Kartoffel oder rohes Ei

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Sie ist nur eine Kartoffel
oder ein rohes Ei,
einerlei,
du Stoffel,
denn sie dreht sich doch,
und dreht sich noch,
und dreht am Rad,
Menschen sind übergeschnappt.

Haben etliche Schrauben locker
diese eingebildeten Weltverzocker,
haben stets zu wenig Tassen im Schrank,
gute Ansichten empfinden sie als krank.
Kein Wunder, daß die Erde eiert,
es wird gerülpst, gesoffen, gefeiert,
egal ob nebenan jemand Hungers stirbt,
einer macht immer die Rechnung ohne den richtigen Wirt.

Die Erde stöhnt,
ist einiges gewöhnt,
fragt sich, wer zündet den Docht,
für dessen Unsterblichkeit er focht.
Der Trottel entzündet einen Feuerball,
sein Name, keine Spur mehr hinterläßt im All.
Aus, vorbei, zu Ende, auf Knall und Fall,
ihre Gene irgendwo andocken, wird ein neuer Erdenball.

Nafia

Kategorie: Gedichte

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Gesellschaft zwischen geistiger Verdummung und hochnäsigem Habitus

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Wo beginnt oder endet unser Glück?

Die Welt versinkt im industriellen Müll unserer schnellebigen Konsumgesellschaft, die beinahe tatenlos an diesen Folgen mitwirkt. Anstatt diesen alltäglichen Wahnsinn ernsthaft zu stoppen, versucht ein jeder seine Schäflein ins Trockene zu bringen. Was interessieren schon die Belange einer zerschundenen Umwelt, wenn man selbst es sich gutgehen läßt.

Die ewiglich anhaltende Armut letztlich ein Zustand zwischen geistiger Verdummung und hochnäsigem Habitus, in dem kein Platz vorhanden, ihn nachhaltig zu verändern? Wo beginnt oder endet unser Glück, welches lediglich in bestimmten Momenten sich offenbart, während ansonsten alles darauf abzielt, es krampfhaft herbeizusehnen?

Unterschiedliche Welten begegnen sich oft ahnungslos

Wir kennen es von Gleichnissen wie in Märchen, wenn das arme Aschenputtel oder Goldmarie jeweils ihre gegebenen Umstände zäh erdulden, während Arroganz und Hochmut am Ende den Kürzeren ziehen oder wie bei Pretty Woman, wo der eiskalte Geschäftsmann Unternehmen aufkauft, während sie ihm gar die „Augen öffnet“. Ein Leben unterschiedlicher Welten findet all die Zeit statt, obwohl sie sich ahnungslos begegnen. Doch welche Umstände führen zu den extremen Verhältnissen zwischen unsäglicher Armut und Überreichtum?

Während man natürlich die rein finanziellen Vermögensverhältnisse in Betracht ziehen kann, um Armut und Reichtum zu beurteilen, handelt es sich hierbei um knallharte Zahlen, die längst nicht den menschlichen Faktor widerspiegeln. Natürlich lebt es sich scheinbar angenehmer in wohlgeordneten, in Überfluß bestehenden Verhältnissen. Wo hingegen solche Zeitgenossen keinerlei Vorstelllung haben, wie ein Dasein als Obdachloser am Rande der Existenz sich gestaltet. Wenn wir all unsere Materie verlieren, nur noch ums nackte Überleben kämpfen in einer Welt des Habitus, des Glamours, wo sehr viele hinwollen, da stören die sichtbar Armen erheblich dieses „Bild“ eines ungetrübt sich selbst feiernden Reichtums.

Reichtum ein Ergebnis grenzenloser Ausbeutung

Wann werden diese Zusammenhänge endlich wirklich verinnerlicht, die nicht im geringsten etwas mit Neid, Mißgunst oder gar Kommunismus zu tun haben? Eigentlich verhält es sich sehr simpel. Was dem einen nicht gegönnt, somit genommen wird, ein menschenwürdiges Leben ohne Sorgen, nimmt sich der andere mittels grenzenloser Ausbeutung: eine Fortsetzung des Adels, der Herrschaftshäuser und Großgrundbesitzer. Kein Mensch müßte Hunger leiden sowie in Armut vor sich hinsiechen, weder hierzulande noch sonstwo auf Erden.

