Holocaust-Gesetz: Polens Geschichtsrevisionismus spricht Bände

Rechte Populisten vereinfachen Zusammenhänge in ihrem Sinne

Vorneweg, wie auch der Historiker Peter Oliver Loew betont, lautet das höchst umstrittene Gesetz, welches beschlossen und noch vom polnischen Präsident Andrzej Duda unterschrieben werden muß, damit es in Kraft treten möge, „Gesetz über das Institut für nationales Gedenken“. Darin enthalten die Androhung von Geld- oder Haftstrafen, wer Polen eine Mitverantwortung zu den Straftaten des Nazi-Deutschlands anlaste.

Im Laufe des Interviews gibt der Historiker zu bedenken, daß eben gerade rechte Populisten Zusammenhänge in ihrem Sinne vereinfachen, weil sie dadurch sich Vorteile verschaffen, um kritischen Stimmen schlichtweg auszuweichen. Das sollte allgemein längst bekannt sein!

Wer Naftali Bennett auslädt, zeigt seine unmißverständliche Haltung

Insofern stellt Polen seinen Regierungskurs unter Beweis, was letztlich nicht unbedingt verwundern sollte, schließlich will diese rechtspopulistische Partei, die PiS (Prawo i Sprawiedliwość), nichts anderes, als ihre Ziele verwirklicht sehen. Was in Ungarn und Österreich seinen Lauf nimmt, setzt sich somit ebenso in Polen fort. Die Ausladung des israelischen Bildungsministers Naftali Bennett zeigt insofern die unmiß-verständliche Haltung von polnischen Regierungsverantwortlichen.

Äußerst verständlich die Verärgerung Israels und etliche Stimmen im Ausland, daß eine diplomatische Krise durch das Verhalten Polens ausgelöst wird. Gleichzeitig hält sich Deutschland selbst auffallend still zurück, kaum ein Statement der deutschen geschäftsführenden Regierung darüber, was die polnischen Nachbarn ausgeheckt haben. Zumindest auf EU-Ebene bekommt Polen deutlichen Gegenwind zu spüren ob seines neuen politischen Kurses.

Holocaust-Verharmlosung nimmt seinen perfiden Lauf

Bishin zu jenen Leugnern, die einfach nicht wahrhaben wollen, was damals auf solch grausame Weise geschehen war. Umso wichtiger, nie wieder derartige Verbrechen zuzulassen, obendrein im Vorfeld äußerst wachsam jedwede Entwicklung möglicher Haßtiraden im Keim zu ersticken. Genau das gilt erst recht für jene rechtsradikale Welle, die europaweit unübersehbar Fuß fassen will, sogar bis hinein in den Deutschen Bundestag mit dieser AfD.

Zurück zum Geschichtsrevisionismus, dem hierbei mit diesem Gesetz in Polen eine Hintertür geöffnet wird, die darüber hinaus sich auch in anderen Ländern Rechtspopulisten zum Vorbild nehmen werden, um ihr krudes Weltbild unter die Leute zu bringen. Wachsamkeit kann nur die moderate Antwort sein, diesen Verlauf zu unterbinden. Mögen sich mehr Stimmen erheben, um sich entsprechend zu artikulieren.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Politik

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Tach

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Wissen Sie was bei Erzählungen immer falsch ist? Ich meine jetzt nicht Erzählungen, die Phantasiegeschichten sind, erfundene Erzählungen. Romane. Irgendwie habe ich mich falsch ausgedrückt, das irgendwie ist auch falsch. Wenn Ihnen jemand etwas erzählt, vom Nachbar, von der Freundin, vom Arbeitskollegen, genau in diesem Moment verwandelt Ihr Gehirn das Erzählte in Ihr gewohntes Musterdenken.

Sagt der Jemand, der Nachbar mäht den Rasen immer zur Mittagszeit, schon springen bei Ihnen die geistigen Schubladen nach der Lade auf, in der Sie den Grund des Nachbarn vermuten, sein Aussehen, sein Alter, seinen Familienstand, seinen Charakter einsortieren können. Womöglich wissen Sie dann bereits, bevor Sie näheres über ihn erfahren, warum dieser Nachbar gar nicht anders kann, als immer mittags den Rasen zu mähen.

Zusätzlich werden Sie, mehr oder weniger zeitgleich, Unterscheidungen treffen, die Sie entweder veranlassen, dem Jemand beizupflichten, das dies Verhalten ungeheuerlich wäre oder Sie nehmen diesen Nachbar in Schutz, da er möglicherweise, da Schichtarbeiter, keine andere Zeit zur Verfügung hat, als eben mittags sich um den Rasen zu kümmern, oder Sie lachen sich ins Fäustchen, das der Jemand neben einem Nachbarn wohnt, der regelmäßig mittags seinem Rasen den richtigen Schnitt verpaßt. Sekundenschnell rattern die Drähte, öffnen sich Ihre Schubladen, hören Sie auf die Erzählung und schichten diese in Ihre eigenen Geschichten, die Sie dazu verleiten, die passenden Schubladen zu finden.

