Einmal Lunge, Herz und Nieren, bitte

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Seine letzten Bilder wirkten durchaus entsetzlich nach, flackerten ständig auf, so als ob sie ihm mitteilen wollten, Mensch erinnere dich, vergiß niemals, was soeben geschehen. Dennoch überkam ihn ein grausig eiskaltes Gefühl, welches er zunächst sich keineswegs erklären konnte. Wieso berühren mich diese Hände mit den seltsamen Gummihandschuhen, was haben die da an der Stelle verloren?

Als die Rettungskräfte eintrafen, bot sich ihnen ein völlig chaotischer Unfall, überall weit verstreut Kinderschokoladeneier, sie mußten höllisch aufpassen, um nicht wegzurutschen. Der rote Nissan war kaum noch als Auto zu erkennen, so zerknautscht hatten extrem heftige Kräfte gewirkt beim Zuammenprall, hingegen der 5er BMW nur vorne bis zum Führerhaus zusammengedrückt erschien, die restliche Karosse hatte ein paar wenige Schrammen, ein Bein hing aus der geöffneten Fahrertür merkwürdig verdreht heraus.

Hilfe, was machen sie? Die können doch nicht einfach mein Hemd, mein T-Shirt aufschneiden?

„Markus, sieh mal nach in seiner Brieftasche, ob der einen Ausweis mit einer Widerspruchserklärung hat. Hey, Andrea, ruf mal durch, ob er aufgeführt ist im Widerspruchregister. Macht hinne, die Zeit läuft gegen uns, ihr wißt doch, jedes Organ gibt Extraboni!“

Wie bitte? Habt ihr sie noch alle? Hallo, ich lebe noch!

Einer der Notärzte bemerkte ein leichtes Zucken bei Manfred Häußler, erklärte aber im nächsten Moment der Praktikantin Andrea, das sei normal, ein Reflex, aller Wahrscheinlichkeit sei der bald hirntot.

Gelsenkirchener Stadtkrankenhaus, Anfrage an die Rettungskräfte des Unfallorts auf der A61, ob denn Organspenden generell in Frage kämen, eine Patientin hätte erste Priorität auf eine Lunge, die Zeit eile. Eine Antwort blieb zunächst aus, generelle Ratlosigkeit beherrschte die hellerleuchtete Szenerie. Dazwischen ein Pulk von lästigen Gaffern, wie immer. Das nimmt Überhand in letzter Zeit, schoss es Notarzt Dr. Grewetzky durch den Kopf, völlig entnervt bat er die Polizeikräfte, für mehr Abstand zu sorgen.

Komisch so ein Helikopterflug, die Enge spürte er überdeutlich, vor allem die Anwesenheit der Leute ringsherum, der Lärm sorgte für noch mehr Belastung, von Ruhe und Gelassenheit konnte kaum die Rede sein, obwohl sie ihm noch auf der Autobahn die „Leck-mich-am-Arsch-Spritze“ verpaßt hatten. Die Psyche folgte ganz anderen, eigenen Regeln, die eben niemand wirklich einzuschätzen vermochte.

Ab in die Intensiv mit Herrn Häußler, ist auf bestem Wege zum Jordan, da kann man nichts mehr machen. Nur noch eine Frage der Zeit, bis wir ihn ausschlachten dürfen, wetzt schon mal die Messer.

Ohje, ham die ne Macke? Wat is’n dat für ne fiese Art. Na, sach mal! Manfred Häußler war vollkommen aufgewühlt, konnte sich allerdings nicht rühren, in seinem Kopf herrschte eine Achterbahnfahrt ungeahnten Ausmaßes, er überlegte krampfhaft, wie er sich bloß bemerkbar machen könnte. Dabei hatte er doch vor einigen Wochen noch sowohl seiner Tochter als auch seinem Bruder schriftlich Bescheid gegeben, niemand dürfe ihm irgendwelche Organe entnehmen, das wolle er ausdrücklich nicht.

Ein Fax kam just an in der Zentrale, welches das System sofort weiterleitete in die Intensivstation des Gelsenkirchener Krankenhauses. „Kein Widerspruch im Register, Verwandte nicht erreichbar“ las die Nachtschwester und informierte den zuständigen Arzt. Details bleiben erspart, genau 12,5 Stunden nach dem tragischen Unfall wurden Markus Häußler das Herz, die Lunge und die Nieren entnommen, andere Organe kamen nicht mehr in Frage aus ganz unterschiedlichen Gründen, so auch wegen den Folgen des Unfalls.

