Chamäleon auf Jagd

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Treppe runtergerast.
Tür aufgerissen.
Keiner da.
Hat es nicht geklingelt?

Lächerlich.
Die Rolltreppe
hochzustürmen.
Wartet oben jemand?

Ampel.
Schaltet auf grün.
Reifen quietschen.
In Blicken sonnen?

Zeitung.
Kaum Zeit zu lesen.
Tote zu beklagen.
Menschen unwichtig?

Chamäleon
schleicht sich.
Niemand hat es gesehen.
Ist das Leben nicht schön?

Nafia

Kategorie: Gedichte

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DLRG mahnt Zunahme von Nichtschwimmern an

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Bequemlichkeit allein keinesfalls die Ursache

Früher war alles ganz anders, die Großen brachten den Kleinen das Schwimmen bei, manche durchlebten die harte Tour des ins Wasser geschubst zu werden. Spielte sich dies tatsächlich derart ab? In der Regel eher nicht, die älteren Generationen bestätigen, daß es damals in Schulen den Schwimmunterricht gab.

Geichwohl auch diejenigen, die sich schwer taten, somit nach der Schulzeit Nichtschwimmer blieben. Doch der DLRG mahnt die Zunahme von Nichtschwimmern an, reine Bequemlichkeit allein dürften keinesfalls als Ursache gewertet werden, da spielen sicherlich andere Umstände eine Rolle.

Der soziale Abstieg entpuppt sich gar als lebensrettenden Schutz?

Welch perfide Erkenntnis, die man daraus knüpfen könnte. Wer sich das Freizeitvergnügen wie Schwimmen dauerhaft nicht leisten kann, der gerät auch nicht in Gefahr bei Badeunfällen bis hin zum Ertrinken. Mit Blick zu den Statistiken, 1994 gab es immerhin 775 Todesfälle durch Ertrinken, aber mitnichten Hartz IV, offenbart sich diese Einschätzung eher als Trugschluß.

Eine Milchmädchenrechnung, die man so nicht stehen lassen kann? Allerdings, denn die Zahlen wieder zunehmender Todesfälle im Zeitraum zwischen 2008 bis heute, dazwischen gab es schon weniger Tote zu beklagen, berücksichtigen keineswegs die am Rande der Gesellschaft gedrängten Hartz-IV-Empfänger.

Insofern hat die Politik bei heranwachsenden Kindern in solchen Verhältnissen ohnehin gänzlich gepennt, sie allein gelassen. Wer in der Schule das Schwimmen erlernen soll, hat kaum eine Chance, in der Praxis zuhause dies zu vertiefen. Der hiesige Sozialstaat und seine schrecklich nette politische Familie offenbart seine Abkehr vom Volk, Hauptsache man bedient Eliten und deren Gönner.

Der Großteil der Menschheit lebt am Meer – Nichtschwimmen keine gute Option

Jetzt kann man als eingeschworene Landratte natürlich simpelst den Kontakt mit dem Element Wasser vermeiden, das Badewannenbaden oder Duschen einmal ausgeklammert, sich somit in kein Boot setzen, keine Schiffsreise antreten oder einfach nur am Strand eines Sees oder am Meer liegen, vielleicht mal maximal knietief durchs Wasser waten, wer nicht schwimmen kann. Ob das wirklich prickelnd ist, muß ein jeder für sich selbst entscheiden.

Aber wenn der Großteil der Menschheit am Meer lebt, wäre es durchaus sinnvoll, schwimmen zu können. Sicherheitshalber, ganz abgesehen vom Vergnügen jener Fortbewegung im Wasser, ebenso spielerisch mit Gleichgesinnten. Somit ist die Politik auch hierzulande gefordert, jene Mißstände zu registrieren und zu beheben. Das gehört nicht nur zum Image einer Nation, die den Anspruch hat, sich als Sozialstaat zu bezeichnen. Es sollte gar völlig selbstverständlich sein!

