Zeitenverschmiert

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Erinnerungen
im Kästchen
aus Holz, bemalt.
Immer zum Greifen nah,
gefühlte, erlebte
Gesternheit.

Verwahrte Beweise,
Bruchteile nur,
vom Ich, Wir, Ihr,
von der Altersreise.
Epochenteile, unsortiert
zeitverschmiert.

Nafia

Kategorie: Gedichte

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Rechtsextremisten im Deutschen Bundestag

Peter Boehringers „Umvolkung“ spricht eine deutliche Sprache

Alles völlig legal und unbedingt demokratisch, daß diese AfD seit der 19. Bundestagswahl ganz weit rechts im Plenum sitzt, verärgert schmollend eine FDP neben ihr, eingekeilt von der Union. Obwohl nach dem Jamaika-Aus etliche Stimmen keinesfalls unberechtigt raunen, Christian Lindner sei dabei, im rechten Fahrwasser zu fischen.

Wer sich den medialen Rummel zu Beginn erster Sitzungen des neuen Bundestags anschaute, bemerkte die Geschlossenheit jener rechtsextremen Partei, während besonders in den Reihen der Union sichtbare Lücken ein gewisses Desinteresse erahnen ließen. Etablierte Politik halt, kein Wunder, daß AfD-Redner lautstarken Applaus erhielten trotz armeseliger Behauptungen und Argumente. Peter Boehringers Bemerkung auf dessen „Goldseitenblog“ von der angeblichen Gefahr einer „Umvolkung“ spricht eine deutliche Sprache, auf die man näher eingehen muß.

„Holt unser Gold heim“ – mit Unterstützung des rechts-esoterischen Kopp-Verlags

Grünversiffte bunte Mainstream-Redaktionen und Talkshow-Demagogen tragen eine gewisse Mitschuld daran, daß der „korangläubige Islam nach Europa einwandere“, so stellte der Spiegel den bayrischen AfD-Politiker Peter Boehringer kurz vor der Bundestagswahl vor. Solche Leute braucht es in dieser Partei, die jene menschenverachtende Doktrin weiter transportieren. Man fragt sich unweigerlich, wessen Gold es denn tatsächlich sei, was er gern heimholen will. Von wem stammt das wohl, wer mal ein wenig weiterdenkt in der Rückerinnerung jener Nazi-Herrschaft?

Na sicher doch, man beruft sich auf eine sogenannte NWO, die u.a. per Freimaurer unterwandert die Fäden fest in den Händen halte, um deren Marionetten tanzen zu lassen, schließlich gelte es, eine gesteuerte Invasion durch die Migration von Flüchtlingen aus dem Nahen Osten nach Europa zu verwirklichen, laut Boehringer und dessen Gleichgesinnten. Solche Verschwörungen geistern schon lange im Internet, ohne fundierte Beweise, Hauptsache man ködert Verunsicherte, besonders Politikverdrossene und all jene, die ein offenes Ohr haben für Rechtsextremismus, wie auch der rechts-esoterische Kopp-Verlag gern zum Besten gibt.

Krude Thesen vs. rechtsradikaler Übergriffe

Und die Staatsmacht spielt obendrein fleißig mit. Während man einerseits den AfD-Parteitag in Hannover schützt, vertreibt man Demonstranten bei eisigen Temperaturen mit Wasserwerfern, die Verhältnismäßigkeit der Mittel heftig überzogen, man stelle sich vor, ein rechter Mob tobt, den läßt man meist gewähren. Bis heute ist das weitverzweigte Netz des tatsächlichen NSU keineswegs aufgedeckt, im Gegenteil, er darf weiterhin aktiv agieren. Warum wohl?!

Rechtsextreme Übergriffe verheißen nicht nur harte Zeiten, sie finden schon seit geraumer Zeit statt, obendrein sollte man ihnen keine Bühne geben, obwohl jetzt im Bundestag sitzend sie sich austoben dürfen. Umso wichtiger sie sehr genau nicht nur zu beobachten, sondern überall wo möglich anzuprangern. Je eher eine neu formierende Bundesregierung sich endlich findet, desto schneller kann sie jener AfD Paroli bieten, bevor deren Mitglieder noch mehr an Gerüchten streuen und ihre Haßbotschaften unters Volk mischen. Das wiederum sollte ganz genau aufpassen, vor lauter Unmut nicht denselben historischen Fehler zu begehen wie vor dem II. Weltkrieg hierzulande.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Politik

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Zerrissene Worte – spritzende Tropfen

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Zerrissene Worte
aus dem Lautsprecher
verteilen sich
in der Straße,
stoßen gegen Wände,
Fenster, Türen,
finden Zugang
in jeder Ritze.
Schwirrendes Wortgetöse
enthemmt Stimmen.

