Thüringen weiterhin um Regierungsbildung bemüht

CDU-Spitze verschließt sich

Dem Wählerwillen wird die Partei mit dem C vorneweg keineswegs gerecht, schließlich war es Die Linke, die in Thüringen mit Bodo Ramelow bei der Landtagswahl im letzten Jahr als Sieger hervorging, 31 Prozent sprechen deutlich für sich im Gegensatz zu 21,7 Prozent bei Mike Mohrings Partei.

Dazwischen jene AfD, mit der niemand koalieren will, zum Schrecken etlicher wählten nahezu ein Viertel in Thüringen Nazis. Schlimm genug. Aber genau dies verhindert in Thüringen eine regierungsfähige Mehrheit, ganz besonders, weil die CDU-Spitze eine Zusammenarbeit mit der Linkspartei ablehnt. Wer auf Abgrenzung wie die CDU besteht, darf sich nicht wundern, daß sich nichts bewegt.

Eine Minderheitskoalition würde auf ziemlich wackligen Beinen stehen

Rot-Rot-Grün würde zusammen gerade mal 44,4 Prozent der Wählerstimmen für ein solches Bündnis aufbringen, die Opposition hätte gar 50,1 Prozent, wobei ständig ein Hadern mit den Stimmen der zweitstärksten Fraktion im Landesparlament vorprogrammiert wäre, man erinnere sich an gewisse Abtrünnige in der CDU, die nicht abgeneigt waren, mit den Rechtsradikalen zusammenzuarbeiten.

Dennoch bleibt Bodo Ramelow zunächst nichts anderes übrig, als jene Minderheitskoalition in Erwägung zu ziehen, selbst wenn Mike Mohring Gesprächsbereitschaft inzwischen wieder signalisieren soll. Mit jener strikten Ablehnung der Bundes-CDU dürfte dieser es schwer haben, vom Kurs abzuweichen. Oder kann er sich doch noch durchringen?

Hans-Georg Maaßens Taktieren widert einfach an

Mal wieder typisch das Verhalten des ehemaligen Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen, das paßt zu dessen Gesinnung. Bloß keine Eingeständnisse machen, wie „verlogen bösartig“ man sich in Wirklichkeit verhält, um sich nach außen hin als „Saubermann“ hinzustellen, der alles im Griff habe. Tragisch genug dessen unrühmliche Zeit als Chef des Verfassungsschutzes, der alles mögliche unterstützte und schützte, nur eben nicht unsere Verfassung, wenn man allein nur den Verlauf der NSU-Vorgänge betrachtet.

Da mag Herr Maaßen an welchen Stammtischen auch immer seine Wunschvorstellungen zum Besten geben, wollen wir allemal hoffen, daß jene nicht wirklich um- und eingesetzt werden. Eine Minderheitskoalition mit der CDU und FDP solle es richten, meint er. Fehlanzeige, weil wer wird schon nach außen hin zugeben, daß dies nur mit den Stimmen der AfD möglich wäre? Genau ein solcher Fauxpas verhindert dies, fruchtet noch mitnichten.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Politik

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Ein bißchen oder ein Bißchen

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Sie genoß es im Bus ein bißchen,
mit Lesestoff der Welt zu entrücken,
nebenan knackste ein Bißchen,
eine hörende Art der Welt zu entrücken.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Gedichte

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Endzeitstimmung im Wechselbad chaotischer Gefühle

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Reizvolle Gedanken schossen ihnen durch den Kopf, während da draußen in den Weiten einer zunehmend sich selbst zerstörenden Mutter Erde kein Blick mehr vorhanden für die schönen, kleinen Dinge, die das Leben auf eine viel effektivere Weise bereichern als irgendwelche großartigen Ablenkungshappenings.

Befanden sie sich auf bestem Wege in einer unwiderruflichen Apokalypse, in der jedwede Existenz sich dem Urgedanken grenzenloser Bereicherung unterzuordnen, sich zu fügen hat? Der Anschein aufrechten Mutes hatte längst seinen idealistischen Optimismus verloren, obwohl noch gestern Hoffnungsgedanken umherschwirrten, weil zu viele Indizien dem menschlichen Verstand glasklar die bevorstehende Realität aufzeigten.

