Lindas Brosche

Falls mal wieder der Kopf voll ist mit unnötigen Gedanken, so in etwa, Mutter könnte ruhig mal wieder Erbsen anpflanzen, obwohl es dir eigentlich völlig egal ist, was in ihrem Garten angepflanzt wird, um in Wirklichkeit die unausgesprochenen Worte in eine andere Richtung zu lenken, weil vor dir jemand steht, der in einem himmelblauen Mantel von einem Fuß auf den anderen tänzelt, und du am liebsten ständig wiederholen möchtest, wie kann man nur so herumlaufen, völlig unpassend angezogen, dazu die grünen Hosen und die weißen Lackschuhe, nein, es sind Stiefel, sicher sind es Stiefel, geschnürte Stiefel, vorne geschnürt, Nuttenstiefel, bis über die Knie, sehr wahrscheinlich, dann ist man für jede andere Ablenkung direkt erfreut, auch wenn sie Linda heißt.

Ich war so vertieft in meinen Vorstellungen über die Trägerin des himmelblauen Mantels, malte mir ihre Herkunft aus, mal aus einer Großfamilie vom Land, mal ein Einzelkind aus der Stadt, Schulschwänzerin, ich muß Mutter unbedingt mal wieder darauf hinweisen, wie sehr ich Erbsen liebe, Kohlrabi und ihren Lauchauflauf, die macht mich wahnsinnig, wenn der Bus noch länger Verspätung hat, das Blauchen muß wohl aufs Klo, bin auf ihr Gesicht gespannt, wenn ich sie im Bus sitzen sehe, wie kann man nur so schräg angezogen rumlaufen, die Haare sind eine Perücke, na klar, eine Perücke, so eine Haarfarbe hat doch kein Mensch, und die glänzen auch so auffällig. Schau woanders hin, schau woanders hin. Linda, die sieht aus wie Linda. Kein bißchen verändert, Linda mit dem Babygesicht, Wunschtraum aller Jungs, oh, bin ich heute lieb. Mama, bloß heute keine Zucchinis, auch nicht mit Käse überbacken, bin jetzt schon abgefüllt.

„Hey, wenn das nicht, sorry, aber du bist doch Veronika, Vreni, kennst du mich nicht mehr, Linda. Ich bin’s Linda. Na, das ist aber sowas von, sowas von Zufall. Bin gerade auf dem Weg zu meiner Schwester, die wohnt jetzt in Oberhausbach. Wie geht es dir?“, werde ich so laut angesprochen, daß sich sogar meine weiße Stiefelträgerin umdreht, nein, bloß nicht rot werden, das ist Fräulein Hauser, ist das Fräulein Hauser?

„Linda, ja, nun. Hallo Linda, ja, lange nicht gesehen“, stammle ich ein wenig unbeholfen und schwanke zwischen, lieber meine ungeordneten Gedanken weiterführen zu wollen, danke zu sagen, toll, daß ich dich hier treffe und verdammt, warum mußte die Karre gerade diese Woche ihren Geist aufgeben, und es wäre besser gewesen, den Besuch bei Mutter abzusagen, anstatt sich die Fahrt zu ihr als romantische Erinnerung an die Jugendzeit hervorkramen zu wollen.

„Bist du auf dem Weg zu deiner Mutter? Wir haben uns sicher an die fünfzehn Jahre nicht gesehen. Hab gehört, du bist noch nicht verheiratet! Willst dir wohl Zeit lassen, Sven und ich haben dieses Jahr unseren siebten Hochzeitstag gefeiert. Irre nicht!“, fährt sie in unveränderter Lautstärke fort, die Blaumantelfrau mustert uns, sie tänzelt jetzt seitlich an der Straße stehend, ihr linkes Ohr uns zugewandt, scheint das Ohr mit dem besseren Gehör zu sein.

„Ja, klingt irre! Glückwunsch!“, antworte ich, denke aber, Sven? Sagte Mutter nicht, Linda hätte den Simon Hofstetter geheiratet?

