Per se perfide

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Mittels Treue, Unfähigkeit sich seines Verstandes zu bedienen

Man kommt nicht umhin, dies Wort zu mögen, perfide. War es ansonsten eher ein Wort, das nicht oft im täglichen Sprachgebrauch Anwendung fand, so ist es inzwischen ein Begriff, der mehrmals täglich das beschreibt, was man empfindet, denkt, wenn rechtes, faschistoides Gedankengut versucht, sich politisch, gesellschaftlich, wirtschaftlich einen Weg zu bahnen, um Menschen auf seine Fährte zu locken.

Perfide, französisch perfide, lateinisch perfidus, wortbrüchig, treulos, eigentlich, über die Treue hinaus, jenseits der Treue, zu: per, durch und fides, Treue (Duden) Synonyme sind bösartig, gemein, heimtückisch, hinterhältig, schändlich, arglistig, schmählich, diabolisch, fies, infam, nichtswürdig.

Die Treue wird gerade in Gruppierungen, die sich ähnlich wie Kameradschaften zusammenfinden, als oberster Wert neben Ehre gestellt. Treue bedeutet ebenso Ergebenheit, Zuverläßigkeit, Hingabe, Loyalität. Sie wird oft in Verbindung mit Schwüren oder Eidabgabe erwähnt. Am Beispiel der Ehe soll sie einen unzerbrechlichen Bund darstellen, einen nicht mehr auflösbaren Zusammenhalt, bis der Tod euch scheidet. Treue soll zudem einen nicht verhandelbaren Bruch des Gelöbnisses voraussetzen, fast vergleichbar mit einem gordischen Knoten, einmal geknüpft, nie mehr entwirrbar.

Auch dann nicht, wenn Gewissensbisse und Reue plagen, weil man feststellt, daß seine Vorstellungen nicht mehr konform mit dem einmal geschlossenen Bund bestehen. Wer dies dennoch unternimmt, wird als wortbrüchig betitelt, noch die harmlose Ausdrucksweise, diese Menschen gelten bösartig, gemein, nichtswürdig und haben in kriminellen Kreisen möglichweise damit ihr Todesurteil selbst ausgesprochen.

Durch Treue verbunden, eine Sicherheitsvariante für das allgemeine Leben und darüber hinaus, denn dies soll treu sein, ausdrücken oder wird zumindest so „verkauft“, wie es im idealisierten Fall im Roman von Alexandre Dumas Die drei Musketiere geschrieben steht: „Und jetzt, Freunde“, sagte d’Artagnan, ohne sich die Mühe zu machen, Porthos sein Verhalten zu erklären, „einer für alle, alle für einen! Das soll unser Wahlspruch sein, einverstanden?“

Durch Treue verbunden, per gleich durch, fides gleich Treue, perfide gleich treulos. Ein Widerspruch an sich, oder etwa doch nicht?

Per se, nein.

Per se, von selbst, aus sich heraus, lateinisch. (Duden) andere Begriffe sind automatisch, an sich, durch sich, für sich, von selbst, von allein.

Treue an und für sich ist solange mit positivem Aspekt zu sehen, solange ein freiwilliger, jederzeit abänderbarer Entschluß vorliegt. Sobald aber dieser Entschluß, nicht mehr umkehrbar ist, ist die Treue perfide. Sie unterdrückt die freie Entfaltung mit Drohungen, Ängsten und wird zur Zwangsgefolgschaft, in deren Verlauf Personen wider ihres Gewissens, Gedanken genötigt werden, Handlungen auszuführen, beizuwohnen, zu initiieren, die nicht mehr ihren Vorstellungen entsprechen.

Durch Anträge, Gesetze auf politischen Weisungen, auf wirtschaftliche Gebote und Verbote auf sozialer Ebene, die mittels einer Treue, zu was auch immer, aufgesetzt, festgesetzt werden, kann keine wirkliche Einheit geschlossen werden. Treue hat nur dann Bestand, wenn sie ständig hinterfragt und aus freier Entscheidung, ohne Vorteilsgenuß, Drohung, Ängste erneuert wird. Ansonsten ist die Treue perfide, per se, aus sich heraus.