Wer mochte schon freiwillig sehenden Auges dem bevorstehenden Tod Einlaß gewähren, wenn ein Restgedanken sie beflügelte, bis zum allerletzten Atemzug alles menschenerdenkliche zu versuchen, der Katastrophe zu entgehen? Insofern nicht weiter verwunderlich, daß da plötzlich ein ungeahnt heftiger Aktionismus erfolgte, ein emsiges Treiben notwendiger Schritte.

Aber halt, irgend etwas ließ manche verharren, sie zögernd um sich schauten. War da etwa soeben ein nicht einzuordnendes Geräusch, ein merkwürdig leises Surren? Irgendwo dort oberhalb der grauen Wolkenpakete? Einige sammelten sich an einem Platz, starrten in den Regenhimmel und lauschten intensiv. Ein extrem helles Licht durchbrach das düstere Wolkenmeer, erhellte alles in ein grellgelbliches Weiß, wobei leicht entzündliche Materialien sofort Feuer fingen.

Im nächsten Moment füllte ohrenbetäubender Lärm die gespenstische Kulisse, weil mehrere Militärmaschinen auf das Licht zuflogen, meinten, sie müßten einen angeblichen Feind bekämpfen. „Typisch für unsere Spezies“, kommentierten die Umherstehenden, duckten sich allerdings vorsichtshalber, suchten zügig Schutz unter einer Brücke, die sich ganz in der Nähe befand.

So schnell wie das extrem grelle Licht auftauchte, verschwand es schlagartig, bevor das Militär ernsthaft handeln konnte. Eine Zeitlang umkreisten die Kampfjets noch die Gegend, drehten aber schließlich endlich ab. Und die aufgebracht, verunsicherten Menschen?  Eine lautstarke Diskussion entstand mit vielen Fragen und einigen Hypothesen. In einem Punkt waren sich fast alle einig: Sie waren Zeuge einer Begegnung aus dem All. Ein Hoffnungsschimmer zauberte auf manches Gesicht ein Lächeln, was nach Wochen der vielen Ängste bei den meisten für eine wohltuende Stimmung sorgte.

Unabhängig davon, daß gewisse Zeitgenossen ein wenig überlegen abwinkten, es könne ja keine Spezies im Kosmos sein und falls doch, sie würde dann einen großen Bogen um den Blauen Planeten fliegen, sollten jene ein bißchen von ihrem allzu hohen Roß herabsteigen und ein wenig länger nachdenken. Der Schöpfung dient ein unendliches All als Spielwiese ungeahnter Möglichkeiten, da wird und kann sie sich keinesfalls nur auf die Unvollkommenheit menschlicher Schwächen beschränken. Das wäre langweilig, destruktiv und ein Zeichen der eigenen Beschränktheit, wobei ohnehin genug Indizien auf Erden vorhanden, die eindeutige Spuren anderer Existenzen aufweisen. Man muß sie nur zu deuten wissen und auch wollen.

Im Zustand einer ungewissen Zukunft besinnt sich Mensch vielleicht seiner ureigenen Wurzeln, blickt fragend gen Himmel, von wo sämtliches Sein seinen Weg bis hin auf Erden sandte, in der Gewißheit, daß im Fluß des Lebens selbst der Homo sapiens mittels gemachter Erfahrung das Wesen der Schöpfung erkennt und das Beste draus macht. Und wenn er dennoch unfähig alles zerstört, so hat selbst das seinen tieferen Sinn.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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Verwohntes Leben

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Klara sie hieß,
kein verwöhntes Kind,
früh Familie sie verstieß,
nachts heulte sie mit dem Wind,
der Drache schon lange in sie stieß,
wie schön und artig ich dich find.

Klara wurde verstoßen,
ihr Wesen war noch Traum,
gegen Moral gestoßen,
der Drache saß im Baum,
half mit anzustoßen,
ihr Fall störte ihn wohl kaum.

Klara vergaß zu weinen,
anstatt in Lüften zu schweben,
ihr Leben ein ständiges Vereinen,
ein Kind bedeckt mit Spinnweben,
Spielzeug von Drachenschweinen.