„Ist meine zweite Ehe, stand sogar in der Zeitung!“, schrie sie mir zu, da in dem Moment ein schwerer Lastwagen vorbeifuhr, mag aber auch sein, sie hat hinter meine Stirn gesehen. Gut, daß der Bus gerade anhält, denn ich rechne soeben aus, wie lange die Fahrt mit ihr nach Oberhausbach dauert, schätze mal fünfzehn Minuten.

Das Hellblaumäntelchen tänzelt vor uns in den Bus. Wir setzen uns zwei Reihen hinter sie, da Linda sie nicht zu kennen scheint, ist meine Befürchtung, es könnte sich um Fräulein Hauser handeln, unbegründet, wäre auch zu abwegig, wenn die einstige Englischlehrerin mit weißen Lackstiefeln durch die Gegend tänzeln würde, obwohl irgendwie hatte dieser Gedanke seinen Reiz.

„Was ist besonderes daran, wenn eine Eheschließung in der Zeitung erwähnt wird, ich meine, solche Anzeigen gibt doch fast jeder auf“, versuche ich das Gespräch mit Linda fortzusetzen, da sich meine Gedankenwelt wieder an das Leben der Frau im himmelblauen Mantel dranhängt und sich gerade wundert, warum das auffällig blasse Gesicht nicht völlig überschminkt ist, von Nahem sogar den Eindruck eines kindlich spitzbübischen Teenagergesichts gleicht, das sich im Wissen um die verlogene Erwachsenenwelt einen abgrinst.

„So eine Anzeige haben wir natürlich auch aufgegeben, mußten dafür aber nichts bezahlen. Hast du nichts darüber gehört, ehrlich?“, sie schien regelrecht enttäuscht zu sein über mein Nichtwissen, als Zeichen dieser Ungläubigkeit stupste sie mich in die Seite.

„Du warst doch noch auf unserer Schule, ich meine, bevor du zu deinem Vater gezogen bist, nach der Scheidung deiner Eltern, als mir meine rote Brosche gestohlen wurde. Weißt du das nicht mehr?“, ihre Ungläubigkeit verlieh ihrer Stimme die Kraft, mindestens eine Oktave höher zu klingen.

„Ja, ja, da war was mit einer Brosche. War das nicht so, sie war ein Geschenk von deiner Tante zur Konfirmation, wertvoll, wolltest sie in der Klasse vorzeigen. In der großen Pause war sie dir aus der Schultasche geklaut worden“, sprudelte es aus mir heraus, weil ich all die Aufregungen, die dieser Diebstahl an Verdächtigungen unter den Schülern, Strafandrohungen seitens des Direktors direkt vor meinen Augen, eher in meinem Gehirn vorbeirasen sah.

„Der Dieb war Sven!“, flötete sie, immer noch eine Oktave höher als ihr normaler Tonfall, sichtlich glücklich, fast war Stolz aus diesem Satz zu hören. Sven war der Dieb, ich habe den Dieb meiner Brosche geheiratet, ich bin mit einem Dieb verheiratet, für dessen Fehlverhalten wochenlang in der Schule eine scheiß Stimmung war, weil fast jeder jeden verdächtigte, sogar die Polizei in den Klassenzimmern Vorträge hielt, weil das Lehrpersonal überfordert schien, uns davon zu überzeugen, Stehlen sei kein Kavaliersdelikt, der Pfarrer keinen Erfolg hatte mit der Behauptung, dem Dieb würde seine Sünde vergeben, wenn er die Brosche zurückgäbe, die Brosche blieb verschwunden.

Linda holte anfangs in aller Ausführlichkeit das damalige Geschehen wieder zurück in meine Erinnerungswelt, da sie die Zeit der Fahrstrecke wohl auch kannte, wurde, je näher wir Oberhausbach kamen, aus ihren Sätzen ein Wortdiktat. Sven habe aus Liebe die Brosche an sich genommen, für ihn war sie die unerreichbare, anzubetende Vergötterung seiner Jugendträume. Mit der Brosche wollte er ihr auf ewig nahe sein. Hat die Brosche aber nach ein paar Tagen in den Bach geworfen, der an einigen Stellen durch die Stadt oberirdisch zu sehen war, um dann wieder in Rohren zu verschwinden. Die Gewissenspeinigungen in der Schule und mehr oder weniger in dem Städtchen und den umliegenden Dörfern haben ihn dazu veranlaßt.

