Ökosystem außer Kontrolle: Zunahme von Giften vs. Verlust der Wildnis

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Tier- und Pflanzenarten trotz vieler Bemühungen vom Aussterben bedroht

Niemand vermag wirklich allumfassend die weltweiten Ökosysteme durchschauen, auch wenn die Erkenntnisse darum aufgrund wissenschaftlicher Beobachtung und Analyse erheblich sich vermehrten. Neben den vielen Tier- und Pflanzenarten behauptet sich gerade unsere Spezies auf dem Blauen Planeten, sorgt für sein expandierendes, unbedachtes Verhalten, sodaß inzwischen nahezu jede dritte Tier- und Pflanzenart trotz vieler Bemühungen vom Aussterben bedroht sind.

Was läuft da verkehrt zwischen dem Homo sapiens und den Betroffenen? Darf man darüber hinaus die Behauptung aufstellen, daß der Preis unserer luxuriösen Lebensweise, der exzessive Konsumrausch zum weltweiten Aussterben der Artenvielfalt führt?

IUCN, CITES und Umweltschutzorganisationen ein Rettungs-anker?

Bereits drei Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte die Gründung der International Union for the Protection of Nature (IUPN) nach internationaler Konferenz im französischen Fontaineblue, die ihren Namen 1956 in die „Internationale Union für die Bewahrung der Natur und natürlicher Ressourcen“, kurz IUCN unbenannte.

Aber was nutzen den betroffenen Tier- und Pflanzenarten solche Organisationen wie die IUCN, die CITES oder andere Umweltschutzorganisationen als gutgemeinte Rettungs-anker, wenn tatsächlich das weltweite Artensterben eben nicht verhindert wird? Was heute uns viel eher sorgen machen sollte, es sterben inzwischen gleichzeitig etliche Tier- und Pflanzenarten aus. Mensch drängt nun mal die Natur zurück aufgrund seiner Siedlungs- und Wirtschaftspolitik, im wahrsten Sinn „Big Bsssiness“ geht es an den Kragen, wobei ganz besonders viele Spezies genau dort aussterben, wo Artenvielfalt ohnehin vorhanden, wie in den Korallenriffen oder den Regenwäldern.

Internationaler Tag des Artenschutzes auch nur nett gemeinte Makulatur

Schöne Vorhaben mögen sicherlich einem gewissen Ideal entsprechen, doch zwischen gut gemeinter Absicht und knallharter Realität befinden sich hier nun mal die betroffenen Tier- und Pflanzenarten. Mit der Unterzeichnung des Washingtoner Artenschutz-übereinkommens, CITES, am 03. März 1973, wiederholt sich jetzt alljährig in dessen Erinnerung der ins Leben gerufene „Internationale Tag des Artenschutzes“.

Es schaut alles andere als rosig aus, von einer Entwarnung der Gefährdungen trotz aller Bemühungen, selbst im Vorzeigeland Deutschland, kann längst nicht die Rede sein, zumal gerade die neu installierte Bundesregierung auf Ausbeutung des Waldes setzt!

Mensch bestimmt über Fortbestand mit unabsehbaren Folgen

Niemand käme ernsthaft auf die Idee, einfach so ein paar Stützpfeiler einer Eisen-bahnbrücke zu entfernen, weil dann die gesamte Statik gefährdet und sie am Ende zusammenbrechen würde. Bei der Tier- und Pflanzenwelt dulden wir das, meist ohne uns über die Zusammenhänge dieser gigantischen Ökosysteme im Klaren zu sein, wobei die wissentliche oder unwissentliche Fortsetzung des Tier- und Pflanzenartensterbens völlig unabsehbare Folgen haben wird.

Das müssen wir nicht nur erkennen, sondern möglichst schnell umsetzen. Da mag das Geschäft mit den Exoten als noch relativ harmloses Problem erscheinen, gleichwohl diese verbrecherischen Auswüchse keineswegs geduldet werden dürfen! Wenig hilfreich muß die Fokussierung mancher Umweltschützer auf bestimmte Tier- oder Pflanzenarten betrachtet werden, weil selbst andere Spezies stets ihren sicheren Platz im Ökosystem inne haben.

