Wegen Dir

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Das matschige, patschige Geräusch der Tritte aus dem im Verfall befindlichen Blätter hörte sich fast genauso an wie Ulis Kaugummigeräusche, wenn er mal wieder mit voller Absicht und offenem Mund seine Kaugummis versucht, komplett aufzulösen, was ihm nicht gelingt, er aber behauptet, irgendwann käme der Tag, an dem er den Beweis antreten würde, daß es möglich sei, durch den ständigen Abrieb beim Kauen, die Masse sich auflöse, und dann wäre er eine Berühmtheit.

Beim Versuch eine Konstruktion zu basteln, die das Gebiß darstellen sollte, das angetrieben durch einen Elektromotor, das Kauen zu simulieren, erhielt er einen so heftigen Stromschlag, weil er an die Hauptsicherung der Fernheizung herumgefummelt hat, in der Meinung, da ist mehr Saft drauf als in einer Steckdose. Jedenfalls kam er mit Verbrennungen ins Krankenhaus, was ihn aber nicht davon abhält, weiterhin an seinem Bekanntwerden zu arbeiten, deshalb ist der Kaugummi, der diese fürchterlichen Geräusche verursacht, sicher schon einige Wochen alt.

„Scheiße!“, genau in die Pfütze, die müßten den Motorrad- und Treckerfahrern verbieten, durch dieses Waldstück zu fahren. Jetzt ist der linke Schuh total naß, Mist, die Socken auch. Es ist aber heute auch verdammt dunkel, hätte nicht gedacht, daß hier noch Wasserlachen auf dem Weg sind, wann hat es das letzte Mal geregnet. Vorgestern. Und ich Trottel latsch um halb zwei nachts los, um Siggi abzuholen. Sechs Kilometer hin, sechs Kilometer zurück. All das nur, weil sie sich mit ihrem Freund gestritten hat und jetzt heulend an der neuen Tankstelle wartet. Sie hätte ja nicht wissen können, daß mein Auto kaputt sei, Siggi, seit einer Woche fahre ich mit Andreas schon zur Arbeit. Ach nee.

Kalt ist mir, nicht mal den Schal hab ich mitgenommen, keine Mütze, okay, das Laufen wärmt einigermaßen, knatsch, knatsch, platsch, platsch. Ich hol mir hier noch die Grippe oder eine Lungenentzündung. Das Feuerzeug hab ich vergessen, was nützen mir Zigaretten ohne Feuer? Wegen dir Siggi bin ich gerade drauf und dran, mir den Tod zu holen. Vielleicht hätte ich doch lieber an der Straße langlaufen sollen, geschätzter Umweg drei Kilometer, geschätzte Wahrscheinlichkeit noch jemanden fahrend auf der Strecke anzutreffen bei fünf Prozent. Pfützen hätt’s dort nicht gegeben. Dafür ist mir die Siggi aber was schuldig. Wie lange waren wir befreundet, nein, ein Paar, zwei Jahre, dann bäng war plötzlich Schluß. Ihre neue Freundin vom Gymnasium, diese doofe Zicke, war wichtiger, hat nur noch mit ihr abgehangen.

Große Liebe zerbrochen. Schutt und Asche. Nicht ganz, versteh mich immer noch ganz gut mit ihr, ist inzwischen sowas wie eine heiß geliebte Schwester. Nicht ans Rauchen denken. An der Tanke gibt es Feuer. Na, klar, Feuer an der Tanke. Mistkarre. Total kaputt. Hätte ruhig noch ein bißchen durchhalten können. Komm mir vor wie beinamputiert. Wie schnell man sich an so einen fahrbaren Untersatz gewöhnen kann. Früher bin ich diese Strecke oft mit Siggi und ein paar Kumpels gegangen, ab ins Stadtleben. Im Dorf ist tote Hose. Vielleicht hätte ich meinen Alten doch wecken sollen, damit er mir das Auto leiht, aber nein, ich hab ihm den Schlaf gegönnt und mir das Laufen.

Werd mir erstmal einen Kaffee ziehen und ne Zigarette rauchen, bevor ich mit ihr wieder loslaufe. Hoffe, sie hat sich inzwischen etwas beruhigt, sie kann mordmäßig übertreiben, wenn sie mal ihre Heularie hat.

