Fahnen flatternd wehen

https://pixabay.com/de/fahnen-l%C3%A4nder-nationen-symbol-2133280/

pixabay.com

Im Handumdrehen,
das wirste sehen,
so vieles geschehen.
Jetzt kannste gehen,
da hilft kein Flehen,
auch kein Drehen.
Fahnen flatternd wehen,
Soldaten in Reihen stehen,
Kinder glotzend auf Zehen.
Schon wieder diese Armeen,
gar abends im Fernsehen.

Das nennen sie Leben,
nach Reichtum zu streben,
bloß nichts abgeben.
Erinnerungen aufheben,
auf perfiden Umwegen
Haß durch Straßen fegen,
manche einfach umlegen.
Im Rausche schweben,
sich nur hingeben,
in selbstgefälligen Lobreden
gewählte Intoleranz ausleben.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gedichte

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Fipronil-Skandal: Europäischer Eiertanz verunsichert Verbraucher

https://pixabay.com/de/eier-korb-frisch-lebensmittel-home-2442415/

pixabay.com

Sicherste Methode der Verzicht

Ein gefundenes Fressen im wahrsten Sinn des Wortes für sämtliche Veganer, in dem Fall sich selbst glücklich zu schätzen, weil sie eben unter anderem keine Eier verzehren? Häme oder Schadenfreude hat beim jüngsten Fipronil-Skandal so gar nichts verloren, dieser europäische Eiertanz verunsichert Verbraucher, die ohnehin langsam nicht mehr wissen, was, wann, wo gefährlich sei, die eigene Gesundheit zu schaden. Ein Blick in jene Artikel-Liste verdeutlicht dies.

Somit die sicherste Methode dann doch der Verzicht? Keinesfalls abwegig, nur daß es keine hundert prozentige Sicherheit geben kann, was im übrigen auch für Obst und Gemüse gilt, welches gerade Veganer bevorzugen. Selbst in der Bio-Branche tummelt sich manchmal ein schwarzes Schaf, gleichwohl dort die Kontrollen in der Regel erheblich verschärft werden.

Fipronil – vom Flohmittel für Hund und Katz zum Pflanzenschutz

Dieser hoch giftig, umweltschädliche und gesundheitsgefährdende Wirkstoff, der 1993 auf den Markt gelang, Hunde- und Katzenfreunde werden ihn kennen, genauso den Hinweis, ihre Lieblinge nach Behandlung bloß nicht zu streicheln, wechselte zunächst zwei Chemiekonzerne als Betreiber, ehe schließlich jetzt die BASF die Rechte seit 2003 für sich beansprucht.

Was für Tiere gut sein soll, ebenso für den Pflanzenschutz? Damit hat die Chemielobby bekanntlich keinerlei Probleme, eventuelle Risiken in Kauf zu nehmen, denkt man an die Thematik des Genfood. Obwohl bereits in den USA 2004 die Verwendung von Fipronil zur Beizung von Reis-Saatgut eingestellt wurde, meinte die EU drei Jahre später einer Zulassung von Fipronil für Pflanzenschutzmittel (ausschließlich Saatgutbehandlung) zustimmen zu müssen, schließlich will man es sich ja mit den Chemiegiganten nicht verderben.

Sehr zum Leidwesen von Bienen, wie sich schnell herausstellte. Sieben Jahre sollte es noch dauern, bis schließlich seit März 2014 mit Fipronil behandeltes Saatgut nicht mehr in den Verkehr gebracht werden darf, allerdings gibt es dennoch Ausnahmen für Zwiebel- und Kohlpflanzen in Gewächshäusern. Und natürlich klagte die BASF gegen jene „unangemessene Anwendung des Vorsorgeprinzips“ der EU-Kommission. Na sicher doch, was interessieren Gesundheitsinteressen des Verbrauchers?!

Die Irreführung von Belastungsgrenzen – Verbraucher haben meist das Nachsehen

Wenn schon bekannt, welche gesundheitsgefährdende Risiken Mensch, Tier und Pflanze belasten, warum dann noch weiter solche Mittel nicht generell vom Markt nehmen? Sie wissen es bereits. Profitmaximierung hat immer den höchsten Stellenwert, danach richtet sich zunächst auch die Politik. Erst wenn die Widerstände ihr keine andere Wahl lassen, lenkt sie schon mal ein, wenn auch nicht in jedem Fall.