Kleine Erfolge lassen dennoch hoffen

Natürlich macht es gar keinen Sinn, jetzt den Artenschutz gänzlich zu vernachlässigen, obwohl trotz vieler Bemühungen die rasant fortschreitende Gefährdung der Tier- und Pflanzenarten anhält, beim Insektensterben es gar niemand gewesen sein soll.

Der Stop zum Elfenbeinhandel, das Walfangverbot sind erste Schritte in die richtige Richtung, das Przewalski Wildpferd konnte vorm Aussterben gerettet werden genauso wie das südliche Breitmaulnashorn oder der Mittelspecht (Dendrocopos medius) sowie das Kleine Knabenkraut (Orchis morio), um auch mal ein paar wenige, positive Beispiele zu nennen.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Naturschutz

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Birgits Beherrschung

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Wippende Brüste bei jedem kleinen Tritt,
dieses Auf- und Abschweben liebte Birgit.
Der Po darf sich nicht heben, senken,
er sollte leicht hin- und herschwenken.

Hört sich einfach an, ist es aber nicht,
es ist ein Tanz mit dem Gleichgewicht.
Das bedeutete für Birgit, Übung, Übung,
sie ist stolz auf diese Körperbeherrschung.

Sie kann schwenken und schweben lassen,
mit jedem Schuh, das ist kaum zu fassen.
Birgit braucht sich nicht sexy zu kleiden,
an ihrem Schritt Männeraugen sich weiden.

Ist es nicht riskant, Männer so offen zu reizen?
Ihre Gedanken sind es, nicht ich, die sie anheizen.
Würden sie wie ich Geistes-, Körperhaltung üben,
bräuchten sie Beherrschung nicht auf uns zu schieben.

Nafia

Kategorie: Gedichte

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Iran-Atomabkommen: Trump entscheidet sich für Worst-Case-Szenario

Die USA erst recht auf dem Weg zur Isolation?

Was allerdings durchaus absehbar war, wer diesen Präsidenten und die damit verbundene politische Einstellung der USA genau beobachtet hat. Insofern nicht weiter verwunderlich, daß Donald Trump trotz internationaler Warnungen den Ausstieg aus dem Atom-abkommen mit dem Iran ankündigt.

Diese Entscheidung zum Worst-Case-Szenario bleibt natürlich nicht ohne Folgen, sodaß die USA erst recht auf dem Weg zur Isolation sich befinden. Hatten Emmanuel Macron und die Bundeskanzlerin bei ihren Washington-Besuchen Trump schon eindringlich gewarnt, er möge das gemeinsame Abkommen mit dem Iran nicht beenden, orientiert sich der 45. Präsident lieber an den fadenscheinigen Ausführungen Netanjahus, die letztlich jene Entscheidung forciert haben mögen.

Iranische Führung dadurch gar gefestigter?

Man könnte sich blühend vorstellen, was viele Köpfe in dipolomatischen Kreisen bewegt. Keineswegs kann dabei die Rede von solchen Botschaftern wie dem neuen in Berlin sein, Richard Grenell polarisiert dagegen viel lieber, sondern von all jenen, die nicht unbemerkt die schwache Leistung der USA stehen lassen. Da tauchen sofort Fragen auf, inwieweit sich mit jener Aufkündigung zum Atom-Deal eine wesentlich größere Allianz bildet, die somit dem Iran gar schützen mag?

Trumps Griff in die Mottenkiste nimmt jetzt eine fatale Gestalt an. Nicht nur, daß der Nahe und Mittlere Osten noch destabileren Zeiten entgegenblickt, die EU wird das ausgehandelte Abkommen unter Obama fortsetzen wollen, zusammen mit Russland und China, um dadurch US-Sanktionen gegen den Iran zu mildern, was einer Festigung der iranischen Führung gleichkäme. Welch Widerspruch zur Trump-Rede über den Ausstieg aus dem Atom-Abkommen, in der er diese als Terror-Macht verunglimpfte.

