Klein Horsts Sommermärchen vom Fußball geplatzt

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Der Gag der Woche – oder wieso man vieles ernst nehmen sollte

Hast du seine Augen gesehen, diese unendliche Verzweiflung in seinem Blick, jenes Entsetzen ob der schmachvollen Niederlage, die dessen germanische Recken, – ja, ich weiß, etliche Bayern waren unbedingt mit dabei -, auf dem Rasen erleiden mußten? Obendrein ausgerechnet als Gruppenletzter bereits vor der K.o.-Runde ein Rückflugticket inzwischen buchten?

Mit Klein Horst war zunächst tagelang nichts anzufangen. Echt. Außer, daß seine Wut auf anderen Spielwiesen sich austoben durfte. Klar doch, endlich mal dem Hosenanzug wesentlich wirkungsvoller die Meinung geigen, nachdem man ohnehin schon des Öfteren zuvor angeeckt. Diesmal mit freundlichster Unterstützung der Blaunen im Parlament, im nahen Ausland sowieso, die Ösis wissen ganz genau, wo’s langgeht: Immer schön per Wiener Schmäh in Kameras blicken, das eigene Volk verbratzen. Klappt doch.

Dem Flüchtlingselend setzen wir ein Ende, auf unsere Weise, so denkt Klein Horst und fackelt nicht lang. Nö, nicht wörtlich zu nehmen, haben andere schon erfolglos versucht, es gibt viel wirkungsvollere Wege, die traute Eintracht mit einer Achse der Willigen, schon pariert halb Europa, zieht zugleich der Unionspartner mit, während die Sozen, die Hosen gestrichen voll, erneut stillhalten. Reines Kalkül, ne 18-Prozent-Partei riskiert keine dicke Lippe mehr, wo doch die blaune Brut bereits allerorten lauert mit freundlicher Unterstützung bis in höchste Ämter, denken wir an den blonden Dollen oder den smarten patriotischen Wladimirowitsch.

Das imponiert Klein Horst, dessen Spielwiese frischt auf trotz geplatztem Sommermärchen. Die gehen ohnehin stets mit derselben Floskel aus, wenn sie nicht gestorben sind, dann… So ist es, sie kehren wieder, denkt sich der Geknickte und frohlockt. Erinnerungen an olle Schulzeiten passieren und erhellen sein geistiges Auge, zumindest was von diesem noch übriggeblieben, schon damals verstand er es hervorragend, das Kneifen und Sticheln hinterm Rücken der Lehrer, damit diese seine Mitschüler maßregelten, er als Vorzeige-Horst auftrumpfen durfte. Der frühe Vogel zwar fängt den Wurm, Klein Horst löst per Hinterhalt jedweden pädagogischen Sturm.

Einerlei. Selbst wenn faktisch dessen fiese Art durchschaut, darf er ungestraft weitermachen, Angies Geduld nicht nur strapaziert, ihr Stuhl längst wackelt, Klein Horst daher nicht lange zögert, hat so manch As noch im Ärmel verborgen. Nur wie lange noch solch politische Niete wirken darf, steht in den Sternen, die wohl eher geknickt wegschauen. Von Kiel bis nach München, von Trier bis nach Berlin, im Herzen Europas braut sich was zusammen: das Erwachen und sie Gewähren lassen, die Neue Rechte. Ende und keineswegs alles gut!

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Satire

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Stille fern des Mobs

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Eisenbeschlagen geradeaus
in Richtung Heimattreue
stürzen die Ahnungslosen
mit ihren gezüchteten Neurosen.

Voller Elan ins Verderben,
ohne die geringste Reue
die Menge dabei am Tosen,
Plätze und Straßen voller Scherben.

Ruhe kehrt ein nach langer Weile,
ein Atemholen findet manch Not,
die sich niederschlägt im Nu,
Menschlichkeit so nah dem Tod.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gedichte

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Bonobos lebensbedrohlich gefährdet – Gier nach Erdöl der Anlaß

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Kongos Regierung plant Verkleinerung der Nationalparks Virunga und Salonga

Mit simplem Wegschauen wird es nicht getan sein, ebenso wie mit der Einstellung, es würde sich alles irgendwie richten. Dann könnte es längst zu spät sein für die noch ziemlich unbekannte Menschenaffenart, den Bonobos, die in den tropischen Regenwäldern der Demokratischen Republik Kongo beheimatet sind.

