Raffiniert kokettiert

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Endlos ausdiskutiert,
stramm pariert,
Wirtschaft floriert,
im Theater souffliert.
Was hier wohl passiert?

Ein Paar flaniert,
er glattrasiert,
sie sich geniert.
Ein wenig kleinkariert.
Ein Gespräch stagniert?

Gut situiert,
Politik instrumentalisiert,
die Grippe grassiert,
manch einer inhaliert.
Wer hier was kaschiert?

Armut garantiert,
kaum jemand hausiert,
Ration halbiert,
zum Diebstahl verführt.
Wer das gezielt platziert?

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gedichte

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Wunder lassen sich ungern betrügerisch anpreisen

Als Reaktion auf Krawall gebürstet?

Wunder gibt es immer wieder. Vor allen Dingen heutzutage, nicht die Wunder, an die Sie jetzt schätzungsweise denken, an Geschehnisse, die vordergründig nicht mit dem Verstand zu erklären sind, Spontanheilungen etwa, das Überleben eines Flugzeugabsturzes oder einer Naturkatastrophe. Diese Ereignisse benennen wir Wunder, weil wir nicht durch wissenschaftliche Beweise den Ablauf einer scheinbaren aussichtslosen Begebenheit erklären können.

Wunderliche Dinge geschehen derzeit in Bezug auf zwischenmenschliches Zusammenleben, diese sind wunderlich zu nennen, weil hier das Wort Zufall nicht zutreffen kann. Zufälle sind in der Regel Begebenheiten, die ähnlich wie die Wunder nicht vorhersehbar geschehen, aber doch sehr oft wissenschaftlich erklärbar sind. Die nachfolgenden Wunder sind zwar nachvollziehbar, doch nicht zufällig. Eher kann man sie als bewußtes Kalkül beschreiben, um anderen zu schaden.

Eines dieser Wunder heißt: auf Krawall gebürstet. In jedweder Gesellschaftsform oder Gemeinschaft kommt es mehr oder weniger zu kleineren oder größeren Konflikten, diese Konflikte werden zurzeit fast ausnahmslos mit Gewalt beendet, das sogenannte Recht des Stärkeren bezieht sich fast immer nur noch auf die körperliche, politische, wirtschaftliche Kraft. Anstatt auf die geistige, mentale Kraft zu setzen, um Konflikte zu entschärfen, wird diese Kraft sehr oft zu manipulativen Zwecken benutzt.

Ein anderes Wunder, das häufig zurzeit aufkommt, ist die „manipulierte“ Überzeugung, alles und jeden über einen Kamm zu scheren, so ist ein Flüchtling ein Flüchtling, ein Amerikaner ein Amerikaner, ein Deutscher ein Deutscher, ein Gutmensch ein Gutmensch, obwohl jeder wissen sollte, mit diesem Schubladenschema berauben wir uns selbst der Vielfalt des Lebens. Selbst ein Gänseblümchen ist nicht gleich ein Gänseblümchen, wer das nicht weiß, sollte vielleicht nochmal zur Schule gehen.

Auf wunderliche Weise erscheinen plötzlich Menschen, die um des Profites Willen Waren verkaufen, deren Namen sie erst kürzlich gehört haben, deren Inhaltsstoffe oder Anwendungsgebiete ansonsten nicht in ihrem bisherigen Dasein eine Rolle gespielt, die sie selbst noch nie genossen haben, sei es äußerlich oder innerlich und schon gar nicht über einen längeren Zeitraum. Zu diesen Verkäufern zählen auch jene, die positive Energie- Mentalberatungen anbieten, ohne selbst nach deren Richtlinien zu leben.

Es gibt Nachahmer in punkto Lügen und Betrügen, die eben genauso in ihrem persönlichen und geschäftlichen Umfeld handeln wie sie der Politik oder der Wirtschaft vorwerfen und lauthals hinausschreien. Sie kehren lieber vor anderer Leute Türen als vor ihren eigenen. Und das oft unter dem Deckmantel der Aufklärung. Sie erinnern an Wandermönche, die durch Dörfer und Städte zogen, um den Untergang der Welt zu prophezeien und jedwedes Laster verdammten, nur um ihren Bauch zu füllen.

