Abend

 

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Ich möcht’s am Abend mit Dir, noch einmal seh’n,
sollst mich begleiten, und mit mir jene Wege geh’n,
die uns vom Schicksal auferlegt, gewollt, spontan,
wir nicht missen können, dürfen – denken wir daran.

Ich möcht’s am Abend mit Dir noch einmal wissen,
will Dich umarmen, zausen, streicheln – und küssen,
wie wir’s bei Tageslicht getan, offen, auch mal heimlich,
erfüllt von Lust, denn Menschlichkeit ist niemals peinlich.

Ich möcht’s am Abend mit Dir noch einmal machen,
les‘ und spinne Dir was vor; ich seh‘ Dich lauthals lachen,
und tu’s Dir gleich, denn dies ist uns wohl mitgegeben,
so man sich krümmt, tu’s nur aus diesem Grund im Leben.

Ich möcht’s am Abend mit Dir, noch einmal wagen,
meinem Feinde, Sensenmann, das Schnippchen schlagen,
ihn überlisten, belügen, gnadenlos in die Enge treiben…
Und ich halt‘ Deine Hand. Wirst nicht gehen. Wirst bleiben.

Peter Petereit

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Lebenserfahrungen hinterlassen ihre sichtbaren Spuren

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Altern ein völlig natürlicher Prozeß

In dein Gesicht laß mich schauen, was mir so vieles verspricht an gelebtem Sein, denn diese Falten mögen den Jungen und Alten Zeugnis ablegen, weil gezeichnet vom Leben. Wenn jede Falte uns Geschichten erzählt, dann wissen wir ebenso, Altern ist ein völlig natürlicher Prozeß.

Durchaus möglich, daß bestimmte Redensarten sich mit der Zeit durchsetzten, so auch: „A Schwôb wird erschd mit vierzich gscheid.“ Daß damit dem süddeutschen Volk auf der Schwäbischen Alb unterstellt wird, es im Grunde genommen in den ersten Lebensjahrzehnten eher ein Spätzünder in der Entwicklung sei, mag jene Redensart entstehen haben lassen, andererseits spricht die 40 auch für Lebenserfahrung, für eine bestimmte Gewißheit, so manche Fehler zu vermeiden.

Ideal ewiger Jugend ein Widerspruch der Natur

Man sollte schon festhalten, daß es Menschen gibt, die von Beginn an genetisch bedingt fast keinen Einfluß ausüben können, was die sichtbare Hautalterung anbelangt bzw. eine erhöhte Faltenbildung, dies besonders im Gesicht für Irritationen führen mag. Da helfen weder überteuerte Vitampräparate oder andere heilsamversprechende Medikamente noch eine speziell angewandte Ernährung.

Problematisch für solche Menschen, wenn sie einer Gesellschaft ausgesetzt, in der Schönheitsideale die Allgemeinheit beeinflussen, sich viele an ihnen orientieren, gar zu messen versuchen. Dann stören Falten vehement. Wobei man sich stets die Frage stellen sollte, wieso bei Männern, die u.a. auch ins Schwabenalter kommen, Falten als Reife interpretiert werden, während Frauen stets eher mißachtet werden.

Frau hat dem Schönheitsideal einer junggebliebenen, faltenfreien Haut zu entsprechen, was somit selbst die Kosmetikindustrie äußerst werbewirksam nicht nur zu vermarkten versteht, sehr gut daran verdient, sondern darüberhinaus unsere Gesellschaft ihm bedenkenlos nacheifert. Denken wir hierbei besonders an die weit verbreiteten Schönheits-OPs. Die Folge: „Alte, faltige Frauen“ werden abgewertet, gar ausgeschlossen.

In sofern muß man revidieren, daß Älterwerden schwerwiegender sich darstellt, in Wirklichkeit an Äußerlichkeiten sich „festmacht“, selbst wenn inszwischen in den Industrienationen die Höhe des Alters zunimmt, bedeutet es längst nicht, in allen Lebenslagen auch akzeptiert und respektiert zu werden. Denken wir an das Arbeitsleben, trotz der Erhöhung des Renteneinstiegsalters wird es für Arbeitnehmer mit zunehmenden Alter, einen Job zu erhalten, erst recht in Zeiten latent vorhandener Arbeitslosigkeit immer schwieriger bis aussichtslos.

