Kein schöner Land zu keiner Zeit – zu viele gewaltbereit

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Satirischer Rückblick…

Schon wieder soweit, möchte man sagen, sich dabei erschrocken fragen, woran das wohl liegt, daß Mensch sich meist bekriegt. Wo wir doch alle nackt und unschuldig geboren, am Ende allesamt unsere Leben verloren. Dazwischen unsere Erde zur Hölle gestalten, weil dies schon so machten die Alten. Einfach dieses Muster kopieren, stets den Reichtum hofieren? Hat Mensch so viel zu verlieren, daß er keine Liebe leben kann? Welch grausamer Bann!

Doch er macht weiterhin fürchtliche Pläne, heißt’s doch, wo gehobelt wird, fallen Späne. Wehe, man sich dagegen auflehne, arglistiges hinter manch Stein hervorkroch, um erneut Gewalt walten zu lassen, widerlich dieses Hassen! Erneut sind geistige Brandstifter unterwegs, die gehen manch friedliebenden Menschen mächtig auf den Keks.

Ein Umdenken kann durchaus Hilfe schaffen, weg vom Hassen und kruden Zusammenraffen. Mensch selbst hat es letztlich in der Hand, dies zu praktizieren, ist überhaupt keine Schand. Vorbilder gab und gibt’s genug, wer sie meidet, folgt häßlichem Betrug. Aber Deutschland verweilt im Taumel dekadenter Politik, deren Weg bedeutet am Ende wieder Krieg, welch Rückschritt nach aller Müh, es hört nicht auf, nie!

Man mag gern Trachten betrachten, in fremden und bekannten Betten übernachten, in der Stille das Sein genießen, bloß nicht verdrießen, wo doch genügend Probleme aufwarten, lustwandeln im paradiesischen Garten. Jedoch zurück zur knallharten Politik. Die EU unterstreicht beim CETA ihren politischen Herrschaftswillen: welch bittere Pillen für all die Gegner und Streiter. Geht dieser Wahnsinn jetzt immer so weiter?

Irgendwie schon, welch Hohn. Uncle Sams ungehobelter Kurs im Aufwind sich zeigt, erneut zur kriegerischen Expansion neigt, während die Menschheit noch kein Rezept, ihn zu stoppen. Verschleppt, mittels ständigen Foppen? Weil viel Show sie blendet, Ressourcen arglos verschwendet? Da helfen keene Nachmittagsbesuche, keen Gefluche.

Wir sehen doch völlig irritiert, wohin solches führt. Das Horrorclown-Phänomen exemplarisch für Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft, drüben übern Teich hat man’s uns vorgemacht, sie jetzt vielerorten entfacht. Frühstück bei Hagedorn mag keine Abhilfe schaffen, wenn die Schere zwischen Arm und Reich ist am Auseinanderklaffen. Per chemischer Schädlingsbekämpfung Mensch sich und der Natur das eigene Grab schaufeln tut. Daraus entsteht berechtigte Wut, weil solches für niemand gut.

Wir blicken schon zurück, Stück für Stück, auch was den scheidenden Oktober anbelangt, manch einer grübelnd wankt. Ein Novemberspaziergang kann unsere Gedanken sortieren, uns zu sammeln, bevor wir den Rest der Welt verlieren und viele Tote vor sich hingammeln.

Lotar Martin Kamm

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Novemberspaziergang

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Wir schreiben das Jahr 1751 und ich befinde mich im Nirgendwo zwischen Rhein und Donau. Nachdem ich mich zu einem nachmittäglichen Spaziergang aufgemacht habe, um mir die Beine zu vertreten und um ehrlich zu sein, auch ein wenig neue Inspirationen zu tanken, weil ich nunmehr seit Wochen keinen vernünftigen Satz, geschweige denn einen vernünftigen Gedanken niedergeschrieben habe, aber der Herr Verleger in Berlin dringlichst um Ablieferung neuer Geschichten erbeten hat, kurzum ich habe mich verlaufen.

Mit meiner letzten aufzubringenden Kraft sitze ich hier in einer Hütte, wohl eher ein Verschlag, der dazu dient, für kurze Zeit etwas unterzustellen. Durch die Ritzen zieht nicht nur der Wind, sondern die inzwischen angehäuften Schneemassen drängen wie von Geisterhand gedrückt in den Innenraum. Seit nunmehr zwei Tagen habe ich mich von dem weißen Wasser ernährt, und ich fühle mein Ende naht.