Das ist menschlich.

Spritzende Tropfen
aus der Quelle
verteilen sich
auf dem Boden,
stoßen gegen Felsen,
Sträucher, Pflanzen,
finden Zugang
in jeder Ritze.
Schwirrendes Tropfengetöse
enthemmt Wasser.

Das ist natürlich.

Hetzende, hämische,
verlogene, unflätige,
diskriminierende,
rassistische,
heuchlerische
Wörter
zerstören.

Giftige, ölige,
schleimige, schädliche,
brodelnde,
verseuchte,
brackige
Flüssigkeiten
zerstören.

Wer verachtenden Worten
keinen Einhalt gebietet,
wer verschmutzter Natur
keinen Einhalt gebietet,
der benützt die Zerstörung
zu seinem eigenen Wohl.

Nafia

Kategorie: Gedichte

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Die anrüchig verlogenen Abenteuer des HdI

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Eine Satireserie über den „Herrn der Insel“ – Geburt der Hochstapelei

Am Anfang war keineswegs das Wort, sondern die Initialzündung einer genialen Idee, sein Leben in Zukunft ohne jedwede wirkliche Mühe selbst in die Hand zu nehmen, ganz nach den Vorstellungen, der Mann sei für seine Taten verantwortlich, nur mit dem klitzekleinen Unterschied, daß die Realität simpelst ausgeschaltet wurde, um sich in eine Welt voller Trugschlüsse zu stürzen, frei nach dem Motto: Ich bin mein eigener Herr, alles hat sich mir unterzuordnen.

Die Geburt der Hochstapelei begann sein weiteres Vorgehen zu bestimmen, „der Herr der Insel“, kurz: der HdI, ward geläutert. Sie lesen richtig, die Initialien sollen ausreichen, erklären sich im Laufe der Serie von selbst, außerdem will doch niemand etwas von dem bedauerlichen Buben aus dem Sauerland. Tatsächlich?

In der Schule, die auch er besuchen mußte, weil eine gesetzliche Schulpflicht bestand, trafen Mitschüler aufeinander, in Gruppenräumen, auch Klassenzimmer genannt, galt es miteinander auszukommen. Der ganz normale Alltag im Bildungswesen, Lehrer vermitteln ihren Schülern Lerninhalte, während Klassenkameraden selbst sich arrangieren, meist friedlich, außer gewisse Charaktere versuchen, anzuecken. Die gibt es überall, wo Menschen aufeinandertreffen, man bezeichnet dies auch als Gruppendynamik.

Der HdI interpretierte dies ein wenig anders in seiner Vorstellungswelt, die geprägt war von dessen authistischer Einbildung, mit ein moderates Mittel, sich auszuklinken, wegzuducken in scheinbar brenzligen Situationen. Jene Behinderung war zu Beginn der 1990er Jahre kein Novum mehr, so daß seine zuständige Schule keinerlei Veranlaßung sah, ihn entsprechend zu behandeln, was bedeutet hätte, ihn in eine andere „spezialisierte“ Einrichtung zu verweisen. Insofern mußte der HdI sich zähneknirschend damit abfinden, mit den anderen Mitschülern auszukommen und katapultierte sich schnell zum Außenseiter, der als extrem introvertiert und unnahbar galt.

Beste Voraussetzung, wohl der Schlüssel für ihn, sich seine eigene Scheinwelt zu errichten, in der nur er selbst das Sagen hatte. Es gesellten sich nahtlos die visionellen Möglichkeiten der Filmwelt dazu, mittels Schlüpfens in die jeweiligen Rollen seiner Filmhelden fühlte er sich schon bald gewappnet, den neugierigen Fragen seiner Mitschüler oder in der Freizeit entsprechend gestärkt zu begegnen. Konnte natürlich nicht gutgehen, weil die meisten seine Schwächen durchschauten, ihn ziemlich schnell auf den Boden der Tatsachen zurückholten.

Was braucht der Mensch, wenn er angeblich in die Ecke getrieben? Richtig, Feindbilder. Die fanden sich zu Beginn der neunziger Jahre schnell, weil etliche Asylsuchende ebenso ins Sauerland kamen, Kinder und Jugendliche in Schulen verteilt wurden. Etwas besseres als den Anschluß zur Neonaziszene fiel dem verstörten Außenseiter nicht ein, der HdI gesellte sich somit zu ihnen. Kameradschaft am Lagerfeuer, Gitarrenspiel und Zustimmung in Parolenbrüllerei stärkten sein Selbstbewußtsein, welches im Schulalltag eher mickrig sich offenbarte.

