Ich bin nicht dicht

Ich lebe mit meinem Mann seit einigen Monaten, oh, sind es wirklich schon Monate? Draußen auf den Straßen und Dächern liegt Schnee, es ist kalt, der kleine Ofen in der Küche wärmt seit einigen Tagen nicht mehr die Wohnung. Unser Vorrat an Holz und Kohle ist inzwischen so gering, daß ich ihn nur noch einmal am Tag befeuere, damit Vincent etwas Warmes zu Essen bekommt, wenn er durchgekühlt und durchnäßt nach seiner Arbeit in einem der Lagerschuppen an der Seine beendet hat. Meistens Kartoffeln mit Kohl. Das allerdings liegt nicht nur an unserer finanziellen Knappheit, sondern weil ich mich als Köchin nicht eigne.

Ich bin durchgebrannt mit Vincent. Er war mit seinen Freunden auf Radtour von Straßburg aus kurz für einen Abstecher in den Schwarzwald gefahren. Es war Frühjahr, und ich machte Besorgungen für meine Herrschaft. Als Tochter eines armen Bauern war diese Anstellung als Dienstmädchen so etwas wie das große Glück. Das sich allerdings schnell als Traumblase herausgestellt hat. Schweres Arbeiten auf dem Hof war ich gewohnt, aber hier in der Villa ist das Arbeiten eine Tortur. Kaum ist mir eine Pause gegönnt gewesen, selbst nachts wurde ich des Öfteren geweckt, wenn Madame, so hatte ich sie anzusprechen, nach mir verlangte. Ich mußte mich selbst zu dieser Tageszeit ordentlich kleiden, Frisur mußte sitzen, kein unabsichtliches Fältchen durfte meinen Rock, die Schürze und die Bluse zieren. Ich sehnte mich zurück zu meinen Eltern und Geschwistern, dachte mir Pläne aus, wie ich diesem Haus entkommen könnte, ohne meiner Familie zu schaden.

Vincent hat mich angefahren, von hinten. Von seinem Redeschwall verstand ich kein Wort. Traumhaft hörte ich auf seine Sprache, traumhaft genoß ich die folgenden Stunden. Traumhaft folgte ich ihm in der Nacht über die Grenze.

„Oh, Suzanne, oh, Suzanne! Meine Liebe.“

Kein Tag vergeht ohne stürmische Begrüßung, morgens beim Aufwachen, beim Nachhause kommen. Vincent erklärt mir aufgeregt, Monsieur Bertrand, der einen Laden für Spitze, Seide, Hüte und edles Leinen führen würde, suche dringend jemanden als Aushilfe. Er zieht mich hinter sich her durch Straßen und Gassen, die ich noch nie gesehen habe, mein Orientierungssinn ist bereits längst verloren, als wir durchgekühlt und durchnäßt in einen kleinen Laden treten. Monsieur Bertrand schien gewartet zu haben, er lief auf und ab, gestikulierend. Zwei Frauen stehen hinter der Ladentheke, und ein junger Mann lehnt an der Türe, die wohl in die hinteren Räume führt.

„Ah, da sind Sie ja endlich!“

Er nimmt mich an die Hand, zeigt mir die Waren, in den Regalen, in Schaukästen, hinter der Theke, öffnet Schubladen, bleibt schlagartig stehen.

„Meine Frau Arlette, mein Sohn Philippe, meine Tochter Suzette!“, mit einer weitschweifenden Handbewegung stellt er mir seine Familie vor.

„Verzeihen Sie mir, ich bin ansonsten nicht so unhöflich, aber wenn ich nicht sofort Ersatz für Fräulein Marie finde, geschieht eine Katastrophe, wenn ich den Auftrag nicht pünktlich abliefern kann. Sie ist einfach abgehauen, auf und davon, hat sich einem Kerl an den Hals geschmissen und weg. Zwölf Tischdecken müssen bis Donnerstag noch bestickt werden. Zwölf! Und die ganze Arbeit umsonst! Nie mehr wird mir jemand so einen Auftrag für eine Hochzeit geben. Ich bin ruiniert! Wegen zwölf Tischdecken!“