Bernd Häußler schwieg einsam und ziemlich aufgewühlt am Grab seines Bruders, hatte in den letzten Wochen vergeblich versucht, die Klinik, die Rettungsstelle und die zuständigen anderen Behörden per Klage anzugehen. Sein Anwalt riet ihm ab, das sei vergebliche Mühe, zumal die geklauten Organe bei den neuen Patienten verbleiben würden, egal wie der Rechtsstreit ende. Eines konnte er sich dennoch nicht verkneifen, unter der Todesanzeige stand in fetten Großbuchstaben: Ob Spahn oder Lauterbach, Politik ist vom Fach, was beim Manfred man unerschrocken tat, folgt einem simplen Rat. Organe werden einfach entnommen, hinterher kann man niemand rechtlich beikommen.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Satire

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Laterne im Abendgrau

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Steht sie noch, die Laterne,
das Licht im Abendgrau?
Sie erkannte den Künstler von Ferne,
er war der, der ihrem Schatten vertraut.
Ihren kleinen diffusen Lichtkegel
bestaunte er mit verträumter Intensität.
Ein Werk meisterlicher Größe,
sann er, das seinen Schöpfer ehrt.

Das Bildnis erhellt die Sinne,
birgt Klarheit, versteckt nichts.
Erleuchtung des Gestalters Wille,
zu unterscheiden ein U vor dem X.
Er stand oft neben ihr im Schatten,
geborgen vor der unkenntlichen Nacht.
Steht sie noch, die Laterne im Abendgrau,
des Künstlers Licht, das Vertrauen bewacht?

Nafia

Kategorie: Gedichte

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Union liebäugelt mit AfD-Kandidatin Mariana Harder-Kühnel

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Kungelei kennt keine Grenzen

Gestern lehnte die Bundeskanzlerin jegliche Zusammenarbeit mit der AfD entschieden ab, inzwischen hat sie längst ihren Rückzug geregelt, AKK soll es wohl machen, die wir eigentlich besser nicht brauchen, doch bereits morgen, das können Sie gern wörtlich nehmen, will Brinkhaus die AfD-Kandidatin fürs Vizepräsidentenamt wählen.

Eine C-Partei sieht das nicht so eng mit der Ethik, Moral oder gar einem Gewissen, die neoliberale FDP hinkt gern deren Spuren hinterher, Hauptsache man positioniert sich schon mal im Voraus, schließlich kann eine 25 bis 30 Prozent-Partei für die offizielle Bundestagswahl 2021, vielleicht gar schon viel früher, entsprechende Vorteile bieten bei möglichen Koalitionsgesprächen.

Wie der „Königsweg der Enthaltung“ zum Stolperstein sich erweist

Man muß geradzu jenem Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus Kungelei vorwerfen, egal wen er von jener rechtsradikalen AfD zum Amt des Vizepräsidenten wählt, und sei es eine Mariana Harder-Kühnel, die bekanntlich harte Positionen ihrer Partei ebenso vehement vertritt.

Welch Stolperstein innerhalb der noch bestehenden großen Koalition, weil die SPD wenigstens eine ausgrenzende, spaltende und hetzende AfD ablehnt. Im Oktober 2017 bemerkte Querdenkende ahnungsvoll, man solle Rechtsradikalen keine Bühne geben, Politik besser alternativlos sein. Viel zu wenig bis gar nichts ist davon übriggeblieben, wenn konservative Politiker einknicken!

Bundestagswahlprognosen bestätigen Vertrauensverluste

46% die Gesamtsumme der großen Koalition laut INSA vom 01. April. Die SPD ist weit entfernt von den 20%, den Grünen gibt man 1% mehr mit 17,5%, während ausgerechnet eine FDP gar mit 1,5% mehr an Stimmen Die Linke hinter sich läßt, der man gerade mal 8,5% gewährt. In Lauerposition die fürstlich gesponserte AfD mit 13,5%. Welch Trauerspiel. Im Grunde hat sich seit der letzten Bundestagswahl kaum etwas geändert, mit einer Ausnahme: Die Grünen haben nahezu ihren Stimmenanteil verdoppeln können.

