen wieder das Heimchen am Herd verkörpern, wie es sich von Anbeginn aller Zeiten gehört, Feminismus eine von Furien, männerfeindlichen Weibern hervorgerufene Propaganda, die nur dazu dient, Männern ihren angestammten Platz als Ernährer, Erzeuger und Wortgeber streitig zu machen, deshalb wird das Scheidungsrecht erschwert, Frauenhäuser geschlossen, Abtreibungen mit Teufelswerk betitelt.

Aufklärung gibt es bei rechten Parteien nicht, sie achten auf Anstand und Sitte, je weniger die Kinder und Jugendlichen informiert sind, desto einfacher ist es, dafür zu sorgen, daß ihre Sexualität nur zum Fortbestand der Kultur beizutragen hat. Zöpfe, was habt ihr eigentlich gegen Greta, stramme Hosen, lange Röcke, Trachten sind die unbedingten Kennzeichen eines aus dem Trauma der offenen Gesellschaft aufgewachten Jungvolks.

Jeder ist sich selbst der Nächste, deshalb muß jeder für sich selbst aufkommen, gelle. Keine sozialen Auffangnetze mehr. Alles wird privatisiert, Rente, Krankenkasse. Nur die Steuern, die werden weiterhin auf allen lasten und natürlich auf denen am meisten, die mehrheitlich den größten Anteil an der Bevölkerung stellen, den Arbeitern und Angestellten. Die Wirtschaftsbosse sind schon genügend damit überfordert, denen Arbeit zu beschaffen, deshalb benötigen sie als Ausgleich Steuererleichterungen.

Nicht vergessen, jeder bekommt Zusatzboni fürs Denunzieren, da läppert sich über die Jahre sicher ein fettes Pölsterchen an. Denn wer sich auf die faule Haut legt, kann ansonsten nicht mit Erbarmen rechnen, egal ob krank, gesund, zu tun gibt es genug, denn die links-grün-versifften Toleranten wollen erkannt und benannt werden. Schließlich ist es zu aller Vorteil, in einem von intellektuellen Wichtigtuern befreiten Land zu leben. Dann gibt es keine Widerrede mehr, dann herrscht einig Meinungsfreiheit.

Und es läßt sich nicht leugnen, wer rechte Parteien als Lösung aller Probleme ansieht, der will Absolution für all sein herrisches Verhalten gegenüber allem und jedem, das ihm nicht in den Kram paßt. Sie wollen keinen Diskurs, sie wollen Diktatur. Herr Gauland hat so treffend vor der Wahl dies klargestellt. „Sollten Sie Freunde oder Bekannte haben, die sich vor der Machtergreifung der AfD ängstigen, sagen Sie denen bitte, unter der AfD wird niemand verfolgt.“

Nach der Machtergreifung wird niemand verschont, wäre wohl ehrlicher gewesen. Dies ist im Sinne ihrer Wähler, endlich denen eins auszuwischen, die einem schon lange auf den Sack gehen. Eine bessere Politik gibt es nicht, um endlich wieder jene auszuräuchern, denen es vermeintlich besser geht. Die will man in ihre Schranken weisen. Um nichts anderes geht es, als um Rache, egal ob man dafür selber Einbußen hinnehmen muß. Aber das wird nicht passieren, schließlich haben die Kameraden Ehre und Loyalität im Leib. Und wer sich’s verscherzt, selber schuld.

(Proletarier, lateinisch von proles, Nachkomme, jemand, der als einzigen Besitz seine Kinder hat) „Seit 1830 wird der Begriff zur Bezeichnung der pauperisierten Unterschichten verwendet, die als Gefahr für die soziale und politische Stabilität angesehen werden.“ Wikipedia

Haben Marx und Engels noch die Hoffnung gehegt, daß sich Proletarier aller Länder vereinigen sollen, haben es die neuen Rechten einfacher, wenn sie die Proleten (Banause, laut Duden) „Banause, Mensch mit unzulänglichen, flachen, spießigen Ansichten in geistigen oder künstlerischen Dingen; Mensch ohne Kunstverständnis und ohne feineren Lebensstil“ zur gemeinsamen Verteidigung ihrer kleinkarierten Weltanschauung mobilisieren.

