Beginnt oder endet Rigorismus im Graben?

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Fallgruben und Intrigen verhindern Besserung

Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein: Wirklich? Das Bibelzitat aus dem Buch Kohelet 10,8: wer eine Grube gräbt, kann hinein fallen, scheint gerade in der jetzigen Zeit bei vielen Menschen nicht mehr im Bewußtsein zu sein, oder doch zumindest fühlen sie sich sicher, ihnen passiert so etwas nicht. Wie sonst ist zu erklären, daß rigoros Ansichten als Tatsachen verkauft werden, daß Lügen, Fakenews als die verschwiegenen Wahrheiten publiziert werden, daß Meinungsfreiheit nur für hetzerische, hämische Äußerungen gelten, aber Satire als Angriff auf die Persönlichkeit.

Rigorosität ist ein Bestandteil des täglichen Lebens, des Umgangs miteinander geworden. Brutalität, Grausamkeit, Härte, Rücksichtslosigkeit, Schärfe, Strenge, Unbarmherzigkeit, Unerbittlichkeit (alternativ Vorschläge Duden) begegnet man häufiger als noch vor ein paar Jahren, Beispiele: in den sozialen Medien (Drohungen, Häme, Hetze), bei Unfällen (Gaffer, keine Hilfe leisten, Hilfe behindern), im Straßenverkehr (rücksichtlose Überholmanöver, Bedrängung durch dichtes Auffahren), beim Einkaufen ( Vorgedränge, Handgreiflichkeiten um Schnäppchen bis hin zu Körperverletzung), beim Reisen, auf dem Weg zur Arbeit, Spazieren gehen (Berauben, Anpöbeleien bis hin zu Totschlag).

Natürlich schwanken immer wieder im Zeitenablauf gewisse Vorkommnisse und Begebenheiten, so soll nicht der Eindruck entstehen, das hätte es früher nicht gegeben. Vielleicht nicht in der direkten vergleichbaren Form, aber Intrigen in und um ein Staatswesen gab es schon immer (Drohungen, Häme, Hetze), Hilfe verweigern, um eigenes Weiterkommen zu fördern (Gaffer, keine Hilfe leisten, Hilfe behindern), auf Pferden oder mit Kutschen seinen „Stand ausnützen“ (rücksichtsloses Hineinreiten in Personen, Bedrängung), Gedränge beim Verteilen von Essen oder Gerätschaften, (Handgreiflichkeiten bis hin zu Körperverletzung), Räuberische Überfälle, Pöbel auf den Straßen.

Erklärungen für die übrigens nicht vollständige Aufzählung gab und gibt es zuhauf. Geändert haben sich lediglich Zeit, Ort und Auslöser.

Interessanterweise waren und sind solche Vorkommnisse gerade durch ein rigoroses Handeln in sozialer, wirtschaftlicher, moralischer Hinsicht die Auslöser für rigoroses Verhalten. Ob heutzutage auf allen Kanälen, in den Medien oder früher auf den Marktplätzen, in solchen Zeiten sind Rigoristen überall präsent.

rigoros, (französisch rigoureux), mittellateinisch rigorosus, streng, hart, zu lateinisch rigor, Härte, zu: rigere, starr, steif sein. (Duden) Andere Begriffe sind drastisch, energisch, hart, unerbittlich, rabiat, rücksichtslos.

Der Rigorismus, wohl französisch rigorisme, zu lateinisch rigor, Steifheit, Härte, Unbeugsamkeit. (Duden) Synonyme sind Starrheit, Sturheit.

Allgemein: eine überstrenge, starre Denk- und Handlungsweise, die an Grundsätzen und Prinzipien festhält, ohne Rücksicht auf die konkreten Bedingungen und Situationen. Im engeren Sinne: ein ethischer Standpunkt, nach welchem die Moralgesetze unter allen Umständen einen verpflichtenden Charakter besitzen. (Wikipedia)

Oder anders formuliert, der versucht, mittels Halsstarrigkeit, Starrköpfigkeit, Verstocktheit, Rechthaberei, Borniertheit, Trotz, Dickköpfigkeit, Verbissenheit seine Ansichten, Meinungen, Gefühle durchzusetzen.