„Papa, wir haben doch die Servietten, die Bettwäsche, die Kissenbezüge!“

„Suzette, keiner kauft uns die Ware mehr ab, sie tragen alle die Initialen Z.v.V., Zacharias van Verbeek. Wer hat denn schon solche Initialen?“

Inzwischen sind auf dem Holzboden durch die nasse Kleidung, die verschmutzten Schuhe von Vincent und mir kleine Wasserlachen unübersehbar verteilt. Soweit ich es abschätzen kann, wäre es überhaupt nicht schwierig, die Tischdecken bis zum verlangten Termin zu besticken. Die Muster, die mir Frau Bertrand gerade eben zeigt, sind einfach, und mit ein bißchen Geduld und Spucke, wie meine Tante immer gesagt hat, kann ich mir vorstellen, sie mit Leichtigkeit auf die Tischdecken zu sticken. Trotzdem komme ich mir ziemlich peinlich vor, erstens empfinde ich Herrn Bertrand und seine Familie als sehr nett, sympathisch, keineswegs Menschen, die mich abfällig beäugen, weil ich ehrlich gesagt, schrecklich in meinen zu großen, abgetragenen Kleidungsstücken aussehe. Zweitens beginnen unsere Kleidungsstücke einen müffelnden Geruch von sich zu geben, je länger wir hier in dem gewärmten Laden stehen. Und drittens fängt meine Nase an zu laufen, ich habe kein Taschentuch bei mir. Viertens mühe ich mich, meine Tränen zurückzuhalten, aus Freude über die Arbeitsmöglichkeit, wie ein Geschenk des Himmels.

„Ich bin nicht dicht, wie Sie sehen, aber ich werde dafür sorgen, daß Ihr Laden nicht dicht ist“, schluchze ich.

Alle sehen mich an, und ein schallendes Gelächter erfüllt den Raum.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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Kohls Mädchen versucht’s zum vierten Mal

…oder warum Deutschland keine potentiellen Kanzlerkandidaten findet

Sie schafft es schon, sie kann’s nicht mehr, Angie vor, Erika M stürzt tief – alles platte Phrasen, keineswegs der Realitität dienlich, weil Angela Merkel sich einfach grinsend zurücklehnt. Kohls Mädchen versucht’s zum vierten Mal, was das Pfälzer Urgestein damals gelang, soll der promovierten Physikern erst recht glücken, schließlich hatte sie im Gegensatz zum inzwischen verstorbenen sechsten Bundeskanzler keine Affäre zu meistern, ihrer Raute sei Dank. Ob diese dabei ihr dienlich war?

Wer weiß das schon so genau. Erst recht nicht, warum Deutschland keine potentiellen Kanzlerkandidaten findet. Aus Bequemlichkeit, weil Mutti sich so wacker schlägt? Überhaupt, was solle jene merkwürdige Umschreibung einer Bundesmutti? Angie hat nie Kinder gekriegt und auch keine adoptiert oder gar als Mutter großgezogen. Diese Erfahrung blieb ihr erspart, bündelte ihre gesamte Energie in die berufliche Karriere, mit Erfolg. Na und? Ganz ohne Kritik, stets selbstgefällig nach ihrem Lieblingsmotto: Wir schaffen das?

Ein gefundenes Fressen besonders für die beiden extremen Parteien, die Linke und jene AfD. Die CSU hat ehedem nie den Platz ganz rechts außen füllen können und dürfen. Entweder lief ihr stets jene NPD den Run ab, dazwischen die mißglückten Republikaner und seit kurzem jene angebliche Alternative, die alternativlos außer neonazihaften Phrasen keine Argumente vortragen kann, geschweige denn glaubwürdige Politik. Manch Politikverdrossene fallen zwar auf deren Hetzparolen herein, unterm Strich reicht es weder in Landtagen noch im Bundestag zu einem Regierungsbündnis. Niemand will zurecht mit denen koalieren, selbst wenn manche in den Reihen der Union mit ihnen liebäugeln.