Am liebsten aber wäre es für die “Heilsbringer“, wenn sie nur noch Lethargiker, abgestumpfte, interessenlose Menschen (Lethargie, Geistesträgheit, Gleichgültigkeit, Desinteresse, Stumpfsinn) alle paar Jahre mit verheißungsvollen Parolen hervorlocken können, um ihren Dunstkreis mit einem Kreuzchen zu untermalen.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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Sachsen- und Brandenburg-Wahl: Links verliert, rechts gewinnt

Im Osten Deutschlands ticken die Uhren verkehrt

Geschichtsbewußtsein scheint bei einem gewissen Teil der Wählerschaft nicht vorhanden zu sein, man blendet mal soeben sowohl die Nazi- als auch die SED-Herrschaft aus, um auf die „Rattenfänger“ jener AfD hereinzufallen, ihnen vollmundig zuzustimmen.

Entsprechend hoch darf sich die angebliche Protestpartei glücklich schätzen als der Wahlsieger in beiden Landesparlamenten, wenn auch nicht in Regierungsverantwortung. Das möchte man sich besser erst gar nicht ausmalen, was dann geschehen würde.

Ergebnisse im Einzelnen

In Brandenburg konnte die AfD ihr Wahlergebnis von 2014 nahezu verdoppeln, während in Sachsen es noch dramatischer zuging, ihr beinahe eine Verdreifachung hinzugewonnener Wählerstimmen gelang.

Ganz anders bei den Linken. Sie muß als die Partei der größten Wahlverlierer gewertet werden, in Sachsen verlor sie 8,5% und in Brandenburg 7,9% ihrer Stimmen.

Dabei sollte die CDU nicht gleich frohlocken, hat sie doch in beiden Bundesländern gar mehr Stimmen einbüßen müssen als die in letzter Zeit so viel gescholtene SPD. In Sachsen ein Minus von 7,3% und in Brandenburg von 7,4%, während die Sozialdemokraten in Brandenburg 5,7% verloren und in Sachsen 4,7% der Stimmen.

Für die Grünen setzte sich ihr Trend fort, mehr Wähler hinzuzugewinnen, in Sachsen ein Plus von 2,9% und in Brandenburg von 4,6%. Die FDP erreichte in beiden Landtagen nach wie vor nicht die erforderlichen 5% trotz leichten Stimmengewinnen.

CDU und SPD weiterhin hauptsächlich in Regierungsverantwortung

Ende gut, alles gut? Mitnichten! Zwar konnte noch schlimmeres verhindert werden mit zeitweise dramatischen Prognosen, daß zumindest in Sachsen diese rechtsextreme AfD gar die Partei mit den meisten Stimmen sein würde, dennoch sollten sich die demokratischen Kräfte nicht darauf verlassen, daß es dabei bleibt. Die Landtagswahl in Thüringen steht am 27. Oktober bevor, wo Die Linke und die CDU nur knapp vorne liegen, eine AfD durchaus noch punkten könnte, während die Grünen längst an der SPD vorbeiziehen, mit Blick zur INSA-Umfrage vom 22. August.

Dennoch aufatmen, daß keine AfD mitregieren darf? Natürlich. Trotzdem verbleibt der fade Beigeschmack, wie simpel sich Wähler beeinflussen lassen mit einfachen Haßbotschaften, ohne nennenswerte Lösungen zu vermitteln, diese Rezeptur aus zurückliegenden Nazi-Zeiten greift im Herzen Europas, in Deutschland erneut. Das ist der eigentliche Skandal!

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Politik

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Herz früh verbogen

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Eingebleut
haben mir die Leut,
sittsame Strenge,
egal wohin ich gänge,
wäre edel,
wär wie ein Wedel,
wie Fahnen,
Zeugnis guter Ahnen.

Niemand ist rot geworden,
keusche Moral verleiht Orden,
und –
rund –
der Erdenball,
ein Knall,
alles gelogen,
mein Herz früh verbogen.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Gedichte

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CSYOU- welch dreister Clou

Wenn ein Armin Petschner loslegt

Mit Rezo habe er so gar nichts zu schaffen, kein Thema, Ähnlichkeiten seien rein zufällig. Das verhält sich gerade so wie ein per Kamera ertappter Dieb, der alles abstreitet, obwohl die Bilder ihn hundert prozentig entlarven. Ausgerechnet die Welt kommentiert entsprechend frohlockend, betont, wie er sich nach 20 Sekunden Greta Thunberg vornimmt.

