Greenpeace vermutet Atomunfall in kerntechnischer Anlage Majak

Verharmlosung alles andere als vertrauens-erweckend

Zu keinem Zeitpunkt gab es hierzulande und europaweit eine Gefahr für die Bevölkerung angesichts höherer Ruthenium-106-Werte, wie man vollmundig den Medien entnehmen durfte, nachdem bereits erhöhte Werte Anfang Oktober gemessen wurden, zunächst das französische Institut für nukleare Sicherheit IRSN ein Medizin-Labor in Russlands Süden oder bei Kasachstan vermutet hatte. Das vorschnelle Ausschließen eines Atomunfalls erweist sich aber jetzt als äußerst trügerisch.

Daß jene Verharmlosung alles andere als vertrauenserweckend sich erweist, bestätigt inzwischen Greenpeace. Der Kernphysiker und Atomexperte Heinz Smital vermutet viel eher einen Atomunfall in der kerntechnischen Anlage Majak, welches sich obendrein mit dem russischen Wetterdienst deckt. In der letzten September- und ersten Oktoberwoche wurde im südlichen Ural, in der Region Tscheljabinsk bei der Meßstation Argajasch, der 986-fach erlaubte Wert von Ruthenium-106 gemessen, just 30 Kilometer von Majak entfernt.

Wie oft wollen Verantwortliche die Bevölkerung noch für dumm verkaufen?

Da muß sich sofortigst die zweite Frage vorwurfsvoll anschließen: Und warum spielen betroffene Menschen gar mit, ohne auch nur ansatzweise endlich mal entsprechend Besserung zu fordern? Haben Tschernobyl sowie Fukushima noch nicht ausgereicht, wiegt man sich in Sicherheit angesichts eines verkündeten Atomausstiegs? Ginge es nach der rechtsradikalen AfD, wäre die Kernkraft längst wieder vermehrt am Netz.

Auch das Schippern von Castor-Transporten auf dem Neckar zeugt von einer hochgradig fahrlässigen Haltung seitens verantwortlicher Politik, und das ausgerechnet im Ländle, wo doch Schwarz-Grün das Sagen hat. Herr Kretschmann verkauft seine „grüne Seele“ der Atomlobby, Herr Oettinger hat’s vorgemacht, menschliche Ignoranz hält locker durch, geht es doch um profitable Wirtschaftsinteressen.

Nichts dazugelernt – die strahlende Last wird weiterhin unterschätzt

Spätestens nach Tschernobyl und Fukushima hätte der Groschen fallen müssen. Jedoch wiegt man sich in eine scheinbare Sicherheit, aus der ein jähes Erwachen erfolgen könnte, sollten russische Behörden und Kontrollmechanismen versagen bei einem bevorstehenden Atomunfall. Statt direkt das Majak-Malheur beim Namen zu nennen, wurde Zurückhaltung geübt.

Dies wäre somit der elfte offizielle Unfall dieser Anlage, wobei der Kyschtym-Unfall vom 29. September 1957 als der drittgrößte Nuklear-Unfall der Geschichte gilt, laut der Helmholtz Gemeinschaft wurde er lange Zeit völlig unterschätzt.

Wird es Konsequenzen geben und Russland zugeben, was da geschah? Wenn überhaupt, dann zeitverzögert, schließlich steht viel auf dem Spiel, der Kreml und somit ebenso ein Herr Putin setzen auf Atomkraftwerke, während hierzulande zwar vom Atomausstieg die Rede ist, wenn auch sehr halbherzig, obendrein die Verharmlosung verantwortlicher Politik über Atommüll und Endlager stets neue Wege findet, die Bevölkerung zu beschwichtigen.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Umwelt

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Als das Wasser überlief

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Ihr Temperament ging wieder einmal mit ihr durch, ihre Stimme überschlug sich, wurde schrill, unverständlich, die Wörter purzelten in kleinen Silbenstückchen aus ihr heraus. Das Gesicht verzerrt und mühsam atmend, so als ob sie sich gerade an einem trockenen Gugelhupfstück verschluckt und die winzigen Kuchenbrösel aus der Luftröhre sich durch Mund und Nase befreit hätten, sie selbst aber zu einer Kuchenwortbrockenmaschine geworden, deren Ausschalter sich nicht finden läßt, das alles kannte sie nur zu gut, deshalb war es jedesmal ein innerer Kampf zwischen reiß dich zusammen, laß dich nicht so gehen und die Wut, der Frust muß raus, sonst ersticke ich.