Jahrelang hat er trotzdem von Linda geträumt, jetzt war sie noch weniger erreichbar für ihn geworden. Ich war verheiratet, er verlobt, Streit mit seiner Freundin, weiß du noch das Niedrigwasser im Winter vor neun Jahren, auch egal, er jedenfalls unten am Bachlauf, etwa da, wo früher das Möbelhaus Müller stand, einfach so runtergeklettert, wollte sich abreagieren, Steine geworfen, und du glaubst es nicht, die Brosche gefunden. Hat sie bei einem Juwelier reinigen lassen, mir anonym zugeschickt. Ich habe mich im Wochenblatt und mit einer Zeitungsanzeige bedankt. Daraufhin er mit Chiffre geantwortet, weißt du, was ich meine, ich geantwortet. Wußte da noch nicht, daß er der Sven ist. Jedenfalls, wir haben dann ein paar Mal chiffriert, wenn du so willst. Irgendwann uns getroffen, stell dir vor, mit einem Unbekannten. Mir schlotterten die Knie beim ersten Treff, hätte ja wer weiß wer sein können. Sven hat mich einfach in die Arme genommen, und „ich war blöd“ gesagt. Die Zeitung fand unsere Liebesgeschichte so toll, vielleicht auch wegen der vielen Chiffre-Anzeigen, deshalb haben die darüber berichtet, obwohl eigentlich alle hier in der Umgebung schon längst Bescheid wußten, das mit Sven und mir.

„Tolle Geschichte, hat mir nie einer erzählt. Dann seid ihr beide richtig zu beneiden, freut mich für euch, und das die Brosche wieder da ist“, lächelte ich sie an.

„Ja, die Brosche hat mir Glück gebracht. Komm doch mal bei uns vorbei, wenn du wieder in der Gegend bist, wir wohnen im Haus von Svens Eltern, im neuen Anbau. War richtig schön, dich mal wieder zu sehen“, säuselte sie, hörte ich eine leichte Traurigkeit in ihrer Stimme?

„Okay, ich nehme es mir vor. Grüße an Sven!“, rief ich ihr nach, als sie aus dem Bus stieg.

Jetzt habe ich noch fünf Minuten, dann noch etwa zehn bis ich Mutter fragen kann, warum sie mir darüber nie etwas erzählt hat. Es kann nicht sein, daß sie all die Zeit wußte, daß ich die Brosche geklaut hatte und sie auf dem Nachhauseweg in den Bach geworfen habe, weil Linda und ihre Anhängerschaft mir sowas von auf die Nerven gingen. Sonst erzählt sie mir doch allen Mist, der hier in der Gegend passiert. Oder sind das bloß nur wieder unnötige Gedanken, die ich verschwende, in meinem Kopf sind sehr viele davon.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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O Tannenbaum wie giftig sind deine Nadeln

Vom Wald- zum Plantagenbaum weihnachtet’s bald wieder

Wer kennt es nicht, das Lied „O Tannenbaum“, welches alljährig zu Weihnachten, am Heiligabend im Kreise der Familien vorm geschmückt, hell erleuchteten Tannenbaum gesungen wird? Ernst Anschütz schrieb es 1827 um, zuvor diente es August Zarnack als Lied über einen enttäuschten Liebhaber.

Inzwischen werden hierzulande gut 30 Millionen Bäume verkauft, überwiegend die eher geruchlosen Nordmanntannen lösten die zuvor oftmals verwendeten Blaufichten ab. Doch seit den erheblichen Waldschäden durch den Orkan Kyrill vor zehn Jahren wird auf Anbauflächen per Monokulturen gesetzt, rücksichtslos kommt es zum Einsatz von Herbiziden und Pestiziden, die unsere Umwelt erheblich belasten, Verbraucher somit ihren verantwortlichen Anteil daran mitzutragen haben.