Natürlich berücksichtigen Sie bei der Erzählung, die jemand Ihnen mitteilt, daß dieser Jemand genau die gleichen, nicht dieselben Mechanismen gerade in Gang hält. Dieser Jemand wird anhand seines Wissens über Sie und Ihrer Gestik der Mimik, wenn er Sie nicht kennt, dann reicht ihm schon die Mimik, so ausgefeilt ist diese Mechanik der geistigen Schubladen, da hinkt die ganze Digitaltechnik noch Jahrtausende hinterher, das nur so nebenbei, was wollte ich nochmal erklären? Also bei dem Jemand läuft das gleiche Schubladenmuster ab, verfeinert durch die Einberechnung Ihrer Reaktionen. Diese Berechnungen verleiten ihn, entweder die Geschichte vom rasenmähenden Nachbar durch gewisse Worteinsätze zu dramatisieren, zu bagatellisieren, er ist ein armer Irrer, sich vorzunehmen, Ihnen niemals mehr etwas über den mähenden Nachbar zu erzählen, davon auszugehen, bei Ihnen den richtigen Ansprechpartner gefunden zu haben, der mit ihm, dem Jemand, auf einer Linie steht, auf der gleichen Welle reitet und überhaupt, einfach die Erzählung versteht.

Wird es Sie erstaunen zu erfahren, dieser Schubladenabgleich zwischen jemand und Ihnen funktioniert auch nur mit Ihnen? Nein. Wußte ich es doch! Meine Menschenkenntnis führt mich selten hinters Licht. Ich habe ein gewisses Feeling dafür, wem ich was sage und wem nicht. Schließlich will man ja verstanden werden.

Des Öfteren ist mir eine alte Dame, schätze mal, sie ist so an die Siebzig, aufgefallen, die, wenn ich abends noch schnell nach der Arbeit im Supermarkt einkaufe, kommt nicht so oft vor, meistens sind es Kleinigkeiten, denn ich kaufe ansonsten nur samstags ein, für die ganze Woche, schließlich, zu was hat man eine Kühlkombination, bin ich eine Person, die ihre Zeit nicht vertrödelt. Und nebenbei, in meinen freien Stunden möchte ich frei sein, ohne Verpflichtungen. Außerdem mag ich es, wenn die Schränke und die teure Kühlkombination voll sind, voll Essen. Ich kann nicht nur reden, wie mir der Schnabel gewachsen ist, ich schnabuliere halt auch gerne.

Ach so, die alte Dame, also was mir aufgefallen ist, sie steht an der Kasse, völlig egal, ob sie hinten an der Schlange steht oder ihre Waren bereits gescannt werden, ob sie zahlt oder ihre Sachen einpackt, sie wirkt wie, ja, wie der Tau am Morgen. Frisch geduscht. Wach. Ich denke, so sehe ich aus, sonntags nach einem ausgiebigen Frühstück, keine Termine, kein ausgefeilter Plan, der mich terminlich festlegt, wie der Tag abzulaufen hat. Dieser Flair verleiht den anderen Kunden noch mehr den Anschein von Hektik und Streß.

Soll ich schon, okay, die alte Dame heißt Marga. Wir haben uns kennengelernt. Weil wir uns angelächelt haben, sie, weil sie um diese Uhrzeit gerne lächelt, ich, weil ich über ihre Art gelächelt habe. Sie so, Sie strahlen ja vor Glück, ich so, nein, nein, ja, also schon irgendwie. Sie, nein, Sie strahlen nicht irgendwie, Sie strahlen, weil Sie gerade glücklich sind, etwas macht sie fröhlich. Ich, oh, ja fröhlich stimmt. Ihr Lachen war gerade ansteckend. Sie, ach was, wenn dann haben Sie mich angesteckt mit Ihrem Lachen.

Dabei, das haben wir beide bemerkt, lief im Hintergrund die Maschinerie der Schubladen, und die Drähte wurden aus- und eingesteckt, das Ergebnis war, es kam uns so vor, als ob wir uns bereits kannten, wir die gleichen Verbindungen anschlossen. Sie kam dann auf die Idee, mich zu einem Kaffee einzuladen, und ich fand die Idee toll, denn ich spürte neben ihr gerade die Morgensonne aufgehen.

Marga ist zweiundsiebzig, lebt ganz in meiner Nähe und seit sie aus dem Berufsleben ausgestiegen ist, sie nannte das so, ein Nachtmensch. Sie war bis dahin eher der Morgentyp, zeitig aufstehen, den Tag möglichst unbekümmert beginnen, war schon immer Frühaufsteher, später wegen der Kinder schon früh auf, bis sie feststellte, ihre Vorstellung von einem glücklichen Rentnerdasein, morgens früh aus den Federn, sich ins Getümmel stürzen, war eine völlig falsche Einschätzung darüber, was sie erwartet, wenn sie beruflich nicht mehr aktiv ist. Irgendwann war sie zum Essen eingeladen worden von ihrer Tochter, schickes Restaurant und empfand in dem hektisches Trubel von Gäste kommen, Gäste gehen, untermalt von Gesprächen, leise Musik aus dem Hintergrund, dies sei ihrer Morgenstimmung gleich.

