Ich bin anders

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Natürlich bin ich anders. Ich bin gerne allein. Zugegebenermaßen trifft dies auch auf viele andere zu, dennoch mein Alleinseingefühl unterscheidet sich doch wesentlich von dem der anderen. Zu den Einsiedlern zähle ich mich nicht, auch nicht zu den Alleinseinfetischisten, die ihre Therapieaufgabe erfüllen, indem sie sich zeitweilig fern aller Hektik in eine stille Oase zurückziehen. Die Rolle der Einsam-Alleinsam-Verehrer, die sich nie so richtig entscheiden können, ob ihr Alleinsein schon den Anspruch auf Einsamkeit erfüllt, oder eventuell die Einsamkeit die Bedingung für das Alleinsein darstellt, ist mir auch nicht auf den Leib geschrieben. Die in sich gekehrten Einsamen, die das Alleinsein als oberflächliche Geisteshaltung herabwürdigen, weil die Alleinsein-Seienden für sie vergleichbar sind, mit dem elitären Gehabe einen Porsche fahren zu wollen, in Wirklichkeit Fahrradfahrer sind, davon bin ich meilenweit entfernt.

Mein Alleinsein ist durch nichts beschränkt, ich lebe es ganz offen. Dafür brauche ich keinen bestimmten Ort, keinen anstoßenden Anlaß. Meine Alleinsamkeit lebe ich auch in Geselligkeit aus, warum sollen andere nicht mein Alleinsein bemerken oder nicht daran teilhaben? Störend sind allenthalben die Fragen, geht es dir gut, ist dir langweilig? Hey, wenn mir langweilig wäre, wäre ich schon längst gegangen, okay!

Ich gehe immer, wenn mir langweilig ist. Nicht umsonst habe ich fünf Mal geheiratet. Mich fünf Mal scheiden lassen. Ehe Nummer sechs steht an mit Hanjo. Demnächst, sobald meine Scheidung rechtskräftig ist, immer dieser ganze Zinnober. Das werde ich nie verstehen. Bei Bruno hat sich mein Gehen über ein Jahr hingezogen, er wollte unbedingt seine Liebe retten, und was war mit meiner? Nun ja, die Therapiestunden habe ich gegen Schluß richtig genossen. Eigentlich war mir nach der Scheidung nicht wirklich klar, wer mehr erleichtert war, die Therapeutin oder Bruno, als er endlich bereit war einzusehen, daß man Gehende nicht aufhalten kann.

Mit Bruno habe ich keinen Kontakt mehr, er muß sich wohl erholen, jedenfalls hat mir das Beate erzählt, mit meinen anderen Exmännern pflege ich losen Kontakt, ein Telefonat da, eine kleine Nachricht hier. Nicht alle wissen von meinen Treffen mit ihren jetzigen Frauen oder Freundinnen, es gibt Tage, da sind sie mir die besten Freundinnen. Auch wenn ich weiß, hinter meinem Rücken wird über mich gesprochen, aber dies geschieht nun mal, wenn man anders ist!

Es ging bei meinen Ehen nie um Geld oder Sex, bei der Scheidung schon gar nicht. Es ist eher der Umstand, der mein alleiniges Ich ständig umtreibt, daß ich kein wir leiden mag. Ja, jetzt ist es raus. Ich hasse wir. Nicht das Wir von, wir waren zusammen im Restaurant, Kino, Urlaub, bei den Eltern, beim Schwimmen. Die sind okay, jedenfalls, nun, damit kann man umgehen. Aber das Wir, wie wir gehen zusammen spazieren, wir gehen einkaufen, wir suchen uns ein lauschiges Plätzchen, da wird es unerträglich. Diese Vorwegnahme von, wir tun. Gar nichts tun wir. Ich alleine tue etwas, hinterher taten wir es gemeinsam. Was ist daran falsch?

Frauen lieben Handtaschen und Schuhe. Geht’s noch? Nehmt mich sofort heraus aus diesem Wir. Diese Verallgemeinerung ist nicht zum Aushalten. Nicht jeder Schuhkauf, den ich je getätigt habe, ist ein Beweis dafür, daß ich Schuhe liebe. Ich gehe liebend gerne barfuß. Über die Blondinenwitze möchte ich hier gar nicht reden, nein, ich bin nicht blond. Mein rosa Sommerkleidchen habe ich mir nicht ausgesucht, weil ich auf rosa stehe, sondern weil ich die Therapeutin, die von damals mit Bruno, ärgern wollte. Schön kurz, zu kurz und auch zu eng. Bruno half mir mit seiner Jacke aus, als wir zum Auto gingen. Da haben Sie es gehört, ich sagte, wir gingen. Vergangenheit. Bruno fand es amüsant, als die Nähte platzten, und wir haben glückliche Tage danach verbracht, wie im siebten Himmel.

