Herkunft der Erinnerung

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Durch ihre mandelhonigfarbenen Augen träumte er, sich zu baden täglich, stündlich, er würde gar nicht mehr aufhören, sich zu schruppen, sogar den Hintern würde er mehrmals putzen. Sobald er sie sah, er ihren Geruch wahrnahm, nach Mandel, nach Honig, nach Farben, schwebte er im Riesenrad nach oben, seine Gefühle ein gigantisches Kettenkarussell mit Badezuber als Sitze, oben in den Lüften schwitzte er den Schweiß seiner Gedanken auf die sprachlose Zunge, unten trieb ihm die Saunaluft süßlich klebrigen Honig in die Ohren, der dafür sorgte, völlig die Orientierung zu verlieren. Er war verliebt und für immer verloren im Rad der unerwünschten Schwiegersöhne.

Der Schwindel verursachte Beschwerden, in denen er einen Wettstreit zwischen seinem Magen und seinem Verstand ausmachte, die sich nicht einigen konnten zwischen der Auswahl der flatternden Schmetterlinge im Bauch, mandelhonigfarben oder bunt und einer Fata Morgana, die ihn durch einen lichtdurchfluteten See fährt, gebunden an ein Wagenrad, das ständig Sandkörner in seine Augen streut.

Wund am ganzen Körper durch das viele Schrubben und den Sand, der sich in alle Poren seines jungen Körpers einfurchte, lag er hilflos in seinem Bett, bewacht von seiner Mutter, die mit heilenden Ölen zumindest seine wässrigen, manchmal eitrigen Wunden versorgte, nicht wissend, daß die eigentliche Krankheitsursache ein innerlicher Disput zwischen Leidenschaft und unerreichbarer Liebe war.

Diese Symptome waren selbst für den zur Konsultation herbeigerufenen Arzt nicht zu erklären, zumal das Übel, das über die Familie zu schweben begann, zweimal jährlich sich mal in abgeschwächter Form, mal in dramatischer Weise abzeichnete und nunmehr sich im zehnten Jahr zu wiederholen begann. Der Pfarrer, der mehrmals die letzte Ölung am Krankenbett vornahm, war sich Zeit seines Lebens sicher, daß das von ihm zugefügte Elixier für das heil- und sündenvergebende Öl dafür gesorgt hatte, ihm für die nächste Jahreshälfte die Kraft gab, zu leben. Diese Zutat hütete er wie ein Geheimnis. Erst an seinem Totenbett flüsterte er seiner Haushälterin sein lebensstärkendes Mittel zu, die aber leider auf Grund ihrer Schwerhörigkeit, und weil sie ihm versprochen hatte, erst nach der Beerdigung ihr Schweigen zu brechen, mehrmals unterschiedliche Aussagen machte.

Dies führte dazu, daß in der Kirchengemeinde nicht nur über das Mysterium des wundgescheuerten jungen Mannes der Gesprächsstoff nicht enden wollte, sondern über die Zusammensetzung des sakramentsspendenden Öls geradezu ein alle Tod und Teufel heraufbeschworenes, teils auf sachlichem Disput, teils auf verschwörerischer Geheimniskrämerei, Gerede in dem Dorf zu hören war, das noch Kilometer entfernt als Surren von tausenden Fliegen wahrgenommen werden konnte, die sich auf faulendes Stück Erde stürzen.

Unbemerkt blieb es deshalb bei den Dorfbewohnern, daß der Jahrmarkt, der seit Menschengedenken Anfang Oktober neue Waren und Geschichten aus aller Welt brachte, nicht stattfand. Selbst als Anfang Mai immer noch keine Neuigkeiten und Produkte eintrafen, schien dies niemand zu interessieren, so sehr waren sie mit ihren Wortauseinandersetzungen beschäftigt. Erst als im August dieses Jahres eine unerträgliche Hitzewelle sich hartnäckig weigerte, die Regenwolken über das Gebirge zu schieben und sich die Bewohner im Spiegelbild des Niedrigwasser führenden Dorfteiches nicht mehr wiedererkannten, wo sie sich mit ihren ausgemergelten Körpern und in Fetzen gekleidet trafen, um vor der großen Dürre noch die letzten Tropfen Wasser untereinander aufzuteilen, fiel ihnen auf, daß früher einmal dieser Ort ein Ort des geschäftigen Handels war, wenn auch nur zweimal im Jahr.