Öko-Weihnachtsbäume durchaus ratsam

Dabei mögen all jene ruhig die Nase rümpfen, die auch in anderen Lebensbereichen eher verächtlich dreinblicken, wenn Menschen umweltbewußter sich ernähern, obwohl es manchmal auch schwarze Schafe unter dem Label „Bio oder Öko““ durchaus geben mag. Kein Grund voller Inbrunst den verfehlten Weg konservativer Landwirtschaft hochzuhalten, Mutter Erde verträgt keine toxisch unnötige Belastungen, die obendrein auch den Menschen selbst erheblich schaden.

Insofern kann der Aufruf von ROBIN WOOD unbedingt beherzigt werden, Sinn machen, wer sich einen Tannenbaum zu Weihnachten kaufen möchte. Gleichzeitig wird auch das traute Heim nicht belastet, was bei einem handelsüblich erstandenem Weihnachtsbaum der Fall sein wird. Die Kostenfrage entfällt, weil die Preise gleichwertig. Schade nur, daß immer noch zu wenige angeboten werden. Andererseits gilt auch hierbei das Prinzip von Angebot und Nachfrage. Wenn mehr Verbraucher auf giftfreie Tannenbäume bestehen, denken Händler sicherlich im eigenen Interesse um.

Künstliche Weihnachtsbäume im Rausch der Superlative

Längst ist Weihnachten ein knallhartes Geschäft, finden sowieso die meisten Umsätze des Jahres statt, das Beschenken unterm Weihnachtsbaum gilt als das Zugpferd, damit der Euro rollt. Und wenn es keine echten Bäume sind, dann halt künstliche aus Kunststoff.

Der Ölindustrie kann dies somit nur recht und billig sein. Ein paar Superlative gefällig? Während laut Betreiber angeblich in Dortmund der „größte künstliche Weihnachtsbaum“ auf dessen Weihnachtsmarkt mit einer Höhe von 45 Metern aufgestellt wird, steht in einer Dortmunder Kunstgalerie der wohl kleinste mit einer Höhe von 14 Millimetern.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Umwelt

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Bedürftige Reiche

Wer bemitleidet hier eigentlich wen?

Wer sich täglich im Bereich der Medien bewegt, also Magazine, Zeitungen, Zeitschriften durchliest, dem werden die Begriffe Armut und Reichtum ständig präsent sein. Dafür braucht es nicht unbedingt einen Artikel, der sich speziell über die beiden Themenbereiche befaßt, vielmehr stecken in selbst lapidaren Berichten über den oder jenen Prominenten schon genügend Potential, um sich den Begriffen arm und reich in stundenlangen Gesprächen zu nähern.

Durch Werbung, Filme, Bücher ist der Kontrast zwischen Reichtum und Armut in unser Unterbewußtsein gedrungen, daß wir es als selbstverständlich ansehen, es zwischen arm und reich einen Unterschied gibt so wie zwischen schwarz und weiß oder gut und böse. Aber gibt es diesen Unterschied wirklich?

Es ist davon auszugehen, Reichtum und Armut gab es schon immer, diese beiden Gegensätze sind keine neusprachliche Erfindung, noch eine neue gesellschaftliche Entwicklung. Und wenn dies seit alters her eine Diskrepanz innerhalb der Gesellschaften darstellt, die als „natürlich“ angesehen wird, so sollte die Frage berechtigt sein, warum zu einer als Brennpunkt geltenden Thematik im sozialen Bereich nicht schon längst Lösungen vorliegen.