Wo ist nun ein Zusammenhang zwischen dem eingangs erwähntem Zitat und den Moralaposteln, den Wahrheitsflüsterern, den Rufern nach Zucht und Ordnung?

Als Rigole bezeichnet man einen Graben, eine Furche, eine Vertiefung, eine Rinne. Je nach Tiefe eines Grabens ist die Sicht auf das Umfeld eingeschränkt und nur eine beengte Sichtweise möglich. Kommt hierzu noch, möglicherweise durch den Aushub ein starrer, steifer Hals hinzu, ist die Sicht quasi gleich null, oder zumindest sind die Perspektiven minimal.

Wer „Wahrheit“ ans Licht bringen will, buddelt in sämtlichen „Böden“, die „Werkzeuge“, die benützt werden, sind je nach Bodenbeschaffenheit, Intrigen, Lügen, Ängste, Drohungen, womit die gleichen Werkzeuge benützt werden, die als Gründe angegeben werden, diese „Wahrheitsgruben“ auszuheben, und folglich demselben Effekt seine eigenes Sichtfeld zu begrenzen.

Wer eine Grube gräbt, kann hineinfallen. Wirklich!

Veränderungen erreicht man nicht dadurch, Gruben auszuheben, sondern Gräben zu schließen, Brücken zu bauen, Vertiefungen an die bestehende Fläche anzugleichen, Wasser in Rinnsalen wieder zum Fließen zu bringen, kurzum, seine Sichtweise zu vergrößern. Dazu gehört allerdings, die Fähigkeit der Kommunikation, seine Prinzipien einer ständigen Hinterfragung auszusetzen, Toleranz gegenüber Andersdenkenden, ein hohes Maß an sozialer Verantwortung.

Solange Halsstarrigkeit, Rechthaberei, Borniertheit, Rücksichtslosigkeit als Stärke und Beweis für energisches Handeln angesehen, solange werden Fallgruben gebaut, Intrigen geschürt werden. Solange gräbt die Menschheit ihre eigenen Fallen.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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Unsicheres Geraune zwischen Fakes und knallharter Politik

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Satirischer Rückblick…

Sie meinen, das sei alles ein Trick? Kein Zurück, weil doch so schick? Seit Menschengedenken haben die Eliten ohnehin nichts zu verschenken, sie werden sich och jetzt für niemand ein Bein ausrenken, drum jenes Koalitionsgeschacher in Berlin sowieso ein Lacher, selbst wenn manchen das anders schien. Wer an Märchen glaubt, wird um seinen Schlaf beraubt, während der Leichtsinn sich nach oben schraubt.

Des Menschen letzter Wille ne geteilte Stille? Mit Sicherheit nicht ist er darauf erpicht, schließlich gilt es doch, daß er aus dem Paradies hervorkroch. Welch simple, bösartige Mär, auch die fünf Wirtschaftsweisen hinken der Wachstumsspirale hinterher, die nicht ewiglich fruchten kann. Mannomann!

Die Entscheidung zwischen Gefolgsmann und Diener geht stets einher. Na, das ist wohl nicht allzu schwer, wie sie ausfällt: Es wirkt meist mit entsprechendem Geld. Wie jener Kreislauf tickt, total verrückt. Was früher schon Nazi-Herrschaften gelang, gelangt nicht zurück irgendwann, sondern jetzt wird wieder gehetzt. Polnischer Rechtsruck alles andere als harmlos daherkommt, Zustimmung aus Warschau folgt prompt.

Man sich zurecht ohne zögern fragt, wo bleibt die Zivilcourage Kunstschaffender, einfach klammheimlich vertagt? Wort-Bruch ein fader, geschmacklos stinkender Geruch, welch Fluch! Das gilt für alle Herrschaftssysteme, auf daß Mensch sich endlich mal dafür schäme. Fehlanzeige, man tanzt nach diktatorischer Geige, Nordkoreas weltweite Isolation kaum durchzuhalten ist, da hülft keine noch so raffinierte List.