Zusammen mit seinem alleinerziehenden Vater entdeckte er durch dessen ohnehin eindeutige Gesinnung die neuentflammte politische Spielwiese der Republikaner, die im patriotischen Gewand ihren Nationalismus zum Besten gaben. Profilierungssüchte entflammten, der Keim zur aktiven Politik erhielt erste Versuche bei Ständen in Wahlkampfzeiten, das ganz gewöhnliche Prozedere der Parteipolitik. Der HdI nannte es von fortan seine Läuterung in der Jugend, auf die er sich gern berief, wann immer sein Ego angekratzt oder angefeindet wurde.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Satire

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Die Fotografie der Paddler – Teil 2

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Die Lokalzeitung berichtete ausführlich über den tragischen Unfall.

Eine Wette bezahlte ein junger Mann mit seinem Leben. Eugen F. wollte gemeinsam mit seinem Freund beweisen, sein Ruderboot könnte schnittiger übers Wasser gleiten als ein Zweier-Paddelboot. Siegessicher war er nach Aussagen seiner Freunde auch deshalb, weil er als Lehrling bei einem Schmied arbeitete. Er deshalb der Kräftigste unter ihnen war. Sein Freund Johann B., der mit ihm im Ruderboot saß, erklärte, Eugen war überzeugt, wir wären deshalb schneller, weil ich im Gegensatz zu ihm kleiner wäre und weniger wiegen würde. Karl-Heinz und Robert dagegen seien beide zwar größer und stärker, aber gerade deshalb kämen sie auf dem Wasser nicht so schnell voran, selbst wenn sie in einem Paddelboot säßen.

Es sei eine spontane Idee gewesen, als sie alle zusammen nach dem Fußballspiel in der kleinen Hütte saßen, die neben dem Fußballplatz gebaut worden war aus dem Erlös eines Festes zum Bestehen des Vereins seit 25 Jahren. Trotz schnell herbeigerufenen Rettungskräften blieb die Suche nach Eugen F. erfolglos. Das ganze Dorf trauert mit seiner Familie.

„Mensch, der Ed wäre noch am Leben, hätte er nicht das Boot so schnell herumgerissen!“ „Versteh das immer noch nicht, Jake, du sagtest doch, Ed und John wären eine halbe Bootslänge voraus gewesen.“ „Wir dachten, ihr johlt, weil ihr bereits auf der Rückfahrt wärt!“ „Ed stand plötzlich im Boot und riß die Arme nach oben, wir siegen!“ „Ich versuchte, das Boot vor dem Kentern zu bewahren!“ „Wahrscheinlich hat er sich am Boot den Kopf gestoßen, wurde ohnmächtig!“ „Rocco, bist du wirklich sicher, daß du Ed auftauchen gesehen hast?“

In den nächsten Wochen danach tauchten im Dorf immer wieder Gerüchte auf, Eugen F. wäre gesehen worden. Aber sämtliche Nachforschungen entpuppten sich im Nachhinein als Irrtümer und Verwechslungen. Die Lokalzeitung erinnerte mit einem Artikel und dem Photo, das Blue John aufgenommen hatte, nochmals an den Unfall, an dem Tag, als Eugen F. offiziell für Tod erklärt wurde.

Gina hielt den Klingelknopf gefühlte fünf Minuten lang.

„Mensch, Erik, so tief schläft doch nicht mal ein Murmeltier!“

Noch nie dauerte es lange, bis Erik aus seiner kleinen Kammer kam, um ihr die Türe zu öffnen, damit sie durch die Hintertreppe des Hotels unbemerkt in ihr Zimmer schleichen konnte. Seit Erik vor etlichen Jahren den Job als Nachtportier im Hotel ihrer Eltern angenommen hatte, fand sie in ihm einen Seelentröster, wenn es zuhause Knatsch gab oder Liebeskummer sie plagte, und seit sie sechszehn geworden war, einen Mitverschwörer, der ihre kleinen Eskapaden deckte, wenn sie sich nachts nochmal fortschlich, um sich mit ihren Freunden zu treffen.