Inzwischen sind hierzulande 12 Bundesländer von Fipronil verseuchten Eiern betroffen. Man mag ja schön artig die sogenannten Belastungsgrenzen wie im Artikel erwähnt aufzählen, aber deren Irreführung verunsichert zurecht Verbraucher. Faktisch schließt sich der Kreis, die Überlegung, es ganz sein zu lassen mit dem Verzehr von Eiern, oder? Außer man kennt einen Bio-Bauern seines Vertrauens, wo man sie getrost kaufen kann.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Verbraucherschutz

Veröffentlicht unter Verbraucherschutz | Verschlagwortet mit , , , , | 1 Kommentar

Prüde, oder was?

https://pixabay.com/de/haar-weiblich-sexy-hipster-m%C3%A4dchen-863698/

pixabay.com

Wer kennt die,
die von nebenan?
Was, du kennst
die Nachbarn nicht?
Ach, die doch nicht.
Ich mein die,
die am Tisch
vor der Theke sitzt.
Den heißen Feger,
die den Cappuccino
schlürft?
Wo guckst du denn
hin?
Die vorne
an der Theke,
wo ist die denn hin?
Sah die auch so
umwerfend aus?
Mensch, du mit
deinem ewigen
Sexappealblick.
Klaus, der nur
auf Naive steht!
Hannes, laß ihn,
das ist doch nicht
verkehrt!

Saß der sexy Feger
vorhin auch schon da?
Hannes, sei still,
sie kommt zurück,
was für ein Glück!
Na, du Flotte,
dreh dich mal um,
hier sitzen
drei Mann
alleine rum.
„Ah, so ein Zufall,
ist das denn möglich!
Oben im Studio
kein Hannes Haber
in der Kartei,
von wegen Fitness
nach der Arbeit,
von sieben
bis halb neun.
Kam mir schon
am Samstag
in der Disco
komisch vor,
keine Muckis,
nur nen Prügel
vor dem Tor.“

Nafia

Kategorie: Gedichte

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Bundestagswahl: Viel Rauch um nichts bei der SPD

Gabriels Gezeter hilft weder Schulz noch den Sozen selbst

Erinnerungen zu einer Komödie um Gras, Nonnen und Mucke mögen belustigende Assoziationen hervorrufen angesichts der Überschrift, siebeneinhalb Wochen vor der Bundestagswahl verharrt oder sinkt die SPD in ihren Prognosen, schaut es für diese Partei keineswegs gut aus.

Daran vermag auch der Vizekanzler wenig ändern, Sigmar Gabriels Gezeter hilft weder Martin Schulz noch den Sozen selbst, zumal die Kritik an die Kanzlerin, sie wolle die Sozialausgaben zugunsten einer Erhöhung des Militärbudges kürzen, bei kritischen Wählern natürlich kaum glaubwürdig rüberkommt angesichts der Tatsache, daß Sozialabbau spätestens mit der Schröder-Ära usus geworden.

Die Fronten sind ohnehin überdeutlich zu erkennen

Sommerliche Gewitterwolken beschäftigen hierzulande nicht nur all jene, die keine Gelegenheit haben, mal eben in den Flieger zu steigen, um in den Urlaub zu flüchten, sondern ebenso besorgte Bürger, die sich fast nichts von der 19. Bundestagswahl versprechen. Die Resignation kann man an vielen Orten erleben, Politikverdrossenheit, die wiederum ein „gefundenes Fressen“ für Extremisten mal wieder darstellt, ganz besonders für die Neue Rechte, vorneweg jene AfD und ihre Sympathisanten im Volke.

Wenn einerseits die Wiederholung der Kohl-Ära in die mögliche Nähe rückt, weil erneut den Liberalen auf den Leim gegangen wird mit ihrer Fortsetzung neoliberaler Politik, im Übrigen genauso forciert seitens der Großen Koalition selbst, in weiten Teilen bei den Grünen, dann darf man sich nicht wundern, wenn bei rechtsextremer Politik nicht mehr so genau hingeschaut wird, Hauptsache diese eckt an. Und die SPD? Die kann ihre Demontage schon lange nicht mehr verbergen, viel eher auf Schadensbegrenzung hoffen am Wahlsonntag.

Die Koalitionsspekulationen ändern wenig an den Machtverhältnissen

Lachender Sieger: Die Union, die weiterhin gen 40% oder gar mehr blickt, während eine SPD bereits wieder nahezu mit halb soviel Wählerstimmen hoffen darf, 22% laut Forsa vom 02. August. Alle anderen der vier kleinen Parteien reihen sich gleichwertig mit 8% ein.