Der Regierung Kongos fällt nichts besseres ein, als einen großen Teil des Salonga Nationalparks zur Erdölförderung freizugeben, der Verein Rettet den Regenwald mahnt mit einer Petition an: „Erdöl aus Nationalparks? Dumme Menschenidee“ Doch was selbst trotz etlicher Verwicklungen des Films Planet der Affen die Realität noch zu toppen scheint, hinterläßt keinerlei Entrüstung in der Weltpolitik. Die hat sich ziemlich offensichtlich mit Korruption abgefunden, man könnte schnell vermuten, weil selbst daran nicht unbeteiligt partizipiert.

Konfliktbewältigung mittels Sex

Soviel konnte bisherig bei den Pan paniscus, den Bonobos, ebenso aus der Gattung der Schimpansen, beobachtet werden. Ansonsten weiß man wesentlich weniger über jene Menschenaffenart, die im Gegensatz zum Gemeinen Schimpansen kein aggressives Verhalten an den Tag legt, viel eher Konflikte anders löst, „sexuelle Tätigkeit eher beiläufig und entspannt sei, sie scheint ein vollständig natürlicher Teil ihres Gruppenlebens zu sein“, wie der niederländische Zoologe Frans de Waal nach Beobachtungen kommentierte.

Bei Bonobos kommen somit diplomatische Praktiken zum Einsatz, wovon sich ihre Artgenossen aus derselben Affenfamilie eine Scheibe abschneiden könnten, erst recht Mensch selbst, der meist stets kriegerisch auftritt. Mit ein verlockendes Indiz: Profitmaximierung durch Erdölförderung. Da stören somit auch Nationalparks, deren Schutzstatus man kurzerhand aufhebt.

Bloomberg meint, 40 Prozent des Nationalparks Salonga sei betroffen

Soweit die Einschätzung des US-amerikanischen Medienunternehmens gegen Ende Juni dieses Jahres, die freizugebende Fläche zur Erdölbohrung umfasse ca. 15.000 Quadratkilometer, was knapp der Größe Thüringens entspricht. Hinzu kommen die dubiosen Geschäftspraktiken der undurchsichtigen Firma COMICO, wie Rettet den Regenwald e.V. kommentiert, Recherchen hätten die eigentlichen Teilhaber nicht benennen können, der Verdacht großangelegter Korruption liegt nahe.

Wieder einmal ziehen betroffene Tierarten den Kürzeren, wenn Mensch nicht beherzt und mit Nachdruck entsprechend interveniert. Petitionen mögen einiges bewirken, allerdings wird es eher schwierig, zumal die Demokratische Republik Kongo bürgerkriegsgebeutelt ohnehin als eines der rohstoffreichsten Länder es nicht so mit Menschenrechten, einer Pressefreiheit hält, Armut nicht etwa abgebaut wird.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Tierschutz/Tierrechte

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Enthemmende Mitfahrgelegenheit

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Schnell auf den fahrenden Zug gesprungen,
nationalistische Lieder mitgesungen,
damit keiner sagt, die Heimat ich nicht mag,
damit jeder weiß, diese Liebe mir am Herzen lag.

Ich bin doch nicht blöd, laß mir drohen,
es ist einfacher, selbst zu verrohen.
Jetzt bin ich im Spiel, kann auch zuschlagen,
keiner tut sich mehr an mich heranwagen.

Sage fürchterliche Dinge im nationalen Sinne,
als Kameraden, wir spannen Netze wie eine Spinne.
Verwegen sind wir, ohne Furcht dürfen wir zerstören,
die Ruinen und eure Angst werden uns gehören.

Gehorsam, Pflicht, Treue, Ehre, Stolz, Vaterlandsliebe,
wer dies nicht mit uns teilt, dem verpaßt man züchtigende Hiebe.
Moral, Sitte, Anstand sind wieder geprägt von Scham,
Toleranz, Nächstenliebe verpönt, so ein humanistischer Kram.

Ordnung schaffen wir, es läuft wie am Schnürchen,
befehlen, parieren, wer nicht folgt, wird am Boden kriechen.
Noch fährt der Zug langsam, man kann noch aufspringen,
wer zögert, dem werden wir die Pfeifentöne beibringen.