Begriffe geistern durch die Presse und Köpfe, die eigentlich eine Selbstverständlichkeit darstellen: Werte, Pazifismus, Patriotismus, Ökonomie und viele mehr. Werte zählen nicht nur bei Einhaltung einer religiösen Vorstellung, sondern auch in der sozialen und wirtschaftlichen Präsenz, ansonsten ist es Betrug. Pazifismus, friedliebend, ist eine der Grundvoraussetzungen jedweder Gesellschaftsform. Patriotismus ist nicht nur die Liebe zum Vaterland, sondern wie im Wort benannt, patros, zum Vater, zur Herkunft, zur näheren Umgebung, sei dies familiär oder landschaftlich. Sind sie sicher, daß ihre oder einer ihrer Vorfahren schon immer diese ihrige Heimat auch deren Herkunft war? Kann sich wirklich jemand wundern, wenn um des Profites Willen schon banalste Grundsätze mißachtet werden, um den Lebensraum zu erhalten, aber die dadurch entstandenen Waren konsumiert werden?

Haben wir früher nicht genau darauf geachtet, gab es manipulierte Statistiken, gekaufte Aussagen nicht in dem Ausmaß wie heute? Doch, die gab es sehr wohl, egal ob von Privatleuten, Politik, Wirtschaft, ein bewußtes Eingreifen durch Verzerrung mit fiktiven Zahlen oder geschönten Aussagen über ein Produkt oder eine Person gab es auch früher, obwohl jedem, der diese Tricks anwendet, klar sein müßte, irgendwann kommt alles ans Licht. Wundern wir uns über so viele Zufälligkeiten oder fallen uns diese Wunder zu, weil wir nicht achtsam genug durchs Leben gehen?

Heute auch mal auf Krawall gebürstet.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

Diese Kolumne erschien bereits am 12. Dezember 2015  hier bei Querdenkende.
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Italien: Parlamentswahl wird kaum beachtet

5-Sterne-Bewegung erreicht wahrscheinlich die meisten Stimmen

Ein Blick in die Medienlandschaft deutet bereits daraufhin: Kaum Berichte über die italienische Parlamentswahl. Viel zu ungewiß mag die jetzt am Sonntag stattfindende Wahl ausgehen, weil in erster Linie die Menschen im Lande enttäuscht sind von der derzeitigen Regierung Renzi.

Diese hatte es nicht geschafft, ihre geplante Reform des Senats bei einer Volksabstimmung durchzusetzen. Sie wurde schlichtweg abgelehnt, darüberhinaus war das kürzlich geänderte Wahlrecht zur Abgeordnetenkammer seitens des Verfassungsgerichts teilweise für ungültig erklärt worden, sodaß im Herbst des letzten Jahres die vier Parteien (PD, FI, LN und ALA) sich auf ein neues Wahlrecht namens Rosatellum einigten, welches somit das Grabenwahlrecht anwendet.

Im Grunde tritt jede Partei mit genug Problemen an

Was wiederum bedeutet, daß keine wirklich vorzeigbar ist. Von einem Paradoxum kann dennoch nicht die Rede sein, zumal gerade in Italien die meisten Wahlen im europäischen Vergleich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs bis heute stattgefunden haben.

Gewisse Parallelen zum italtienischen Fußball können durchaus dem ein oder anderen in den Sinn kommen, was besonders dessen Foulspieltaktik anbelangt. Bevor eine wütende Fußballwelt sich zu Wort meldet: Man sollte stets den Ball flach halten, immerhin gibt es genügend Beispiele, die genau solche Eindrücke hinterlassen. Somit ganz ähnliches in der Politik selbst zuzutreffen scheint.

Die 5-Sterne-Bewegung, noch als Hoffnungsträger in der politischen Landschaft dereinst angetreten, muß sich inzwischen gezielt berechtigten Fragen stellen, warum dermaßen viele Enthüllungen des ein oder anderen Kandidaten die Glaubwürdigkeit der Partei erschüttern.

