Meine Großeltern

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Nicht nur ein Mantel des Schweigens
umhüllt eure Gestalten, eure Wesen.
Manchmal ist es mir, als wärt ihr
nie gewesen.
Doch ihr wart hier.
Sie waren unter euch.
Mittendrin.

Unsichtbar für die Familie.
Versteckt vor der Welt.
Versteckt haben sie sich wohl auch selbst.
Was ist mit Oma, Opa passiert?
Habt ihr euch geliebt?
Wer warst du Oma?
Wer warst du Opa?
Ihr wart nie für mich da.

Als Kind habe ich mich
in trauriges Schweigen gehüllt.
Hab so getan, als ob ich wie ihr fühlt.
Das war nicht wahr.
Ich habe oft mit ihnen gesprochen,
hab an ihren Gedanken gerochen.
Hab Oma, ich lieb dich, gesagt,
hab das auch gegenüber Opa gewagt.

Habe mich ab und an abgewandt,
tat so, als wären wir nicht verwandt.
Weil das alle taten, um nicht zu verraten,
wer ihr wirklich wart,
Geheimnis blieb gewahrt.
Ich habe mich angelogen,
in alte Geschichten wird man
hineingeboren,
was nützt es, darin zu bohren,
schließlich wart ihr längst gestorben.

Bis heute auf meinen Wegen,
ob glücklich oder verwegen,
sind nicht nur Mama und Papa
meine Aufpasser, dafür bin ich dankbar,
aber warum seid ihr da?

Warum nennt ihr mich beim Namen,
warum kennt ihr kein Erbarmen,
warum darf ich nicht wie alle schweigen,
warum soll ich für euer Leben schreien?
Oma, du fürchtest dich.
Opa, du fürchtest dich.
Die Menschen fürchten sich.
Deshalb das Schweigen,
tausende Mäntel verbergen das Dickicht.

Man soll ruhen lassen,
die Geschichten der Ahnen,
und das der Nachfahren.
Und was ist mit mir?
Oma, Opa,
wenn ihr mich das nächste Mal besucht,
mir zur Hilfe eilt,
oder einfach neben mir weilt,
fürchtet euch nicht mehr,
Sitte, Moral ist nichts wert,
wenn man sich vor sich selber schämt.

Ihr seid meine Großeltern,
ohne Namen, ohne Gewähr.
Ich hab euch lieb.
Egal was die alten Geschichten
erzählen.
Ihr habt gelebt.
Ihr habt mir eine Chance gegeben,
was zählen da Geheimnisse
über Herkunft und Stand,
ob gewollt oder mit Widerstand.
Ich bin eure Enkelin
und in diesem Leben
mit euch verwandt,
auch wenn wir uns
nie gekannt.

Nafia

Kategorie: Gedichte

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ZDF-Sommerinterview: Steinmeier präsentiert sich trotz Krisen souverän

USA-Kritik bleibt unerwünscht

Mr. Mutmacher hat sich beim Sommerinterview des ZDF in Bad Saltzuflen den Fragen von Bettina Schausten, der Leiterin des ZDF-Hauptstadtstudios, gestellt. Dabei präsentiert sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier trotz Krisen souverän, bestätigt sein Amt, welches er vor gut vier Monaten antrat.

„Berlin Direkt“ legt großen Wert darauf, im Anschluß weitere Politiker aus der ersten Reihe im Wahlsommer zu interviewen, nachdem im Jahre 1988 das erste dieses Sendeformats unter dem Titel „Bonn direkt“ ausgestrahlt worden war. Der ehemalige „Mr. Agenda 2010“ versuchte sich weltmännisch in seiner neuen Rolle, wenngleich ein gewisser fader Beigeschmack ihm anhaftet, immerhin war er nicht unwesentlich an manchen weltpolitischen Ereignissen unbeteiligt, denken wir an den Maidan-Putsch, den Syrien- und Libyenkrieg oder eben an die Hartz-IV-Gesetze.

