Dem Verfolger auf der Spur

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Der Gedanke, dieser Gedanke verfolgte Axel Hausmann, er war der Grund, weshalb er jetzt öfters bei jedem Wetter, selbst an „heute schickt man keinen Hund vor die Türe, und ich geh freiwillig Tagen“ schlenderte er bisweilen arglos das schlechte Wetter genießend oder stapfend, was den Effekt hatte, daß er am nächsten Tag unter Hüftschmerzen litt, durch die Straßen seiner Wohngegend, bisweilen vernahmen die ihm begegnenden Menschen leise ausgesprochene Wortfetzen oder wunderten sich, wenn er einer seine Hände vor den Mund hielt, das alles hinderte ihn nicht daran, alles zu unternehmen, diesen Gedanken loszuwerden.

Den genauen Zeitpunkt, an dem ihm die Verfolgung auffiel, ist in seiner Erinnerung nicht mehr zu datieren, stundenweise grübelte er diesem Anfang nach, in der Vermutung, dadurch den Grund zu finden, warum er, mögen es Monate, sind es Jahre, dieser Observation unterliegt. Eins schien bei diesen Gedankengängen für ihn festzustehen, jemand, anders kann es nicht sein, hat ihm unbemerkt diesen Gedanken in den Kopf geschickt.

Verdächtige fielen ihm zuhauf ein, dabei gewissenhaft nicht auslassend, dieser Gedanke kann ebenfalls von Tieren und Pflanzen zu ihm gesendet worden sein, dies war nach reiflicher Überlegung der Anlaß, nicht ständig bei Freunden, Bekannten und Familienmitgliedern sich aufzuhalten, in der Erwartung der Verfolger würde sich in einem unbedachten Moment zu erkennen geben, sich ebenfalls unter den Tieren umzusehen, selbst bei den kleinsten, die verstehen es bestens, unsichtbar in meine Nähe zu schleichen, in unlauterer Absicht deren Vertrauen zu gewinnen, wie Du-mir-so-ich-dir-Manier, die zwar seinem Wesen widersprach, doch in diesem Fall kann nur eine Maskerade dazu führen, den Gedankeneinflüsterer zu finden.

Natürlich ist ihm aufgefallen, seine Besuche waren mit der Zeit nicht mehr geduldet, die freundlichen Hallos wurden zu „der schon wieder“, das war auch für ihn nicht zu übersehen und zu überhören, wobei er, als ihm dies auffiel, glaubte, am Ende seiner Suche angelangt zu sein, kein Verfolger hat es gern, wenn man ihm auf die Füße tritt, ihm am Fersen klebt, da aber auch bei Felicitas, Erika, Georg, Familie Schuster, bei den Kindlers, beim alten Schuhmann, die Thea vom Café Bertram, Frau Seemann, Herbert Emmerich dieselben etwas ablehnenden Verhaltensmuster an den Tag legten, ach, das ist gerade sehr ungünstig, muß gleich noch mal weg, warum hast du vorher nicht angerufen, wir haben Karten fürs Kino, hör mal, die Simone ist krank, Grippe, ja Fieber, sehr ungünstig heute, da wußte er, seine Freude über den Erfolg endlich den Übeltäter gestellt zu haben, nämlich Julian, der Julian, mit dem er seit er denken kann, befreundet ist, war völlig verfrüht.

Ihm blieb nicht anders übrig, als seine Taktik zu ändern, dachte er, anstatt stets den zuvorkommend freundlichen Axel zu markieren, der mit jedem Tier auf Augenhöhe sich verständigen kann, sogar Stechmücken verständnisvoll anspricht, er könne jetzt beim besten Willen nicht schon wieder Blut spenden, da er bereits den vorigen Abend beim nächtlichen Spaziergang, es war ja schon dunkel, ihre Kameraden, Kumpels nicht überzeugen konnte, von ihm abzulassen, selbst als er sie darauf hinwies, zu so später Stunde den Wams vollzufressen sei ungesund, verfolgte er eine Weile den Weg des Eingeschnappten, Mißverstandenen und zu guter Letzt den auf Krawallgebürsteten.

