Das Wetter spielt nicht mit

https://pixabay.com/de/blumen-veilchen-sch%C3%BCchtern-sch%C3%B6n-793303/

pixabay.com

Die Hochzeit sollte stattfinden, wenn die Veilchen blühen im Frühjahr. Schließlich, da waren sie sich einig, gaben sie sich den ersten zärtlichen Kuß auf einer Wiese, die übersät war mit Veilchen. Die mit Veilchen versehenen Einladungskarten steckten in veilchen-blauen Umschlägen. Allein diese Tatsache reichte aus, um bei einigen Empfängern ihren Geruchssinn zu animieren, die Hochzeitskarten seien mit Veilchenparfüm besprüht worden. Aber nein, soweit hätten sie beide nicht gedacht, aber sie fühlten sich irgendwie geehrt, solche Gedanken bei ihnen zu vermuten. Irgendwie fanden sie es schade, daß ihnen dieses Detail bei der gesamten Vorbereitung nicht in den Sinn kam. Geruchskarten. Wie ausgefallen.

Es gab nicht die kleinsten Unstimmigkeiten über die Wahl des Ortes der kirchlichen Trauung, die kleine Kapelle auf dem Karststeig, zwischen Sedenbach und Jörgesdorf gelegen, auch wenn einige Geladene, außerhalb der Kapelle stehend, die Zeremonie nicht leibhaftig zu sehen bekämen. Sie waren sich ziemlich schnell einig, die Feierlichkeiten könnten nur im „Hotel zur Burg“ stattfinden, teuer zwar, aber exzellente Küche. Sämtliche Tischdekorationen wurden nach ihren Wünschen niedergeschrieben, weiße spitzen-umrandete Tischdecken, frische Veilchensträuße in lindvioletten Vasen, lila beschriftete Namensschildchen, damit jeder seinen Platz wisse, die Speisenabfolge der Menüs auf aufklappbaren mit Veilchen verzierte Karten.

Alles sei natürlich inklusive, man arbeite seit Jahren mit dem Gartenhandel Beisel und der Druckerei Vogler zusammen, freuen uns, Ihre Wünsche ausführen zu dürfen. Ein bißchen gezankt haben sie sich lediglich, als sie auf den Einfall verfiel, er solle ein lila-bläuliches Hemd unter dem Hochzeitsanzug tragen, der extra nach Maß angefertigt werden sollte. Schließlich wurde ihr Hochzeitskleid in der Schneiderei Hohenstein nach dem neuesten modernsten Schnitt geschneidert, deshalb konnte es nur recht und billig sein, daß sein Anzug beim Dorfschneider in Auftrag gegeben wurde. Aber hier war wohl seine Toleranz und sein Einsatz für eine gelungene Hochzeit stark lädiert worden, denn er forderte, ja bestand darauf, dies geschehe nur, wenn ihr Brautkleid denselben lila-bläulichen Ton aufweisen würde.

Kurz flackerte in ihren Augen eine kämpferische Trotzhaltung auf, dann ist mein Kleid halt veilchenblau. Besann sich jedoch im selben Augenblick, daß ihr Brautkleid, das durfte er natürlich nicht vorher wissen, mit kleinen Veilchenstickereien an dem lässig zu drapierenden Gürtel versehen werden sollte, leicht dezent, fast unauffällig, aber immerhin in Veilchenton. Gefärbt wären diese Stickereien nicht mehr zu sehen, ach, das war doch nur ein kleiner Scherz, der von ihm mit einem sanften Kuß auf ihre leicht geröteten Wangen weggelächelt wurde.

Jetzt galt es nur noch, dafür zu bitten, das Wetter möge für diesen als unvergeßlichen Start in die Ehegeschichte ausgewählten Tag seinen wohlgesinntesten Beitrag leisten. Und tatsächlich, an diesem Samstag schickte die Sonne schon frühmorgens ihre lieblichsten Sonnenstrahlen über einen mit rosa Wölkchen angehauchten Himmel. Fast pünktlich zum Hochzeitsgeläute lösten sich die inzwischen weißen, leicht zerstoßen wirkenden Wolkenteile in nichts auf. Die Temperatur wurde als sinnlich fröstelnd empfunden, als das Brautpaar aus der Kapelle schritt.

Im Laufe des mit Essen, Trinken und Zuprosten zugebrachten Tages erhöhte sich die Temperatur, kein Lüftchen umwehte die Hochzeitsgäste, keine Wolken trübten das Fest, so daß das Erhitzen der Gemüter einzig und allein auf die ständige Sonneneinwirkung geschoben werden konnte und nicht auf den Konsum der alkoholischen Getränke. Die Luft stand.

Dieser Umstand verhinderte das Aufsteigen der selbstgebastelten lilablauen Papier-drachen, die an ihren Enden, dem Drachenschwanz, versehen waren mit einem Kärtchen, auf dem die Daten des Hochzeitstages, des Brautpaares, es grüßt Sie als frischvermähltes Ehepaar Sonja und Andreas Buchwalder, Ahornstraße 5 in Sedenbach, geschrieben stand.