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gesellschaft

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Paule auf dem Heimweg

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„Haben wir uns verstanden?!“
Paule nickte stumm mit gerunzelter Stirn, die Augen leicht zusammengedrückt, als ob ein winziger Lichtstrahl gerade auf sein Gesicht scheinen würde. Er hielt den Kopf unten, niedergebeugt über sein aufgeschlagenes Schulheft, das Ende des Füllers im Mund. Er spürte immer noch den Blick seines Vaters, wußte, er stand direkt vor ihm, dazwischen nur der Küchentisch, auf dem noch vom Mittagessen die Teller und die Töpfe standen. Seine Zunge begann an dem Füllerende zu lecken, langsam, dann schneller, so als ob er befürchtete, nicht genug von dem Plastik ablecken zu können, bevor, bevor seinem Vater die Hand ausrutschen würde.

Mutter war auf Kur, seine jüngeren Geschwister bei Mutters Schwester, Simon und Anna, fünf Jahre jünger als er und Susanne, gerade erst drei geworden. Die Ferien beginnen in einer Woche, dann soll er zur Großmutter fahren. Die Zwillinge Anna und Simon durften eine Woche früher in die Ferien, das hat so eine Frau für Mutter organisiert und ihr geholfen. Mutter hat viel geweint.

„Haben wir uns verstanden?“ „Ja.“ Paule schaute auf, versuchte das Gesicht seines Vaters zu sehen und sah doch nur Umrisse. „Ich bringe die Töpfe nach den Hausaufgaben rüber.“ Es war heute nicht der erste Versuch, seinem Vater zu erklären, daß Onkel Reinhard, dieses Schwein, sich ihm immer wieder näherte. Sie waren Nachbarn, nicht verwandt, aber die Eltern feierten oft zusammen, gingen zusammen auf die Dorffeste, und Tante Annegret saß fast täglich bei Mutter, seit ihr Sohn ausgezogen war und nur noch alle Schaltjahre lang kurz vorbeischaute. Sie wollte es sich auch nicht nehmen lassen, wenigstens das Mittagessen für seinen Vater und ihn zu kochen. Paule ekelte sich vor ihr, nicht weil sie nicht nett war, sie war übernett, ihre aufdringliche Art war ihm zuwider, und oft überfiel ihn eine Beklemmung, weil er bei jeder Berührung von ihr Onkel Reinhards Hände spürte.

Ich laß deine kleinen Geschwisterchen in Ruhe, wenn du nett zu mir bist, du bist doch ein großer Junge. Falls du jemals deinen Mund aufmachen solltest, du weißt ja, wie gern ich deine Mama vernaschen würde. Du wirst mir nie entkommen, egal wo du dich hinbewegst, ich werde dich überall finden. Wer glaubt denn schon einem kleinen Hosenpisser wie dir, ja, ja, ich weiß das, deine Mutter hat es Annegret erzählt, daß du immer wieder einnäßt.

Paule dachte eine Weile, wenn sie, alle, auch seine Freunde ihn Paul nennen würden, einfach Paul, dann könnte er stärker sein, erwachsener, männlicher. Trotz seines Stimmbruches klingt seine Stimme noch nicht tief genug, das hatten alle seine Freunde bestätigt, und sein Bartwuchs war mehr als dürftig. Kilian aus der Parallelklasse rasierte sich bereits täglich, der hat richtige dunkle Stoppeln. Aber er war körperlich kräftiger als seine Klassenkameraden, Mutter meinte, er käme nach seinem Opa. Er hatte in dem letzten Jahr an Körpergröße und Muskeln zugelegt, sein Sportlehrer muß ihn ab und an bremsen, wenn er wie vom Teufel besessen seine Runden um den Platz dreht oder beim Handball vergißt, daß dies ein Mannschaftssport ist.