Selbstverständlich mit der gleichen Intensität wie zuvor seine Nettigkeitsphase, man darf nichts unversucht lassen, nur Akribie, Ausdauer und eine gewisse Portion Rücksichtslosigkeit führt zum Erfolg. So jedenfalls erlas er es aus einer Titelüberschrift eines Artikels über Erfolgsaussichten, um eine Karriereleiter hinaufzusteigen, wenn ihm dies auch anfangs widerstrebte. Je länger er diesen Weg befolgte wie seine auferlegten Spaziergänge, Besuche, das Liebkosen sämtlicher Tiere, die ihm über den Weg liefen, das Beriechen von Pflanzen, das Notieren, nichts auslassen, jedes kleinste Detail könnte den Verfolger überführen, etliche farbige Bücher mit seinen Aufzeichnungen bewahrte er unter seinem Bett in verschiedenen Truhen auf, desto eindeutiger, klarer, unzweifelhafter begriff er, der Gedanke kann nur über die Schriftzeichen, Symbole in ihn übertragen worden sein.

Wie Schuppen fiel dieser Gedanke von seinen Augen, er hatte den Verfolger gefunden, jedenfalls den Platz, an dem er sich versteckt hält. Die Absicht, die der Gedanke verfolgte, ob möglicherweise Auftraggeber im Hintergrund agierten, sein Aussehen, möglicherweise ist er getarnt, besitzt ein Pseudonym, ist nicht alleine tätig, sondern hinter dem Gedanken steckt in Wirklichkeit ein Team, eine ganze Kompanie, das würde zumindest erklären, warum der Gedanke bis jetzt nicht gefunden werden konnte. Axel war nur kurz, sehr kurz glücklich über seinen Erfolg, denn die eigentliche Arbeit, schoß es ihm durch den Kopf, beginnt erst jetzt. Auf keinen Fall darf der Gedanke erfahren, daß er, Axel, ihn entdeckt hat und deshalb war oberste Vorsicht geboten. Der Gedanke soll sich weiterhin in Sicherheit wiegen, bis er von Axel zur Rede gestellt werden kann, wenn nötig unter Zuhilfenahme von Spezialisten der Kriminalpolizei, aber wie Beweise sammeln, ohne sein Wissen zu verraten?

Axel wäre nicht Axel Hausmann, wenn ihm hierfür nicht spontan die Lösung eingefallen wäre, er muß wie der Gedanke eine zweite, möglicherweise eine dritte Identität annehmen, ohne dabei den Eindruck zu vermitteln, er wäre irr, nicht bei Sinnen, könnten einige meinen, andere würden ihn ansonsten als eigenartig, verschroben titulieren, deshalb ist das Naheliegenste, das Unauffälligste, einfach Axel Hausmann zu sein, diesen Gedanken, einfach den Spieß umdrehen, folgte er, indem er nach außen hin weiterhin seine Freunde, Bekannten, Familienmitglieder beobachtete, Tiere, auch die kleinsten, von ihm gestreichelt, geschützt wurden, du kannst doch keine Mücke töten, du Sadist, ich überlege mir, ob ich dich noch mal besuchen komme, seine Wohnung mit Pflanzen vollstellte, immer darauf bedacht, Schriftzeichen, Symbole feinsäuberlich, in seine bunten Bücher zu zeichnen, zu malen, zu schreiben, er war jetzt ganz sicher, den Gedanken, diesen Gedanken in absehbarer Zeit auf dem weißen Papier zu erkennen.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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Chemiegiganten dürfen weiterhin Menschenleben gefährden

Lauren Wassers Leidensweg mit Toxischem Schocksyndrom

Der chemischen Verbindungen, die Mensch sich erdacht und eigener Spezies tagtäglich zumutet, gibt es stets neue, wobei in erster Linie der Profit im Visier einer chemischen Industrie. Genau deshalb wird dermaßen rücksichtslos gehandelt, ganze Rechts-abteilungen jedwede Schadensklagen abschmettern, selbst die Gesetzgebung etliche Lücken aufweist, die sich jene windige Praxis zu Nutzen macht.

