Niederlande: Wahlprognosen bescheinigen PvdA erhebliche Verluste

Wilders PVV verliert weiterhin Stimmen seit seiner „Abschaum-Äußerung“

Was ein Björn Höcke in Deutschland schafft, in dem dieser mit eindeutigen Nazi-Sympathien in seinen jüngsten Reden punkten wollte, äfft ein Geert Wilders im Nachbarland Niederlande auf seine Weise nach so kurz vor den dortigen Wahlen, die am 15. März stattfinden, mit seiner „Abschaum-Äußerung“. Er hatte Marrokaner im Lande beschuldigt, sie würden Straßen unsicher machen, sie seien Abschaum.

In sofern verliert dessen Partei, die PVV (Partei für die Freiheit), weiterhin an Stimmen, waren es zum 01. März noch 15,7%, bescheinigte Ipsos gestern 15,2%. Gleichzeitig dürfte aber die sozialdemokratische PvdA (Partei der Arbeit) als größter Verlierer laut den jüngsten Wahlprognosen gelten.

Ministerpräsident Mark Rutte wird wohl ein neues Koalitionsbündnis anstreben

Nachdem vor fünf Jahren elf Parteien ins Plenum der Zweiten Kammer gewählt wurden, der Vorsitzende, Mark Rutte, der rechtsliberalen VVD (Volkspartei für Freiheit und Demokratie) zusammen mit der gerade mal zwei Prozentpunkte hinter ihr liegenden PvdA eine Regierungskoalition einging, wird der Ministerpräsident wohl ein neues Bündnis anstreben müssen. Die Partei der Arbeit darf als der Wahlverlierer gelten mit einem vorausgesagten Stimmenverlust von 17,3%, so daß sie mit 7,5% nur noch als siebtstärkste Partei sich einreihen kann.

Selbst Ruttes VVD verlöre demnach 9,3%, während die grüne Partei GL (GrünLinks) mit 8,9% den größten Stimmenzuwachs erhielte, einem Plus von 6,6%, gefolgt von der CDA (Christlich-Demokratischer Aufruf), die immerhin von 8,5% auf 14% zulegt. Wilders PVV schmückt sich natürlich gerne mit dessen prognostiziertem Plus von 5,1%, aber eine Regierungsbeteiligung mit ihm schlossen alle anderen Parteien aus. Scheinbar werden nunmehr gar 14 Parteien sich die 150 Sitze in der Zweiten Kammer teilen müssen.

Europäischer Rechtsradikalismus eine demokratische Herausforderung

Mit Blick gen Niederlande, dem dramatischen Einbruch der dortigen Sozialdemokratie, darf niemand sich wundern, daß auch in anderen europäischen Ländern ein ähnlicher Trend festgestellt werden kann. Im Nachbarland Frankreich versucht sich Marine Le Pen und ihr Front National, obwohl allem Anschein nach Emmanuel Macron gute Chancen in Aussicht gestellt, ihr den Präsidentensessel streitig zu machen.

Hierzulande erleben die Sozialdemokraten ein Schulz-Hoch, was eher schmerzt angesichts der Vergeßlichkeit der Wählerschaft im Hinblick zum Sozialrassismus der Agenda 2010, eine AfD dümpelt inzwischen einstellig mit 9% laut heutiger Umfrage von Forschungsgruppe Wahlen vor sich hin, auffällig dabei das Kopf-an-Kopf-Rennen der Parteien der Großen Koalition.

Dem europäischen Rechtsradikalismus geht wohl die Luft aus, bevor dieser sich richtig entfalten vermochte. Vielleicht verhalf diesem Rückgang auch die rüpelhafte Politik des Donald Trump. Die demokratische Herausforderung offenbart daher eher eine sensiblere Wählerschaft, die sich eben nicht dauerhaft per dumpfer Haßparolen blenden läßt.