Beide Brautleute waren darüber so betrübt, ansonsten weht auf der kleinen Anhöhe, auf dem das „Hotel zur Burg“ steht, ständig ein kleines Lüftchen, daß ihr so perfekt organisiertes Hochzeitsfest durch diesen Umstand einen Makel erleidet, der nie mehr gut zu machen ist. Ob es die feuchten Augen seiner Tochter waren oder tatsächlich, so wurde später auch gemunkelt, der fleißige Genuß von Rotwein, jedenfalls der Brautvater kam auf die Idee, mitsamt den Papierdrachen auf den wenige Kilometer entfernten Gabelsberg zu fahren, um von dort, dort weht es immer, die Drachen aufsteigen zu lassen.

Trotz Protesten seiner Frau, seiner Tochter und seines Schwiegersohns war er von diesem Gedanken nicht mehr abzubringen, auch erhielt er unerwartete Unterstützung vom Vater des Bräutigams, mit dem er ansonsten nur des Friedens willen ein paar Worte spricht, um nicht gänzlich zu sagen, die beiden können sich nicht riechen. In einträchtiger Gelassenheit packten sie den Kofferraum des Mercedes voll und fuhren unter Gejohle, eine Heldentat zu verbringen, Richtung Gabelsberg.

Die Fahrt zum Gabelsberg dauert in etwa eine Stunde, vom Wanderparkplatz aus ist es bis zum Aussichtspunkt eine gute halbe Stunde Wegstrecke. Allmählich dunkelte der Himmel, und die Gäste des Hochzeitsfestes schauten gebannt gen Westen, in Aufregung, wer den ersten Drachen zu Gesicht bekäme. Derweil mühten sich die beiden Brautväter redlich damit ab, die für die Wetterverhältnisse schnell aufsteigenden Drachen unter Zuhilfenahme von Verwünschungen, in die östliche Richtung davon schweben zu lassen. Selbst als sie die übelsten Schimpfwörter ausstießen, sich dabei zuerst maßen, danach unterstützend die schlimmsten, fürchterlichsten Begriffe an Ausdruckformen von Wut, großer Wut, das ihnen jemals über die Lippen kam, flogen diese verdammten Dinger nicht gen Osten.

In großer Sorge, es war bereits zu dunkel, um etwas anderes am Himmel zu erkennen, außer die ersten flackernden Sterne, fuhren als Hilfsmannschaft benannte Hochzeitsgäste los, um die schrecklichen Befürchtungen von, die sind abgestürzt, haben Unfall verursacht, durch ihre zeitige Rettungsfahrt das Schlimmste zu verhindern. Keiner konnte zu den sich ausbreitenden Ängsten über eine katastrophale Schicksalsnacht mehr Widerspruch einlegen, was zur Folge hatte, bis auf die Kinder und Jugendlichen, auch wenn sie sich noch so sträubten, waren die verbliebenen Hochzeitsgäste eingezwängt in den Autos auf der Fahrt Richtung Gabelsberg. Jemand hatte sogar den Feueralarm ausgelöst, dies hatte zur Folge, aus den beiden umliegenden Dörfern mischten sich die Feuerwehrautos zwischen die überfüllten geschmückten Hochzeitswagen.

Sonja und Andreas Buchwalder haben nie eine Mitteilung erhalten, wohin ihre Drachen geflogen sind. Auch kann sich keiner so richtig erklären, warum der Wind um den Gabelsberg herum an diesem Tag nicht wie üblich Westwind war. Aber die Veilchenhochzeit ist in den umliegenden Dörfern immer noch ein Gesprächsthema, nicht der vielen Veilchen wegen, sondern der Tatsache geschuldet, an dem Aussichtspunkt zwei völlig außer Rand und Band grölende Brautväter vorgefunden zu haben, die sich im Überbieten von Schimpfwörtern heiser geschrien haben, sich ständig umarmten und auf die Schenkel klopften. Nur wer dies an seinem Hochzeitstag erlebt, die Brautväter so in Hochstimmung zu erleben, der hat eine Veilchenhochzeit gefeiert.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

Veröffentlicht unter Kurzgeschichten | Verschlagwortet mit , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Bildung: Lesen wohl mit der wichtigste Bestandteil

https://pixabay.com/de/buch-landschaft-bl%C3%A4tter-natur-862492/

pixabay.com

Vom Sammeln zum Auswählen und Verinnerlichen

Eine der wichtigsten Kulturfertigkeiten des Menschen neben dem Rechnen und Schreiben stellt das Lesen selbst dar, die ohne weiteres auch als eine Form der Kommunikation betrachtet werden dürfen. Dennoch gehört zum Lesen selbst natürlich die Reflexion, das Überdenken des Gelesenen, was besonders intensiv zum Tragen kommt, wenn wir durch die erzählende Literatur als Leser uns in andere Zeiten und Personen versetzen, auf diese Weise Erfahrungen aus zweiter Hand sammeln.

Das Wort lesen kommt aus dem Lateinischen legere für „sammeln, auswählen und lesen“, wobei es im heutigen Sinne als Lehnbedeutung zu verstehen ist. Im Deutschen finden sich so auch die Lehnwörter Lektor, Legende und Lektüre. Das Englische to read entstammt dem raten bzw. „erraten“.