Mitmenschlichkeit vs. verlogener Werbebranche

Mitnichten läßt sich das Image der ewiglich jugendlichen Haut durchhalten, weil jeder Mensch dem Alterungsprozeß ausgeliefert sich stellen muß. Beim einen sichtbar früher, beim anderen halt später. Na und?! Während viele die markanten Gesichtszüge eines Sean Connery bewundern, der erst im Alter gerade für die Frauen interessant wurde, vermochte ein Leonardo DiCaprio lange Zeit sich seiner jugendlichen Alterserscheinung erfreuen. Gegensätze verdeutlichen dies vielleicht anhand dieser beiden bekannten Filmschauspieler, hingegen manche betreten wegschauen, wenn Frauen ins „Faltenalter“ gelangen, um es mal so deutlich zu nennen.

Dennoch erzählen Falten im Gesicht uns ihre ganz eigenen Geschichten, spiegeln das Wesen des Menschen wider, ob männlich oder weiblich, offenbaren den Charakter, die Lebensgewohnheiten, egal ob genetisch vorbelastet oder mittels Rauch- und Alkoholkonsum herbeigeführt, sie machen uns aus. Gönnen wir sie den Menschen, die sie nach außen tragen, tolerieren deren markante Gesichtszüge, horchen zu, wenn Alter uns begegnet, vorurteilsfrei, respektvoll. Das zeichnet Mitmenschlichkeit aus, die sich eben nicht nach künstlichen Vorgaben einer verlogenen Werbeindustrie richtet.

Lotar Martin Kamm

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Dinge sich merken keine leichte Sache

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Erfolgreichere Erinnerung ohne Knoten im Taschentuch?

Merken Sie, wenn Sie fixiert werden, obwohl Sie mit dem Rücken zu dem Beobachter stehen? Haben Sie sich die Lebensmitteleinkäufe gemerkt, die Sie sich aufgeschrieben haben auf dem Zettel, der jetzt immer noch auf dem Küchentisch liegt? Merken Sie den Wetterumschwung, obwohl am Himmelszelt noch keinerlei Anzeichen für eine Wetteränderung zu sehen ist? Merken Sie sich leicht Telefonnummern, Namen, Witze?

Einige Menschen haben absolut keine Mühe, sich Dinge zu merken, andere benützen sogenannte „Eselsbrücken“, um sich dadurch wieder zu erinnern. Der Trick mit dem Knoten im Taschentuch ist übrigens nicht die beste Möglichkeit, scheinbar vergessene Sachen dadurch wieder in Erinnerung zu rufen. Besser sind Anhaltspunkte, die in irgendeiner Form mit dem vergessenen Gegenstand in Verbindung gebracht werden können.

Aber selbst, wenn Sie bestimmte Tricks anwenden, kann es sein, daß Sie dazu neigen, etwas partout nicht merken zu können. Das mag Sie erschrecken, ist aber nicht unbedingt ein Zeichen für Vergeßlichkeit oder Nichtverstehen können, sondern liegt mitunter eher daran, daß Sie für diese Dinge kein Talent haben, das heißt, wenn Sie sich keine Noten merken können, sollten Sie auf keinen Fall Musiker werden wollen. Aber vielleicht bereitet es Ihnen keine Schwierigkeiten, Vokabeln einer fremden Sprache zu vergessen, dann könnten Sie sich überlegen, eventuell als Übersetzer ihre Brötchen zu verdienen.

Merken, althochdeutsch merchen, kenntlich machen. Wohl abgeleitet von Mark, Grenzzeichen, Grenzland. Althochdeutsch marcha, sprachverwandt mit lateinisch margo, Rand. Mark, Bezeichnung für Grenzland, auch erkennbar im Begriff Markgraf. Mark, Bezeichnung für Währungseinheit, mittelhochdeutsch marc, marke, Silber-Goldbarren mit amtlichem Siegel (der jeweiligen Mark, Gebiet).

Bis hierhin alles gut verständlich, da merken mit markieren, erkennen, im Gedächtnis behalten auch mit Zuhilfenahme irgendwelcher Ansatzpunkte wie den Knoten im Taschentuch.

Mark, mittelhochdeutsch marc, althochdeutsch marag, ursprünglich Gehirn, bedeutet ebenso inneres Gewebe, weiche Masse von Knochen, zu Brei verarbeitet Fruchtfleisch. Beziehen wir uns in diesem Fall auch auf den lateinischen Ausdruck marginal, der von margo, Rand abgeleitet ist, so erinnern wir uns, der Knoten im Taschentuch ist schließlich dafür gesetzt worden, daß die Vorfahren sich dessen bewußt waren, nicht alles immer behalten, gemerkt werden kann, denn marginal bedeutet, am Rande liegend, unbedeutend, unwichtig, geringfügig, nicht einem bestimmten Bereich zuzuordnen.