Alles richtig gemacht Angie, oder? Wer seit fast zwölf Jahren auf dem Kanzleramtssessel klebt, hat der noch in etwa den Überblick fürs notwendige? Ganz zu schweigen für die Sorgen im Volk, um gleichzeitig sich auf der Weltbühne zu behaupten? Keine Sorge, Werbung hilft stets, den Blick zu trüben, in Hochglanzbildern und mit simplen Texten Wähler zu mobilisieren. Funktioniert meist hervorragend, kein Indiz von besonderer Leistung, so auch mitnichten bei der Bundeskanzlerin.

Ihr Herausforderer, jener Martin Schulz, hat ohnehin kaum eine Chance, ihr das Wasser zu reichen. Mit dem inzwischen verblassenden Schulz-Effekt stiegen die Wahlprognosen zu ihren Gunsten. „Einheit in Vielfalt“, um mal einen der Werbeslogans zu zitieren, hat schon was, oder? Frau beruft sich auf eine siebenundzwanzigjährige Wegstrecke, die erschaffene Einheit mittels ihres ehemaligen Ziehvaters, um gleichzeitig genau das hervorzuheben, was sie selbst mal brüsk negiert hatte. Erinnern Sie sich, wie sie einst, ein knappes Jahr vor ihrem erstmaligen Amtsantritt als Kanzlerin verkündete, die multikulturelle Gesellschaft sei gescheitert?

Solch Blödsinn aus dem Munde einer Politikerin, ein Armutszeugnis par Excellence. Aber gleichzeitig die Vergeßlichkeit des Wählers in Betracht ziehen, das paßt zu jener Klientel. Schön, ihr Verständnis für Flüchtlinge, mit Worten wie „wir schaffen das“ signalisiert sie Geschlossenheit, die dennoch nicht genügend ankommt im Volk selbst. Zu viel veranlasster Sozialabbau trifft auf Rassismus, der stets Wege der Hetze und des Haßes sucht, eine brisante Kombination, die den Aufstieg der Neuen Rechten ermöglicht. Willkommene Spielwiese der Ablenkung dienlich, damit der neoliberale Kurs nonchalant fortgesetzt werden kann. Demnächst mit einem erneut schwarz-gelben Bündnis? Angie soll’s egal sein, ihr Platz ist ihr sicher.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Quergedachtes

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Schwelgen bis zur Orgie

Gute Redner lassen Zuhörer an ihren Lippen kleben

Es gibt Menschen, die in einem fort über alle möglichen Dinge ins Schwelgen kommen, dies gerne und oft in Gesprächen kundtun. Der Urlaub war so grandios, das Essen göttlich, der Krimi bis zum letzten Satz spannungsgeladen, die Landschaft phänomenal, und überhaupt wird in solchen Momenten gerne nur in Superlativen gesprochen. Man hört fasziniert zu, wird förmlich mitgerissen, in diesen Beschreibungen mit zu schwelgen. Diese Menschen verstehen es, durch zu Gefühl gewordene Wortschwalle ihre Erzählung so zu vermitteln, daß man sie in den gleichen honigumschmeichelnden, zartrosa gefärbten Eindrücken erlebt.

Schwelgen, althochdeutsch swelgan, eigentlich, (ver)schlucken, schlingen. Andere Begriffe sind, huldigen, genießen, schlemmen, sich gütlich tun, verzehren, in Saus und Braus leben.

Beachtet man die schwelgende Person während des Sprechens, so kann man überaus den ursprünglichen Begriff des Verschlingens, Verschluckens nachvollziehen. Sehr oft ist nämlich der Redefluß ungebremst, so daß es ohne weiteres fast zur Schnappatmung führen und der Speichel sogar verschluckt werden kann.

Daß schwelgen als Begriff sich aus der Nahrungsaufnahme gebildet hat und nicht aus dem Bad in Gold und Silber, davon kann ebenso ausgegangen werden. Fast könnte man eine Schwelgerei Orgie nennen, oder?

Orgie, lateinisch orgia, nächtliche Bacchusfeier, griechisch órgia, heilige Handlung; (geheimer) Gottesdienst (Duden) Synonyme sind, Ausschweifung, Gelage, Zügellosigkeit, Exzess.

Falls jemand mit Händen und Armen fuchtelnd spricht, sich die Stimme mehrmals überschlägt, ausschweifende Erklärungen in die Rede mit aufgenommen werden, der Redeschwall fast nicht mehr gebremst werden kann, dann könnte man dies auch eine orgiastische Rede nennen. Die Ähnlichkeit solcher Reden mit Wahlkampfreden ist rein zufällig?