Nafia

Kategorie: Gedichte

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Hrabans geheimnisvolle Reise zum Kontinent des Lächelns – Teil 2

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Kein Kettenrasseln war zu entnehmen, sondern ein leises Surren ließ das Titan-Stahltor nach oben gleiten, vor ihnen lag ein weitläufiger, angenehm erhellter Vorhof. Eines wurde Hraban sofortigst gewahr: Viele trugen ebenso taubenblaue Kleidung ähnlich wie Gaven und Taras, unter ihnen befanden sich strahlend Gelb-Gekleidete. Ein stattlicher, ziemlich breitschultriger Mittvierziger ging auf sie zu und verneigte sich kurz.

„Willkommen zurück, Gaven und Taras, schön, daß du zu uns gekommen bist, Hraban. Darf ich dir unsere herrliche Stadt zeigen? Außerdem möchte ich dich meiner Gemahlin Pireistreca vorstellen. Ich selbst heiße Thoghun“, sagte er äußerst freundlich und bestimmt, dabei fiel Hraban auf, daß Thoghuns Stimme extrem tief war, eine derartige Baß-Stimme hatte er noch nie zuvor gehört, diese erinnerte ihn ein wenig an Brad Roberts Gesangsstimme von den Crashtest Dummies, irgendwann hatte er eine CD von ihnen bei seinem Vater entdeckt und deren Musik schätzen gelernt. Wortlos erwiderte er per Gedanken mit einer leichten Verbeugung, er würde sich freuen, ihn zu begleiten und Pireistreca kennenzulernen. Seine bisherigen Begleiter verabschiedeten sich von Hraban mit einem breiten Grinsen im Gesicht und verschwanden in der Menge.

***

Warmes Sonnenlicht durchdrang den gesamten Platz, der Elfjährige fühlte sich sehr wohl dabei. Sie mußten nicht weit laufen, denn die weiterführenden Straßen bestanden aus einer Art Laufbänder, auf denen man einfach stehenblieb, ganz ähnlich wie dies Hraban von Rolltreppen kannte. Nur hierbei gab es obendrein eine zusätzliche Sicherheit, weil man ansonsten eventuell sein Gleichgewicht verlieren würde, ohne sich irgendwo an einem Geländer festzuhalten. Hraban bemerkte, daß eine vakuumartige Masse ihn in Balance hielt. Es spielte keine Rolle, ob er heftig mit den Armen fuchtelte oder sich in irgendeiner Richtung drehte und bückte beim rollendem Vorwärtsfahren, ständig schützte ihn diese raffinierte Ummantelung. Dabei registrierte er langsam, daß sie sich wie eine Art Luftkissen anfühlte, obwohl nichts zu sehen war. Ein wenig irritiert bemerkte er plötzlich, daß Thoghun gar nicht stand, sondern gemütlich neben ihm saß, allerdings auf keinem Sitzplatz, viel eher frei in der Luft schwebend, ohne verkrampfte Haltung, völlig entspannt. Er hatte sogar seine Augen geschlossen, sein Gesicht gen Sonnenlicht gerichtet.

„Mach es dir gemütlich, Hraban, setz’ dich doch, wir sind wohl eine ganze Weile unterwegs, bis wir ganz oben unser Haus erreichen“, bemerkte Thoghun und lachte dabei schallend, weil der Junge ungläubig hinter sich starrte. Dennoch wagte es der Angesprochene und staunte nicht schlecht ob des angenehmen Gefühls absoluter Sicherheit. Physikalische Gesetze waren einfach nichtig, in dieser Welt bestimmten die Vorgaben einer nützlichgeistigen Bequemlichkeit das Wohlbefinden ihrer Bewohner. Hraban durchfuhr eine sichtbare Erleich-terung, sein gesamter Körper entspannte sich, die Ge-sichtszüge formten ein strahlendes Lächeln, welches alle, denen sie begegneten, erwiderten. Für einen Moment zweifelte der Junge, ob hier nicht irgendwelche Drogen im Spiel waren, um zugleich solche Bedenken zu verwerfen, er hatte ja gar nichts zu sich genommen.