Die ein oder andere Schwankung ändert wenig an den sichtbaren Machtverhältnissen, selbst eine erneute große Koalition sollte man nicht gänzlich ausschließen, falls die Grünen nicht mitmischen wollen, aber Schwarz-Gelb keine Mehrheit erhält. Frank-Walter Steinmeier ist fein raus, darf sich inzwischen als Bundespräsident tummeln, während die Weltpolitik bedrohliche Szenarien heraufbeschwört, nicht zuletzt wegen dieses neuen US-Präsidenten und eines neuen kalten Krieges, der seit dem Fall der Mauer ganz offensichtlich so gewollt ist. Ob dann eine angebliche Bevormundung seitens Frau Merkel Europa gegenüber noch eine Rolle spielt, wie unser Außenminister neulich anmerkte, bleibt mal dahingestellt.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Politik

Veröffentlicht unter Politik | Verschlagwortet mit , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Wenn Treue geteert und gefedert wird

Folgt daraufhin Reue?

In alten Westernfilmen, so jedenfalls die Erinnerung der Textschreiberin, sah man hin und wieder Personen, die mit Teer und Federn geschmückt aus den Ortschaften vertrieben wurden. Oder war das bei Lucky Luke?

Damit der treue Leser es nicht bereut, ab dem nächsten Abschnitt weitergelesen zu haben, hier vorab die Information über das Teeren und Federn, denn eigentlich geht es hier im Text um Treue und Reue.

Das Teeren und Federn war bereits in der Antike bekannt, wurde also schon vor den Zeiten von Lucky Luke zur Bestrafung von Verbrechern angewandt. Nicht gänzlich geklärt ist allerdings, ob es sich bei dieser Strafmaßnahme um richterliche Beschlüsse sowohl als auch, oder um Selbstjustiz gehandelt haben mag. Der Teer bestand aus Holzteer, der auch kalt eine zähflüssige Masse ist. Bei der Auswahl der Federn dürfte es sich um Hühner- oder Gänsefedern gehandelt haben. Der Ausdruck „geteert und gefedert“ bedeutet, jemanden ein Brandmal verpaßt zu haben, das ihn überall als Verbrecher, Bösewicht kennzeichnet.

Die Treue zu einer Person wird heute noch bei Vermählungen geschworen, öffentlich für jeden hörbar. Es gibt wenige Treueschwüre, die noch öffentlich ausgesprochen werden, abgesehen zum Beispiel von Vereidigungen im militärischen, politischen Bereich. Was sich hinter versteckten Türen noch so an Treue geschworen wird, das sei jedem überlassen, sich diese Anzahl und Zeremonien vorzustellen.

Treue, mittelhochdeutsch triuwe, getriuwe, althochdeutsch gitriuwi, wohl zu dem Teer zugrunde liegenden indogermanischen Wort für »Baum« und eigentlich, stark, fest wie ein Baum. (soweit die Erklärung aus dem Duden) Umschreibung von Treue sind, Ergebenheit, Zuverlässigkeit, Hingabe, Loyalität.

Die Herkunft des Wortes Teer soll nicht vorenthalten werden, mittelniederdeutsch ter(e), eigentlich, der zum Baum Gehörende (auch aus dem Duden)

Auf die Frage, wann haben Sie zuletzt etwas bereut? Mehrere Antworten sind möglich. Hier wird es sicherlich von den Befragten eine längere Aufzählung geben, da die Reue nicht personenbezogen ist. Bereuen kann man alles Mögliche, den Film zu Ende gesehen zu haben, den Kauf der Hose, die im Laden einen so perfekt aussehen ließ, das zweite Stück Torte, der man nicht wiederstehen konnte.

Reue, mittelhochdeutsch riuwe, althochdeutsch (h)riuwa, ursprünglich, seelischer Schmerz, Herkunft ungeklärt. (laut Duden) Synonyme sind, Gewissensbisse, Bußfertigkeit, Schuldgefühl, Gewissensqual, Umkehr.

Nun kann durch die beiden Herkunftswörter für Treue und Reue (triuwe und riuwe) nicht übersehen werden, daß hier eine Sprachverwandtschaft besteht, oder? Die beiden Wörter sind nur durch einen Buchstaben zu unterscheiden. Treue und Reue auch. Um es wieder einmal zu betonen, hier schreibt keine Sprachwissenschaftlerin, deshalb kann, wie oben bereits erwähnt, ab jetzt die Reue anfangen, weiter oder sogar zu Ende zu lesen.