Bilder, Gerüche, Stimmen, Gelächter, Schreie, Wasser, warmes Wasser, Dreckbrühe, jemand flüstert, halt bloß deinen Kopf unten. Wer legt mir Tücher über den Kopf? Versteckspiel. Luise, Matthias und sie haben Versteck gespielt. Papa war zuhause, ohne wirklich krank zu sein. Mama weinte viel. Luise und Matthias durften nicht zu Schule.

„Eins, zwei, drei, vier Eckstein, alles muß versteckt sein. Ich komme“, Matthias Stimme hallte durch den Flur.

„Mich findest du nicht! Mich nicht“, Melli zog einen Zipfel der Bettwäsche über ihr Gesicht. Sie hat sich in der Badewanne unter die Wäschestücke verkrochen. Mutter war den gesamten Tag schon mit der Wäsche beschäftigt, und in der ganzen Wohnung roch es nach Kernseife und frischer Wäsche. Melli wußte, wenn Matthias sie nicht fand, würde Mutter sie finden, denn das Wasser im Badeofen strömte eine angenehme Wärme aus, so daß Mutter die nächste Ladung Schmutzwäsche sicher bald einweichen würde.

Melli hörte die Wohnungsklingel und Klopfen an der Türe. Laute Stimmen, ein Schrei von Mama, nein! Luise schrie. „Vielleicht ist Matthias aus dem Fenster gefallen, weil er nach mir gesucht hat“, dachte Melli, als jemand einen ganzen Haufen Wäsche, frisch riechende Wäsche aus dem Schrank, die roch nämlich immer nach Lavendel, über ihr Wäscheversteck warf. „Wage nicht, dich zu zeigen, bis, bis der Kessel kalt, bleib still, sonst holt dich der Wolf aus dem Wald.“ Und sehr leise: „Halt bloß deinen Kopf unten!“ Melli duckte sich tiefer in die Wäsche, hielt den Atem an, die Stimme war ihr fremd, sie hatte plötzlich furchtbare Angst. Matthias schaffte es immer wieder, sie mit seinen Schauermärchen zum Fürchten zu bringen. „Das sage ich Mama!“, schluchzte sie leise vor sich hin.

Das war doch Matthias Stimme, die sie hörte: „So glaubt mir doch, Melli ist nach draußen, sie hat sich sicher im Keller versteckt, damit ich sie nicht finden kann! Wirklich, das ist wahr, Mama!“

„Versteckspiel, aha, na, die Kleine finden wir schon!“

Melli drehte den Wasserhahn auf, um sich zu vergewissern, ob das Wasser im Kessel inzwischen kalt war, schon lange hatte sie kein Geräusch mehr gehört. Sie zitterte vor Angst, was passieren würde, wenn das Wasser noch heiß sein sollte, aber lieber wollte sie sterben, als keine Luft mehr bekommen. Das Wasser fühlte sich warm an. Melli wollte den Hahn schnell wieder zudrehen, aber vor lauter Tränen, die ihr über das Gesicht rannen und dem Zittern, das ihren Körper befiel, gelang ihr dies nicht. Sie hockte, die Knie ganz dicht an sich gezogen, auf der Wäsche und starrte dem Wasser zu, das unaufhörlich floß.

Erst als das Wasser überlief, traute sie sich, aus der Wanne zu steigen. Klatschnaß stiefelte sie mit Laken über dem Kopf auf die Straße. Wütend war sie da, wütend. Und sie brüllte und schrie, selbst noch als sie warm gebettet bei ihrer Tante Barbara im Bett lag, wohin sie von aufmerksamen Nachbarn hingebracht wurde.