Nein, diese Schwelgerei in Wortbegriffen, gespickt mit superlativen Ausdrücken, ohne Atem zu holen, mit viel Spucke, sind absichtliche übertriebene Schwelgereien. Negative Beispiele solcher Reden gibt es zuhauf. Natürlich gibt es diese Methode auch in positiver Form. Die herausstechende Unterscheidung liegt wohl darin, daß die für positive Zwecke gehaltenen Reden in ihrer Schwelgerei nicht vollkommen in ekstatische Auswüchse ausartet.

Gute Redner sind geübt darin, ihre Zuhörer mit ihren Worten an ihren Lippen hängen zu lassen. Die Aufmerksamkeit ist in einer ständigen spannungsgeladenen Bereitschaft, und selbst lange Vorträge werden als kurze Zeitempfindung wahrgenommen. Versehen sind diese Ansprachen mit Wiederholungen kurzer Statements. Dadurch prägen sie sich besser bei den Zuhörern ein, vergleichbar mit der Aufforderung zum Glas zu greifen und sich gegenseitig oder jemandem zuzuprosten.

Orgiastische Reden, bei denen rauschhaft geschwelgt wird über erreichbare Pläne, zu beendende Mißstände, vorsehbare Errungenschaften, sind, was denken Sie?

Sind diese Reden gefährlich oder nur harmloses Geplänkel? Können diese Reden Ihnen nichts anhaben, weil Sie sicher sind, nicht auf Versprechungen hereinzufallen? Sind Reden dieser Art generell kontraproduktiv, oder zeigen sie gerade dadurch die wahren Inhalte, sprich, je mehr übertrieben wird, desto besser kann man die Inhalte analysieren?

Schwelgen kann motivieren, wie gutes Essen den Speichel anregen.

Stellvertretend für viele Redner, die orgiastische Reden gehalten haben und deren Rezepte für rauschende Gesprächsinhalte wir möglicherweise vergessen haben, sei hier an „Martin Luther King“ erinnert.

„Wenn wir nicht lernen, miteinander als Brüder zu leben, werden wir als Narren miteinander untergehen.“

„Ich besitze die Kühnheit, daran zu glauben, daß alle Menschen drei Mahlzeiten täglich für ihren Körper haben können, Bildung und Kultur für ihren Geist, und Würde, Gleichheit und Freiheit für ihre Seele.“

„Ich habe einen Traum, daß eines Tages auf den roten Hügeln von Georgia die Söhne früherer Sklaven und die Söhne früherer Sklavenhalter miteinander am Tisch der Brüderlichkeit sitzen können.“

„Jahrelang mühte ich mich ab mit dem Gedanken, die bestehenden Institutionen der Gesellschaft zu reformieren… Jetzt bin ich ganz anderer Meinung, ich denke, eine Revolution der Werte ist notwendig… Ein Gebäude, daß Bettler hervorbringt, muß neu gebaut werden…Man beginnt die Frage zu stellen: Wer besitzt das Öl?… Wer besitzt das Eisenerz?“

„Ich werde kein Geld hinterlassen. Ich werde keine vornehmen und luxuriösen Dinge hinterlassen. Ich möchte nur ein engagiertes Leben hinterlassen.“

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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Fernsehen: Konsumieren oder einfach abschalten?

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Von der Dauerberieselung zur Befreiung

Kaum ein Medium beeinflußt uns wie die „Weitsicht“, die schon lange meist in den Wohnzimmern mit ihrer regelmäßigen Berieselung für entsprechende „Unterhaltung“ sorgt. Das Fernsehen, im Englischen television, aus dem Griechischen tele (τ ῆ λε) für weit und dem Lateinischen visio für auf Sicht, somit ein aus zwei Sprachen zusammengesetztes Wort, welches Constantin Perskyi im Jahre 1900 bereits auf der Pariser Weltausstellung prägte, konnte in seiner Entwicklung bis zum tatsächlichen, einsetzbaren Fertigprodukt nur durch einzelne Erfindungen entstehen.