Am Ende eine große Koalition nach deutschem Vorbild aus PD und Forza Italia?

Damit wäre dann die 5-Sterne-Bewegung erneut größte Oppositionspartei, die ja bekanntlich keine Koalition eingehen will. Sollte sie es doch, könnten ähnliche Turbolenzen wie hierzulande durch die SPD eintreten, die zuvor nach der Wahl zunächst kategorisch eine Regierungskoalition abgelehnt hatte. Allerdings wird Beppo Grillo viel eher standhaft bleiben.

Die Rolle jenes Silvio Berlusconi ist ohnehin mehr als fragwürdig, zumal er kein öffentliches Amt ausüben darf, trotzdem kräftig mitmischt, auf ein schnellstmögliches Comeback hofft. Genügend Anhänger werden sich dann wohl in Italien erneut einfinden. Überhaupt haben auch dort Rechtspopulisten einen Stimmenzuwachs zu verzeichnen. Der europaweite Rechtsruck ist somit längst auch in Italien unübersehbar angekommen.

Lotar Martin Kamm

Kategorie Politik

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Kalkuliertes Vergelten

Ihre Witze Kalkül,
dahinter kein Gefühl.
Ihre Schnoddrigkeit,
kein Zeichen für Persönlichkeit.

Ihr verkündetes wahres Wissen,
mit vor dem Mund gehaltenem Kissen,
soll den Eindruck erwecken,
Geheimnisse gibt es zu entdecken.

Ihre Stärke, die sie mimen mit Posen,
eine Maske, denn sie sind eigentlich Mimosen.
Beim Streben nach einheitlicher moralischer Sicht
setzen sie auf Ordnung, Zucht, Ehre, Stolz als Pflicht.

Ihr Sicherheitsdenken, ihr Verständnis für dich und mich,
egoistisches Kalkül um zu sitzen am übervoll gedeckten Tisch.
In keinem Bereich ist ratsam Gewalt, zu drohen, zu schelten,
wer dies forciert, der will seinen Minderwertigkeitskomplex vergelten.

Nafia

Kategorie: Gedichte

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Gesellschaft wird keineswegs zufällig lanciert

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Am Ende obsiegt doch noch Mitmenschlichkeit?

Sie müssen funktionieren, nicht nur einfach anwesend sein, sondern während ihren Schichten hochkonzentriert sämtliche geistigen Herausforderungen meistern, um stets dem Betrieb zum dauerhaften Erfolg mit zu verhelfen. Dabei spurten sie sich, apathisch, beinahe wie willenlose Zombies, denen man lediglich einem Uhrwerk gleich klare Befehle erteilt, die sie bloß noch auszuführen haben. Welche simplen Mechanismen greifen hier, die ansonsten leidenschaftlichen Menschen dermaßen eingeschüchtert walten zu lassen?

Nichts wirkt sich intensiv nachhaltiger aus, als wenn man Leidtragende bis an den Rand der Existenz drängt, ihnen alles nimmt, was halbwegs an Menschenwürde oder wahrhaftigen Humanismus erinnert. Dazu bedarf es stets ganz simplen, perfiden Mitteln: keine Zeit gönnen zum Grübeln, sie mit Falschmeldungen bombardieren, die Lebensmittel umfassend krankheitsverursachend belasten, das wohnliche Umfeld ungemütlich gestalten. Na, kommt Ihnen das irgendwie bekannt vor, bemerken Sie etwa gewisse Parallelen zu unserer real existierenden Welt?

Ortswechsel – irgendwo im Palast einer nimmersatten Göre

Erst mal gemütlich sich ausgiebig strecken, ein Hinausfallen aus diesem riesig runden Bett ohnehin fast unmöglich erscheint mit einem Durchmesser von vier Metern. Wo bleibt denn nur diese dusselige Tina, die mir meine Klamotten reichen sollte, ich glaube, die können wir ebenso entlassen, das wäre dann die dritte in diesem Monat trotz guter Referenzen, fälschen die etwa ihre Zeugnisse, dachte Mademoiselle Claude völlig verärgert und ließ ihren Luxuskörper auf das Mahagoni-Parkett gleiten, echtes versteht sich, kein billiger Ersatz unter den vierhundert weltweiten Arten.