Hier sollte nicht unerwähnt bleiben, in vielen Epochen gab es kirchliche, religiöse, karitative Hilfe, um den Armen, den Bedürftigen, den Gestrauchelten oder welche Gründe auch immer vorlagen, unter die Arme zu greifen. Löblich mag man denken. Und dennoch nicht ausreichend, sonst wäre die heutige Situation zwischen arm und reich eine andere.

arm, mittelhochdeutsch, althochdeutsch arm, wahrscheinlich ursprünglich, verwaist, wohl verwandt mit Erbe (Duden) andere Begriffe sind minderbemittelt, unvermögend, blank, anspruchslos, minderwertig, mickrig, bemitleidenswert.

reich, mittelhochdeutsch rīch(e), althochdeutsch rīhhi, eigentlich, von königlicher Abstammung, aus dem Keltischen, vgl. altirisch rī (Genitiv: rīg), König (Duden) Synonyme sind begütert, finanzkräftig, vermögend, situiert, betucht, einkommensstark.

Unter dem Begriff „arm“ findet sich folgender Textabschnitt bei DWB, Gebrüder Grimm:

„…die abweichung der finnischen bedeutung ist doch so zu fassen, dasz armas mitleidig, lappisches armes dagegen bemitleidet ausdrückt, jenes activen, dieses passiven sinn zeigt, ungefähr wie in unsrer volkssprache niederträchtig herablassend, gnädig, in der schriftsprache elend meint. das goth. arms, überhaupt das deutsche arm bezeichnen wie das lapp. armes und lat. miser den elenden, der unglück oder abscheu auf sich zieht. Lappen und Finnen vermögen aber die abstraction dieses worts in den sinnlichen begrif nicht aufzulösen, wie wenn unsre sprache es vermöchte? armen hiesz amplecti, in manus tollere, umarmen, das grenzt geradezu an erbarmen, bemitleiden; wie gefühlvoll erschiene die sprache, welcher der arme ein solcher ist, den man mitleidig, liebreich aufnimmt und in die arme schlieszt. arm miser stammte hiernach unmittelbar aus arm brachium, musz nur einen hernach schwindenden ableitungsvocal besessen haben und jenes lapp. armes, finn. armas könnten ein früheres goth. armus erraten lassen, das sich hernach in arms verdünnte. fast entscheidende bestätigung dieser subjectiven deutung des wortes arm wird sich hernach unter armut ergeben, volles licht empfangen kann sie erst bei armen und erbarmen; festzuhalten ist, dasz arm einen unglücklichen ausdrückt, dem mitleid und gnade zu theil werden sollen.“

Diese Erklärung erscheint weitaus einleuchtender, als die vom Duden genannte. Ausgehend von den Unterschieden zwischen finnisch „arm“, mitleidig und dem lappischen „arm“ bemitleidet, das in unserem Sprachgebrauch eher unserem Verständnis von „arm“ entspricht, und deshalb werden Arme mit Unglück, Elend und Abscheu in Verbindung gebracht. Ersichtlich aus dem o.g. Text sind auch die Vorstellungen „in manus tollere, umarmen, das grenzt geradezu an erbarmen, bemitleiden; wie gefühlvoll erschiene die sprache, welcher der arme ein solcher ist, den man mitleidig, liebreich aufnimmt und in die arme schlieszt“ und deutung des wortes arm wird sich hernach unter armut ergeben, volles licht empfangen kann sie erst bei armen und erbarmen; festzuhalten ist, dasz arm einen unglücklichen ausdrückt, dem mitleid und gnade zu theil werden sollen, das sich aufgrund von nicht eindeutiger Herkunfsableitung als Wunschdenken darstellt.

Das Wort „reich“ wird bei DWB Gebrüder Grimm folgendermaßen erklärt, „reich bezeichnet allgemein das mit einem herscher in zusammenhang stehende, von ihm abhängige, und damit herschaft, gewalt, regierung:“

Denken Sie immer noch an einen unüberbrückbaren Gegensatz zwischen arm und reich?

In vielen sozialen Netzwerken sind immer mal wieder Videoclips zu sehen, Menschen mit verbundenen Augen bitten auf einem Schild nach einer Umarmung. Dies ist nur möglich, wenn sie ihre Reichweite minimieren, sich dieser Person nähern und sie mit ihren Armen seinen Körper erreichen können.

Niemals kann etwas erreicht werden, wenn es nicht in greifbarer Nähe ist, oder? Herrschaft, Gewalt kann nur ausgeübt werden, wenn genügend „Arme“ dieses schützen, in der Hoffnung auf eine „Umarmung“.