Und diese Krakeeler, die dauernd schreien, wir sind das Volk, okay, gut für euch, da weiß ich wenigstens, wer ihr seid. Aber ich gehöre nicht zu eurem Wir-Volk. Ich nicht. Unterlaßt diese Unterstellung, mich zu vereinnahmen, ihr kennt mich nicht mal. Brüllt, was immer ihr nicht lassen könnt, aber brüllt nicht wir.

Ich bin anders. Ich bin gerne allein. Ich bin fünf Mal geschieden. Ich war noch nie einsam. Wenn ihr es seid, ist das euer Problem, das berechtigt euch aber nicht dazu, durch ein Wir so zu tun, als sei ich ein Teil von euch. Mitnichten. Wer mit mir rechnen will, der muß schon…

„Hallo Hanjo!“

„Hey, Susi, du hör mal, ich gehe heute Abend zum Schorsch essen!“

„Zum Schorsch? Da war ich schon länger nicht mehr.“

„So gegen acht, bin ich da!“

„So gegen acht, okay. Klingt gut! Bis dann!“

So geht moderne Kommunikation. Kein einziges wir, oder hat er etwa gesagt, wollen wir uns heute Abend bei Schorsch zum Abendessen treffen? Hat er nicht. Keine Vereinnahmung, und ich weiß heute Abend sitzen zwei Alleineliebhaber bei Schorsch. So geht das mit der Gemeinsamkeit. Schließlich bin ich nicht alleine auf der Welt, aber alleine anders. Außer ich bin mit Hanjo.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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Diplomatisches Fingerspitzengefühl vs. lautem Getöse

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Zwischen Umgangsformen und leisen Klängen

Im Alltag beschäftigt uns die Stimmung, die sich aufs Empfinden überträgt, löst gewisse Gefühlsausbrüche aus, die keineswegs gleich lautstark für jedermann sichtbar erwidert werden mögen, da Menschen ohnehin sich ganz unterschiedlich äußern.

Manchmal mag für den einen just kaum ein passender Moment sich offenbaren, während der andere direkt den Überblick behält, entsprechend gezielt und erfolgreich reagiert. Daß hierbei diplomatisches Fingerspitzengefühl auf lautes Getöse trifft, sollte schon klar sein, trägt entscheidend zwischen Umgangsformen und leisen Klängen bei.

Vor lauter Glotze geht das Hören etwa verloren?

Seit Jahrzehnten schepperte, knarrte und piepste es unvollkommen, meist in lächerlich schrecklichen Tönen aus den Lautsprechern der so zentral „wichtig“ im Wohnbereich stehenden Fernseher, während der interessierte Zuschauer fast gänzlich mißachtete und beinahe vergaß, welch zentrale Rolle der Hörsinn im Leben spielt.

Während visuelle Eindrücke auf den Mattscheiben gebannt, geht das Hören vor lauter Glotze etwa verloren? Wird nebensächlich beiläufig registriert, während die volle Aufmerksamkeit dem Sichtbaren gilt, der bewegenden Abfolge geschnittener Filmsequenzen, die obendrein mit dem tatsächlichen Blickfeld eines Menschen letztlich dürftig sich offenbaren?

Dabei wissen all jene, die wesentlich mehr Augenmerk auf ihren Körper lenken, nur zu gut wie entscheidend wichtig das Tor zum Klang der Töne uns gegeben wurde, alles ohnehin per Schwingung existiert, was zwar Joachim-Ernst Berendt direkt vermittelte, aber durchaus einen hohen Stellenwert in der östlichen Welt hat. Müssen wir davon ausgehen, daß mittels visueller Reizüberflutung die Anteilnahme dem Nächsten gegenüber ein Stückweit in den Hintergrund verschwand, eine gewisse Gleichgültigkeit und Abgestumpftheit entstehen konnte, die vor allem dem Zuhören mit Ablehnung begegnet?