Klara lebte verloren,
der Drache genoß ihre Frucht,
kein Märchenprinz für sie auserkoren,
als Kern sie ausgespuckt, ohne Furcht,
Leben verwohnt im Morast, ohne Sporen,
der Drache längst neue Früchte aussucht.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Gedichte

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Zu viele offene Fragen zur Leipzig-Silvesternacht

Demokratische DNA hat ein Recht auf Aufklärung

In Sachsen wird weiterhin mit zweierlei Maß gemessen, zum einen dürfen sich Rechtsextreme vollkommen straffrei ziemlich viel erlauben, während bei sogenannten Linken unverhältnismäßig hart seitens deutscher Ordnungsmacht durchgegriffen wird. Genauso wie in der Silvesternacht im Leipziger Stadtteil Connewitz geschehen. Laut Augenzeugen aus dem linken Spektrum trat dort die Polizei äußerst offensiv auf, es gab etliche Verletzungen auf beiden Seiten, wobei die Polizei selbst maßlos übertrieb, ein Kollege angeblich schwer verletzt worden sei.

Im Nachhinein stellte sich allerdings heraus, daß es eben nicht wie behauptet eine „Notoperation“ gegeben habe, sondern der betroffene Polizist lokal betäubt an dessen Ohrmuschel behandelt wurde. Völlig zu Recht hinterfragte die SPD-Vorsitzende Saskia Esken die Einsatztaktik der Polizei, diese habe kein Recht darauf, angebetet zu werden, wie Mely Kiyak in der Zeit in ihrer Kolumne zum Besten gibt.

Eins auf die Fresse kriegen Fahnenhisser von Reichskriegsflaggen in Connewitz

Wie die Kolumnistin in ihrem Artikel anmerkt, da in anderen Stadtteilen von Leipzig wohl eher Rechtsextreme dominieren. Ein Fingerzeig dessen, was weiterhin im Herzen Sachsens wohl verkehrt läuft, aber auch in etlichen anderen Städten sowohl im Osten als auch im Westen, die Zunahme jenes Rechtsextremismus, dem Deutschland zu viel Freiraum gewährt, was ganz offensichtlich überhaupt nicht guttut.

Von einem offenem Bürgerkrieg sind wir noch weit entfernt, aber angesichts eines solchen Verhaltens, wie die Polizei in Leipzig an den Tag in jener Silvesternacht legte, darf und muß man solche Überlegungen und Befürchtungen auch mal anführen. Parallelen zur deutschen Geschichte vor über 80 Jahren werden immer offenkundiger, während Berlins Regierung tatenlos dies geschehen läßt.

Gegenseitige Kontrolle ein Garant – AfD untergräbt rechtsstaatliche Mittel

Wer fortwährend mit Fakenews und Politikschelte hausieren geht, gleichzeitig die eigene Meinungsfreiheit mit Haßparolen verwechselt, wie die Neue Rechte dies schon seit längerem für sich in Anspruch nimmt, allen voran jene politisch etablierte AfD, darf sich nicht wundern, wenn ihnen der Vorwurf entgegenweht, sie würden rechtsstaatliche Mittel untergraben. Dazu gehört eben eine gegenseitige Kontrolle, wie auch Saskia Esken dies einfordert. Dem AfD-Politiker Georg Pazderski fällt nichts besseres ein, als ihre Aussagen „infam und hinterfotzig“ zu bezeichnen.

Insofern kann man auch Mely Kiyak nur zustimmen, die Polizei hat erneut versagt, man muß dieser unterstellen, daß da ein großer Vertrauensverlust entstanden ist angesichts der unübersehbaren Falschdarstellungen. Spätestens politisch Verantwortliche haben jetzt noch die Möglichkeit, per Untersuchungsausschuß ihrer Pflicht nachzukommen. Verpassen sie das, obsiegt weiterhin ein einkalkulierter, sich austobender Rechtsextremismus in diesem Lande.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Quergedachtes

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Buddelbaum oder warum es nachts Tränen regnet