„Hallo, ähm, ich, hier, war hier kein blondes Mädchen? Sie wollte auf mich hier warten, hat von hier aus angerufen.“
„Ach die, die sitzt seit Ewigkeiten unten auf der Toilette, dachte schon, ich sollte den Krankenwagen rufen!“

„Siggi, Siggi!“
„Ah, Simon, Mensch Simon, mir geht’s so dreckig!“
„Komm, ich lad dich auf nen Kaffee ein, du siehst ja verheerend aus. Sag mal, hat der dich geschlagen?“
„Nein, er hat nur, sag mal, was ist das für ein Lärm?“
„Hört sich an wie Halbstarke, die gerade aus der Disko kommen. Komm, wisch deine Tränen ab und laß uns nachsehen.“

„Happy Birthday to you!“ „Alles Gute zum Geburtstag!“ „Hey, Simon, guck mal hier rüber, kriegst auch das Photo!“
„Uli, Silke, Til, Sabine, Moni, Jessi, Julian, Papa, Mama?“

„Überraschung, Überraschung!“
„Hier sind deine neuen Autoschlüssel, der rosa Golf steht draußen, quatsch, er ist blau, ist das nicht klasse, alle haben dicht gehalten, sogar deine Eltern.“
„Echt krass, das alles!“
„Ja, das alles wegen dir und unserer Freundschaft!“

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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Fußball: Hooligan-Randale willkommener Kriegsersatz

BVB-Fans bewerfen Frauen und Kinder mit Dosen und Steinen

Mann muß sich messen, seinen Macker heraushängen, wenn schon so mancher Pantoffelheld zu hause nicht die Hosen anhat, dann wenigstens im Angesicht aggressiven Männerschweißes beim Fußballspiel, wo Hooligan-Randale willkommener Kriegsersatz.

Nach über siebzig Jahren Frieden in Deutschland fühlen sich manche dazu berufen, unbedingt jene, die sich in Auslandskriegseinsätzen nicht beweisen können und dürfen, ihren Drang nach Kampfeinsätzen in Schlägereien sich tummeld zu verwirklichen. Feindbilder werden in der gegnerischen Mannschaft beim Fußball ausgemacht wie jüngst, als BVB-Fans Frauen und Kinder von vermutlichen Leipzig-Fans mit Dosen und Steinen bewarfen.

Dortmunder Stadtteil Dorstfeld ohnehin Hauptquartier der Neonazi-Szene

Fußball-Hooligans besonders gern gesehene Gesellen, die sich schnell mal für die Neonazi-Szene instrumentalisieren lassen? Dem kann niemand, der die Entwicklung etlicher Gewaltexzesse rund um den Fußball verfolgt, widersprechen. Obwohl die 2006 gegründete Initiative „Respekt! Kein Platz für Rassismus“ zusammen mit der FIFA und anderen Initiativen bereits auf die hohe rassistische Gewaltbereitschaft entgegenwirkten, bleibt diese versteckt latent bestehen.

Ein Grund mehr angesichts des Aufwindes der Neuen Rechten, genauer hinzuschauen, was da entsteht und wieder mal hierzulande sich neu organisiert wie im Dortmunder Stadtteil Dorstfeld, dem Hauptquartier der Neonazi-Szene, einer Hochburg, die sicherlich bis heute agiert. Im letzten Sommer bewies mal wieder deutsche Rechtsstaatlichkeit ihr lasches Verhalten bei eindeutig rechtsextremen Straftaten, was somit auch ein fragwürdiges Licht auf den NSU-Prozeß wirft, der nach wie vor exemplarisch diese Haltung bestätigt!

Neofaschistische Tendenzen vom Fußball bis mitten hinein in unsere Gesellschaft?

Wer hätte das gedacht, daß nach 12-jähriger Nazi-Herrschaft, einer vor sich hin wurschtelnden NPD, ein Verbot dieser rechtsextremen Partei wurde bekanntlich zweimal vom BVerfG vereiteilt, erneut einer Partei mit denselben Ansichten und Forderungen der Weg in den Deutschen Bundestag geebnet wird wie jetzt dieser AfD? Dank Flüchtlingselend und salonfähigen Rassismus über Trump, Le Pen, Orbán und Hofer wehen neofaschistische Tendenzen vom Fußball bis mitten hinein in unsere Gesellschaft?