Davon auszugehen, daß die Vorfahren Wörter, Begriffe gebildet haben, aus „Bildern“, die zu sehen waren, wie der Baum, der Teer, ist mehr als folgerichtig, oder? Deshalb ist natürlich verständlich, daß Baum auch als Begriff für stark und fest genommen werden kann. Sicherlich kann in erweiterter kognitiver Betrachtungsweise ebenso Treue aus dieser Stark und Fest- Verbindung versinnbildlicht herausgebildet worden sein.

Nicht ganz verständlich im Sinne der Feststellung, daß Treue auch bereut, also der Treueschwur gebrochen, zurückgenommen werden kann, ist allerdings dann die Erklärung durch die Sprachwissenschaft, daß die Wortherkunft nicht geklärt ist.

Der Begriff „Reugeld“ ist all denen bekannt, die von einem Vertrag zurücktreten, im dem vereinbart wurde, daß bei Rücktritt eine vorab vereinbarte Summe zu zahlen ist. Auch im Rennsport wird Reugeld fällig, wenn das angemeldete Pferd nicht teilnimmt.

Die Zurücknahme einer Treue ist demnach die Reue oder das Zurücknehmen der Treue.

Ob nun das Teeren und Federn die straffällig Gewordenen wirklich zu Reue angeregt hat, sei dahingestellt. Die Federn sollten den Gebrandmarkten allerdings als vogelfrei zu erkennen geben. Drum prüfe, wer sich ewig bindet, möglicherweise wird die Reue, der Bruch der Treue nicht nur Gewissensbisse nach sich ziehen, sondern auch Reugeld abverlangen, in welcher Form, das können Sie bei manchen Mafia-Filmen sehen oder Ihrer Vorstellung freien Lauf lassen.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

Veröffentlicht unter Kolumne | Verschlagwortet mit , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Miesmacher unter uns – Störenfrieden keinen Raum geben

Begeisterung und Spannungen

Es scheint keinerlei Streit in der Luft zu liegen, manche laufen sich freudig nach, fröhliches Lachen durchdringt den lichten Platz, überall offene Gesichter, die sich gegenseitig anlachten, während die herbstlichen Strahlen der Nachmittagssonne noch etwas Wärme spenden. Wer kennt nicht jene ausgelassene gute Laune, die dem Tag einen besonders schönen Eindruck vermittelt, mit welch einfachen Mitteln doch Menschen sich begeistern lassen, vorausgesetzt, sie harmonieren im Miteinander.

Immer eitel Sonnenschein ohne jegliche Spannungen? Nein, das entspricht meist nicht der Alltagsrealität, in der genug Probleme sich aufstauen, um ein Ventil des Abreagierens zu ersinnen. In fast jeder Gruppe taucht irgendwann mal ein Miesmacher auf, der die Stimmung versaut, was vorher friedlich verlief. Schnell kann dann aufkommender Mißmut dessen destruktive Folgen ausleben lassen, wenn niemand beherzt gegensteuert.

Enttäuschte Randfigur auf der Suche nach Vergeltung

Warum müssen manche Menschen eine ausgelassen lustige Gesellschaft durch ihr Zutun stören, sie verärgern und letztlich die Stimmung verderben? Hat das etwas mit Eigenbrötler-Dasein zu tun, der Mißgunst den anderen gegenüber, die in solchen Momenten sich glücklich fühlen, dies ausleben, während seine gekränkte Seele nach bewußter oder unbewußter Vergeltung sinnt? Durchaus kann ein solches Gefühl der enttäuschten Abseitsstellung den Anlaß für ein derartiges Verhalten geben.

Deshalb entsteht nicht zufällig oder spontan die Rolle der Randfigur des Spielverderbers, sondern dem ging meist eine Reihe von vielen Mißverständnissen voraus, ungeklärten zwischenmenschlichen Differenzen, die, aus welchen Gründen auch immer, sich aufstauten. Insofern bedarf es lediglich eines bestimmten Momentes, um sich befreiend entladen zu können. Selbst wenn der Eigenbrötler selbst sich dabei unwohl fühlt, beharrt er auf seinen Kurs des Miesepeters. Und wie reagieren in solchen Fällen die zuvor noch fröhlich Ausgelassenen?

