Warum tragen wir Spendierhosen und nicht Jacken?

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Wenn die Persönlichkeit plötzlich nackt dasteht

Warum tragen wir Spendierhosen und nicht Jacken, Mäntel, Taschen? Damit wir nicht nackt dastehen, denn einem Nackten kann man nicht in die Taschen greifen, oder?

Die Redensart über die Spendierhosen ist bereits ab dem 17. Jahrhundert überliefert, damit soll ausgedrückt werden, der Charakter des Spenders ist bezogen auf die Beinkleider und spiegelt nicht seine Persönlichkeit. Daß man einem Nackten nichts mehr wegnehmen, beziehungsweise er nichts mehr geben kann, soll verdeutlichen, wo nichts ist, ist nichts zu holen, steht auch für etwas Unmögliches möglich machen.

Um das Sinnbild der Spendierhosen genauer zu verstehen, kann man sich selbst die Taschen der Hose vollstopfen, dabei wird man feststellen, selbst wenn die Hintertaschen einer Hose mitgezählt werden, ist in den zwei (vier) Taschen soviel Platz nicht vorhanden, und nicht nur dieser Umstand ist zu berücksichtigen, auch wird das Gewicht in den Taschen die Hose nach unten ziehen, selbst wenn sie mittels Gürtel oder Hosenträgern getragen wird. Sprich, die Spendierhosen erlauben nur eine begrenzte, kleine Menge an Spende. Bei Jacken und Mänteln, Taschen zieht zwar auch ein Gewicht nach unten, aber es wäre ohne weiteres möglich, wesentlich mehr in diese zu stopfen, ohne daß diese vom Körper rutschen können, ohne nackt dazustehen. Der Spendierhosentyp ist also berechnend, spendiert nur aus einer Laune heraus, die verschiedene Gründe haben kann.

In den Wochen vor Weihnachten oder nach Katastrophen (Erdbeben, Waldbränden, Überschwemmungen), bei voraussichtlichen Hungersnöten werden über Organisationen Spendenaufrufe getätigt. Dies ist in erster Linie sinnvoll, aber ist es auch die richtige Ausdrucksform, nach Hilfe zu bitten?

Spenden, althochdeutsch spendōn, spentōn, mittellateinisch spendere, ausgeben, aufwenden, zu lateinisch expendere, ausgeben, bezahlen. (Duden)

Es gibt sprachwissenschaftlich Vergleiche zum englischen Verb „to spend“, das mit folgenden Begriffen übersetzt werden kann: verbringen, ausgeben, verbrauchen, aufwenden, aufbrauchen, spendieren, verschwenden, vergeuden, verausgaben, aufzehren. Bis auf „verbringen“ sind in den Übersetzungsbegriffen die negativen Wortinhalte überwiegend. Auch im deutschen? Hier ist von „spenden“ die Rede, von geben ohne Erwartungshaltung, ohne Vorteile zu erwarten. Ist dies Geben Verschwendung, Vergeudung? Eine Bezahlung ohne Ware, Wert dafür zu erhalten, eine unnütze Ausgabe, ein Verlust? Spende als Seelenreiniger, vergleichbar, ich wasche meine Hände in Unschuld, im Gegensatz zu, ich beschenke, weil ich dich damit erfreue.

Unzweifelhaft bleibt bei der Wortherkunft die Tatsache, daß „spenden“ durch die „kirchliche Sprache“ in die allgemeine Sprachanwendung übernommen wurde. „im sinne kirchlicher anschauung heiszt es wol zunächst: an arme verschenken, (als) almosen geben, austheilen“ (DWB Gebrüder Grimm)

Almosen, mittelhochdeutsch almouse, althochdeutsch alamousa, kirchenlateinisch eleemosyna, griechisch eleēmosýnē, Mitleid, Erbarmen. (Duden)

Matthei am 6 spricht Christus, habt acht auf ewer wolthat, welches wir nach der alten gewohnheit allmosen nennen, aus dem griechischen eleemosyne. wiewol das wort allmosen auch mit der zeit in den misbrauch komen ist, das man allmosen nicht anders heiszet denn ein stück brots dem bettler für die thür gegeben, so es doch eigentlich hesed, wolthat oder gutthat“ DWB Gebrüder Grimm)

Denken Sie bei ihren Geschenkeinkäufen für Familienmitglieder, Freunde, Bekannte an eine Wohltat, ein Almosen aus Barmherzigkeit, Mitleid? Schätzungsweise nicht, oder? Sie schenken, weil Sie sie erfreuen wollen. Was denken Sie bei ihren Spenden? Ist ihre Aufwendung gleichwertig? Hält die eigene Freude jemanden mit einem Geschenk beglückt, seinen Wunsch erfüllt zu haben auch nachhaltig gleichlang an mit ihren als Spenden weitergereichten Gaben?