Irgendwann hatte die Angestellte die teuren Kleider ihr schließlich doch noch gereicht, Claude sich ein wenig unbeholfen angezogen und begab sich, die riesigen Flügeltüren aufstoßend, in den Garten, der von einem großen Park umgeben, dieser wiederum für viel Schutz sorgte. So die allgemein angedachte Auffassung jener Herrschaften, die die felsenfeste Meinung vertraten, sie hätten sich all ihren gesamten Reichtum rechtmäßig verdient, und die große Masse der immer ärmer werdenden Bevölkerung sei selbst Schuld an ihrem Schicksal. Kein Wunder, daß nimmersatte, gelangweilte Gören wie Claude nicht ansatzweise eine Vorstellung vom sorgenvollen Leben da draußen nachempfanden, weil sie ständig hofiert ein Dasein ohne jedwede materielle Verlustängste in vollen Zügen genießen konnten.

Der längst vollzogene Aufbruch ließ sich nicht mehr aufhalten

Wer schon einmal den gesamten Verlauf einer Lawine von den Anfängen bis hin zu ihrem finalen überlauten Ende erlebt hat, der kann nur bestätigen, wie eindrucksvoll und kraftvoll ein solches Naturereignis uns haften bleibt, man es nie wieder vergessen kann. Vor allem, niemand und nichts mag sie mehr aufhalten. Dasselbe gilt für eine längst vollzogene Aufbruchstimmung in weiten Teilen der Bevölkerung, selbst wenn sämtliche Medien noch meinten, sie müßten einer altgewordenen Gewohnheit zuliebe vertuschen, verdrängen oder einfach mit unwichtigen Meldungen von den sich fortlaufend entwickelnden, stillen Widerständen ablenken.

Bisher ließen sich die meisten Menschen beeindrucken, gar in die Irre führen, aber nach und nach entstand ein kollektives Bewußtsein, welches in dieser Form noch nicht stattgefunden hatte, obwohl die bösartigen Kräfte alles dransetzten, um ihre Autorität nicht in Frage stellen zu lassen. Das begann im Kindergartenalter, setzte sich in Schulen, Unis, im Berufs- und Privatleben fort, Hauptsache der Homo sapiens diente dem Urgedanken des Mammons, schon waren die Herrschenden zufrieden.

Doch nun bewegte sich die schnell wachsende Masse eben in jene Richtung des Aufräumens, jagte alles von dannen, was der Allgemeinheit schadete, duldete keinerlei Überreichtum, setzte all dem menschenverachtenden Treiben ein Ende. Aber nicht etwa mit Waffengewalt. Nein, das war völlig unnötig. Einige weltweite Generalstreiks, unzählige, gutorganisierte Flash-Mobs, das bereits seit geraumer Zeit konsequente Vorleben, wie man friedlich und bescheiden zusammenleben könne, aber auch die global sich ausbreitende Erkenntnis, daß genau das der Schlüssel zur harmonischen Koexistenz sein muß, führten schlußendlich zu einer sich rasch verbreitenden Entspannung. Die Menschheit war auf bestem Wege, friedlich ihre einzige Erde zu gestalten.

Diese Fiktion nur reine Illusion? Keinesfalls, wir selbst haben es tatsächlich in der Hand, eine Veränderung zuzulassen.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gesellschaft

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Herkunft der Erinnerung

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Durch ihre mandelhonigfarbenen Augen träumte er, sich zu baden täglich, stündlich, er würde gar nicht mehr aufhören, sich zu schruppen, sogar den Hintern würde er mehrmals putzen. Sobald er sie sah, er ihren Geruch wahrnahm, nach Mandel, nach Honig, nach Farben, schwebte er im Riesenrad nach oben, seine Gefühle ein gigantisches Kettenkarussell mit Badezuber als Sitze, oben in den Lüften schwitzte er den Schweiß seiner Gedanken auf die sprachlose Zunge, unten trieb ihm die Saunaluft süßlich klebrigen Honig in die Ohren, der dafür sorgte, völlig die Orientierung zu verlieren. Er war verliebt und für immer verloren im Rad der unerwünschten Schwiegersöhne.