Der Einzige, der an dieser Erkenntnis nichts Verwunderliches erkannte, war der junge Mann, der inzwischen in der Blüte seines Lebens stand und im Gegensatz zu den andern, da keine Gründe vorlagen mit abgeschabter Haut darniederzuliegen, seine Familie aus der wunderlichen Zeit über eine große Menge an Öl gehortet hatte, die sie während dieser Monate innerlich anwandten, so daß sie die alleinigen waren, die vor Gesundheit strotzten. Diese Tatsache, und wir wollen keinerlei andere Hintergründe zulassen, die eventuell an Rache oder an Vorbestimmung tuschelnd die Runde machten, veranlaßten die Dorfbewohner, ihn als Bote auszurüsten, um den Umstand des leeren Marktplatzes zu erkunden. Wenn es in seiner Macht stünde, etwas zu erfahren, dann sei es nicht abzulehnen, warum die Wolken, die sichtbar über der Bergkuppe zu sehen waren, nicht die Traute hätten, über dem Dorf sich abzuregnen.

Seine Mutter gab ihm nicht nur einige Flaschen des Öls mit, das sie ihm auf seine Wunden gestrichen hatte, auch legte sie ihm in seinen Rucksack zwei Ölflaschen hinein, welche der Pfarrer in ihrer Obhut beließ, damit sie in seiner eventuellen Abwesenheit selbst die letzte Ölung hätte vornehmen können. Unter großen anschwellendem Getöse an Stimmen, Gejohle, Geheule schritt er auf dem einzigen Weg, der zum Dorf führte, hinaus in die gleißende Sonne, die ihn so schnell in ihrem Flimmern verschluckte, daß die Bewohner des Dorfes nur deshalb sicher waren, jemanden zur Hilfe fortgeschickt zu haben, weil die Mutter tagelang weinend das Surren der Dorfgespräche übertönte.

Konfrontiert nach einem Tagesmarsch mit einer ihm unbekannten Stille, die ihn umgab, war er, als die Müdigkeit ihn übermannte, weder des Wissens sicher, wer er war, noch warum er hier lag, wohin er wollte. Da er auch beim Aufwachen keine Antwort auf diese Fragen hatte, entschloß er sich, sozusagen intuitiv einem Surrgeräusch zu folgen, welches ihn an einem Tümpel führte. Die Mücken, die diesen Teich bevölkerten, waren so überrascht über seinen Besuch, mußten sie ansonsten lange Strecken in Kauf nehmen, um ein menschliches Wesen in Augenschein nehmen zu können, daß sie vor lauter Freude in kürzester Zeit seinen Körper bedeckten und ihre unerwartete Mahlzeit derart genossen und deshalb den herannahenden Wagenkonvoi komplett überhörten.

Welcher Mensch hat nicht erste Erinnerungen, die ihm seine Herkunft, sein Zuhause schildern? Er roch das Öl, das ihm über Jahre seine Haut heilen ließ, er träumte, sich zu baden in dem Geruch von mandelhonigfarbenen Augen, er schwebte auf dem Riesenrad mit der Geschwindigkeit eines Kettenkarussells und spürte die Nähe des Wesens, das von Anbeginn seines Seins zu ihm gehörte. Ob es daran lag, keine Fragen von den fahrenden Leuten gestellt zu bekommen, noch Antworten von ihm erwartet wurden, wer weiß das schon, im Nachhinein zu sagen. Eigenartig befremdlich wirkte er allerdings auf seine Anverwandtschaft, wenn sirrende Geräusche in der Luft hingen und er nur mit vereinten Kräften daran gehindert werden konnte, die Familie zu verlassen. Sie vermuteten allerdings, dies sei ein Zeichen seiner Angst vor Mücken, Fliegen und sonstigem Getier, das sich surrend in dieser Welt bewegte und die ihn auf so schreckliche Weise am ganzen Körper gestochen hatten.