Durchwurschteln darf keine Option sein

Steinmeier nannte Trump in dessen Wahlkampf mal Haßprediger, jetzt sollte man aber sich den USA treu hingeben, weil historisch sie es waren, die Deutschland mit aufbauten nach dem Zweiten Weltkrieg? Der Bundespräsident verwechselt politisch-geschichtliche Ereignisse, die keinesfalls dazu dienen sollten, jeden Kurs dieser USA auf Gedeih und Verderb mittragen zu müssen.

Die transatlantischen Beziehungen betont der 12. Bundespräsident dann dennoch, die amerikanische Politik könne sehr wohl Korrekturen der Administration veranlassen. Nach einem halben Jahr mit diesem Donald Trump, dessen vielen Schlappen und Entgleisungen, mag man viel eher dem SPD-Mann einen besonderen Optimismus bescheinigen, der somit die eigentlich tragische Lage verkennt.

Das kommt explizit zum Ausdruck, wenn er die Demokratie hochhält, die nicht selbstverständlich sei. Vielleicht sollte mal die SPD von ihrem hohen Roß heruntersteigen und zugeben, daß neben ihr noch ganz andere Politiker und Menschen mit dazu beitrugen, daß Demokratie entstehen konnte, die dennoch gerade durch die anhaltende neoliberale Politik mit Füßen getreten wird, geschweige denn dem Volk selbst zugute kommt!

Kritik an Erdoğan sowieso hinfällig – Integration braucht ihre Zeit

Aus bekannten Gründen hatte die Bundesregierung sich viel zu lang zurückgehalten, allerhöchste Zeit Erdoğan Einhalt zu gebieten. Als Härte mögen manche Medien Steinmeiers Äußerungen werten, und natürlich spricht er die türkischen Mitbewohner in Deutschland an, das gehört schließlich zu seinem Job genauso wie die Feststellung, daß Integration seine Zeit braucht. Dies weiß die Politik ohnehin, tragisch genug, wenn manche in Europa sich vor der ungeheuren Verantwortung drücken, Flüchtlinge aufzunehmen.

Geschickt versteht es dieser neue Bundespräsident im Interview, Schulzes Wahlkampfgetöse nicht zu kommentieren, dessen Ansage für mehr Gerechtigkeit hat sowieso etwas befremdliches, wo doch ausgerechnet diese SPD die Agenda 2010 ins Leben rief, an der auch Steinmeier nicht unwesentlich beteiligt war.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Politik

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Schwadronieren – wild und planlos um sich schlagen

Tratsch und Parolen in die Welt ergießen

Es ist nicht unbedingt eine vollkommen schlechte Charaktereigenschaft, wenn jemandem nachgesagt wird, er schwadroniere für sein Leben gern. Möglicherweise ist es nur darauf zurückzuführen, daß dieser Mensch ein großes Mitteilungsbedürfnis hat, er sich vor lauter möglicher Eventualitäten verzettelt. Wenn er allerdings schwadroniert, weil er sich gerne reden hört, mittels Aufdringlichkeit andere überzeugen möchte, dann empfindet man diese Art der Kommunikation als negative Charaktereigenschaft.

Schwadronieren, ursprünglich beim Fechten wild und planlos um sich schlagen, zu Schwadron; vielleicht beeinflusst von schwadern. (Duden) Andere Ausdrucksformen sind, einherreden, sülzen, quatschen, sabbeln, monologisieren, babbeln, palavern, schwatzen, labern.

Die Schwadron, (kleinste Einheit der Kavallerie) italienisch squadrone, großes Viereck, lateinisch quadrus, Quader.

Schwadern, (im süddeutschen Raum gebräuchlich) spätmittelhochdeutsch swadern, rauschen; klappern, mittelhochdeutsch swateren, schwatzen. Andere Begriffe sind, quatschen, schwappen, überfließen, plätschern, überströmen.

Schwatzen, oder auch schwätzen, spätmittelhochdeutsch swatzen, swetzen, mittelhochdeutsch swateren, rauschen, klappern. Synonyme sind, quatschen, plaudern, weitererzählen, schnacken, tratschen, plauschen, parlieren, plaudern.