Isreal kurz vorm Krieg gegen den Iran

Erst recht mit dieser Entscheidung. Längst hat Netanjahu die Israelis auf mögliche Konflikte mit dem Iran eingestimmt, steht somit die Frage im Raum, ob er nur provozieren will oder eher sich auf einen Krieg gegen den Iran vorbereitet. Letzteres scheint immer wahrscheinlicher, erst recht durch Trumps Ankündigung.

Schon weist Israels Armee Öffnung von Bunkern auf den Golanhöhen an, man habe ungewöhnliche Aktivitäten iranischer Streitkräfte in Syrien identifiziert. Der längst begonnene dritte Weltkrieg setzt sich dadurch fort, Trumps Entschluß erzwingt weitere Offerten, weil Diplomatie kaum noch möglich, obendrein zu viele Nationen beteiligt sind, die sich kaum bis gar nicht mehr zurückziehen können, wollen sie ihr Gesicht nicht verlieren. Während auch hierzulande einer Friedensbewegung kaum noch Gehör ge-schenkt wird, spielen Rüstungsgeschäfte, Beteiligungen bei Konflikten und Kriegen eine immer größere Rolle bishin zur Verpflichtung, die Bündnistreue einzuhalten. Mittendrin die USA, die sich gleichzeitig auf vielen Ebenen isolieren.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Politik

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Seelenrundgänge

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Gestern war ich schön,
wäre ich in der Stadt gewesen,
jeder hätte sich nach mir umgesehen.

Abgeschlagene Köpfe, aufgeschlitzte Körper,
Vergewaltigung Frauen, Männer, Kinder,
verbrannte Leiber, Weltenschinder.

Folter, Qual, Pein, Schmerz
vertrieben mit Kommerz,
lindern kein Wehklagen,
verhindern keine Generationssagen.

In Serie vollbrachte Gräueltaten,
überbracht durch Übertragungswagen,
Erzählungen, Bilder, Gesänge,
bilden das Weltgestänge.

Heute bin ich schön.
Ich brauche nicht in die Stadt zu gehen.
Jeder kann sich umdrehen.

Nafia

Kategorie: Gedichte

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Außenseiter im Schatten der großen Masse

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Querdenker unbeliebt aber dennoch ein Ventil

Im Zeitalter des Wassermanns offenbaren sich inzwischen ungeahnte Möglichkeiten geistiger Schöpfung, auch wenn diese selbst schon immer den Homo sapiens begleitet, denken wir nur an die großen Philosophen. Die Liebe zur Weisheit wurde dem Menschen seit seiner ersten Entstehung mit in die Wiege gelegt, garantiert schon weit vor den uns bekannten Zeugnissen der alten Philosophen. Das liegt schlicht daran, daß mit dem Bewußtsein bereits die ersten Fragestellungen verknüpft sind, und wer Probleme wälzt, hat den Pfad der Weisheit betreten.

Das Leben sollte stets als ein dynamischer Prozeß betrachtet werden, wer sich bewegt, natürlich gilt dies im physischen ebenso, bleibt geistig rege, weil mit jeder gefundenen Lösung bereits neue Fragen auftauchen. Das klingt zunächst sehr abstrakt, ist aber Grundvoraussetzung, um das Dasein des Menschen zu bestimmen, der ja für sich in Anspruch nimmt, sich von allen anderen Leben auf Erden zu unterscheiden. Betrachten wir alles, was diesem Planeten infolge der Gestaltung des Homo sapiens widerfahren ist, muß dies wohl bestätigt werden. Und doch verbleiben Restzweifel bei ausführlicher Analyse. Haben Sie sich schon mal jemals die Frage gestellt, worin der Sinn des Menschendaseins besteht, auch oder gerade durch Nichteinbeziehung göttlicher Vorsehung, also ganz pragmatisch? Die meisten unter Ihnen bestimmt.