Wer schon einmal auf wirklich hohen Gebäuden stand oder in den Bergen vom Gipfel ganz weit seinen Blick schweifen ließ, der weiß das Gefühl von herrlich befreienden Gedanken zu schätzen, die dabei entstehen mögen. Vielleicht schwingt neben der enormen Weite die Erkenntnis mit, daß Mensch ein winziger Bestandteil innerhalb der natürlichen Kreisläufe ist, der lediglich beobachtend die Chance erhält, seine Eindrücke manchesmal in vollen Zügen zu genießen.

Ein leichter, dennoch stetiger Wind, kaum hörbar, umgab den Jungen, als er hier oben sichtlich erleichtert und äußerst frohgestimmt stand. Thoghun hatte sich soeben verabschiedet, er wolle seiner Gemahlin Bescheid sagen und sie holen, Hraban möge einfach die Aussicht ge-nießen, was der Elfjährige mit Kopfnicken bestätigte. Der Moment der Stille hielt nicht lange an. Pireistreca und Thoghun schlenderten zu ihm. Hraban bewunderte ihre Schönheit, ihr bis in die Hüften reichendes, leicht gewelltes pechschwarzes Haar, die ebenmäßigen Ge-sichtszüge und vor allem die außergewöhnlich leuchtend smaragdgrünen Augen. Im Gegensatz zu ihrem stattlichen Mann hatte sie eine ziemlich angenehm klingende, hohe Stimmlage, dabei betonte sie jedes Wort auf eine sehr spezielle Weise, einen leichten Singsang hörte er heraus.

Die beiden führten Hraban durch das weitläufige Haus, welches dennoch ohne viel Inventar eher auf das Notwendigste eingerichtet war. Er bemerkte, daß keinerlei Lampen vorhanden waren, dennoch die Räume angenehm lichtdurchflutet erschienen, was er sich nicht erklären konnte. Noch bevor er die Frage zu stellen vermochte, erwiderte Pireistreca, es handle sich hierbei um eine ausgeklügelte Spiegeltechnik mit Schächten, in denen das Sonnenlicht weitergeleitet das Haus erhelle. Nach einem ausgiebigen Abendmahl suchte Hraban sein Gästezimmer auf, begab sich direkt ins riesige Rundbett und schlief rasch ein.

***

Viel zu früh wachte er am nächsten Morgen auf, die ersten Sonnenstrahlen erleuchteten den rötlich schim mernden Kirschholzfußboden. Irgend etwas beunruhigte ihn im nächsten Moment, weil gleichzeitig aufgeregte, wenn auch weiter entfernte Gespräche zu ihm drangen, da sein Fenster weit geöffnet. Plötzlich spürte er dieses typische, beinahe rauschartige Gefühl, welches er sofort erkannte, wie das Fahren eines Aufzuges in die Tiefe. Schlagartig wurde es dunkel, es flammten dennoch überall Leuchtdioden auf, die er vorher nicht im geringsten in seinem Zimmer verteilt bemerkt hatte, da sie sehr winzig und raffiniert entlang der Möbelkanten, in den Wänden zu den Übergängen zwischen Boden oder Decke eingelassen eher im Hintergrund sich befanden, jetzt aber den Raum erhellten.

Thoghun trat ein und schilderte, was sich zugetragen hatte. Man schütze sich halt mittels einer Technik des Abtauchens vor den Gefahren aus dem All, Meteoritenhagel würde sie in unregelmäßigen Abständen heimsuchen, sie besäßen allerdings ein wirkungsvolles Frühwarnsystem, er solle sich keine Sorgen machen. Zugleich bemerkte Hraban jetzt erst, daß überall emsiges Treiben um ihn herum zugange war, denn dort, wo die Stadt mit der vorherigen Savanne sich nahtlos zusammenschloß, befand sich ein riesiges, angenehm erleuchtetes Tunnelsystem. Gläserne Schienenfahrzeuge, ganz ähnlich wie die U-Bahn, nur extrem schnell und ge-räuschlos unterwegs, sammelten Reisewillige ein, ganz wenige begaben sich nach Perheoles Sargatin. Und schon stiegen sein Gastgeberpaar und er selbst in ein solches Fahrzeug ein, Pireistreca gab Hraban zu verstehen, sie würden gerne mit ihm nach Gholeyta fahren, einer wunderschönen Insel im Meer, auf deren höchstem Berg, einem Vulkan, man das Land gut überblicken könne. Natürlich stimmte der Junge ihnen zu.