Lotar Martin Kamm

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Lippenbekenntnisse lediglich eine altbekannte Masche

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Wer wird denn gleich eine dicke Lippe riskieren

Wer kennt sie nicht, die Situationen, in denen man sich bemüht, dem Nachwuchs plausibel ein Thema zu erklären, das womöglich schon mehrmals angesprochen wurde, aber entweder der Inhalt nicht befolgt oder vermeintlich vom Angesprochenen nicht verstanden wurde. Das als Augenverdrehen bekannte „nicht schon wieder“, „interessiert mich nicht“, „rede nur weiter, höre eh nicht zu“ wird gerne untermalt, oftmals mit dem Abwenden des Kopfes, indem man seine Lippen entweder das Gehörte wiederholen läßt oder einfach nur die Mimik vom lautlosen Sprechen nachäfft.

Schätzungsweise wird damit angezeigt, es sei nicht das letzte Mal gewesen, daß dieses Thema angesprochen. Dieses Verhalten kann ohne weiteres als Lippenbekenntnis eingestuft werden, das so viel bedeutet, ich habe es verstanden, bekenne mich dazu, aber unterlasse das Handeln, das dies unterstreicht.

Lippenbekenntnisse erleben wir in den verschiedensten Formen, sie sind überall anzutreffen, in jeder Gesellschaftsschicht und in allen Bereichen des Lebens. Nicht immer kann man direkt von Scheinheiligkeit, Verstellung, Falschheit, Heuchelei oder auch von Doppelzüngigkeit sprechen, das Lippenbekenntnis ist vielleicht eher die Vorstufe zu all den genannten Ausdrücken, denn nicht jedes Lippenbekenntnis bedeutet gleich der Versuch oder die Masche, andere Menschen zu betrügen.

Die Lippe, mitteldeutsch lippe, ursprünglich schlaff Herabhängendes. Schlaff, althochdeutsch slaf, kraftlos, geschafft, kaputt, energielos, langweilig, mitgenommen, gerädert, groggy, lasch, phlegmatisch, müde. Apropos müde, wie könnte es anders sein? Schlafen ist natürlich wortverwandt mit schlaff. Schlafen, mittelhochdeutsch slāfen, schlaff herunterhängend, schlaff, matt.

Vielleicht fragen Sie sich, wieso die Lippe als schlaff herabhängend benannt wurde, so genau läßt sich dies nicht beantworten, aber es spricht einiges dafür, daß unsere Vorfahren wußten, die Lippe ist nicht für das Gesprochene verantwortlich, sondern die Zunge. Die Lippe selbst kann keine Worte bilden, Laute allerdings schon, erinnern Sie sich vielleicht an die musikalischen Versuche, mit einem Kamm zwischen den Lippen das Pfeifen und nicht zu vergessen, anhand der Lippenbewegungen können die Worte erlesen werden, ohne sie gehört zu haben. Ansonsten ist bei einigen Menschen, manchmal aufgrund der Form der Lippe, durch eine entspannte Mimik, durch einen sogenannten Flunsch ziehen, die Lippe ein herabhängendes Ding, oder? Anders ausgedrückt, die Lippe hat nichts zu sagen, sie ist zur Unterstützung der Lautbildung allerdings notwendig.

Überdies zeigen uns die Lippen die jeweilige Stimmung eines Menschen an, nur anhand der Mimik von Lippen, ob hochgezogener Mundwinkel oder herabgezogene, signalisieren Empfindungen, am deutlichsten ist dies zu erkennen durch die inzwischen überall angewendeten Emoticons. Ohne lange zu überlegen, registrieren wir die unterschiedlichen Darstellungen als Symbol für den jeweiligen Ausdruck der Stimmung.

Lippenbekenntnisse gelten nicht zu Unrecht als unaufrichtig, als Täuschung, als Lügen und Falschheit, denn wir verlassen uns anhand ihrer Form auf die Echtheit der Gefühle, der Meinung. Wird dieses „sich verlassen“, also dem andern Vertrauen schenken, sich ihm anzuschließen, ihn beim Wort zu nehmen, mißbraucht, ist dies eine Heuchelei und zeugt von Unaufrichtigkeit.