Lauren Wassers Leidensweg mit dem Toxischen Schocksyndrom (TSS), ein Tampon kostete sie fast das Leben, betrifft zwar statistisch einen Menschen auf 100.000, aber selbst dies darf niemals ein Argument sein, jenes Martyrium seitens der Chemiegiganten in Kauf zu nehmen.

Vom erfolgreichen Model zum Opfer der Binde Kotex von Kimberly-Clark

Ein simples Tampon verantwortlich für die Folgekrankheiten, die das erfolgreiche Model Lauren Wasser erlitt? Man mag es kaum glauben, aber die Firma Kimberly-Clark scheint kein Interesse daran zu haben, einsichtig das Tampon vom Markt zu nehmen.

Nachdem die damals 24-Jährige gerade so dem Tod von der Schippe springen konnte, vor der festgestellten Diagnose des Toxischen Schocksyndroms erlitt sie nach hohem Fieber schließlich einen Herzinfarkt, eine Lungenentzündung bishin zu Nierenversagen. Danach erfolgte der erschreckende Befund, sie wurde in ein medizinisch induziertes Koma versetzt, es wurden mehrere Bluttransfusionen durchgeführt, am Ende mußten die Ärzte ihr das rechte Bein ambutieren sowie drei Zehen an ihrem linken Fuß.

Inzwischen steht die Ambutation ihres zweiten Beines bevor, läßt sich der Eingriff nicht vermeiden, um ihr Leben zu retten. Es versteht sich von selbst, daß die Betroffene sich an die Öffentlichkeit wendet, vor allem andere Frauen eindringlich warnt,  gefahrlose Tampons fordert.

Wer stoppt eine derartig verantwortungslose chemische Industrie?

Im Grunde genommen haben wir alle selbst dies in der Hand, indem wir die gewählte Politik auffordern, mit entsprechenden Gesetzen sie letztlich zu zwingen. Bekanntlich beißt man nicht die Hand, die einen füttert. Der Einfluß und somit das Diktat der Chemiegiganten spielt wohl doch eine größere Rolle als ein betroffenes Menschenleben. Wir erleben es doch auch bei den Tricksereien der Zutatenlisten in Lebensmitteln.

Das scheint die Lebensmittelindustrie kaum zu berühren, geschweige denn ernsthaft betroffene Verbraucher schützen zu wollen. Nur mit entsprechendem gesetzlichen Druck funktioniert es eher. Welch dramatisch traurige Erkenntnis. Man könnte auch schlichtweg behaupten, daß eine gewisse kriminelle Einstellung mitschwingt.

Mutter Erde hat genügend Antworten parat, inwieweit natürliche Kreisläufe ein sinnvolles Miteinander rechtfertigen. Nur der Mensch scheint sich seiner Rolle nicht mehr bewußt zu sein, deshalb zerstört er sie bedenkenlos, um dies auch noch als Fortschritt zu bezeichnen.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gesundheit

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Lebensasche

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Zeit festigt sich in mir
wie klebrige Asche,
ein öliges Geschmier,
ähnlich wie Pappmasché.

Erinnerungen wirken schärfer,
bisweilen zerfurcht, zerfleddert,
dennoch kantiger, ausgeprägter,
irgendwie auch zeitverheddert.

Vergeudet wäre Lebenszeit, ohne anzuheizen,
ohne die Seele mit Wärme zu beleben,
ohne mit Feuer im Herzen zu geizen,
dafür laß ich die Asche an mir kleben.

Nafia

Kategorie: Gedichte

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EU-Strafverfahren gegen Polen etwa wirkungslos?