Dies schreibe ich nieder mit einer gefundenen Feder, die ich in kalte Asche getaucht habe, als Papier dient mir, wie ihr unschwer erkennen werdet, lose Bretter, die gestapelt an der rechten Verschlagwand aufgeschichtet waren. Selbst die Asche, die etwas links von der Hütte, bereits mit nassem Laub und Schnee bedeckt war, neigt sich wie mein Leben dem Ende zu. Nichts an mir und außerhalb von mir ist noch als trocken zu bezeichnen, alles ist durchdrungen von nasser Kälte, sogar tagsüber tropfen die Eiszapfen an dem Verschlag nicht ab. Die ganze Landschaft ist in einem blauschwarzen Wolkenmeer verschwunden, Tag und Nacht sind nur durch die Intensität eines dunkleren Blaus zu unterscheiden.

An diesem meinem, nun folgenden jämmerlichen Ende ist meine heißgeliebte Ehefrau Bea schuld. Ja, ich muß es so deutlich aussprechen. Liebste Bea, verzeih mir diese drastischen Worte, aber das Unausweichliche naht, und ich bevorzuge, wie du weißt, Aufrichtigkeit, im Angesicht meines Todes ein unabdingbares Mittel, um nicht mit Sünden aus dem Leben zu scheiden. Meine Finger sind kaum noch zu bewegen, sie sind nur dank meiner Anstrengung, dieses letzte von mir Gedachte niederzuschreiben, fähig, die Feder zu halten.

Mein Herzallerliebstes, meine Muse, mein treuliebendes Weib, das mir unter Tränen versprochen hatte, in guten wie in schlechten Zeiten mit mir zu sein, du weißt, du hast diesen Schwur gebrochen, indem du mir seit Wochen mit deinen verletzenden Worten und unter Zuhilfenahme der Drohung, zurück zu deinem Elternhause zu eilen, mich spüren läßt, wie wenig Rücksicht ich auf deine Belange nehme. Sicher, das gestehe ich ein, der Verkauf des Schmuckes von deiner heißgeliebten Tante hat dich geschmerzt und ich hatte dir versprochen, dir noch viel wertvolleren Schmuck und neues Tafelsilber zu kaufen, sobald meine literarischen aus der Seele geträufelten Gedichte und Geschichten mir den vergangenen Ruhm wieder bescheren werden.

Aber anstatt in mich vollstes Vertrauen zu setzten, kamen täglich Nörgeleien, Zurückweisungen, Tränen auf den Tisch, ganz zu schweigen davon, daß die köstlichen Essensgerichte nun von dir selbst zubereitet werden mußten, weil die Köchin das Haus verlassen hatte, nachdem du ihr vorgeworfen hattest, sie würde das ihr zum Einkauf zur Verfügung stehende Geld nicht sachgemäß verwalten, obgleich du wußtest, daß seit Tagen schon bei den Händlern angeschrieben werden mußte. Was konnte ich dafür, daß der Herr Verleger aus Berlin mir keinen weiteren Vorschuß gebilligt hat.

Dein Herr Papa war so freundlich, mir zur Erhaltung und Wahrung der Familienehre den Vorschlag zu unterbreiten in aller Abgeschiedenheit, zu den von mir so innigst herbeigesehnten Inspirationen zur Niederschrift meiner ansonsten von ihm nur wenig beachteten Gedichte, dieses Zimmer in dem Gasthaus „Zum Tannenblick“ für einige Wochen zu mieten. Aus diesem Grunde liebste, von mir angebetete Beatrice, bin ich vor zwei, oder sind es schon drei lange einsame kalte Tage und Nächte, die ich in unmenschlicher Umgebung verbringe, zu einem nachmittäglichen Spaziergang aufgebrochen, um danach mit frischen Elan die poetisch auf mich einwirkenden Eindrücke niederzuschreiben.

Inzwischen naht die schwarze Blaunacht immer näher, und ich habe Mühe, diese letzten von mir mitzuteilenden Zeilen noch mit dem möglichen Lichte niederzuschreiben. Mein Körper fühlt sich in glitzerndes Eis gehüllt, wie die dunklen Tannen um mich herum. Auf diesem meinem Spaziergange vernahm ich ein mir befremdlich klingendes Geräusch, ähnlich schleifenden Schritten, das sich hinter mir immer näher rückend und lauter werdend ausbreitete. Dieses Geräusch trieb mich immer weiter in den Wald, so daß ich bald darauf die Orientierung verlor, aber auch zu meinem Glücke das Geräusch nicht mehr vernahm. Auf dem Weg zurück änderte sich das Wetter schlagartig in einen Schneesturm, so daß ich die erste Nacht völlig erschöpft unter Bäumen einschlief.