Es ist nicht mein Temperament, das ich nicht beherrschen kann, es ist mein Gewissen. Ich hätte Matthias widersprechen sollen.

Melli atmete tief durch. Im Saal herrschte angespannte Stille, als sie nach ihren Ausführungen über den Grund, warum sie sich gegen fremdenfeindliche Tendenzen selbst der kleinsten Art, dazu veranlaßt fühlt, diese aufzuzeigen und ja, auch anzuprangern.

Mellis Vater wurde in den letzten Kriegswochen angeklagt, Zwangsarbeitern bei ihrer Flucht geholfen zu haben. Selbst nach Kriegsende galt er für viele als Vaterlandsverräter. Mellis Mutter durfte nach einer Nacht im Gefängnis am nächsten Tag wieder nach Hause. Luise durfte nach Drängen der Familie und dem Dafürsprechen ihres Lehrers aus dem Kinderheim, mit Auflagen an die Mutter, nach wochenlangem hin und her wieder heim.

Auf Matthias wurde geschossen, er versuchte, aus dem Polizeigelände zu fliehen, er verstarb noch am selben Abend. Der Schütze wurde nie angeklagt.

Matthias war vierzehn, als das Wasser überlief.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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Pferdesport offenbart unentschuldbare Tierquälerei

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Nur Kräftemessen und Prestige?

Ein ganz gewöhnlicher Vorgang in der Natur, daß Tiere ihre Kräfte messen, dient dieses Treiben doch dem Überleben. Selbst der Mensch versteht es vorzüglich aufgrund seines Verstandes, alle möglichen und unmöglichen Disziplinen des sportlichen Kräftemessens anzuwenden, wobei daher auch Tiere wie die Pferde herhalten müssen.

Wenn es darum geht, profitable Geschäfte zu ersinnen, auch fürs eigene Prestige, wird selbst eindeutige Tierquälerei beim Pferdesport billigend in Kauf genommen. Die Liste menschlicher Verfehlungen bis hin zu besonders grausamen Untaten Pferden gegenüber sprengt jeden einfachen Artikel. Betrachten wir einige Unstimmigkeiten etwas genauer, und wieso ganze Gesellschaftsschichten, die dem Treiben des Pferdesports ungeniert zustimmen, in den Fokus der Kritik gehören.

Dressur Pervers – die Kritik wird lauter

Der Mensch begann vor über sieben Tausend Jahren die Pferde für sich zu entdecken, sie als Arbeits-, Last- und Reittiere langsam aber zielsicher zu domestizieren. Schon damals wurde keinerlei Rücksicht auf die Gesundheit der Pferde (Equus) genommen, deren Familie, die Equidae, eine sehr alte Gruppe der Unpaarhufer, stammesgeschichtlich sogar mehr als 55 Millionen Jahre zurückliegt. Hauptsache sie erbrachten den notwendigen Nutzen, damit Mensch seine Ziele erreichte. Das galt daher auch für sämtliche weltweiten kriegerischen Auseinandersetzungen, bei denen die Schlachtrösser gnadenlos involviert waren und ebenso qualvoll ihr Leben ließen.

So darf man sich auch nicht wundern, daß eine völlig selbstverständliche Einstellung zur Verwendung von Pferden im sportlichen Kräftemessen schon sehr früh begann, denken wir nur an die Wagenrennen im alten Rom oder das Galopprennen bei den Olympischen Spielen der Antike in Griechenland. Da niemand ansatzweise wirklich gezielt Menschen- oder gar Tierrechte im Laufe der Jahrhunderte einforderte, konnte kein Bewußtsein für solch selbstverständliche Forderungen entstehen. Mit dem Vorantreiben menschlicher Dekadenz, die auch im Pferdesport völlig zwanglos sich entwickelte, entstand eine nicht unwichtige Lobby, die gern die erzielten Geldeinnahmen für sich verbuchte.