Inzwischen war Paule zu dem Entschluß gekommen, es gibt nur noch eine Lösung, entweder er oder ich. Die Reaktion seines Vaters, der einfach nicht zulassen wollte, daß über Onkel Reinhard schlecht gesprochen wird, als er vorhin wieder einmal versuchte, über das zu sprechen, das er nicht aussprechen konnte, ließ ihm keinen Zweifel an diesem Plan. Abhauen, einfach verschwinden, sich irgendwo verstecken, unterkriechen, vielleicht in irgendeiner Großstadt auf der Straße leben, hat er sich tausendmal ausgemalt. Aber was wäre dann mit Simon, Anna, Susanne? Was wäre dann mit seiner Mutter? Abschiedsbriefe hat er geschrieben, an Mutter, an die Großeltern, an Thomas, seinen besten Freund, an Julian, an Checker, der eigentlich Florian heißt, an Micha, an Eva. Eva, eine Klasse unter ihm, mit den dunklen Locken, in die er sich verliebt hat, seit einem halben Jahr auf dem Schulhof nur noch Augen für sie hat, wenn sie mit ihren Freundinnen während der Pause Seilspringen spielen und die ihn anlächelt, wenn sie sich auf der Schultreppe begegnen.

Seit kurzem trägt er sein Schnitzmesser in der Hosentasche, es steckt in einer Schutzhülle, die er sich gebastelt hat aus Plastiktüten und Schnur. Sollte Onkel Reinhard es noch einmal wagen, dann, zack. Haben wir uns verstanden? Nein, Papa, du hast nichts verstanden.

Paule packte seine Schulsachen zusammen. In den großen Korb, der auf der Anrichte stand, stellte er die beiden Töpfe der Nachbarin, Tante Annegret. Er verließ das Haus durch die Küchentür, die in den Garten führte, um sich den Umweg durch die Haustüre zu sparen. Gleich hinter dem Garten stand die Scheune von Reinhard und Annegret, Onkel Reinhard hatte sie in eine Art Werkstatt umgebaut, in der er fast immer nach seinem Feierabend verschwand. Hinter dieser Werkstatt ging es zu seinem Hobbyraum, wie er es nannte, dort standen ein Sofa, Sessel, ein Tisch, eine kleine Theke mit Hockern, ein großer Fernseher, eine Stereoanlage, aus der gerade Musik schepperte, die Wände zum Einstürzen bringen könnte.

Obwohl auf Paules Klopfen hin keiner die Türe öffnete, ging er dennoch ins Haus und stellte den Korb auf die Spüle. Als er wieder an der Werkstatt vorbeikam, vermeinte er in der Musik auch Schreie und Poltern zu hören. Paule sah, die Hobbyraumtür stand sperrangelweit offen. Onkel Reinhards Stimme war jetzt deutlich zu vernehmen. Glas ging zu Bruch, Holz splitterte. Onkel Reinhards Sohn hatte einen Barhocker vor seinem Körper, Onkel Reinhard stach mit einem Messer gegen den Hocker, als eine Axt ihn am Hinterkopf traf.

In Pauls Ohren dröhnte es: verstanden! Langsam griff er zu seinem Messer in der Hosentasche und sank in die Knie.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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Abends bevor die Welt untergeht

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Irgendwie ziemlich schräg die Vorstellung einer Welt ohne Tiere und Pflanzen, zumindest dort draußen in ehemals freier Natur. Fast alles plattgemacht von jener Spezies, auf die man so gar nicht stolz sein kann, vom Irrweg eines gewissen Nationalstolzes mal ganz zu schweigen, der hat sich ohnehin erledigt. Organismen scheren sich einen Dreck um Grenzzäune, Mauern, Stacheldraht, Minen oder Kameras, sie leben einfach dort, wo es ihnen paßt.

Aber davon will Mensch nichts wissen, stört keineswegs den technisch Fortschrittlichen, der nur eines im Visier hat: möglichst bequem sein idiotisch langweilig beschissenes kleines Dasein genießen, sich dabei einbildend, er hätte alles im Griff. Nichts hat er, außer daß ihm der Kosmos und Mutter Erde eines Besseren belehren werden. Schade um die wenigen, die noch Hoffnung haben, es könnten Rückbesinnungen vielleicht erfolgen. Mitnichten.

Als ob es eine Ewigkeit her wäre, obwohl Zeit keinerlei Bedeutung hat in jener dramatischen Entwicklung auf diesem Blauen Planeten, erinnern sich manche noch an die folgenschwere Entscheidung dieses Cholerikers Humpty-Trumpty. Jener Kretin, der sich als US-Präsident wählen läßt, stoppt doch einfach mir nichts dir nichts ein Klimaabkommen, wenngleich die Amis selbst hinter China die zweitschlimmsten Umweltsünder sind.