Geistige Bescheidenheit ein Schutz vor dem Genius, der dem Wahnsinn ausgeliefert?

Manchmal sind genau die am Glücklichsten, die geistig bescheiden in ihrem Leben innerhalb eines bestimmten Rahmens sich bewegen ohne jedwede Hinterfragung ihrer eigentlichen Bestimmung. Klingt ein wenig hochmütig? Keineswegs, sondern es gab schon immer zu allen Zeiten Menschen, die eben kaum oder keine Fragen stellen, sondern sich anpassend unterordnen, dabei aber nicht das Gefühl einer Unterdrückung verspüren.

Auf der anderen Seite tun sich ganz besonders Grübler, also Denker schwer, in dem sie alles und jeden hinterfragen. Wer da im Alltag nicht klarkommt, erst recht in bestimmten Gesellschaftsmodellen- und normen meist eher versagt, sich nicht zurechtfindet, steht sehr schnell im Abseits der großen Masse. Jene haben sich stets irgendwie arrangiert, während Querdenker, wie man sie zu Recht bezeichnet, meist eine Außenseiterrolle darstellen.

Aber genau sie sind es, die zum Fortschritt des Menschen wesentlich beigetragen haben, sei es als Forscher, als Künstler oder einfach nur als Phantasten. Zwischen den beiden Gegensätzen, dem einfachen, manchmal leicht beschränkten Menschen und dem Genie entwickelt sich das Dasein der großen Masse. Was macht den Wahnsinn aus? Das Nichtzurechtkommen mit einem Zuviel an Erkenntnis bei gleichzeitiger Entrückung moralischer Normvorstellung des Zusammenlebens in einer bestimmten Gesellschaftsform? Menschen beobachten sich ständig beim Zusammenleben, müssen sie auch, ob mit oder ohne Regeln, es zählt stets die Harmonie.

In Streitereien und Kriegen herrscht dann Ausnahmezustand im wahrsten Sinn des Wortes. Das will der Mensch eigentlich nicht, weil mit der Geburt zunächst das Gute auf Erden entstanden ist, welches geformt wird und selbst handeln möchte im Sein. Das Zusammenleben im Umfeld des Heranwachsenden entscheidet zunächst seinen Werdegang: Erlebt er Gewalt und Haß, wird die Saat in dieser selbst münden. In Liebe aufgewachsen wird diese sich entfalten wollen. Die Menschheit bewegt sich stets zwischen jenen beiden Gegensätzen, wobei immer noch das Maß der Gewalt sehr entscheidend unser aller Leben beeinflußt!

Wohin steuert das Boot der Menschheit?

Ein Blick in die Zukunft ist sehr müßig. Endzeitszenarien gibt es vielfältig, ob der berüchtigte Maya-Kalender, dessen Bestimmung nicht griff, bis hin zu den alten Vorhersagen des Nostradamus, der Hopi oder eines Edgar Cayce. Sie alle aber haben eines gemein: Sie prophezeien eine „neue“, eine andere Welt. Nun, wenn wir nur die Ereignisse der letzten Jahre betrachten, muß jedem halbwegs klar denkenden Menschen auffallen, daß wir längst uns in einem Paradigmenwechsel befinden: Das System des Großkapitalismus wird ernsthaft hinterfragt, weltweit, ganze Völker erheben sich aus ihrer Unterjochung, dem Terror der Gewalt werden mehr geistigdurchdachte Lösungen präsentiert, fern ab aller bisherigen Bemühungen. Mit anderen Worten, da blüht eine völlig neue Generation heran, deren erste Versuche einer anderen Auseinandersetzung schon längst stattgefunden haben.