Der Vorgang des Lesens findet Anwendung im Visuellen aber auch durch das taktile Umsetzen von Schriftzeichen in Lautsprache, eben die Sprechsilben, die Buchstabenlaute, Wörter, Sätze und Textabschnitte. Wir lesen Karten, graphische Darstellungen, Fahrpläne, technische Zeichnungen, Musiknoten oder Schaltpläne. Beachten wir dabei das sogenannte Fährtenlesen, das Ablesen von Gefühlsregungen im Gesicht des anderen.

Schier grenzenlose Abenteuer beflügeln unsere Kindheit

Das Lesen ist ein Schlüssel zur Sprache selbst, zum Denken, stärkt unsere Vorstellungskraft, das Lernen. Und da die Schriftsprache abstrakter ist als die mündliche Sprache, wird die Phantasie und die einhergehende Begriffsbildung natürlich entscheidend herausgefordert. Genau das spüren Kinder, sodaß die meisten auch lesen lernen wollen. Ohne die Hilfe und Unterstützung der Eltern kann die Leseentwicklung nicht gut voranschreiten, die meist noch vor der Schulzeit beginnt.

Letztlich fördert ein Familienalltag, bei dem Lesen dazugehört, den Anreiz zum Lesen, weil Leser gern Leser „anstecken“. Doch die Förderung zum Lesen beginnt sogar noch früher, nämlich bereits im Kleinkindalter. Das Geschichtenerzählen, das Vorlesen sowie das Erklären beim Betrachten der Bilderbücher sind die ersten wichtigen Erfahrungen, um das spätere Lesen zu erleichtern. Viel Geduld und Zeit schwingt folglich mit, vergessen wir nicht, daß kein Kind gleich gut einsteigt beim Lesenlernen. Während das eine ganz schnell begeistert schon nach kurzer Zeit Kindergeschichten „verschlingt“, plagt das andere unter Umständen eine Leseschwäche.

Ermöglichen Sie Ihren Kindern einen Raum der Ruhe, der Alltagsstreß muß ohnehin bewältigt werden, feste Lesezeiten, vielleicht vorm Einschlafen, können eine Hilfe sein. Beim Vorlesen selbst sollte nicht einfach der Text „runtergelesen“ werden – sich mehr Zeit lassen, Gedankenpausen einlegen, schwierige Wörter unbedingt erklären, nicht einen Monolog sollte das Vorlesen darstellen, viel eher ein Gespräch.

Speed Reading ein Vorteil?

Das kann eine sehr wichtige Überlegung sein, vor allem für Studierende, die ganz viel Text, ganze Bücher in einem begrenzten Zeitraum lesen und erfassen können müssen. Dabei helfen einige gutdurchdachte, spezielle Lesetechniken, welche in manchen Instituten in Leseseminaren angeboten werden. Drei wesentliche Lesetechniken werden vermittelt, als da wären das Speed Reading, wobei die klassische Lesemethode Anwendung findet, halt nur wesentlich schneller, das PhotoReading, das Lesen mit Unterstützung des Unterbewußtseins und schließlich: die SQ3R-Methode. Hierbei soll das Gelesene fest im Gedächtnis verankert werden.

Lesen, ein Prozeß, der Freude machen soll in erster Linie, außer daß er auch Lerninhalte uns vermittelt. Bedenken wir, wie schön es ist, ein Buch zu lesen, dem Ende einer Erzählung entgegenzufiebern. Manche erinnern sich vielleicht noch an stundenlange Lesezeiten, weil die Spannung uns dazu verleitete.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gesellschaft

Veröffentlicht unter Gesellschaft | Verschlagwortet mit , , , , | 2 Kommentare

Schicksal vernommen

https://pixabay.com/de/elbe-hamburg-elbstrand-lichter-2894209/

pixabay.com

Glänzende Straßen,
Lichter blinken,
den Daumen gestreckt,
Nirgendwo zu finden.

Fahles Gesicht,
Luft verraucht,
in den Sitz versunken,
Fahrtwind ausgeschlossen.

Lügen erzählt,
Schicksal vernommen,
Leben ist grausam,
im Geiste ertrunken.

Wege glänzen,
Spuren erhellt,
den Daumen hoch gestreckt,
Nirgendwo gefunden.

Gerötetes Gesicht,
Luft umweht,
die Beine hinken,
Sturm überlebt.

Lügen vernommen,
Schicksal erzählt,
Leben ist ertrunken,
im Geiste grausam.

Nafia

Kategorie: Gedichte

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Bundestag: Zur 5. Sitzung Diätenerhöhung und AfD-Gewaltphantasien

Viel Tohuwabohu im Plenum sorgt für Ablenkung

Die Abgeordneten, 709 an der Zahl, des 19. Deutschen Bundestags wollen ordentlich bezahlt werden. Seit 111 Jahren mittels den Diäten hierzulande, auch Abgeordneten-entschädigung genannt. Für was wohl? Ein Lohn ihrer Arbeit, von dessen selbstverständlich beschlossener Erhöhung der normale, hart arbeitende Angestellte nur träumen darf, Managergehälter in Chefetagen der Privatwirtschaft mal ausgeklammert?