Im Gegensatz zu „männlichen“ Gesprächsgewohnheiten gibt es für Frauen den Begriff „Tratschweiber“. Synonym für diesen Begriff wäre möglicherweise „Stammtischparolen“, das in etwa dem gleichen Kontext entsprechen würde hinsichtlich männlichen Tratschens, oder?

Tratschgeschichten, Stammtischgerede sind heute nicht mehr oft am Gartenzaun oder in der Wirtschaft, Kneipe anzutreffen, sondern vielmehr wird mittels Medien schwadroniert, geschwätzt, gequatscht, geplaudert, palavert. Das Angebot sprachlich wie beim Fechten planlos um sich zu schlagen ist größer und mitunter effektiver geworden, weil nicht nur ein Gesprächspartner mitliest, mithört, sondern viele, Hunderte, Tausende und mehr.

Im Internet spielt es keine Rolle, wer da denn schwadroniert, ob männlich, weiblich, jung, alt, (nicht jeder Gesprächspartner zeigt sein wahres Ich, so sollte bekannt sein, daß hinter einigen Profilen, die sich im World Wide Web tummeln, Menschen agieren, die eine vermeintliche Anonymität ausnutzen, um hinter Fake-Profilen Hetze, Diffamierungen, Lästereien freien Lauf lassen zu können).

Schwadroniert man in diesem Zusammenhang weiter, so ist erklärbar, warum ganze Schwadronen von Schwätzern ihr Gebabbel auf die Menschheit herabströmen lassen. Es ist nicht das übergroße Mitteilungsbedürfnis, das Verzetteln, weil man jedes kleine Detail nicht übersehen möchte, es ist das pure egoistische, sich gern reden zu hören, Besserwisserei, und die Aufdringlichkeit einiger Menschen durch Monologisieren Aufmerksamkeit zu erhaschen, um ihre Standpunkte als wahre Tatsachen zu verkaufen, die es mühselig machen können, zwischen gewissen Informationen den reellen Hintergrund herauszulesen.

Verwirrung stiften ist bei manchen Schwadroneuren noch eine harmlose Umschreibung. Sie schlagen mit Wörtern und Begriffen nicht nur um sich, wie beim Fechten, nein, sie überströmen, überschäumen (schwadern) mit Eventualitäten, Halbwissen, Verdächtigungen, Lügen mehr oder weniger zu sämtlichen Geschehnissen, jede konstruktive Erklärung, Meinung in einen Sprachbrei, mit der Absicht, Unfrieden zu stiften.

Erstaunlicherweise wissen diese Schwadroneure (Schwätzer) besser Bescheid über Gesprächsinhalte von politischen, wirtschaftlichen Versammlungen als die dabei Gewesenen. Sie haben intime Einblicke in sämtlichen möglichen Hintergedanken, zu denen ein Mensch fähig zu sein scheint. Sie sind diejenigen, die durch Wortsalate versuchen, jemandem ein X für ein U vorzumachen, obwohl sie vielleicht noch nie über ihren eigenen Tellerrand gesehen haben.

Vermutungen anzustellen, etwas aus dem Bauchgefühl heraus zu empfinden und dies anderen mitzuteilen, ist nicht verwerflich, aber wenn dies als tatsächliches Wissen proklamiert wird, als das Nonplusultra der Weisheit, dann ist ein Schwätzer aktiv, der nichts anderes im Sinn hat, als Unruhe zu stiften und Zwistigkeiten zu provozieren. Dafür braucht man sich heutzutage nicht mehr an den Gartenzaun zu stellen oder in die Dorfkneipe zu gehen, dazu braucht man nur eine Internetverbindung und eine gewisse charakterliche Bereitschaft zur Freude, wenn die verbreitete Hetze und Häme auf fruchtbaren Boden fällt.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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UN-Atomwaffenverbot letztendlich wirkungslos

Bundesregierung fügt sich dem neuen kalten Krieg

Historische Momente bleiben besonders all jenen in Erinnerung haften, die mit viel Herzblut sich engagierten, nach etlichen Verhandlungen den vereinbarten Beschlüssen entgegenfiebern, sich über die Ergebnisse freuen, die Erleichterung ihnen in den Gesichtern geschrieben steht.