Sie, die Vorfahren, waren sich also bewußt, daß trotz Markierung der Knoten im Taschentuch sich lösen konnte und übrigblieb nur noch eine einzige weiche Masse im Mark, die es unmöglich macht, den Wald vor lauter Bäumen zu sehen, zu erkennen. Wir erkennen das offensichtliche nicht, haben vollkommen den Durchblick verloren, sehen etwas nicht, obwohl es direkt vor uns liegt.

Merken wir uns, daß merken nicht bedeutet, etwas für alle Ewigkeiten abgespeichert zu haben, sondern ohne weiteres durch unser Gehirn als am Rande liegend, bedeutungslos einsortiert werden kann, ohne gleich das Gefühl des Versagens, der Unfähigkeit des Erinnerns auszulösen. So kann durch den Wegfall der Streßfaktoren „Unfähigkeit, Dummheit“, auch der Markierungssteine, der Knoten in den Taschentüchern, die Verzweiflung nicht mehr den Stellenwert besitzen, der am Grenzwall der Markierung (Erinnerung) den Geist, das Gehirn lähmt.

Doris Mock-Kamm

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Madagaskar: Regierung läßt tatenlos die Holz-Mafia gewähren

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flickr.com/ World Humanitarian Summit 2016/ (CC BY-ND 2.0)

Freilassung von Umweltschützer Clovis Razafimalala gefordert

Im Januar 2010 berichtete bereits der Regenwald e.V. eindringlich über die Machenschaften der Holz-Mafia auf der Insel Madagaskar, die skrupellos den Raubbau von Rosenholz, Ebenholz und anderen Edelhölzern vorantrieb, ohne daß sie gestoppt wurde, die Regierung läßt sie bis heute tatenlos gewähren.

In dem im März desselben Jahres erschienenen Artikels der GEO wird ausführlich über den illegalen Holzhandel in Madagaskar berichtet, von dem auch die US-amerikanische Gitarrenfirma Gibson profitiert. Nunmehr wurde der Umweltschützer Clovis Razafimalala verhaftet, dessen Freilassung unbedingt gefordert wird, weil Freunde zurecht um sein Leben fürchten.

Über 90 Prozent der Wälder fielen bereits zum Opfer

Damit auch eine reiche Klientel in Asien, speziell in China sich die teuren Edelhölzer kauft, Hauptsache sich mit jener Materie den Luxus gönnen, egal ob die Natur selbst auf der ostafrikanischen Insel darunter leidet. Welch Hohn, wobei ebenso Musiker nicht ganz unbeteiligt sind, man hätte schon längst Gibson abstrafen können, Verbraucher haben sehr wohl eine gewisse Macht, wenn sie dies denn endlich erkennen würden!

Was nutzen offiziell geschützte Waldgebiete in Madagaskar, in denen das Fällen von Bäumen strengstens verboten ist, wenn die Behörden selbst bis in Regierungskreise hinein mittels Korruption an den Geschäften mit den Edelhölzern involviert sind? Nichts. Nach dem Sturz des Präsidenten Charles Rabemananjara im März 2009 übernahm Andry Rajoelina die somit nicht legitimierten Regierungsgeschäfte, der illegale Holzhandel blühte erst recht auf.

Freiheit für Waldschützer Clovis!

So lautet die beherzte Petition des Regenwald e.V., in der eindringlich um Unterschriften gebeten wird, die sich mit einem Anschreiben an den derzeitigen Präsidenten Hery Rajaonarimampianina richtet, der im Dezember 2013 bei der Stichwahl als Sieger hervorgegangen war. Allerdings darf man dennoch skeptisch dessen weiteren politischen Werdgang beobachten, wie auch Maja Braun im Artikel bemerkte.

Wer die Petition „Freiheit für Waldschützer Clovis!“ unterschreiben möchte, kann dies hier tun. Es fehlen nur noch knapp 2.000 Unterschriften bis zum Etappenziel. In wie weit die letzten Restbestände der Edelhölzer in Madagaskar noch zu retten sind, bleibt mal dahingestellt. Angesichts des bisherigen Verlaufs muß man leider eher befürchten, daß die Holz-Mafia sich nicht weiterhin stoppen läßt.

Lotar Martin Kamm

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Autopiloten auch nur Idioten

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flickr.com/ CJS*64 „Man with a camera“/ (CC BY-ND 2.0)

Wenn das denn ginge,
ich mich dem bediente,
könnte ohne Bedenken
Autopiloten Vertrauen schenken.