Die Journalistin Gabriele Pochhammer hatte mehr Erfolg mit ihrem Artikel „Dressur Pervers“, 2005 erschienen in der Zeitschrift St.Georg, nachdem schon 13 Jahre zuvor Heinz Meyer vergeblich auf die Überdehnung des Halses bei Pferden aufmerksam machte, auch „Rollkur“ genannt. Diese extrem schmerzhafte und unnatürliche Methode fand und findet beim Dressur-, Spring- und Westernreiten Anwendung.

Kein Verbot des Militär-, Dressur- und Springreitens?

Die Pferde, die bei Galopprennen nur als zweitklassig sich herausstellen, müssen halt in extremen Hindernisrennen zweckdienlich dem Menschen zur Verfügung stehen. Dabei stellt das Jagdrennen die schwierigste Form beim Hindernisrennen dar, dessen Hochleistungssport den Pferden unnötige Risiken beschert. Das weltweit berühmteste Jagdrennen, das Grand National, findet seit 1839 in Aintree bei Liverpool statt. Die 7,2 km lange Distanz beinhaltet 30 mit Fichten abgedeckte Hindernisse und kann durchaus eine für Pferde extreme Höhe von 1,50 m aufweisen. Der Tod zweier Pferde empörte Tierschützer und dies völlig zu Recht.

Das ganze Gehabe des Militär-, Dressur- und Springreitens sollte eigentlich im Sinne des Tierschutzes verboten werden. Aber wer richtet schon freiwillig und beherzt das Wort gegen eine Lobby, die weit verzweigt alles unternimmt, um diese gewinnträchtige Einnahmequelle zu rechtfertigen? Tierschützer tun das und auch Menschen, die den Humanismus auf ihre Fahnen geschrieben haben. Pferde gehören auf große Koppeln, am allerbesten in Freiheit, die letztlich eben nicht unbegrenzt ist. Dennoch sollte diesem Herdentier das freie Herumtollen, das ein oder andere Rennen gegönnt sein, aber sämtliche Quälereien, die dem Wesen dieser tollen, sehr sensiblen Tiere widersprechen, nicht geduldet werden!

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Tierschutz/Tierrechte

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Willibald König

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„Bigotterie! Diese Bigotterie! Haben alle den Verstand verloren! Nie einen besessen, obwohl die Welt erstickt, an den Milliarden, Billiarden, Milliarden Billiarden Papiertonnen, die in den Bibliotheken und sonstwo verstaubt herumstehen, verbraucht werden, um Wissen, pah, Wissen, in die Köpfe zu quetschen. Erfolglos, erfolglos! Pragmatische Egoisten, Narzißten, allesamt, allesamt! Ohne Ausnahme! Lügner, Ausbeuter, Intriganten, Moralisten, Arschkriecher, und wenn in den eigenen Arsch, dann auch dahin! Kein Arsch in der Hose, keine Widerrede!“

Willibald stößt mit seinem Knie gegen die Tischkante der neuen Eßzimmermöbel.

„Dies ist kein Zeichen, kleinbeizugeben!“

Er marschiert, fast stechschrittartig im Zimmer auf und ab. Während seines Redeflußes fixiert er einzelne Möbelstücke oder die großformatigen Bilder an den Wänden mit unruhigen Augen, so als ob diese in Sprungbereitschaft wären, ihn anzufallen.

„Schwafeln von moralischen Grundsätzen, von sozialen Schwächen der Wirtschaft. Empathielosigkeit gegenüber dem eigenen Volk, Nation als geltende Norm. Uniform, wäre das richtige Wort.“

Willibald reißt die Balkontür auf, atmet tief durch, lehnt sich mit den Ellbogen über die Brüstung.

„Ah, der Herr Chauffeur hat mal wieder nicht zugehört! Wir fahren heute mit dem Bugatti! Verstehen, Bugatti!“

Und leise murmelt er, weil Gattilein es so will, damit Willi bei Gatti einsteigen darf.

