Dreiundsiebzig sind zehn

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Früher war es fast jeden Tag, heute muß Daniello sich aufraffen, seine dreiundsiebzig Stufen in die untere Stadt zu gehen. Das Städtchen liegt malerisch an einem See, viele Häuser sind in den Hang gebaut, zu erreichen auf serpentinartigen Straßen. Früher waren die Häuser im Hang die Wohnungen der Armen, eher Hütten, Verschläge. Unten lebten die reichen Handwerker, Kaufleute, Beamte und nicht zu vergessen die Wirte, die nicht nur von den Bewohnern lebten. Durch das Städtchen verliefen drei wichtige Straßen, die Straße, die entlang des Sees und zwei Straßen, die eine Richtung Nordwest, die andere Richtung Nordost führten, sie waren schon von alters her Handelswege. Früher wurden viele Waren über den Seeweg ins Landesinnere transportiert. Dieser Umstand machte die Einwohner zu recht wohlhabenden Städtern.

Diese Tatsache sei nur am Rande erwähnt, weil er für Daniellos Leben bedeutete, in seinem Geburtsort alt zu werden. Daniello war das siebte Kind von Jose und Maria, die bei seiner Geburt starb. Aus dem Nachbarort übernahm eine Hebamme, zu der er gebracht wurde, die gesamten Bedürfnisse, die ein kleines Baby und Kleinkind so haben, denn er war bereits über ein Jahr alt, als er zurück zu seiner Familie gebracht wurde. Seine anderen Geschwister, die alle um einiges älter waren als er, halfen von klein auf ihrem Vater oder im Haushalt. Nachdem aber Rosalie eine Anstellung in einem Wirtshaus angenommen und Franco beim Schmied untergekommen waren, beschloß der Vater, sich eine neue Frau zu suchen. Die tanzte quasi in die gute Stube, nachdem sie reißaus von ihrem Freier nahm und eigentlich auf dem Weg über die Grenze war, um möglichst weit weg zu rennen, damit sie nicht wieder in seine Fänge geriet. Jose bot ihr nicht nur ein Nachtlager an, ebenso ein für sie vorstellbares Leben als Olivenbäuerin, gefälschte Papiere, die er besorgen konnte, und eine Familie. Denn fürs Kinderzeugen sei er zu alt. Sie willigte ein, und die Sache mit dem Kinderzeugen funktionierte, wider seiner Annahme, mit der Geburt von noch drei Kindern.

Francesca war eine herzensgute Mutter für Daniello, zu ihm hatte sie die meisten mütterlichen Gefühle, abgesehen natürlich zu ihren eigenen Kindern. Sie war es auch, die Daniello zur Schule schickte, jeden Tag, ohne Ausnahme mußte er zwei Jahre lang alleine runter in die Stadt. Dreiundziebzig Stufen jeden Tag. Außer Sonntag und den wenigen Feiertagen. Die Stufenanzahl konnte er schon nach ein paar Wochen Schule zählen, daß er dabei die tatsächliche Anzahl nicht nennenswert fand, störte ihn nicht. Es war seine liebste Zahl, und die unterschlagenen Stufen waren jene, die durch Wege von den 73 Stufen getrennt waren. Diese Zahl kannte er, aber wen interessiert das, ob die Gesamtzahl nun 130 oder gar 160 war, die dreiundsiebzig Stufen waren für ihn wie für andere Lehrjahre seine Studienzeiten.

Auf diesen dreiundsiebzig Stufen lernte er Addieren, Subtrahieren, Multiplizieren, Dividieren, das ABC, Gedichte, Lieder und später, als er unter die Fittiche von Pater Anselmo kam, griechisch. Selbst die Naturwissenschaften wurden hier auf den dreiundsiebzig Treppenstufen zur Kleinigkeit beim Verstehen lernen.

Pater Anselmo überredete, vielmehr drängte Jose dazu, seinen Sohn für die priesterliche Laufbahn ausbilden zu lassen. Und weil ihn Francesca geradezu darum anflehte, auch in Anbetracht ihrer von Gott gefügten Aufnahme als Mutter seiner Kinder und des Glückes, das sie gemeinsam den ursprünglichen Besitz mehr als verdoppelt haben, willigte er ein, daß Daniello die Laufbahn zum Priestertum beschreiten kann. Von Seiten Pater Anselmos wurde ihm eine glänzende Karriere hinter Klostermauern versprochen.