Möglicherweise sind wir in unserem sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten tiefer verwurzelt an übernommenen Vorstellungen, als uns bewußt ist, möglicherweise wäre es an der Zeit, „spenden“ in einem anderen Kontext zu sehen, zu empfinden als oben beschrieben, ein Kontext, der eher mit dem Begriff des Schenkens gleichgesetzt werden kann, vermutlich könnte dies das gesellschaftliche Zusammenleben mit mehr Freude bereichern.

Spendieren (verschwenden, vergeuden, verzehren) Sie keine Almosen (Mitleid, Erbarmen). Vielleicht benötigen Sie dann keine Spendierhosen mehr, bei denen die Gefahr besteht, daß ihre Persönlichkeit plötzlich nackt dasteht.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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Psychische Belastungen alles andere als harmlos

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Spätestens dann meldet sich unser Körper

Angesichts all der weltweiten Probleme, die uns täglich über die Medien ins Haus flattern, wäre doch mal Innehalten angebracht. Momente der Besinnung auf das Wesentliche, unser Leben. Andererseits stellt sich die berechtigte Frage, ob wir das überhaupt können? Klar doch, jeder hat die Möglichkeit, sich kurze Freiräume zu gönnen. Wer es dann auch will, es tatsächlich zuläßt, der sollte nicht lange zögern.

Jetzt fragen Sie sich wahrscheinlich, für was das denn gut sein soll? Jeder Mensch hat ganz unterschiedliche Belastungsgrenzen, dies bedeutet, inwieweit er Informationen aufnehmen kann und erst recht dramatische. Irgendwann verschließt sich unser Hirn, ist nicht bereit, sich mehr zuzumuten. Spätestens dann greifen die Schutzmechanismen, eine gute Regelung unseres Körpers, um uns vor größerem Schaden zu bewahren. Denn psychische Belastungen greifen letztlich den Organismus an, führen somit zu Folgeerkrankungen.

Selbstbetrug fruchtet auf Dauer mitnichten

Der ewige Run auf sämtliche Superlative, die es zu erreichen gilt, stellt die hauptsächliche Motivation dar, uns ein Zuviel zuzumuten. Dieser Hype auf Reichtum, Erfolg und der eigenen, ewig korrekten Darstellung in der Gesellschaft, allem gerecht zu werden, kann viele dazu bewegen, über ihren Schatten zu springen, doch der Selbstbetrug wird auf Dauer nicht fruchten. Am Ende bricht das Kartenhaus des Übereifers in sich zusammen, die Folgeschäden gestalten sich dabei ziemlich unterschiedlich.

Unabhängig von den materiellen Errungenschaften bei diesem Lebenswandel, leiden unbedingt die zwischenmenschlichen Beziehungen. Denn nur Gleichgesinnte können auf scheinbarer Augenhöhe miteinander sich austauschen. Andere, die nicht mithalten können, bleiben einfach unbeachtet. Dadurch bewegen sich die dem Erfolg Hinterherhechelnden auf äußerst dünnem Eis, weil sie es verlernen, auf die Belange ihrer dennoch vorhandenen Mitmenschen einzugehen, geschweige sie zu verstehen.

Eine Scheinwelt baut sich auf, in der nur die Sieger Platz haben und Verlierer außen vor bleiben. Wehe, wenn ein Zahnrad im Getriebe mal nicht funktioniert, eine Kettenreaktion unbedachter Fehler ausgelöst wird, und kein Mensch kann ernsthaft behaupten, perfekt zu sein, dann kann aus dem Elitespektrum schnell Verlust entstehen. Den darf man sich natürlich nicht leisten und schon gleich gar nicht zugeben, nach außen eingestehen.