Egal, nach uns die Sintflut, so die Einstellung, ganz nach demselben Prinzip der historischen Expansion. Einmal verinnerlicht, kommen die meisten nicht mehr los davon, ganz ähnlich wie ne Droge, ein unbewußter Rausch ohne jedwede Gewissensbisse oder gar moralische Bedenken. Und der große Rest der Welt schaut erstaunt dem Schicksal einer rasanten Zerstörung entgegen. Wie Lämmer, die zur Schlachtbank geführt werden.

Dabei gäbe es stets die Möglichkeit, jene Storyteller zu stoppen. But the show must go on. Das habt ihr nun davon! Die Luft zum Schneiden heiß und stickig, wer einen Moment lang sich nach draußen begibt, in der Sonne an die achtzig Grad, im Schatten mit ein wenig Glück 65. Letzte Woche sind im Planquadrat C4517 über dreihundert Seelen verendet, die Wasserknappheit macht obendrein erheblich zu schaffen, zumal etliche nicht rechtzeitig vorsorgten. Wer nicht hören will, muß verrecken.

Der Kollege bleibt noch optimistisch, keine Ahnung, woher er das nimmt, wo doch überall die Chancen fast aussichtslos. Die radioaktive Wolke aus Korea hat just den 40. Längengrad passiert, Moskau wird unmittelbar betroffen sein, dabei hockt angeblich die Duma in sicherem Bunker, so ein Blödsinn, irgendwann sind die Vorräte aufgebraucht. Und dann? Klar doch, dann ticken gefälligst keine Geigerzähler mehr. Nö, so simpel läßt die Physik sich nicht austricksen. Die Armen und Obdachlosen haben es wenigstens gleich hinter sich, die besser Betuchten sterben dafür qualvoll langsamer. Welch zynische Pointe, nicht wahr?!

Ganz leise wimmert irgendwo hinter einem verdorrten Strauch ein kleines Mädchen, dessen Mutter es zu beruhigen versucht, die Sonne verschwindet gerade blutrot hinterm Horizont, wo dunkle Rauchschwaden in den blauen Himmel ziehen, der üble Gestank ereilt bald die hier Verbliebenem am Abend, bevor die Welt untergeht. Nonsens, nicht die Welt geht unter, der Planet zieht weiterhin seine vorherbestimmte Bahn um die Sonne. Nur Mensch blickt seinem Ende entgegen, welches er selbst herbeigeführt. Danach haben Pflanzen und Tiere erneut die große Chance auf eine friedliche Zukunft.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Satire

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Pflanzen am Straßenrand

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Verdammt blöder Einfall! Garantiert sehe ich jetzt aus wie eine durch Wasser gezogene gerupfte Gans. Dämliche Kuh! Mach mal wieder was verrücktes, spontanes, so wie früher, stell dich an irgendeine Straße und trampe einfach los. Mach nicht so ein verbrämtes Gesicht, das hat dir doch immer gutgetan, andere Gegend, andere Leute, Spaß. Und ich hör auch noch auf so einen Scheiß. Hätte ich mir nichts besseres einfallen lassen können?

Sina wollte gerade wieder aus der Wohnung gehen, da fiel ihr ein, daß Cleo neuerdings auch in der Küche noch Blumen zu stehen hatte, die gegossen werden müssen. Auf dem Küchentisch lag ein nicht zu übersehender großer Briefumschlag, auf dem in rot „Für Sina!“ stand. Sie schmunzelte, vermutete sie doch, Cleo hätte es nicht sein lassen können, ihr nähere Informationen zu den Gießgewohnheiten für ihre Pflanzen zu hinterlassen, obwohl diese wasserspendende Tätigkeit ein gegenseitiger Freundschaftsdienst seit Jahren war und auch, ach ja, vergiß die Post nicht aus dem Briefkasten zu nehmen. Nachdem sie die Pflanzen gegossen hatte, ich gieß die jetzt so wie die andern auch, in zwei Tagen werde ich mich an deine Gießregeln halten, riß sie den Umschlag im Hinausgehen auf.