Wer nicht hören will, muß fühlen

Zunächst hat Rockmusik den Anspruch, laut zu sein, sie durchdringt sämtliche Zellen, tanzend und abrockend wir uns gehen lassen im Rausch der Klangmuster. Doch auf Dauer entsteht ein Hörschaden, wer die viel zu hohe Dezibelwerte ignoriert. Unabhängig davon, daß Lärmbelästigung weiterhin unterschätzt wird, was dessen Auswirkung für uns bedeuten mag.

Außer Frage bekommt die alte Redewendung „Wer nicht hören will, muß fühlen“ gleich eine zusätzliche Bedeutung, wenn sie auch nicht direkt interpretiert wird. Versuchen Sie mal Ihr Gehör für eine zeitlang gänzlich abzuschalten, – manch Jogger oder Radfahrer mußte dies im Extremfall sogar mit dem Leben bezahlen im Straßenverkehr, nur um mal darauf hinzuweisen, wie wichtig die Welt der Töne uns vor Schaden bewahrt -, und Sie werden feststellen, wie still und einsam eine visuelle Welt Ihnen begegnet, wie schön das Hören doch unser Leben bereichert.

Dennoch verdrängt ein Klima der Oberflächlichkeit das Wesentliche, herrscht längst ein Defizit untereinander, was die Vielfalt des kommunikativen Austausches anbelangt. Sowohl das Zuhören verliert sich im Stakkato eines streßgeladenen Tagesablaufs genauso wie das daraus resultierende Weghören, das nicht mehr Wahrnehmen der vielen Töne im zwischenmenschlichen Miteinander. Kein Wunder, daß daraus Mißverständnisse vorprogrammiert gar Vorurteile erst recht schüren, um den einmal eingeschlagenen Kurs des Unfriedens zu unterstreichen.

Die Meßlatte gewisser Gewalteskalationen verliert dadurch zwangsläufig an Höhe, schnellere Gereiztheit sucht sich Ventile wie stets beim Schwächeren, um die eigene aufgestaute Aggression abzubauen. Dabei könnte sich vieles wesentlich harmonischer gestalten, wenn Mensch denn die Zusammenhänge verinnerlicht.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gesellschaft

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Rezension zum Buch „Der Seelenfänger von Capri“

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Klaus Witt – auf den Spuren von anema e core (Herz und Seele)

Bei dem Spiel: Was nimmst du mit auf eine (einsame) Insel?, geht es um materielle Dinge, Gegenstände, die hilfreich sein könnten, um auf der Insel das Überleben möglichst lange herauszuzögern, zu leben, als wäre man in einer Großstadt und das Ableben nur der unerbittlichen Tatsache des Altseins zuzuschreiben, so lange bestens versorgt zu sein mit den adäquaten Hilfsmitteln, bis Rettung naht.

Was wäre, wenn die Aufgabe in diesem Spiel lauten würde: Welche Tugenden, Charakteren, Lebenseinstellungen nimmst du mit auf eine (einsame) Insel?

Ein junger Mann, gerade erst die Approbation zum Tierarzt in der Tasche, möchte seiner Mutter die Insel zeigen, die ihn bereits in sehr jungen Jahren zur Inspiration neuer Gedankenwelten angeregt hat. Capri. Der Aufenthalt auf Capri, zum ersten Mal mit seiner Mutter gemeinsam, intensiviert nicht nur seine Zuneigung zur Insel. Diese Reise ist zugleich für ihn ein Sprung ins kalte Wasser, weil er unvermittelt aktiv als Tierarzt gefordert wird. Zu diesem Sprung, der für ihn als Anfänger in seinem Beruf eine Herausforderung darstellt, gibt es noch einen Sprung aus einer Höhe zu bewältigen, dem wir alle gerne ausweichen würden, weil die Gewißheit vorliegt, diese gemeinsamen Tage mit seiner Mutter sind für beide die letzte Gelegenheit, sich nahe zu sein. Die Diagnose Krebs ist unumkehrbar, die Tage auf Capri auch ein Eintauchen in bleibende Erinnerungen an die Mutter.