Mich gemächlich hinlegen,
das Gefährt wird es regeln,
Zielpunkt eingespeichert,
das Leben erleichtert.

Könnt mich satt sehen,
Däumchen drehen,
an nichts denken,
Technik kann lenken.

Streßfrei ankommen,
Glieder leicht benommen.
Zimmer ist reserviert,
schon wird das Essen serviert.

Klappt alles am Schnürchen,
etwas müde, ein bißchen.
Nichtstun macht träge,
Schnäpschen gut täte.

Man wird nicht wach davon,
etwas mehr braucht es schon.
Man will ja genießen,
Langeweile soll nicht verdrießen.

Schon nimmt der Alkohol
zu deinem Wohl
die Oberhand
über deinen Verstand.

Er ist der Autopilot,
sagt, du bist kein Idiot,
du bist der Beste,
hast dich im Griff, ganz feste.

Steigst in dein Auto,
Lebenskraft spürst du heute.
Die Automatik funktioniert,
wenn sie richtig programmiert.

Die Krux ist an diesen Sachen,
alle sich nicht darauf verlassen.
Drum wenn es auch ging,
mein Vertrauen in andere ist gering.

Nafia

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Burkina Faso: Yacouba Sawadogos Wald in der Wüste

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flickr.com/ World Resources/ (CC BY-NC-SA 2.0)

Verbesserte Zaï-Methode wider internationaler Entwicklungshilfe

Die trockene Sahelzone bietet Mensch und Tier kaum Chancen, ein dortigst längeres Überleben darf als nahezu aussichtslos gewertet werden, es sei denn, entsprechende Vegetation setzt diesen Zuständen etwas wirkungsvolles entgegen.

Im Norden von Burkina Faso, eines der ärmsten Länder Afrikas, gelang dem Bauern Yacouba Sawadogo, was noch keine Holfsorganisation zustande gebracht hatte, er ließ die Wüste in Bäume sprießen, wie Andrea Jeska in ihrem Artikel beschrieb. Die uralte, aber nunmehr verbesserte Zaï-Methode wider internationaler Entwicklungshilfe. Welch imposante Erfolgsstory!

Vom Bauern zum „Der Mann, der die Wüste aufhielt“

Zu Beginn der 1980iger Jahre herrschte eine besondere Dürre ebenso am Rande der Sahelzone im Nordwesten von Burkina Faso in der Provinz Yatenga, eine große Hungersnot kostete Millionen Menschen das Leben, doch der einfache Bauer Yacouba Sawadogo entsann sich der alten Zaï-Methode, die allerdings nur verbessert Wirkung zeigen würde. Kurzentschlossen vergrößerte er die Pflanzlöcher, setzte Steine drumherum, füllte sie mit einem Gemisch aus Asche, Blättern und Dung, Termiten taten ihr übriges, die Erde lockerte sich, ein besserer Wasserabfluß war gewährleistet. Beste Voraussetzung für die Regenierung der Böden, der Wald konnte wachsen.

Der Kamera-Mann, Mark Dodd, der Yacouba Sawadogo 2007 kennenlernte, war schnell Feuer und Flamme, drei Jahre später erschien sein Dokumentarfilm „Der Mann, der die Wüste aufhielt“ (The Man Who Stopped the Desert), dem eine hohe internationale Anerkennung folgte.

Entwicklungshilfe alles andere als nachhaltig – Yacouba Sawadogo setzt sich durch

Solche Ausnahmeerscheinungen sollten keineswegs darüber hinwegtäuschen, was noch alles verkehrt läuft im geschundenen Afrika. Die Entwicklungshilfe erweist sich als alles andere als nachhaltig, wie bereits seit Jahren schon Volker Seitz zurecht anmahnt. In seinem Interview, welches Querdenkende mit ihm im Dezember des letzten Jahres führte, betonte er, daß bisherig in keinem Land der Welt Entwicklungshilfe zu nachhaltigem Wirtschaftswachstum geführt habe.

Muß erst ein Yacouba Sawadogo erscheinen und die Weltöffentlichkeit quasi vorführen, daß es auch anders gehen kann? Es scheint so, aber im positiven Sinne, obwohl ihm sein Erfolg mißgönnt wurde, Andrea Jeska wies bereits darauf hin, sein Wald war gefährdet. Die jüngsten Aktionen lassen allerdings hoffen, daß er sich doch noch durchsetzen konnte, Masterclasses zur Schulung seines Erfolgsrezeptes zeugen vom Willen der Weiterführung.