Insgesamt muß man der Politik Vertrauensverluste bescheinigen, wenn weiterhin jene rechtsradikale Partei frohlocken darf, Teile der konservativen Parteien sich wegducken. Der kurze Aufrieb der Grünen kann sich schnell als „Nebelkerze“ erweisen, falls die in Regierungsverantwortung sind, wer sich noch an Rot-Grün mit Herrn Schröder erinnert.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Politik

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Wolkenlicht

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Du zählst auf mich,
verzählt hast du dich.
Duster soll es werden,
eingepfercht die Herden.
Kontrolle
über die feinste Wolle.
Nie mehr blauer Himmel,
überall lauern Schimmel.
Wölfe in Wirklichkeit,
zum Sprung bereit.
Dezimieren Masse,
vor allen Dingen Rasse.
Gülle, Gülle, Gülle,
in Hülle und Fülle.
Ein stinkender Haufen Mist
gekramt aus ´ner alten Kist´.
Zähl weiter deine Schafe,
versinke in ewigem Schlafe.
Taugenichtse
berufen sich auf Märchengeschichte.
Wer keinen Geist und Phantasie,
der verschmäht jede Utopie.
Blühende Wiesen
stürzt dich in Krisen.
Zu unübersichtlich die Vielfalt,
Rettung die Einfalt.
Verdunkelt das eigene Herz,
belebt mit anderem Schmerz.
Die Wolken dort oben
gefüllt mit tausenden Mikroben.
Geistesblitze lodern,
sie scheinen dich zu überfordern.

Nafia

Kategorie: Gedichte

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Frauenrechte scheitern am politisch-kulturellen Willen

Hat sich die Emanzipation erübrigt?

Alljährlich flackert die Würdigung zum Internationalen Weltfrauentag auf, dessen Gedenken ganz ähnlich bewertet werden sollte wie der alljährlich wiederkehrende Muttertag. In beiden Fällen dienen solche festgelegte Daten, sich ihrer konzentrierter zu erinnern, den Frauen und Müttern, um anschließend bis zum nächsten Mal im Alltag den ganz normalen Wahnsinn der regelmäßig stattfindenden Mißachtung geschehen zu lassen.

Denn Frauenrechte scheitern stets am politisch-kulturellen Willen in den jeweils unterschiedlichen Ländern dieser Erde. Was veranlaßt den Menschen trotz seiner umfangreichen Entwicklung dazu, Frauen dermaßen arrogant, kaltschnäuzig oder menschenverachtend zu behandeln?

Das alte Muster des Beschützers Rechtfertigung zum Patriarchat?

Gegenfrage: Wer beschützt denn hier wen, wenn Amazonen kriegerisch ihr eigenes Land verteidigten, nach griechischen Mythen durchaus erfolgreich? Zumal im heutigen Thailand die Frau die Macht besitzt und über die Familie als Oberhaupt die Hosen an hat, auch ganz im Sinne des Gynozentrismus.

Andererseits sitzt noch tief verankert das alte Muster des Beschützers im Manne, Frauen dies trotz längst etablierter Emanzipation weiterhin einfordern, tatsächlich der Mann nachgewiesenermaßen mehr Muskelmasse besitzt. Irgendwo dazwischen spielt sich die Realität heutzutage ab, Frauen durchaus sich verteidigen, selbstbewußt ihr Leben gestalten ohne jedwede Abgängigkeit zum Mann als Ernährer und den ebenso stattfindenden männlichen Emanzipationsversuchen, denken wir an die Vaterrolle.

Die Auflösung des uralt eingefahrenen Patriarchats in greifbarer Nähe, aber nicht etwa, es durch ein Matriarchat zu ersetzen, sondern endlich Menschen so zu akzeptieren, wie sie sind: mit Brust sowie Scheide oder Penis und Hoden bestückt, um mal die äußeren, sichtbaren Geschlechtsmerkmale zu benennen. Ansonsten unterscheiden sie sich im Wechselspiel des Ying und Yang, werden körperlich-geistige Fähigkeiten je nach Möglichkeiten ausgelebt. Aber genau dann offenbart sich die weitverbreitete Ungerechtigkeit.

Menschenrechte automatisch Frauenrechte?

Ein jeder weiß, daß ein enormer Unterschied zwischen Recht haben und dieses auch zu erhalten, sich in der Wirklichkeit alltäglich widerspiegelt. Was hilft die gutgemeinte Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der UNO aus dem Jahre 1948, wenn bis heute eine ziemlich deutliche Verkomplizierung vorherrscht, es darum geht, sich Gehör beim UN-Frauenrechtsausschuß verschaffen zu wollen, um stattgefundene Frauendiskriminierungen völkerrechtlich ahnden zu lassen? Zumal im betreffenden eigenen Land dies wohl nichts bewirken konnte, sollen auf einmal die Vereinten Nationen Einfluß nehmen?