Was früher die Stadien im Römischen Reich dem Volk per Brot und Spiele boten, verschafft sich schon länger Luft im Reigen etlicher Gewaltexzesse in Fußballstadien. Trotz Sicherheitskonzepte entlädt sich die aufgestaute Wut der Fußball-Hooligans, die oftmals keine Probleme damit haben, auch rechtsextremes Gedankengut direkt vor Ort per Gewalt zu entladen an all jene, die es zu bekämpfen gilt.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gesellschaft

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Liebreiz in deinen Augen

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Der Liebreiz in deinen Augen
läßt mich erschaudern,
mein Blut gefriert,
der Puls vibriert.

Mein Leben
würd ich geben,
deine Nähe zu spüren,
dich zu berühren.

Du bist so unnahbar,
es ist unfaßbar.
Ich bin dir schnuppe,
geliebte Schaufensterpuppe.

Nafia

Kategorie: Gedichte

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Europas politischer Umbruch nimmt schärfere Konturen an

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Le Pen in Frankreich oder Schulz hierzulande?

Mit dem Brexit beweist Großbritannien erneut seine Außenseiterrolle, wer drüben auf der Insel lebt, weiß wie man dortigst den Kontinent stets kommentiert. Insofern eigentlich keine große Überraschung, außer daß bis heute niemand sich so recht vorstellen mag, auf welche Weise die Briten die wirtschaftlichen Einbrüche auffangen können.

Jener politische Umbruch Europas nimmt allerdings schärfere Konturen an, Donald Trump verabschiedet sich erwartungsgemäß mit seinem „America First“, in Frankreich läuft der Wahlkampf langsam auf Hochtouren, während hierzulande die SPD mit Schulz ins Rennen gegen die amtierende Bundeskanzlerin tritt. Die EU könnte schon bald ihren Einfluß verlieren, falls die Franzosen dem Front National folgen.

En Marche vs. Frexit

Der ehemalige Investmentbanker und Wirtschaftsminister unter Hollande, Emmanuel Macron, tritt als unabhängiger Präsidentschaftskandidat an mit eigener ins Leben gerufener Bewegung En Marche, der heitere Populist hat durchaus große Chancen, Marine Le Pen in der Stichwahl herauszufordern, die beharrlich am Frexit festhält, obendrein über einen Austritt aus der NATO sinniert.

Erlebt Europa daher schon bald die Wiedereinführung des Francs, ein Ende des Schengener Abkommens an den französischen Grenzen? Mit Le Pen dürfte dies schnell möglich werden. Macron hingegen wirbt dafür, daß man kein System verteidigen könne, welches die Demokratie schwäche, er setzt sich genauso für Flüchtlinge ein wie Angela Merkel, versucht wie Le Pen die Nichtwähler, die Politikverdrossenen im Lande ins Boot zu holen.

Beide Volksparteien haben gleich zwei Optionen

Die SPD im Siegestaumel seit Gabriels Rückzug und Schulzes Kandidatur? Immerhin tummeln sich die Sozialdemokraten an der 30-Prozent-Marke laut gestriger Umfrage bei Emnid mit 29%, nur vier Prozent hinter den C-Parteien, die AfD bei 11% die angestrebte 20-Prozent-Marke in weite Ferne rückt. Kein Grund zur Freude oder gar Entwarnung, bis September dürften noch einige Überraschungen folgen, wobei die Frankreichwahl manche Wähler hierzulande beflügeln wird, sich der Neuen Rechten anzuschließen.

Alles offen, denn beide Volksparteien haben mit den Ampel-Koalitionen zwei Optionen, die C-Parteien könnten sich am Ende doch auf die AfD einlassen. Erfahrungsgemäß erwirken regierungspolitische Erwägungen ihren Reiz, bieten Ansporn genug, den Bogen der Kompromißbereitschaft zu überspannen. Auf der anderen Seite kann man sich eine R2G-Koalition kaum vorstellen, es sei denn die Linke verrät ihre Prinzipien und läßt sich auf den EU-Hardliner ein, der zwar heute einer Agenda 2010 die rote Karte zeigt, morgen jedoch die Fortsetzung von Hartz IV und Lohndumping billigt. Auch bei Schulz gilt: Was interessiert das Geschwätz von gestern.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Politik

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Botschaft des Hermelin

Hermetisch abgeriegelt
Hermetisch umzingelt
Hermetisch weggesperrt
Hermelinkragen, er
Hermelinmantel, sie

Hermetisch vereint
Hermetisch verlogen
Hermetisch klassifiziert
Hermelinkragen, er
Hermelinmantel, sie

Hermetisch geschützt
Hermetisch versiegelt
Hermetisch geschlossen
Hermelinkragen, er
Hermelinmantel, sie

Hermetisch, Götterbote
Hermelin, Wiesel
Botschaft, Tod
Hermelinkragen, er
Hermelinmantel, sie

Undurchdringlich
eure Botschaft?
Das Wiesel
ist tot.