Das wäre sicherlich auch geschehen, wären da nicht die dreiundsiebzig Stufen gewesen, die Daniello für alles, was er tat, zu tun pflegte, dachte, sprach die größte Rolle in seinem Leben gespielt hätten. Lange bevor er das binäre Rechensystem und Denken durch die Schule vermittelt bekommen hatte, wußte er, daß die Zahl 10 seine Zahl ist. Sein Leben. Für ihn bildete die 70, quasi die Verstärkung der Zahl sieben, da er das siebte Kind der „alten“ Familie war. Der Grundstock seines Lebens. Die Zahl 3 deutete er für die Anzahl der Kinder, also seiner Halbgeschwister, für die er sich verantwortlich fühlte, wenn sie mit ihm gemeinsam den langen Weg zur Schule ins Städtchen und zurückliefen. Sieben und drei sind 10. Die ersten Stufen, die er morgens zu gehen hatte, waren unterteilt, weil zwischen der siebten Stufe und der achten Stufe der Holzbohlen fehlte genauso wie zwischen der zehnten und elften Stufe. Die folgenden übrigen dreiundsechzig waren ohne irgendeine Unterbrechung zu betreten. Die eins, als die Zahl, die nicht zu berechnen ist und die Null, die nichts und alles bedeuten kann. Eins, null, die erste zweistellige Zahl. Eins, null, die beiden Zahlen, die jede x-beliebige Zahl benennen. Eins, null, als zwei Konstanten für jede erdenklichen geistigen, wissenschaftlichen Fragen und Antworten.

Ein halbes Jahr bevor er das Gelübde ablegen sollte, um für immer, mehr oder weniger, hinter Klostermauern zu verschwinden, die ihm zwar die Möglichkeit zu Studien geboten hätten und sogar, laut Pater Anselmo im späteren Alter den Titel eines Kardinals, verließ er das Kloster und wurde mit 20 Jahren Lehrling beim Frisör am Marktplatz des Städtchens. Alle Argumente, die ihn vor diesem Schritt entgegengeschleudert wurden, sogar die Ohrfeigen von Francesca, die Drohung des Vaters, er dürfe nie wieder einen Fuß in sein Elternhaus setzen, prallten an ihm ab. Der einzige Satz, den er als Erklärung für seinen Sinneswandel stets wiederholte, war, das Leben besteht darin, das Unberechenbare mit nichts zu erklären und das Unerklärbare als eins zu erkennen.

Er wurde schnell zum Liebling sämtlicher Damen des Städtchens, da er ohne Hintergrundinteresse der einzelnen Verfeindungen, Freundschaften der Familien, mit jeder plauderte, als wäre sie die Königin des Städtchens. Und da die Herren feststellten, Daniello ist hinter keinem Frauenrock her, kamen auch sie immer öfters, um mit ihm über sämtliche Belange, Befürchtungen, Anlässe des Städtchens,während sie rasiert oder frisiert wurden, zu debattieren.

Inzwischen ist Daniello vierundachtzig Jahre alt, seine Beine versagen ihm oft, er leidet an Rückenschmerzen, manchmal will sein Husten nicht aufhören, trotzdem steigt er langsam, mindestens dreimal die Woche seine dreiundsiebzig Stufen ins Städtchen runter. Er hat es ohne großen Widerstand im Rathaus und bei den Bewohnern des Städtchens durchgesetzt, daß die fehlenden Stufen zwischen der siebten und achten und der zehnten und elften Stufe nicht ersetzt wurden. Sie alle haben seinem Wunsch bereits vor langen Jahren zugestimmt.

„Francesca, meine göttliche Enkelin, darf ich dir wieder einmal unter die Arme greifen?“

Der Frisörsalon wird nunmehr in der dritten Generation geführt, einige Kunden wünschen dennoch, nur von ihm bedient zu werden, vor allen Dingen die Honoratioren. Im Grunde nur, um alte Zeiten dadurch jung zu halten, obwohl sie sich regelmäßig im neuen Hotel am Platze zu einem Stammtisch treffen.

„Nonnino, aber nur wenn ich dir unter die Arme greifen darf beim Nachhauseweg!“

„Eins zu Null für dich, meine Göttin, deinen Fahrdienst nehme ich gerne an!“

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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Xavier Naidoo: „Marionetten“ schießt gänzlich übers Ziel hinaus

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Vom kritischen Soul- und R&B-Sänger zum Bereicherer des Rechtsradikalismus

Ein trauriger Tag für all diejenigen, die Gewalt, Verschwörungstheorien konsequent ablehnen, weil sie gern gerade von fanatischen Rechtsextremen mißbraucht werden. Die Söhne Mannheims veröffentlichten mit ihrem Song „Marionetten“ , in dem Frontman Xavier Naidoo als Sänger wirkt, eine eindeutige Homage an die Reichsbürgerszene, schießen somit gänzlich übers Ziel hinaus.