Höhnische Reaktion seitens Morawiecki

Unser östlicher Nachbar scheint sich innerhalb der EU isolieren zu wollen. Arroganz hat aber auf politischem Parkett seine unabsehbaren Folgen, wenn man real abhängig ist, ganz besonders in wirtschaftlicher Hinsicht. Immerhin hängen jede Menge Arbeitsplätze am Tropf Europas, speziell Deutschlands.

Das scheint dem polnischen Ministerpräsidenten, erst seit dem 11. Dezember im Amt, irgendwie egal zu sein. Sicherlich hängt dies auch mit seiner Parteizugehörigkeit zur PiS zusammen, schließlich „reitet man voller Inbrunst“ den nationalistischen Weg, geistig seinen Amtsbrüdern in Ungarn oder Österreich hold. Insofern paßt diese höhnische Reaktion zum EU-Strafverfahren mit dessen Ankündigung weiterer Gesetze.

Mit fehlenden Geldern könnte es eng werden

Oder aber der junge Ministerpräsident hat die Folgen eines EU-Strafverfahrens schlichtweg einkalkuliert, der Spekulationen sind Tür und Tor geöffnet, sei es damit verbunden, neue Partner zu suchen und zu gewinnen bishin zu kriegerischen Optionen. Denn Nationalismus führt am Ende unweigerlich in derartige Szenarien. Ob das einem Herrn Putin gar recht sein könnte, obwohl noch im letzten Jahr erneut das Nato-Militärmanöver „Anakonda“ ihm auf die Pelle rückte? Mit einer Abkehr Polens zur EU ein neuer Schulterschluß zu Russland?

Man wird sehen. Zunächst fehlen dem Land sehr schnell notwendige Gelder bei zu erwartenden Sanktionen der Europäischen Union. Daß die es ernst meint, sollte Polen klar sein, selbst wenn Viktor Orbán bereits sein Veto ankündigte.

Polen hält nichts vom Naturschutz – auch glänzt das Land eher im braunen Gewand

Frapante Parallelen zu anderen Nationen, die sich im Wind der Neuen Rechten drehen. Keine gute Aussichten für all diejenigen, die dachten, die Menschheit hätte jenen Teil der Geschichte endlich überwunden, um dies nie wieder zuzulassen! Schlimm genug, daß Trump sich vom Pariser Klimaabkommen abkehrte, so gefährdet Polens Um-weltminister Jan Szyszko den Bialowieza-Urwald. Welch Ignoranz wider der Natur!

Nur welches Pferd reitet da jener Mateusz Morawiecki? Es will nicht so recht zu ihm passen, verstrickt er sich doch jetzt schon in Widersprüche. Als ehemaliger Superminister Polens kennt er sich obendrein ziemlich gut aus in den Gepflogenheiten des Brüsseler Parketts, immerhin wirkte er selbst aktiv an den Verhandlungen zum Beitritt Polens zur EU bei. Jetzt der Schwenk zum Nationalismus? Er trat offiziell erst 2016 der PiS bei, was jene neue Haltung bei ihm eher erklärt. Dennoch beißt die Katze sich in den Schwanz, das braune Gewand jener rechtsradikalen Politik mag nach außen hin glänzen, nur kann daraus ein hoher Schaden für Polen entstehen. Genau so gewollt?

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Politik

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Büsinger oder nicht Büsinger

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Juri, Bano und Maria hockten auf den gestapelten Brettern, deren eigentlicher Gebrauchsnutzen sich ihnen nicht erschloß. Zum einen war der Schuppen, bis auf zwei bewegliche Bretter, Stoß auf Stoß verkleidet, diese Bretter aber waren unterschiedlich lang und breit, so daß, für was auch immer, nie ausreichend davon hier wären. Kurzum, es waren Einzelteile, Überbleibsel von Bauvorhaben, vielleicht will er auf seine alten Tage Kunstwerke kreieren, sinnierte Bano eines Tages.