Hey Sina!
Hast du die Pflanze im Bad auch gegossen? Nein, quatsch, war Spaß!
Falls sich Benjamin bei dir melden sollte, erschreck nicht! Ich habe dich angelogen, meine Mutter, Benjamin vielleicht mich auch? Merkst du es, mir geht es gut, habe ständig einen Witz auf den Lippen.
Also ich bin nicht mit Benjamin für eine Woche nach Lissabon geflogen. Colin ist bei meiner Mutter untergebracht, ihm geht es gut. Laß bitte Mutter in Ruhe, sie soll sich keine Sorgen machen.
Ich habe mich entschlossen, auf Tour zu gehen, alleine. Muß einfach mal wieder das Gefühl haben, weiß nicht, bei mir zu sein, den Dreck abwaschen, einfach völlig anderes in mein Leben fließen lassen. Benjamin denkt übrigens, ich bin mit dir nach Portugal geflogen, er war ein bißchen verärgert. Laß auch ihn in Ruhe. Mach keinen Aufstand, ich melde mich alle zwei Tage telefonisch, werde anklingeln und wieder auflegen. Mir geht’s gut! Jetzt und wenn ich dich anrufe! Übrigens im Bad steht wirklich eine Pflanze, hoffe, sie hat es überlebt, weil ich sie in das Unterschränkchen gestellt habe. Sie ist für dich. Cleo

„Guten Abend, ich brauche ein Zimmer für eine Nacht!“
„Wollen Sie ein Zimmer zur Straße hin oder…“
„Ein ruhiges Zimmer bitte!“

Wollen Sie ein Zimmer zur Straße hin?! Da hätte ich mich gleich auf den Marktplatz legen können, wahrscheinlich ist der Lärmpegel der gleiche. Jeder noch so kleine Platz ist vollgestellt mit Tischen, Stühlen, Bänken, überall Palaver, Essensgerüche, laute Stimmen, Musik. Nichts für mich, bin froh, wenn ich mich langstrecken kann, duschen, schlafen. Zum Glück habe ich nicht auch noch beschlossen, im Freien zu schlafen.

Etwa drei Stunden später, einige Kilometer entfernt in der Küche von Gisela und Siegbert Heller. Gisela, das junge Ding, so jung war sie nun auch wieder nicht, die ist mir direkt aus dem Gebüsch vor die Füße getreten. Hab sie gefragt, was sie hier macht, meinte, sie will nach Burgweil, wie weit das noch wär. Der Hund wollte überhaupt nicht mehr aufhören zu bellen, die sah zum Fürchten aus, komplett naß geworden vom Gewitter. Sie hätt’ die Orientierung verloren, weil sie im Wald Schutz gesucht hat, hat sie gesagt. Und gezittert hat die. War völlig falsch angezogen. Da hab ich sie bei der Hand genommen, nein, ich hab sie nicht angefaßt, hab ihr gesagt, kommens Fräulein, ich zeig Ihnen den kürzesten Weg. Und wie ich mit ihr fast den Abzweig zum Stelzweg gegangen bin, da fährt der Jupp mit seinem Jeep uns entgegen. Neugierig wie der Kerl ist, hat er angehalten und gefragt, wie es mir geht. Ja, da hab ich halt gesagt, dies Fräulein möchte nach Burgweil, da hat er gesagt, ich fahr sie hin. Da hab ich gesagt, da fahr ich kurz mit. Und dann haben wir sie am Marktplatz aussteigen lassen, der Jupp hat dann noch ein Bier trinken wollen. Mensch, war da was los. Den Toni Staffler ham mer getroffen. Der ist jetzt auf dem Amt in Kleinstett.

Nach Regen folgt Sonne, paßt doch. Hab inzwischen eine Blase an der Ferse, und die Waden schmerzen, mein Rücken bricht fast durch, aber ich steh hier oben und… Und was? Und bin alleine, verschwitzt. Dann mach ich mich auf den Weg, Singersdorff, keine drei Kilometer entfernt, Hotelzimmer, Dusche, Bett. Hab mich selten so alleine gefühlt. Ein Zimmer für eine Nacht, bringen Sie mir bitte ein Glas Wasser und eine Pizza Funghi. Die Rechnung bitte. Einen großen Kaffee und ein Stück Käsekuchen. Hab ich eigentlich mit den Kassierern im Supermarkt gesprochen? Danke, bitte. Vielleicht. Ich bin nicht unausstehlich anderen gegenüber, ich bin unausstehlich mir gegenüber.