Konnte man bei Xavier Naidoo noch ein Auge zudrücken, wir berichteten im Dezember 2015 über dessen Song „Nie wieder Krieg“, der auf Skepsis stieß, schaut die Lage inzwischen anders aus. Was war geschehen? Haben wir den bisherig kritischen Soul- und R&B-Sänger in etwa unterschätzt, zunächst ihm abgenommen, künstlerische Freiheit beinhalte auch die Auseinandersetzung grenzwertiger Themen wie bei sogenannten Reichsbürgeranhängern, auf die er sich bei der Mahnwache für den Frieden am 03. Oktober 2014 einließ?

Zunächst war bis dato Xavier Naidoo stets ziemlich engagiert, gerade Rechtsradikalismus nicht zu dulden, obwohl schon 2012 sich die Linksjugend Solid sowie der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD) angegriffen fühlten aufgund des Gemeinschaftsprojekts Xavas und des Albums „Gespaltene Persönlichkeit“, in dem gar Kinderschänder mit Schwulen gleichgesetzt würden. Xavier Naidoo wiegelte ab, es seien Fehlinterpretationen der Kritiker.

Wie lange werden Künstlerkollegen diesem Sänger noch beipflichten, ihn verteidigen können, in wie weit dessen Musik und vor allem Textzeilen zu rechtfertigen sind? Beim ESC-Eklat fruchtete eine solche Solidarität zunächst, 121 Kunstschaffende verteidigten ihn im Feuilleton auf einer ganzen Seite der FAZ. Allerdings meint er nunmehr, er müsse seine Botschaften erst recht platzieren, die fragwürdiger denn je.

„Wie lange wollt ihr noch Marionetten sein? Seht ihr nicht, ihr seid nur Steigbügelhalter? (…) Für eure Puppenspieler seid ihr nur Sachverwalter.“

So der Refrain im Song „Marionetten“. Bekanntlich bezeichnen Reichsbürger „Sachverwalter“ als handelnde Staatsorgane. Sicher doch mag Puppenspieler abwertend genannt werden, die irgendwie Politik beeinflussen, aber spätestens mit dieser Liedzeile entlarvt Xavier Naidoo seine widersprüchliche Haltung:

„Wenn ich so einen in die Finger krieg, dann reiß ich ihn in Fetzen. Da gibts auch kein Verstecke hinter Paragraphen und Gesetzen.“

Ein Aufruf zur Gewalt, obwohl er sich doch bisherig stets als Botschafter der Liebe verstand? Da paßt einiges nicht zusammen! Einerseits gibt es de facto genügend kritische Stimmen, die keineswegs die Hände in den Schoß legen, gerade sehr engagiert gegen das Kriegstreiben des entfesselten Hegemon sich verwahren, andererseits scheint Xavier Naidoo hinzunehmen, daß inzwischen längst rechtsradikale Gruppierungen ihm huldigen, er insofern Steilvorlagen bietet in seinen Liedtexten.

Dieser Musiker scheint den verkehrten Ratgebern auf den Leim zu gehen. Wer bereits wie er selbst ein Interview beim Compact-Magazin gab, obwohl die Haltung eines Jürgen Elsässers überdeutlich sich offenbart, dieser bekanntlich unter all jenen sich nahtlos einreiht, die man durchaus als „rechtsradikale Rattenfänger“ bezeichnen sollte, darf sich nicht wundern, wenn er berechtigt argwöhnisch beäugt wird. Er hätte gut daran getan, mal genauer hinzuschauen, in welche Kreise er sich begibt. Zumal derartige Texte wie im Song „Marionetten“ in Widerspruch zur Haltung selbst enger Musikerkollegen stehen sollten, denkt man beispielsweise an Wolfgang Niedecken.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Musik

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Namen unbekannt

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Blüte erwacht
in der Nacht.
Erstaunt
um sich schaut.
Nichts zu erkennen,
wollte schon flennen.
Da glitzert was,
gleich wird’s naß.

Kein Regen fällt
aufs Blumenfeld.
Sonne sich aufhellt,
durch Wolken pellt.
Schickt fahles Licht
in der Blüte Gesicht.
Die ist klein geworden,
hat wohl viele Sorgen.

Zum Trösten, Blüte
lächelt voll Güte.
Funkelnder Staubregen
sprüht ihr entgegen.
Die Blüte, sacht
durch diese Pracht,
fällt wieder in Schlaf,
schlummert, ganz brav.