Na sicher doch, ein willkommenes Thema dreister Häme, man reitet auf den Segeltörn gen USA herum, wie klimaschädlich ihre Aktion doch gewesen sei, um im nächsten Atemzug die Regierungsarbeit der GroKo zu lobhudeln. Propaganda in eigener Sache, dermaßen viele Parallelen zu Rezo, daß dessen Dementi lächerlicher kaum noch sein kann!

Die CSU liefert

So per Hashtag zu lesen im YouTube-Filmchen. Na, was liefert sie denn? Denken wir zurück an den unglückseligen Heimat- und Innenminister, derjenige, der als Spaltpilz so triebig sich ins Zeug legte, damit gar der AfD einen Bärendienst erwies. Alles keine Absicht sein sollte, wie man gern abwiegelte. Pustekuchen. Am Ende sind sich Rechtskonservative meist einig.

Ob ein Scharfmacher wie Dobrindt oder dessen Nachfolger Andreas Scheuer, im Bundesverkehrsministerium jagt eine Pleite die nächste – aber Hauptsache politisch herumtönen. Nachdem jahrelang die CSU sich in der Landwirtschaft versuchen durfte, folgte prompt die Ablösung, ausgerechnet mit jener Julia Klöckner, deren „rosarote Welt“ äußerst fragwürdig aufwartet. Aber das interessiert die meisten Wähler kaum, Hauptsache das C im Parteinamen ein Garant für Wirtschaftsstabilität. Welch Nonsens, vor allem im Sinne der Umwelt, des kleinen Mannes!

Bloß keine eigenen Ideen entwickeln

Es lebe das Nachäffen, so das Fazit zum YouTube-Versuch, den man unverblümt als gänzlich mißglückt werten muß, wer sich eben nicht so simpelst einlullen läßt. Anstatt den großartigen Verdienst, den gerade Greta Thunberg an den Tag legt, zu würdigen, zieht man die Schülerin lieber durch den Kakao, begibt sich ins selbe Fahrwasser wie die gesamte Neue Rechte, die bekanntlich in den Social Media sie tagtäglich verunglimpft.

Prima Steilvorlage für rechte „Dumpfbacken“, die ohnehin im Osten bei den Landtagswahlen Stimmengewinne wittern, da es hierzulande genügend Menschen gibt, die denen noch auf den Leim gehen, anstatt endlich mal aufzuwachen, wohin dies führen könnte: direkt in einen totalitären Staat, kürzer ausgedrückt, in den Faschismus. Darauf auch noch stolz sein, Herr Petschner? Mitnichten!

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Meinung

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FFF erobert die Welt

Greta inzwischen in New York,
Menschen begeistert.
Manch einer zutiefst besorgt,
Reichtum uns weiterhin verscheißert.

Es zählt kein beherztes Tun,
um die Umwelt zu schonen.
Immer mehr werden nicht länger ruh’n,
solche Verbrechen sollen sich nicht lohnen.

Die Zahl der Widerstände wächst an,
ob es manch Herrschaft paßt oder nicht.
Egal was Bösartigkeit bisher ersann
oder gar erneut hintersinnig verspricht.

Die Schandtaten sind längst ausgesprochen,
jetzt geht’s um gezieltes Handeln.
Zuviel wurde bisherig verbrochen
beim unerschrockenem Verschandeln.

Fridays For Future – das macht Mut,
mögen sich noch mehr hinzugesellen.
Verständlich jene Ohnmacht, jene Wut,
zu Ende jenes heuchlerische Verstellen!

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gedichte

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Was können wir Demokraten dem Populismus und den Populisten entgegensetzen?

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Um direkt auf den Kern zu kommen, verzichte ich auf eine Darstellung der Geschichte des Populismus sowie Definitionen von Populismus. Wer sich mit dem Thema Populismus vertiefend beschäftigen will, dem empfehle ich: Thorsten Beigel und Georg Eckert (Hrsg.). Populismus. Varianten von Volksherrschaft in Geschichte und Gegenwart. Münster 2017. Das Buch kann – i.d.R. – kostenfrei bei den Landeszentralen und der Bundeszentrale für politische Bildung bezogen werden.