„Hören Sie auf, den Porsche zu polieren. Die Zeit ist knapp! Jetzt holen Sie doch den verdammten Bugatti, oder wissen Sie nicht, wie ein Bugatti aussieht! Das ist der einzige weiße Wagen, nun machen Sie schon.“

Es klopft an der Tür. Bevor Willibald herein rufen kann, tritt der Sekretär ein.

„Herr König, die Bestände der bibliothèque Lenian können nun doch zu Ihren Bedingungen übernommen werden! Alle Vertragspunkte wurden akzeptiert, soeben kam die Email.“

Der Sekretär bleibt etwas breitbeinig an der geöffneten Türe stehen.

„Prima, prima! Dann sorgen Sie dafür, daß der Kram schnellstmöglichst hertransportiert wird. Sonst noch was?“

„Ich, nein.“ Mit einem leichten gesenkten Kopf verläßt der Sekretär den Raum, die Tür bleibt offen.

„Lügen, wohin man sieht, Lügen! Sollte der Pöbel anrauschen, dann gibt’s genügend Brennmaterial. Das wollen die doch, alles brennen sehen! Auflodernd, Neues erschaffen. Lügen, überall Lügen, pragmatische Lügen. Ha, die findet ihr dann in den Büchern, eure Wahrheiten, mit denen ihr dann die Luft verpestet! Bei Gott, wie kann man nur auf die Idee verfallen, es gäbe keine Lügen, wenn die moralischen Werte durch Gehorsam, Leute, ihr meint Gewalt, eingetrichtert werden. Habt ihr noch alle Tassen im Schrank, oder glaubt ihr wirklich, eine Mutter würde euch verraten, wo ihre Kinder versteckt sind, damit Ihr… Sie wird lügen, moralische Verpflichtung zur Wahrheit, nie und nimmer.“

Aus der Anrichte holt er ein Glas, schaut zur Tür, öffnet die unteren Schiebetüren, greift sich eine Flasche, aus der er das Glas bis zum Rand füllt.

„So funktioniert das nicht, strammstehen! Nur Intriganten vermittelt Freiheit mittels Sicherheit! Freiheit bedeutet aber Angst! Kapitalistenschleimer, ihr könnt keine Wahrheit verkaufen, ihr verkauft Seelenfraß!“

Willibald trinkt das Glas in einem Zug leer und prostet mit dem leeren Glas einem Bild zu. Es ist das einzige Wandbild, das eindeutig eine Kopie des Originals darstellt. Picassos Guernica. Neben der Kopie, die fast den Originalmaßen entspricht, hängt eine Schrifttafel.

„Es ist mein Wunsch, Sie daran zu erinnern, dass ich stets davon überzeugt war und noch immer davon überzeugt bin, dass ein Künstler, der mit geistigen Werten lebt und umgeht, angesichts eines Konflikts, in dem die höchsten Werte der Humanität und Zivilisation auf dem Spiel stehen, sich nicht gleichgültig verhalten kann.“ 12/1937

Lisa spricht den Text, scheinbar kann sie ihn auswendig, laut und mit sehr viel Empathie in der Stimme.

„Geliebte, wie lange hältst du dich schon hinter meinem Rücken versteckt?“

„Es ist mein Wunsch, Sie daran zu erinnern, daß ich stets davon überzeugt war und noch immer davon überzeugt bin, daß ein Mensch, der mit geistigen Werten lebt und umgeht, angesichts eines Konfliktes, in dem die höchsten Werte der Humanität und Zivilisation auf dem Spiel stehen, sich nicht in seinem Anwesen lautstark äußern sollte, so daß das Personal sich in die hintersten Ecken verzieht, sondern sich öffentlich positioniert, damit die Gleichgültigen gegenüber jeglicher Individualität, also die Engstirnigen, sich wieder in ihre Höhlen verziehen.“, konterte Lisa.