Zur 5. Sitzung des Bundestages beschließt eine deutliche Mehrheit von 505 Stimmen für die Diätenerhöhung, während an diesem Tag die AfD ihre Gewaltphantasien zum Besten gibt, was nicht verwunderlich sein sollte, schließlich gehört dies wohl zum guten Ton von Rassisten und Rechtsradikalen. Nur viel Tohuwabohu im Plenum, die für Ablenkung sorgen soll oder doch eher konkretes aus Berlin?

Bundeswehrmission ein Herumgeeiere – AfD auf Grenzsicherungskurs

Wie man es dreht und wendet, auch die Bundespolitik hat keine moderate Antworten, die Intervention der Linken per Entwicklungshilfe einen Bedarf zu fordern genauso wenig. Es sollte doch bekannt sein, welche Fehleinschätzung bisherige Entwicklungshilfe besonders in Afrika hervorruft, die dort herrschende Klientel eher vorwärtsbringt, während die Bevölkerung vor Ort das Nachsehen hat, Volker Seitz bemüht sich seit Jahren um entsprechende Aufklärung.

Dennoch muß man der Linken-Abegordneten Christine Buchholz natürlich zustimmen, daß ihre Kritik berechtigt ist, Frieden eben nicht durch einen Militäreinsatz geschaffen wird, Unamid beseitige keine Ursachen ethnischer Konflikte. Besser wäre humanitäre Hilfe seitens der Bundeswehr.

Schnell zeigt sich im Laufe der Debatte, wohin der Wind weht. Das Parlament bemüht sich um eine sachliche Auseinandersetzung, welches durch die Sprache der AfD stets untergraben wird, von unsinnigen Anträgen mal ganz abgesehen, wie z. B. deren Antrag zu Grenzkontrollen. Zuvor meint Frau von Storch, linksextreme Gewalt anmahnen zu müssen, das Bündnis „Aufstehen gegen Rassismus“ würde zur Bekämpfung der AfD mißbraucht. Falsch. Die AfD fördert mit ihrer politischen Ausrichtung den Rechtsextremismus und daraus folgenden rechten Terror.

„Offene Grenzen und ein funktionierender Sozialstaat schließen sich einander irgendwann aus“, meint Herr Gauland zum Besten geben zu müssen, „Menschen können illegal sein“, Grenzen seien zu sichern, gegebenenfalls durch Auf- und Ausbau von Bundesbereitschaftskräften“. Solch Antrag war zu erwarten. Entsprechende Absagen folgten, die Grünen-Abgeordnete, Luise Amtsberg, kontert, wenn man über Rechtsbrüche rede, warum die AfD nicht erwähne, der eigentliche Bruch habe mit ihrem Bruder im Geiste in Ungarn, Victor Urban, stattgefunden, die Verantwortung höre nicht an den Grenzen auf, dort begänne sie erst.

Diätenerhöhung – ein leises Zugeständnis für welche Rechtfertigung?

Es hat wenig mit Neid zu tun, wenn Menschen mittels Hartz-IV-Rassismus an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, obendrein manch Klientel dortigst unsinnigerweise ausgerechnet eine neoliberal-rassistische AfD wählt, um ihre Proteste zu artikulieren, wähernd ein aufgeblähter Bundestag sich eine automatisierte Diätenerhöhung gönnt.

Vor drei Jahren bezogen Bundestagsmandatsträger knapp 1.000 Euro weniger. Übertragen Sie das mal beim normalen Arbeitnehmer, dieser würde beim Chef eine derartige Lohnerhöhung einfordern. Aber Bundestagsabgeordnete dürfen das, inzwischen völlig legal, obwohl zurecht der Bund der Steuerzahler (BdSt) dies scharf kritisiert, als „heimliche Diätenerhöhung“ entlarvt, die alles andere als transparent vonstatten gehe.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Politik

Veröffentlicht unter Politik | Verschlagwortet mit , , , , | 1 Kommentar

Lindas Brosche

Falls mal wieder der Kopf voll ist mit unnötigen Gedanken, so in etwa, Mutter könnte ruhig mal wieder Erbsen anpflanzen, obwohl es dir eigentlich völlig egal ist, was in ihrem Garten angepflanzt wird, um in Wirklichkeit die unausgesprochenen Worte in eine andere Richtung zu lenken, weil vor dir jemand steht, der in einem himmelblauen Mantel von einem Fuß auf den anderen tänzelt, und du am liebsten ständig wiederholen möchtest, wie kann man nur so herumlaufen, völlig unpassend angezogen, dazu die grünen Hosen und die weißen Lackschuhe, nein, es sind Stiefel, sicher sind es Stiefel, geschnürte Stiefel, vorne geschnürt, Nuttenstiefel, bis über die Knie, sehr wahrscheinlich, dann ist man für jede andere Ablenkung direkt erfreut, auch wenn sie Linda heißt.