Wir müssen den Populismus und die Populisten ernst nehmen, weil sie als Warnsignal heilsame Anstöße für die Demokratie geben können. Dies auch aus der Perspektive, dass Demokratie ständig neu geschaffen wird. Also: Das Negative zum Positiven wenden.

Populismus und Populisten kennzeichnet ein Alleinvertretungs- und Monopolanspruch, der Nicht-Populisten die Legitimität abspricht, mit der Konsequenz von Antipluralismus. Damit wird die Demokratie negiert. Um davon abzulenken und Sündenböcke zu kreieren, richten sich Populismus und Populisten gegen „die Elite“ – ohne zu definieren, welche konkreten Menschen das sind – sowie Flüchtlinge / Migranten / Ausländer inklusive der von ihnen als solche klassifizierten Menschen, selbst mit deutscher Staatsbürgerschaft, die für alle Probleme und Übel verantwortlich gemacht werden. Bei den extremistischen Populisten verbunden mit Mord- und Ausrottungsphantasien, die sie auch öffentlich im Web, so auf Facebook, äußern. Ebenso wird generell Betrug durch „die Elite“ behauptet, ohne jeden konkreten Beleg.

Das populistische Politikverständnis ist linear: keine Differenzierung, kein politisches Aushandeln von Kompromissen, das verbunden mit einem stigmatisierenden politischen Sprachgebrauch, oft mit Hass auf Personen und Gruppen verbunden. Populisten kennen die richtigen Antworten immer schon vorher, sind auch deswegen – rationalen – Argumenten so gut wie nicht zugänglich.

Dennoch: Das Argumentieren ist und bleibt extrem wichtig, um ins Abgleiten in die populistische Welt befindlichen Menschen in das demokratische Spektrum zurückzuholen. Die populistische Welt hat den Charakter einer – politischen – Sekte, eines politischen Glaubens, mit allen Attributen einer Sekte.

Um medienpräsent zu sein, werden gezielte Provokationen gesetzt. Warum fangen Journalisten jedes Stöckchen von AfD-Provokation? Gibt es keine intelligenteren journalistischen Mittel des Umgangs mit diesen bewussten Verstößen gegen den demokratischen Anstand?

Dabei geht es immer um Konsonanz (1), nicht Dialog. Das bedingt wechselseitige Bestätigung von Vorurteilen in einer Blase, das besonders im Internet, die sich nach außen, gegen die als feindlich wahrgenommene Umwelt, abgrenzt, in sich geradezu pathologisch aus der Realität verrückt ist. Dies verbunden mit Schwarz-Weiß-Extremismus, Feindbildern, extremen Vereinfachungen, Lügen, Fakes und Verschwörungstheorien. So wird die Blase gegen jedes Argument abgeschirmt, Argumente werden nicht oder nicht als Argumente wahrgenommen.

Die Menschen in der Blase erklären sich kollektiv für das Ganze, das Volk. „Wir sind das Volk.“ Wir haben Recht. Und weil wir Recht haben, brauchen wir nicht zuzuhören, und dürfen „die Elite“ und deren Vasallen verachten und hassen. Wer uns nicht uneingeschränkt zustimmt, gehört nicht zum Volk, steht „der Elite“ zumindest nahe, ist deswegen dumm und uneinsichtig, und ist ein Volksverräter – wir hassen ihn.

Es findet eine Verschiebung zum Dezisionismus (2) statt. Besonders hier wird der Anschluss des Populismus und der Populisten an die Apologeten der „Konservativen Revolution“ im Deutschland des Vor-Nationalsozialismus deutlich. Die Hitler und die Nationalsozialisten förderten.

Aktuell in den USA drückt sich diese Ideologie bei den republikanischen Trump-Populisten in der Gleichsetzung des Liberalismus der Demokraten mit dem Kommunismus aus. Steve Bannon will dies nun auf Europa transformieren.