Um diesen Vertrauensbruch wieder ungeschehen zu machen, reicht es nicht aus, eine dicke Lippe zu riskieren, damit erreicht man das Gegenteil. Es wird höchstwahrscheinlich lange dauern, bis man wieder an den Lippen dieses Menschen hängt, selbst wenn dieser etwas auf den Lippen haben sollte, das von Wichtigkeit ist. Die schlaff herunterhängenden Lippen können zwar müde, groggy, ausgelaugt, verschlafen wirken, dennoch obliegt ihnen ein großer Anteil an der Redlichkeit, und in diesem Sinne sind sie hellwach, das sollte nicht verkannt, unterschätzt werden.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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Der Trump vom Bosporus tönt herum

Europas Hühnerstall gackert entsetzt

Lichtgestalten allenthalben unterwegs, fühlen sich berufen, ihre Autorität zur Schau zu stellen, ob vielen das gefällt oder nicht, scheint ihnen ohnehin egal zu sein. Was The Donald in den USA, kann der Trump vom Bosporus erst recht: herumtönen. Hat zur Folge, daß Europas Hühnerstall entsetzt gackert. Darin hat er eine kaum ertragbare Vergangenheit hinter sich, manche mögen sich lautstarker Entgleisungen am Mikro vor Weltgipfeln erinnern.

Ob The Donald eventuell von ihm so manches abkupfert, bleibt mal dahingestellt. Dem Erdogan kratzt es wohl kaum, seitdem er seine 1,5 Millionen Jünger im Visier, die in deutschen Landen verteilt erreicht werden sollen per glorreicher Reden. Zu dumm, daß in letzter Zeit die in Frage kommenden Zuschauersäle seiner Minister-Vorhut verweigert wurden.

Mal eben in die Trickkiste greifen, um den Deutschen ihre olle Nazi-Vergangenheit entgegenzuschmettern, funzt meistens, denkt der Trump vom Bosporus. Mal so ganz ohne Stuß: Warum wagt denn keener, beim Erdogan mit der Tür ins Haus zu fallen? Es würde sich doch prima erneut der Armenien-Völkermord anbieten. Ja, dat is doch nich so lange her, als die Recken des Deutschen Bundestages kleinlaut ihre Versuche, ihn anzuprangern, vor lauter Ängsten vor türkischer Entrüstung diesen zurücknahmen.

Bloß keinen Streit vom Zaun brechen, waren damals die Beweggründe. Wenn allerdings Monate später nunmehr der „Türken-Pascha“ mit der Nazi-Schelte ankommt, dann schleicht sich ein Herr Gabriel zur Hintertür des Berliner Hotels Adlon, um dort seinem Kollegen Cavusoglu Abbitte zu leisten. Beschämender Akt, da gleicht die angeblich rote Linie, die Erdogans Türkei nicht nochmals übertreten dürfte eher einer Farce als einer ernsthaften Rüge.

Der Trump vom Bosporus könne sogar ebenfalls Deutschland aufsuchen, schließlich gehe es doch um seine Verfassungsreform. Alleinherrscher lassen sich niemals ihre Förmchen wegnehmen, eine uralte Sandkastenregel, nicht wahr?!

Wie man’s dreht und wendet, es gibt weder eine Win-Win-Situation noch irgendwelche Vorteile, am Ende läuft’s auf eine Eiszeit hinaus in Sachen deutsch-türkischer Freundschaft, die mehr als gefährdet sich abzeichnet. Macht springt eben nicht über ihren Schatten, der diplomatische Eiertanz entpuppt sich als eine Nullnummer. Angies Beschwichtungsversuche waren ohnehin zum Scheitern verurteilt, zu lange hielt sie ihre christliche Wange dem Erdogan schon hin, diese zu küssen, kam dem sowieso nie in den Sinn.

Naja, wer im Glashaus sitzt, möge eh nicht mit Steinen schmeißen. Nazi-Vorwürfe und gar Gewalt gegen Muslime in Deutschland, wie ein Cavusoglu jüngst kritisierte, wirken sichtbar lächerlich mit Blick zur Türkei, wo bei genehmigten Demos zum Weltfrauentag Frauen weggedrängt und geschlagen wurden, die Wiedereinführung der Todesstrafe auf bestem Wege, Journalisten und angebliche Spione in Gefängnissen hocken.

Wat wird dieser Trump vom Bosporus als nächstes uns allen entlocken? Werden dann wieda viele janz ratlos auf einander hocken? Oder wird jedwede Kritik an ihm als rechtes Gedankengut abgetan?

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Satire

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Wer Frieden kriegen will, muß zuerst den Krieg einfrieden

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Chancen aus begrenzter Freiheit?