In anderen Worten kann man nicht von dem Erfinder des Fernsehens sprechen. Im wesentlichen waren an der Gesamtentwicklung des Fernsehens Alexander Bain, John Logie Baird (der im übrigen als Erfinder des ersten Videorekorders zu bezeichnen ist, das bereits in den späten 1920iger Jahren), Ferdinand Braun, Max Dieckmann, G. Glage, Boris Rosing, Wladimir Kosmitsch Sworykin, Kenjiro Takayanagi und Jonathan Zenneck beteiligt. Diese Entwicklung, die im Jahre 1843 mit Alexander Bain begonnen hatte, fand ihren großen Höhepunkt mit dem ersten regelmäßigen Fernsehprogramm der Welt, welches am 22. März 1935 durch den Berliner Fernsehsender Paul Nipkew zum ersten Mal gesendet wurde.

Keineswegs verwunderlich, daß dieses Medium, welches Hans Magnus Enzensberger völlig berechtigt als belangloses oder gegenstandsloses Trancemittel bezeichnete, sich im Alltag etabliert hat. Viel zu raffiniert sind die visuellen Möglichkeiten geworden, die obendrein durch eine wesentlichere Tontechnik verbessert wurden, wenn wir uns der anfänglich krächzenden Mißtöne aus den eingebauten Lautsprechern in den Fernsehgeräten erinnern. Aber das scheint den Fernsehentwicklern noch nicht genug zu sein.

Längst gibt es erste Versuche eines sogenannten Smellit-Fernsehers, wie er in Portugal schon zum Einsatz kam. Der portugiesische Designer Nuno Teixeira entwickelte mit 118 verschiedensten Düften geladene Patronen, also eine Umwandlungstechnik, die 10 bis 20 Sekunden vor den tatsächlichen Szenen ihre Vorbereitung zur Versprühung in den Raum hat. Aber auch in Israel und Japan gibt es eine Geräteentwicklung fürs Geruchsfernsehen. Im britischen Brighton wird an der Entwicklung eines 9D-Fernsehers gearbeitet, alle fünf Sinne sollen mit einbezogen werden.

Der vor wenigen Jahrzehnten noch sichtbare Antennenwald in den Städten wurde durch Satellitenschüsseln und Kabelfernsehen ersetzt, und damit auch eine ungeheure Vielfalt der Programme ermöglicht. Letztlich ist es unwahrscheinlich, diese alle auf einmal zu konsumieren, so daß der Verbraucher selbst die Qual der Wahl hat. Hat er sie überhaupt? Ist es nicht viel eher so, daß die schöne neue Fernsehwelt, um Aldous Huxleys dystopische Romanüberschrift einmal hierfür entfremdet zu benutzen, alles andere als segensreich zu bezeichnen ist? Schauen wir doch mal genauer hin, was Fernsehen tatsächlich vermag.

Jeder, der mit behinderten Menschen, insbesondere behinderten Kindern eng beruflich zusammenarbeitet, weiß wie dramatisch sich fernsehgestörte Verhaltensmuster offenbaren. Je nachdem wie lange diese unerkannt ignoriert oder mittels medikamentöser Indikation einfach mal „stillgelegt“ wurden, hat diese krankhafte Behinderung einen nicht unbeträchtlichen Schaden angerichtet. Daher bedarf es eines sehr langen Zeitraumes mit unendlicher Geduld, um diese Dauerreizüberflutung erneut umzuprogrammieren, damit solche Menschen wieder ein halbwegs normales Leben führen können. Auch hierbei gilt, daß eine Abstinenz einzuhalten ist wie bei allen ehemaligen Süchten. Sie haben richtig gelesen: Es gibt sie schon lange, die Fernsehsucht. Und die Dunkelziffer ist enorm, wobei Sucht nicht unbedingt mit der Dauer des Fernsehkonsums zu bemessen ist.