Sie war nicht das einzige Anhängsel, daß an diesem Nachmittag von den älteren Geschwistern beaufsichtigt werden sollte, wie ihr eigener Augapfel, das so viel bedeutete, rühr‘ dich nicht von der Stelle, sind gleich wieder da, sonst nehmen wir dich nie wieder mit. Da sie mitgenommen werden wollte, anstatt bei Mutter zu Hause zu bleiben, bis die Geschwister wieder greifbar sein würden, um sie für sich zu vereinnahmen, blieb sie brav auf der Decke sitzen und gehorchte, auch wenn es ihr nicht paßte. Rings um sie herum sprangen Kinder allen Alters von ihren Plätzen ins Wasser oder kamen triefend naß kurz zurück, um nach dem Rechten zu sehen, sprich nach den alleingelassenen Geschwistern, die wie Frederike still dem Treiben zusahen, mitunter dadurch so beschäftigt, daß sie im Nachhinein nicht hätten sagen können, ob überhaupt die Geschwister wirklich zwischendurch anwesend waren.

Zwei Decken neben ihr schniefte ein rotblondes Mädchen leise vor sich hin. Frederike schielte immer wieder zu ihr herüber. Die Geschwister, zwei Jungs, etwa so groß wie ihre Schwester Gisela, sind ständig abwechselnd bei ihr und setzen ihr immer wieder eine rote Mütze mit welligen Rand auf, die das Mädchen, sobald sie sich unbeobachtet fühlt, abzieht und von der Decke wirft. Frederike hätte sich liebend gern diese Mütze, genau diese rote Mütze mit welligem Rand, aufgesetzt. Nur kurz. Kurz hätte ausgereicht, zu wissen, ich fühle mich mit dieser roten Mütze mit welligem Rand wohl, das spürte Frederike, weil sie in Gedanken schon mehrmals mit der Mütze durch den Garten lief, die Katzen vor ihr davonliefen, und wie Benny sie schwanzwedelnd begrüßte, um sofort danach den Katzen hinterherzujagen.

Sie robbte, vielmehr setzte sich Stück um Stück näher an die Wurfstelle der Mütze, ließ sich dafür viel Zeit, schließlich galt es, den richtigen Zeitpunkt abzupassen, an dem eine ihrer Schwestern hier waren, alles in Ordnung vorfand und dem neuerlichen Wurf des Mädchens. Und als ob es lange einstudiert geworden wäre, saß sie punktgenau an der Stelle, an dem die rote Mütze mit dem welligen Rand auf ihren Schoß fiel. Sie mußte die Mütze nur noch aufsetzen. Anstatt des erwarteten Gefühls des absoluten perfekten Wohlergehens und der erträumten Freude mit der Mütze im Garten zu toben, empfand sie die rote Mütze mit dem gewellten Rand, als hätte ihr jemand eine schwere Holzkiste auf den Kopf gesetzt, das lag nicht an der roten Mütze mit dem welligen Rand oder ihrer Fehleinschätzung, es war das Lächeln des Mädchens, das ihr den erwünschten Augenblick verdarb.

„Buddelbaum! Buddelbaum!“, fast klang es wie der Refrain eines Liedes, dennoch schien es eher eine Aufforderung zu sein, denn das Mädchen bewegte mit jeder Silbe des Wortes ihre Handgelenke, würde sie die Hände aneinander halten, anstatt von ihrem Körper entfernt, könnte man meinen, sie stricke Socken wie Tante Resi, wenn sie zum Kaffeeplausch kam, und weil sie so viel zu erzählen hat, immer, darf ich nur kurz am Küchentisch sitzenbleiben, bis Mama uns nach draußen oder nach oben schickt, und wehe ich erwisch‘ euch beim Lauschen, Frederike schüttelte den Kopf über diese für sie ungerechte Behandlung seitens ihrer Mutter und verzog das Gesicht, schließlich war sie gerade traurig, und zu allem Übel war das Mädchen zu ihr gekommen und legte ihr die rote Mütze mit dem welligen Rand auf den Kopf. Buddelbaum, Buddelbaum.

Verunsichert sah sich Frederike um, keiner der Badegäste, die sich auf ihren Decken und Liegen in der Sonne räkelten, interessierte sich für sie und das Mädchen, kein Blick streifte sie. Aus den Augenwinkeln meinte sie Dorothea zu erkennen, die gerade lustlos aus dem Wasser stieg, um ihrer Pflicht nachzukommen, die kleine Schwester zu bewachen. Frederike ergriff die Hand des Mädchens, das immer noch von Buddelbaum redete und lief mit ihr hinter die Hecke, die die beiden Tischtennisplatten umsäumten, dort duckten sie sich, wie untereinander abgesprochen, verschwörerisch lachten sie sich an.