Oft ergreift ein scheinbarer Anführer wortgewaltig die Initiative, um den Spielverderber in seine Schranken zu weisen. Selbst wenn dies behutsam und mit entsprechender Einsicht geschehen mag, die Stimmung findet im Anschluß zunächst ihr jähes Ende. Je nachdem, in welcher Rolle oder Beziehung der Störenfried zu einem oder mehreren der Gruppe steht, setzt sich eine Diskussion in Gang, die gute Laune wird zerstreut.

Grauzonen menschlicher Gratwanderung der Toleranz

Tagtäglich lenken uns Erfahrungen. Ein jeder entwickelt sich nach vorgegebener Bestimmung, was nicht mit Schicksal verwechselt werden sollte, weil wir dennoch es stets selbst in der Hand haben, unser Dasein zu beeinflussen. Klingt so schrecklich selbstverständlich und abgeklärt, nahezu wie eine Phrase? Mitnichten, und doch muß man eingestehen, daß das gesellschaftliche Leben ein sehr komplexes Gebilde beinhaltet, welches niemand in Gänze durchschaut.

Obendrein hat sich jeder zurechtzufinden, egal in welchem Umfeld man sich bewegt. Das setzt aber eigentlich klare Grenzen voraus, selbst wenn sie unbedarft überschritten werden. Grauzonen menschlicher Gratwanderung der Toleranz schaffen Reibungsflächen, die im Idealfall Lösungen anstreben sollten, obwohl daraus meist Streitereien folgen, die im Extremfall unnötig heftig eskalieren. Hat jede Entwicklung trotzdem ihre Berechtigung, und wo überschreitet sie das Maß?

Stets dann, wenn die Mehrheit einer Gruppe sich in ihrem Gefüge gestört fühlt, sei es durch Spielverderber oder Eigenbrötler, entsteht Disharmonie. Entweder der Störenfried fügt sich oder aber wird zurechtgewiesen. Die Mehrheit bestimmt die Regeln, was nicht unbedingt mit autoritärem Machtgehabe verwechselt werden sollte, sondern dem Wohlbefinden der Gruppe dient.

Was bedeuten Ausnahmeerscheinungen, die sich outen, gar nicht unbedingt unzufrieden sein müssen, um dennoch spielverderbend aus der Reihe zu tanzen? Hilfeschreie nach einem Übermaß Anerkennung, welches sie auf diese Weise sich genehmigen? Der möglichen Begründungen mag es viele geben, während eine homogene Gruppe sich eben ungern auseinander dividieren läßt, solche Störfaktoren möglichst gestoppt werden.

Nebenan geht es hoch her beim lautstarken Spielen von Musical Chairs, wie die „Reise nach Jerusalem“ auch genannt wird, aber jeder, der keinen Stuhl findet, schmollt eben anschließend nicht automatisch, sondern lehnt sich schmunzelnd ans Fenster und schaut gelassen zu, wie die anderen sich wachsam bemühen.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gesellschaft

Veröffentlicht unter Gesellschaft | Verschlagwortet mit , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Hände vorm Gesicht

https://pixabay.com/de/kleidung-shop-umkleidekabine-mode-650380/

pixabay.com

Olga beschreiben? Olga, also Olga ist siebenundvierzig. Schlank. Vollschlank. Pummelig. Meistens ein Lächeln im Gesicht, eher ein verschmitztes Grinsen. Dafür kann ich nix, und schon prustet sie los, unaufhaltsam, wie ein reißender Strom, der eine Felswand herunterstürzt. Früher hat sie in solchen Momenten noch die Hände vor ihren Mund gelegt, versucht, dadurch sich selbst zur Mäßigung zu rufen, weil dieses Lachen in der Schulzeit mit Ecke stehen und sogar mit Schlägen auf den Handrücken bestraft wurde.

Ja, wer ist Olga? Keine Stimmungskanone, jedenfalls nicht direkt, eher zurückhaltend, zuvorkommend, wißbegierig ohne aufdringlich zu sein, arbeitsam. Arbeitsam, sie ist sich für nichts zu schade, hat im Büro gearbeitet, in einer Gärtnerei, im Tierheim, als Altenpflegerin, in einer Boutique für Mollige. Übrigens wurde ihr dort gekündigt, weil Kundinnen sich durch ihre Art der Lächerlichkeit ausgesetzt sahen.