Nafia

Kategorie: Gedichte

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Zeitalter des Gríma hat längst begonnen

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Satirischer Rückblick…

Kritische Stimmen sehen’s vorm geistigen Auge janz verschwommen, des Trumps Schlangenzunge berät ohne Unterlaß vom neugefundenen Haß, bei dem der Mensch nichts zählt, außer er ist rassistisch, weiß und hat jenuch Geld. Was Tolkien noch beherzt uns allen hinterließ, jetzt auf schier undenkbarem Wege stieß: Jeder Widersacher wird schlichtweg eliminiert, Hauptsache Alternative Fakten installiert.

Drum darf man durchaus Gorbatschows Sorgen teilen, zur Frage der Menschheit, ob Krieg oder Frieden wird schicksalhaft ihr entgegeneilen. Eine Stimmung der Angst bewußt herbeigeführt, vermag es niemals richten, kapiert?! Doch Rechtspopulisten trauen sich inzwischen in allen Schichten, ihr Gedankengut zu streuen, Zwietracht und Haß ihren Mitmenschen einzubläuen.

Wollen wir wetten, Humanismus offenbart nicht zufällig seine fragwürdigen Facetten?! Das hat schon seinen perfiden Sinn. Wo führt der wohl hin? Stolpern wir bloß nicht zum nächsten Bann, ach, Liebling, laß das Licht an. Zurück zum Ursprung, wo alles anfing? Nimm mich mit zum Garten Eden, nützt eh nicht mehr all das viele Reden.

Wir sehen doch schon beim Mindestlohn, Erpressung und Nötigung seitens Arbeitgeber zweckdienlich sein Ziel erreicht, der abhängig auf Lohn Angewiesene dieser Offerte weicht. Familienpolitik im Diskurs zwischen Pisa, Konsum und Kinderrechten schwerlich das Volk gängelt, während elitäres Gehabe sich heimtückisch davonschlängelt. Sagt’s doch unumwunden: Wer glaubt noch, wir seien im Miteinander verbunden? Leute, wer hierbei den verlogenen Braten wohl roch.

Es wirkt jetzt schon ziemlich ausgeleiert: Donalds „You’re fired!“ Was wird uns dieser neue Despot wohl weiteres bescheren? Vermag kaum jemand schlüssig erklären, zumal im Bannkreis Bannons ohne Furcht und Tadel Humpty-Trumpty einfach cholerisch handelt, keineswegs lustwandelt, viel eher sein Umfeld und die Welt dann verschandelt.

Siemens Probleme mit den Menschenrechten sich dabei einfügen, ungehört verraucht anmahnendes Rügen, Hauptsache Profite eingetütet, Politik keine Gerechtigkeit hütet. Viel Lärm um Traktoren vermag den Bezug zum Traktieren herstellen, Urteile sollten wir schon selbst fällen, inwieweit man sich alles gefallen lassen muß.

Kein Stuß – lehnt Euch ein Stückweit zurück, genießt das Glück beim Lesen, und sei es ein Straßenbahnkrimi, als ob ihr dabeigewesen. Oder ne Kurzgeschichte über „Barbara auf dem Weg“, Hauptsache man lauscht nicht all dem Dreck, der zum Selbstzweck die Menschheit mal wieder belügt und betrügt.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Satire

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Barbara auf dem Weg

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„Barbara, suche schon mal deine Förmchen zusammen, wir wollen gleich gehen.“ „Ich will aber nicht!“ „Barbara, Papi kommt doch gleich nach hause!“ Barbara scheint überhaupt kein Interesse zu haben, ihren Papi zu sehen. „Hallo Barbara, ich heiße auch Barbara, ist das nicht schön?“ Das kleine Mädchen sieht verdutzt in mein Gesicht, zur Mutter, nimmt zwei Sandförmchen auf und beeilt sich, in Mutters Nähe zu kommen.