Der Schuppen gehört Emma und Frank Büsinger, die Dorfbewohner munkeln, er würde jetzt Bücher schreiben, obwohl der nur die Hauptschule geschafft hat, unter anderem Namen, stellt euch vor, wir sind im Schuppen eines Schriftstellers, Juri fand das total witzig. Als Juri, Bano und Maria kleiner waren, jetzt sind sie zwischen fünfzehn und sechzehn, wurde das Grundstück mit Akribie gepflegt, beackert, gesät, gepflanzt von Emma und Frank. Sie haben bei dem kleinen Häuschen, das sie bewohnen, nicht genügend Nutzfläche, deshalb pachteten sie dieses Grundstück.

Früher, so erzählte Juri, haben hier viele im Dorf ihre Gärten außerhalb gehabt, von diesen Pachtgrundstücken konnte man heute nur noch erahnen, daß es sie mal gab, denn bis auf Büsingers wurden alle aufgelöst. Maria staunte immer wieder, was auf den ehemaligen Gärten noch so alles wuchs, Kohlrabi, Zitronenmelisse, sie fand auch Möhren, Johannisbeeren, Dill, Rosmarin, Petersilie. Juri bewunderte ihre Kenntnisse, sie war unschlagbar, wenn es um Pflanzen, Pilze und ihre Anwendung ging, ach überhaupt, sie schien jedes Gewächs zu kennen. Deshalb sah er sich manchmal veranlaßt, sein Wissen um die Begebenheiten des Dorfes zum Besten zu geben.

Maria war als Dreijährige mit ihren Eltern und ihren zwei älteren Brüdern hierhergezogen, Bano wuchs im Nachbarort auf, bis seine Mutter den Hans Krüger heiratete, der hier eine Gastwirtschaft führte, da war Bano gerade sechs geworden. Seit der Einschulung sind die Drei unzertrennlich. Selbst der Schulwechsel, Maria fuhr jeden Tag nach Markstadt, weil ihre Brüder dort aufs Gymnasium gingen, Juri und Bano besuchten die Realschule in Siggelsburg, hatte nur kurzzeitig einen dunklen Schatten über ihre Freundschaft gelegt, dies nur deshalb, weil die zur Verfügung stehende Zeit andere Abläufe in ihrer gewohnten Freizeitgestaltung erforderlich machte.

Der Schuppen von Büsingers war für sie so eine Art gemeinschaftlichem Zuhause. Sie achteten strikt darauf, im Schuppen nichts zu verändern, waren aber trotzdem der Meinung, Frank Büsinger und seine Frau wüßten von ihren Aufenthalten dort, würden dies stillschweigend dulden. Im hinteren Teil des Schuppens waren zwei Bretter lose, die sich fast wie Schiebetüren wegschieben lassen konnten, zwar stellten sie irgendwann fest, die Türe ist nicht mehr durch ein Vorhängeschloß gesichert, aber sie vermieden es dennoch, durch sie in den Schuppen zu kommen.

Letzte Woche gingen sie im Streit auseinander, Juri war der Meinung gewesen, die Armen seien selbst schuld an ihrem Schicksal, Bano gab zum Besten, wo ein Wille ist, ist ein Weg, und beide waren der Überzeugung, je mehr man helfen würde, desto weniger würden sich die Armen bemühen, ihr Leben selbst in den Griff zu bekommen.

Maria warf ihnen Ignoranz der Menschlichkeit vor, das sie zwar später bereute, aber ihr gingen die Argumente aus, und weil sie empfand, die beiden reden nur nach, was allgemein gesprochen wird, um sich hinter dem Schutz, wir tun das Bestmögliche, ohne daß sich etwas ändert, zu verbarrikadieren. Sie vermochte nicht so deutlich das Thema der Armut auszudrücken wie in der Textstelle des Buches, das sie erst neulich gelesen hatte. Mit dem Buch in der Tasche hoffte sie die beiden im Schuppen anzutreffen, nach einer Stunde ungeduldigen Wartens krochen sie durch die Bretter mit freudiger Miene, Maria hier zu sehen, hindurch.