Die perfiden, schändlichen, boshaften Schriften, Aussagen, die dem Zwecke dienen, Unfrieden, Ängste zu schüren, um Aufmerksamkeit zu erhaschen, sind per se ein Zeichen von Heimtücke und Hinterhältigkeit und ein Beweis der Unfähigkeit, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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Ein Fünkchen Hoffnung oder alles nur Augenauswischerei?

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Der Gag der Woche – oder wieso man vieles ernst nehmen sollte

Sie könnten genauso gut das Prozedere mit den Gänseblümchen und dem Herausrupfen deren Blütenblätter zelebrieren, wobei hoffnungsfroh in den Äther gehaucht wird, ob er oder sie dich liebt oder eben nicht. Das kommt nahezu aufs Gleiche raus, erst recht wenn manche die Weltgemeinschaft gar loben, von Erfolg faseln, wenn ein Herr Kim Jong-un das Atomprogramm gnädigerweise aussetzt. Na und?

Klar doch, kleine Kinder kann man durchaus mit manchem beeindrucken, das ist auch gut so. Aber die Weltpolitik tickt da ein wenig anders, selbst das kleinste Fünkchen Hoffnung ist letztlich äußerst trügerisch zu werten. Mit Blick zum bisherigen Verlauf angeblicher Bemühungen, ein Wettrüsten zu stoppen, kriegerische Auseinandersetzungen zu vermeiden, offenbart sich viel eher das Gegenteil, da hat ein latenter Pessimismus leider seine Berechtigung.

Das wurde jüngst beim Syrienkrieg ziemlich deutlich, obendrein haben die USA und all diejenigen, die derartige Inszenierungen weiterhin aushecken mögen wie den fragwürdigen, angeblichen Giftgasangriff seitens Assads, in Zukunft freie Hand dies jederzeit zu wiederholen. Eine willkommene Gelegenheit, Raketen und Bomben zu entsenden, eine Ligitimation per eiskalter Selbstverständlichkeit, ohne dabei die UNO zu berücksichtigen.

Der geneigte, noch kritische Beobachter mag sich verwundert die Augen reiben, wie simpel man Völker hinters Licht führen darf, der US-Westen tatsächlich als der eigentliche Aggressor sich entpuppt: wärmstens als demokratisch korrekt empfohlen, obwohl etliche Gesetze, Bestimmungen und das Völkerrecht selbst gebrochen werden. Unfaßbar perfide und ziemlich kriegsgeil!

Augenauswischerei par excellence. Die Medien kommentieren zwar noch, unterlassen es allerdings, den Zeigefinger zu heben. Andere, die Putin als Heilsbringer verehren, fühlen sich bestätigt, obwohl dieser keineswegs die Unschuld in Person sein kann, betrachtet man die Schieflage in Russland, wo ein eisiges Schweigen waltet. Wo ist dort die Jugend, der Protest, die wirklich freie Meinungsäußerung, ein kultureller Austausch im Riesenreich, eine echte Demokratie? Die Ein-Mann-Herrschaft dieses Präsidenten, übrigens milliardenschwer, selbst den blonden Dollen in den USA überbietend, läßt tief blicken, sollte jeden stutzig machen, den Kommentar hinausposaunen, daß eben nicht alles Gold ist, was glänzt!

Insofern bleiben die Verhältnisse beim Alten, sie sind viel zu raffiniert verstrickt, verflochten in einer einkalkulierten Einigkeit hinsichtlich ihrer Machtstrukturen, die ganz gezielten Gesetzmäßigkeiten folgen, was niemand mit Gesetzen verwechseln sollte. In dieser Liga werden eigene Spielregeln angewandt, vorbei an den Menschen, die diesen Herrschaften letztlich schnurzegal sind. Da sollte sich keiner was vormachen.

„Noch nie waren so viele so sehr wenigen ausgeliefert.“ (Aldous Huxley)

Solange Massen sich weiter instrumentalisieren lassen, setzen diese wenigen die Unterjochung fort. Es gilt daher, die wenigen endlich zu entlarven und zu stoppen. Schaffen sie das nicht, setzt sich sehenden Auges die Fahrt zur Apokalypse fort.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Meinung

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Ohne mit

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Barfuß über
Erde gehen,
barhäuptig
vor der Schöpfung
knien.

Die Füße
voll Blasen,
in ein paar Wochen
erblüht der Garten.