Eigentlich ist es vollkommen egal, durch welchen Ort man fährt, geht, schlendert, egal wo dieser Ort auf unserer Mutter Erde liegen mag, überall findet sich eine Einfriedung. Ein Gatter, eine Hecke, ein Zaun, eine Mauer, die als Begrenzung für ein Stückchen dieser Erde darstellt, eine Einfriedung, die als Besitz, als „My home is my castle“ anzeigen soll, hier lebe ich, geschützt vor der Erdenwelt um mich herum.

Warum in der deutschen Sprache eine als an und für sich sichtbare Abgrenzung, gleichzeitig als Einfriedung benannt wird, kann man nicht mehr mit absoluter Sicherheit sagen, aber man kann versuchen, sich die Gedankengänge unserer Altvorderen zu erschließen. Sicherlich spielt eine große Rolle der Schutz vor Angriffen durch Wildtiere, deshalb auch die Nachweise über Höhlenwohnstätten, wobei hier der Einstieg sowohl als auch der Aufstieg zum geschützten Bereich als Einfriedung zu ersehen ist.

Der Platz des Friedens, geteilt mit Mitgliedern eines Familienverbundes. Vergleichen wir das Bedürfnis nach Frieden und Schutz, ist dies nicht nur beim Menschen, sondern ebenso in der Tier- und Pflanzenwelt zu beobachten. Dabei ist die Art und Weise des Schutzes des Friedens willen sehr unterschiedlich. Abstecken mittels Urins ist vergleichbar mit einer Einfriedung.

Jeder dieser Tierspezies weiß damit, dieser Ort wird bereits als Revier angesehen und sein Aufenthalt ist geduldet, wenn nicht in Gefahr. Dies findet Beachtung, außer in Zeiten der Paarung oder anderen erdenklichen Möglichkeiten, nicht nur die Rivalität, sondern auch Katastrophen, Feuer, Erdbeben veranlassen; die abgesteckten Gebietsansprüche zu durchbrechen. Und nicht zu vergessen, selbst das Paradies ist ein umzäunter Garten Eden. Paradeisos, griechisch, Tierpark, Park. Pairi-daēza, avestisch (alt-iranisch), umgrenzter Bereich.

Einfriedung ist eine Ableitung von Frieden, althochdeutsch fridu, Schonung, aber auch Freundschaft, aus der ursprünglichen Bedeutung frei, althochdeutsch frī, durch die germanische Rechtsordnung zugehörig zu den Lieben, der Sippe, in der Begrifflichkeit von lieb, erwünscht. Die Schlußfolgerung dieser Wortbegriffe von lieb, erwünscht, frei, Schonung und Freundschaft kann als Wertebegriff innerhalb einer Gesellschaftsform verstanden werden.

Nun sind Gesellschaften ob durch familiäre Verbundenheit oder wie es so schön heißt durch Zweckgemeinschaften keinesfalls, auch wenn sie in einer Einfriedung leben vor Konfrontationen, Konflikten geschützt. Die Ursachen hierfür sind vielfältig, aber größtenteils hängt es mit etwas „kriegen“ zusammen, Recht kriegen, den letzten Rest des Bratens kriegen, mehr Liebe kriegen, Schläge kriegen, Lob kriegen, und vieles mehr. Genügend Anlässe sich übervorteilt, bevorzugt, alleingelassen, sich nicht in Ruhe gelassen zu fühlen und dies in der Gemeinschaft einzufordern.

Kriegen, mittelhochdeutsch krīgen, strebend erlangen, erringen. Der Krieg, mittelhochdeutsch kriec, Anstrengung, Streben, aber auch Kampf, sowohl als Wett-, Rechts,- Wortstreit. Auch hier läßt sich der Zusammenhang zwischen diesen Begriffen sehr gut nachvollziehen, oder?

Nun sitzen also die Sippenmitglieder in ihrer Einfriedung, und es herrscht dicke Luft. Lösungsmöglichkeiten, um wieder Frieden zu kriegen, sind wie eh und je Wortgefechte, Rechtsstreitigkeiten, Wettkämpfe oder einfach die Fenster und Türen zu öffnen, um die stickige Luft nach außen entweichen zu lassen.