Der Schwindel verursachte Beschwerden, in denen er einen Wettstreit zwischen seinem Magen und seinem Verstand ausmachte, die sich nicht einigen konnten zwischen der Auswahl der flatternden Schmetterlinge im Bauch, mandelhonigfarben oder bunt und einer Fata Morgana, die ihn durch einen lichtdurchfluteten See fährt, gebunden an ein Wagenrad, das ständig Sandkörner in seine Augen streut.

Wund am ganzen Körper durch das viele Schrubben und den Sand, der sich in alle Poren seines jungen Körpers einfurchte, lag er hilflos in seinem Bett, bewacht von seiner Mutter, die mit heilenden Ölen zumindest seine wässrigen, manchmal eitrigen Wunden versorgte, nicht wissend, daß die eigentliche Krankheitsursache ein innerlicher Disput zwischen Leidenschaft und unerreichbarer Liebe war.

Diese Symptome waren selbst für den zur Konsultation herbeigerufenen Arzt nicht zu erklären, zumal das Übel, das über die Familie zu schweben begann, zweimal jährlich sich mal in abgeschwächter Form, mal in dramatischer Weise abzeichnete und nunmehr sich im zehnten Jahr zu wiederholen begann. Der Pfarrer, der mehrmals die letzte Ölung am Krankenbett vornahm, war sich Zeit seines Lebens sicher, daß das von ihm zugefügte Elixier für das heil- und sündenvergebende Öl dafür gesorgt hatte, ihm für die nächste Jahreshälfte die Kraft gab, zu leben. Diese Zutat hütete er wie ein Geheimnis. Erst an seinem Totenbett flüsterte er seiner Haushälterin sein lebensstärkendes Mittel zu, die aber leider auf Grund ihrer Schwerhörigkeit, und weil sie ihm versprochen hatte, erst nach der Beerdigung ihr Schweigen zu brechen, mehrmals unterschiedliche Aussagen machte.

Dies führte dazu, daß in der Kirchengemeinde nicht nur über das Mysterium des wundgescheuerten jungen Mannes der Gesprächsstoff nicht enden wollte, sondern über die Zusammensetzung des sakramentsspendenden Öls geradezu ein alle Tod und Teufel heraufbeschworenes, teils auf sachlichem Disput, teils auf verschwörerischer Geheimniskrämerei, Gerede in dem Dorf zu hören war, das noch Kilometer entfernt als Surren von tausenden Fliegen wahrgenommen werden konnte, die sich auf faulendes Stück Erde stürzen.

Unbemerkt blieb es deshalb bei den Dorfbewohnern, daß der Jahrmarkt, der seit Menschengedenken Anfang Oktober neue Waren und Geschichten aus aller Welt brachte, nicht stattfand. Selbst als Anfang Mai immer noch keine Neuigkeiten und Produkte eintrafen, schien dies niemand zu interessieren, so sehr waren sie mit ihren Wortauseinandersetzungen beschäftigt. Erst als im August dieses Jahres eine unerträgliche Hitzewelle sich hartnäckig weigerte, die Regenwolken über das Gebirge zu schieben und sich die Bewohner im Spiegelbild des Niedrigwasser führenden Dorfteiches nicht mehr wiedererkannten, wo sie sich mit ihren ausgemergelten Körpern und in Fetzen gekleidet trafen, um vor der großen Dürre noch die letzten Tropfen Wasser untereinander aufzuteilen, fiel ihnen auf, daß früher einmal dieser Ort ein Ort des geschäftigen Handels war, wenn auch nur zweimal im Jahr.