Noch zuversichtlich machte ich mich auf den Weg zu meinem Gasthause, aber der dichte Nebel hat mich hier zu diesem Verschag geführt, in dem ich nun…

„Hannes, Hannes, Hannes, kannst du mal die Kopfhörer abnehmen! Hannes!“
„Monika, ist es…?“
„Hannes, sag mal, du tickst doch nicht mehr ganz richtig. Sitzt hier vor der geöffneten Kühlschranktür mit Winterpulli, Mütze, Handschuhen, obwohl wir draußen gut und gerne 30 Grad haben! Und komm mir jetzt bloß nicht wieder mit der Ausrede, du bräuchtest reale Umgebung für deine blöden Geschichten! Das hatten wir doch nach der Überschwemmung des Badezimmers abgehakt, nachdem du diese Geschichte der Schiffsreise möglichst mit original Wasserrauschen aufschreiben wolltest!“

Doris Mock-Kamm

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Chemische Schädlingsbekämpfung wider die Natur

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Wirtschaftspolitik verhindert kritische Fragen

Wird schon nicht so tragisch sein, einfach verdrängen, wegducken und sich ablenken lassen, was da gewisse „Ökofuzzis“ anmahnend verkünden. Wir Menschen können viel vertragen und überhaupt, wen interessiert’s denn dermaßen ausführlich, zumal Ärzte noch zur Stelle, die notgedrungen uns zur Hilfe eilen.

Dennoch könnte vielleicht ein Stückweit was dran sein, daß die chemische Schädlingsbekämpfung wider der Natur. Was verhindert eigentlich ein messerscharf analytischer Blick, der vielen verloren gegangen? Zuviel Ablenkung oder Beruhigung seitens einer clever inszenierten Wirtschaftspolitik, bei der alles unternommen wird, um kritischen Fragen geschickt auszuweichen, sie obendrein zu verharmlosen!

Giftige Substanzen belasten die gesamte Umwelt

Die US-amerikanische Biologin und Zoologin, Rachel Louise Carson, konnte nicht erahnen, als sie 1962 ihr viertes Buch „Silent Spring“ (Stummer Frühling) veröffentlichte, was sie mit diesem völlig berechtigten Werk auslöste, welches sogar ein wissenschaftliches Beratergremium des damaligen US-Präsidenten, John F. Kennedy, im sogenannten „Wiesner-Report“ dahingehend bestätigte, eine Politik der umweltgerechteren Schädlingsbekämpfung zumindest anzustreben.

Längst sollte nach 54 Jahren bekannt sein, in wie weit sich eine chemische Industrie kümmert, die keinerlei Rücksicht nimmt, nach wie vor das Los hochgradiger Vergiftung zugunsten des Profits uns erreicht, Hauptsache Pestizide, Herbizide oder Biozide finden reißenden Absatz. Und je unkritischer die Bevölkerung, besonders in den Schwellenländern oder der Dritten Welt, um so dreister und skrupelloser werden all jene giftigen Substanzen Mensch und Umwelt zugemutet. Aber was weit entfernt geschieht, erreicht selbst uns.

In wie weit die allgemeine Ignoranz bekannter Gefahren, die von Pestiziden ausgehen, dennoch stattfindet, sieht man an der Zunahme des Anstiegs: Von 1994 bis 2010 erhöhte sich gar der Pestizideinsatz um jährlich 40.000 Tonnen, wobei auch die höchst gefährlichen Neonikotinoide einfach verwendet wurden, selbst Kleinstmengen alle Insekten toxisch belasten, deshalb die Nahrungsgrundlage von Vögeln empfindlichst zerstört wird.