Jede Reise ist verbunden mit Vorbereitungen, Erwartungen, Plänen über die Gestaltung der freien Tage, des Müßiggangs, der Auswahl von Sehenswürdigkeiten und einer angenehmen Spannung, ob und wie alle Vorstellungen in der Realität sich finden lassen können. Mutter und Sohn werden bei ihrem Aufenthalt auf Capri ab der ersten Stunde eingebunden in menschliche, persönliche Geschehnisse, Schicksale, Hilfe für erkrankte Tiere und deren Pflege, so als ob es die selbstverständlichste Sache der Welt wäre und ihre Anwesenheit nicht wegzudenken. Ist dies nur dem Seelenfänger zuzuschreiben?

Sie treffen einen Menschen, der das Leben mit Laissez-faire dankend und fordernd meistert.

Es ist kein Buch zum Träumen. Es ist ein Buch, das Träume wahrnimmt, ihnen Gestalt gibt. Ohne Suche, ohne finden. Die Träume sind da. Diese Träume erlauben, die Schönheit der Insel zu erleben, die Schönheit der handelnden Personen zu erspüren, die Ängste und Sorgen einiger Inselbewohner zu verstehen, die Ängste und Sorgen von Mutter und Sohn zu verinnerlichen, ohne die Zweifel zu übersehen.

„Wir müssen mit unserer Fackel in der Hand durch das Dunkel unseres Lebens gehen und dürfen niemals aufhören zu leuchten und Wege zu suchen, trotz oder gerade weil wir nicht wissen woher und wohin.“

Dieser Satz beschreibt nicht nur eine gefühlte Wehmut, gleichzeitig formuliert er die Stärke, die in der Ungewißheit liegt.

Das beständige Herz, die flüchtige Seele verweilen auf Capri, verweilen beim Seelenfänger, verweilen bei Mutter und Sohn.

„So werde auch ich geduldig das annehmen, was kommt und bis dahin ebenfalls weiter meine Pflicht tun, das heißt nach meinen Überzeugungen leben.“

Klaus Witt hat auf seine Insel seinen Charakter, seine Leidenschaft, seine Tugenden mitgenommen. „anema e core“, Herz und Seele sind im Dialog unschlagbar, genauso wie das Verhältnis Mutter, Sohn, genauso wie das Verhältnis des Seelenfängers zum Leben.

Das Buch „Der Seelenfänger von Capri“ von Menschen und Tieren ist beim „Verlag Komplett-Media“ erschienen, ISBN 978-3-8312-0404-5, ebenso ist es online erhältlich wie in jedem Buchhandel.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Rezensionen

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Nordkorea-Krise: Krieg nach Verbalattacken und Sanktionen?

Kim Jong-un und Donald Trump gießen Öl ins Feuer

Nichts wirkt dramatischer als zwei Staatsführer, deren Charaktere sich nicht nur gleichen, sondern die obendrein beschwichtigende Ratschläge ihrer Verbündeten in den Wind schießen. Seitens Nordkoreas verstärkt sich dies seit geraumer Zeit im wahrsten Sinn des Wortes mit den Raketentests.

Allerhöchste Zeit für ein Comeback der Sechser-Gespräche, wie China jüngst völlig zurecht forderte. Jedoch gießen Kim Jong-un und Donald Trump ständig Öl ins Feuer, nach heftigen Verbalattacken und Sanktionen wird ein bevorstehender Krieg immer wahrscheinlicher? Falls den Verbündeten auf beiden Seiten es nicht gelingt, sämtliche diplomatischen Kanäle auszuschöpfen, muß dies befürchtet werden.

Trumps vorschnelle Drohung mit „Feuer und Wut“ ein Fauxpas

Die weitreichenden, jüngst beschlossenen UN-Sanktionen geben den beiden Herrschern genügend Anlaß, erst recht die Krise anzuschüren. Dabei scheint The Donald gänzlich den Überblick verloren zu haben, schließlich wären bei einem Krieg Südkorea und Japan direkt am meisten betroffen, aber auch die VR China hätte mit erheblichen Problemen zu rechnen, von Flüchtlingsströmen mal ganz abgesehen.

Beim Gipfel in Manila lehnte Nordkorea Gesprächsangebote Südkoreas ab, weil für Nordkorea Amerika nicht mehr sicher sei. Die UN-Sanktionen wurden dabei scharf verurteilt, die jüngsten Sanktionen würden für das isolierte Land eine Verletzung seiner Souveränität bedeuten. Eine Reaktion seitens des unbeherrschten Donald Trump ließ nicht lange auf sich warten, am Rande eines Treffens über die Drogenepidemie in den USA drohte er in seinem Golfclub in Bedminster mit „Feuer und Wut“. Trotz Warnung eigener Militärs, daß ein Krieg unvorsehbare Folgen mit etlichen Opfern, auch eigener dort stationierter US-Soldaten haben könnte, hält diesen US-Präsidenten nicht davon ab, seine Cholerik auszuleben.