Da hockten sie, wirkten etwas unbeholfen, schließlich war es das erste Mal gewesen ohne Kontakt über so einen langen Zeitraum, abgesehen von den verbrachten Ferien mit ihren Eltern, dem Krankenhausaufenthalt von Juri vor zwei Jahren, weil er mit seinem Mofa einen Unfall baute, unterwegs zu seiner ersten Liebe, nachts bei Regen eine Kurve nicht gekriegt hat, erst zwei Stunden später zufällig der Stöber Michael ihn entdeckte, der gerade wieder auf dem Heimweg war, weil das Krankenhaus ihn und seine hochschwangere Frau nachhause geschickt hatten, es sei noch lange nicht so weit, und als der Rettungswagen eintraf, die Sanitäter zuerst nicht wußten, wem zuerst zu helfen sei, dem Juri oder der Simone Stöber, die gerade ihr erstes Kind gebar.

„Hör mal, Maria!“, räusperte sich Juri.

„Schon okay, ich les euch mal was vor, damit ihr versteht, was ich meine“, winkte Maria ab und in ihrem Gesicht war eine große Erleichterung zu sehen, da Juri und Bano sich zu ihr setzten, sie schützend in ihrer Mitte nahmen, jedenfalls kam ihr das so vor, und es fühlte sich gut an.

„Armut ist nichts anderes als ein Geruch, der über sie gestülpt wird, damit man sie vertreiben kann wie das Unkraut im Garten. Der Geruch ist umso intensiver, je größer die finanziellen Unterschiede sind. Es ist der Geruch von schämender Gier, verströmt durch materielle Überheblichkeit. Scheinbar durch Armut verströmt ist ihre Herkunft eine Ansammlung von Begierden, nicht die Begierden nach Schätzen und Besitz, welcher Art auch immer, es sind die Begierden des nicht besitzen Wollens, der Abwehr von Haben. Vergleichbar mit einem unter Druck gehaltenen Kessel, in dem die Gier nach Zufriedenheit vor sich hinköchelt und nie ihren Siedepunkt erreicht und deshalb irgendwann einen Mief verbreitet. Dieser Gestank läßt sich leicht über die Armut stülpen, indem man diese köchelnde Zufriedenheitssuppe den Armen vorsetzt. Warum funktioniert das? Weil Armut selbst keinen Geruch verströmt. Sie ist schlicht und einfach geruchlos.“

„Starker Tobak dieser Text! Steht da noch mehr?“, etwas heiser klingend und nach dem Buch greifend, richtete sich Bano auf.

„Ja, klar! Aber interessanter ist hier diese Stelle!“, reagierte Maria sofort und blätterte ein paar Seiten weiter.

„Ihr, ihr wollt etwas von Armut verstehen, ihr, die Ihr noch nie Armut gerochen haben könnt, sondern nur euren eigenen Nichtzufriedenheitsdruckkesselmief? Ihr könnt Armut nicht vertreiben, indem ihr sie besprüht, Armut hat die gleiche Berechtigung wie Reichtum. Wie süß und salzig, wie scharf und schal. Gegensätze sind dafür da, Unterschiede zu erkennen. Deshalb ist es die Einbeziehung, kein konkretes Bild ohne Licht und Schatten, eine gegenseitige Beziehung auf gleicher Ebene. Keine Hierarchie, von welcher Seite auch immer, denn die endet immer im Chaos oder einfach in einer Umverteilung. Integration, nicht Isolation führt zur harmonischen Gleichheit, ohne diese Erkenntnis würde…“

„Genauso ist es!“, bekräftigte Frank Büsinger, der ohne daß sie dies bemerkt hatten, im Schuppen stand und den Text vervollständigte… „kein Wald, keine Wiese, die gesamte Natur existieren, hätten die Pflanzen nicht ein ausgeklügeltes System, sich gegenseitig zu ernähren.“

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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Identitäre blamieren sich mittels billigen Kopien

Wer keine Ideen hat, klaut gern beim „Klassen-feind“

Nichts neues unter der Sonne, wenn diese auch in Winterszeiten so kurz vor Weihnachten sich eher rar macht, die Tage noch kürzer werden, was die Identitären sich jüngst mitten in Berlin erdacht hatten mit ihrer Aktion sogenannter Grabsteine vorm Brandenburger Tor. Natürlich könnte man sich gelangweilt abwenden und zur Tagesordnung übergehen.