Jetzt liegt es folglich nur noch daran, all diese Zusammenhänge zu ordnen, zu akzeptieren und vor allem umzusetzen, einfließen zu lassen in unseren Alltag, ohne vorschnelle Rückschlüsse und langes Herumzögern, weil gleichzeitig die Zeit eilt, um die Verfehlungen einer unbedachten Maßlosigkeit zu korrigieren. Lassen wir es zu, denken wir quer, Mittelmäßigkeit und vor allem das einfache Überlassen an sich selbst erkorene Eliten dürfen wir nicht weiter zulassen. Jedes Leben hat seine Berechtigung, wenn es den anderen toleriert, akzeptiert und somit respektiert.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Quergedachtes

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Gespaltener Schädel

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Nur sein eigenes Schnaufen und das Stapfen durch den Schnee zu hören, schien Bertram immer wieder ein Gefühl der tiefen Beruhigung zu vermitteln. Inzwischen, das wußte er, waren diese Tage eine Köstlichkeit, die es zu genießen gilt wie das Lutschen an einem Stück Schokolade, am liebsten die ganz dunkle, die harte, die er oft bei der Frau Liesl zugesteckt bekommen hatte, wenn er mit dem Einkaufskorb unterm Arm und einem krakeligen geschriebenen Zettel bei ihr im Laden stand und sie sich mühsam das Geschriebene entziffernd die Waren zurechtlegte, die er nach Hause bringen sollte.

Weder seine Mutter noch Frau Liesl waren im Lesen und Schreiben so gut wie er bereits nach der ersten Klasse. Es gab nicht viel Abwechslung der Dinge, die auf dem Zettel standen, meistens Mehl, Zucker, Seife, was stand da noch, ach ja, manchmal Wurst, eine ganz bestimmte, eine Salami, die kam aus Frankreich und war sehr teuer. Obwohl Frau Liesl wußte, was Mama einkaufen wollte, die Dinge sich nie änderten, waren beide darauf versessen, die eine den Zettel zu schreiben, die andere ihn zu lesen, und sie taten meistens so, als ob dies eine wichtige Mitteilung wäre, die fast schon so etwas wie geheimnisvoll anzusehen sei. Grüß mir die Kati, gab mir Frau Liesl auch immer mit, und Mama freute sich, daß Frau Liesl an sie gedacht hatte und alles, wie sie es aufgeschrieben hatte, im Korb lag. Einmal hat Mama auf dem Zettel, einen gelben Lutscher, geschrieben, weil sie mich damit erfreuen wollte. Frau Liesl hatte keine gelben Lutscher mehr, da hat sie zwei rote Lutscher in Papier gewickelt. Als Mama mir den Lutscher geben wollte, jetzt halt den roten, hat sie aber zuerst das gelesen, was auf dem Einwickelpapier stand. Mama lachte und wir lutschten danach beide an den roten Lutschern.

Bertram fühlte trotz des Windes, der immer mehr Schnee verteilte, berauschende Wärme durch seinen Körper sprühen, und er bewegte sich kurz schneller, es kam ihm vor, wie wenn er bestrahlt durch Frühlingssonne unter blühenden Apfelbäumen den Wiesenhang herunterrollte. Auch so eine Köstlichkeit, die nur noch in der Erinnerung mitzuerleben, ihm vergönnt ist.

Lange hat er früher mit sich gehadert, ob die Entscheidungen seiner Eltern das Richtige für ihn waren. Sie drängten ihn, das Gymnasium zu besuchen, und nach dem Abitur waren sie diejenigen, die ihm alle Vorzüge aufzählten, fast gebetsmühlenartig, das Studium der Architektur in Berlin zu beginnen, obwohl sie wußten, Besuche und Wiedersehen sind höchstens einmal im Jahr möglich. Lieber wäre er hier geblieben, hätte den Hof übernommen, irgendein Handwerk gelernt, Schlosser oder Schmied. Ab und an schlich sich in dieser Zeit der Gedanke ein, sie wollten ihn loswerden. Er war doch ihr einziges Kind, und er liebte diesen Ort, das kleine Haus etwas abseits vom Dorf auf der Anhöhe, erreichbar über einen ausgetretenen Pfad, windgeschützt durch den Wald auf der einen Seite und auf der anderen mit Blick auf eine hügelige Wiesen- und Heckenlandschaft. Nach dem Tod der Eltern war er monatelang zwiespältig, ob er das Anwesen verkaufen sollte. Das Zuhause war ihm fremd geworden, eine Fremde, die es ihm unmöglich erscheinen ließ, dort je wieder wohnen zu können.