Eine spanische Studie hat übrigens nachgewiesen, daß in hoher Dosierung aufgenommene Neonikotinoide aber auch andere Pflanzenschutzmittel sowohl zu Befruchtungsproblemen als auch zum Tod bei Rothühnern führen kann, um nur mal ein Beispiel zu nennen. Zwar verbot die EU-Kommission des Einsatz einiger Neonikotinoide, um betroffene Bienenvölker zu schützen. Wie lang die Politik dem Druck der Pharma-Lobby standhalten kann, wird sich noch herausstellen. Der politische Alltag offenbarte bisher ein Desaster zu Ungunsten der betroffenen Natur, wie jüngst bei der Genehmigung zur EU-Durchführungsverordnung vom 18. August 2015 geschehen.

Zurück zur Natur reine Wunschvorstellung?

Menschen neigen meist dazu, Widerständen aus dem Weg zu gehen und das erst recht, wenn die eigene Existenz gefährdet, da gewisse Kräfte sich das Zepter des wirtschaftspolitischen Einflußes niemals nehmen lassen.

Erfreulich, wenn manchmal völlig unverblümt Menschen wie z. B. der Ethnobotaniker Wolf-Dieter Storl sich äußern wie in einem Interview, wo er zur hochnäsigen „Weinkultur“ bemerkte, daß aus der ursprünglich wilden, dem Dionysos geweihten Weinpflanze heute verschrumpelte Leute von einem „wunderbaren Bouquet“ faseln, was einer totalen Überästhetisierung gleichkäme. Auch nimmt er kein Blatt vorm Mund, zitiert das Verhältnis indianischer Kulturen zum Tabak, die in exakt bemessenen Dosierungen diesen rauchten, um in Kontakt zur Welt der Geister zu treten, während der gelangweilte heutige Dauerraucher den Ausdruck der ewigen Konsumlust unterstreicht, wie Storl ausführte.

Aber was wollen uns die alten Mythen und Naturvölker sagen? Zurück zur Natur reine Wunschvorstellung oder einfach die Fortsetzung chemischer Keulen? Ersteres versuchen immer mehr Menschen, wenn auch schwierig umzusetzen in einer hektisch gestörten, zusammengerückten Welt, letzteres hinzunehmen würde einen biologischen Kollaps bedeuten, der Satz der Cree sich nicht nur bewahrheiten, sondern obendrein danach kein Zurück mehr zulassen, denn eines sind wir mit Sicherheit nicht: die Schöpfung!

Lotar Martin Kamm

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Frühstück bei Hagedorn

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„Du Mama, ist das nicht die Alte, die nebenan gewohnt hat?“
„Gisela!“
„T’schuldigung, hast du es nicht gelesen. Hier steht, gestern Vormittag ist es zu einem Straßenbahnunglück gekommen, bei dem eine Frau ums Leben kam. Mehrere Zeugen haben ausgesagt, daß die getötete Person direkt vor die Straßenbahn gelaufen sei. Das Unglück geschah nur wenige Schritte vor ihrem Wohnhaus. Und guck mal, das ist doch die Friedrichstraße, da ist sie doch hingezogen.“
„Laß mich mal lesen. Hm, du hast Recht, daß könnte Fräulein Manders sein. Das ist furchtbar, mal sehen, ich frage morgen die Herta von der Bäckerei, die kann mir sicher sagen, ob es Fräulein Manders ist.“

Die Mühe des Umzuges hätte ich mir sparen können, laufe weiterhin wie eine Süchtige jeden Morgen nach der Arbeit an Hagedorns Laden vorbei. Zwinge mich, selbst wenn meine Füße mich wieder dahin geführt haben, nicht ins Schaufenster zu sehen. Und ich starre wieder hinein, hinein in das Halbdunkel, durchflochten mit dem Licht der Straßenlaterne oder eines der Automobile, die so früh schon über die Straße brausen. Da sehe ich ihn und all die anderen Dinge, die mich manisch anziehen und doch nie mein Eigentum werden können. Das Geld dafür liegt im Kosmetikkoffer, sicher verwahrt. Ich habe es nicht einmal ansparen müssen, es ist einfach immer da, seit ich es eingetauscht habe, nach der Währungsreform. Es ist ein kleiner Teil dessen, was sie für mich dagelassen haben.