Die Weltgemeinschaft sollte sich im eigenen Interesse mehr einmischen

Und zwar auf sämtlichen diplomatischen Kanälen. Es reicht eben nicht aus, Russland, China, Japan und Südkorea sich selbst zu überlassen, während die beiden Kontrohanten ohne Scheu eine kriegerische Auseinandersetzung heraufbeschwören. Weder von Deeskalation eine Spur noch davon, daß Sanktionen oder Gesprächsangebote die beiden bewegen, den Konflikt beizulegen.

Inzwischen hat sich aus den alten Zeiten eines Kalten Krieges die Weltpolitik eher zu riskanteren Szenarien entwickelt, obendrein ist ein UN-Atomwaffenverbot letztlich wirkungslos, wie man nunmehr angesichts der Norkorea-Krise feststellen muß. Gleichzeitig rächt sich Donald Trumps Unfähigkeit, kann durchaus die Welt in ein atomar verseuchtes Desaster katapultieren, wenn man ihn nicht rechtzeitig stoppt. Genau deshalb sollte die Weltgemeinschaft sich im eigenen Interesse mehr einmischen, versäumt sie dies, blickt die Menschheit ihrer ersten selbst verursachten Apokalypse entgegen.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Politik

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Ich bin nicht dicht

Ich lebe mit meinem Mann seit einigen Monaten, oh, sind es wirklich schon Monate? Draußen auf den Straßen und Dächern liegt Schnee, es ist kalt, der kleine Ofen in der Küche wärmt seit einigen Tagen nicht mehr die Wohnung. Unser Vorrat an Holz und Kohle ist inzwischen so gering, daß ich ihn nur noch einmal am Tag befeuere, damit Vincent etwas Warmes zu Essen bekommt, wenn er durchgekühlt und durchnäßt nach seiner Arbeit in einem der Lagerschuppen an der Seine beendet hat. Meistens Kartoffeln mit Kohl. Das allerdings liegt nicht nur an unserer finanziellen Knappheit, sondern weil ich mich als Köchin nicht eigne.

Ich bin durchgebrannt mit Vincent. Er war mit seinen Freunden auf Radtour von Straßburg aus kurz für einen Abstecher in den Schwarzwald gefahren. Es war Frühjahr, und ich machte Besorgungen für meine Herrschaft. Als Tochter eines armen Bauern war diese Anstellung als Dienstmädchen so etwas wie das große Glück. Das sich allerdings schnell als Traumblase herausgestellt hat. Schweres Arbeiten auf dem Hof war ich gewohnt, aber hier in der Villa ist das Arbeiten eine Tortur. Kaum ist mir eine Pause gegönnt gewesen, selbst nachts wurde ich des Öfteren geweckt, wenn Madame, so hatte ich sie anzusprechen, nach mir verlangte. Ich mußte mich selbst zu dieser Tageszeit ordentlich kleiden, Frisur mußte sitzen, kein unabsichtliches Fältchen durfte meinen Rock, die Schürze und die Bluse zieren. Ich sehnte mich zurück zu meinen Eltern und Geschwistern, dachte mir Pläne aus, wie ich diesem Haus entkommen könnte, ohne meiner Familie zu schaden.

Vincent hat mich angefahren, von hinten. Von seinem Redeschwall verstand ich kein Wort. Traumhaft hörte ich auf seine Sprache, traumhaft genoß ich die folgenden Stunden. Traumhaft folgte ich ihm in der Nacht über die Grenze.

„Oh, Suzanne, oh, Suzanne! Meine Liebe.“

Kein Tag vergeht ohne stürmische Begrüßung, morgens beim Aufwachen, beim Nachhause kommen. Vincent erklärt mir aufgeregt, Monsieur Bertrand, der einen Laden für Spitze, Seide, Hüte und edles Leinen führen würde, suche dringend jemanden als Aushilfe. Er zieht mich hinter sich her durch Straßen und Gassen, die ich noch nie gesehen habe, mein Orientierungssinn ist bereits längst verloren, als wir durchgekühlt und durchnäßt in einen kleinen Laden treten. Monsieur Bertrand schien gewartet zu haben, er lief auf und ab, gestikulierend. Zwei Frauen stehen hinter der Ladentheke, und ein junger Mann lehnt an der Türe, die wohl in die hinteren Räume führt.