Der Einzige, der an dieser Erkenntnis nichts Verwunderliches erkannte, war der junge Mann, der inzwischen in der Blüte seines Lebens stand und im Gegensatz zu den andern, da keine Gründe vorlagen mit abgeschabter Haut darniederzuliegen, seine Familie aus der wunderlichen Zeit über eine große Menge an Öl gehortet hatte, die sie während dieser Monate innerlich anwandten, so daß sie die alleinigen waren, die vor Gesundheit strotzten. Diese Tatsache, und wir wollen keinerlei andere Hintergründe zulassen, die eventuell an Rache oder an Vorbestimmung tuschelnd die Runde machten, veranlaßten die Dorfbewohner, ihn als Bote auszurüsten, um den Umstand des leeren Marktplatzes zu erkunden. Wenn es in seiner Macht stünde, etwas zu erfahren, dann sei es nicht abzulehnen, warum die Wolken, die sichtbar über der Bergkuppe zu sehen waren, nicht die Traute hätten, über dem Dorf sich abzuregnen.

Seine Mutter gab ihm nicht nur einige Flaschen des Öls mit, das sie ihm auf seine Wunden gestrichen hatte, auch legte sie ihm in seinen Rucksack zwei Ölflaschen hinein, welche der Pfarrer in ihrer Obhut beließ, damit sie in seiner eventuellen Abwesenheit selbst die letzte Ölung hätte vornehmen können. Unter großen anschwellendem Getöse an Stimmen, Gejohle, Geheule schritt er auf dem einzigen Weg, der zum Dorf führte, hinaus in die gleißende Sonne, die ihn so schnell in ihrem Flimmern verschluckte, daß die Bewohner des Dorfes nur deshalb sicher waren, jemanden zur Hilfe fortgeschickt zu haben, weil die Mutter tagelang weinend das Surren der Dorfgespräche übertönte.

Konfrontiert nach einem Tagesmarsch mit einer ihm unbekannten Stille, die ihn umgab, war er, als die Müdigkeit ihn übermannte, weder des Wissens sicher, wer er war, noch warum er hier lag, wohin er wollte. Da er auch beim Aufwachen keine Antwort auf diese Fragen hatte, entschloß er sich, sozusagen intuitiv einem Surrgeräusch zu folgen, welches ihn an einem Tümpel führte. Die Mücken, die diesen Teich bevölkerten, waren so überrascht über seinen Besuch, mußten sie ansonsten lange Strecken in Kauf nehmen, um ein menschliches Wesen in Augenschein nehmen zu können, daß sie vor lauter Freude in kürzester Zeit seinen Körper bedeckten und ihre unerwartete Mahlzeit derart genossen und deshalb den herannahenden Wagenkonvoi komplett überhörten.

Welcher Mensch hat nicht erste Erinnerungen, die ihm seine Herkunft, sein Zuhause schildern? Er roch das Öl, das ihm über Jahre seine Haut heilen ließ, er träumte, sich zu baden in dem Geruch von mandelhonigfarbenen Augen, er schwebte auf dem Riesenrad mit der Geschwindigkeit eines Kettenkarussells und spürte die Nähe des Wesens, das von Anbeginn seines Seins zu ihm gehörte. Ob es daran lag, keine Fragen von den fahrenden Leuten gestellt zu bekommen, noch Antworten von ihm erwartet wurden, wer weiß das schon, im Nachhinein zu sagen. Eigenartig befremdlich wirkte er allerdings auf seine Anverwandtschaft, wenn sirrende Geräusche in der Luft hingen und er nur mit vereinten Kräften daran gehindert werden konnte, die Familie zu verlassen. Sie vermuteten allerdings, dies sei ein Zeichen seiner Angst vor Mücken, Fliegen und sonstigem Getier, das sich surrend in dieser Welt bewegte und die ihn auf so schreckliche Weise am ganzen Körper gestochen hatten.