Kurzerhand hat sie begonnen, ihren Tagesrhythmus zu ändern. Sie steht spätmittags auf, kleines Frühstück, Erledigungen und dann ab ins Nachtleben. Aber spätestens um zwölf ist sie zu Hause, gönnt sich für ein, zwei Stunden Muse, bin noch nicht dahinter gekommen, was sie damit tatsächlich meint, werkelt ein bißchen im Haushalt, so daß sie gegen Morgen ausgepowert sich Schlafen legen kann.

Moment, das Telefon.

„Hallo Brigitte, du hör mal, ich bin hier gerade im „Plazzo“, am Nebentisch schwärmen ein paar Leute von dem neuen Film mit, ach wie heißt er nochmal, der Schauspieler, der immer so Heldenrollen spielt? Jedenfalls läuft der Film um 10 nochmal. Sag mal, hättest du nicht Lust, spontan mit mir da reinzugehen?“

„Okay, aber danach muß ich nach Hause, morgen ist wieder Arbeit angesagt. Bin so in zehn Minuten vor dem „Plazzo“. Bis gleich, Marga.“

Was immer Sie denken, wenn in einer Wohnung die ganze Nacht Licht brennt, wenn der Rasenmäher mittags durchs Gras geschoben wird, wenn jemand Ihnen etwas erzählt, denken Sie, ich bin unterwegs, Marga; und Ihnen noch einen schönen Tach.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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Unsere Arbeitswelt braucht einen Wandel

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Ende der Knechtschaft absehbar?

Wenn es nach den Vorstellungen sich ständig neu erfindender Wirtschaftsvorgaben ginge, die allesamt nur einer Zielrichtung verpflichtet, nämlich unermeßlichen Reichtum anzuhäufen, würde das Hamsterrad in Turbogeschwindigkeit den Menschen weiterhin stolpernd vorwärtstreiben, Hauptsache das Jahressoll erbringt das angestrebte Ergebnis.

Naheliegend, daß die Gesundheit, das familiäre Zusammenleben und das Arbeitsklima selbst darunter erheblich leiden. Und erneut hat der Homo sapiens es selbst in der Hand, sich von seinen Fesseln zu befreien. Darf er hoffen, daß in der Arbeitswelt der Traum vom Ende einer Knechtschaft bald schon absehbar? Alles kann möglich sein, es liegt an uns, inwieweit eine gezielte Bereitschaft und somit auch der Mut vorhanden, endlich die richtigen Schritte wahrzunehmen und umzusetzen.

Leben, um zu arbeiten – die Verdrängung eines natürlichen Grundrechts

Ganz dem ersten Grundsatz des Philosophen René Descartes folgend, „Cogito ergo sum“ – „Ich denke, also bin ich“ können wir nur noch staunend feststellen, daß der demütigte, brave Bürger meist dem Konsumgedanken verfallend sich eingerichtet und angepaßt hat, „Ich lebe, um zu arbeiten“ allzu wörtlich in die Praxis umsetzt, anstatt mit dem Denken Kants Mündigkeit folgend das Sein dahingehend zu verinnerlichen, die Verdrängung eines natürlichen Grundrechts zu erkennen. Da fügt man sich lieber in sein Schicksal und malocht.

Wieso ein natürliches Grundrecht, sollte jetzt die erstaunte Frage lauten. Sämtliche Lebewesen auf diesem Planeten haben eines gemeinsam: Sie entstanden aufgrund einer genetischen Abfolge eines „Schöpfungsgedankens“. Um weiter zu existieren, benötigen sie Energie. Und Mensch arbeitet, damit er nicht am Rande der Gesellschaft dahinvegetiert oder gar verhungert.

In Naturvölkern findet das Anwendung im Leben selbst, was die Erde, die Tiere ihnen anbieten. Die Grenzen der Belastung werden durch Naturkatastrophen, kriegerische Auseinandersetzungen oder durch Krankheiten erreicht, nicht aber eine zwanghafte Notwendigkeit mittels Arbeit Reichtum und Ansehen sich zu erkaufen, um schließlich Macht zu erlangen. Genau darin liegt die Krux einer sogenannten zivilisatorischen Errungenschaft, die exakt dieses natürliche Grundrecht von dannen jagte und mit dem Joch einer Knechtschaft zur Arbeitsweltverpflichtung eintauschte.

Wenn Verlierer in eine Tretmühle geraten

Betrachten wir die Arbeitszeitregelung, die eng verknüpft im Arbeitszeitgesetz zumindest eine theoretische Vorgabe darstellt, demnach dem Gesundheitsschutz und der Sicherheit der Arbeitnehmer dienen soll, herrscht letztlich dennoch ein gewisser Arbeitszwang, dem sich alles unterordnet: vom Elterhaus zur Schule, von der Berufsausbildung zum Arbeitsplatz, wobei dessen Verlust nur durch den Moloch eines angeblichen Sozialstaates uns überleben läßt.