Gedankenzauber mag für eine Weile im Rampenlicht stehen, doch die Wirklichkeit offenbart das schreckliche Geschehen. All die Gier will endlos sich ausbreiten. Herrschaftszeiten, stoppt jenen kranken Kreislauf! Die EIA deckt zwar den illegalen Rosewood-Handel auf, doch folgen auch Konsequenzen drauf?

Was kommt nach dem großen Fressen, den Hunger aufessen? Mensch gibt sich dermaßen vermessen, vergißt den Sinn, warum er auf Erden. Schaut überall hin, sitzt hoch zu Roß auf teuren Pferden, ohne Sinn und Verstand fährt er seine Existenz gegen die Wand. Empathie, gab’s die noch nie? We will see.

Daß es auch ohne geht, vergiß es, zu spät. Mensch hat sein Scherflein zu tragen, wird es somit nicht wagen, nachzufragen, was stets verkehrt läuft, wenn sich bösartiges mal wieder häuft. Drum kann sich Rassismus an der Uni Leipzig ohne ernsthafte Folgen ausbreiten. Ein Hinübergleiten in angeblich überwundene Zeiten?

Leute, Ihr müßt Euch darauf vorbereiten, wenn solch Pöbel erneut sich zu etablieren versucht. Wenn nicht, verflucht, sie Euch das Fell über die Ohren ziehen, dann hilft selbst kein Fliehen. Seid wachsam, bevor es zu spät, manch Geist Euch anrät.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Satire

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Es geht auch ohne

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Der Text ist weg,
der Text ist weg!
Geschimpfe!
Flüche!
Keinen Zweck!
Keinen Zweck!

Der Zweck ist weg,
der Zweck ist weg!
Geschimpfe!
Flüche!
Keinen Text!
Keinen Text!

Der Text braucht keinen Zweck.
Der Zweck braucht keinen Text.

Drum sind sie weg!
Drum sind sie weg!

Nafia

Kategorie: Gedichte

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Empathie

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Jeder ist dankbar, wenn ihm in einer schwierigen Lebenssituation jemand begegnet, der die Fähigkeit zur Empathie hat. Doch scheint diese Fähigkeit immer mehr zu bröckeln oder sie wird missbraucht. Politiker, Intellektuelle und kommerzielle Massenmedien betreiben ein florierendes „Geschäft“ mit den Gefühlen der Menschen.

„Die Seele verhökert, weil Sinn entleert…“ sang Herbert Grönemeyer schon 1988 in seinem Titel „Keine Heimat“.

Und hier kommen wir zum Kern des Problems. Wir sind sehr wohl zur Empathie fähig, wenn wir damit Geld verdienen können. Die Zahlen müssen ja schließlich stimmen! Aber wie ist es, wenn uns Empathie etwas kostet: Geld, Zeit, Nerven?

Der Mensch neben uns, seine Qual, seine Wunden, die Ungerechtigkeit, die er erdulden musste und weiterhin erdulden muss? Aber auch die Liebe, die Dankbarkeit, den Segen, den er zu geben hat. Die immateriellen Werte, gibt es sie heute noch?

Jemand mag sich angesichts des immer mehr ansteigenden Weltschmerzes fragen, wo soll ich anfangen, um nicht im Tränenmeer der Menschheit selbst Schiffbruch zu erleiden? Uneigennützigkeit, kann man die sich in den heutigen Zeiten überhaupt noch leisten? Es ist schwierig geworden, sehr schwierig, das gebe ich zu. Also wo ansetzen? Welchen Lösungsansatz habe ich zu bieten, dass ich mir anmaße, dieses Thema hier ein wenig zu verbreiten?

„Der Sinn des Lebens ist der Dienst am einzelnen Menschen.“ Diesen klugen Satz las ich einmal als Jugendliche als Fazit des Liudi Magister Knecht im Roman „Das Glasperlenspiel“ von Hermann Hesse.

Dieser Gedanke war immer mein Boot geblieben, mit dem ich durch die tosenden Fluten der aufgewühlten Menschheitsseele schipperte. Er war für mich Maßstab, weil ich mir sagte: Ich kann nicht allen Menschen helfen, aber einigen.