Schließlich konnten sie nicht ahnen, wenn er es schon nicht konnte, das Surren war die einzige Erinnerung, die ihm von seinem Dorf verblieb, ohne das Wissen allerdings, daß es dieses Dorf jemals gab, und ob er vielleicht ein oder anderes Mal ganz in seiner Nähe vorbeifuhr.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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Obdachlose erneut Opfer der letzten Eistage dieses Winters

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Europas reichstes Land leistet sich zunehmende Armut

Froh darf sein, wer in diesen eiskalten Tagen einen warmen Platz hat, dies nicht nur bei Nacht, sondern auch tagsüber. Das Eis-Hoch „Hartmut“ sorgte für entsprechend tiefe Temperaturen, des nachts ohnehin zweistellig, an manchen Orten in den Tag hinein. Betroffen davon in erster Linie Obdachlose.

Mit Schlafplätzen allein sei ihnen nicht geholfen, auch tagsüber bräuchten Obdachlose eine warme Unterkunft, wie eine Expertin warnte, nachdem inzwischen vier Kältetote hierzulande zu beklagen sind. Deutschland als reichstes Land Europas leistet sich jedoch weiterhin eine latent vorhandene, zunehmende Armut. Anstatt ernsthaft daran politisch etwas zu ändern, hält auch die sich neu formierende GroKo an den bisherigen Kurs sozialen Abbaus fest.

Ellenbogengesellschaft fordert stets ihren Tribut

Der da lautet, wer sich aufgibt, rutscht nicht nur sozial ziemlich schnell ab, sondern es wird obendrein vehement nachgetreten, in den Familien, im Umfeld selbst bis hinein zur staatlichen Bevormundung einer Hartz-IV-Gesetzgebung, die besonders markant mittels Sanktionierung ihre menschenverachtende Haltung unter Beweis stellt.

Wer den dürftigen Mindestlohn hinzuzieht, der im europäischen Vergleich in Deutschland ziemlich mickrig ausfällt, dem offenbart sich jene soziale Kälte, an der deutsche Politik eisern festhält. Hinzu gesellt sich schon seit längerem eine unübersehbare Wohnungsnot, ganz besonders bei den preisgünstigen Mieten, die stetig wegbrechen. Die Folge: Immer mehr Menschen geraten in den Strudel des sozialen Abstiegs, auf der Straße. Eine angebliche Chancengleichheit gibt es faktisch nicht, weil mit Jobverlust sehr schnell der soziale Abstieg folgt.

L’exil de soi – neben sich stehen, wenn die Persönlichkeit Schaden leidet

Genauso ergeht es den meisten Obdachlosen, sie verlieren ihr Selbstwertgefühl, „soziale Nacktheit“ setzt sich bei den meisten unweigerlich fest. Ein Teufelskreis, aus dem die wenigsten trotz manch angebotener Hilfe wieder rauskommen können. Umso schwieriger für Sozialarbeiter vor Ort, den Betroffenen in irgendeiner Form effektiver zu helfen.

Kein Wunder, daß die Lebenserwartung bei Obdachlosen wesentlich niedriger als bei Nichtbetroffenen. Neben täglicher physischer Belastung, ganz besonders im Winter, hat die psychische Verfassung ihren erheblichen Anteil, der oftmals unterschätzt wird.

Aber die verantwortliche Politik fühlt sich weiterhin kaum bis gar nicht berufen, die ziemlich eindeutigen Umstände zu verbessern, die gerade in die Obdachlosigkeit führen. Da lobt man lieber die angeblich sinkende Arbeitslosigkeit, obwohl trügerisch verlogene Statistiken sie real kaschieren, ignoriert den Wohnungsmangel und schaut lieber pikiert weg, falls mal Kritik aufkommt.

Mit den Hartz-IV-Gesetzen wurde Erwerbslosen ein Instrument der Perspektivlosigkeit erschaffen, hin zu Arbeitszwang und Sanktionsdiktat, eine willkommene widerliche Welt des Niedriglohnes, eine Hofierung neoliberaler Politik, um Betroffene zugleich vorzuführen.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Soziales

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