Wie es aussah, blieb ihr nichts anderes übrig, als ihre Eltern anzuklingeln, schließlich konnte sie die restliche Nacht nicht hier am Hintereingang des Hotels verbringen. Während sie noch mit ihrer Mutter telefonierte, überfiel sie eine ungewisse Angst um Erik, die sie mehr erzittern ließ als das Donnerwetter, das sie von ihrem Vater erwartete.

Die Todesursache von Erik Paulsen lautete Herzversagen. In seinem kleinen Zimmer, das er oben unter dem Dach des Hotels bewohnte, fand Justin Plaue einen an ihn gerichteten Brief, darin befand sich eingewickelt in Papier ein Schlüssel zu einem Bankfach.

Justin Plaue, Sohn von Blue John, fand in dem Bankschließfach den Zeitungsauschnitt anläßlich der Mitteilung über die Bekanntgabe des offiziellen Todes von Eugen F. Eugen F. war auf dem Photo eingekreist, daneben stand: Ich bin nicht gefallen, ich bin aufgeflogen! An dem Zeitungsausschnitt war eine Notiz angeheftet.

Es war nur eine kleine Idee, ein kurzer Gedanke! Immer wieder hat es mich umgetrieben, eine Erklärung zu finden, ein Lebenszeichen zu geben. Unzählige Briefe blieben ungeschrieben. Ich habe für niemanden eine Antwort auf die vielen Fragen, nicht mal für mich. Kein Wort kann dich mehr zum Fürchten bringen als die Reaktion deiner Gefühle.

Doris Mock-Kamm

Die Fotografie der Paddler – Teil 1

Kategorie: Kurzgeschichten

 

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Erinnerungen an längst vergangene Zeiten

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Nur simple Botschaften für die Nachwelt?

Auffällig bedächtig durchschritt er den herbstlichen Park, die Blätter raschelten ungemein vertraut, während der erdige Geruch ihn an den erneuten Zerfall der Natur erinnerte, selbst zurückversetzt seinen Kindertagen gedachte.

Eine Ahnung von Dämmerung breitete sich zwischen den mächtigen Kastanien aus, und eine aufregend zwitschernde Spatzenschar flog schlagartig davon, weil zwei Skateboardfahrer plötzlich die stille Herbstidylle beendeten, den alten Mann dabei wohl übersahen und ihn heftig anrempelten, sodaß er unweigerlich aus dem Gleichgewicht geriet und niederstürzte. Im gleichen Moment verlor er das Bewußtsein und fand sich nunmehr in der Vergangenheit wieder.

„Arthur, schnell aufstehen, es wird Zeit, alle sind schon längst zu Tisch“, befahl ihm lautstark schreiend Mary, seine große, kräftige Nanny ihn dabei heftig schüttelte, „und trödle nicht lange herum beim Anziehen, okay?“ Was hatte er da nur geträumt, überlegte Arthur sich krampfhaft, aber beim besten Willen konnte er sich nicht erinnern. In gewohnter Routine zog der Dreizehnjährige sich an, schnürte sorgfältig seine neuen braunen Lederhalbschuhe und wollte gerade das Zimmer verlassen, als die Sirene losheulte. Lärmend stürzten die anderen Jugendlichen und Kinder aus ihren Räumen, polterten panikartig durchs Treppenhaus in Richtung Keller.

Das war jetzt schon der dritte Fliegeralarm in den vergangenen letzten Stunden. Sie hörten bereits die schweren viermotorigen Bomber, ganz in der Nähe erschütterten die Explosionen die Nachbarhäuser, dazwischen gellende Schreie von den Schwerverletzten, denen jetzt hier niemand zur Hilfe eilen konnte. Jeder war sich selbst der Nächste, wenn es ums Überleben ging, menschliche Solidarität verlor in den Augenblicken der Todesnähe jedwede Bedeutung.

Endlich schloß sich mit dumpfen Knall die schwere Tür zum Keller, der vor Monaten zu einer Art Zufluchtsbunker notdürftig umgebaut worden war. Das laute Zischen kündigte eine herannahende Bombe an, die im nächsten Moment das Berliner Mietshaus erschüttern ließ, dann stürzten die ersten Stockwerke ineinander, alles brach laut tosend zusammen, was den Gesetzen der Statik nicht mehr standhalten konnte. Entsetzt, allesamt vor Schreck erstarrt, schauten die wenigen Zurückgebliebenen im fahlen Dunkel des tiefen Kellers sich schweigend an und wußten zugleich, daß von dem Gemäuer über ihnen nichts mehr wie vorher war, viele Freunde und Angehörige ihr Leben verloren hatten.