Bedingung hierzulande: Zwangsunterwerfung zur Hartz-IV-Gesetzgebung. Wer sich nicht fügt, wird auf Null Prozent sanktioniert, was zum Tode führt. Häme gesellt sich dazu, um die eigene Courage zu verdrängen, eventuell den menschenverachtenden Sinn dieser Agenda 2010 zu verstehen und strikt wieder abzuschaffen. Nein, es ist viel leichter, selbstgefällig auf jene mit dem Finger zu zeigen, die als „Verlierer der Gesellschaft“ in eine Tretmühle geraten, als den Zwang dahinter zu bemerken.

Da erschrickt man lieber achselzuckend ob solcher Modelle wie Schichtdienste oder wenn Studien offenbaren, daß wer zu viel arbeitet, seine Gesundheit gefährdet. Was früher noch gern verkündet, das Arbeiten habe noch niemand geschadet, verkehrt sich ins Gegenteil, weil die Grenzen der Belastung ständig überschritten. Hinzu kommt der wirtschaftshörigen Politik auch zugute, ein höheres Rentenalter zu fordern, anstatt den Menschen die verdiente Altersruhe wesentlich früher zu gönnen. Wege aus dieser Misère in Sicht?

Alternativen längst bereits vorhanden

Alternativen und somit Wege aus der zwanghaften, krankmachenden Arbeitswelt, wie sie immer dramatischere Abhängigkeiten für den Bürger bereithält, wie auch der Film „Die stille Revolution“ aufzeigt. Aber dazu bedarf es des Mutes, sie zu erkennen, anzuwenden und umzusetzen. Eine Politik der Gleichgültigkeit, die obendrein viel Unterstützung über die Mittel der Ablenkung und Verdrängung erhält, gilt es abzustrafen, nicht mehr zu wählen.

Jeder hat es selbst in der Hand, entsprechend zu entscheiden, damit morgen eine befreite Arbeitswelt uns erwartet, in der ein Klima der Muße, des Miteinanders herrscht, ohne den Run auf Überstunden und Freizeitverzicht, weil ein Maximum von sechs Stunden ein menschenwürdiges Leben garantiert. Funktionieren kann dies unbedingt, wenn endlich eine gerechte Verteilung Gestalt annimmt.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Soziales

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Vogelmusik

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Wieso dieser verdammte Bus nicht kommt, darüber grübelte sie nach, in dem sie ziemlich exakt die Strecke ablief, die in etwa die Länge des Busses darstellt, wenn denn er in der Bushaltestellenbucht parkt, um die Passagiere ein- oder aussteigen zu lassen. Der letzte Bus, er fährt laut Fahrplan um zweiundzwanzig Uhr zwölf. Immer, außer dieser Tag wäre ein Feiertag, so jedenfalls ist es auf dem Plan zu lesen. Dann nämlich fahren die Nachtbusse, pah, Nachtbusse, Abendbusse wäre genauer, alle eine Stunde früher. Heute ist kein Feiertag, und der 3. Mai ist sowieso nie ein Feiertag. Diese Tatsache kann ich garantieren, erklärte sie sich und bestätigte sich dies im nächsten Moment selber, denn zwei Tage nach dem ersten Mai kann niemals ein Feiertag sein.

Also hat der Bus einen Unfall, ist kaputt, wird in die Werkstatt geschleppt, ist in der Werkstatt, der Busfahrer ist krank, und es gab keinen Ersatzfahrer oder ganz fies, der Bus ist heute früher gefahren, als im Fahrplan angegeben. Mist! Irmi paßte ihre Schritte ihren Gedankengängen an, bedächtig könnte man sagen setzte sie einen Fuß nach vorne und ließ den anderen Fuß erst folgen, wenn sie in ihren Überlegungen eine neue andere Möglichkeit formulierte, wie sie aus dieser Situation den Weg finden kann, der sie nach Hause brachte. Je länger sie nachdachte, desto schneller wurde der Weg zwischen der Wegstrecke der Buslänge abgelaufen.

Möglicherweise könnte sie bei Marie übernachten, die Einzige, die mit ihr in der Klasse war und mit der sie auch ab und zu herumhing, nicht nur in den Pausen, hielt sie nur noch der Gedanke an Sammy davor zurück, den langen Marsch anzutreten. Marie wohnte in der Stadt, und sie wäre in zwanzig Minuten vor ihrer Haustüre, würde nur noch die Frage zu klären sein, erlaubten es ihre Eltern, eine Schulkameradin, die sie noch nie gesehen haben, bei ihrer Tochter übernachten zu lassen. Sammy wäre noch eine Option, er lebte in einem Dorf zwei Kilometer entfernt, hieße nach zirka drei Kilometern von ihrem Standort aus gerechnet, wäre sie bei ihm, aber das Dorf liegt in der entgegengesetzten Richtung.