Aber was macht Mensch daraus? Er erhebt sich über andere, nützt deren Gutmütigkeit, ihre Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe aus, in dem er nach mehr trachtet, sämtliche Register zieht, seinen eigenen Reichtum zu vergrößern. Im Kleinen wie im Großen beherrscht dieses Denken den Lauf der Welt. Solange wir uns davon nicht wirklich verabschieden, setzen sich sämtliche daraus entstehenden Ungerechtigkeiten fort, versinken die Völker in Zwietracht und Unfrieden.

Unser aller Glück muß nicht in Momenten stattfinden, sondern kann ohne weiteres ein harmonisches Miteinander bedeuten, wenn endlich begriffen wird, daß der Run auf Materie, auf Statussymbole und das Geifern nach Maßlosigkeit stets Ausbeutung bedeutet, Zerstörung folgt.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gesellschaft

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Modisch ist althergebracht

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Glatt rasiert,
Haut wie geschmiert.
Mimik versteinert,
Gang wie ein Rad, das eiert.

Mode, modern, modisch,
nein, althergebracht, wie komisch.
Wie man Schönheit modelliert,
der Herrgott hat´s für uns „intoniert“.

Nafia

Kategorie: Gedichte

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Putin-Trump-Gipfel: Techtelmechtel der Supermächte

Er liebt mich, er liebt mich nicht?

Chance oder Treffen fürs Poesiealbum? In jedem Fall sollte man eine generelle Kommunikation zwischen Staatschefs begrüßen, ob dabei etwas konstruktives herauskommt, bleibt mal dahingestellt, erst recht mit einem unberechenbaren Donald Trump. Allerdings wird er wohl kaum danach Twittergewitter entsenden angesichts der Brisanz, die dies auslösen kann.

But you never know how the show works! Immerhin stieß The Donald des öfteren die Weltöffentlichkeit vor dem Kopf, gewisse Parallelen cholerischer Entgleisungen zum kürzlich sich etablierenden Sultan und Diktator der Türkei flackern schon auf, wer sich erinnern mag. Andererseits wird Putin mit gewohnt lässiger Besonnenheit jedwede unüberlegte Regung des US-Präsidenten für seine Zwecke verwerten können. Noch im Juli soll das Techtelmechtel der Supermächte stattfinden, wie der Kreml ankündigt.

Trumps Europareise bietet sich an – reale Chancen oder nur nette Statements?

Wenn Trump ohnehin Europa bereist, würde ein Treffen zwischen Putin und ihm beiden gelegen sein, unabhängig, was beim Nato-Gipfel herauskommt, insofern wäre Mitte Juli möglich, wahrscheinlich direkt nach der Fußball-WM.

Doch sollte niemand zu hohe Erwartungen an den Tag legen, weil die weltpolitische Lage dies weder zuläßt, noch die Politik der US-amerikanischen Administration dafür Gelegenheiten anbieten will. Ganz im Gegenteil, das atomare Wettrüsten setzt sich fort, die „America-First-Doktrin“ Trumps nimmt konkrete Formen an, ein Handelskrieg zwischen den USA und den Chinesen sowie Europäern hat längst begonnen. Wer hierbei reale Chancen sieht, sollte sich eher auf nette Statements einstellen.

Gerät Europa etwa ins Hintertreffen?

Weil in Wirklichkeit die beiden Supermächte längst ihre anvisierten Pläne kontinuierlich umsetzen? Das verzerrte Bild vom guten Putin vs. bösem Westen nur Ablenkung? Betrachtet man den erneut eingeschlagenen Weg zurück zur Nationalstaaterei, mögen gewisse Kräfte händereibend ihre Kriegsphantasien ausleben, wenn Europa auseinanderdividiert wieder Feindschaften gedeihen läßt. Das bewährte Spiel vergangener Jahrhunderte könnte neu entflammen, die Supermächte den „Kuchen“ sich einfach teilen, eine Mauer hat wohl nicht gereicht.