Würden wir darüber hinaus das finnische “arm“ als unsere Vorstellung von „arm“ annehmen, also mitleidig, so wäre der Arme derjenige, der andere bemitleidet.

Wenn also Arme Reiche (Herrschaft, Gewalt) bemitleiden, anstatt von ihnen Mitleid zu erwarten, wenn umarmen nicht gleichbedeutend ist mit Reichweite verkürzen, sondern mit ausweiten des Reichtums, hätten diese Gegensätze eine Chance, sich anzunähern.

Denken Sie darüber nach, wenn Sie das nächste Mal einen Werbespot sehen, der Sie dazu auffordert, Ihr Reich reicher zu machen, möglicherweise haben Sie bloß den Wunsch bemitleidet, umarmt zu werden.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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Trumps Entscheidung läßt Antisemitismus neu aufflackern

Politisch genauso gewollt?

Selbstverständlich könnte man die vorangestellte Frage sofortigst deutlich bejahen, zumal ziemlich viele Stimmen den US-Präsidenten davor gewarnt hatten, eben nicht die US-amerikanische Botschaft nach Jerusalem zu verlegen, um gleichzeitig die Heilige Stadt als Israels Hauptstadt anzuerkennen. Doch der 45. ließ sich davon nicht abbringen, verkündete trotzig seine Entscheidung.

Wer zuvor gemeint hatte, er würde vielleicht einlenken, wurde eines Besseren belehrt, zumal „Humpty-Trumpty“ ohnehin gern stur seinen Kurs durchzieht, egal welche Konsequenzen das haben könnte, des öfteren verbleibt der Eindruck, man habe es mit einem schmollenden Knaben zu tun, mitnichten mit einem Staatsmann.

Was dem einen recht, wird dem anderen billig sein

Da verbinden sich just zwei bestimmte Aspekte: militärische Offerten und ein erneutes Aufblühen des Rechtsradikalismus. Beides verschweigt man geflissentlich, weil obendrein demokratische Staaten sich lieber hinter ihrer vorgeschobenen Politik wegducken, noch nicht überall offensichtliche Zeichen dies verdeutlichen. In den USA wesentlich mehr mit diesem Präsidenten. Hierzulande ringt man noch um eine Regierungsbildung, obwohl Rechtsradikale längst händereibend in den Startlöchern stehen.

Einen besseren Gefallen konnte Donald Trump ihnen derzeit nicht anbieten mit jener falschen Entscheidung, schließlich waren antisemitische Tendenzen sowieso wieder am Zunehmen, Merkels Verurteilung jüngster Vorfälle in Deutschland somit unbedingt folgerichtig. Die ewige Leier einer Geschichtsklitterung, der Holocaust habe nicht stattgefunden, schwirrt durch sämtliche Social Media bishin zur Verunglimpfung seitens eines Björn Höcke oder einer Ursula Haverbeck, die noch einer Haftstrafe entgehen kann.

Zwischen Antisemitismus und Islamophobie

Zwei völlig unterschiedliche Begriffe mit einer großen Gemeinsamkeit, einem faden Nenner: Haß freien Lauf zu lassen. Das machen sich ganz besonders rechtsradikale Kräfte zu Nutzen. Mit einer Pegida-Bewegung, einem Donald Trump im Westen, mittels 9/11 begann unter G.W. Bush bereits die neue Feindschaft gegen den Islam, einem sich formierenden neuen Nationalismus von Frankreich (Marine Le Pen) über Österreich, Ungarn, Polen nach Russland, wo Herr Putin einerseits weltweit rechte Kräfte gezielt sponsert, ob nachweisbar oder nicht, und nunmehr mitten im Herzen Europas hierzulande, wo eine rechtsradikale Partei im Deutschen Bundestag Platz nehmen darf.

Kein Wunder, daß der Antisemitismus erneut zunimmt. Das Ausspielen beider weltreligiösen Strömungen, das Judentum und der Islam, bedeutet gezielte Strategien, um von eigenen Verbrechen wider der Menschlichkeit abzulenken. Das sollte aber bekannt sein, besonders mit Rückblick in unsere Geschichte.