Schließlich konnten sie nicht ahnen, wenn er es schon nicht konnte, das Surren war die einzige Erinnerung, die ihm von seinem Dorf verblieb, ohne das Wissen allerdings, daß es dieses Dorf jemals gab, und ob er vielleicht ein oder anderes Mal ganz in seiner Nähe vorbeifuhr.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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Obdachlose erneut Opfer der letzten Eistage dieses Winters

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Europas reichstes Land leistet sich zunehmende Armut

Froh darf sein, wer in diesen eiskalten Tagen einen warmen Platz hat, dies nicht nur bei Nacht, sondern auch tagsüber. Das Eis-Hoch „Hartmut“ sorgte für entsprechend tiefe Temperaturen, des nachts ohnehin zweistellig, an manchen Orten in den Tag hinein. Betroffen davon in erster Linie Obdachlose.

Mit Schlafplätzen allein sei ihnen nicht geholfen, auch tagsüber bräuchten Obdachlose eine warme Unterkunft, wie eine Expertin warnte, nachdem inzwischen vier Kältetote hierzulande zu beklagen sind. Deutschland als reichstes Land Europas leistet sich jedoch weiterhin eine latent vorhandene, zunehmende Armut. Anstatt ernsthaft daran politisch etwas zu ändern, hält auch die sich neu formierende GroKo an den bisherigen Kurs sozialen Abbaus fest.

Ellenbogengesellschaft fordert stets ihren Tribut

Der da lautet, wer sich aufgibt, rutscht nicht nur sozial ziemlich schnell ab, sondern es wird obendrein vehement nachgetreten, in den Familien, im Umfeld selbst bis hinein zur staatlichen Bevormundung einer Hartz-IV-Gesetzgebung, die besonders markant mittels Sanktionierung ihre menschenverachtende Haltung unter Beweis stellt.

Wer den dürftigen Mindestlohn hinzuzieht, der im europäischen Vergleich in Deutschland ziemlich mickrig ausfällt, dem offenbart sich jene soziale Kälte, an der deutsche Politik eisern festhält. Hinzu gesellt sich schon seit längerem eine unübersehbare Wohnungsnot, ganz besonders bei den preisgünstigen Mieten, die stetig wegbrechen. Die Folge: Immer mehr Menschen geraten in den Strudel des sozialen Abstiegs, auf der Straße. Eine angebliche Chancengleichheit gibt es faktisch nicht, weil mit Jobverlust sehr schnell der soziale Abstieg folgt.

L’exil de soi – neben sich stehen, wenn die Persönlichkeit Schaden leidet

Genauso ergeht es den meisten Obdachlosen, sie verlieren ihr Selbstwertgefühl, „soziale Nacktheit“ setzt sich bei den meisten unweigerlich fest. Ein Teufelskreis, aus dem die wenigsten trotz manch angebotener Hilfe wieder rauskommen können. Umso schwieriger für Sozialarbeiter vor Ort, den Betroffenen in irgendeiner Form effektiver zu helfen.

Kein Wunder, daß die Lebenserwartung bei Obdachlosen wesentlich niedriger als bei Nichtbetroffenen. Neben täglicher physischer Belastung, ganz besonders im Winter, hat die psychische Verfassung ihren erheblichen Anteil, der oftmals unterschätzt wird.

Aber die verantwortliche Politik fühlt sich weiterhin kaum bis gar nicht berufen, die ziemlich eindeutigen Umstände zu verbessern, die gerade in die Obdachlosigkeit führen. Da lobt man lieber die angeblich sinkende Arbeitslosigkeit, obwohl trügerisch verlogene Statistiken sie real kaschieren, ignoriert den Wohnungsmangel und schaut lieber pikiert weg, falls mal Kritik aufkommt.

Mit den Hartz-IV-Gesetzen wurde Erwerbslosen ein Instrument der Perspektivlosigkeit erschaffen, hin zu Arbeitszwang und Sanktionsdiktat, eine willkommene widerliche Welt des Niedriglohnes, eine Hofierung neoliberaler Politik, um Betroffene zugleich vorzuführen.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Soziales

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Ohne Individualität

Ich habe genug, ihr „Wir meinen es gut“-Lieben,
von euren Beschimpfungen und Seitenhieben,
ich bin nicht blond, meine Augen sind nicht blau,
noch bin ich, wie ihr, durch Uniformierung schlau.