Als perfides Vorspiel läßt man mal soeben den Iran über die Klinge springen, Trump sorgt für noch mehr Spannungen im Pulverfaß Naher Osten, von Friedensabsichten keine Spur, daran ändert gleichwohl auch kein Treffen mit Kim Jong-un etwas. Zu schnellebig fordern wirtschaftspolitische Entwicklungen entsprechende Reaktionen heraus, was heute noch zählt, muß morgen bereits nicht mehr gelten. Erst recht nicht bei soviel Unberechenbarkeit eines Donald Trump. Putins weise Zurückhaltung scheint seriöser, darauf verlassen sollte sich allerdings niemand, wenn man bedenkt, daß er gern nicht zufällig Rechtsradikale unterstützt!

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Quergedachtes

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Betörender Duft in der Luft

 

Sie stand, das Köpfchen gehoben,
selbstvergessen,
schaute unverwandt nach oben,
sah mich, gibt es gleiche Interessen?

Lebensfreude strahlte sie aus,
Zufriedenheit,
genau hier ist mein Platz, mein zu Haus,
ich blickte nieder mit Erhabenheit.

Da schwirrte ein Flüstern durch die Luft,
sprach sie, war´s in mir?
Eine Blume bin ich mit Blütenduft,
aufrecht in mir. Warum krümmst du dich vor dir?

Nafia

Kategorie: Gedichte

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Türkei: Erdogans Sultanat nimmt konkrete Formen an

Erneuter Wahlbetrug festigt seine Alleinherrschaft

Mit einer „osmanischen Ohrfeige“ wider der Demokratie offenbart jener Recep Tayyip Erdoğan seinen unabdingbaren Willen, per fingierten Wahlen und gesetzlich gezwungenen Maßnahmen nunmehr als Regierungs- und Staatschef die Geschicke des Landes bestimmen zu dürfen. Der Staat Erdogan, treffender als neuzeitliches Sultanat zu bezeichnen, blickt nach diesen vorzeitigen Präsidentschafts- und Parlamentswahlen dramatischen Zeiten entgegen.

Nicht weiter verwunderlich, daß Erdoğan das Bündnis mit der rechtsextremen MHP fortsetzt, deren Vorsitzender Devlet Bahceli bei den Parlamentswahlen 11,2 Prozent einheimst, um zusammen mit der AKP, die lediglich 1,6 Prozent mehr Stimmen als bei letzter Parlamentswahl 2015, gerade mal 42,5 Prozent erreicht (nach Auszählung von 99% der Stimmen). Zu viele Ungereimtheiten bei den Wahlen, wie schon ein Jahr zuvor beim Referendum zum fragwüdigen Präsidialsystem, stört nicht weiter, Erdoğans Weg zur Alleinherrschaft setzt sich fort.

Eine despotische Selbstüberschätzung macht die Rechnung ohne den Wirt

Nämlich keinem geringeren als das Volk selbst. Erzwungene Wahlen mittels heftiger Einschüchterung, wobei Erdoğan bisherig nahezu jedes Mittel recht war, dem per Gewalt Nachdruck zu verleihen, von überfüllten Gefängnissen, weil Oppositionelle und angebliche Terror- und Putschversuche somit verhindert werden sollen, bis hin zu Folter, der Vereinnahmung der Medien, Pressefreiheit existiert faktisch nicht mehr im Lande.

Claudia Roth betont im Interview nicht nur, daß die Türkei nicht Erdogan sei und umgekehrt, es setze die Opposition wichtige Signale durch Muharrem Inces über 30 Prozent der Stimmen aus dem Stand bei der Präsidentschaftswahl, Selahattin Demirtaş HDP wenigstens die 10-Prozent-Hürde überwand, die prodemokratischen Kräfte in der Türkei würden nicht kleinlaut beigeben. Die Bundesregierung sei in der Pflicht, die Opposition endlich mehr zu unterstützen, keine Rüstungsgüter mehr gen Ankara zu liefern, die Hermes-Bürgschaften seien fraglich, gleichwohl der schäbige Flüchtlingsdeal.

Deutschtürken sollten mehr Farbe bekennen?