Dennoch verbleibt die Enttäuschung darüber, daß die Atommächte nicht im geringsten einlenkten, ganz im Gegenteil von Beginn an die Verhandlungen zum Atomwaffenverbot brüsk von sich wiesen, außer ausgerechnet Nordkorea, welches den Verhandlungen zustimmte. Insofern darf man einerseits voll Freude den 07. Juli 2017 benennen, an dem die “Draft treaty on the prohibition of nuclear weapons” von 122 Staaten beschlossen wurde, allerdings weder von der Niederlande, den NATO-Staaten noch den Atommächten. Ebenso die Bundesregierung fügt sich unübersehbar dem neuen kalten Krieg.

Internationale Sicherheitsarchitektur sei gefährdet

So das Hauptargument zur Ablehnung dieses Atomwaffenverbotsvertrags wie Frankreich, Großbritannien und die USA anführten. Dabei wird mit einer daraus resultierenden Friedenssicherung argumentiert. Welch fadenscheinige Behauptung. In Wirklichkeit konnten sich vor allem die Supermächte auf ihre Atombomben als Garant der Sicherheit verlassen, obwohl Kriege und Terror weltweit nahezu ungebremst sich weiter ausbreiten. Mit Nordkorea hat man sich ein reales Szenario erschaffen, welches notfalls mit dem Worst Case eines Atomkrieges enden kann.

An dieser Haltung hat erwartungsgemäß auch der G20-Gipfel nichts geändert. Inwieweit wirtschaftspolitische Zwänge selbst bei solch sensiblen Themen wirken, zeigt sich bei der Zurückhaltung Japans, welches eigentlich ein großes Interesse an ein Atomwaffenverbot haben sollte, denken wir an Hiroshima und Nagasaki. Profitsteigerungen sind halt wichtiger als Friedensabsichten.

Vereinte Nationen wirkungslos als Papiertiger

Wenn Jürgen Habermas die Selbstentmachtung der USA zugunsten der Vereinten Nationen fordert, dann steht er keineswegs allein da. Die Vereinten Nationen sind als Papiertiger in der Tat ziemlich wirkungslos im weltweiten politischen Geschehen. Das zeigt sich besonders deutlich bei nahzu sämtlichen kriegerischen Konflikten, unabhängig davon, daß die USA ohnehin als größte Militärmacht ihre Dominanz auszuspielen wissen.

„Amerika – die Entwicklung von der Barbarei zur Dekadenz ohne Umweg über die Kultur.“ (Georges Clemenceau)

Inzwischen haben die USA ziemlich deutlich ihre eigene Unkultur weltweit verfrachtet, oftmals per Wirtschaftsdiktat. Somit durfte die Barberei sich ungebremst ausbreiten. Wer beendet sie endlich? Die Menschheit selbst, mit oder ohne UNO.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Politik

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Sie ist

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Sie trägt
den Mantel
der Selbstlosigkeit.
Sie hält
den Steigbügel
für alle bereit.
Sie reiht
die Welten
nebeneinander.

Sie ist
das Traumland
für Schlafwandler.
Sie ist
die Muse
für Findende.
Sie ist
das Tor
zur Ewigkeit.

Sie ist
das Niemals,
das Immer,
die Zeit.

Nafia

Kategorie: Gedichte

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Demokratie im Sommerloch pflegt ihr Wahlvieh

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Satirischer Rückblick…

Das gab’s noch nie, die einen sagen, andere beklagen lang schon, dies sei ja der Hohn. Politik funktioniert nur zum Selbstzweck, wer protestiert, muß letztlich weg. Schluß, aus, keen Verdruß, raus – aus dem eigenen Heim, Ihr seid allesamt nicht allein. Das hätten sie gern, ne Revolution, da herrscht dann ein anderer Ton. Vergeßt man janz schnell darüber jedweden Appell, weil stets jewisse Herrschaften siegen, Ihr werdet gar nüscht kriegen!