Dennoch bedarf es eines Kommentars der Vollständigkeit halber. Gerade weil die Neue Rechte meint, sie könne mir nichts dir nichts Eindruck in der Bevölkerung schinden, was angesichts noch anhaltender Flüchtlingswellen ihr gelingen mag, keineswegs zufällig nahm vor kurzen jene rechtsradikale Partei Platz im Deutschen Bundestag.

Manch Blamage mußten sie bereits wegstecken

Dabei suhlen sich die sogenannten Patrioten oder Identitären, allesamt in Wirklichkeit hundertprozentige Rechte, besser real als Neonazis zu bezeichnen, auch wenn viele von ihnen dies vehement bestreiten, in ihrer Opferrolle, wenn sie mal wieder ins Fettnäpfchen traten. Man kann ihr eine gewisse Absicht unterstellen oder aber schlichtweg Unvermögen, helle, kreative Ideen zu entwickeln.

Da legte neulich das Zentrum für Politische Schönheit ordentlich vor mit ihrer cleveren Aktion vorm Anwesen des Herrn Höcke. Jene billige Kopie vorm Brandenburger Tor zeugt nicht gerade von Ideenreichtum. Aber das kennt man ja aus Kreisen jener Rechtsradikalen, stets überall nachäffen, sich etlicher Felder bedienen, Hauptsache der ahnungslose Bürger bemerkt es nicht vor lauter Phrasendrescherei- und brüllerei.

Wenn man schon nicht beherzte Hilfe von in Seenot Geratenen direkt verhindern kann, dann denkt sich das „haßerfüllt, bösärtige Hirn“ eben andere Möglichkeiten aus wie diese reaktionäre Schiffahrt im Sommer dieses Jahres, die allerdings jäh gestoppt wurde.

Was lange währt, wird noch lang nicht gut

Das sollte sich ganz besonders die Neue Rechte merken. Eine sattelfeste Demokratie läßt solche Entgleisungen eben nicht zu, selbst wenn jüngst in Österreich das Bündnis Kurz-Strache zustandekam. Wie lange in aller Seelenruhe die europäische Politik dies mittragen wird, bleibt mal dahingestellt. Wir erleben seit längerem den Unmut mit Blick gen Ungarn, Polen und Tschechien.

Internationale Wirtschaftspolitik kann sich letztlich einen rechtsradikalen Kurs auf Dauer nicht leisten, es sei denn, sie bekennt sich offen dazu. Noch scheint dies nicht zuzutreffen, selbst wenn ein Herr Trump in den USA heftig droht und querschießt. Es bleibt abzuwarten, inwieweit die Weltpolitik ihre Lehren vergangener Zeiten zieht und einer derartigen Entwicklung im letzten Moment den Riegel vorschiebt.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Quergedachtes

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Same des Herzens

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Briefe erreichten sie nicht.
Mehr.
Längst war sie fortgegangen.
Aus der Enge.
Keine Freundschaft hielt sie hier.
Mehr.
Leben, pulsierendes gibt es.
Im Gedränge.

Fremdheit bestimmte ihren Lebensinhalt.
Sehr.
Erinnerungen führten aus der Ferne zurück.
Ohne Sehnsucht.
Begegnungen und Abschiede erfüllten sie.
Sehr.
Manchmal spürte sie Enge zu Freunden.
Weite Liebe öffnete sich.

„Freude und Traurigkeit lassen Tränen strömen.“
War zu lesen.
Zu diesem Grabstein pilgern Menschen.
Noch heute.
„Regentropfen, Tränen ermöglichen Leben.
Der Same des Herzens paßt in diesen Fingerhut.“
Der Fingerhut, der kleine, scheint eine Quelle zu sein.
Noch heute.

Nafia

Kategorie: Gedichte

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