So schlecht kann die derzeitige Bildung nicht sein,
ihr kennt der Wahrheit Wissen, ob groß, ob klein.
Euren Lebensstandard finanziert ihr mit Spenden,
dafür verbreitet ihr Häme an allen Ecken und Enden.

Ihr durchbrecht zwischenmenschliche Konventionen
mit faulenden Phrasen, als wären sie überreife Melonen.
Dabei schreit ihr nach mißglückten Althergebrachten,
singt Lieder, die früher schon Wut und Haß entfachten.

Mit Opfermimik, Scheinheiligkeit, falschem Stolz, Arroganz,
versucht ihr zu zertrümmern der Demokratie Toleranz.
Ihr propagiert, Verständnis sei unmenschliches Verhalten.
Ohne Individualität will man halt alles gleichschalten.

Ich lasse mich nicht mehr auf die Straße stoßen,
nicht ich, sondern ihr Kleinkarierten seid Exoten.
Und noch was, ihr Oberschlauen, ihr ganz Lieben,
Kultur hat keinen Bestand, wird sie dressiert mit Hieben.

Nafia

Kategorie: Gedichte

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Slowakei: Mord an Ján Kuciak wirft viele Fragen auf

Pressefreiheit gefährdeter denn je?

Erneut wurde ein Journalist ermordet, Ján Kuciak, und mit ihm gleich seine Verlobte. Weil der slowakische Enthüllungsjournalist kriminelle Kontakte von prominenten Unternehmen sowie damit zusammenhängende Steuervergehen aufdeckte, wurde das junge Paar regelrecht per gezielter Schüsse hingerichtet.

Damit unterstreicht gleich der slowakische Ministerpräsident Robert Fico seine harsche Haltung gegenüber der Presse selbst, zumal dessen Innenminister Robert Kalinak ins Visier akribischer Recherchen seitens Kuciak geraten war, weil der Politiker bekanntlich mutmaßliche Steuerbetrüger schützen soll. Alles beste Voraussetzungen, staatliche Verwicklungen in mafiöse Machenschaften erahnen zu lassen, was wiederum kein gutes Licht auf die slowakisch verantwortliche Politik wirft. Was soll hierbei wohl vertuscht werden?

Wladimir Putin selbst gerät ins Zwielicht – zu viele tote Journalisten

Dazu bedarf es insbesondere einer Bemerkung, die dieser mit dem tschechischen Präsidenten Milos Zeman gemacht haben soll, Journalisten sollten liquidiert werden. Scherze dieser Art schaffen nicht gerade Vertrauen, zumal auch in Russland die Pressefreiheit erheblich eingeschränkt ist.

Man bedenke, daß inzwischen etliche Journalisten (inklusive Kuciak) der EU in den letzten zehn Jahren ermordet wurden. Im Jahre 2008 der Zeitungskolumnist Ivo Pukanic in Kroatien, zwei Jahre später wurde der Radiojournalist Socratis Guilias in Griechenland erschossen, Anfang Januar 2015 verloren gleich zwölf Menschen beim Terroranschlag auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo ihr Leben, im letzten Jahr starb die regierungskritische Bloggerin Daphne Caruana Galizia durch einen gezielten Anschlag per angebrachter Autobombe.

Ein Klima des Haßes geht um und gewinnt immer mehr an Boden

Auch hierzulande, denken wir an die Sprechchöre über eine „Lügenpresse“, jener Schmierenkomödie, die nonstop von Fakenews berichtet bis in die USA, wo dieser 45. Präsident fleißig mit daran beteiligt, die Medien sowie die Presse zu verunglimpfen.

Sicher doch sollte man sich stets kritisch auch mit Medien selbst auseinandersetzen, aber mitnichten diesen Weg fortsetzen, der alles andere als dienreich, sondern vielmehr ein äußerst kostbares Gut vernichten kann, Despoten oftmals den Ton angeben, die Pressefreiheit nachhaltig zu schädigen.