Ich war so vertieft in meinen Vorstellungen über die Trägerin des himmelblauen Mantels, malte mir ihre Herkunft aus, mal aus einer Großfamilie vom Land, mal ein Einzelkind aus der Stadt, Schulschwänzerin, ich muß Mutter unbedingt mal wieder darauf hinweisen, wie sehr ich Erbsen liebe, Kohlrabi und ihren Lauchauflauf, die macht mich wahnsinnig, wenn der Bus noch länger Verspätung hat, das Blauchen muß wohl aufs Klo, bin auf ihr Gesicht gespannt, wenn ich sie im Bus sitzen sehe, wie kann man nur so schräg angezogen rumlaufen, die Haare sind eine Perücke, na klar, eine Perücke, so eine Haarfarbe hat doch kein Mensch, und die glänzen auch so auffällig. Schau woanders hin, schau woanders hin. Linda, die sieht aus wie Linda. Kein bißchen verändert, Linda mit dem Babygesicht, Wunschtraum aller Jungs, oh, bin ich heute lieb. Mama, bloß heute keine Zucchinis, auch nicht mit Käse überbacken, bin jetzt schon abgefüllt.

„Hey, wenn das nicht, sorry, aber du bist doch Veronika, Vreni, kennst du mich nicht mehr, Linda. Ich bin’s Linda. Na, das ist aber sowas von, sowas von Zufall. Bin gerade auf dem Weg zu meiner Schwester, die wohnt jetzt in Oberhausbach. Wie geht es dir?“, werde ich so laut angesprochen, daß sich sogar meine weiße Stiefelträgerin umdreht, nein, bloß nicht rot werden, das ist Fräulein Hauser, ist das Fräulein Hauser?

„Linda, ja, nun. Hallo Linda, ja, lange nicht gesehen“, stammle ich ein wenig unbeholfen und schwanke zwischen, lieber meine ungeordneten Gedanken weiterführen zu wollen, danke zu sagen, toll, daß ich dich hier treffe und verdammt, warum mußte die Karre gerade diese Woche ihren Geist aufgeben, und es wäre besser gewesen, den Besuch bei Mutter abzusagen, anstatt sich die Fahrt zu ihr als romantische Erinnerung an die Jugendzeit hervorkramen zu wollen.

„Bist du auf dem Weg zu deiner Mutter? Wir haben uns sicher an die fünfzehn Jahre nicht gesehen. Hab gehört, du bist noch nicht verheiratet! Willst dir wohl Zeit lassen, Sven und ich haben dieses Jahr unseren siebten Hochzeitstag gefeiert. Irre nicht!“, fährt sie in unveränderter Lautstärke fort, die Blaumantelfrau mustert uns, sie tänzelt jetzt seitlich an der Straße stehend, ihr linkes Ohr uns zugewandt, scheint das Ohr mit dem besseren Gehör zu sein.

„Ja, klingt irre! Glückwunsch!“, antworte ich, denke aber, Sven? Sagte Mutter nicht, Linda hätte den Simon Hofstetter geheiratet?

„Ist meine zweite Ehe, stand sogar in der Zeitung!“, schrie sie mir zu, da in dem Moment ein schwerer Lastwagen vorbeifuhr, mag aber auch sein, sie hat hinter meine Stirn gesehen. Gut, daß der Bus gerade anhält, denn ich rechne soeben aus, wie lange die Fahrt mit ihr nach Oberhausbach dauert, schätze mal fünfzehn Minuten.

Das Hellblaumäntelchen tänzelt vor uns in den Bus. Wir setzen uns zwei Reihen hinter sie, da Linda sie nicht zu kennen scheint, ist meine Befürchtung, es könnte sich um Fräulein Hauser handeln, unbegründet, wäre auch zu abwegig, wenn die einstige Englischlehrerin mit weißen Lackstiefeln durch die Gegend tänzeln würde, obwohl irgendwie hatte dieser Gedanke seinen Reiz.

„Was ist besonderes daran, wenn eine Eheschließung in der Zeitung erwähnt wird, ich meine, solche Anzeigen gibt doch fast jeder auf“, versuche ich das Gespräch mit Linda fortzusetzen, da sich meine Gedankenwelt wieder an das Leben der Frau im himmelblauen Mantel dranhängt und sich gerade wundert, warum das auffällig blasse Gesicht nicht völlig überschminkt ist, von Nahem sogar den Eindruck eines kindlich spitzbübischen Teenagergesichts gleicht, das sich im Wissen um die verlogene Erwachsenenwelt einen abgrinst.

„So eine Anzeige haben wir natürlich auch aufgegeben, mußten dafür aber nichts bezahlen. Hast du nichts darüber gehört, ehrlich?“, sie schien regelrecht enttäuscht zu sein über mein Nichtwissen, als Zeichen dieser Ungläubigkeit stupste sie mich in die Seite.

„Du warst doch noch auf unserer Schule, ich meine, bevor du zu deinem Vater gezogen bist, nach der Scheidung deiner Eltern, als mir meine rote Brosche gestohlen wurde. Weißt du das nicht mehr?“, ihre Ungläubigkeit verlieh ihrer Stimme die Kraft, mindestens eine Oktave höher zu klingen.