Im übertragenen Sinn, bezogen auf den Menschen, der Krieg, das Erlangen, das wir anstreben, entweicht nur, wenn aus der Ich-Einfriedung der Drang zum Erwünschten freigelassen wird. Oder anders ausgedrückt, je mehr man sich verbarrikadiert, sperrt, einfriedet, umzäunt, desto mehr nimmt man sich die Freiheit, und anstatt frei, geliebt, geschont, erwünscht zu agieren, erringt man nur noch mehr höhere Zäune.

Natürlich setzt dies eine gegenseitige Bereitschaft voraus, die Bereitschaft, die jeweilige Einfriedung zu verlassen, um im ungeschützten Bereich, also im Bereich der Einfriedung des anderen einen neuen Blick, eine neue Perspektive zu erhalten. Bis der Mensch verstanden hat, daß jedes Erringen seiner Position nur mit der Freiheit des Gegenübers auf Dauer Bestand haben kann, werden wohl noch unzählige Einfriedungen gebaut werden, die die eigenen Freiheiten begrenzen.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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Protestsongs sollten die Welt verändern

Wenn Musik die Herzen der Menschen erreicht

Erinnern wir uns, als Minnesänger und Barden noch durch die Lande zogen, bei Hof und vorm Volk ihre schönen Lieder vortrugen. Kaum ein kritischer Ton gen Herrschaften war zu hören, die Obrigkeit selbst und das gemeine Volk wußten ob ihrer Grenzen, die niemand anzuzweifeln wagte. Protestsongs waren noch nicht erfunden.

Wo entstanden die Ursprünge der Protestsongs, die immerhin die gesamte Musikwelt nachhaltig verändern sollten, Bevölkerungsschichten Botschaften vermittelten, ihnen Halt gaben?

Soziale Mißstände riefen musikalisch politische Widerstände hervor

Die Kommunisten selbst waren es doch nach der Russischen Revolution, die in der Marschmusik Lieder für ihre politischen Botschaften instrumentalisierten, was allenthalben auf eine Form des Protests hinauslief, denken wir an den Rotgardistenmarsch, die imperiale Haltung der Fabrikbesitzer sollte von der sich auflehnenden Arbeiterschaft radikal beendet werden.

Bei einem Künstlerempfang traf der österreichische Komponist Hanns Eisler schließlich Bertolt Brecht, der sein eigenes Gedicht „Legende vom toten Soldaten“ vertont am Klavier spielend und singend vortrug. War dieses Erlebnis mitentscheidend, mit seinem Lehrer Arnold Schönberg dahingehend zu brechen, daß Musik laut Eisler eine soziale Funktion haben solle, hingegen Schönberg vehement die L’art pour l’art verteidigte? Kleinbürgertum traf revolutionäre Ansichten. Festgefahren schien zunächst der politische Protest sich um kommunistisch-sozialistisches Liedgut im deutschsprachigen Raum zu entwickeln, auch weil die rechten Kräfte immer deutlicher an Stimmen Ende der 1920iger gewannen.

Während der 1930iger Jahre formierte sich in den USA eine musikalische Bewegung, die kein geringerer als der Folksänger Woody Guthrie ins Leben rief. Die jahrelange Dürreperiode als Folge der Rodung der großen Präriegrasweiten brachte die Dustbowls hervor, die wiederum Woody beflügelte, darüber Balladen zu schreiben, sozialkritische Texte flossen somit ein. Mit Woody Guthrie darf man ruhig den Beginn der Zeit der Protestsongs bezeichnen, Bob Dylan selbst besuchte ihn an seinem Krankenbett und widmete ihm seinen Song „Song to Woody“.

Protestsongs etablierten sich schnell

Die weitere Entwicklung war nach den ersten sozialkritischen Protestsongs eines Woody Guthrie nicht mehr aufzuhalten, auch wenn staatlicherseits immer wieder versucht wurde, dem Einhalt zu gebieten. Denken wir nur an die Anti-Vietnamkrieg-Bewegung, die bereits Ende 1964 ihren Beginn hatte. So ließen es sich auch viele Musiker nicht nehmen, ihrem Protest Ausdruck zu verleihen.