Sie wirkt verunsichert und dem Heulen nahe, die Mutter steht auf und sammelt die restlichen Sandspielsachen ein, Barbara, das Kind, ist ganz eng an ihren Beinen. „Barbara, laß das, das ist doch albern.“ „Entschuldigen Sie, was haben Sie zu meiner Tochter gesagt, daß sie so verängstigt ist?“ „Ich heiße auch Barbara.“ „ Aha!“ Sie verläßt mit ihrer Tochter an der Hand zügigen Schrittes den Spielplatz. Sie schauen zurück, beide, als befürchteten sie, ich würde ihnen folgen.

Barbara, auf dem Taufschein, bei der Taufe, Barbara, Wilma. Wann wußte ich von meinem Namen, beim Arztbesuch, Kindergarten, Schulbeginn, ich kann mich nicht erinnern. Barbara, wie fremd das klingt. Barbara, bin ich das? Barbara, Wilma?

Kann mich nicht erinnern, jemals Barbara gewesen zu sein. Babs, Babsi, ein Leben lang, zumindest so an die vierzig Jahre. Ja, vierzig, das kann hinkommen. Hinkommen, wohin? Bin ich weggegangen? Klar. Sonst säße ich jetzt nicht hier, mitten in dem Stadtpark, auf einer schattigen Bank. Vor mir der Spielplatz. Hinter mir irgendwo die angelegten Wege. Der kleine See mit Enten. Gibt es einen Stadtpark ohne Enten? Sie sind ohne Namen da hingekommen, oder? Barbara. Barbara, werd erwachsen, sei erwachsen, du benimmst dich wie ein pubertierendes Kind.

Abfinden, ich muß mich abfinden, abbinden, loslösen, Babsi. Loslösen von der Bank. Als erstes. Loslösen von Babsi. Nein. Barbara. Nein. Wilma. Oma. Auf keinen Fall. Blödes Huhn, ich bin ein blödes Huhn. Timo, deine Babsi ist ein blödes Huhn. Timo. Trauerst du? Kann man, wo immer du jetzt bist, trauern? Fehle ich dir? Du fehlst mir!

Es ist immer kalt bei deinem Grab, sommers wie winters, mit oder ohne Blumen. Kalt. Kalt deine Bettseite, die Schrankseite leer, bis auf wenige Stücke, die habe ich im Karton, den wir einmal zusammen für die Kinder gebastelt haben. Erinnerst du dich noch? Wir hatten gestritten, du wolltest unbedingt diesen großen Karton, ich nicht. Du hast wütend das Haus verlassen, ich blieb zurück. Wie jetzt, zurück.

Ich kann nicht Barbara sein, deine Babsi, deine Schildkröte. Was kann die Schildkröte dafür, daß sie einen falschen Namen hat. Kröte. Schilddrachen. Schilddrachenkämpfer, Mensch Babsi, erinnere dich. Timo, du bist ein Spinner! Heute treffe ich mich das erste Mal mit Micha alleine, wir sind verabredet. Verabredet. Barbara, hab einen Tisch reserviert für acht am Freitag beim „Mountain“, nur für uns beide. Barbara, nicht Babs, nicht Babsi. Timo, deine Babsi kann nicht Barbara sein, deshalb, es wär schön, wenn du neben mir sitzen könntest, jetzt, hier.

Aus unerklärlichen Gründen stießen heute Morgen gegen sieben Uhr dreißig ein Motoradfahrer und ein Kleinlaster auf der Strecke Hellenstedt, Briemstedt zusammen. Der schwerverletzte Motoradfahrer starb auf dem Weg ins Krankenhaus.

Der Fahrer hatte einen Herzinfarkt, er hat überlebt. Ich war lange Zeit böse, wütend auf dich, nicht auf ihn, er hat überlebt, du nicht. Du hast mich verlassen, laß los Babsi, laß los Babsi. Timo. Du auch. Du auch!

Babsi geh hin, du bist Babsi, der Schilddrache, der Schilddrachenkämpfer, tu dir den falschen Namen nicht an, Babs. Der Schilddrachenkämpfer hat verstanden. Ab heute Babsi. Für Micha, Babsi, für dich Timo, Babsi, für mich, Babsi. Kindische Babsi, auf nach hause, umziehen, Barbara Wilma.

Sie stand auf, trat in die nachmittägliche Sonne und ging festen Schrittes, ohne sich umzudrehen auf das schmiedeeiserne Tor zu und verschwand hinter den immergrünen Hecken des Stadtparks.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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