Obendrein sollte uns allen längst bewußt sein, daß nicht erst seit Adolf Hitler klar ist, welches Potential im Fernsehen steckt, was die Manipulation anbelangt. Nichts ist einfacher, als Mensch mittels Bild und Ton dauerhaft zu beeinflussen. Wir können uns beim Lesen oder flüchtigen Hinschauen auf Litfaßsäulen, Werbeplakatflächen noch relativ einfach und schnell entziehen. Doch durch das tägliche Einschalten des Fernsehers begibt sich Mensch in eine enorme Abhängigkeit. Was in den USA schon sehr lange erschreckende Wirklichkeit geworden, der ganztägige Fernsehkonsum, hat längst auch hierzulande Fuß gefaßt. Durch die Programmvielfalt erst recht. Noch bis zum Ende der 1970iger Jahre gab es in Deutschland die ARD, das ZDF und die Dritten Programme, und somit auch wesentlich mehr Kommunikation unter den Menschen, das Fernsehen war noch nicht der Mittelpunkt in den Familien.

Inzwischen hat es längst bis in die Schlafzimmer oder gar auf manch stillem Örtchen seinen festen Platz erhalten. Der Fluch dieses Mediums besteht darin, daß nicht nur eine unendlich vielseitige Manipulation gegeben ist, sondern gleichzeitig viele Menschen in Untätigkeit verharren. Das Leben findet nicht mehr im Realen statt, sondern es wird vorgelebt. Selbst in Schulklassen sind so manche Sendungen der Gesprächsstoff geworden. Und wer nicht mitreden kann, ist „out“.

Erfreulicherweise gibt es neben dieser tragischen Entwicklung der Abhängigkeit zum Fernsehen auch immer mehr Menschen, die längst erkannt haben, was Fernsehen mit ihnen macht und kurzerhand ihn aus ihrem Leben verbannen. Schalten Sie einfach mal probehalber Ihren Fernseher für eine Woche konsequent nicht ein. Na, schon nach wenigen Tagen fehlt was, oder ? So weit ist es schon gekommen, diese Reizüberflutung hat längst Besitz von uns ergriffen, sie ist reell vorhanden, und zwar bis in die weitesten Tiefen unseres Unterbewußtseins. Es liegt daher nur an uns selbst, was wir zulassen, und was wir verhindern. Versuchen Sie sich maximal mit gezielter Vorgehensweise diesem Medium wieder zu nähern, das bedeutet, nur die Sendungen sich anzuschauen, von denen Sie sich wirklich etwas versprechen, und schalten Sie ansonsten die Glotze einfach aus.

Genießen Sie stattdessen außerhalb dieser buntlauten Welt der Actionfilme, der täglichen Soaps Ihr Leben. Programmieren Sie sich wieder um, es geht ohne weiteres, wenn Sie es wirklich wollen. Abgesehen davon, werden Sie sehr schnell bemerken, wie viel mehr an Zeit Sie plötzlich zur Verfügung haben. Das dürfen Sie dann als Erfolg werten, kommt der ganzen Familie zugute.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gesellschaft

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Die Weide

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Die Weide
fast entwurzelt.
Der Stamm
schwebt in
der Luft.
Die Krone
teils tief unter
dem Wasser.

Die Weide,
ich weiß,
wo du lebst.
Die Weide,
die mein
Gewicht trägt.
Die Weide,
die meine
Stimme kennt.

Möglicherweise
dein Leben
ist vergangen,
dein Stamm,
deine Krone,
dein Platz.

Die Weide,
deine Wurzeln
hingegen
leben tief
in meinem
Herzen.

Nafia

Kategorie: Gedichte

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Niedersachsen: Vorgezogene Neuwahlen stehen an

Elke Twestens Parteiwechsel ein politisches Sommergewitter?

Am 14. Januar 2018 sollen eigentlich die planmäßigen Landtagswahlen in Niedersachsen stattfinden, das könnte sich jetzt aber ändern, nachdem Elke Twesten plötzlich die Grünen verließ. Sorgt ihr Parteiwechsel zur CDU für ein politisches Sommergewitter?

Kurz vor den Bundestagswahlen durchaus denkbar, ein Willkommensgeschenk für die ein oder andere Partei, wobei natürlich die Frage im Raum steht, ob und wann Neuwahlen stattfinden mögen. Unionspolitiker kreisen wie Aasgeier über Hannover, fordern Stephan Weils Rücktritt, ein Mißtrauensvotum gegen ihn wird angedacht. Dessen Gelassenheit wurmt die Christdemokraten, selbst CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer läßt es sich nicht nehmen, den SPD-Politiker und Ministerpräsidenten anzumahnen. Wenn auch manchmal fragwürdig, keinesfalls ein Novum, daß Politiker Parteien wechseln, Weils Gegenwehr angesichts des Verhaltens der Union verständlich.