Dieser nicht endenwollende Krieg nahm den Überlebenden jeden Mut, um auch nur ansatzweise Hoffnung auf Frieden hegen zu können, weil keinerlei Anzeichen erkennbar waren. Auch Arthur hatte längst sich damit abgefunden, irgendwann sterben zu müssen, manchmal fühlte er sich wie ein Mitspieler bei „der Reise nach Jerusalem“, dann wäre halt er derjenige, der keinen Platz mehr bekam, das Gleichnis des Todes vor Augen. Da lag er nun in diesem eingeschlossenen Keller, weil die Trümmer des Hauses den Eingang zunächst versperrten und dämmerte in einen unruhigen Schlaf hinein.

„Hey, Alter, aufwachen, war doch nicht unsere Absicht, mußtest du auch da lang schlurfen? Wir hatten dich nicht rechtzeitig gesehen, tut uns verdammt Leid“, raunte ihm eine junge Stimme zu. Arthur kam nur sehr langsam wieder zu sich, hatte noch für wenige Augenblicke seinen Traum in Erinnerung, die Bombennacht in der Charlottenburger Fasanenstraße. Jetzt befand er sich wieder in der Gegenwart, im Hier und Jetzt. Und die beiden Jugendlichen erinnerten ihn an seine eigene traurige Vergangenheit, wo es eben nicht diese unbeschwerte Zeit gab. Gleichzeitig freute er sich, daß sie sich wenigstens um ihn kümmerten. Zu oft schon hatte er in der Zeitung lesen dürfen, wie brutal und rücksichtslos junge Leute besonders mit älteren Menschen umgingen.

„Oh, vielen Dank, geht schon irgendwie“, antworte er, während die beiden ihm aufhalfen, den Dreck und die Herbstblätter von seinen Klamotten klopften, „wißt ihr, ich hatte einen Traum, wurde für kurze Zeit in meine Jugend versetzt.“ Und Arthur erzählte ihnen davon. Alle begaben sich zur nächsten Parkbank und hörten ihm staunend zu, weil er das große Bedürfnis hatte, noch viel mehr ihnen aus dieser schrecklichen Zeit zu berichten. Die wenigen Passanten, die vorbeigingen, staunten nicht schlecht, mit welcher Aufmerksamkeit da zwei junge Leute und ein alter Mann sich angeregt unterhielten.

Natürlich leben wir alle unser Leben, die Zeit verstreicht unaufhörlich im gnadenlos rhythmischen Sekundentakt, während unsere Vergangenheit unwiederbringlich jede für sich eine ganz eigene Geschichte zu erzählen hat. Wer sich in der Lage befindet, seinen Mitmenschen, seinen Angehörigen und Freunden daran teilhaben zu lassen, wenn diese denn überhaupt zuhören wollen, sollte nicht zögern, sondern jede Möglichkeit nutzen.

Sie werden sich vielleicht fragen, warum. Nun, was kann authentischer ankommen bei uns, als die lebhaft geschilderten Zeugnisse aus alten Tagen, die allesamt nicht zufällig gelebt wurden, sondern auch als „Botschaften“ für die Nachwelt zu verstehen sind. Müssen folgende Generationen dieselben Fehler begehen wie ihre zurückliegenden? Mitnichten. Erinnern wir uns ihrer Geschichten und lernen daraus.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gesellschaft

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Die Fotografie der Paddler – Teil 1

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Morgens in aller Herrgottsfrühe, am Samstag. Alle waren sich einig, genauso machen wir das. Keiner widersprach. Als John zu sprechen anhob, trafen ihn verständnislose Blicke. Blue John, obwohl eher roter John zu ihm gepaßt hätte, waren doch seine Haare ein feuerrotes Gekräusel, sein Gesicht mit Sommersprossen übersät, das zudem eine starke Neigung aufwies, seinen hellen Teint in Sekundenbruchteilen in kräftiges Zartrosa zu verfärben. Jonas Plaue war sein richtiger Name. Der englisch-amerikanische Einfluß hatte Zugang nicht nur durch das Erlernen der Fremdsprache gefunden, sondern auch im Übernehmen von einem Lebensstil, der als revolutionär und somit gegen die herkömmlichen Konventionen des kleinen Dorfes sprach, somit ihnen den unschätzbaren Dienst erwies, sie als nicht bezähmbare Jugendliche zu registrieren.