„Ja, ja, da war was mit einer Brosche. War das nicht so, sie war ein Geschenk von deiner Tante zur Konfirmation, wertvoll, wolltest sie in der Klasse vorzeigen. In der großen Pause war sie dir aus der Schultasche geklaut worden“, sprudelte es aus mir heraus, weil ich all die Aufregungen, die dieser Diebstahl an Verdächtigungen unter den Schülern, Strafandrohungen seitens des Direktors direkt vor meinen Augen, eher in meinem Gehirn vorbeirasen sah.

„Der Dieb war Sven!“, flötete sie, immer noch eine Oktave höher als ihr normaler Tonfall, sichtlich glücklich, fast war Stolz aus diesem Satz zu hören. Sven war der Dieb, ich habe den Dieb meiner Brosche geheiratet, ich bin mit einem Dieb verheiratet, für dessen Fehlverhalten wochenlang in der Schule eine scheiß Stimmung war, weil fast jeder jeden verdächtigte, sogar die Polizei in den Klassenzimmern Vorträge hielt, weil das Lehrpersonal überfordert schien, uns davon zu überzeugen, Stehlen sei kein Kavaliersdelikt, der Pfarrer keinen Erfolg hatte mit der Behauptung, dem Dieb würde seine Sünde vergeben, wenn er die Brosche zurückgäbe, die Brosche blieb verschwunden.

Linda holte anfangs in aller Ausführlichkeit das damalige Geschehen wieder zurück in meine Erinnerungswelt, da sie die Zeit der Fahrstrecke wohl auch kannte, wurde, je näher wir Oberhausbach kamen, aus ihren Sätzen ein Wortdiktat. Sven habe aus Liebe die Brosche an sich genommen, für ihn war sie die unerreichbare, anzubetende Vergötterung seiner Jugendträume. Mit der Brosche wollte er ihr auf ewig nahe sein. Hat die Brosche aber nach ein paar Tagen in den Bach geworfen, der an einigen Stellen durch die Stadt oberirdisch zu sehen war, um dann wieder in Rohren zu verschwinden. Die Gewissenspeinigungen in der Schule und mehr oder weniger in dem Städtchen und den umliegenden Dörfern haben ihn dazu veranlaßt.

Jahrelang hat er trotzdem von Linda geträumt, jetzt war sie noch weniger erreichbar für ihn geworden. Ich war verheiratet, er verlobt, Streit mit seiner Freundin, weiß du noch das Niedrigwasser im Winter vor neun Jahren, auch egal, er jedenfalls unten am Bachlauf, etwa da, wo früher das Möbelhaus Müller stand, einfach so runtergeklettert, wollte sich abreagieren, Steine geworfen, und du glaubst es nicht, die Brosche gefunden. Hat sie bei einem Juwelier reinigen lassen, mir anonym zugeschickt. Ich habe mich im Wochenblatt und mit einer Zeitungsanzeige bedankt. Daraufhin er mit Chiffre geantwortet, weißt du, was ich meine, ich geantwortet. Wußte da noch nicht, daß er der Sven ist. Jedenfalls, wir haben dann ein paar Mal chiffriert, wenn du so willst. Irgendwann uns getroffen, stell dir vor, mit einem Unbekannten. Mir schlotterten die Knie beim ersten Treff, hätte ja wer weiß wer sein können. Sven hat mich einfach in die Arme genommen, und „ich war blöd“ gesagt. Die Zeitung fand unsere Liebesgeschichte so toll, vielleicht auch wegen der vielen Chiffre-Anzeigen, deshalb haben die darüber berichtet, obwohl eigentlich alle hier in der Umgebung schon längst Bescheid wußten, das mit Sven und mir.

„Tolle Geschichte, hat mir nie einer erzählt. Dann seid ihr beide richtig zu beneiden, freut mich für euch, und das die Brosche wieder da ist“, lächelte ich sie an.

„Ja, die Brosche hat mir Glück gebracht. Komm doch mal bei uns vorbei, wenn du wieder in der Gegend bist, wir wohnen im Haus von Svens Eltern, im neuen Anbau. War richtig schön, dich mal wieder zu sehen“, säuselte sie, hörte ich eine leichte Traurigkeit in ihrer Stimme?

„Okay, ich nehme es mir vor. Grüße an Sven!“, rief ich ihr nach, als sie aus dem Bus stieg.

Jetzt habe ich noch fünf Minuten, dann noch etwa zehn bis ich Mutter fragen kann, warum sie mir darüber nie etwas erzählt hat. Es kann nicht sein, daß sie all die Zeit wußte, daß ich die Brosche geklaut hatte und sie auf dem Nachhauseweg in den Bach geworfen habe, weil Linda und ihre Anhängerschaft mir sowas von auf die Nerven gingen. Sonst erzählt sie mir doch allen Mist, der hier in der Gegend passiert. Oder sind das bloß nur wieder unnötige Gedanken, die ich verschwende, in meinem Kopf sind sehr viele davon.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

Veröffentlicht unter Kurzgeschichten | Verschlagwortet mit , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

O Tannenbaum wie giftig sind deine Nadeln

Vom Wald- zum Plantagenbaum weihnachtet’s bald wieder

Wer kennt es nicht, das Lied „O Tannenbaum“, welches alljährig zu Weihnachten, am Heiligabend im Kreise der Familien vorm geschmückt, hell erleuchteten Tannenbaum gesungen wird? Ernst Anschütz schrieb es 1827 um, zuvor diente es August Zarnack als Lied über einen enttäuschten Liebhaber.