Und ich muss ehrlich zugeben: Ich bin keine Freundin von Eintagsfliegen. Ich liebe Kontinuität, Treue, Verlässlichkeit. Deswegen werde ich wahrscheinlich auch nie in die Heldenreihe von besonders aufopferungsvollen Menschen eingehen. Aber doch fühle ich mich ein wenig wohlgeleitet, in meinem kleinen Schifflein namens Empathie.

Gesine Tettenborn

Kategorie: Essays

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Rassismus an der Uni Leipzig ohne ernsthafte Folgen

Thomas Rauscher: „Ein weißes Europa ist ein wunderbares Ziel“

Der Vorwurf gegen ihn, rassistisch zu sein, nannte er „absolut lächerlich“. Dabei twitterte er weiterhin fleißig weiter, Parallelen zu diesem Herrn Trump in den USA dürfen durchaus als nicht zufällig gewertet werden, Rechtsradikale scheinen eine besondere Freude zu empfinden, ihre Ansichten im Internet zum Besten zu geben, wer dabei viel streut, verspricht sich, genügend Anhänger und Unsichere zu erreichen, die ihren Parolen zustimmen mögen.

Kein Schelm, wer dabei böses denkt. Wir befinden uns inzwischen mitten im Cyberkrieg, der auch durch derartige Auswüchse sich hervortun will. Kein Wunder, daß Studenten eine Veranstaltung des umstrittenen Professors Thomas Rauscher bei der Uni Leipzig störten. Das zeugt von beherzter Zivilcourage, die man nur befürworten kann.

Wehret den Anfängen – Bildungsträger haben sich gefälligst neutral zu verhalten

Schlimm genug, was noch die ersten Jahrzehnte in bundesdeutschen Schulen sich manche Lehrer oder gar Schuldirektoren leisten durften, indem sie die Nazi-Herrschaft verharmlosten oder Schüler entsprechend zurechtwiesen, die linken Ideen nicht abgeneigt waren. Das gehört zur Entwicklung Jugendlicher, während Pädagogen sich gefälligst neutral zu verhalten haben!

Kann man von einem Bundesland wie Sachsen etwa mehr Einsicht erwarten, zumal nicht nur der Sachsensumpf allgegenwärtig ungeklärt, viel eher etliche Journalisten angeprangert wurden, obendrein eine NPD noch 2004 mit 9,2% der Wählerstimmen in den Landtag zog, eine AfD gar mit 9,7% vor drei Jahren? Laut einer Umfrage des Leipziger Marktforschungsinstituts IM Field Ende Oktober wäre die AfD zweitstärkste Partei mit 21% bei der nächsten Landtagswahl. Somit nicht weiterhin verwunderlich, daß auch Uni-Professoren ungeschoren davonkommen.

Reicht ein Statement der Uni-Rektorin Beate Schücking aus?

Offensichtlich nicht. Thomas Rauscher verharrt auf seinem Posten, überschüttet die Studenten nach wie vor mit seinen rassistischen Sprüchen, ungehemmt und voller Überzeugung. Das paßt und reiht sich ein zur europäisch-rechtsradikalen Entwicklung, denken wir an Polen, wo bereits der Nationalismus sich austoben darf, obendrein höchst offiziell gelobt wird.

Wer hierbei die „freie Meinungsäußerung als Privatperson“ zitiert, wie Frau Schücking im letzten Jahr noch äußerte, verkennt die Gratwanderung, auf der sich Rauscher bewegt. Es sollten endlich tatsächlich dienstrechtliche Schritte gegen ihn folgen, als es bei Lippenbekenntnissen zu belassen. Großes Lob an die beherzten Aktivisten, die dem Uni-Professor die Stirn boten. Mehr davon, es täte nicht nur der Uni selbst gut, sondern Sachsen und unserem Land.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Proteste und Widerstände

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Hunger aufessen

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Frühling, herbeigesehnt, erwartungsvoll die Tage erwartet, den blauen Himmel, das saftige Grün, den durch Wärme geöffneten Knospen ganze Unmengen von Augenblicken zugeworfen, und doch fühlte sich der Hunger nach dem Erwachen der Natur nicht gestillt an.