Inzwischen werden somit nicht nur bei den beiden Supermächten, zieht man obendrein die VR China hinzu, schnell Parallelen zu George Orwells 1984 deutlich, wo eine Propagandamaschinerie die Menschen in Schach hält, welch grauenvoll düsteres Szenarium! Wir alle tun sehr gut daran, genau das nicht zuzulassen. Solche Morde wie der an Ján Kuciak gehören lückenlos aufgeklärt, wobei auch die Drahtzieher und Hintermänner mit benannt werden müssen.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Politik

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Liebestraumbaum

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Im Herzen ein Wühlen
von tausenden Gefühlen.

Erwacht ein Baum der Liebe
mit mannigfachem Astgetriebe.

Beschnitten wurde der Baum,
er wurde der beiden Liebestraum.

Sie schnitt bei Nacht, bei Tage,
er akurat nach Vorlage.

Der junge Baum litt
zunehmend, bei jedem Schnitt.

Es gab Streit, Gezänke,
die Blätter nur noch welke.

Sie trennten sich vom Baum,
von der Liebe, aus der Traum.

Dem Baum Form zu geben,
nach ihrer, seines Leben,

zerstörte das Liebestreiben
und den Traum dieser beiden.

Nafia

Kategorie: Gedichte

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GroKo glaubt ans Märchen vom bösen Wolf

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Kaum ausgerottet und wieder angesiedelt zum Abschuß freigegeben

Während der Wolf in vielen Erdteilen verbreitet ist, wurde er in Westeuropa nahezu ausgerottet. Ungefähr seit 1850 gab es keine frei lebenden Wölfe mehr. Zunächst waren lediglich in Spanien, sowie im Norden Portugals noch der Canis lupus signatus, der Iberische Wolf, als auch der Canis lupus italicus, der Italienische Wolf anzutreffen. Seit über 30 Jahren existiert eine genetische Revision der Unterarten des Wolfes, die Mitochondrial DNA Method.

Im Jahre 2000 wurden die ersten Wölfe wieder in Deutschland geboren, und zwar in der Oberlausitz auf einem sächsischen Truppenübungsplatz, der seit dem Mauerfall nicht mehr benutzt wurde. Inzwischen hat sich der Wolf, vorwiegend im Osten des Landes, ausgebreitet, die Zahlen schwanken zwischen 500 Tieren bis angeblich an die 700. Letztere Zahlen scheinen allerdings unseriös, sind keineswegs belegt. Grund genug für die GroKo, den Wolf unter bestimmten Voraussetzungen erneut zum Abschuß freizugeben, er sei eine Gefahr für den Menschen, das Reißen der Viehbestände.

Einblicke ins Leben der Wölfe

Der Canis lupus ist wieder in Deutschland auf der Pirsch, obwohl diese Art des Jagens bei den Wölfen eher untypisch zu beobachten, bevorzugen sie doch, ihre Beute im Rudel zu jagen. Entgegen landläufiger Meinung sind Wolfsrudel ausschließlich eine Familie, was bedeutet, daß durch das Elternpaar und deren Nachfahren keine anderen Wölfe sich dazugesellen. Durch die eindeutige Dominanz der Eltern gibt es auch keine Revierkämpfe um die Rangordnung.

Verwechseln Sie nicht die weitverbreiteten Erzählungen innerhalb der Literatur, sie haben mit der Wirklichkeit im Leben der Wölfe keinerlei Bedeutung, sondern waren sogar oftmals ein Anlaß, diese interessanten Raubtiere als bösartige Bestien zu verunglimpfen. Dazu haben die willkürlich in Gefangenschaft verschleppten Wölfe mit dazu beigetragen, daß dann Revierkämpfe innerhalb dieser unnatürlichen Rudel unvermeidbar wurden.

Die Politik widerspricht sich selbst

Trotz aktiver Verfolgung hat sich inzwischen die Erkenntnis durchgesetzt, daß der Wolf weder eine Gefahr für den Menschen darstellt noch für dessen Landwirtschaft. Zunächst setzte sich die Politik lobenswert ein, hatte der niedersächsische Umweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP) ein „Wolfskonzept“ für die Wiedereinbürgerung der Raubtiere in Niedersachsen selbst entwickelt. Er betonte, daß die Wölfe nicht aktiv angesiedelt sein werden. Es blieb die Frage im Raum stehen, ob Wölfe sich von Landesgrenzen abschrecken lassen, die ohnehin nicht erkennbar sind. Dabei bemerkte er, daß endlich die Dämonisierung der geschützten Tierart als böser Wolf ein Ende haben muß.