Warum furzet und rülpset ihr nicht? Weil wir Frauen anständig sind, nicht saufen gehen, nicht huren, immer die Wahrheit sagen, nicht über die Stränge schlagen, nicht mit einem Zigarettenstummel lässig an den Lippen hängend an irgendeiner Bar lehnen, sondern wie es sich für Frauen geziemt, lasziv, anrüchig. Nicht die Helden verkörpern wir, die sich mit Haut und Haaren der Rettung der Welt verschrien haben und dabei ihren Cognac genüßlich schwenken. Scheiß drauf! Wie habe ich es geliebt, stundenlang oder weniger mit sämtlichen Idioten, die irgendwie die Erde hervorgebracht hat, zu diskutieren. Glaube, manch einer war froh, wenn ich wieder aus dem Auto ausgestiegen bin. Narrenfreiheit der Jugend, wo bist du geblieben?

„Benjamin, ja, sie hat angeklingelt. Scheint alles in Ordnung. Natürlich mach ich mir Sorgen, du redest aber einen Blech daher! Nein, bist du verrückt! Du kannst doch nicht eine Vermisstenmeldung aufgeben. Schrei mir nicht ins Ohr! Bei mir geht sie auch nicht ans Handy! Klar hab ich auch eine SMS geschrieben. Keine Reaktion! Hör mal, Cleo ist doch kein kleines Kind mehr. Verflucht, melde dich wieder, wenn du dich abreagiert hast!“

„Na, schöne Frau, so ganz alleine unterwegs? Wie wär’s mit uns beiden?“ Deine blöden Sprüche kannst du dir sparen, du kleiner Scheißer. Denkst wohl, du bist unwiderstehlich! Wenn du wüßstest, wie widerlich ich sein kann! Ich bin kein Freiwild für das Ego deiner Männlichkeit, bei mir hat dich dein Jagdinstinkt getäuscht, aber so was von. Von dir laß ich mir meine gute Laune nicht verderben, noch eine Übernachtung, dann ab nach Hause. Ich hab’s noch drauf, hab’s nur vergessen, das Leben ist schön: Ich komm mit mir klar. Wird Zeit, mit mir wieder wie mit anderen zu sprechen.

Hallo Cleo, schön dich wieder zu sehen, wie geht’s dir? Hey Cleo, stell dir vor, ich hab meine jugendlichen Gedanken auf dem Dachboden meines Herzens wiedergefunden und bin gerade dabei, sie neu anzupflanzen. Dann willst du einen Garten anlegen? Nein, ich werf die Samen auf meinen Weg nach links und rechts, sie können sich alleine fortpflanzen.

Christina und Monika unterhalten sich mal wieder über den Gartenzaun hinweg über sämtliche Vorkommnisse, die in dem kleinen Ort passieren oder eventuell geschehen werden könnten, womöglich sogar längst passiert sind, nur weiß dies keiner so genau, als Cleo mit ihrer größeren Tasche grüßend an ihnen Richtung Bingershof vorbeiläuft.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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London-Anschlag: Hetze auf Kosten der Terroropfer

Trump sowie die AfD nutzen die tragische Situation für ihre Zwecke aus

Daß Politik ein durchaus schmutziges Geschäft ist, hat sich längst herumgesprochen. Von der undurchschaubaren Tragweite etlicher Fehlentscheidungen einmal ganz zu schweigen. Ebenso der inzwischen bekannte rüpelhaft cholerische Ton aus dem Weißen Haus oder die in die Weiten des Äthers entsandten Twittergewitter eines Donald Trump.

Dennoch bedeutet die Hetze auf Kosten der Terroropfer nach dem Londoner Anschlag eine Steigerung, offenbart eine Häme, die kaum noch zu toppen ist. Sowohl Trump als auch die AfD nutzen die tragische Situation für ihre Zwecke aus. Um es mal auf den Punkt zu bringen: widerlich!