Doch diejenigen, die genau dieses Luxusleben anstreben, diesem nacheifern und nahezu alles unternehmen, um es auch zu erreichen, begeben sich in ganz ähnliche Gefahren. Solange keine Widrigkeit ihnen ein Strich durch die Rechnung macht, alles nach Plan verläuft, mag das Modell gutgehen.

Mancher Schicksalsschlag öffnet uns die Augen

Das beste, was all jenen widerfahren kann, die nicht aus ihrem Alltagstrott herauskommen können, weil sie sich bereits zu stark auf ihren Lebensstil eingelassen haben, vermag ein Schicksalsschlag dahingehend bewirken, ihnen die Augen zu öffnen. Das mag jetzt brutal klingen, aber oftmals haben genau solche Erlebnisse entscheidend dazu beigetragen, daß sich etwas ändert. Dennoch kann es auch hilfreich sein, im Vorfeld sich selbst zu hinterfragen, es müssen nicht unbedingt tragische Ereignisse dazu beitragen. Am besten kann einem ein guter Freund, der Partner des unbedingten Vertrauens dabei behilflich sein, seine Macken, Schwächen und Angewohnheiten zu analysieren. Es muß nicht gleich der Therapeut sein, einen solchen zu finden, ohnehin ein schwieriges Unterfangen darstellt. Und so schließt sich der Kreis unseres Daseins, wir gelangen wieder zum Beginn dieses Artikels.

Innehalten im Sein, eine ganz wichtige Aufgabe an uns selbst. Erschaffen wir uns Oasen der Ruhe, um in uns selbst zu kehren, manche nennen es Meditation, die auch Anwendung findet, aber es reicht schon die Bereitschaft, sich selbst zu reflektieren. Leben wir unser Leben so, wie wir es wirklich wollen, und zwar im tiefsten Inneren? Oder aber prostituieren wir uns nur, um bestimmten Lebenszielen gerecht zu werden, obwohl wir sogar wissen, daß dies uns schadet? Begeben wir uns auf einen Weg der Rückbesinnung menschlichen Daseins: Nicht der Habitus und der Erfolg zählen, aber ganz sicher Zufriedenheit ohne schlechtes Gewissen und Selbstzweifel.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gesellschaft

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Nacht der Tränen

Nun findet sie wieder statt,
auf dem Land, in der Stadt.
Bei den Armen, bei Reichen,
kaum einer kann entweichen.

Manche nennen es Institution,
andere eine perfekte Illusion,
ein Drama, eine Kostümierung,
eine zu gelingende Inszenierung.

Hauptsache Tränen fließen,
mal mit Öl ins Feuer gießen,
geeignet für Tragödien,
verlogene Harmonie für Komödien.

Wer bemisst der Tränennacht Wert,
der sitzt auf einem hohen Pferd,
denn die Wein-Nacht ist Yin und Yang,
zwei Pole stoßen sich ab, ziehen sich an.

Freude und Trauer, Glück und Elend,
am Heiligen Abend sind sie nicht getrennt.
Das lachende und weinende Gesicht,
gleichen sich,
drum laßt den Tränen freien Lauf,
das passiert in der Nacht der Tränen zuhauf.

Nafia

Kategorie: Gedichte

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Rechts, zwo, drei, vier… am Ende sind sie wieder hier

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Der Gag der Woche – oder wieso man vieles ernst nehmen sollte

Hinterher sagen wieder ne Menge Leute, hätten sie nicht gewußt, daß es so dolle geschehen würde. Kommt Ihnen bekannt vor? Und nun? Einfach laufenlassen, sollen doch andere sich drum kümmern, Hauptsache man ist selbst nicht betroffen. Genau das kalkulieren jene rechte Pappkameraden ein, welch simples Muster, eine Strategie, die immer noch fruchtet. Man könnte meinen, die große Masse des Volkes verdummt vor sich hin. Nüscht dazugelernt, Ablenkung fördert stets.

Wo bleiben die Intellektuellen, die kreativen Köpfe, um dem ein möglichst schnelles Ende zu setzen? Dann lieber rechts, zwo, drei, vier im Gleichschritt marsch marsch, der Führer hat’s befohlen, manch einer schaut verstohlen um sich, ohne aufzumucken. Merkwürdig, einfallslos und armselig!