Dickschädel, sagte Mutter zu ihm, wenn er sich wegen etwas, was ihm nicht paßte, querstellte. Sein Vater meinte, er hätte einen gespaltenen Schädel, deshalb würde er so lange über alles nachdenken und doch nicht zu einer Entscheidung kommen. Bertram zögerte den Verkauf von Jahr zu Jahr hinaus. Zwischendurch vermietete er das elterliche Haus, aber immer nur befristet. Selbst seine Frau und seine Kinder waren durch das ständige Für und Wider immer unschlüssiger geworden, was denn nun besser wäre, Verkauf oder Vermieten, oder selbst wieder das Anwesen zu bewohnen.

Bei einem Kurzbesuch, seine Kinder waren bis auf seine jüngste Tochter Amelie bereits ausgezogen, fand er im Schuppen, der in seiner Kindheit Holzlager für die Befeuerung des Hauses war, sämtliche Gerätschaften für den Hof beherbergte und als Werkstatt für seinen Vater diente, einen Holzschädel. Als solchen hatte er das etwas oval runde Holzstück nie gesehen, erst als er es in der Hand hin und her drehte, bemerkte er Einkerbungen. Bertrams Schädel, entzifferte er und ließ sich dies von seiner Frau, den Kindern bestätigen. Ein Jahr später sind sie in das Haus seiner Kindheit gezogen.

Von weitem sah er das Dorf, keine fünfhundert Meter sind es mehr, dann kann er sich im Café am Markt aufwärmen, bevor er die paar Kleinigkeiten besorgt, die ihm seine Frau aufgetragen hat, mitzubringen. Mit ihrer zierlichen Schrift auf einem Zettel notiert, damit er nichts vergißt. Er stapfte fester auf den frisch fallenden Schnee, in seinem Rucksack spürte er den gespaltenen Schädel, den er seither immer bei sich führte, er spürte die gerissene vertiefte Stelle, die sich längs des Holzstücks befand, in seinen Fingern. Eine Köstlichkeit, die, das wußte er, nicht zu oft ihn zurückführen sollte in eine Zeit, die längst vergangen war und dennoch, je älter er wurde, intensiver ihn zu sich selbst fesselte. Dahin, wo er sein innerstes Wesen erkannte, ohne Hadern, ohne Zweifel.

„Dafo krichst au rot Lippa, weis no, wie mer kriese gklaut händ“, stand auf dem Zettel, mit dem Frau Liesl die beiden roten Lutscher eingepackt hatte.

„Ich werde für Ella und mich Lutscher kaufen, rote Lutscher, eine Köstlichkeit von früher und für heute Nachmittag“, sprach er laut gegen den kälter werdenden Wind.

„Vergangenheit und Zukunft eine Köstlichkeit in der Gegenwart, du Dickschädel, du gespaltener.“

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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Hartz IV: Wenn Promis keine Ahnung haben

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Sozialrassismus etablieren – wer toppt den nächsten beim Bashing?

Hatten noch nach sechzehn Jahren Kohl-Regierung etliche hoffnungsfroh der rot-grünen Ablösung entgegengeblickt, wurden sie eines Besseren belehrt, nachdem die sozial-rassistische Hartz-IV-Gesetzgebung sie vor vollendete Tatsachen stellte. Besonders der Slogan „Fördern und Fordern“ sorgte mit Nachdruck für entsprechende Irritationen, beflügelte den Aufruf zur Zwangsarbeit, Gängelung und Hetze.