Inzwischen werden hierzulande gut 30 Millionen Bäume verkauft, überwiegend die eher geruchlosen Nordmanntannen lösten die zuvor oftmals verwendeten Blaufichten ab. Doch seit den erheblichen Waldschäden durch den Orkan Kyrill vor zehn Jahren wird auf Anbauflächen per Monokulturen gesetzt, rücksichtslos kommt es zum Einsatz von Herbiziden und Pestiziden, die unsere Umwelt erheblich belasten, Verbraucher somit ihren verantwortlichen Anteil daran mitzutragen haben.

Öko-Weihnachtsbäume durchaus ratsam

Dabei mögen all jene ruhig die Nase rümpfen, die auch in anderen Lebensbereichen eher verächtlich dreinblicken, wenn Menschen umweltbewußter sich ernähern, obwohl es manchmal auch schwarze Schafe unter dem Label „Bio oder Öko““ durchaus geben mag. Kein Grund voller Inbrunst den verfehlten Weg konservativer Landwirtschaft hochzuhalten, Mutter Erde verträgt keine toxisch unnötige Belastungen, die obendrein auch den Menschen selbst erheblich schaden.

Insofern kann der Aufruf von ROBIN WOOD unbedingt beherzigt werden, Sinn machen, wer sich einen Tannenbaum zu Weihnachten kaufen möchte. Gleichzeitig wird auch das traute Heim nicht belastet, was bei einem handelsüblich erstandenem Weihnachtsbaum der Fall sein wird. Die Kostenfrage entfällt, weil die Preise gleichwertig. Schade nur, daß immer noch zu wenige angeboten werden. Andererseits gilt auch hierbei das Prinzip von Angebot und Nachfrage. Wenn mehr Verbraucher auf giftfreie Tannenbäume bestehen, denken Händler sicherlich im eigenen Interesse um.

Künstliche Weihnachtsbäume im Rausch der Superlative

Längst ist Weihnachten ein knallhartes Geschäft, finden sowieso die meisten Umsätze des Jahres statt, das Beschenken unterm Weihnachtsbaum gilt als das Zugpferd, damit der Euro rollt. Und wenn es keine echten Bäume sind, dann halt künstliche aus Kunststoff.

Der Ölindustrie kann dies somit nur recht und billig sein. Ein paar Superlative gefällig? Während laut Betreiber angeblich in Dortmund der „größte künstliche Weihnachtsbaum“ auf dessen Weihnachtsmarkt mit einer Höhe von 45 Metern aufgestellt wird, steht in einer Dortmunder Kunstgalerie der wohl kleinste mit einer Höhe von 14 Millimetern.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Umwelt

Veröffentlicht unter Umwelt | Verschlagwortet mit , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Bedürftige Reiche

Wer bemitleidet hier eigentlich wen?

Wer sich täglich im Bereich der Medien bewegt, also Magazine, Zeitungen, Zeitschriften durchliest, dem werden die Begriffe Armut und Reichtum ständig präsent sein. Dafür braucht es nicht unbedingt einen Artikel, der sich speziell über die beiden Themenbereiche befaßt, vielmehr stecken in selbst lapidaren Berichten über den oder jenen Prominenten schon genügend Potential, um sich den Begriffen arm und reich in stundenlangen Gesprächen zu nähern.

Durch Werbung, Filme, Bücher ist der Kontrast zwischen Reichtum und Armut in unser Unterbewußtsein gedrungen, daß wir es als selbstverständlich ansehen, es zwischen arm und reich einen Unterschied gibt so wie zwischen schwarz und weiß oder gut und böse. Aber gibt es diesen Unterschied wirklich?

Es ist davon auszugehen, Reichtum und Armut gab es schon immer, diese beiden Gegensätze sind keine neusprachliche Erfindung, noch eine neue gesellschaftliche Entwicklung. Und wenn dies seit alters her eine Diskrepanz innerhalb der Gesellschaften darstellt, die als „natürlich“ angesehen wird, so sollte die Frage berechtigt sein, warum zu einer als Brennpunkt geltenden Thematik im sozialen Bereich nicht schon längst Lösungen vorliegen.