Keiner glaubt ihr,
sie sei womöglich irr,
raunt es weit, breit
übers Feld, die Heid.
Wären die Namen bekannt,
sie richtig benannt,
Sternschnuppen, Mond,
Sterne, dann hätten sie gejohlt.

Nafia

Kategorie: Gedichte

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Europa Spielball übellauniger Versager in der Politik

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Satirischer Rückblick…

Das ist wohl ein starkes Stück. Zumal Chancen allemal vorhanden waren, nun gilt wohl, den Schaden möglichst begrenzt zu bewahren. Unter Kohl, nach deutscher Wiedervereinigung, die EU nochmals prosaisch zusammenrückte, bei all der vielen Enteignung so mancher erfreut entzückte, glaubte man im Kern an ein gesundes Europa. Jedoch ward schnell klar, welch Übel dabei real geschah.

Weltpolitik steht keinesfalls außen vor, läßt sich nun mal nicht einfach so verbannen, klopft vehement ans europäische Tor. Jagt sie von dannen, muß es lauten, und zwar jene Versager in der Politik, die einfach zuschauten, die schickten Flüchtende zurück. Europas Bewährungsprobe am Scheideweg alter Strukturen verweilt, da heißt’s handeln, es eilt, nicht weiterhin den Humanismus verschandeln!

Doch sind sie och bereit, beim Weichzeichnen der Wirklichkeit? Zweifel kommen auf allemal, was führt uns aus diesem Tränental? Mit Blick zur Frankreichwahl, welches dem Rechtsradikalismus ein klares Nein signalisiert, ist zunächst was passiert. Manch Schuft kein Schaffer, dennoch überall jene lästigen Gaffer?

Gefangen im Sisyphos-Effekt, obwohl Wege aus der Misere allenthalben vorhanden? Gute Ideen verreckt, weil Politik will nicht beim Volke landen? Bereits im Nationalismus wühlt? Weißt du wie es sich anfühlt, deutsch zu sein? Nein? Dann denk mal über diesen Wahnsinn nach, jene bescheuert unnötige Schmach!

Welch Schande – hinweg mit dieser Bande! Wenn es doch so simpel wär, stattdessen globen einige so manche Mär, sind janz verrückt und entzückt, denkt man an den Nordkorea-Konflikt: Von Deeskalation keine Spur. Was machen dort die Verantwortlichen nur? Allianzen, Bündnisse und fragliche Konstellationen wollen scheinbar niemand schonen.

Erinnerungen werden wach, mit Blick über dem See. Ach, nicht jefunden nen Glücksklee? Dat tut weh. Ham se dir nich den roten Teppich ausgerollt? Stattdessen sind gar jute Chancen davonjetrollt? Keen Grund zu Drogen zu greifen, damit wollen sie dir och nur einseifen. Tablettensucht wird unterschätzt, dennoch einfach weiter gehetzt.

Das ist kein alter Krempel, sondern ein uffjesetzter Stempel, den sie dir verpassen, sie selbst dabei nonchalant im Reichtum prassen. Woran das wohl lag? Verhält sich genauso im Bundestag: Politik ohne Anstand und Moral. Nix heiliger Gral, vielmehr Lug und Trug soweit das Auge reicht. Das funzt so leicht!

Jetzt weißt du Bescheid. Bist du bereit? Globst etwa an die Rückkehr der Weisheit, die schon lang abhandengekommen ist? So ein Mist, Mensch braucht noch viel mehr Not, um endlich aufzuwachen, manch eener dadurch tot, bevor sämtliche Sinne nen Sturm entfachen, der eines bewirken soll, ohne zuviel Groll: Frieden schaffen, nicht nur ohne Waffen, sondern mit gelebter Nächstenliebe.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Satire

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Rückkehr der Weisheit

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Innehalten
in tiefen Gedanken.
Schalten und walten
nur nicht wie Banken.

Verharren
mit dem richtigen Gespür.
Lautstarkes Knarren
öffnet so manche Tür.

Beginnen,
gezielt und äußerst beherzt.
Besinnen und gewinnen,
dabei kein Vertrauen verscherzt.

Handeln
im Sinne der Humanität.
Mutter Erde nicht weiter verschandeln,
sonst ist’s tatsächlich zu spät.

Korrigieren
stets im richtigen Augenblick.
Stoppt jedes unnötige Profilieren,
jede Gier ist ohnehin ein perfider Tick.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gedichte

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Alter Krempel

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„Tschuldigung!“ Elisabeth drehte sich kurz um, nickte geistesabwesend. Sie wußte nicht recht, ob es ihr Mißgeschick war, direkt in die Arme von ihm gelaufen zu sein. Bevor ihr bewußt wurde, was geschehen war, hörte sie eine dunkle Baritonstimme. Attraktiv, dachte sie. Ein schöner Mann.