Die Welt verroht zusehends, überall Zerstörung von Mutter Natur, einzig jene Folgen des globalen Neoliberalismus wüten heftiger denn je, Krieg und Terror bestimmen den Alltag, während die Armut sichtbar zunimmt, obendrein bestimmte Eliten in ihren abge-schirmten Sicherheitsestates es sich vortrefflich gutgehen lassen, derselbe Mist wie einst beim Adel und Königshäusern. Mensch buckelt stets der Obrigkeit hinterher, von Mündigkeit keine Spur.

Rechts, zwo, drei… stop! Ja, anhalten, jetzt! Weiterdenken, wohin das führen mag. Richtig, ins Chaos, in eine Welt, wo bestimmte Mächte uns fremdbestimmen, das Individuum sich gefälligst anpassen muß, einen Vorgeschmack liefert vor unser aller Augen China. Exakt das System, welches sich durchsetzt, wenn wir es nicht aufhalten! Doch, das kann Mensch, wenn er nur will.

Leeres Gerede bzw. Geschreibsel? Hat da jemand etwa den Nerv getroffen? Mit Augen verschließen und einer ignoranten Haltung lösen wir keine Entwicklungsmechanismen, die unbedingt zu verhindern sind, bevor der Zug abgefahren. Blickt in die letzten noch unberührten Landschaften und stellt euch vor, sie wären morgen komplett zerstört. Wer läßt sie wieder erblühen? Die Natur hat auch nur ihre Grenzen der Belastbarkeit. Mutter Erde stöhnt schon viel zu lang, schreit ständig auf, was man ihr zumutet. Eine künstliche Welt kann nicht fruchten, weil Mensch Teil des Ganzen, welches seitens der Schöpfung erschaffen.

Mißachtung kosmischer Gesetzmäßigkeiten haben fatale Folgen, über die sich sehr viele offensichtlich nicht im Klaren sind. Rechts, zwo… lassen wir’s besser. Wer mitmarschiert, der verliert, auf ganzer Linie. Selbstbefreiung jener Unterjochung, das ist die Aufgabe, ein Ausweg mit Zukunft. Tun wir es. Jetzt.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Satire

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Flaute im Schlafzimmer

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Rosalie,
verliebt wie zuvor niemals nie,
hat die Frage aller Fragen vernommen,
den Diamantring angesteckt bekommen.

Heiße Liebesnächte nach der Hochzeit,
aufgewühlte Betten zu fast jeder Tageszeit,
Körper stürmisch, wogend beben, erhitzt,
wie wenn man in der Sauna schwitzt.

Robert genoß Rosalies kalte Füße und Knie,
diese Abkühlung beflügelte seine Phantasie.
Sie schlummern ein stets selig, glücklich,
engumschlungen träumte es sich erquicklich.

Die Beiden, Rosalie, Robert liebten sich sehr,
beschenkten sich gegenseitig, hin und her,
kuscheln, sich necken, Küsse ohne Ende,
eines Tages kam die unerwartete Wende.

Um seiner Liebsten das Beste zu gönnen,
besorgte er einen Fußsack, sie zu verwöhnen.
Umarmungen blieben aus, vielleicht für immer,
jedenfalls war erstmals Flaute im Schlafzimmer.

Nafia

Kategorie: Gedichte

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Dem Geheimnis des Weihnachtsmannes auf der Spur

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Irgendwo, ganz weit entfernt, kaum hörbar, erst recht nicht mit dem bloßen Auge mehr zu sehen, befand sich die Wirkungsstätte des Mannes, den Kinder sich stets am gleichen Tag im Dezember herbeisehnen, er möge ihnen all die Wünsche erfüllen, die im Laufe des Jahres in deren Köpfen entstanden, dem Weihnachtsmann. Manche meinten, er käme im Rentierschlitten durch eisige Lüfte daher, andere hielten dies für Hirngespinste oder schlichtweg phantasievolle Märchen ohne Hand und Fuß.