Was keineswegs sich simpel gestaltet im Hinblick zur despotischen Vorgehensweise jenes „Paschas aus Ankara“, dessen Verbündete, die Grauen Wölfe schüchtern bekanntlich gern ein, das Gewaltpotential sollte niemand unterschätzen. Selbst die hohe Zahl der Erdoğan-Befürworter unter den Deutschtürken darf angezweifelt werden, wer die Eingeschüchterten mit einbezieht.

Verständlicherweise halten sich die Erdoğan-Gegner eher zurück, anstatt ganz offen aufzutreten. Dabei spielt auch die fragwürdige Haltung der Bundesregierung eine Rolle, die Reaktionen auf den Wahlsieg des Despoten verdeutlichen, daß längst der Riß in der Gesellschaft eher zunimmt. In diesem Zusammenhang von einer Chance zu mehr sachlicher Auseinandersetzung nach dieser Wahl zu sprechen, darf bezweifelt werden.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Politik

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Immer Dienstag

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„Fräulein Monika, haben Sie die Rechnungen schon bereitgelegt?“ „Ich versteh dich nicht Marianne, du weißt doch genau, ich brauche die Aufstellung. Immer muß ich dich daran erinnern.“ „Herr Pfeiffer, die Kopien der Einnahmen bringen Sie mir heute nach Hause. Meine Frau wird sie entgegennehmen.“

So oder ähnlich fallen diese Sätze seit nunmehr fast eineinhalb Jahren, genau seit sechzehn Monaten und 27 Tagen, würde jetzt der Herr Pfarrer Antonius sagen, geborener Magnus von Westenthal, wenn man ihn fragen würde, aber das wird tunlichst jeder vermeiden und am tunlichsten die andern sechs Herren des Dorfes, die bis auf den Herr Lehrer Bracke über Zahlungseingänge in ihren Betrieben verfügen. Lehrer Georg Bracke zählt zu den sogenannten Honoratioren des Dorfes, obwohl er über Jahre fern des heimatlichen Einflußes weilte, wurde er doch in den Kreis der Gemeinde aufgenommen, denn einem Sohn von Studienrat Konrad Bracke a. D. verzeiht man sämtliche modernen Vorstellungen und zeigt sich gewillt, diese ins dörfliche Leben zu lassen, weil man hinter der Hand fest davon überzeugt ist, diese großstädtischen Neuerungen würden sich niemals festigen, und weil man sich selbst gerne, daß heißt die anderen fünf Honoratioren, schmückt mit den weltoffenen Ansichten, die man zwar nicht alle versteht, aber man hat gehört und damit weiß man. Dieses Weißmanwissen war schließlich ausschlaggebend, den Lehrer Bracke teilhaben zu lassen an dem diensttäglichen Spiel, das eigentlich schon längst zu Ende gespielt sein sollte, aber immer noch ist kein Sieger in Sicht, obwohl oder gerade deshalb, weil das ursprüngliche Spiel schon längst nicht mehr gespielt wird, sondern in den Monaten aus den unterschiedlichsten Begründungen zu einem anderen Spiel, was sag ich da, zu anderen Spielen gewechselt wurde.

Es soll nicht verhehlt werden, dies geschah aus hehren Gründen und nicht wie anzunehmen demjenigen, der gerade laut den gewissenhaften Aufzeichnungen des Pfarrers Antonius kurz davor war, als Sieger den verantwortungsvollen Posten zu übernehmen, den Sieg zu vergönnen. Nein, nein. Ernsthafte Überlegungen führten zu diesen Entschlüssen, die man nicht außer acht lassen konnte. Genausowenig außer acht lassen konnte, wie dem Herrn Lehrer Bracke die Chance einzuräumen, war, ohne finanzielle Beteiligung teilzunehmen oder den Schuster Franz Wicker auszuschließen, nur weil dieser über ein geringes Einkommen verfügte. Dies war selbstverständlich, aber auch deshalb weil Franz Wicker als der Profi schlechthin galt, war er doch der Einzige, der wirklich etwas von dem Sport verstand und Sonntage damit verbrachte, in der Umgebung und sogar weiter weg bis Blumstadt den Ruf genoß, die besten Kickerschuhe herzustellen. Da wäre es geradezu unsinnig, daß nicht auch er die Möglichkeit erhalten könnte, der Vorsitzende des zu gründenden Fußballvereins zu werden.