Nafia

Kategorie: Gedichte

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Extremismus: Keine Zukunft in Sicht solange ihm stattgegeben wird

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Mit dem Ende des Kommunismus folgen Islamismus und die Neue Rechte

Extremisten sind unterwegs, nicht nur in Europa, sondern weltweit, nicht erst seit jetzt, vielmehr schon seit längerem, aber verstärkt, als in den USA 9/11 für vollendete Tatsachen sorgte. Dabei finden und stoßen sie stets auf Verständnis besonders bei ihren Gefolgsleuten, die sie ständig rekrutieren in der Bevölkerung, weil die sogenannte Gesellschaft sich äußerst schwer tut, dem Einhalt zu gebieten. Einerlei ob in islamisch geprägten Ländern oder im Herzen Europas, wo erneut der eigentlich totgeglaubte Nationalismus sich urplötzlich austoben und entwickeln darf.

Alle Welt schaut erstaunt zu, traut kaum ihren Augen, dennoch geschieht das mitten unter uns, diejenigen dem ausgesetzt, die das ganz sicher nicht wollen, aber keine Möglichkeit sehen, solche extremistische Entwicklungen zu stoppen, weder politisch noch ganz pragmatisch vor Ort. Wie auch, wenn unsere Volksvertretung, die Politik, kein Rezept hat, Extremismus zu unterbinden. Falscher Ansatz, oder?

Natürlich gibt es Möglichkeiten, diesem bösartigen Spuk ein Ende zu setzen, ein jähes und wahrscheinlich endgültiges. Aber da traut sich niemand ran, weil es ja endlich einer weltweiten Gerechtigkeit gleichkäme, die genau so nicht gewollt ist. Dann lieber Opferzahlen in Kauf nehmen, Hauptsache man klebt auf seinen Pfründen, beharrt auf die alteingesessene Masche, die da lautet: mir das Meiste. Verteilung ist das Zauberwort, der Schlüssel zur Lösung.

Wer gibt schon gern freiwillig ab? Kaum jemand, im Grunde genommen setzt sich Reichtum durch, hat stets die Oberhand, eben notfalls mittels Extremismus als altbewährte Strategie. Solange im letzten Jahrhundert, am Ende des alten Jahrtausends noch die Waagschale des Kommunismus die Welt in zwei Blöcke teilte, herrschte Einigkeit zwischen Ost und West, Kapitalismus und diesem Kommunismus, getrennt mittels Mauer und den Bollwerken Nato sowie Warschauer Pakt. Islamische Länder dienten noch als profitable Ressourcenspender, die je nach System ausgebeutet wurden. Mit dem Ende des Eisernen Vorhangs geriet die Balance ins Trudeln, verschoben sich die Machtverhältnisse, begann das Aufwachen mancher Völker.

Der Arabische Frühling mit als Folge von 9/11, zeitversetzt rund zehn Jahre später, unterstrich den Willen neu ernannter Extremisten, per Islamismus sich Gehör zu verschaffen. Man unterstellt zig Millionen gläubigen Muslimen, daran beteiligt zu sein, sich gefälligst eben nicht zu integrieren, obwohl ein Großteil von ihnen sich längst arrangiert hatte, überall Aufbruchstimmung sich noch entwickelte, die es zu stoppen gilt per Imane und jenen fanatischen Kräften, die entfesselt gar Terrorgruppen wie den Islamischen Staat gründen.

Parallel der Weckruf dieser Neuen Rechten, die noch zu Beginn der 1990er belächelt worden war, mit den großen Flüchtlingswellen 2015 spätestens ihre Chance erhielten, überwunden geglaubten Nationalismus erneut zu installieren, ein gefundenes Fressen für neue Feindbilder gen Islam, ähnlich und vergleichbar zum Antisemitismus, der gleich mit entflammt werden darf, denken wir an die mißglückt letztmalige Echo-Verleihung, deren Fauxpas immer größere Kreise zieht.