Wieder andere waren der Überzeugung, man müsse nur fest an ihn glauben, schon würde dieser sich erkenntlich zeigen. In Wirklichkeit beschenkten aber Menschen sich gegenseitig zur Weihnachtszeit, welch merkwürdiger Brauch, an jenem Tag, wo Jesus Christus geboren ward. Oder etwa ein wenig mehr? Könnte vielleicht ein bestimmtes Geheimnis zur Gewißheit werden, wenn man nur mit wesentlich höherer Aufmerksamkeit genauestens beobachtete, jedes kleine Detail eben nicht außer acht ließ?

Auf alle Fälle. Julius ließ sich kaum beirren, wollte es einfach wissen, verschlang jedwede Literatur, der er habhaft werden vermochte, ging jeder Spur nach, selbst wenn sie noch so unbedeutend oder arglos schien, schließlich könnte sie ja sich als zielführend heraus-stellen. Erst letzte Woche bemerkte er beim Spazierengehen, daß ihn jemand verfolgte. Jedesmal, wenn der hochgewachsene Jugendliche, Julius war immerhin sechzehn Jahre jung, sich atemberaubend schnell umdrehte, verschwand genau in jenem Moment eine Ahnung von einem Schatten, deren Bewegung und Hauch er gerade noch registrieren konnte.

Allerdings sonst nichts, er nicht ahnte, wer oder was ihm da nachstellte. Lediglich eines wußte er gleich zu Beginn, es mußte mit seiner neuen Herausforderung zusammenhängen, den Weihnachtsmann aufzuspüren. Seinen besten Freund, den Bert, den weihte er ein, aber nur unter der Bedingung, dieser möge Stillschweigen üben, er dürfe keiner anderen Menschenseele darüber erzählen. Klar doch, willigte Bert freudestrahlend ein, schließlich war dies Ehrensache, dem Julius beizupflichten.

„Sag mal, weiter war nix, außer dieser undefinierbare Schatten, Julius?“, fragte Bert.

„Ja, sicher doch. Aber vorgestern war etwas anders. So eine Art Rauschen, wie wenn Stahlräder über einen Betonboden fahren“, erwiderte Julius, um im selben Moment aufzuspringen, „du, laß uns mal dorthin gehen, vielleicht finden wir was, vier Augen sehen mehr.“

Das ließ sich Bert nicht zweimal sagen, schon waren beide Freunde unterwegs. Als sie den Platz betraten, roch es ziemlich heftig nach Tannennadeln und Benzin.

„Komisch, als ich letztens hier war, roch es nicht derart streng, laß uns mal genauer suchen“, bemerkte Julius ganz aufgeregt, während Bert bereits gebückt und entsprechend langsam den Boden absuchte. Zunächst fanden die beiden nichts, wollten schon wieder los, als Bert im letzten Augenblick Julius an der rechten Schulter hielt.

„Schau mal, dort liegen ein paar Tannennadeln, zwischen ihnen ein kleiner goldener Stern“, rief Bert seinem Freund zu. Als Julius nach dem Stern greifen wollte, flog dieser plötzlich schnell nach oben, obwohl weder Flügel oder etwas anderes mechanisch auffälliges zu sehen waren. Die beiden Jugendlichen starrten völlig irritiert nach oben.

„Damit habt ihr nicht gerechnet“, vernahmen sie eine tiefe Stimme, die aus dem still in der Luft stehenden goldenen Stern drang, „ihr braucht gar nicht so verduzt dreinschauen, äußerst selten spreche ich zu euch Menschenwesen, in der Regel bemerkt mich sowieso niemand, und falls doch, dann fliege ich einfach auf und davon. Doch manchen verrate ich trotzdem unser Geheimnis. Ausnahmsweise.“

Julius und Bert schauten sich kurz an.

„Und hast du was mit dem Weihnachtsmann zu tun?“, fand Julius als erster wieder seine Sprache.