Nix eklatant, stattdessen Bücher an der Wand? Nur mal so am Rand: sie zu lesen, keine Schand. In Erinnerung an längst vergangene Zeiten sollte man sich vorbereiten auf das, was da noch kommen mag bishin zum jüngsten Tag.

Mit Blick zum Insektensterben war’s am Ende niemand gewesen. Wat für’n Verderben für die paar Spesen! Einmal Naturkreisläufe auf Ewigkeit weg, Mensch schnell folgend verreck’. Aber immer schön die Persönlichkeit pflegen, was zählt schon all das Leben. Menschliche Ignoranz folgt diesem Todestanz? Drum mögen Satansbraten den Weg zur Hölle finden und ewiglich verschwinden!

Mensch als Nebendarsteller gerade noch mit dabei, erkennt längst sein bösartiges Konterfei. Na, wird’s eigentliche Geheimnis dahinter gelichtet? Wirtschaftspolitik stets dem Konsum verpflichtet, weil Reichtum seine unendliche Gier befriedigt sehen will bis zum endgültigen Overkill. Das wird nichts mit gerechter Waagschale, das ist das Fatale, mißachtet werden sämtliche Signale.

Im Kleinen wie in der Weltpolitik sich verhält, es regiert das Geld. So auch Erdogans despotischem Vorgehen Einhalt geboten werden muß. Sehr zum Verdruß, wer lieber zu einer Diktatur aufschaut, an die man gehorsamst glaubt, obwohl jene jedweden Humanismus raubt.

Worin liegt der Unterschied beim Leihen und Borgen? Es gibt ihn, aber für beides mit Sorgen. Mit Hartz IV läßt die Bundespolitik Betroffene im Stich – wie widerlich! Jugendliche raus aus der Schule, rein ins Berufsleben? Welch brutal irrsinniges Bestreben, das stinkt nach Elitedenken, Weltherrschaftslenken. Macht Euch ein Loch in die Wand, Ihr vertreibt dennoch mitnichten jene Schand.

Während sich wie selbstverständlich in Themar Neonazis tummeln, so manche ganz dreist schummeln, Rechtsextremismus verharmlosen wollen, obendrein angeblich Linksradikale sich mobilisieren sollen. Nun is aba jut, schaut genauer hin: Schon wieder formiert sich die braune Brut. Ick glob, ick spinn’!

Sicher doch, verzeihen und verzichten, selbst wenn sie wieder aus dem letzten Loch kroch? Dann doch lieber schreien und nüscht mehr dichten, solange der Widerstand lebt – noch!

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Satire

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Verzeihen und verzichten

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Eine gegenseitige Toleranz der Altvorderen

„Verzeihen Sie bitte!“ Diese drei Wörter benützen Sie, wenn Sie sich bei jemandem entschuldigen wollen. Egal ob jemand angerempelt wurde, ob eine beleidigende Äußerung damit zurückgenommen wird oder Sie jemanden mit diesem Satz von seinem Tun abhalten, weil Sie seine Aufmerksamkeit benötigen, vielleicht nur um nach der Uhrzeit zu fragen. Verzeihen Sie bitte!

Verzeiht der andere Ihnen? Gehen wir einfach mal davon aus, dieser jemand heute einen guten Tag hat und verzeiht Ihnen den Anrempler, die beleidigende Äußerung und die Störung. Wäre er auch dazu bereit, wenn Sie anstatt „Verzeihen Sie bitte!“, sagen würde: Versagen Sie bitte! Verweigern Sie bitte! Schlagen Sie bitte ab! Sagen Sie sich bitte los! Möglicherweise nicht, oder?

