Wes Brot ich eß, des Lied ich sing
Kaum war die Mehrheit der Stimmen beim Referendum am Ostersonntag abends ausgezählt, stand wenn auch erwartungsgemäß äußerst knapp fest, daß Erdogans angestrebtes Präsidialsystem mehrheitlich von den 55,3 Millionen Wahlberechtigten befürwortet wurde.
Eine tief gespaltene Türkei verbleibt ohnehin, wie schon all die letzten Jahre zuvor, selbst wenn dieser despotische Präsident meint, sein Volk stehe hinter ihm. Kaum ein Staatsmann hat in den letzten Jahren mehr polarisiert wie dieser Recep Tayyip Erdoğan, der sich nunmehr ein großes Stück weiter in jener Rolle sieht, die er explizit anstrebt: als Alleinherrscher. In dieser Funktion sieht er als erste Aufgabe die Wiedereinführung der Todesstrafe an.
Europa braucht mitnichten eine zweite Diktatur an ihren Außengrenzen
Östlich von der Volksrepublik Polen grenzt bereits mit Präsident Aljaksandr Lukaschenka an der Spitze von Weißrussland, der Republik Belarus, ein diktatorisch geführtes Land, mit der Türkei wäre es daher jetzt die zweite Diktatur an den Außengrenzen Europas. Das wollen die Europäer mitnichten, erst recht nicht mit Blick zur jüngsten Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg, als noch Portugal, Spanien, Griechenland und Jugosloawien von den Alleinherrschaften sich nach und nach verabschiedeten.
Bei vielen werden bestimmt noch die letzten Provokationen über Nazi-Schelten und -vergleiche in den Ohren klingeln, die jener Despot zum Besten gegeben hatte, für reichlich Mißstimmung sorgte, wenngleich mit kaum merklichen politischen Reaktionen, außer halbherziger Schelte seitens der Bundeskanzlerin. Sigmar Gabriels Reaktion in der Rolle des Außenministers, man solle doch jetzt einen kühlen Kopf bewahren, erscheint in diffus fragwürdigem Licht, denkt man zurück an die Panzer-Deals mit Saudi-Arabien. Was lange währt, wird endlich gut?
Jürgen Todenhöfers Reaktion läßt aufhorchen
Natürlich könnte man dem ehemaligen CDU-Politiker Jürgen Todenhöfer die christliche Überzeugung abnehmen, „liebe deine Feinde, segnet, die euch fluchen…“, sie auch im Fall von Erdogan anzuwenden. Aber hat die Welt tatsächlich diese äußerst manipulierte Wahl zu respektieren, wo doch sich inzwischen längst herumgesprochen haben sollte, wie jener Herr Erdogan im eigenen Lande verfährt, Repressalien, Freiheitsberaubung per willkürlicher Verhaftungen, Einschränkung der Medien, ein gezeichneter Weg hin zur Diktatur? Nein, hat sie nicht, genauso wenig wie sehr wahrscheinlich die Mehrheit der Türken ihn ablehnt.
Den Vergleich zu den USA mag Jürgen Todenhöfer anführen, aber seine Behauptung, wir hätten nie gegen eine US-Regierung protestiert, kann man so niemals stehen lassen, es sei denn, Herr Todenhöfer war während der Vietnamkrieg-Demos vor lauter eigener CDU-Karriere eher abwesend, von zwischenzeitlichen Demos danach gegen den Nato-Doppelbeschluß oder gegen Bushs Irak-Krieg mal ganz zu schweigen, um nur mal diese größeren Proteste zu benennen!
Selbstverständlich sind unsere türkischen Mitbewohner unsere Freunde, aber mit Sicherheit kein gewählter Präsident, der sich zum Despot entwickelt, obendrein die eigenen Landsleute ziemlich offensichtlich bedroht. Da kann es kein Wegschauen geben, sondern ganz im Gegenteil, die Oppositionskräfte in der Türkei sind viel eher zu bestärken, anstatt Herrn Erdgogan den roten Teppich auszurollen.
Lotar Martin Kamm