Der Mann, der auf dem Bahnhofsvorplatz auf einer Decke saß, vor sich einen Plastikbecher mit einigen Münzen darin, neben ihm eine wißbegierige Hündin, Ella war auf einem Schild an ihrem Halsband zu lesen, blickte jetzt weniger verwundert und skeptisch, seit Leonore anfing, von ihrem Schreibblock abzulesen, er schien anzufangen, sich zu amüsieren, um seine Mundwinkel und Augen bildeten sich Lachfältchen. Frederike hat sich nicht getäuscht, da war Leonore jetzt sicher, reichte ihr den Block, hörte ihrer Freundin zu und las im Gesicht des Mannes auch ihre Erinnerung.

Ob aus schlechtem Gewissen, weil sie ihren Platz verlassen hatte oder weil sie sich mit dem Kind hinter den Büschen versteckt hielt, jedenfalls war Frederike plötzlich klar, sie hatte etwas falsch gemacht, anstatt sich aber der Schwester zu zeigen, zog sie das Mädchen zum Eingangsbereich, gab ihr Zeichen, nichts zu sagen, indem sie ihre freie Hand an den Mund hielt, und beide entwischten aus dem Freibad, sie bückten unter dem Kassiererfenster nach draußen. Zuerst noch geschützt durch das Gebäude schlichen sie hinter abgestellten Fahrrädern und weiter an den geparkten Autos vorbei, ohne wirkliches Ziel vor Augen.

Etwas abseits der Strecke zum Freibad, das wußte Frederike, lagen Gärten, die gepachtet werden konnten, Ihre Eltern sprachen oft davon, hofften sie doch, daß so eine Gartenparzelle irgendwann, wenn die Kinder noch klein sind, selbst beackern zu können. Daran erinnerte sich Frederike und daran, daß dort jetzt in der Sommerhitze niemand sein würde, sie also ungestört überlegen könnte, und vielleicht könnten sie auch ein paar Himbeeren, Erdbeeren essen, die noch nicht abgeerntet worden waren.

„Hast du Hunger, Durst?“, fragte sie das Mädchen, deren Name sie nicht wußte, ihr fiel ein, bis jetzt nur Buddelbaum von ihr gehört zu haben. „Wie heißt du? Ich bin Frederike“, lächelte sie und sah in ein ernstes, scheues Gesicht, das sich sofort wieder abdrehte und auf einen Mann stierte, der hinter einem Holzzaun sich gerade aufrichtete.

„Ja, wen haben wir denn da? Wollt ihr ein paar von diesen leckeren Beeren“, er streckte ihnen über den Zaun eine Hand hin, in der rote Johannisbeeren leuchteten.

Tränen rannen über seine Wangen, und Ella kroch näher an ihr Herrchen heran.

„Ich hätte das nicht machen sollen“, unterbrach er mit erstickter Stimme die vorlesende Frederike.

„Nein, nein, nun ja, daß du die rote Mütze in den See geworfen hast, weil sie durchsuppt war von dem Beerensaft, das hättest du, ich darf doch wieder du zu dir sagen, das war nicht ganz richtig, das hat denen einen noch riesigeren Schrecken eingejagt. Irgendwie haben Frederike und ich immer gehofft, dich wieder zu sehen, als sie mich vor zwei Tagen anrief und meinte, sie hätte dich gefunden, diesmal tausendprozentig sicher, du kannst dir nicht vorstellen, wen wir schon alles verdächtigt haben, Ludwig zu sein, der Ludwig, der uns, weil es spät geworden war, zu seinem Nachtlager mitnahm, uns Geschichten erzählte…“ Leonore umarmte den alten Mann vorsichtig, denn Ella warf ihr einen „Wage nicht, ihm weh zu tun-Blick“ zu.