Von den Beatles, über Bands wie The Doors, Pink Floyd bis hin zu den vielen Protestsonggrößen wie Joan Baez, Bob Dylan, Franz-Josef Degenhardt, Jennis Joplin, Reinhard Mey oder auch den Punk-, Rock-, Reggae- und Rapbands, sie alle haben eines gemeinsam: die bestehenden politischen Verhältnisse mit ihrer Musik anzuprangern, sich Luft zu machen in den Texten selbst. Diese transportieren eindeutige Botschaften insbesondere an die junge Generation.

Daß dabei natürlich auch extreme Gruppierungen sowohl bei den Linken als auch den Rechten fleißig mitmischen, um auf diese Weise ihre politischen Ziele unters Volk zu bringen, liegt auf der Hand. Mit der Musik werden wir Menschen wesentlich effektiver und daher auch schneller „erreicht“, als das jedes Buch, jede Rede auch nur ansatzweise vermag. Wir sollten die Welt der Töne und der Stimmen mit den dazugehörigen Texten nicht unterschätzen.

Wenn die Politik versagt, handelt die Musik

Mit dem Versagen der Politik, die Bürger nicht umfassend zu informieren und vor allem aber sie zu instrumentalisieren, regte sich Widerstand im Volk, entdeckte dabei die Musik ihre hervorragende Möglichkeit, den Protest massenreich zu formieren. Musicals wie „Hair“ oder das Bandprojekt „Band Aid“ waren eindeutige Signale an die herrschende Politik, ihren Kurs doch zu überdenken.

Midge Ure und Bob Geldorf gründeten 1984 mit vielen internationalen Popstars das Band Aid Projekt, um Geld für die Opfer der Hungersnot in Äthiopien zu sammeln. Eine verfehlte Entwicklungshilfepolitik brachte diese Idee hervor, wobei bis heute die Not selbst keineswegs sich gebessert hat. Doch erreicht Musik stets ihre politischen Botschaften? Oftmals nicht, denken wir nur an Pink Floyds „The Wall“. Anstatt sich mal das Bildungssystem an die eigene Nase faßt, hat sich bis heute dort politisch zu wenig geändert, zumal die Kritik sehr eindeutig formuliert.

Obwohl Mißstände uns Menschen das Leben unerträglich schwer machen, liefert Musik ihre Antworten als Zeichen des Protests, des Widerstandes. Wenn sie verstummt und Sprache nicht mehr stattfindet, wird es noch gefährlicher, denn ein dauerhaftes Schweigen sollten wir als eine totale Kapitulation zwischenmenschlichen Seins interpretieren.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Musik

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Wenn Stimmen der Stimmung entsprechend manch einen umstimmen

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Gekaufte Stimmung trügerisches Indiz

Sicher ist es jedem schon mal passiert, sagen wir mal, zumindest seit es die Möglichkeit der technischen Übertragung der Stimme gibt, das Telefon, daß die Person, die am anderen Ende der Leitung spricht, komplett anders im Aussehen wahrgenommen wird, als sie in Wirklichkeit ist. Sogar die Frage, ob es sich um eine männliche oder weibliche Person handelt, kann Verwirrung stiften.

Zuweilen ist es amüsant, mit einem Haushalt zu telephonieren, in dem ein Heranwachsender wohnt, oftmals ist in der Phase der Stimmentwicklung, unabhängig vom Geschlecht, die Stimme nicht von Mutter oder Vater mehr zu unterscheiden. Dies kann sich zwar wieder ändern, muß aber nicht, so daß es generell schwierig werden kann, zu wissen, mit wem man da gerade telephoniert.

Es ist nicht nur die Höhe oder die Tiefe einer Stimme, die zur Unterscheidung dient, es sind bisweilen kleinste Untertöne, Nuancen, Betonungen, die sich einprägen und zur Identifikation des Gegenübers beitragen. Ob die Stimme sympathisch klingt, ist sehr oft eine individuelle Empfindung, die nicht allgemeingültig ist. Gewisse „Stimmfärbungen“ durch Dialekte können bereits zur Ablehnung führen, dabei spielt der Inhalt des Gesagten keine Rolle. Sehr oft kann auch nicht vollständig geklärt werden, warum die eine Stimme einen Wohlklang vermittelt, die andere aber eher eine Aversion auslöst.