Etwa einen Monat lang, ein bißchen drüber, Pfarrer Antonius, der nicht am Spiel teilnahm, dessen Aufgabe darin bestand, die Geldbeträge zu verteilen und als Spielleiter ein wachsames Auge auf die Spielenden zu halten, was nicht erforderlich war, aber ein gewisses Gewissen kann nie wirklich schaden, wußte, es war vor Beginn der sechsten Spielrunde. Ali, eigentlich Albert Kugler, der Metzger und Tierhändler war kurz davor, mit Abstand, großem Abstand das Roulettespiel zu gewinnen, die Kugel, die über das Rad rollte, schien sich auf ihn eingeschossen zu haben. Egal worauf er seine Marken auf dem grünen Filz setzte, die Kugel rutschte mit zielsicherem Effet auf die 17, auf Rot, auf Null, (alle Aufforderungen, Zahlen wurden auf deutsch gesprochen, obwohl Pfarrer Antonius sich anfangs bereit erklärte, neben der Rolle des Croupiers auch den Herren die französischen Ausdrücke zu vermitteln) oder worauf auch immer Ali setzte, so daß es am sechsten Spielabend mit Sicherheit dazu gekommen wäre, Albert Kugler den Posten des Vereinsvorsitzenden zu übertragen.

Der Abend begann mit einer feierlich gesinnten Stimmung, denn keiner hatte damit gerechnet, daß so schnell ein Sieger, ein kompetenter, durchsetzungsstarker Vorsitzender gefunden werden konnte, da waren sich alle einig. Warum Albert Kugler an diesem Abend der Meinung war, später schlossen sich die anderen unter, so ist es, er hat Recht, so machen wir das, an, daß es ganz und gar nicht ausreichend sei, für einen Fußballvorsitzenden, leistungstechnisch, nur auf Grund eines Spieles, des Roulettes den Posten zu aller anderen Zufriedenheit zu meistern. Vielmehr, so sähe er es, sei dafür ein großes Spektrum von Eigenschaften vonnöten, also kurzum, er schlug vor, das Roulette zu beenden und an seiner statt Skat zu spielen. Die Gelder, die sie sich vor jeder diensttäglichen Spielrunde aufteilen ließen, Pfarrer Antonius addierte dafür alle Rechnungen, die ihm vorgelegt wurden zusammen und verteilte die Summe in Form von Spielmarken, die so nebenbei bemerkt seine „Kinder“, die bei ihm jeden Donnerstagnachmittag zu einer Bastelstunde sich eintrafen, gestalteten, sollten allerdings nicht eingesammelt, sondern der Spielstand übernommen werden, das sei fair, stimmten alle zu, auch Viktor Händle, der sich sogar verschuldet hatte und bei der Bank, laut Pfarrer Antonius eine Summe von eintausend dreihundertsiebzig Mark aufwies, im Minus, versteht sich.