„Von der fliegenden Katze, die nur pinkeln konnte, wenn sie über Bäume flog, dem verschnupften Rotkehlchen, das in Wirklichkeit ein Papierkügelchen in der Nase hatte, der schwimmenden Sau, die ständig die Enten auf der Flußinsel besucht, vom Elefanten, der es liebte, einen Hügel runter zu rutschen, über die Streitigkeiten der Sterne, weil eine heller als die andere strahlen wollte, deshalb fing die Nacht Wolken ein, damit sie im Dunkeln die Sterne bedecken, deshalb regnet es nachts Tränen, statt Wassertropfen, fand ich am schönsten, als wir in eine warme Decke gehüllt mit dir den Nachthimmel erleben durften. Wir erzählten uns die Geschichten immer wieder, nichts davon wollten wir je vergessen. Du warst unser Zimmermann auf Wanderschaft“, fuhr Frederike fort.

„Geselle, habe das Wandern irgendwann zu meinem Beruf gemacht, wie ihr seht. Aber es war falsch, euch beide nicht sofort nach Hause gebracht zu haben, das werfe ich mir bis heute vor“, Ludwigs Gesicht war feucht vom vielen Tränen und ständigen Abwischen mit seinem Jackenärmel.

„Ja, schon, dennoch…“, Leonore suchte nach Worten.

„Wir hätten ja auch schreien können, schließlich hörten wir in der Ferne, daß nach uns gerufen wurde“, kam ihr Frederike zu Hilfe.

„Das Ganze ist mehr als zwanzig Jahre her, oder? Ich hätte euch niemals mehr wieder erkannt. Dachte lange Zeit, irgendwann schnappen sie mich, wegen Kindesraub. Nie hat aber auch nur einer mich mit der Sache in Verbindung gebracht. In den Zeitungen stand, es war ein alter kleiner Mann mit Glatze, der zwei Mädchen entführt hatte“.

„Wir waren uns einig zu lügen, noch bevor du uns am nächsten Morgen in der Nähe der Polizeiwache aufgefordert hast, dort reinzugehen.“

„Frederike war immer überzeugt, irgendwann und irgendwie würden wir dich treffen und voilà, hier sind wir. Und ich habe jetzt fürchterlichen Durst.“

„Gibt es hier irgendwo ein Café oder Restaurant, wir laden dich ein, Ludwig.“

„In der Fußgängerzone ist ein Eiscafé, gleich zu Beginn. Sag mal, kennt ihr euch hier nicht aus, wohnt nicht hier?“

„Frederike ist ständig auf Achse, recherchiert für ihre Bücher, schreibt über Städte, Hotels, etc., ich wohne immer noch in Hagspüren, hab Mann und ein kleines Baby.“

„Leonore ist Heimchen am Herd, übt immer noch Buddelbaum.“

„Hör auf mich zu foppen!“

„Wenn‘s doch wahr ist, du kannst es immer noch nicht.“

„Ich trag deine Tasche. Muß Ella an die Leine?“

„Du kannst immer noch keinen Purzelbaum?“

„Nicht so richtig und schon gar nicht, wenn ich dabei die Mütze nicht verlieren soll.“

„Ihre Brüder haben ihr das vor langer Zeit nachgesehen, seit sie bemerkt haben, eine kleine Schwester zu haben, ist vorteilhaft, wenn man Mädchen kennenlernen will.“

„Buddelbaum mit Mütze, sowas kann nur Kindern einfallen“, murmelte Ludwig.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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Verstaubt, ergraut, erlaubt

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Verbissen gelangweilt dreingeschaut,
Nachbars Jungen mal soeben verhaut.
Solch Erzählung schlichtweg geklaut,
so was man sich auch traut.
Ne Type, ganz toll gebaut,
keineswegs wirklich versaut,
stimmgewaltig und somit laut.
Nach seinem Auftritt wächst kein Kraut,
eine gewisse Gegenwut sich aufstaut.
Ein Kätzchen im Hof versteckt miaut,
schwarz-weiß gestreift, nur noch Knochen und Haut.
Frühling noch weit weg, eh alles taut,
aus der Kirche tritt eine stolze Braut.
Sie hat noch an Liebe geglaubt,
ihrem neuen Mann vertraut.
Der war in seiner Jugend ein Scout,
einerlei und überhaupt,
wird beiden schon bald Zeit geklaut.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gedichte

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