„Mama, ich habe doch gleich gesagt, daß sie es war. Die Leute sagen, sie sei regelrecht auf die Straße gerannt.“

Das Klavier bleibt stumm, Mama. Nach dem Umzug habe ich es extra stimmen lassen in der Hoffnung, daß auch ich die Töne wieder aufleben lassen könnte. Aber Mama, es geht nicht. So sitze ich davor und lasse meine Finger über die Tasten gleiten, ohne sie zu berühren und ich wünsche mir so sehr, du und vor allen Dingen Papa könnte sie hören, die Musik, die Papa so gerne gehört hat. Die Töne sind immer noch in meinen Fingern zu fühlen und ich spüre jeden Ton in meinem Herzen und manchmal auch Papas Hand auf meiner Schulter, wenn er versunken der Musik zugehört hat. Wieder habe ich es nicht über mich gebracht, nicht zum Laden zu gehen. Hagedorn hat den Schaukelstuhl und den runden Tisch jetzt hinten rechts vom Schaufenster gestellt. Er ist nicht mehr im hellen Straßenlaternenlicht zu sehen, aber ich weiß auch so, wie er aussieht.

„Herta hat mir heute morgen erzählt, Fräulein Manders wäre vor Herrn Hagedorn weggelaufen. Er wollte an diesem Morgen schon früh etwas im Laden für eine Abholung bereitstellen, die er tags davor nicht erledigt hatte. Als er Fräulein Manders sah, nahm er an, daß sie die Frau sei, von denen Nachbarn erzählten, sie würde immer morgens vor dem Schaufenster stehen. Er wollte sie bloß fragen, was ihr denn so gut gefallen würde, daß sie jeden Tag so früh vor den Fenstern steht.“

Jetzt ist der Fall abgeschlossen, haben sie mir geschrieben, alle Nachforschungen nach dem Verbleib von Hubert Lauenstein werden zu den Akten gelegt. Es gibt keinerlei Nachweise über seinen Aufenthaltsort, geschweige denn was mit ihm passiert ist, als er am 17. Februar 1945, abends so gegen 21 Uhr die Wohnung in Begleitung von zwei Offizieren der Gestapo verlassen hat. Nichts Mama, nichts Tante Friederike, nichts Papa. Sie sagen sogar, vielleicht hat er sich aus dem Staub gemacht, ohne uns, sei geflüchtet, irgendwo ein neues Leben anzufangen. Zu Staub, zu Staub, auch für ihn kein Grab, genauso zu Staub wie du Mama und Tante Friederike. Warum nur seid ihr so schnell nach dem Alarm aus dem Haus gerannt, wir hätten es doch auch noch in den Keller geschafft, warum diese Eile? Es war doch nicht das erste Mal. Ihr ward so nervös, vielleicht hattet ihr euch wieder gestritten? Wegen mir gestritten? Ich stand zwischen Wohnung und Flur, irgendwie gelähmt, ich wollte euch hinterherlaufen, aber, Mama, ich wollte auch in die Wohnung zurück. Und dann Mama, der Knall, sie haben mich nicht mehr zu euch gelassen. Nur noch alles Schutt und Asche, Asche, keine Menschen mehr. Ich habe die Briefe gefunden, Tante Friederike. Ich habe sie alle gelesen, Mama, heimlich, sie waren im Kosmetikkoffer. Meine beiden Brüder sind nicht auffindbar, die Hebamme hat die Unterlagen wohl gefälscht, sie sind nie irgendwo angemeldet worden. Mama, sie haben dich belogen, wußte Papa davon? Warum durfte ich bleiben und sie nicht? Nur weil ich dir ähnelte, weil ich ein Mädchen war. Wußtest du, daß Tante Friederike sich immer wieder bei ihrem Bruder ausgeheult hat, in seinem letzten Brief schrieb er, es ist jetzt an der Zeit, ihre Ehre wieder herzustellen. Ineke, die fröhlich Hüpfende, Papa, Ineke, die in sich Zerspringende. Ineke, die vor lauter Staub um sich herum nicht mehr hüpfen kann.

„Ach wirklich, Frau Herta, das ist ja fast nicht zu fassen. Schmuck, sagen Sie und einen Brief.“
„Ja, stellen Sie sich vor, da steht drin, weil ich immer ein Lächeln für sie hatte, auch wenn sie es nicht immer erwidern konnte, so gibt sie mir dieses Lächeln in Form des Schmuckes zurück. Alles echt, Halskette, Ohrringe, Armband, Ring, paßt alles zusammen, keiner wußte, daß sie so reich war.“