„Ihr seid ja drollig. Ich bin der Weihnachtsmann, nur eben nicht in der Gestalt wie ihr euch in Märchen oder anderen Geschichten ausgedacht habt. Es gibt halt keine Wirklichkeit im herkömmlichen Sinne, sondern eine sehr ausdehnbare, die wir selbst bestimmen“, begann der Stern zu erzählen, „unsere Aufgabe besteht darin, eure Wünsche nicht einfach zu erfüllen, euch viel eher zu beschützen, manchen von euch Wege aufzuzeigen, was sie in ihrem Leben ändern sollten, Tips geben mit unterschiedlichen Mitteln. Alles so, daß ihr eben nicht drauf kommt, wer dahintersteckt.“

Erstaunt starrten die beiden Freunde zum goldenen Stern, der daraufhin einfach mit rasender Geschwindigkeit senkrecht nach oben empor im Dunkel des Himmels verschwand. Schweigsam liefen sie noch kreisförmig nach oben blickend herum, ein wenig verunsichert und dennoch sich darüber im Klaren, was soeben geschehen war. Sie gehörten zu den ganz Wenigen, die das Geheimnis über den wahren Weihnachtsmann erfahren durften und schworen sich gegenseitig, es niemand zu erzählen. Seitdem ranken weiterhin alle möglichen Geschichten über den Weihnachtsmann im roten Gewand, im Schlitten, in Lüften unterwegs. Nur Julius und Bert sowie andere grinsten vor sich hin und betrachteten Weihnachten mit völlig anderen Augen.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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Regierungsbildung weiterhin auf dünnem Eis

Gerhard Schröders Hektik mehr als unangebracht

Manchmal wünschten sich einige stabile politische Zeiten zurück, wo zumindest noch tatkräftige politische Entscheidungen getroffen wurden, eine Koalition wenigstens halbwegs einig an einem Strang zog. Wer tatsächlich meinte, der Aufguß der alten Großen Koalition wäre eine solche Ära gewesen, wurde eines Besseren belehrt. Genau deshalb ließ besonders die SPD Federn, verlor gleichwohl die Union an Zustimmung, konnte eine rechtsradikale Partei unter anderem punkten.

Als ob dies noch nicht genug sei, meinte nunmehr der letzte Kanzler vor Merkel, Hektik kurz vor Weihnachten verbreiten zu müssen, man solle in die Pötte kommen, und zwar möglichst schnell. Sicherlich warten genügend Herausforderungen im In- und Ausland auf die deutsche Politik, mit einer geschäftsführenden Regierung ist viel eher Stillstand angesagt. Jetzt aber aufs Gaspedal zu treten, wäre ebenso verkehrt.

Gut Ding will Weile haben

Erst recht, wenn man Regierungsverantwortung aufnehmen will. Schließlich hatte gerade die SPD direkt nach der Bundestagswahl darauf bestanden, die größte Oppositionspartei im Deutschen Bundestag zu vertreten, der AfD somit zu trotzen. Nach gescheiterter Jamaika-Sondierung sollten die Sozialdemokraten es tunlichst vermeiden, daraus Kapital schlagen zu wollen. Das kann nicht gutgehen. Erst recht nicht, wenn ein Gerhard Schröder Herrn Christian Lindner in Schutz nimmt, nur weil dieser erneut über Jamaika-Verhandlungen sinniert.

Es schaut aber eher nicht nach einer Großen Koalition aus. Selbst eine KoKo (Kooperationskoalition) wäre fatal. Viel mehr läuft es auf eine Minderheitsregierung hinaus, dann wären aber Neuwahlen dennoch die bessere Alternative, was angeblich ebenso der letzte Bundestagspräsident, Norbert Lammert, geäußert haben soll, obwohl dieser das bisher nicht bestätigte.

Politikverdrossenheit nimmt nunmehr noch mehr zu

Davon muß man nicht nur, sondern sollte man ausgehen. Das würde sich höchst-wahrscheinlich auch bei Neuwahlen zeigen. Gleichzeitig profitieren am Ende die Rechtsradikalen mehr davon, die Linke stagniert bei 10 Prozent, die Grünen können wohl am ehesten neue Wähler gewinnen, nachdem die FDP Jamaika platzen ließ.

Sollte wider Erwarten dennoch eine Große Koalition zustande kommen, dann nur, wenn die SPD erneut kleinlaut beigibt, weil gerade die neu erstarkte CSU den Ton angeben wird, sich zu keinen Zugeständnissen herabläßt. Mit einem uncharismatischen Martin Schulz an der SPD-Spitze, einem unkenden Gerhard Schröder im Hintergrund bleibt die SPD farblos und unglaubwürdig, zumal das „sozial“ im Parteinamen keineswegs angewandt wird, die Kluft zwischen arm und reich stetig weiterwächst.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Politik

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