„Ach Lisa, geliebte Gemahlin, Weib der Worte! Ist es schon so spät? Wo habe ich bloß meinen Text hingelegt?“

„Willi, du hattest ihn mir zu lesen gegeben, gefällt mir ausgesprochen gut, die spiegelverkehrte Borniertheit einer moralisierenden Herrschaftsgesellschaft, Zwielichtigkeit als Ausrede zur Harmonisierung eventueller sozialer Unruhen, Gemeinschaftssinn einer Nationalität kann sich nicht auf ein Unisono reduzieren, sondern muß sich auf die Universalität jeglicher Existenz beziehen…“, sie übergibt Willibald einen Umschlag.

Das Zimmermädchen betritt mit leisen, vorsichtigen Bewegungen das Zimmer, sie hüstelt. „Der Bugatti steht bereit zur Abfahrt!“

„Bugatti?“

Lisa blickt irritiert zu Willi.

„War das nicht dein Wunsch? Sagtest du nicht, der Porsche wäre heute unangebracht!“

„Ja, aber, ich hatte dabei nicht den Bugatti im Sinn.“

Willi schmunzelt. „Ich weiß. Denkst du nicht auch, es ist effektiver, den Jammerlappen, die nur dreckige Wäsche aus jedem Korb herausfischen, den Wind aus den Segeln zu nehmen?“

Willi und Lisa verlassen den Raum.

Frenetischer Applaus ist zu hören. Minutenlange Standing Ovations hallen durch den Raum, Stimmen, Rufe übertönen den Beifall, Raketen erleuchten den Himmel. Das Zimmermädchen löst sich aus ihrer starren Haltung. Schüttelt den Kopf, rennt zur Balkontüre, der Gewittersturm hat bereits Regen und Hagelkörner auf dem Parkett verteilt. Auf der Auffahrt steigt Willibald gerade in den Bugatti, der völlig durchnäßte Chauffeur klappt einen zerfetzten Schirm zusammen, verstaut ihn wohl wegen der Eile im Kofferraum. Willi kurbelt das Beifahrerfenster herunter. Das Zimmermädchen zieht die Vorhänge zu.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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Jamaika-Aus keine Überraschung

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Kann die SPD mit großer Koalition punkten?

Die politisch unruhigen Tage scheinen vorbei zu sein mit dem Jamaika-Aus, welches letztlich keine Überraschung, zu unterschiedlich sind nicht nur jene vier Parteien, deren Standpunkte ergaben schlichtweg keinen gemeinsamen Nenner.

Allen voran nörgelte eine FDP ständig herum, witterte nach vier Jahren Bundestagsabstinenz neue Regierungsluft mit den gleichzeitig kundgetanen Optionen, sowohl Neuwahlen entgegenzublicken als auch die Rolle als Oppositionspartei zu füllen. Hat ein Herr Christian Lindner sich zu vorschnell aus dem Staub gemacht, der neue Parteislogan „Lieber nicht regieren als falsch.“ bereits im Vorfeld geplant? Niemand weiß es wirklich, ebenso ob die SPD mit großer Koalition punkten kann.

Schuldzuweisungen offenbaren die tiefen Gräben zwischen den Parteien

Insofern keineswegs verwunderlich, wenn rauhe Töne quer durch die Medienlandschaft sich verbreiten, Merkel sei Schuld, Hamburgs Grüne nörgelt an der FDP herum, „Lindner zocke mit unserem Land“, die AfD fordert gar den Rücktritt der Kanzlerin. Daß den Rechtsradikalen nichts besseres einfällt, liegt nahe, schließlich aalen sie sich in ihrer neuen Rolle als Oppositionspartei im Deutschen Bundestag so gänzlich ohne Regierungsverantwortung in Sichtweite.

Es bestätigte sich das Koalitionsgeschacher ohne Aussichten auf Ver-besserungen. Wenigstens geraten die Grünen nicht in Verlegenheit, ihre Standpunkte gänzlich über Bord geschmissen zu haben, auch wenn die Liberalen den umgekehrten Fall äußern, sie selbst fühlten sich von der Kanzlerin verraten, die eher den Argumenten der Grünen folgen würde. Ein Hin und Her ohne wirkliche Aussichten, sodaß Jamaika nicht zustande kommen sollte.