„Du mußt zuerst deinen Hunger aufessen, sonst wirst du nie satt.“ Großmutter Isenke, Adele Isenke. Manche nannten sie auch Tante Adele, von einigen Dorfbewohnern Ellie gerufen, man hörte auch den Ausdruck, die Alte. Die alte Großmutter Isenke, sie war weit über neunzig, als ich das erste Mal mitgeschleppt von anderen Kindern und meinem Bruder in ihrer Küche stand. Gruselig war mir zumute, nachdem sie uns durch das Küchenfenster zurief, doch einmal schnell zu ihr hereinzukommen. Nicht sie hatte mir Angst eingeflößt, vielmehr die Stimmung, die sich unter den anderen Kindern verbreitete, mit denen wir auf Abenteuersuche durchs Dorf liefen. Die teils unsicheren, teils belustigten, teils mürrischen Blicke, die sich die Älteren zuwarfen, die Unschlüssigkeit der Aufforderung nachzukommen und das Spüren des sich doch einen Ruck geben, was soll uns schon passieren, sie ist doch alt, wir werden uns schon wehren können.

Wir bekamen keine Aufforderung, uns zu setzen, noch bot sie uns selbstgebackene Kekse, Bonbons an, wie dies andere Frauen des Dorfes taten, um sich bei uns einzuschmeicheln, damit wir ihnen keinen Streich spielen, so der Ulli, damit wir die alten Reste aufessen, bevor sie gänzlich verdorben, verschimmelt sind, immer noch besser wir essen sie als wegwerfen, so die Annegret, damit wir zuhause erzählen, daß sie eine ganz patente Person ist, die keinen Unterschied zwischen niemand macht, obwohl doch jeder weiß, daß sie eine der größten Tratschtanten ist, so die Sonja, damit wir bei der nächsten Ernte mithelfen, ohne zu murren, und nicht auf die Idee kommen, etwas mitzunehmen, zu klauen, damit sie uns dabei nicht ständig unter Obacht halten muß, so der Hannes. Sie hielt ihren Kopf kurz ganz nach oben, das schien ihr Mühe zu machen und fragte, ohne uns nochmal anzusehen, ob wir auf dem Weg zum Stuberbrunnen seien.

Der Stuberbrunnen war einer der vielen Brunnen des Dorfes, aus denen aber nur Wasser für die Gärten geschöpft wurde, er war ein Stück hinter dem letzten Haus, direkt am Waldrand. Dort stand ein Holzkreuz, das größer und mächtiger war als die Kreuze in und um die Kirche herum. Vom Stuberbrunnen aus konnte man durch den Wald nach Bosheim oder den Weg am Waldrand entlang nach Kirchach gehen. Ich war bis zu diesem Zeitpunkt nur einmal dort gewesen mit meiner Mutter, weil an dem Kreuz gebetet und Blumen hingebracht wurden.

Mit Anschubsen, Schulterzucken und Blickkontakten gewappnet, das Richtige im Sinne aller zu sagen, antwortete Hannes, nein. Und als Großmutter Isenke ihm flüchtig mit einem Blick schweifte, setzte er sofort dazu: „Aber wir kennen den Stuberbrunnen, sind öfters dort.“

Sie holte aus dem Küchenschrank zwei Milchkannen, drückte diese Hannes und meinem Bruder in die Hand: „Na, dann wißt ihr sicher, daß dort schon die ersten Kamillen blühen. Aber reißt nicht die ganze Kamille raus, nur die Köpfchen einsammeln, wenn die Blätter weit geöffnet sind!“

Hannes nickte ständig, so als ob er etwas hörte, das ihm schon längst bekannt war. Wir sind dann auch alle gehorsam hinter ihm hergelaufen, er hatte es plötzlich eilig, und am Stuberbrunnen war es wie abgesprochen, daß er allen genaue Anweisungen gab zum Pflücken. In die Kannen durften nur diejenigen Kamillenblüten, die er vorher begutachtet hatte.