Eine erfolgreiche populistische Bewegung weist auf eine Schwäche des repräsentativen Systems hin. Politik wird immer mehr eine Art Allzuständigkeit, Alleinverantwortlichkeit für das Leben zugeschrieben. Wodurch sich insbesondere Populisten bedrängt, bedroht und herausgefordert sehen, so auch durch die Globalisierung. Von der Politik, die sie andererseits grundsätzlich ablehnen, erwarten sie, das sie die Antworten weiß und umsetzt. Die sie andererseits bereits für sich reklamieren; das ist geradezu schizophren.

Politik ist so chronisch überfordert, und das wird als Politikversagen diffamiert. Dies auch von Medien, die damit ihren gesellschaftlichen Auftrag diskreditieren. Die Selektions- und Präsentationslogik von Medien lädt zu Populismus geradezu ein. Verantwortliche Medienmacher müssen dies reflektieren und Konsequenzen ziehen. Im medialen Scheinwerferlicht werden die Schwächen von Politikern schonungslos zur Schau gestellt, ebenso individuelle Verfehlungen und Unzulänglichkeiten. Auch Politiker haben ein Recht auf Privatsphäre, so wie Medienmacher.

Andererseits ist eine zunehmende Selbstbezüglichkeit der politischen Klasse im Sinne von „vom Studium ins Parlament in die Rente“ zu konstatieren. Verbunden mit Alltagspopulismus: Die eigene Überzeugung aufgeben, um den Parteileadern und Wählern zu sagen, was sie – vermeintlich – hören wollen. Das kann gefährlicher als Populismus sein. Hier entgegenzusteuern, bedeutet, dass Parteien politische Karrieren anders regulieren müssen. Berufstätigkeit vor einem Mandat und Begrenzung auf z.B. zwei Legislaturperioden, nach der folgenden Berufstätigkeit die Möglichkeit der erneuten Kandidatur. So würden diese Politiker unabhängiger von Anpassungsdruck, könnten eher dem im Grundgesetz definierten Ideal des freien Mandats entsprechen.

Wenn sich in der Zivilgesellschaft Protest gegen Populisten und ihre Parteien regt, haben sie ein machtpolitisches und symbolisches Problem. Das deuten sie um, in dem zivilgesellschaftliche Akteure diffamiert und diskreditiert werden. Das mit allen denkbaren – und undenkbaren – Mitteln, bis hin zu Mord- und Vergewaltigungsdrohungen sowie direkter psychischer und physischer Gewalt. Hier muss der Rechtsstaat, verantwortliche Polizisten, Staatsschützer, Verfassungsschützer, Staatsanwälte und Richter, mit allen zu Gebote stehenden rechtsstaatlichen Mitteln bis an die Grenze des Legitimen agieren und reagieren.

Weil in der Politik Ansprüche aus dem populistischen Spektrum Anfangs einfach abgeblockt und ignoriert wurden, hat dies zu einer Extremisierung von Populisten beigetragen. Demokratische Politiker müssen sich ernsthaft bemühen zu verstehen, welche Beschwerden der Populisten vielleicht berechtigt sind. Sie müssen aber auch deutlich machen, wo die demokratische Auseinandersetzung an ihre Grenzen stößt: Wenn Populisten mehr oder weniger offen die Systemfrage stellen, oder mit ihren gängigen Verschwörungstheorien die Welt erklären, müssen demokratische Politiker unmissverständlich erklären, dass hier das Terrain der legitimen demokratischen Diskussion über Interessen und Identitäten verlassen wird.

Demokratische Politiker müssen immer wieder deutlich den Respekt vor dem Gegenüber, den Respekt vor Fakten, die Überzeugung mit vernünftigen Gründen sowie die Bereitschaft zuzuhören und Argumente abzuwägen, einfordern, verbunden mit einem Mindestmaß an Distanz zur eigenen Position. Das bedeutet, um mit Max Weber zu formulieren, das Bohren dicker Bretter. Genau das ist die Kernkompetenz guter demokratischer Politik.

(1)

Konsonanz ist die Übereinstimmung einer Nachricht mit vorhandenen Vorstellungen und Erwartungen. Dazu eine Anmerkung, die hier legitim sein muss: Insbesondere „Bild“ treibt dies in den letzten Monaten bis zum Exzess. Das ist weit jenseits von Journalismus.