Seine Mutter ist nicht gerade als die Freundlichkeit in Person bekannt, alle Freunde von Sammy sind für sie verwahrloste Halbstarke, wenn sie nicht eine Frisur trugen, die bei den Jungs höchstens die Länge bis zu den Ohren haben durfte, die Mädchen einen kurzen Haarschnitt trugen und wenn lang, dann bitte Pferdeschwanz, Zöpfe oder hochgesteckt. Sammy, seine Mutter haßte diesen Namen, mein Sohn heißt Samuel, bekam jeder zu hören, der in ihrer Anwesenheit Sammy mit Sammy ansprach. Obwohl sie wußte, Sammy selbst war es, der jedem mitteilte, hey, ich bin´s, Sammy, und der seine Haare inzwischen so lang trug, daß man ihn von hinten durchaus für ein Mädchen hätte halten können, waren alle Freunde in ihren Augen daran schuld, daß ihr Samuel nicht mehr in allen Dingen nach ihrem Willen handelte. Eine Übernachtung bei Sammy schied also auch aus.

Dann ab nach Hause, sind ja nur schlappe zwölf Kilometer. Es war ziemlich genau Viertel vor elf, als Irmi wußte, der Bus kommt nicht mehr, keine Alternative ist wirklich vorhanden, um sie vor dem langen Marsch zu bewahren. Selbst wenn ihre Eltern ein Telefon besessen hätten, wäre ein Anruf bei ihnen sinnlos, besaßen sie doch kein Auto. Die Strecke war ihr bekannt, kann ich im Schlaf langlaufen, ist ja nicht das erste Mal, du bist sonst nur tagsüber und nie alleine dabei gewesen, der Weg an der Straße lang wäre zwar länger, aber immerhin würde mal ein Auto vorbeifahren, vielleicht könnte ich mitfahren. Nein, ich geh querbeet. Das ist zwar unheimlicher, aber weitaus sicherer, man weiß ja nicht, wer da im Auto sitzt, murmelte sie vor sich hin und in einem Eiltempo, als hätte sie einen Termin, ging sie los.

Das Waldstück, das auch tagsüber fast dunkel war, weil hier nur Fichten standen, hatte sie hinter sich gebracht, ein bißchen schwer atmend, nicht weil sie gerannt wäre, sondern weil die Anstrengung auf jeden noch so kleinen Ton ihr einen neuen kalten Schweiß über den Rücken laufen ließ. Das Ärgste ist geschafft, und am Bockhang setze ich mich aufs Bänkchen, nahm sie sich vor. Der Bockhang war eine wuchtige Erhebung mit einer Steilwand, er war von weitem schon zu sehen und unterschied sich gänzlich von der ansonsten eher hügeligen Landschaft. Früher stand neben der Bank ein Holzkreuz, vor dem Blumen eingepflanzt waren, eine Vase stand da auch. Aus Erzählungen wußte Irmi, daß in der Nähe ein Brunnen war, der aber kurz nach dem Entfernen des Kreuzes abgebaut und zugeschüttet wurde. Auf dem Bänkchen konnte man bei gutem Wetter kilometerweit Felder, Wiesen und Wälder sehen, direkt hinter dem Bänkchen ragte der Felsen so an die vierzig Meter in die Höhe, nur teilweise bewachsen von Sträuchern.

Nicht ganz die Hälfte hatte sie geschafft, vor ihren Augen sah sie die restliche Strecke vor sich, es gab nur noch eine Stelle, die ihr als gefährlich vorkam, das war der langgezogene Weg zwischen zwei Feldern auf denen Mais stand. Mannshoch, die Strecke ist ansonsten von der Straße her gut zu sehen, aber wenn Weizen oder wie jetzt der Mais steht, ist das sicher ein eigenartiges Gefühl, zwischen den Maisstengeln zu gehen, gestand sie sich ein. Während sie mit einem Sicherheitsgefühl, den Rücken zur Felswand, die von einem Halbmond beschienene Landschaft sich als heimelig vorstellte, schließlich bin ich hier aufgewachsen, vernahm sie ein Motorengeräusch, und gleich darauf sah sie Scheinwerfer, die flackernd aus dem Fichtenwald in ihre Richtung strahlten.

Das fährt direkt auf mich zu, dachte sie und im selben Moment sprang sie über die Bank und kletterte die Steilwand hoch. Ihre Schultasche hatte sie unter den linken Arm geklemmt und mit der rechten Hand griff sie nach jedem erreichbaren Geäst eines Strauches, um sich weiter nach oben zu ziehen oder das Strauchwerk aus ihrem Gesicht zu streichen. Überlegungen, welcher Platz hinter welchem Busch ihr genügend Deckung bieten könnte, um nicht von unten gesehen zu werden, falls das Auto anhielt, wer kommt denn schon auf die Idee mitten in der Nacht ans Bockhangbänkchen zu fahren, das ist sicher ein Betrunkener, der den Schleichweg nach Hause nimmt, um nicht in eine Kontrolle zu kommen, stellte sie erst an, als das Auto bereits länger vor dem Bänkchen stand, aber niemand ausstieg. Vielleicht ein Liebespärchen, mein Gott, laß nicht zu, daß der Betrunkene im Auto einschläft und ich die ganze Nacht hier verbringen muß, flüsterte sie sich im Geiste zu und zog ihre Beine an, damit hatte sie das Gefühl, vom Gestrüpp völlig verdeckt zu sein.