Verzeihen, mittelhochdeutsch verzīhen, versagen, abschlagen, sich lossagen, althochdeutsch farzīhan, versagen, verweigern. Andere Begriffe sind, entschuldigen, freisprechen, vergeben, durchgehen lassen, nachsehen, nicht nachtragen.

Die Verzeihung, andere Ausdrücke hierfür sind, Gnade, Abbitte, Nachsicht, Verständnis, Rücksicht, Vergebung.

Gnade vor Recht ergehen lassen, bedeutet, jemanden mit Verständnis entgegenkommen, obwohl eine Mahnung, Bestrafung angebracht wäre.

Der Verzicht, mittelhochdeutsch verziht, zu verzeihen (in der veralteten rechtssprachlichen Bedeutung, versagen, verzichten), mittelhochdeutsch verzīhen, verzeihen. Synonyme sind, Aufgabe, Entsagung, Hingabe, Einstellung, Opfer.

Verzichten, andere Wörter sind, Ade sagen, nicht in Anspruch nehmen, entsagen, abschreiben, auslassen, übergehen, streichen, ausklammern, abschminken.

„Verzichten Sie bitte!“ Verzichten Sie bitte darauf, Ihr Recht in Anspruch zu nehmen, mein Verhalten zu rügen, zu bestrafen. Der Verzicht auf angemessene oder nicht angemessene Bestrafung für ein Vergehen ist in der Rechtsprechung bei unseren Vorfahren ein akzeptiertes, angewandtes „Urteil“ gewesen. Der Verzicht bezog sich auf materielle Werte genauso wie auf körperliche Bestrafung.

Die Bitte um Verzeihung ist eine Bitte auf Verzicht. Eine Bitte um Gnade, eine Bitte um Verständnis, eine Bitte um Vergebung, eine Bitte um Rücksicht. „Sagen Sie sich bitte los, von Ihrem Recht zu tadeln!“ „Verweigern Sie bitte nicht Ihr Verständnis!“

Die Erklärungen für das Wort „verzeihen“ (versagen, abschlagen) ist mit dem Hintergrundwissen über die Formulierungen und der Handlungsweise in der Gerichtsbarkeit verständlicher. Die Bitte um Verzeihung im Vorfeld eines etwaigen Disputes, wegen einem Anrempler, einer beleidigenden Äußerung, einer Unterbrechung, um Aufmerksamkeit zu erreichen, „nötigt“ den Angesprochenen, sein etwaiges Verhalten zu überdenken. Natürlich ist das Bitten um Verzeihen keine Garantie, nicht bestraft oder ermahnt zu werden, dennoch ist dem Angesprochenen quasi der Wind aus den Segeln genommen.

Gnade vor Recht, der Verzicht auf das „zugestandene Recht“ sich zu wehren, wenn man sich angegriffen, verletzt, beleidigt fühlt, ist eine wichtige Komponente im zwischenmenschlichen Zusammenleben. Ohne diesen Verzicht, ohne Verzeihung, ohne das Lossagen von seinem Recht Gebrauch zu machen, würde es vielmehr Anfeindungen, Streitereien geben, eine Spirale der Rache. (rächen, mittelhochdeutsch rechen, althochdeutsch rehhan, ursprünglich, stoßen, drängen, (ver)treiben)

Ein ständiges Stoßen und Vertreiben anderer wäre an der Tagesordnung. Wir hätten eine Gesellschaft, die von Gewalt gegenüber anderen geprägt wäre. Der Verzicht, die Entsagung, das Opfer als Grundlage für ein friedliches Zusammenleben bedeutet nicht, sich alles gefallen zu lassen, sondern die Verweigerung (farzīhan, verzeihen) Unstimmigkeiten, Streitereien fortzusetzen. Verzeihen und die Bitte um Verzeihung sind Bemühungen um Verständnis und fördert die gegenseitige Toleranz, das wußten schon die Altvorderen. Das ist Teil unserer Tradition und sprachlich weitergereicht, dafür brauchen wir keinen wie auch immer aussehenden „Hut“.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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