Und wenn doch mal Schäden auftauchen würden, wie z.B. das Reißen eines Schafes, würde das Land diese selbstverständlich ausgleichen. In Zusammenarbeit mit der Landesjägerschaft solle auch eine Biologin eingestellt werden, die die Rückkehr der Wölfe wissenschaftlich begleiten wird. Davon will dieselbe Partei jetzt Jahre später nichts mehr wissen, hatte sogar bei jüngster Debatte im Deutschen Bundestag sich vehement dafür eingesetzt, den Wolf erneut jagen zu dürfen, er solle wieder als „jagdbare Tierart“ ins Bundesjagdgesetz aufgenommen werden. Welch Widerspruch!

Bitte protestiert: GroKo will Wölfe schießen!

Der Verein Rettet den Regenwald griff die Haltung der sich formierenden neuen Großen Koalition auf, um die Petition „Bitte protestiert: GroKo will Wölfe schießen!“ zu initiieren. Inzwischen fehlen nur noch wenige Stimmen bis zum Etappenziel von 50.000 Unterschriften. Völlig zurecht gibt der Verein am Ende der Petition zu bedenken, daß diese neue Gesetzesvorlage der GroKo sich kaum glaubwürdig vereinbahren läßt, gleichzeitig den Schutz vor Raubkatzen in Afrika, Asien und Lateinamerika zu bewerben.

Wo bleibt dabei noch der Schutz der wieder angesiedelten Wölfe, wenn erneut Jäger ihn erschießen dürfen? Das kann es nicht sein, weil Tierschutz eine derartige Politik zurecht ablehnt. Die heraufbeschworenen Gefahren für den Menschen entsprechen eben nicht der Realität.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Tierschutz/Tierrechte

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Steck das Hemd in die Hose

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Vor langer Zeit habe ich mir verboten, das vor dem Einschlafen Gedachte zu merken. Zu oft grübelte ich am nächsten Morgen, den ganzen nächsten Tag, ach was, tageweise, also auch völlig unabhängig, ob ich nun gestern Abend oder vor einer Woche abends, manchmal sogar noch Monate nach so einem Einschlafgedachtem, darüber nach, was ich denn nun gedacht hatte.

Tricks, wie merke dir nur zwei Begriffe, formuliere einen einprägsamen Text, stelle eine Verbindung zu einem wichtigen Ereignis in deinem Leben vor, möglich war auch das Leben von Freunden, wenn es passend erschien, wiederhole ständig diese Merkbegriffe, zeigten sich als nutzlos. Selbst, und dies war anfangs mehr als bedenklich, als ich anfing, das Gedachte auf einen neben dem Bett platzierten Notizblock zu schreiben, wußte ich oftmals nichts mit diesen Begriffen anzufangen, sie erschienen losgelöst von einem Zusammenhang wie Staubkörner in einem luftleerem Raum. Wie sind diese Partikel hierhergekommen, aus welchen Materialien bestehen sie, verdammt nochmal, wer hat hier nicht auf die erforderliche Hygiene, Sterilität geachtet?

So kann man doch unmöglich Rückschlüsse ziehen auf einen klaren Gedanken, wenn das Gedachte verunreinigt ist. Entweder war das Einschlafgedachte bereits durch die Kurzinfos aus dem Nachttischzettel verwirrend, oder ich selbst, das gebe ich zu, habe durch die morgendlichen Gedanken, wie sie meiner Neigung folgend reagierten, zu viel, zu wenig hineininterpretiert, jedenfalls erschien mir kein noch so perfektes Einschlafgedankenkonstrukt der Rede, des Schreibens oder des Weiterverbreitens wert.