Wie Minuten zu Stunden werden, weiß ich jetzt, Lehrstunde verstanden, monologisierte sie, als endlich jemand die Autotür öffnete, sich neben das Auto stellte und pinkelte. Einer, der pinkelt. Die sind doch nicht zum Pinkeln hierhergefahren?

„Max, Mensch, hier ist es ja richtig geil! Wäre doch ein Platz, um ´ne Fete zu feiern! Max!“, rief der Pinkler, drehte sich um und starrte auf den bewachsenen Felsen. Irmi duckte sich nieder auf eine Größe, mit der hätte sie in jeden handelsüblichen Koffer gepaßt.

„Max, bist du schon mal den Felsen hochgeklettert? Max, beweg deinen Arsch aus dem Auto, ich rede mit dir!“, brüllte der Pinkler, und Irmi empfand die Lautstärke nicht so unangenehm wie das eventuelle Vorhaben, sie hatte doch richtig gehört, der Pinkler will den Fels hinaufklettern.

Aus dem Auto stieg jemand aus und stellte sich neben den Pinkler, beide sahen sie jetzt die Felswand empor. Wäre eine tolle Sache, Wettbewerb, Gaudi, einfach, kein Problem, an die 50 Meter, eine Kiste Bier, meinte Irmi zu hören. Das Gespräch zwischen den beiden schien den Pinkler vom lauter Sprechen abzuhalten. Irmi fror oder schwitzte sie? Was machen die mit mir, wenn sie mich entdecken, einer scheint aus der Gegend zu sein, formulierte sie ihre Gedanken, als die Fahrertür aufging und ein Dritter sich zu den beiden Felsbeobachtern gesellte.

Das sind Kiffer, die sind nicht betrunken, sagte sie sich, als sie durch die Äste sah, wie die Drei unten reihum Rauch ausbliesen. Da hoch, warum nicht, nein, ich werde auf keinen Fall das Auto wenden, um mit den Scheinwerfern die Wand anzustrahlen. Graben gesehen, hier geht’s nur vorwärts oder rückwärts, Timo, wäre zu überlegen, machbar. Kein Problem. Laß gut sein. Einer der beiden zuletzt Ausgestiegenen hielt den Pinkler am Arm. Mit einem Ruck befreite er sich, kletterte ein Stück nach oben, rutschte immer wieder, obwohl er sich an dem Geäst von Büschen festhielt.

Mit Sandalen, versuch’s barfuß, Frank legt sich lang, mach’s doch besser, Max, komm doch. Irmi meinte, den Atem zu spüren, den der Pinkler ausstieß, wenn er auf die Kommentare der anderen antwortete. War er einen Meter von mir entfernt, zwei, fünf, Irmi rechnete, und die Gedanken schienen keinen andern Gedanken mehr zuzulassen. Sie hatte ihr Zeitgefühl verloren, ihr Abstandsgefühl, ihr Körpergefühl, Hör- und Sehvermögen schwankten zwischen gut erkennbar und gerade noch wahrnehmbar.

Der Knall einer zuschlagenden Autotür nahm ihr für einen kurzen Augenblick die Berechnung des Abstandes zum Pinkler ab. Noch eine Person war aus dem Auto gestiegen. Hey, Leute, was gibt’s, hörte Irmi ihn sagen.

Drei fixieren die Felswand, und einer ist gleich bei mir, durchfuhr es Irmi. Ist gleich bei mir, ist gleich bei mir, tönte es nur noch in ihrem Kopf, kein Wunder, denn sie saß wie zu Eis erstarrt, völlig verkrampft in Hockstellung. Wann genau sie bemerkte, daß der Pinkler nicht mehr in ihrer Nähe war, daran kann sie sich nicht erinnern. Irgendwann vernahm sie die Vier mal lauter, mal leiser sprechen. Musik war zu hören. Lachen. Stimmen. Rauch war zu sehen. Oder war es Nebel? Mal empfand sie den Halbmond als unglaublich hell leuchtend, dann sah sie ihn nicht mehr, alles war dunkel.

Vogelmusik. Das war das erste Wort, das sie dachte, noch bevor sie realisierte, sie sitzt mit steifen Gliedern hinter einem Busch auf dem Bockhang. Vogelmusik, denkt und hört sie immer noch. Alles Vogelmusik. Sie weiß nicht, ob Vogelstimmen sie durch die Träume dieser Nacht begleitet haben, ob die Musik aus dem Auto sie an Vogelgezwitscher erinnert hat, ob es die Laute der Vögel waren, die sie aufweckten, sie weiß nur, sie hat gut geschlafen, sie ist ausgeruht im Geiste, zufrieden, obwohl ihr sämtliche Glieder schmerzten und sie eine Weile brauchte, aufrecht zu stehen. Es war ihr nach dem Wachsein völlig egal, ob der Pinkler und seine Freunde unten sitzen würden, auf der Bank oder im Auto. Sie waren nicht real, die Vogelmusik, die war real. Irmi hat ihre Ängste, die sie als sechzehnjähriges Mädchen erlebt hat zwar nicht vergessen, aber sie sind schnell verblaßt, hingegen sind die Töne der Vogelmusik ihr zur Begleitung geworden. Sie hört sie, wenn es Zeit wird aufzuwachen.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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Karnevalistische Einlagen umschwirren politisches Einerlei