„Meine Kamera könnte Photos machen“, murmelte er, wobei er mit seinen Schuhen versuchte, den Boden unter seinen Füßen wegzuwischen. Ohne viel Worte und Mimiken untereinander, stimmten John (Johann), Will (Willi), Tom (Thomas), Rocco (Robert), Sid (Simon), Jake (Karl-Heinz), Ed (Eugen), George (Günther) zu. Nichts dagegen, mach mal, woher hast du denn eine Kamera, ich will auch einen Abzug. Auch diese Sache war geklärt. Sie standen noch eine Weile am Landungssteg, der groß genug war, daß Motorboote hier vor Anker gehen konnten, aber hauptsächlich für Segelboote gebaut worden war und an die dreißig Meter weit ins Wasser führte.

Samstag. Die ersten waren bereits um drei Uhr morgens eingetroffen, die letzten bis auf Blue John so gegen halb fünf. Das Zweier-Paddelboot und das Ruderboot hatten sie akkurat neben den Landungssteg platziert. John und Ed stiegen über das Paddelboot hinweg in das Ruderboot, Jake und Rocco nahmen im Paddelboot Platz. Der morgendliche Dunst, der ansonsten über dem See schwebte, war eine milchige Nebelsuppe. Die letzten beiden Tage hatte es geregnet, der dichte Nebel ließ erahnen, daß sich das Wetter änderte und Aussicht bestand auf schöne warme Herbsttage.

Blue John kam angerannt. „Sind sie schon weg?“, schrie er, dabei war er schon auf Höhe der beiden Boote. Jake frotzelte, „wenn du uns nicht siehst, wäre es dann nicht besser gewesen, du hättest ein Fernrohr mitgenommen, anstatt die Kamera?“ Über Blue John glühendes Gesicht zogen sich tiefrote nachdenkliche Falten.

„Also, Tom, du gibst den Start frei.“ Jake setzte sich noch aufrechter und stupste den vor ihm sitzenden Rocco mit einem Siegeslächeln an.

„Meinst du nicht, wir sollten alles abblasen, die Boje ist überhaupt nicht zu sehen!“, flüsterte Sid nach hinten.

„Bis wir bei der Boje sind, ist der Nebel verschwunden, sowieso, ich habe Adleraugen, schon vergessen!“

„Alle Augen auf mich!“, kommandierte Tom, der sichtlich stolz war, die Rolle des Startrufers zugeteilt bekommen zu haben.

Sein „Bereit, drei, zwei, eins, los!“ war lange Zeit hallend in der Luft, untermalt mit den Platschen der kräftigen Ruderschläge, die die Boote schnell vom Landungssteg entfernten. Die Konturen der Boote vermischten sich zunehmend mit dem grau milchigen Nebel, als Blue John die Kamera aus der Tasche herausholte. Das klick, ritsch, klick, ritsch übertönte die kaum noch erkennbaren Paddelbewegungen und deren Geräusche, die weiterhin mit der scheinbar gleichen Kraft ins Wasser tauchten.

„Mensch, laß mal gut sein, man hört ja fast gar nichts mehr. Spar dir das Klicken, bis sie wieder auf der Rücktour sind!“, wurde Blue John von Will angefahren. „Sag mal, kann es sein, daß du den Blendenschutz nicht abgenommen hast?“

Bevor Blue John die Frage verstanden hatte, umfing ihn schallendes Gelächter, und er fühlte die Blicke von Will, Tom, Sid und George wie glühende Kohlen auf seinem Gesicht. Vom See her war trotz des Gelächters jetzt Gejohle zu hören, und Blue John war froh, daß sich die anderen wieder dem Geschehen auf See zuwandten. Er schaute durch die Linse, weil er es nicht fassen konnte, trotz Blendschutz eindeutig die Szene durch das Fenster gesehen zu haben. Er klickte und zog das Bild weiter, in dem Moment wissend, da draußen im Nebel sind gerade die beiden Boote aufeinandergestoßen.

Ed blieb verschwunden, die Suche wurde in den späten Nachmittagstunden abgebrochen. Jake, Rocco und John wurden entkräftet, sich an dem Ruderboot klammernd von den alarmierten Rettungskräften geborgen. Ihre Hoffnung Ed könnte zum gegenüberliegenden Ufer geschwommen sein, wollten sie selbst Tage nach dem Unfall nicht aufgeben. Das Photo, das einzige, das auf dem Film zu sehen war, zeigt Ed mit hoch gestreckten Armen, wie er seitlich ins Wasser kippt, John vornübergebeugt, Jake wie er sich am Ruderboot festhält und Rocco direkt hinter ihm.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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