Fortsetzung folgt.

Lotar Martin Kamm

Hrabans geheimnisvolle Reise zum Kontinent des Lächelns – Teil 1

Titelgeschichte erschienen im Buch „Hrabans geheimnisvolle Reise zum Kontinent des Lächelns“ (BoD)

Kategorie: Kurzgeschichten

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Pfeif drauf

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Pfeif du ruhig, bis du schwarz wirst. Ich pfeife auch. Nicht jetzt. Bei Gelegenheit. Für dich dreh ich mich nicht um. Nicht jetzt. Ein andermal. Nein. Auch dann nicht. Pfeif drauf. Klar, die Ampel zeigt rot. Rot. Hat die irgendwann grün gehabt, wenn ich hier auf die andere Seite will? Wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich hätte ich mir das gemerkt, als Besonderheit, als Einmaliges, als Wunder. Rot. Na denn, eben rot. Ich reg mich nicht auf. Heute nicht. Schlaf weiter, alles ist gut. Und weg war sie.

War sie überhaupt da gewesen? Im abgedunkelten Zimmer hatte die Stimme keine Möglichkeit zu entweichen. Sie lag wie Staub auf allen Gegenständen, in allen Ritzen, auf dem Vorhang, der die Welt nicht zu mir ließ. Schlaf weiter, alles ist gut. Eingebettet in Gedanken. Ungeschützt, eingesperrt. Schwarzer Staub auf der Brust. Lieg leise. Ich will, daß sie nicht wieder kommt. Nicht wieder lügt. Lügt, um zu beruhigen, obwohl das Meer alles verschlingt.

Meiers Blumenladen, jede Woche standen neue Blumen auf dem Wohnzimmertisch. Wehe, du stößt die Vase um. Die totale Überwachung. Die sicherste Festung. Die Blumen in der Vase auf dem Wohnzimmertisch. Mama, können die Blumen nicht da stehen, ich zeigte auf die Anrichte. Nein, mein Junge. Ihr Platz ist auf dem Tisch. Geschützt. Sie liebt keine Blumen. Giorgio, keine Blumen für mein Grab. Georgio, bring mir Steine. Hörst du. Alles ist gut. Pfeif drauf.

„Guten Morgen, Müller. Die Rechnungsaufstellung brauche ich gleich, und bringen Sie mir einen Kaffee. Fräulein Kallwitz kommt heute später.“

Zahlen, Rechnung, Kaffee ohne Quittung. Gewohnheit bleibt niemals verschont. Sie bekommt ihre Quittung. Ihre Regelmäßigkeit. Die Welt ist ihr verhangen. Ins Kino sollte ich mal wieder gehen. Der Vorhang öffnet sich. Eine Flut von Welt stürzt in den Raum. Gemeinschaftliches Verschlingen von Stimmen, die in den Seelen kleben. Für kurze Zeit geschützt. Geschützt durch aufgewirbeltem Staub fremder Stimmen. Abgedunkelt. In Freiheit.

„Maike, hättest du Lust auf Kino?“

Der erste Kuß. Geschützt im Dunkel. Frei inmitten von Stimmenwelten. Die pfeifen alle drauf, was um sie geschieht. Dreh dich nicht um. Pfeif drauf. Jetzt. Antonio, ich bekomme ein Kind. Mamma mia! Maike. Bella. Und sie dachte, er meinte meine Mutter. Ach, du lieber Himmel. Und die Spatzen pfiffen von den Dächern. Ach, du lieber Himmel. Aus dem Urlaub kam er nicht wieder zurück.

„Giorgio, dein Papa ist im Himmel. Störe ihn nicht, alles ist gut.“ Und die Vorhänge blieben geschlossen. Und die Blumen standen auf dem Wohnzimmertisch. Und die Welt lag unter Staub. Pfeif drauf.

„Müller, das Fräulein Kallwitz kommt heute nicht mehr. Besorgen Sie mir eine Pizza. Da ist doch kürzlich eine Pizzeria eröffnet worden.“

Und die Ampel hat grün. Grün. Entgegen ihrer Gewohnheit, grün. Pfeif du ruhig, ich dreh mich nicht um. Warum nicht? Ja, warum nicht? Pfeif ich halt drauf.