Hauchdünne Regierungsmehrheiten birgen stets ein Risiko

Das durfte die Republik schon des öfteren gerade auf Landesebene erleben, so auch in Niedersachsen selbst. CDU-Fraktionschef Bruno Brandes schreckte 1970 nicht davor zurück, NPD-Abgeordnete für seine Fraktion anzuwerben, um somit die SPD-Regierung zu stürzen. Intrigen und Ränkespiele gehören zum politischen Geschäft wohl dazu, ob Elke Twestens Wechsel zur CDU ihr hilft, bleibt mal dahingestellt.

In dem Moment wo sie in die CDU eintritt, hätte die schwarz-gelbe Opposition eine Stimme mehr als Rot-Grün, genügend Gründe, den politischen Stimmungswechsel auszunutzen, da hilft auch kein Toben von der SPD gegen die ehemalige Grünen-Politikerin, ihr „Verrat am Wählerwillen“ anzulasten. Somit wären vorgezogene Neuwahlen durchaus eine Option, die ohne weiteres ebenso am 24. September stattfinden könnten.

Schwarz-Gelb wahrscheinlich Wahlsieger in Niedersachsen

Davon darf man schon ausgehen mit Blick zu den letzten Umfragen bei INSA vom 27. Mai. Demnach hätte die Union zusammen mit den Liberalen 50%, Rot-Grün käme lediglich auf 35%. Die Linken würden vielleicht mit 5% in den Landtag ziehen und jene AfD gar mit ein Prozent mehr an Wählerstimmen erst recht.

Nach dem Ausstieg von Elke Twesten könnte das rot-grüne Bündnis obendrein noch mehr Stimmen einbüßen. Dennoch sollte man keinerlei Rückschlüsse zur Bundestagswahl anführen, obwohl sicherlich Frau Merkel in der Gunst der Wähler punkten kann, weil die ein oder andere Schlappe der SPD ihr dient, denken wir an das Desaster des ausbleibenden Schulz-Effekts.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Politik

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Lyrik ist schwierig

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Du weißt doch, Lyrik
ist schwierig.
„Kein Grund, all das Papier
zu verteilen hier!
Man kann keinen Schritt
mehr gehen in dieser Hütt!“

Hey, verrückt,
das klang wie ein Gedicht.
„Wenn ich sprech mit dir im Reime,
denk nicht, daß ich mich bei dir einschleime.
Dies geschieht nur aus dem Grund,
du sonst nicht hörst, was aus meinem Mund.“

Ach Liebes,
ich bin Dichter, Lyriker!
„Ihr Körper glänzte bronzefarben
im Licht der aufgehenden Sonne.
Ihr Leib befleckt mit Meeressand,
der Liebe Zeichen für ewigen Bestand.“

Ach mein Täubchen,
Lyriken ist nicht einfach.
„Da, da, da, kommen die Künstla,
sie schneidern neue Worta,
bis sie fallen über ihre Wortschleppe,
weil sie selbst übersehen diese Kette.“

Das sind Entwürfe,
Entwürfe!
„Sie geifern nach dem Fluch von Gesine,
im Kuchen zu finden die einzige Rosine.
Das ist wie die Schnecke finden im Salat,
die klebt am dritten Blatt, bloß nicht moderat.“

Das hat was,
findest du nicht?
„Was ich finde, das sag ich dir jetzt,
es müffelt, dein Kopf ein Spinnennetz.
Die Gedichte, deine Poesie, die Entwürfe,
ich gerne gleich aus dem Fenster würfe,
wenn ich nicht so überaus friedlich wär,
dir zur gönnen eine Stunde, nicht mehr,
diesen Saustall zu lüften, aufzuräumen,
er ist da, der Verleger aus deinen Träumen.
Ich halte ihn noch mit Kaffee eine Weile hin,
danach ohne Erbarmen er darf sehen
dein Raumgedankenhirn.“

Nafia

Kategorie: Gedichte

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