Hier sollte nicht unerwähnt bleiben, in vielen Epochen gab es kirchliche, religiöse, karitative Hilfe, um den Armen, den Bedürftigen, den Gestrauchelten oder welche Gründe auch immer vorlagen, unter die Arme zu greifen. Löblich mag man denken. Und dennoch nicht ausreichend, sonst wäre die heutige Situation zwischen arm und reich eine andere.

arm, mittelhochdeutsch, althochdeutsch arm, wahrscheinlich ursprünglich, verwaist, wohl verwandt mit Erbe (Duden) andere Begriffe sind minderbemittelt, unvermögend, blank, anspruchslos, minderwertig, mickrig, bemitleidenswert.

reich, mittelhochdeutsch rīch(e), althochdeutsch rīhhi, eigentlich, von königlicher Abstammung, aus dem Keltischen, vgl. altirisch (Genitiv: rīg), König (Duden) Synonyme sind begütert, finanzkräftig, vermögend, situiert, betucht, einkommensstark.

Unter dem Begriff „arm“ findet sich folgender Textabschnitt bei DWB, Gebrüder Grimm:

„…die abweichung der finnischen bedeutung ist doch so zu fassen, dasz armas mitleidig, lappisches armes dagegen bemitleidet ausdrückt, jenes activen, dieses passiven sinn zeigt, ungefähr wie in unsrer volkssprache niederträchtig herablassend, gnädig, in der schriftsprache elend meint. das goth. arms, überhaupt das deutsche arm bezeichnen wie das lapp. armes und lat. miser den elenden, der unglück oder abscheu auf sich zieht. Lappen und Finnen vermögen aber die abstraction dieses worts in den sinnlichen begrif nicht aufzulösen, wie wenn unsre sprache es vermöchte? armen hiesz amplecti, in manus tollere, umarmen, das grenzt geradezu an erbarmen, bemitleiden; wie gefühlvoll erschiene die sprache, welcher der arme ein solcher ist, den man mitleidig, liebreich aufnimmt und in die arme schlieszt. arm miser stammte hiernach unmittelbar aus arm brachium, musz nur einen hernach schwindenden ableitungsvocal besessen haben und jenes lapp. armes, finn. armas könnten ein früheres goth. armus erraten lassen, das sich hernach in arms verdünnte. fast entscheidende bestätigung dieser subjectiven deutung des wortes arm wird sich hernach unter armut ergeben, volles licht empfangen kann sie erst bei armen und erbarmen; festzuhalten ist, dasz arm einen unglücklichen ausdrückt, dem mitleid und gnade zu theil werden sollen.“

Diese Erklärung erscheint weitaus einleuchtender, als die vom Duden genannte. Ausgehend von den Unterschieden zwischen finnisch „arm“, mitleidig und dem lappischen „arm“ bemitleidet, das in unserem Sprachgebrauch eher unserem Verständnis von „arm“ entspricht, und deshalb werden Arme mit Unglück, Elend und Abscheu in Verbindung gebracht. Ersichtlich aus dem o.g. Text sind auch die Vorstellungen „in manus tollere, umarmen, das grenzt geradezu an erbarmen, bemitleiden; wie gefühlvoll erschiene die sprache, welcher der arme ein solcher ist, den man mitleidig, liebreich aufnimmt und in die arme schlieszt“ und deutung des wortes arm wird sich hernach unter armut ergeben, volles licht empfangen kann sie erst bei armen und erbarmen; festzuhalten ist, dasz arm einen unglücklichen ausdrückt, dem mitleid und gnade zu theil werden sollen, das sich aufgrund von nicht eindeutiger Herkunfsableitung als Wunschdenken darstellt.

Das Wort „reich“ wird bei DWB Gebrüder Grimm folgendermaßen erklärt, „reich bezeichnet allgemein das mit einem herscher in zusammenhang stehende, von ihm abhängige, und damit herschaft, gewalt, regierung:“

Denken Sie immer noch an einen unüberbrückbaren Gegensatz zwischen arm und reich?

In vielen sozialen Netzwerken sind immer mal wieder Videoclips zu sehen, Menschen mit verbundenen Augen bitten auf einem Schild nach einer Umarmung. Dies ist nur möglich, wenn sie ihre Reichweite minimieren, sich dieser Person nähern und sie mit ihren Armen seinen Körper erreichen können.

Niemals kann etwas erreicht werden, wenn es nicht in greifbarer Nähe ist, oder? Herrschaft, Gewalt kann nur ausgeübt werden, wenn genügend „Arme“ dieses schützen, in der Hoffnung auf eine „Umarmung“.

Würden wir darüber hinaus das finnische “arm“ als unsere Vorstellung von „arm“ annehmen, also mitleidig, so wäre der Arme derjenige, der andere bemitleidet.

Wenn also Arme Reiche (Herrschaft, Gewalt) bemitleiden, anstatt von ihnen Mitleid zu erwarten, wenn umarmen nicht gleichbedeutend ist mit Reichweite verkürzen, sondern mit ausweiten des Reichtums, hätten diese Gegensätze eine Chance, sich anzunähern.

Denken Sie darüber nach, wenn Sie das nächste Mal einen Werbespot sehen, der Sie dazu auffordert, Ihr Reich reicher zu machen, möglicherweise haben Sie bloß den Wunsch bemitleidet, umarmt zu werden.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

Veröffentlicht unter Kolumne | Verschlagwortet mit , , , , | Hinterlasse einen Kommentar