Als ob dies noch nicht für genügend Zündstoff sorgt, spielen die Supermächte, allen voran die sichtbar aggressivere USA, verrückt, meinen, sie müßten sich in Syrien austoben, wobei selbst Deutschland den letztmaligen völkerrechtswidrigen Militärschlag guthieß, den angeblichen Giftgasangriff Assads zu rächen. Von Entspannung keine Spur, viel eher Zündeln im Nahen und Mittleren Osten, einem Pulverfaß, was jederzeit den längst begonnenen dritten Weltkrieg erst recht unterstreicht. Unsere Zukunft hängt somit am seidenen Faden jenes zugelassenen Extremismus, der weiterhin gehegt und gepflegt wird.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Quergedachtes

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Vervielfältigung

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Kopien werden verteilt,
ein jeder soll sehen,
so ist die Welt aufgeteilt.

In Kategorien
läßt sich besser Ansicht
einfrieren.

Auf keinen Fall
ist Dualität gefragt,
Gleichmacherei ist angesagt.

Gleiches Denken, Fühlen, Handeln,
wird alle in friedliche Menschen
verwandeln.

Nur Einfaltspinsel phantasieren
über Vervielfältigung,
deshalb sie Klone favorisieren.

Wem sollen die Klone
gleichen?
Demjenigen, der versucht,
eine Falte mit Pinsel
glattzustreichen.

Nafia

Kategorie: Gedichte

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Chicos Einschläferung führt zu Morddrohungen

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Falsch verstandene Tierliebe besonders bei Rechten zu beobachten

Wenn die Rede von Kampfhunden ist, dann zucken viele völlig zu Recht zusammen, obwohl der Begriff eigentlich nicht stimmt. Die genauere Bezeichnung lautet gefährliche Hunde, die eben nicht automatisch Kampfhunde sein müssen, sondern auch darunter welche sein können, die allein aufgrund ihres aggressiven Verhaltens für Mensch und Tier gefährlich sind.

Der jüngste Fall in Hannover ließ die Öffentlichkeit aufhorchen, nachdem eine Frau im Rollstuhl und deren Sohn von ihrem Staffordshire-Terrier Chico totgebissen wurden. Laut zentralem Hunderegister des Agrarministeriums Hannover seien gerade mal 0,1 Prozent als gefährlich eingestuft, was 460 Hunden entspricht, darunter 30 als Kampfhund geltende American Staffordshire Terrier.

Wenn das Umfeld einfach wegschaut und Behörden versagen

Ein derartiger Fall kann sich ohne weiteres in Deutschland wiederholen, obwohl Behörden inzwischen wenigstens per Verordnungen auf gefährlich eingestufte Hunde reagieren. Aber dennoch offensichtlich nicht genug, sonst hätte es eben nicht zu diesem Vorfall in Hannover kommen müssen. Auch das Umfeld,, die direkte Nachbarschaft hat einen wesentlichen Anteil daran, das Unglück nicht verhindert zu haben. Wer zuläßt, daß ausgerechnet ein Staffordshire- Terrier in einem Metallzwinger in der Wohnung gehalten wird, macht sich natürlich mitschuldig!

Einerseits werden entsetzt Meldungen über derartige Vorfälle konsumiert, d.h. gelesen oder im Fernsehen verfolgt, andererseits herrscht Ignoranz in der Nachbarschaft, wenn überforderte Hundehalter zugegen. Daß nunmehr Tierärzte und Behörden-mitarbeiter Morddrohungen erhalten, nachdem Chico berechtigterweise einge-schläfert worden war, sollte uns zu denken geben. Mit welcher Berechtigung und vor allem was sollte mit der gestarteten Onlinepetition, die 300.000 Menschen unterzeichnet hatten, bewirkt werden, die sich gegen die Tötung von Chico richtete? Ein völlig falsch verstandener Tierschutz.

Die Tierliebe der Rechten spricht Bände

Und das kommt keineswegs von ungefähr. Die Herleitung hat unbedingt leider etwas mit Antisemitismus und einem generell geforderten Schächtungsverbot zu tun. Vegetarier können Tierquälerei ohnehin natürlich nicht dulden, egal welche religiösen Hintergründe ein derartiges Verhalten rechtfertigen. Aber wer ein Herz für Tiere hat, wie das gern rechte Gruppierungen für sich in Anspruch nehmen, kann zynischer kaum sein. Alles Mittel zum Zweck, den eigenen Rassismus zu rechtfertigen und entsprechend auszuleben.