Diese Sackgasse bescheinigt die ganze Tragweite einer tiefverwurzelten Misere, die trotz sehr vieler Bemühungen seitens kämpferischer Frauen weltweit nicht wirklich eine endgültige Akzeptanz in den unterschiedlichen Ländern bewirkt haben. Verschiedene Kulturen interpretieren „Frauenrechte“ nach ihrem Gutdünken, es spielen religiöse Vorbehalte genauso eine Rolle wie das ewige Mackerverhalten, die Dominanz der Männer.

Fazit eines gescheiterten Prozeßes

Eine Frau läuft an einer Baustelle irgendwo in einer deutschen Großstadt vorbei, eben nicht „nuttig“ gekleidet, dafür aber keck, körperbetont und sehr selbstbewußt, immerhin haben Frauen hierzulande sich ihre Stellung bis in höchste Ämter hart erkämpft, was in unserer Demokratie schon möglich, und doch fallen eindeutig obszöne Bemerkungen sowie Gestiken, die im selben Moment das Recht des „stärkeren“ Mannes verdeutlichen, der immer noch Frauen mit Sexobjekten oder Freiwild verwechselt, es selbst auf ordinärste Weise einfach sich gönnt.

Der Funken zur Massenvergewaltigung gar nicht so weit entfernt ist, die gleichen „Anbaggerer“ womöglich zuhause nicht alle das Sagen haben oder nach Feierabend jetzt erst recht einer Prostituierten es so richtig besorgen. Nichts dazugelernt trotz sogenannter Emanzipation? Frauenrechte sind weiterhin keine Selbstverständlichkeit, auch nicht im „goldenen Westen“.

„Frauen: eine Mehrheit, die wie eine Minderheit behandelt wird.“ (Lisa Kraemer)

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gesellschaft

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Dunstfrei

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Zeiten herausgeschnitten,
um nicht ständig zu kitten,
was längst zerbrochen,
unter den Tisch gekrochen,
nie wieder Hilfe erbitten,
zu heilen, unter was sie litten,
kein Braten wird mehr gerochen,
Zeitfenster für immer zerbrochen.

Nafia

Kategorie: Gedichte

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Wer hat mein bisheriges Leben auf dem Gewissen?

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Du liegst spät abends im Bett nach anstrengendem Tagwerk, die Gedanken kreisen um etliche Themen, doch eines manifestiert sich besonders hartnäckig, läßt dir gar keine Ruhe. Nach etlichen Versuchen endlich den dringend notwendigen Schlaf zu erhalten, treibt es dich aus den schweißdurchwühlten Federn, du windest dich schwerfällig vom Bettrand in die Senkrechte und schlurfst ziemlich schwankend gen Küche, um dir einen Beruhigungstee zu gönnen.

Und schon gerätst du erst recht ins Grübeln, wird dir plötzlich klar, was da alles verkehrt gelaufen sein muß in deinem bisherigen Leben. Manche nennen es Midlife-Crisis, andere wiederum behaupten, dies könne jeden ausgewachsenen Menschen stets passieren, egal in welchem Alter man sich befinde. Kurz und gut, du beginnst dein bisheriges Dasein Revue passieren zu lassen, entdeckst die ein oder andere Fehlentscheidung, die schließlich nichts Gutes bewirkte, ungeahnte Folgen hatte.

Es ist zum aus der Haut fahren, ich kann einfach nicht einschlafen. Schon klar warum, all diese Sorgen, die mich plagen, wenn mein Körper endlich mal zur Ruhe kommt. Mußte auch neulich mein Chef mir unbedingt die Leviten lesen und das vor der versammelten Belegschaft, keine feine Art vom Horst. Und nur, weil ich einmal den Abschlußbericht zwei Tage zu spät eingereicht hatte. Dies wiederum gab meinem ewigen Rivalen, dem Manfred, die Gelegenheit, Oberwasser zu erhalten. Jaja, schon klar, bei der Vorgabe durch Horst. Na warte, das laß ich nicht auf mir sitzen, Ne, da kenn‘ ich genügend Tricks, um ihn auflaufen zu lassen, das wäre doch gelacht! Pause, einmal laut seufzend durchschhnaufen. Na, endlich kann ich den Tee aufbrühen. Ich glaube, ich rufe mal meinen Freund, den Gerd, an.

„Ja, sorry, Gerd, daß ich zu so später Stund’ noch durchklingle. Wie, macht dir nichts aus. Danke dir, unter Freunden ist das doch selbstverständlich. Ne, mir geht’s überhaupt nicht gut, daher brauch ich mal dich, laß uns reden, wenn du ein paar Minuten übrig hast. Kurzes Schlürfen am Tee zu hören !