Lieber Papa, nun bist du schon so lange weg und ich habe so viele Fragen. Mama und Tante Friederike, deine Frau sind bei dem Bombenangriff getötet worden, sie sind auf dem Weg zum Hinterhauskeller direkt getroffen worden und… Ich konnte nur ihre Asche beerdigen, sie waren beide nur Asche, gemeinsame Asche, alles Asche. Die Asche wurde in dem Familiengrab begraben, zwei Urnen, eine Asche. Tante Friederikes Familie ist nicht gekommen, sie haben geschrieben, daß sei die Gerechtigkeit des Herrn für ihre und deine Sünden. Und mit einem Bastard wollten sie nichts zu tun haben, ich würde nicht zu ihrer Familie gehören. Dabei wollte ich doch alles richtig machen und ihnen den Schmuck von Tante Friederike geben. Papa, ich weiß, du hast Mama geliebt und auch Tante Friederike. In den Briefen stand, sie hatte zwei Fehlgeburten und womöglich würde sie eine weitere Schwangerschaft nicht überleben. Ich habe es so geliebt, mit dir zusammen im Schaukelstuhl die vielen Reisen durch die Welt zu erleben. Deine Stimme ist meinem Ohr immer noch nahe. Ineke, die die Welt durch deine Augen gesehen hat, Ineke hat Asche in den Augen und keine Träne mehr, um sie fortzuspülen.

„Gisela, geh vom Fenster weg, mach lieber die Türe auf, es hat geklingelt, Gisela!“
„Guten Tag, Frau Schuster, hm, Frau Schuster, ich, nun Gisela und ich, also im Kino läuft ein neuer Film, Frühstück bei Tiffany, sonntags um zwei, mit Gisela, nein, mein Bruder Franz ist auch dabei und Giselas Schwester kann auch mit. Sie ist auch eingeladen.“
„So, so, Frühstück bei Tiffany. Aber du bringst die beiden sofort nach dem Film wieder nach Hause, Stefan.“

Liebe Tante Friederike, lieber Onkel Hubert, danke für die schöne Puppe zu meinem Geburtstag! Eure Ineke
PS. Ich habe euch lieb, fast so lieb wie Mama.

Doris Mock-Kamm

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Es geschah vor 40 Jahren (25. bis 31. Oktober 1976)

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Wußten Sie was in diesem Zeitraum?

makadomo TV begrüßt Sie recht herzlich zu einer weiteren Sendung „Es geschah vor 40 Jahren“ – ein Nachrichtenrückblick ohne anspruchsvolle Informationserklärung, vielmehr der Unterhaltung dienend, manchesmal mit zwinkernden Augen zu betrachten.

Für all jene, die Interesse haben, was da im Hintergrund geschieht, bis solch eine Sendung aufgenommen, ein paar Infos zur Technik und Ausstattung:

Die Kulisse stammt noch aus meinen beruflichen Zeiten im Schloßtheater Neuwied, bestehend eine Aneinanderreihung aus zwei Wänden, zwei Portalwänden und einem Sturz mit dahinter gespanntem Stoff, per Klettverschluß befestigt.

Ausgeleuchtet mit zwei alten Scheinwerfern, zum einen einem „Mettmann – 1.000 Watt“, zum anderen einem „Strand Lighting – 650 Watt“, aufgenommen mit einer Samsung Video-Kamera.

Ständig wechselnde Bilder (Skulpturen) von uns an linker, großer Wand.

Nehmen Sie das Leben wie es ist: ernsthaft, ohne Humor keineswegs auszuhalten, vielmehr von etlichen Geschehnissen. Damit manche nicht in Vergessenheit geraten, hier die Meldungen…

Doris Mock-Kamm und Lotar Martin Kamm

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Horrorclown-Phänomen exemplarisch für Gewaltbereitschaft

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Vom Bösen Clown zum Killer-Clown – Verunglimpfung der Narren

Den Begriff des Pausenclowns werden wohl die meisten ohne weiteres verstehen, nachvollziehen können, was damit gemeint. Dieser Witzbold, der in bestimmten Momenten eine Gruppe zum Lachen bringt mittels pointierter Bemerkungen oder andere Mittel einsetzt, die Situationskomik walten zu lassen.

Ganz anders das neu entflammte Horrorclown-Phänomen, welches so in gar keiner Weise mit echten Clowns etwas gemein hat, außer der Maskerade, dabei eher per bösartiger Grinse-Fratze unterwegs, obendrein potentielle Opfer nicht nur erschreckend, sondern regelrecht verletzend, nach deren Leben trachtend. Insofern exemplarisch für die generelle Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft selbst. Eine Verunflimpfung der Narren.