Wer dies immer noch einfach ignoriert oder verharmlost, macht sich mitschuldig, wenn die Übeltäter nonchalant ihren menschenverachtenden Kurs fortsetzen dürfen. Da sollte endlich Widerstand greifen, wollen wir nicht dieselben historischen Fehler vergangener Jahrhunderte begehen!

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Politik

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Neue Medien – neue Puffs

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Ein jeder kann es,
viele tun es,
einige effektiv,
andere fallen tief.

Sich prostituieren,
öffentlich platzieren,
möglichst vorne anstellen,
Likes das Profil überquellen.

Körperliche Nacktheit,
seelische Verrücktheit,
geistiges Gelaber,
alles Schau, ohne aber.

Ein Geschubse, ein Gedränge,
berühmt sein auf die Schnelle,
hoch aufs Treppchen, das Podest,
sich preisgeben ist ein Fest.

Masken fallen oder Hüllen,
Selfies den Puff zumüllen.
Nein, kein Entsorgungsproblem,
für Internetdienste, extrem bequem.

Voyeure selbst erschaffen den Puff,
für Portalanbieter kein finanzieller Bluff.
Egal welches Thema, ja sogar Politik,
alle hecheln nach dem Hattrick.

Manche mit Hintergedanken agieren,
um sich als Opfer zu präsentieren,
die Ichsucht hat Hochkonjunktur,
selbst Politiker fahren diese Spur.

Nationalgefühl wird angeboten,
zieht magisch an willfährige Idioten,
wie Motten umschwirren sie dies Licht,
die Fänger im Schatten sehen sie nicht.

Nicht der Puff, die Medien erschaffen Probleme,
es ist die Gier nach Zeichen, nach Embleme.
Wer vorne steht, im Licht, den sieht man besser,
im Dunkel steht der Meister des Wurfs mit dem Messer.

Nafia

Kategorie: Gedichte

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In Gottes Gnaden – wer hat den Mensch eingeladen?

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In Gottes Gnaden mag zu vieles uns schaden,
wo bleibt die Erkenntnis, der Verriß?
Ach einerlei, kaum ein Aufschrei.
Es gilt Ignoranz, was fürn Affentanz!

In Dreiteufelsnamen, verkorkst so mancher Samen,
Mensch Genfood herstellt, nicht allen gefällt.
Mutter Natur entsetzt aufblickt, der Ami ne Drohne schickt,
Hauptsache militärisch entsorgt, nicht nur Haß geborgt.

Es zählt nur noch der Run aufs Geld, was für ne Welt.
Stille Momente eher selten, Flüchtlinge in Zelten,
Rassismus weiterhin grassiert, zu wenig dagegen passiert.
Erneut Nazifratzen auftreten, keiner hat sie zu uns gebeten!

In Gottes Gnaden folgen zu viele Untaten,
wer stoppt jenen Unverstand, Armut ein mieser Pfand.
Ach einerlei, Hauptsache Verbrechen sind dabei.
Es gilt Ignoranz, die Obrigkeit kann’s!

In Dreiteufelsnamen, die Christen sagen Amen.
Völker Religionen vorschieben, sich wieder bekriegen.
Mutter Natur still ihre Runden dreht, es ist nie zu spät,
Hauptsache man erkennt ihren Sinn, sonst ist alles hin.

Es zählt letztlich das Bewahren klarer Gedanken, kein Schwanken,
ob innerer Einkehr, Frieden sich wünschen so sehr.
Nie wieder Faschismus folgen darf, kein Bedarf!
Egal wieviel Haß sich zeigt. Doch die Masse schweigt.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gedichte

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Schöne neue Welt gewollter Ignoranz

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Besser ideologische Schranken abbauen

Gar nicht so lange her, da war alles viel einfacher, besser, ruhiger, und die Menschen nahmen sich mehr Zeit für einander. Es gab viel weniger Hektik und Streß, geschweige denn daraus resultierende Krankheitsbilder wie Herzinfarkte, Burn-outs oder gar Krebserkrankungen. Das dürfen wir erfahren in Unterhaltungen mit den Älteren, den Generationen, die noch Kinder waren im Zweiten Weltkrieg oder gar noch älter. Doch wer hält schon die globale Entwicklung auf?