Die Konsequenz, übrigens die einzige, abgesehen von ein paar Ausnahmen, die ich mir genehmige, damit mein Leben nicht zu hierarchisch durch meine Gedanken bestimmt werden, war an ein striktes Verbot vor dem Einschlafen zu denken, geschweige denn daran zu denken, zu denken. Schließlich ist es nicht unmöglich, denkfrei zu sein, man muß nur die Gedanken daran hindern, sich selbständig zu machen, ihnen jede Gelegenheit nehmen, sich ungehindert, das heißt ohne Erlaubnis meinerseits, ihrem Wesen entsprechend zu denken.

Es war nicht von Nutzen, zu lesen, bis die Gedanken nicht mehr fähig waren, etwas aufzunehmen, das taten sie höchst selten, so daß ich zeitweise bis in die Morgenstunden in einem Kampf lag zwischen meinen müden Augen und den unabläßig flüsternden Gedanken anderseits, die sich weigerten, das Gelesene nur als Gelesenes aufzunehmen, sondern darauf beharrten, ihrerseits bedacht zu werden, indem sie mitlasen und ab und an ihre Kommentare, Meinungen, ihre gedanklichen Fortschritte, wenn sie das Gelesene verbinden konnten, mit schon einmal Gedachtem zu vergleichen, zu belächeln, zu hinterfragen.

Ständig gaben sie ihren Senf dazu. Selbst als ich Sachbücher, deren Inhalte keineswegs den Gedanken bekannt sein konnten, schließlich weiß ich sehr genau, mit was sich die Gedanken bis dahin beschäftigt haben, konnten sie es nicht sein lassen, zu denken und mich bitten, dieses und jenes zu notieren, damit ich mich vergewissern könnte, ob denn diese Tatsachen nicht doch und überhaupt, eventuell, möglicherweise fälschlich, nicht ausgiebig wissenschaftlich belegt, in die Versuchung bringen, doch wieder nach dem Zettel auf dem Nachttisch zu greifen. Musikhören ist unter den gleichen Bedingungen auch gescheitert, und dies obwohl weder ich noch meine Gedanken komplett unmusikalisch sind.

Gespräche mit meiner Frau, die bis dahin die Angewohnheit pflegte, abends im Bett eine Unterhaltung zu beginnen, indem sie ihren Tagesablauf nochmal Revue passieren ließ, über ihr so in etwa geplantes morgiges Aktivitätenprogramm mich in Kenntnis setzte, vergessene und unvergessene Erinnungsstücke zum Besten gab, in der guten Absicht, wie sie meinte, mich vom Einschlafdenken abzuhalten, nachdem sie erfuhr, in Wirklichkeit tat sie dies, seitdem wir ein Bett teilten, daß ich es leid war, mir meine abendlichen Gedanken zu erlauben, die sowieso nicht dafür geeignet waren, sie wirklich zu wissen, und meistens es völlig unnötig war, sie überhaupt zu kennen, halfen meinen Einschlafgedanken, sich berechtigt zu fühlen, gedacht zu werden. Ergo, verbat ich meiner Frau, mit mir in Konversation zu treten, sobald wir das Schlafzimmer betreten, denn ihr Mitteilungsbedürfnis fing nicht erst an, wenn sie die Bettdecke über sich legte.

Nachdem ich alle diese Störfaktoren beseitigt habe, wie gesagt vor langer Zeit schon, fühle ich mich außergewöhnlich befreit, denn es hat sich bestätigt, was ich schon immer dachte, die Einschlafgedanken merken sich das Gedachte auch ohne mein abendliches Denken und teilen mir morgens, den Tag über, zu irgendeiner unbestimmten Zeit mit, was sie abends nicht gedacht haben.

Der einzige Nachteil ist, den ich bisher entdecken konnte, nach diesem auferlegtem Verbot zu leben, und ich erlaube mir nicht, daran zu denken, daß dahinter die Absicht stecken könnte, mir damit vorzuwerfen, ich würde sie unter egoistischen Gründen hindern, mir ihre Gedankenwelt mitzuteilen, dauernd von meiner Frau Hinweise mir anhören zu müssen, die sie mitunter mit einer Leidenschaft in der Stimme ausspricht, die jedem Theaterregisseur die Tränen fließen lassen könnte, daß ich den Schlüsselbund im Kühlschrank abgelegt habe, daß meine Brille in ein Brillenetui gehört und nicht auf die Fensterbank, und steck das Hemd in die Hose.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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