„Ah, da sind Sie ja endlich!“

Er nimmt mich an die Hand, zeigt mir die Waren, in den Regalen, in Schaukästen, hinter der Theke, öffnet Schubladen, bleibt schlagartig stehen.

„Meine Frau Arlette, mein Sohn Philippe, meine Tochter Suzette!“, mit einer weitschweifenden Handbewegung stellt er mir seine Familie vor.

„Verzeihen Sie mir, ich bin ansonsten nicht so unhöflich, aber wenn ich nicht sofort Ersatz für Fräulein Marie finde, geschieht eine Katastrophe, wenn ich den Auftrag nicht pünktlich abliefern kann. Sie ist einfach abgehauen, auf und davon, hat sich einem Kerl an den Hals geschmissen und weg. Zwölf Tischdecken müssen bis Donnerstag noch bestickt werden. Zwölf! Und die ganze Arbeit umsonst! Nie mehr wird mir jemand so einen Auftrag für eine Hochzeit geben. Ich bin ruiniert! Wegen zwölf Tischdecken!“

„Papa, wir haben doch die Servietten, die Bettwäsche, die Kissenbezüge!“

„Suzette, keiner kauft uns die Ware mehr ab, sie tragen alle die Initialen Z.v.V., Zacharias van Verbeek. Wer hat denn schon solche Initialen?“

Inzwischen sind auf dem Holzboden durch die nasse Kleidung, die verschmutzten Schuhe von Vincent und mir kleine Wasserlachen unübersehbar verteilt. Soweit ich es abschätzen kann, wäre es überhaupt nicht schwierig, die Tischdecken bis zum verlangten Termin zu besticken. Die Muster, die mir Frau Bertrand gerade eben zeigt, sind einfach, und mit ein bißchen Geduld und Spucke, wie meine Tante immer gesagt hat, kann ich mir vorstellen, sie mit Leichtigkeit auf die Tischdecken zu sticken. Trotzdem komme ich mir ziemlich peinlich vor, erstens empfinde ich Herrn Bertrand und seine Familie als sehr nett, sympathisch, keineswegs Menschen, die mich abfällig beäugen, weil ich ehrlich gesagt, schrecklich in meinen zu großen, abgetragenen Kleidungsstücken aussehe. Zweitens beginnen unsere Kleidungsstücke einen müffelnden Geruch von sich zu geben, je länger wir hier in dem gewärmten Laden stehen. Und drittens fängt meine Nase an zu laufen, ich habe kein Taschentuch bei mir. Viertens mühe ich mich, meine Tränen zurückzuhalten, aus Freude über die Arbeitsmöglichkeit, wie ein Geschenk des Himmels.

„Ich bin nicht dicht, wie Sie sehen, aber ich werde dafür sorgen, daß Ihr Laden nicht dicht ist“, schluchze ich.

Alle sehen mich an, und ein schallendes Gelächter erfüllt den Raum.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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Kohls Mädchen versucht’s zum vierten Mal

…oder warum Deutschland keine potentiellen Kanzlerkandidaten findet

Sie schafft es schon, sie kann’s nicht mehr, Angie vor, Erika M stürzt tief – alles platte Phrasen, keineswegs der Realitität dienlich, weil Angela Merkel sich einfach grinsend zurücklehnt. Kohls Mädchen versucht’s zum vierten Mal, was das Pfälzer Urgestein damals gelang, soll der promovierten Physikern erst recht glücken, schließlich hatte sie im Gegensatz zum inzwischen verstorbenen sechsten Bundeskanzler keine Affäre zu meistern, ihrer Raute sei Dank. Ob diese dabei ihr dienlich war?

Wer weiß das schon so genau. Erst recht nicht, warum Deutschland keine potentiellen Kanzlerkandidaten findet. Aus Bequemlichkeit, weil Mutti sich so wacker schlägt? Überhaupt, was solle jene merkwürdige Umschreibung einer Bundesmutti? Angie hat nie Kinder gekriegt und auch keine adoptiert oder gar als Mutter großgezogen. Diese Erfahrung blieb ihr erspart, bündelte ihre gesamte Energie in die berufliche Karriere, mit Erfolg. Na und? Ganz ohne Kritik, stets selbstgefällig nach ihrem Lieblingsmotto: Wir schaffen das?