Meine dargereichten Blüten nickte er zwar mit einem Lächeln ab, aber ich habe gesehen, wie er die ein oder andere Blüte wieder herausnahm und in den Stuberbach warf. Ich protestierte nicht, befürchtete ich doch ansonsten, nicht mehr dabei sein zu dürfen, wenn mein Bruder mit Hannes und den anderen die Umgebung des Dorfes durchstreiften. Zudem war ich müde und hungrig, dieser lange Ausflug war nicht geplant und hätte Mutter gewußt, daß mein Bruder mit mir bis zum Stuberbrunnen unterwegs ist, hätte sie es niemals erlaubt. Mein Bruder mußte mich nicht daran erinnern, darüber Stillschweigen zu wahren, dies war ein unausgesprochenes Wissen, und schließlich wollte ich nichts sehnlicher, als in Zukunft mit dazugehören zu den Großen.

Auf dem Rückweg konnte ich mir dennoch nicht verkneifen, meinem Bruder mehr als einmal mitzuteilen, daß ich hungrig bin. Und durstig und müde. Je mehr er versuchte, mich abzulenken, mir erklärte, wir seien bald zu Hause, mir sogar versprach, beim Bäcker Bonbons zu kaufen, er hätte noch zwei Pfennige in der Tasche, desto unerträglicher wurden mein Hungergefühl und meine Litaneien, die selbst ein mißbilligender Blick von Hannes und nette Zusprache von Annegret und Silke nicht stoppen konnten, nicht weniger.

Großmutter Isenke nahm die beiden Milchkannen, ohne sich zu vergewissern, ob sie überhaupt gefüllt und ob die Blüten wirklich pfleglich gepflückt worden waren entgegen. „Na, das ist aber eine Freude. Vielleicht könnt ihr nächste Woche nochmal sammeln gehen!“ Es gab kein Dankeschön, noch Bonbons oder Kekse, aber an mich gewandt fragte sie: „Haben dich die Großen geärgert, Kleine? Du bist doch der Alma Jüngste?“

„Ich habe Hunger!“

„Ja, weißt du denn nicht, du mußt zuerst deinen Hunger aufessen, sonst wirst du nie satt!“

Du mußt zuerst deinen Hunger aufessen, sonst wirst du nie satt. War dieser Satz der Grund, warum ich damals keinen Hunger mehr verspürte, als wir beim Abendbrottisch saßen und Mama sich sorgte, weil ich entgegen meinem sonstigen Heißhunger nur ihr und Papa zuliebe ein Häppchen für Papa, ein Häppchen für Oma aß?

Den Hunger aufessen, den Frühling aufessen? Bin mal gespannt, mit wieviel Heißhunger die Analyse dieses Satzes von den Studenten verschlungen wird? Mein Frühling ist jedenfalls voll in Blüte.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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Querdenkende zum Zweijährigen

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© Doris Mock-Kamm

Mit entsprechenden Ergebnissen ohne Wehmut unterwegs

Jahrestage erinnern uns stets an die Vergänglichkeit, der sich niemand entziehen kann. Ausblenden vermag eine Möglichkeit sein, per anderer Ablenkung zu verweilen, aber die Ereignisse des alltäglichen Lebens beinhalten, sich mit ihnen ständig ausein-anderzusetzen, zu beobachten, was verkehrt läuft bzw. an Denkanstößen vermittelt werden könnte. Sensationsjournalismus entzieht sich derartigen Überlegungen, da zählt die Schnellebigkeit des Scheins. Keine Option für unser Team.

Inzwischen veröffentlichten wir über 1.500 Beiträge, zwei dauerhafte Serien neigen sich ihrem Ende zu, Doris Kolumnen und die „Satirischen Rückblicke“, mit der 300. Kolumne und dem 100. Satirischen Rückblick. Wir ersinnen neues, versteht sich von selbst, wenn wir gänzlich nach dem Ortswechsel hier komplett eingerichtet sind, was in den Wintermonaten geschehen sollte. Dann finden sich wieder geeignete Ideen sowie Freiräume.

Nach wie vor steht die Option, sich bei uns textlich zu beteiligen, Nils hat inzwischen sich zwei Mal mit eingebracht, seine Artikel wurden von den Lesern gut angenommen. Unser Dank an ihn, das sollte doch Ansporn sein.

Bleibt einfach uns gewogen, wir bemühen uns weiterhin mit viel Elan,

im Namen des gesamten Teams

Lotar Martin Kamm

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