Menschliche Ideenvielfalt brachte bisherig alle möglichen Erleichterungen mit sich, ganz besonders mit Hilfe der maschinellen Industrialisierung, wo Motoren menschliche Kraft ersetzten. Ein nicht endenwollender Erfindergeist bestimmt längst einen Lebensprozeß, dem sich niemand in sämtlichen Zivilisationsgesellschaften zu entziehen vermag.

Technik und Finanzmärkte wider der Natur

Natürlich schaffte dies ein großes Potential an deutlicher Einsparung, was den Verschleiß menschlicher Mühsal anbelangte, nicht die Arbeitskraft war im Vordergrund, sondern das Wissen, wie man Maschinen zu bedienen, zu warten und zu pflegen hatte. Das gleiche gilt für das längst fortschreitende Zeitalter der Computertechnik sowie der Meßtechnik. So weit so gut. Aber erschaffen all diese progressiven Entwicklungen mehr zwischenmenschliches Miteinander, wo wir doch eigentlich genau deshalb mehr Zeit haben müßten?

Es sind die Finanzmärkte, das Großkapital, die als Drehscheibe unaufhörlich unser Leben diktieren, und zwar weltweit bis hinein in sämtliche Winkel, auch in die unbekannt verschlossenen, selbst wenn dortigst reine Natur herrscht oder ein paar Naturvölker ums Überleben kämpfen.

Ein Schimmer von Hoffnung? Demut bedeutet Kapitulation

Das Diktat des Geldes beherrscht den Lebenswandel, dessen Schattenseiten darf eigentlich kein wacher Geist übersehen, es sei denn, er wendet sich einfach abgestumpft ab oder meint, sich durch Ignoranz zu schützen. Die Verlierer im perfiden Spiel der nimmersatten, neoliberalen Wirtschaftspolitik nehmen zahlenmäßig rasant zu, ob sichtbar oder gut versteckt in irgendwelchen halbherzigen sozialrassistischen Maßnahmen, Unterkünften und Gesetzen, während in der Dritten und Vierten Welt das gesamte Ausmaß permanent wachsender Verarmung kaum noch überschaubar sich offenbart, äußerst selten per Fernsehbild die noch stillgehaltenen, halbwegs Gesättigten hierzulande erreicht. „Schöne neue Welt des Wegschauens“ – Armutszeugnis einer verrohenden Gesellschaft, ganz gleich in welchem Lande?

Nein, Demut bedeutet Kapitulation in diesem vernichtenden Kontext. Selbst wenn gewisse Kreise exakt das gern sehen würden, denn nichts wäre ihnen lieber als gedemütigte Willfährige, die vor lauter Ängsten einfach funktionieren, man nach Gutdünken formen kann. Es liegt an uns allen, die eigentlichen Beweggründe dieser Herrschaften zu durchschauen, um entsprechende Maßnahmen frei selbstbestimmt zu ergreifen und umzusetzen. Da hat falsch verstandene Demut, ein Obrigkeitseinknicken überhaupt nichts verloren, wollen wir nicht sämtliche Errungenschaften zwischenmenschlicher Befreiung von solchen Mächten ohnmächtig uns nehmen lassen.

Damit muß Schluß sein. Kann allerdings nur funktionieren, wer den Mut besitzt, sich zusammenzuschließen, weil gemeinsam Gleichgesinnte viel besser ihre Interessen durchzusetzen vermögen. Ideologische Schranken gilt es abzubauen in der Erkenntnis, daß da etwas gänzlich anderes zielgerichtet keinen Fuß mehr fassen darf: Unmündigkeit, die Menschen instrumentalisiert, sie benutzt zum Zwecke gewisser Kapitalinteressen, die wiederum unmenschlicher denn je agieren.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gesellschaft

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