Ein gefundenes Fressen besonders für die beiden extremen Parteien, die Linke und jene AfD. Die CSU hat ehedem nie den Platz ganz rechts außen füllen können und dürfen. Entweder lief ihr stets jene NPD den Run ab, dazwischen die mißglückten Republikaner und seit kurzem jene angebliche Alternative, die alternativlos außer neonazihaften Phrasen keine Argumente vortragen kann, geschweige denn glaubwürdige Politik. Manch Politikverdrossene fallen zwar auf deren Hetzparolen herein, unterm Strich reicht es weder in Landtagen noch im Bundestag zu einem Regierungsbündnis. Niemand will zurecht mit denen koalieren, selbst wenn manche in den Reihen der Union mit ihnen liebäugeln.

Alles richtig gemacht Angie, oder? Wer seit fast zwölf Jahren auf dem Kanzleramtssessel klebt, hat der noch in etwa den Überblick fürs notwendige? Ganz zu schweigen für die Sorgen im Volk, um gleichzeitig sich auf der Weltbühne zu behaupten? Keine Sorge, Werbung hilft stets, den Blick zu trüben, in Hochglanzbildern und mit simplen Texten Wähler zu mobilisieren. Funktioniert meist hervorragend, kein Indiz von besonderer Leistung, so auch mitnichten bei der Bundeskanzlerin.

Ihr Herausforderer, jener Martin Schulz, hat ohnehin kaum eine Chance, ihr das Wasser zu reichen. Mit dem inzwischen verblassenden Schulz-Effekt stiegen die Wahlprognosen zu ihren Gunsten. „Einheit in Vielfalt“, um mal einen der Werbeslogans zu zitieren, hat schon was, oder? Frau beruft sich auf eine siebenundzwanzigjährige Wegstrecke, die erschaffene Einheit mittels ihres ehemaligen Ziehvaters, um gleichzeitig genau das hervorzuheben, was sie selbst mal brüsk negiert hatte. Erinnern Sie sich, wie sie einst, ein knappes Jahr vor ihrem erstmaligen Amtsantritt als Kanzlerin verkündete, die multikulturelle Gesellschaft sei gescheitert?

Solch Blödsinn aus dem Munde einer Politikerin, ein Armutszeugnis par Excellence. Aber gleichzeitig die Vergeßlichkeit des Wählers in Betracht ziehen, das paßt zu jener Klientel. Schön, ihr Verständnis für Flüchtlinge, mit Worten wie „wir schaffen das“ signalisiert sie Geschlossenheit, die dennoch nicht genügend ankommt im Volk selbst. Zu viel veranlasster Sozialabbau trifft auf Rassismus, der stets Wege der Hetze und des Haßes sucht, eine brisante Kombination, die den Aufstieg der Neuen Rechten ermöglicht. Willkommene Spielwiese der Ablenkung dienlich, damit der neoliberale Kurs nonchalant fortgesetzt werden kann. Demnächst mit einem erneut schwarz-gelben Bündnis? Angie soll’s egal sein, ihr Platz ist ihr sicher.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Quergedachtes

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Schwelgen bis zur Orgie

Gute Redner lassen Zuhörer an ihren Lippen kleben

Es gibt Menschen, die in einem fort über alle möglichen Dinge ins Schwelgen kommen, dies gerne und oft in Gesprächen kundtun. Der Urlaub war so grandios, das Essen göttlich, der Krimi bis zum letzten Satz spannungsgeladen, die Landschaft phänomenal, und überhaupt wird in solchen Momenten gerne nur in Superlativen gesprochen. Man hört fasziniert zu, wird förmlich mitgerissen, in diesen Beschreibungen mit zu schwelgen. Diese Menschen verstehen es, durch zu Gefühl gewordene Wortschwalle ihre Erzählung so zu vermitteln, daß man sie in den gleichen honigumschmeichelnden, zartrosa gefärbten Eindrücken erlebt.

Schwelgen, althochdeutsch swelgan, eigentlich, (ver)schlucken, schlingen. Andere Begriffe sind, huldigen, genießen, schlemmen, sich gütlich tun, verzehren, in Saus und Braus leben.