Lotar Martin Kamm

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Geltungsbereiche alles andere als zufällig

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My home is my castle und Gebräuche in der Praxis

Hier gelten meine Regeln, denn my home is my castle. Mein Wort hat hier Geltung, ist gültig. Klingt ziemlich herrisch, nach diktatorischem Verhalten, dem sich alles andere unterzuordnen hat. In der ein oder anderen Familie, Gesellschaft mag dies Gültigkeit haben und zeigt den Dominanzanspruch einer oder mehrerer Personen, die von allen anderen erwarten, sich ihren Regeln, Verhalten, Meinung anzupassen.

Sicher ist eine gewisse Bereitschaft, die Normen und Regeln innerhalb einer Familien- Gesellschaftsstruktur anzunehmen vonnöten, um nicht permanent unter Streß, Auseinandersetzungen und Streitigkeiten zu leben. Schon kleinste Details können zu Spannungen führen, denken wir nur daran, welchen Aufruhr es verursachen kann, mit Dreck, Schlamm verschmierten Gummistiefeln in die Wohnung zu laufen. Nicht beim Essen schmatzen, sich nicht die laufende Nase am Ärmel abzuwischen, sind kleine Regeln, die wir zumindest beherrschen, wenn wir nicht allein am Tisch sitzen.

In den 50-60iger Jahren des vorigen Jahrhunderts waren Männer selten ohne Hut auf den Straßen zu sehen, Frauen trugen Kittelschürzen gar beim Einkaufen, man trug mindestens ein Jahr schwarze Kleidung, wenn ein naher Verwandter starb, dies sind kleinste Details einer Gesellschaftsstruktur, und sie hatten, wenn auch nicht überall, ihre Geltung. Verkürzt kann man sagen: andere Länder, andere Sitten.

Gelten, althochdeutsch, geltan, zurückerstatten, opfern, ursprünglich entrichten, erstatten, wahrscheinlich in Bezug zu heidnischen Opferdiensten, Zahlungen von Bußen und Abgaben, mittelhochdeutsch gelten, zurückzahlen, wert sein, für etwas büßen. Heute im Gebrauch für, gültig sein, wert sein, von Bedeutung, Wichtigkeit sein, sich handeln um, unabänderlich sein, angesehen, betrachtet werden.

Geltung bedeutet, Gültigkeit, Aussagekraft, Achtung, Anerkennung, Wirkung, Gewicht, Autorität, Verbindlichkeit, die Geltungssucht unterstreicht das Streben nach Ansehen und Wertschätzung.

Wenn wir versuchen, den ursprünglichen Sinn von gelten, nämlich opfern, zurückerstatten in unser jetziges Verständnis des Wortes mit einzubeziehen, so kann man nicht umhin, zu erkennen, daß eine gewisse „Opferbereitschaft“ in der Wortbedeutung beinhaltet ist. Denn wenn ich einen „Geltungsbereich“ annehme, etwas gelten lasse, so bedeutet es nicht eine hundertprozentige Einwilligung, Übereinstimmung, sondern eine Bereitschaft zum Einverständnis einer Regel, einer Meinung, einer Sitte.

Wir lassen gelten, weil wir einen Sinn erkennen oder jemanden achten, ihm Respekt zollen, ohne dazu gezwungen worden zu sein, das heißt aber auch, wir haben ein kleines Stückchen von unserem eigenen Gefühl, unserer Meinung für das Wohlbefinden eines anderen aufgegeben, um uns gemeinsam gut zu fühlen. Dies ist ein „Opfer“ wert.

Nun nützt, wer weiß das nicht, ein Opfer oder Bußzahlung wenig, wenn etwas nicht aus freien Stücken mitgetragen wird. Dies mag kurzfristig eine Situation entspannen, wird aber höchstwahrscheinlich zu einem anderen Zeitpunkt umso massiver zu einer Konfrontation führen. Und wie so oft im Leben, wenn ich etwas gutfinde, liebe, es gernhabe, ist es leichter, „gelten zu lassen“. Dies bedeutet, schließt ein, daß ich vertraut bin mit dem Gegenüber, der Regel, der Sitte, und beinhaltet gleichzeitig das Bemühen, das Verständnis der Geltung. Dies funktioniert am besten ohne Herrschaftsanspruch, denn erzwungene „Opferbereitschaft“ hat nichts mit Gültigkeit zu tun, sondern mit diktatorischer Geltungssucht.

Nur wer sich der Mühe unterzieht, andere, anderes kennenzulernen, vertraut zu werden, der hat die Geltung, das „Opfer“ des Verstehens und Respektierens verstanden und trägt damit zu einem friedlichen Leben in „my home is my castle“ bei.

Doris Mock-Kamm

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