So spielten die sechs Herren immer reihum unter Aufsicht von Pfarrer Antonius, der es sich leisten konnte, bei diesen ehrenhaften Herren zwischendurch auch ein kleines Nickerchen zu halten, Skat. Nach ein paar Wochen, wir lassen es aus, diesmal uns auf Pfarrer Antonius zu berufen, wann dies war, wechselten die sechs spielenden Herren auf Siebzehn und Vier. Darauf folgte Doppelkopf, und ich verrate hier nicht, wer derjenige war, der die Spielrunde begeistern konnte, von den Kartenspielen auf Mensch-ärgere-dich-nicht zu wechseln. Etliche Arten von Würfelspielen folgten, bis sie abgelöst wurden von dem von allen vergessenen, aber mit liebevollen Schulzeiterinnerungen versehenem Zeitvertreibungsspiel, in ihrem Sinne jetzt Wissensspiel, Stadt-Land-Fluß. Mit neu entflammtem Elan, nicht bezüglich einer nachlassenden Begeisterung den Sieger festzustellen, sondern quasi als Fortführung und Festigung ihres Lebens als Lernende, häuften sich daraufhin Atlanten und der Duden im Hinterzimmer der Gaststätte „Zum Ochsen“, die dann von Sepps Frau, also von der Alma Ziegler von dort verbannt wurden, da das Hinterzimmer ja auch für Hochzeiten und sonstige Feierlichkeiten benützt wurde, gäbe es für diese Dinge dort keinen ständigen Platz. Zu diesem Zeitpunkt spielten die sechs Honoratioren bereits Mau-Mau, die dritte Woche, weil sie einhellig zu der Ansicht kamen, bei diesem Spiel ließe sich, man war ja erwachsen, nebenbei gut miteinander über wesentlich wichtige Dinge palavern, denn für dies Spiel brauche man keine Konzentration, als einziger widersprach Hubert Schüssler, der aber überstimmt wurde und sich fügte, weil die Aussicht bestand, sie war mehr oder weniger bereits beschlossene Sache, eine Reise in die Schweiz zu unternehmen.

Nach Einsiedeln soll es gehen. Ein Vorschlag von Lehrer Bracke, der Siegfried Baumanns Äußerung bei einem Stadt-Land-Fluß-Spiel, wie schön es wäre, die Städte, Länder, Flüsse, die wir da so niederschreiben, leibhaftig zu sehen, aufgriff und nicht besonders viel argumentieren mußte, eine Reise sei schließlich auch ein Spiel, es könne nur von Vorteil für alle Anwärter des Postens eines Vereinsvorsitzenden, selbst von einem Fußballverein sein, als alle, einschließlich Pfarrer Antonius begeistert zustimmten. Keine der Frauen könnte über so einen Wunsch verzweifeln und den geliebten Manne nicht gehen lassen, weil erstens Pfarrer Antonius zur Seite stünde, zweitens besuche man ein Kloster, drittens gebe es auf dem Weg nach Einsiedeln noch andere Sehenswürdigkeiten, über die man dann bei der Rückkehr dem gesamten Dorf berichten könnte, zumal Lehrer Bracke und Sepp Ziegler, der Wirt vom Ochsen, einen Photoapparat besaßen.

Also diente das Mau-Mau-Spiel dienstags für die Vorbereitung der Reise, die immerhin auf eine Woche geplant war, die Finanzierung übernahm der Ochsenwirt, der das Spielgeld eins zu zehn entwertete und die errechnete Summe gemeinsam mit Pfarrer Antonius bekanntgab. Jeder sollte so viel in einen Beutel legen, wie ihm möglich war, den Rest würde er, der Sepp beisteuern, wenn’s dann immer noch nicht für alle langen würde, schließlich hat er seit mehr als eineinhalb Jahren mehr Einnahmen, weil viele Dörfler in seine Gaststube kamen, um sich über den Stand der Dinge informieren zu lassen.

„Was ist denn das da draußen für ein Krach?“, wunderte sich Hubert Schüssler, im selben Moment splitterte eine Fensterscheibe und ein Ball flog ins Zimmer. Alle sieben Honoratioren sprangen wie auf Kommando zur kaputten Scheibe. „Wer war das?“ Mit rotem Kopf, aber dennoch nicht verlegen, sagte Bruno, der Jüngste von den Weberbrüdern, „ich.“

Ohne die Zustimmung der anderen einzuholen, ja regelrecht ohne Rücksicht auf die anderen Anwärter zum Vereinsvorsitzenden eines Fußballvereins rief Hubert Schüssler, der Friseur: „Ja Bruno, komm einmal herein, mit so einen Schützen wie dir, da schlagen wir demnächst alle anderen in der Umgebung.“

Und der Bruno Weber wußte nicht so recht, wie ihm geschah, als er von den Honoratioren des Dorfes mit Limo und Brezeln vollgestopft wurde und die immerfort davon redeten, sie alle hätten ja schon Monate vorher gewußt, wie dringend notwendig es wäre, endlich in ihrem Dorf eine Fußballmannschaft aufzustellen.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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