Beachtet man die schwelgende Person während des Sprechens, so kann man überaus den ursprünglichen Begriff des Verschlingens, Verschluckens nachvollziehen. Sehr oft ist nämlich der Redefluß ungebremst, so daß es ohne weiteres fast zur Schnappatmung führen und der Speichel sogar verschluckt werden kann.

Daß schwelgen als Begriff sich aus der Nahrungsaufnahme gebildet hat und nicht aus dem Bad in Gold und Silber, davon kann ebenso ausgegangen werden. Fast könnte man eine Schwelgerei Orgie nennen, oder?

Orgie, lateinisch orgia, nächtliche Bacchusfeier, griechisch órgia, heilige Handlung; (geheimer) Gottesdienst (Duden) Synonyme sind, Ausschweifung, Gelage, Zügellosigkeit, Exzess.

Falls jemand mit Händen und Armen fuchtelnd spricht, sich die Stimme mehrmals überschlägt, ausschweifende Erklärungen in die Rede mit aufgenommen werden, der Redeschwall fast nicht mehr gebremst werden kann, dann könnte man dies auch eine orgiastische Rede nennen. Die Ähnlichkeit solcher Reden mit Wahlkampfreden ist rein zufällig?

Nein, diese Schwelgerei in Wortbegriffen, gespickt mit superlativen Ausdrücken, ohne Atem zu holen, mit viel Spucke, sind absichtliche übertriebene Schwelgereien. Negative Beispiele solcher Reden gibt es zuhauf. Natürlich gibt es diese Methode auch in positiver Form. Die herausstechende Unterscheidung liegt wohl darin, daß die für positive Zwecke gehaltenen Reden in ihrer Schwelgerei nicht vollkommen in ekstatische Auswüchse ausartet.

Gute Redner sind geübt darin, ihre Zuhörer mit ihren Worten an ihren Lippen hängen zu lassen. Die Aufmerksamkeit ist in einer ständigen spannungsgeladenen Bereitschaft, und selbst lange Vorträge werden als kurze Zeitempfindung wahrgenommen. Versehen sind diese Ansprachen mit Wiederholungen kurzer Statements. Dadurch prägen sie sich besser bei den Zuhörern ein, vergleichbar mit der Aufforderung zum Glas zu greifen und sich gegenseitig oder jemandem zuzuprosten.

Orgiastische Reden, bei denen rauschhaft geschwelgt wird über erreichbare Pläne, zu beendende Mißstände, vorsehbare Errungenschaften, sind, was denken Sie?

Sind diese Reden gefährlich oder nur harmloses Geplänkel? Können diese Reden Ihnen nichts anhaben, weil Sie sicher sind, nicht auf Versprechungen hereinzufallen? Sind Reden dieser Art generell kontraproduktiv, oder zeigen sie gerade dadurch die wahren Inhalte, sprich, je mehr übertrieben wird, desto besser kann man die Inhalte analysieren?

Schwelgen kann motivieren, wie gutes Essen den Speichel anregen.

Stellvertretend für viele Redner, die orgiastische Reden gehalten haben und deren Rezepte für rauschende Gesprächsinhalte wir möglicherweise vergessen haben, sei hier an „Martin Luther King“ erinnert.

„Wenn wir nicht lernen, miteinander als Brüder zu leben, werden wir als Narren miteinander untergehen.“

„Ich besitze die Kühnheit, daran zu glauben, daß alle Menschen drei Mahlzeiten täglich für ihren Körper haben können, Bildung und Kultur für ihren Geist, und Würde, Gleichheit und Freiheit für ihre Seele.“

„Ich habe einen Traum, daß eines Tages auf den roten Hügeln von Georgia die Söhne früherer Sklaven und die Söhne früherer Sklavenhalter miteinander am Tisch der Brüderlichkeit sitzen können.“

„Jahrelang mühte ich mich ab mit dem Gedanken, die bestehenden Institutionen der Gesellschaft zu reformieren… Jetzt bin ich ganz anderer Meinung, ich denke, eine Revolution der Werte ist notwendig… Ein Gebäude, daß Bettler hervorbringt, muß neu gebaut werden…Man beginnt die Frage zu stellen: Wer besitzt das Öl?… Wer besitzt das Eisenerz?“

„Ich werde kein Geld hinterlassen. Ich werde keine vornehmen und luxuriösen Dinge hinterlassen. Ich möchte nur ein engagiertes Leben hinterlassen.“

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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