Betrachtet man auch den Fall Chico in diesem Kontext, könnte man schnell auf andere Gedanken kommen, wer bei dieser Petition vollmundig mit unterzeichnete. Schon griechische und assyrische Armeen nutzten als Vorhut Kampfhunde, heute versuchen rechte Gruppierungen per Tierschutz ihre Anhänger zu ködern, ein Schelm wer dabei Böses denkt. Lassen wir unseren gesunden Menschenverstand walten, mischen uns überall dort ein, wo Hundehalter völlig überfordert wirken, bestehen auf die Durchsetzung gewißer Gesetze, um derartige Vorfälle wie den jüngsten in Hannover zu verhindern.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gesellschaft

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Castor-Transport-Prozeß: Richter missachtet Grundrechte

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Michael Reißer verhält sich kafkaes gegenüber Umweltaktivistin Cécile Lecomte

Verkehrte Welt im Amtsgericht Heilbronn, denn wer dort seine Grundrechte verteidigt, fliegt raus! So geschehen gestern vor einer Woche, als die Umweltaktivistin Cécile Lecomte vorm Richter Michael Reißer in dem kurzen Prozeß sich zu verteidigen versuchte, dieser allerdings sich äußerst kafkaes verhielt, wie zu Recht im Artikel der Anti-Atom-Initiative Bündnis Neckar castorfrei geschildert wurde.

Wer das Verhalten des Gerichts und somit des verantwortlichen Richters im Fall der Umweltaktivistin beobachtet, kann zu keiner anderen Einschätzung gelangen, als daß der Rechtsstaat eben nicht die Interessen des Angeklagten wahrt, sondern sich schützend vor die Atomlobby stellt. Man könnte gar so weit gehen, eine Vetternwirtschaft und Korruption zu unterstellen.

Cécile Stephanie Lecomte ist keine Unbekannte

Die im französischen Départment Vosges, dem ursprünglich bezeichneten Lothringen, in deren Präfektur (Hauptstadt) Épinal geborene Cécile Stephanie Lecomte, studierte BWL und schloß das Studium zur französischen Sprachenlehrerin ab, hatte in Lüneburg als Französischlehrerin unterrichtet, um sich dennoch als Vollzeitaktivistin letztlich zu entscheiden. Dabei spielte ebenso ihre chronische Autoimmunerkrankung (Rheumatoide Arthritis) sicherlich eine Rolle, diesen Schritt zu wagen. Sie ist Mitherausgeberin der Monatszeitschrift Graswurzelrevolution.

Insofern auch für Polizei und Justiz keineswegs eine Unbekannte, aufgrund etlicher Baumbesetzungen erhielt sie schließlich den Beinamen Das Eichhörnchen. Ihr Fokus der Proteste richtet sich gegen Atomtransporte, dennoch vollführte Baumbesetzungen, kletterte an Bahnschienen zur Verhinderung eines Militärtransportes bei Husum, unternahm Feldaktionen gegen Gentechnik oder beteiligte sich an Konsumkritik. „Es ist ein Auf und Ab“, wie sie im taz-Interview bemerkte.

Deutscher Rechtsstaat ab adsurdum zu führen?

Diesen Eindruck gewinnt man überdeutlich durch das Verhalten jenes Richters Michael Reißer, der sowohl die Strafprozeßordnung als auch Grundrechte einfach ignorierte. Willkür, die man kaum für möglich halten mag, trotzdem einfach sich entfalten darf. Wo bleibt der Aufschrei der Gesellschaft? Die wenigen Atomtransportprotestierenden vermögen dies zu gering zu beanstanden. Da sollte wesentlich mehr direkter Protest folgen.

Eine Polizei als Steigbügelhalter und Büttel jener Justiz, die Cécile Lecomte das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit überdeutlich verhindert, hat gleichwohl sich einer Kritik auszusetzen. Hier in ihren Äußerungen zu den Umständen des Prozesses kann man ohne weiteres etliche gewonnene Klageverfahren einsehen bzw. die zuständigen Aktenzeichen. Sie selbst kommentiert dies zu Recht mit „organisierter Unver-antwortlichkeit“. Da kann man ihr nur beipflichten, sie zu ihrem Mut und ihrer beherzten Haltung beglückwünschen, ein Gewinn für die Protestkultur und eine schallende Ohrfeige gegen die Justiz, die Polizei und die Politik, die das ganze mit zu verantworten hat.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Proteste und Widerstände

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