Allen voran ausgerechnet von der Politik selbst, die massenweise auf die Betroffenen eintrat, keine Gelegenheit ausließ, sie zu verunglimpfen. Dem politischen Versagen folgen stets ausgerechnet diejenigen, die ohnehin ihren Reichtum meist unrechtmäßig mittels Ausbeutung erlangten in historisch belegter Vergangenheit bis hinein in die Gegenwart. Insofern kann man nur entsetzt den Kopf schütteln, zu welch haarsträubenden Urteilen Promis gelangen wie jüngst ein Fürstenpaar, welches für einen viel zu kurzen Zeitraum von Hartz IV lebte.

Jens Spahn brachte den Stein erneut ins Rollen

Was eine zeitlang in den Schlagzeilen verschwunden, obwohl tatsächlich eher von kurzer Dauer, denken wir an das Engagement der Linken, die immer wieder die Hartz-IV-Gesetzgebung aufs Schärftste rügen, an Inge Hannemanns und Michael Bohmeyers Aufruf zur Sanktionspraxis, daß eben der Gesetzgeber auf ganz Linie versagt hat.

Mit jener dekadent naiven Äußerung des neuen Gesundheitsministers Jens Spahn, Hartz IV bedeute nicht Armut, sondern sei die Antwort der Solidargemeinschaft auf Armut, brachte er den Stein erneut ins Rollen. Es entspricht demselben Jargon eines Franz Müntefering, wer nicht arbeite, solle auch nicht essen. Die Politik fördert in Wirklichkeit den Niedriglohnsektor im großen Stil mit jener menschenverachtenden Gesetzgebung, um „Unwillige“ zu zwingen, jeden schlecht bezahlten Job annehmen zu müssen. Ausbeutung im ganz großen Stil, per deutscher Gründlichkeit nonchalant um- und eingesetzt, per billige Hetze immer wieder flankiert.

Als gut ausgebildeter Bankkaufmann, Bachelor auf Arts, Master of Arts, als European Young Leader aus den Fittichen deutscher Denkfabrik Atlantikbrücke, last but not least letztjährig als Teilnehmer der Bilderberg-Konferenz in Chantilly (Virginia) prädistiniert man sich ganz offensichtlich, dermaßen unqualifiziert die Hartz-IV-Gesetzgebung hoch-zuhalten. Da kam Jens Spahn wohl auch Sandra Schlensogs Petition ganz gelegen, die ohnehin wirkungslos verpuffte, um sich selbst im Bade der Öffentlichkeit zu sonnen. Eine entsprechend scharfe Kritik ließ wenigstens nicht lange auf sich warten.

Was nutzen Appelle von Gabriele Gillen oder Christoph Butterwegge?

Wer es noch nicht gelesen hat, dem sei das Buch „Hartz IV – Eine Abrechnung“ angeraten. Die Politik- und Kulturredakteurin des WDR rechnete pünktlich bei Inkrafttretung jener fragwürdig menschenverachtenden Gesetzgebung mit der Politik, aber auch der Wirt-schaft ab.

Ebenso der Bildungsforscher und Sozialwissenschaftler Christoph Butterwegge, der sich gleichwohl gegen Rassismus und Rechtsextremismus verwehrt, prangert den Abbau des Sozialstaates an, der mit der Fortsetzung des Neoliberalismus einhergeht.

Doch was nutzen all die Appelle, wenn Politik einfach ihren Kurs fortsetzt? Man könnte resignieren, andererseits sollten erst recht all jene sich einsetzen und aufgefordert fühlen, die jenes perfide Spiel bösartiger Ausbeutung durchschauen, gemeinsam an einem Strang ziehen. Mit der Spaltung der Gesellschaft wie sie besonders die Neue Rechte vorantreibt, aber auch Rechtskonservative, erreicht man Ausgrenzung, Haß und Armut, um sie gegeneinander ausspielen zu lassen, beste Voraussetzung für Krieg und Elend auf der einen Seite, Glanz und Gloria auf der anderen.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Soziales

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