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Der Gag der Woche – oder wieso man vieles ernst nehmen sollte

Die Narren sind bald wieder los, ziehen durch Feld und Flur, durch Straßen oder in Gebäude, um ihre Botschaften zu verkünden. Doch Fastnacht oder Karneval zeigt sich gleichwohl im tagespolitischen Geschäft, eine behutsam ernsthaft verantwortungsvolle Auseinandersetzung mit den alltäglichen Sorgen und Nöten der Bürger scheint kaum beachtet, da verfolgen die Damen und Herren der Politik doch lieber die Interessen der Hochfinanz oder Großkonzerne, der Rubel rolle, der Euro oder Dollar, Putin, Merkel und Trump werden es schon richten.

Genauso könnten sie dichten oder gleich gar uns allesamt vernichten. Sie meinen, dies sei zu zynisch formuliert? Etwa immer noch nicht kapiert, was da um uns herum passiert? Man könnte übertriebenen Pessimismus bescheinigen, wollen wir uns darauf einigen, daß die Uhr nicht kurz vor Zwölf, sondern schon die volle Stunde schlägt, sich kaum einer regt, was Politik dazu beiträgt. Somit Mutter Erde bald zerlegt?

Genug geklagt, frisch mal gewagt, über den Tellerrand zu blicken, mal nach links und rechts zu spicken. Nein, nicht politisch gemeint, obwohl wie’s scheint, just diese Neue Rechte Aufwind verspürt, sowas wie Kampfgeist sich rührt, um gezielt die Dümmsten auf ihre Seite zu locken, gänzlich unerschrocken, Hauptsache Haß und Gewalt aufkommt, das klappt bis jetzt prompt. Und das Volk hält still, ob es sowas tatsächlich erneut will? Noch zeigt sich wenigstens Widerstand, steht niemand an der Wand, um sich erschießen zu lassen. Aber Hauptsache im Schrank sind noch alle Tassen!

Was ein Trump im Westen verbockt, ein Putin niemals nicht hinterm Ofen vorlockt. Der fühlt sich recht wohl in seinem Riesenreich im Gegensatz zum blonden Dollen übern Teich. Den beobachten die pöhsen Medien auf Schritt und Tritt, gar nicht nett, igittigitt. Dagegen in Russland man sie nicht dermaßen gewähren läßt, mal lieber erpresst, sich zurückzuhalten. Das nennt man schalten und walten, nahezu despotisch, oftmals gehuldigt. Wie exotisch, entschuldigt, wo soll dabei noch Demokratie sein, wenn Putin herrscht in Gänze seit Jahrzehnten allein?

So treiben’s die Narren überall mit ernsten Mienen, als schienen die Menschen, ihnen stets auf den Leim zu gehen. Was muß noch alles geschehen, bis auch der Letzte begreift: Wir werden jeden Tag kräftig eingeseift. Ablenkung sorgt für entsprechende Unterhaltung, das bringt den passenden Schwung, um Sand in die Augen zu streuen. Da gilt kein Bereuen, kein Scheuen ob etlicher Missetaten. Selbst wenn sie im Blute waten, wird geschickt den Menschen abgeraten, genauer hinzuschauen. Bloß sich nicht trauen, die Wirklichkeit zu sehen trotz all jenem tragischen Geschehen.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Satire

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Weit verzweigt im Hier und Jetzt

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Überall und nirgendwo,
selbstvergessen im Chaos,
saßen sie und dachten.
Andersrum und sowieso,
im südostasiatischen Laos
Menschen herzhaft lachten.

Einzigartig und ganz froh,
im Bad lärmender Menge,
folgten sie ihren Worten.
Fraglos und im Status quo,
trotz all jenem Gedränge
durchschritten sie manch Pforten.

Überall und im Hier und Jetzt,
Wochen später nach alldem,
schrieben sie ein Buch.
Weit verzweigt und vernetzt,
das Internet durchaus bequem
macht ihr Erzählen zum Beruf.

Einzigartig und ohne Scheu,
eine gefühlte Ewigkeit her,
wußten sie ob ihres Seins.
Liebevoll sich selbst ganz treu,
gedanklich quer und dennoch fair
gibt es kein meins oder deins.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gedichte

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Berufsalltag: Der Run auf Erfolg fordert seinen Preis

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Wann greift ein Umdenken in der Gesellschaft?

Stets dieses ewige Suchen nach Anerkennung oder Erfolg, was einen mitreißt in den Bann einer nimmersatten Oberflächlichkeit voller geschäftlicher Emsigkeit, die sich keinerlei Ruhe gönnt, sondern vielmehr fast schon fanatisch sich selbst beweihräuchernd feiert auf der Suche ständiger Superlative.