Die Stimme ist nicht abhängig von Körpergröße oder Gewicht, das Stimmvolumen einer Sängerin, eines Sängers kann demnach nicht danach bemessen werden, selbst die Stimmhöhe ist weder davon abhängig noch vom Geschlecht. Deshalb kann ein „stattlicher Mann“ eine sehr leise hohe, eine „zierliche Frau“ dagegen eine dunkle laute Stimme besitzen.

Wie schwierig es ist, keine Stimme zu besitzen, ist sicherlich nur für die Betroffenen und Menschen, die sich aufgrund von Familienzugehörigkeit oder beruflich mit dem Thema“ taubstumm“ beschäftigen, komplett nachvollziehbar. Vor gar nicht allzu langer Zeit galten „Taubstumme“ sehr oft als geistig zurückgeblieben. Obwohl bereits 1775 Samuel Heinicke eine Schule für gehörlose Kinder eröffnete, war und ist es bisweilen immer noch ein langer Weg, um Menschen, die an Gehörlosigkeit leiden, in die Gesellschaft zu „integrieren“. Zu Recht gilt der Begriff „taubstumm“ als überaltert, und „Gebärdensprachler“ nennen nicht ohne Grund die Mehrzahl der Menschen als „gebärdensprachbehindert“. Zu diesem Thema gibt es sicher immer noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten.

Eine Stimme zu besitzen, mit der man die Fähigkeit hat, sich auszudrücken, seine Wünsche, seine Wut, seine Freude, seine Trauer mitzuteilen, wird als selbstverständlich angesehen. Aber ist dies wirklich selbstverständlich? Nicht nur im Hinblick auf Erkrankung oder einer Erkältung, die kurzzeitig die Stimme in ein krächzendes Etwas verwandelt, sondern auch im Hinblick auf die Stimme, die abgegeben werden kann bei Wahlen oder anderen Anlässen?

Ab wann Eltern oder Erziehungsberechtigte ihren Kindern erlauben, mitzubestimmen, ob es Pudding zum Nachtisch gibt oder Eis, ob man den Nachmittag auf dem Spielplatz verbringt oder im Kino, wird sehr unterschiedlich gehandhabt. Die Stimme, die zur Wahl berechtigt, darf hier in Deutschland ab dem 18. Lebensjahr abgegeben werden. Um allerdings eine Entscheidung zu treffen, egal ob es sich um Pudding oder Eis handelt oder um die Wahl für eine politische Partei, überall gilt, wer nicht die Möglichkeit hat, verschiedene Meinungen, Auswahlmöglichkeiten zu haben und sich anzuhören, der kann seine Entscheidungen schlechter treffen.

Die Übung mit seiner Stimme umzugehen, gilt nicht nur im Bereich des Hörens, sondern auch in der Möglichkeit über das Gehörte zu sprechen, sich artikulieren zu können ohne erhobenen Zeigefinger, ohne Druck und Zwang. Dazu bedarf es gerade bei Kindern und Jugendlichen eines ständigen Prozesses der Auseinandersetzung, aber auch des Miteinanders. Wird dies nicht ermöglicht, wird es der Erwachsene schwerer haben, seine Stimme der Entscheidung zu geben, die er selbst getroffen und zu verantworten hat.

Die Stimme als Mittel zur Verständigung, zur Kommunikation ist keine Selbstverständlichkeit, genauso wenig wie für freie Meinungsäußerung. Für beide Faktoren ist es notwendig, die Stimme zu schulen. Auch wenn gerne vor Wahlen oder weniger spektakulären Anlässen Stimmen erhoben werden, die andere Stimmen übertrumpfen, so ist über deren Inhaltswert, deren Glaubwürdigkeit nicht der Lautstärke zu entnehmen.

Jegliche Stimmungsmache ist kein Argument für bessere Argumente, besseres Wissen oder besseren Beweis, weder auf einer Party noch für Entscheidungen zu irgendeiner Wahl. Auch ist es kein gutes Zeichen, wenn Stimmen stimmend gemacht werden durch Unterdrückung, Angst und Drohungen, egal welcher Art. Da es nicht nur heute die Möglichkeit gibt, Stimmen zu kaufen, sollte gerade, wenn es eine schnelle Anhäufung von Stimmen zu einem Thema gibt, deren Zustandekommen wenn möglich, hinterfragt werden.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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Fortschritt gleicht bedenkenloser Zerstörung

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Glücklich diejenigen, die still erdulden?