„Stell dir vor, da will diese Kundin eine Bluse Größe 46 anprobieren, obwohl ich ihr erklärt habe, diese Bluse fällt klein aus, da stehe zwar 46 drin, aber sie habe den Schnitt einer 44iger Größe. Sie will mir partout nicht glauben, kommt stolz wie ein Pfau aus der Umkleide, dreht sich vor dem Spiegel mit einem Seitenblick zu mir und päng springen die ersten Knöpfe weg. Natürlich habe ich gelacht, der ganze Laden hat gelacht!“

„Frau…“

„Einen Moment, dann verstehen Sie, Herr Schadewald.“

„Kannst du es für möglich halten, da fragt dich eine etwas blasse Kundin, ob ihr die lachsfarbene Strickkombi, du weißt schon, so ein dünner Strickpulli mit passendem Strickjäckchen stehen würde. Sie sah damit aus, wie aus dem Wasser gezogen, diese helle Lachsfarbe wirkte an ihr wie ein Stoffetzen, der durch zu vieles waschen alle Farbe verloren hat. Das habe ich ihr gesagt, daraufhin zog sie das Teil ganz langsam aus, im Laden vor all den anderen Kunden, Sie meinen also, meine Haut sähe aus wie durchs Wasser gezogen? Ich habe nicht zuerst angefangen zu lachen, das war eine andere Kundin, die gerade von Marie bedient wurde, aber mein Lachen übertraf alle.“

„Frau Unger!“

Wo war ich stehengeblieben, Olga beschreiben. Olga wuchs in einer gut situierten Familie auf, Vater, Beamter, Mutter, schweigende Frau. Geld war immer vorhanden, Olga war die einzige, die in der Grundschule zu ihrem Geburtstag nicht nur Geschenke wie Strümpfe, einen neuen Rock, Stofftaschentücher, irgend etwas zur Aussteuer bekommen hat, sie bekam Geld. Das heißt nicht sie, ihre Eltern, ihr Vater. Immer wenn sie nachgefragt hatte, wieviel denn schon auf ihrem Sparbuch sei, ihre Mutter konnte darüber keine Auskunft geben, wurde die Frage mit dem Satz: Schließe deine Augen, dann kannst du deinen Reichtum sehen, beantwortet.

Wie komm‘ ich jetzt darauf? Also, Olga ist die, die sich die Hände vors Gesicht hält. Sie klinkt sich dadurch aus dem tatsächlichen Sein, sagt sie. „Wie beim Küssen, da machst du doch die Augen zu, oder? Alles um dich versinkt, du spürst nur noch, fühlst. Und denkst, oh, mein Gott, Wahnsinn oder was für eine Pleite. Ist dir nie aufgefallen, daß Menschen, wenn sie vor ein plötzliches Problem gestellt sind oder eine unerwartete Freude empfinden, sich das Gesicht mit den Händen bedecken?“

„Frau Unger, meine Zeit…“

Für Olga ist das Gesicht mit den Händen bedecken ein Ausblenden, um sich einzuklinken. Ihre Vorstellung von dem Reichtum, dessen Höhe ihr Vater ihr vorenthielt, bis sie einundzwanzig war, war ein Klacks gegenüber der Höhe, die er für sie verwaltet hatte. Er hatte mit dem Geld spekuliert, Grundstücke gekauft, auch Börsenanteile, sie besaß mit 21 Jahren eine Summe von fast zweihunderttausend DM.

Olga ist die ausgeglichendste Person, die ich kenne, mit ihr kann man durch dick und dünn gehen, Pferde stehlen, aber sich auch eine Meinung anhören, die nicht schmeichelhaft sein mag.

„Frau Unger, warum erzählen Sie mir das?“

„Ich muß mich konzentrieren, das Ergebnis ist nicht immer das richtige, es ist änderbar, irgendwie, irgendwann, aber ich habe es voll Überzeugung entschieden, das ist ausschlaggebend. – Weil ich der Überzeugung bin, du bist der mieseste Arbeitgeber, dem ich je begegnet bin. Ich wollte dich nur wissen lassen, mein Mercedes, den ich fahre, ist bezahlt, mein Haus ist bezahlt, und ich gönne mir eine Haushaltshilfe, berufstätig bin ich nur, um nicht einzurosten. Ich weiß, ich bin privilegiert, und du bist ein armes unfähiges Menschlein. Genau das habe ich der Hauptverwaltung mitgeteilt, mit sämtlichen Details, die ich hier zu hören bekam. Schönen Tag noch!“

Olga grinste, bis sie an der Bürotür war, danach hörte er nur noch lautes Lachen.

Herr Heribert Schadewald schlug die Hände vors Gesicht, das hatte er schon jahrelang nicht mehr getan.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

Veröffentlicht unter Kurzgeschichten | Verschlagwortet mit , , , | Hinterlasse einen Kommentar