Minuten der Besinnung im Sekundentakt einer rapide wechselnden Informationsflut, die erbarmungslos auf uns niederprasselt, der Seele nicht im geringsten den notwendigen Raum der Entspannung verheißt, sie eher erpresserisch überlistend an den Rand der Verzweiflung drückt – all diese Begleiterscheinungsmomente im Berufsallltag: Der Run auf Erfolg fordert seinen Preis. Und wie lautet jener schon nach relativ kurzer Zeitspanne?

Spitzenpositionen per schroffe Ellenbogen verschaffen

Gruppendynamik in Schulklassen läßt ihre ganz eigenen Spielregeln zu, die erst gar nicht lang gesucht werden müssen, sie sind ohnehin von vornherein klar, setzt sich doch nach ständig gleichem Muster das Recht des Stärkeren durch. Dabei offenbaren sich unter-schiedlich ausgeprägte Methoden der jeweiligen Übervorteilten als uraltbekannte Muster, die dennoch nie ihr Ziel verfehlen. Interessanterweise fallen stets dieselben Lehrer darauf rein, ganz so als ob keinerlei pädagogische Schulung jemals stattgefunden hätte. Welch kritischer Beobachter kennt solche Szenarien nicht aus vergangenen Tagen.

Allerdings gelten solche Gruppenverhaltensmuster wie eine einmal geimpfte Bestimmung für den Rest sämtlicher Zusammenkünfte im weiteren Leben, sei es in der Ausbildung, im Studium, im Berufsleben bis hinein im geselligen Zusammensein wie in Vereinen oder losen Bekanntenkreisen. Sucht Mensch seine einmal gefundene Rolle stets aufs Neue?

Das wäre ein entwicklungsmäßiger Fortschritt, um eigene Grenzen oder andere Per-spektiven zu erhalten. Nein, er findet sich in der Regel damit ab. Und all jene, die schroffe Ellenbogen schon früh einzusetzen begannen, verschaffen sich meist sehr zielstrebig ganz gewisse Spitzenpositionen. Der eingeschlagene Weg, der ja in Schultagen bereits ergiebig trainiert, folgt den altbekannten Erfahrungswerten, findet nahezu problemlos ergeb-nisorientiert den zu erklimmenden Platz im beruflichen Umfeld. Einmal dort angekommen, Zufriedenheit sich einstellt? Meist nicht!

Eigene Erfahrung mittels anderer Perspektive verstehen

Welches Gedankenmodell rechnet sich in logischer Abfolge bei Rückbesinnung bestimmter Lebensabschnitte, die gleichzeitig Indizien vermitteln können, was da richtig oder verkehrt gelaufen? Was hätten Sie denn gern: die nackte, atheistisch oder agnostische Sichtweise, die religiöse oder esoterische? Letztendlich darf ein jeder sich das raussuchen, was ihm real weiterhilft, wenn geistige Haltung einfließt, wir sie denn stets be-rücksichtigen, auch nur Mittel zum Zweck sein kann, weil Emotionen und ungelöste Probleme sowieso stets dazwischenfunken, uns irritieren auf der Suche nach dem Sinn unseres Lebens.

Rollentausch einmal zulassen, aber nicht nur für eine begrenzte Weile lang. Besser sie konsequent durchhalten, um deren Aspekte wirklich zu verinnerlichen und zu durchleben. Somit die eigene Erfahrung mittels einer anderen Perspektive verstehen lernen, ein völlig neues Puzzleteil innerhalb eines unüberschaubaren Plans entdecken, es annehmen und reflektieren. Vielleicht ergeben sich andere Wege?

Folgenschweren Tribut vorbeugen?

Das Leben gestaltet sich eigentlich so bunt und vielfältig wie wir selbst es zulassen, zumal die Schöpfung gar keine Grenzen sich auferlegt hat – der Kosmos und somit die Gedankenvielfalt, alles Sein ist unendlich vorhanden, ganz egal, was Mensch daraus macht oder halt nicht. Um so notwendiger und dabei ziemlich erfrischend, horizonterweiternd, den Alltag mal hinter sich zu lassen, rauszukommen aus dem Trott.

Wer wagt es, die Tretmühle zu verlassen? Klar doch, in Hartz-IV-Zeiten, in kon-sumorientierter Geschäftswelt kein leichter Schritt, zumal eine normbehaftet gaffende Gesellschaft nahezu mutlos ohnehin alles skeptisch beäugt, was ihrem selbst auferlegten Korsett entweichen will. Dennoch sollte erst recht ein solcher Versuch es wert sein, um hinterher an Erfahrung reicher, die einem niemand mehr nehmen kann!

Wer seine eigenen Grenzen auslotet, darf sich zumindest dahingehend zurücklehnen, es versucht zu haben, egal ob er am Ende scheitert oder sogar erfolgreiche Erkenntnisse erhält. Denn eines sollten wir allesamt niemals unterschätzen: Wir sind stets auf Zwischenstation, die unterschiedlich lange uns beschäftigt wissen möchte, haben den Auftrag, mit jedem Atemzug unser Dasein zu gestalten, es selbst in die Hand zu nehmen, in gestreßter Hektik durchs Leben zu wandeln oder die Notbremse zu ziehen, bevor ein folgenschwerer Tribut dies ungefragt übernimmt.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gesellschaft

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