Wo soll ich beginnen? Vielleicht muß ich doch ein wenig ausholen, obwohl du doch vieles schon weißt als alter Schulfreund. Weißt du noch, als ich in der 7. drei Wochen nicht in die Schule kam? Offiziell hieß es, ich sei krank gewesen, ja, hatte ich auch dir so gesagt. Dem war aber gar nicht so, mein Onkel hatte sich das Leben genommen, vielmehr ich hatte ihn blöderweise auf dem Dachboden entdeckt, da hing er einfach so, vor ihm der umgekippte Stuhl. Trotz sorgfältiger Therapie, ich sag‘ dir, das war eine rattenscharfe Therapeutin, verfolgte mich dieses Bild noch sehr lange, ich wache deshalb noch heute ab und an nachts auf. Ja, schrecklich. Warum ich dir das erzähle? Na, du bist gut, es mußte jetzt mal raus, unter Freunden. Pause. Ne, konnte ich dir damals nicht erzählen, wollte dich nicht unnötig belasten. Na, und später ging das irgendwie unter, zumal wir uns ja eine zeitlang aus den Augen verloren hatten, nicht wahr? Pause.

Ohja, das hab ich nicht vergessen, deinen Unfall. Ob ich in dieser Zeit Anna kennenlernte? Woher weißt du, hat sie es dir erzählt? Aha, ja, genau, sie betreute dich damals in der Klinik so liebevoll. Komm, gib schon zu, daß du auch ein Auge auf sie geworfen hattest. Wenn du nicht mit Marina zusammengewesen wärst… lautes auflachen… aber lassen wir das mal. Nur zu blöd, daß ich sie nicht gleich durchschaut hatte, dann wäre mir vieles erspart geblieben, oder Gerd? Pause, kurzes heftiges gähnen. Oh, man, ich bin dann doch schon sehr müde.

Keine Sorge, da gibt es noch ein Ereignis, was mir bis heute keine Ruhe gönnt. Wie, du kannst es dir denken? Pause. Ne, Gerd, das hat mich damals zwar mächtig aus der Bahn geworfen, Annas Banküberfall, aber dennoch blieb ich blauäugig mit ihr zusammen. Ja, genau, wenn der Freddy uns nicht geholfen hätte, wäre sie im Knast gelandet. Insofern verlängerte im Nachhinein seine Hilfe meine dramatisch sich entwickelnde Beziehung. Dafür konnte er natürlich nichts, Gerd, außer Frage! Pause.

Aber anschließend ging es erst richtig los, wie du ja teilweise miterleben durftest. Denk mal an ihren Auftritt zurück, wo sie sich komplett auszog mitten im Foyer der Deutschen Oper, ich war förmlich in den Boden versunken, hatte Müh und Not sie schnellstens mit den zusammengerafften Klamotten zum nächsten WC zu schleifen. Du hattest ja noch die Schuhe uns gebracht. Weißt du noch? Pause.

Doch eines habe ich dir nie berichtet, mein Freund, weil viel zu pikant. Ja, klar, aus heutiger Sicht ebenso Blödsinn, ich hatte einfach zu viele Bedenken. Es stellte sich nämlich heraus, daß ihr Banküberfall einen völlig anderen Grund hatte, als ich und viele andere damals vermuteten. Es ging gar nicht ums Geld für Konsum etc. Ne ne, sie wollte damit eine Terrorgruppe unterstützen, und zwar ganz gezielt. Ja, mein Freund, in der Tat! Pause, einmal laut am Tee schlürfen.

Durch einen dummen Zufall war ich dahintergekommen. Wir hatten uns gerade so richtig genüßlich geliebt, Anna wähnte mich unter der Dusche, so daß sie telephonierte. Da ich aber das Duschgel vergessen hatte, es stand noch auf dem Flurtisch, bemerkte ich sie und konnte den entscheidenden Satz aufschnappen, in dem sie das Schlüsselwort wiederholte, woraufhin ich exakt wußte, was los war. Wie das lautete? Es war eine Phrase: Begaffen ohne Waffen – eine deutliche Ansage gegen das Establishment, letztlich ein Aufruf zur militanten Revolte, wer es denn damals durchschaute. Da staunste?! Pause.

Alles weitere ist dir ja bekannt, ich mußte dann die Notbremse ziehen und mich von ihr trennen, konnte nie wieder gelassen eine neue Beziehung beginnen, wie du ja weißt. Lautes seufzen. Pause.

Und jetzt denke ich, sollte ich wieder ins Bett, mein Freund, danke dir, daß du dir die Zeit genommen. Laß uns Mittwoch im Bistro einen Cappuccino genießen, wenn du magst, ja? Okay, ich wünsch’ dir was, bis dann.“

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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