Die Rolle Steinmeiers von Bedeutung trotz wahrscheinlicheren Neuwahlen?

Man darf sich verwundert die Augen reiben, welch lobende Töne der Tagesspiegel zum Besten gibt, indem der Bundespräsident der „Mann der Stunde sei“, die SPD stets „in ihrer mehr als 150-jährigen Geschichte wusste, worauf es ankommt, die zuverlässig auf der richtigen Seite der Geschichte steht“, wie Stephan-Andrea Casdorff bemerkte. Unbedingt zu dick aufgetragen, vor allem hinsichtlich der Agenda 2010 und den beiden letzten großen Koalitionen, die einmal mehr offenbarten, daß die Union den Kurs bestimmte.

Der SPD-Vize Ralf Stegner beteuerte die Absage der SPD zur großen Koalition. Punkt. Neuwahlen seien dennoch keine Option? Das würde auf eine Minderheitsregierung Merkels hinauslaufen, die denkbar ungünstigste Regierungsform, weil die Bundeskanzlerin sich ständig um Mehrheiten bemühen müßte. Trotzdem scheint alles auf Neuwahlen ausgerichtet. Ob dadurch die Rechtsradikalen mehr Stimmen erhalten würden, bleibt mal dahingestellt, faktisch liefe es auf ein ähnliches Wahlergebnis hinaus.

Jamaika konnte allein schon deshalb nicht fruchten: Out Of Many, One People (zu deutsch: Aus vielen (Völkern) ein Volk), so der Wahlspruch der Jamaikaner, davon sind viele Menschen hierzulande äußerst weit enfernt, erst recht hinsichtlich rechtsradikal nationalistischer Töne.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Politik

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Sie

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Ihr Gang glich
schwebenden Federn.
Den Geruch
von Bonbons
strömte sie aus.

Sie grüßte,
nicht jeden,
nicht immer.
Diese Tage waren
wie kalter Regen.

Schluchzen
konnte sie,
lachen.
Bei ihr schien
Verrücktes
Normalität
und auch
umgekehrt.

Dröhnende Musik
schallt durch Gassen,
ein laues Lüftchen weht,
schulterzuckend
geht sie ihren Weg.

Nafia

Kategorie: Gedichte

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Wenn Humor Brücken schlägt – weg vom Trübsal blasen

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Lach mal wieder

Wer kennt sie nicht, die Wirkung des Lachens, sodaß gesundheitliche Aspekte durchaus erkennbar vorhanden. Es gibt sogar ein wissenschaftliches Fach vom Lachen, die Gelotologie (von griech. γέλως gélōs, Gen. γέλωτος gelōtos „das Lachen“).

Es beschäftigt sich mit den Auswirkungen des Lachens, den körperlichen und seelischen Aspekten. Ihr Begründer war der US-amerikanische Psychiater William F. Frey, der zunächst erstmal ein Medizinstudium absolvierte, bevor er sich zum Psychiater weiterbildete. 1964 gründete er in Palo Alto sein Institut für Humorforschung und das, obwohl die Scientific Community bezweifelte, daß die wissenschaftlichen Standards der Humor- und Lachforschung genügen würden. Somit blieb ihm nichts anderes übrig, als die Forschung aus eigenen Mitteln zu finanzieren.

Wagen wir, ein wenig in die Materie dieses interessanten Themas uns zu vertiefen. Der US-Immunologe Lee S. Berk konnte nachweisen, daß das Lachen mehr Abwehrstoffe im Körper bildet. Es wurden bei Menschen entscheidend höhere Werte im Blut festgestellt, die Tage zuvor herzhaft gelacht hatten als bei denjenigen, die es unterließen. Selbst die Fitness wird durchs Lachen gesteigert, die Verdauungsorgane dabei massiert, der Kreislauf angeregt, die Durchblutung verbessert, die Lungenfunktion erhöht, auch eine stärkere männliche Potenz konnte nachgewiesen werden.