„Danke für Ihren Einkauf. Ich hoffe, Sie haben noch lange Freude an dem Papagei.“

Giorgio legte wie jeden Abend einen Stein auf den Wohnzimmertisch. Um die geschlossene Vase lagen unsortiert Steine verschiedenster Größen und Farben.

Mama, wir pfeifen auf die Stimmen, die im Dunkeln, die im Himmel. Das erledigt ab heute Piergiorgio. Was hältst du von Piergiorgio? Giorgio am Pier? Er pfeift auf die stürmischsten Wellen. Er steht wie ein Fels in der Brandung. Er ist der Stein, der für dich pfeift. Mamma mia, du lieber Himmel, kein Vorhang mehr davor.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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Italienern wird der Zutritt an nordafrikanischen Küsten verwehrt

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+++ Eilmeldung +++

Gegen drei Uhr morgens trafen sie ein, nach langer Fahrt im Mittelmeer, völlig entkräftet, nachdem Tage zuvor die gebeutelten Mitglieder der stolzen Regierung fluchtartig ihr Bella Italia verlassen mußten. Dem Irrsinn verfallene Humanisten stellten ihnen nach, jagten sie an den Hafen von Neapel, man gewähre ihnen ein wenig Proviant, ein motorisiertes, großzügiges Schlauchboot mit Kurs gen Nordafrika – arrivederci, auf Nimmerwiedersehen.

Das ließen sich die Vorsitzenden der beiden italienischen Regierungsparteien, Matteo Salvini und Luigi Di Maio nicht zweimal sagen, stiegen mit ihren politischen Kumpels ins bereitstehende Boot und fuhren am frühen nachmittag letzten Montag los.

Doch was mußten sie nunmehr erleben? Angekommen in La Goulette, am Hafen von Tunis, wurden sie kurzerhand abgewiesen. Auf Anfrage an andere nordafrikanische Häfen erfolgte prompt die eindeutige Antwort: Die Politiker seien unerwünscht, als Personae non grata bezeichnet worden, sie sollen sich, um es mal direkt zu sagen, schlichtweg verpissen.

Rums, das saß. Kommt Ihnen vielleicht bekannt vor? Ach, tatsächlich? Da war bzw. ist doch was am Laufen, gar am Absaufen? Ja, genau, massenweise Menschen, die Europas südlichste Grenze zu überwinden versuchen, übers Mittelmeer. Während für diesen Trump alle Ausländer Aids haben, er von Kriminellen, Drogendealern und Bandenmitgliedern spricht, tönt Italiens Innenminister Matteo Salvini von Menschenfleisch – welch gräßlich rassistische Redewendungen, die entsprechende Taten nach sich ziehen.

Da drehen wir doch einfach mal den Spieß um. Gesagt, getan, Widerstände folgen in der Bevölkerung Europas, endlich ziehen die Menschen die Reißleine, schauen nicht weiter zu, was eine haßerfüllte Minderheit an Verachtung vom Stapel läßt, die Stimmung anheizt, die für soviel Gewalt allerorten bisherig sorgte. Selbst eine sich christlich bezeichnende Partei bewog, im Herzen von Europa Transitzentren verharmlosend zu beschließen, wo Flüchtlinge zusammengepfercht wie Vieh in Knästen auszuharren haben, bis sie größtenteils letztlich doch wieder abgeschoben werden.

Mit Asyl hat das wenig bis nichts zu tun, sondern mit seiner Verhinderung. Schluß mit dem blinden Gehorsam, Menschen als illegal zu titulieren, die Welt muß sich rückbesinnen, was Humanismus heißt: der eigenen Spezies sie lebenswert gestalten. Daher ohne Krieg, Vertreibung, Zerstörung der Umwelt vor Ort, keinerlei Ressourcenausbeutung, vielmehr ein menschenfreundliches Zusammenleben, wo Überreichtum nicht geduldet wird.

Back to the roots – so zieht dahin, ihr schmarotzende Politbande, sucht euch ne Insel, lebt dort aus eure selbstinitiierte Schande, ladet zugleich den Kurz und Orbán ein, nicht nur so zum Schein, sondern herzlich und direkt, zu viele schon wegen eurer Haltung verreckt!

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Satire

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