Wer twittert so vorschnell Tag und Nacht?

Es ist der neue US-Präsident, der solches vollbracht. Da wird einfach mal nach dem brutalen Terroranschlag Londons Bürgermeister Sadiq Khan von Donald Trump per Twitternachricht scharf belehrt, in dem dessen kurzes Statement in einem Fernsehinterview aus dem Zusammenhang gerissen wird. Herr Trump hat es wohl nicht so genau mit der Wahrheit, obwohl er selbst nonstop die Medien als Lügner bezeichnet.

Aber das kennen wir bereits schon, dieser neue Präsident glänzt mit vorschnellen Twittergewittern, eine völlig neue Form politischer Intervenierungen, die keineswegs für ein friedfertiges Miteinander sorgen, sondern oftmals zu Irritationen führen, die hinterher dessen Mitarbeiter dann glattbügeln dürfen. The Donald hat sich Luft gemacht, und das scheint zu zählen.

Frau von Storch schießt den Vogel ab

Weder einen echten noch einen namentlich bekannten Politiker, vielmehr unterlief ihr eine Hetztirade per Twitter gen Bundesjustizminister Heiko Maas, das erklärte Feindbild der AfD und deren rechtsradikalen Sympathisanten, das Problem solle „Islam heißen“. Aha. Das dürfte unseren Lesern eigentlich bekannt sein, gestern wiesen wir auf das neu installierte Feindbild hin. Na prima, dann haben die USA ja ganze Arbeit geleistet, deutscher Rassismus nimmt die Vorlage gern auf und hetzt auf Teufel komm raus.

Beatrix von Storch will doch nicht etwa in die Fußstapfen eines Donald Trump treten? Die Parallelen gleichen sich ein Stückweit schon, außer daß die geborene Herzogin von Oldenburg niemals nicht ein derartiges Amt füllen werden darf, es sei denn, die deutschen Landsleute verhelfen ihr per Wahl auf jenen Posten. Dann sollte man besser fluchtartig die Republik verlassen, wer noch einen Funken Restverstand besitzt.

Fazit vom Ganzen: Twittern kann in der Politik keinesfalls hilfreich sein, bestenfalls dient es einer ungesunden Unglaubwürdigkeit, unterstreicht eher die Unfähigkeit einer Diskussion auf Augenhöhe. Jener Trend sorgt obendrein für viele Mißverständnisse, darüber hinaus hat dies mit handfester Politik nichts zu tun.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Quergedachtes

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Wir tragen bunte Kleider

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Keine Sonne soll mehr scheinen,
kein Mond die Nacht in Lichte kleiden,
Stürme sollen durch Dörfer jagen,
Gewitter sich überall entladen.

Geschlossen sein alle Augen,
nur Blicke für das Grauen.
Finsternis soll sein in Leib und Seelen,
bis verkümmert, verdorrt aller Leben.

Das hättet ihr wohl gern,
ihr Möchtegern-Herrn!
Ihr feigen, dunklen Gesellen,
vor eure Handlanger werden wir uns stellen.

Wir werden die buntesten Kleider tragen,
die Namen eurer Opfer jederzeit aufsagen.
Wir singen an den Gräbern die traurigsten Lieder,
wir knien ehrwürdig vor ihnen nieder.

Weder Terror noch Ängste werden uns aufhalten,
die Toleranz, die Nächstenliebe zu verbreiten.
Das Gute siegt, vertreibt eure Schatten,
im Gegensatz zu euch haben wir unsere Liebe als Waffen.

Liebe verbindet, vereint, erschafft neues Leben,
mehr und mehr Menschen stellen sich euch entgegen.
Ihr sät Haß durch Hetze, Drohungen und Anschläge,
wir säen Mut zur Verbundenheit aller Menschen dieser Erde.

Wir tragen bunte Kleider, singen Lieder Hand in Hand,
wir sind Schwestern, wir sind Brüder, miteinander verwandt.
Ihr seid bloß Diener, euer Geist ist in Besitz von Schleimscheißern,
Ihr seid Kriecher, keine Krieger, wer hat schon Angst vor Bettseichern?

Nafia

Kategorie: Gedichte

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