In Studien stellte sich heraus, daß schon nach wenigen Minuten Lachen Schmerzpatienten eine mehrere Stunden andauernde Erleichterung empfanden. Wir bewegen beim Lachen immerhin rund 80 Muskeln. Exakt aus diesem Grund setzt oft nach dem Lachen eine angenehm empfundene Erschöpfung und Entspannung ein. Gelotologen haben sogar einen Tip parat, wenn es um die leidige Frühjahrsmüdigkeit geht: Lachen Sie einfach mal eine Minute lang herzhaft, es ist genauso erfrischend wie ein 45 minütiges Entspannungstraining.

Führen Sie sich vor Augen, was bei einer Autopanne geschieht. Hierzulande folgt in der Regel ein streßbeladener Wutanfall, Enttäuschung breitet sich aus, steht manchen ins Gesicht geschrieben. Probieren Sie beim nächsten mal ein völlig anderes Verhalten, so wie es die meisten Afrikaner handhaben. Diese lachen zunächst einmal lauthals über dieses Mißgeschick. Was geschieht dabei?

Ganz einfach, es werden die kreativen Bereiche des Gehirns aktiviert, Streß wird abgebaut. Dann folgt eine wesentlich entspanntere Haltung, um über eine Lösung des Problems nachzudenken. Wir gewinnen übers Lachen also einen Abstand zu Dingen, die uns belasten und haben einen leichteren Zugang zu neuen Perspektiven, die wir dann viel eher erkennen können. Die gesundheitliche Wirkung des Lachens kommt auch all jenen zugute, die aufgrund von Behinderungen oder Krankheiten an den Rollstuhl oder ans Bett gefesselt sind.

Längst gibt es einige gutdurchdachte, sehr wirkungsvolle Humor- und Lachtherapien: die Rote Nasen Clowndoktoren, Lach-Seminare, Lach-Yoga. In Deutschland gibt es sogar eine Lach-Kirche. Die Clowndoktoren heitern ganz gezielt die Patienten auf, hören sich deren Ängste und Sorgen an, natürlich geht dabei eine Absprache mit den Ärzten voraus. Durch die Lockerung vom tristen Krankenhausaufenthalt sollen die Patienten zur schnelleren Genesung gebracht werden.

Die meisten kennen nur zu gut die Wirkung, die ein lachender Mensch auf uns haben kann. Dieser wird unbedingt wesentlich angenehmer von seiner Umwelt angenommen als trübsalblasende Zeitgenossen. Öffnen sich einem lachenden Wesen mehr Chancen? Die Wahrscheinlichkeit ist ziemlich groß. Kinder lachen wenigstens 25 mal so viel wie Erwachsene. Somit ist der Gedanke sehr naheliegend, eine unbeschwertere, spontanere und spielerische Lebensweise durch das Lachen wieder zu erhalten. Auch lohnt sich selbst grundloses Lachen, denn unser Gehirn unterscheidet eben nicht zwischen dem unechten und echten Lachen, sodaß auf alle Fälle dennoch der positive Effekt einsetzt.

Der Gründer der weltweiten Yoga-Lachbewegung, Madan Kataria, führte 1998 den Weltlachtag ein, findet jährlich am ersten Sonntag im Mai statt. Punkt 14 Uhr deutscher Zeit wird für eine Minute gemeinsam gelacht. Er verkörpert den Weltfrieden, wie der Gründer betonte, mit dem Ziel, ein globales Bewußtsein der Brüderlichkeit und der Freundschaft durch das Lachen selbst zu erreichen.

Einfach mal wieder lachen, es kann so befreiend sein, auch wenn es genügend traurige Nachrichten gibt. Selbstverständlich kann das Lachen die Probleme nicht beseitigen, aber dennoch ein Stückweit uns helfen, den Alltag ein wenig erträglicher zu gestalten, unabhängig von gesundheitlichen Vorteilen, die dabei noch begleitend einsetzen mögen.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gesellschaft

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