Vom Zanni zum Clown – Theaterfiguren in Komödien

Der Zanni, namentliche venetische Dialektform des italianischen Gianni, eher bekannt als Giovanni, eine Theaterfigur des Dieners in der Commedia dell’arte, darf durchaus als Ursprung der Clowns selbst betrachtet werden, auch das spitzbübische Pendant, britische Harlekin.

Sie alle haben eines gemeinsam: das Publikum per schalkhaften Einlagen zu unterhalten, so auch in der Rolle des Pausenclowns im wahrsten Sinn des Wortes, wenn bei geschlossenem Vorhang auf der Bühne ein Szenenwechsel und daher technischer Umbau vonnöten, dieser im Zuschauersaal die Menschen belustigt.

Von Edgar Allan Poes Hop-Frog zum Bösen Clown

Der besagte berühmte Schrifsteller Edgar Allan Poe hatte höchstwahrscheinlich keineswegs im Sinn mit seiner Erzählung The Flag of Our Union, daß die dortig beschriebene Figur späterhin als Vorbild zum Bösen Clown dienlich sein könnte.

Manche sehen diese Form der Clownerie im Drama, wie in dem Werk La femme de Tabarin des französischen Dichters Catulle Mendès oder die Fortsetzung bei Stephen King. Zum Bösen Clown trug auch der US-amerikanische Serienkiller John Wayne Gacy bei, der als „Pogo the Clown“ bei Festen auftrat und 33 Kinder vergewaltigt und ermordet hat, schließlich per Todesstrafe hingerichtet wurde.

Horrorclowns – eine willkommene Gelegenheit

Eigenes Unvermögen, eines zwischenmenschlich friedlichen Zusammenlebens auszuleben in der Rolle des Bösen, Abartigen. Daß Gewalt generell die Freiheit des Einzelnen beschneidet, sollte ohnehin klar sein, schwierig genug in einer Gesellschaft, in der Gewalt stetig zunimmt, alldieweil soziale Belange immer weniger Beachtung finden, ein wachsender Überreichtum geduldet wird.

Die Welle des Horrorclowns, die in den 1980iger Jahren der USA begann, hat längst europaweit und vermehrt hierzulande in diesem Jahr Nachahmer erneut gefunden. Durchaus berechtigt und verständlich, wenn Bedrohte sich wehren, wie bei der Beil-Attacke in Bochum. Im Zusammenhang ohnehin umwälzend politischer Veränderungen, denken wir an den aufkommenden Rechtspopulismus, dürfen wir uns nicht wundern, wenn Trittbrettfahrer auch sich des Horrorclown-Phänomens bedienen. Es liegt an der Gesellschaft selbst, in wie weit sie solche Verbrechen erduldet oder beherzt abwehrt.

Lotar Martin Kamm

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Nachmittagsbesuche

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Pünktlich jeden Spätnachmittag
stand er am gußeisernen Friedhofstor.
Und die stetig ewig gleiche Frag,
bin ich noch gescheit oder ein Tor?

Das Jenseits jetzt öfters lächelte,
trostlose Gedanken summierten sich,
er hustete unter Schmerzen, hechelte,
träumte vermehrt vom absoluten Nichts.

Nach der Seele Ruhe suchte er,
so flüchtete er bisweilen vor sich selbst,
ohne Ziel, bis zu jenem Blumenmeer
vor einem Laden, seinen Blick festhält.

Er kaufte einen großen Strauß Blumen,
bunt zusammengestellt, ertastete Blatt
für Blatt, durch ihn floß ein Summen,
er fühlte sich plötzlich satt, so satt.

Da kam er sich irgendwie stark vor,
der Weg zurück am Friedhof entlang,
kein Zögern, er durchschritt das Tor,
damals, da fing das Beschenken an.

Täglich nun verweilt er, in sich gekehrt,
mal still, mal mit Worten, mit Witz,
mit Sarkasmus, nie mit einer Predigt
an den Gräbern, die er schmückt.

Viele Namen sind ihm nun geläufig,
Zwiegespräche ergaben sich,
sein Husten nicht mehr so häufig
ihn plagte. Trauer der Freude wich.

Manchmal ihn Fragen plagten,
ob seines Handelns, Tor oder nicht.
Die Gräber ihm die Antwort gaben,
liegst du einst hier, Freunde sind um dich.

Nafia

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