Grausame Zeiten stehen bevor, schnell mal dahergesagt, obwohl tatsächlich in solchen Augenblicken geistiger Wachheit der Realität ziemlich nahe, nur nicht für den Kommentierenden, weil die Gelegenheit des Innehaltens ihm nicht nutzt, Kritik am Zustand der Welt zu äußern. Mensch weiß nur zu genau, in wie weit seine Spezies zerstörerisch unterwegs, dennoch duldet er beinahe schicksalsergeben diese Auswüchse.

Einer Opferrolle gleich fügt man sich, ohne über Zusammenhänge nachzudenken, selbst wenn manch einer die Idee einer Ahnung hegt, erfolgt Rückzug in scheinbar sichere Schneckenhäuser, andere mögen versuchen, Herrschenden Paroli zu bieten. Welch Trugschluß, der ohnehin kaum Änderung bedeutet. Eher Mächten zuspielt, sie bestätigt.

Revolten mögen vordergründig sich Luft machen, mit den bekannten Auswüchsen von Rachegedanken und Haßtiraden, im Kern verbleiben die Mechanismen der Gewaltenteilung, wenn keinerlei Lehren daraus gezogen, das Leid der Bevölkerung fortgesetzt wird. Ein ewiglicher Kreislauf, aus dem kaum ein Entrinnen, weil das Gesetz des Stärkeren obsiegt?

Ein Paradigmenwechsel vermag aussichtsreiche Veränderung herbeiführen, falls Mensch ihn überhaupt erkennt und darüber hinaus auch annimmt. Dazu bedarf es geistiger Helfer, die ziemlich behutsam und clever vorgehen, alldieweil Mächte keineswegs bereit, ihr selbstgefälliges Dasein zu verändern. Werfen Sie mal einen unerschrockeneren, gezielteren Blick ins Leben mancher Führerfiguren.

Was sofort auffallen sollte: der überheblich selbstverständliche Lebensstil. Erinnert an Königshäuser, an dekadenter Völlerei, wenn mal eben an einem Abend-Dinner ein Essen sich geleistet wird, was locker den Monatsbedarf, der Teilhabe des dürftigen Lebens eines Hartz-IV-Empfängers gleicht. Aber für eine Frau Nahles übertreibe man im Wohlstandsland Deutschland. Reichtum rechtfertigt gern seine jahrhundertewährende Ausbeutungspolitik mit Blick zur Dritten und Vierten Welt, da bedeutet sehr wenig Hungertod und die „paar Obdachlosen“ hierzulande ein Fortschritt in dessen Augen.

José Mujica, der ehemalige Präsident von Uruguay, der selbst im Amt seinen bescheidenen Lebensstil fortsetzte, formulierte mal: „Es gibt keine Börse, an der Glück notiert ist.“ Innere Zufriedenheit erreicht jener verschwenderische Reichtum keinesfalls, nur Not und Elend bedeutet schon, beim Überlebenskampf keine Gedanken des eigenen Glückes entstehen lassen zu können. Dazwischen spielt sich das eigentliche Leben ab. Dies will gestaltet werden, wir alle haben es täglich selbst in der Hand, was wir zulassen und was eben nicht.

Sicherlich, die politischen Rahmenbedingungen erschaffen die notwendige Sicherheit einer Klientel, die mittels Geldströme herrschend bestimmt und lenkt, entsprechen insofern dem Wesen eines Kapitalismus, der den Lauf der Welt diktiert. Wollen wir unser Glück tatsächlich ihm überlassen, wissend, wie zerstörerisch einem Krebsgeschwür gleich, er stets Mutter Erde und alles Leben auf ihr gefährdet?

Mutter Erde hat genügend Antworten parat, in wie weit natürliche Kreisläufe ein sinnvolles Miteinander rechtfertigen. Nur der Mensch scheint sich seiner Rolle nicht mehr bewußt zu sein, deshalb zerstört er sie bedenkenlos, um dies auch noch als Fortschritt zu bezeichnen.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Quergedachtes

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