(2)

Dezisionismus, lateinisch Entscheidungspunkt, ist eine politische und juristische Theorie, nach der alle Prinzipien – der Erkenntnis, der Ethik, des Rechts, der Politik etc. – primär auf Willensentscheidungen und nicht auf rationalen Begründungen beruhen. So kann es keine allgemein verbindliche Begründung von Werten und ethischen Positionen geben. Mit anderen Worten: Die Macht des Stärkeren und Willkür. Eine Form von Neo-Sozialdarwinismus.

Lothar Klouten

Kategorie: Politik

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Amazonas-Waldbrände: Sabatoge wider der Natur

Bolsonaro agiert wie ein Despot

Eigentlich keineswegs verwunderlich, was in Südamerikas größtem Land geschieht mit solch einem Präsidenten, zumal normalerweise ein Tropenwald nicht brennbar ist. Despoten nehmen niemals Rücksicht auf menschliche Belange, Umweltschutz daher genauso behandelt wird wie eine Schmeißfliege, die man lästig am besten vernichtet.

Es interessiert einzig und allein das eigene Wohl, Reichtum par excellence. Mit jenem blonden Dollen hoch oben im Norden der Neuen Welt und etlichen anderen Gleichgesinnten in Europa läßt es sich vortrefflich schalten und walten. Unfaßbar!

Viel Rauch um nichts oder eher um alles?

Den weltweit größten Regenwald im Amazonasgebiet, hauptsächlich in Brasilien, sollte die Menschheit wesentlich ernster beobachten und entsprechend eingreifen, wenn dieser nonchalant vernichtet wird. Viel zu lange haben die mächtigen Industrienationen weggeschaut bei stetiger Rodung, um allen voran den Soja-Anbau zu unterstützen, damit Fleischesser nicht auf ihren Burger verzichten müssen – Massentierhaltung bleibt weiterhin bestehen.

Nicht nur das so wertvolle Ökosystem wird zerstört, darüber hinaus offenbaren sich die Schadstoffe der Brände als die größte Gesundheitsgefahr. Das scheint ganz offensichtlich Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro schnurzpiepegal zu sein, dieser Machtmensch verzettelt sich lieber in Nebenschauplätzen mit dessen respektloser Äußerung gegen Macrons Ehefrau Brigitte. Jene Ablenkung ist ihm aber gänzlich mißglückt.

G7-Gipfel alles andere als erfolgreich

Selbst wenn nach außen hin Emmanuel Macron als „Trump-Flüsterer“ gewertet wird. Das muß man bezweifeln, seit wann lassen sich „blonde Dolle“ zähmen? Welch Illusion, jener kurze positive Rausch wird schneller vorbeiziehen als sämtliche Rauchsäulen über Brasilien. Was Trump heute als „erfolgreich“ hinstellt, vermag morgen wieder mit Twitter-Gewittern vernichtet werden, auf diesen US-Präsident ist alles andere als Verlaß, zu unbeständig zeigt sich seine bisherige Regierungsbilanz.

Obendrein sorgte eine völlig überzogen Präsenz der Sicherheitskräfte vor Ort während des G7-Gipfels für genügend Unmut, „im ganzen französischen Baskenland wurde ein Demonstrationsverbot nach türkischem Vorbild durchgesetzt“ kommentiert Ralf Streck bei Telepolis. Von demokratiefreundlicher Politik keine Spur, wenn Medien gezielt behindert werden, die französische Menschenrechtsliga von nicht „hinnehmbaren Einschüchterungen“ spricht.

Trump und Konsorten sorgen für genügend Chaos

Wobei man unverblümt eine gezielte Absicht nicht nur vermuten sollte, sondern bereits feststeht. Die USA ursprünglich das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, oftmals auch im Negativen mit ihrer weltweiten Expansion, militärischen Eingriffen, sondern inzwischen sich deutlich zurückziehend, was weltweiten Zusammenhalt betrifft.

Trumps Politik des „America First“ trägt längst dessen herbeigesehnten Früchte. Welch faules, gäriges Obst, sehr zum Nachteil der US-amerikanischen Bevölkerung selbst! Wer wie Trump einem Bolsonaro die Nato schmackhaft macht, darf sich am Ende nicht wundern, daß dieser Despot mächtig über die Stränge schlägt. Unsere Mutter Erde wäre sehr gut beraten, das Verbrechen der Amazonas-Brände so schnell wie möglich zu stoppen.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Quergedachtes

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