Auf dem Weg zu ihrem Mietauto kam es ihr so vor, als wäre sie registriert worden, obwohl sie noch gar nicht lebte. Vielleicht hinkte der Vergleich. Und nein, solche Gedanken wollte sie jetzt auf keinen Fall weiterverfolgen. Bemerkt, obwohl man Tod, nicht geboren, nicht mal ein Stern, kein Sternenstaub. Sie meinte zu wissen, daß man Kindern bei der Frage, wo war ich vor meiner Geburt, die Erklärung gab, du warst Sternenstaub. Sie konnte nicht mal Sternenstaub gewesen sein. Nichts. Nichts ist auch was. Schluß damit.

Die Einstellung für das Navi hatte sie im Handumdrehen eingetippt. Inzwischen kannte sie das Modell, das die Autovermietung in ihren Wagen installiert hat. Die letzten Monate nahm sie diese Möglichkeit öfters wahr, um einfach mal rauszukommen. Raus aus dem Trott. Ab in den nächsten. Bin ich eigentlich nie zufrieden? Wahrscheinlich.

Als sie kurz in den Rückspiegel blickte, bevor sie rechts abbog, um in Richtung Autobahn zu fahren, sah sie den dunkelhaarigen Mann von vorhin winken. Galt das ihr? Einbildung. Sicher galt das jemandem, der auf der gegenüberliegenden Straße läuft oder im Auto sitzt. Sie ist tot. Verwunderlich, wenn sie jemand sehen könnte. Elisabeth! Wenn du so schlechte Laune hast, dann fahr doch nach hause, leg dich ins Bett, Decke über den Kopf. Ich will aber nicht. Meine Stimmung ist okay. Alles okay. Konzentriere dich die nächsten zwei Stunden Fahrt, als Belohnung gibt’s um 18 Uhr eine Massage. Wellness pur. Danach relaxen, essen und ein kleiner Rundgang durch die Altstadt.

Sie saß auf der Bank des Wartehäuschens, der Bus würde erst in einer Stunde abfahren. Ihr sei schlecht, hat sie der Lehrerin erzählt, die ihr fest in die Augen sah, dennoch wohl ihre Lüge nicht erkannte, hätte sie sie sonst gehen lassen? Ihre Freundin war seit Tagen nicht zur Schule gekommen, lag zuhause mit einer Grippe. Das war ihr nur Recht, sie hatten gestritten und sie ärgerte sich, daß sie ihr die Grippe sozusagen als Strafe gönnte, andererseits würde sie am liebsten zu ihr rennen und sich wieder mit ihr vertragen. Vertragen ging aber nicht. Eine alte Frau setzte sich schwer atmend zu ihr. Zog ein Taschentuch aus der Manteltasche und verstaute es verschmutzt wieder in ihr. Bäh! Mit ihrer Kopfbewegung verfolgte sie jedes vorbeifahrende Auto, egal in welche Richtung es fuhr. Und fuhr mal keins, kramte sie in einer ihrer Taschen. Was schleppte sie denn da mit sich? Alle gefüllt, vollgepackt. Manchmal stierte sie ihrer suchenden Hand nach, als ob die Hand eine Taschenlampe wäre, trotzdem kam die Hand, ohne irgendetwas in den Fingern zu haben wieder aus der Tasche hervor.

Blöde Kuh! Wenn ich mal so alt bin, sowas werde ich nie machen! Bin ich wirklich anders als die Alte damals? Mache ich nicht täglich genau dasselbe? Drehe meinen Kopf hin und her, krame in Erinnerungstaschen, fische aber nie etwas heraus, betaste sie nur, vergewissere mich, daß sie da sind. Nichts verloren gegangen ist, die Tasche kein Loch hat, durch das etwas abhandenkommen könnte? Drehe den Kopf hin und her, damit ich alles, was um mich herum geschieht, ins Auge fassen kann, nichts verpasse, lebe? Die Alte stand damals auf, als sie ein Auto kommen sah und schwenkte ihren Arm mitsamt Taschen. Das Auto hielt, sie öffnete die Beifahrertür, die kannten sich, hörte wie der Fahrer sagte: Na, wieder mal auf Einkaufstour gewesen, Frau Senger! Oder so ähnlich hieß sie wohl. Ja, ja und beim Arzt.

Elisabeth, du konntest kein Sternenstaub gewesen sein, vergiß das, du warst eine Sternengeburt, ungewollt, dein Sternenstaub ist erst im Leben sichtbar. Sie war nicht nur zu jung, sie kannte noch nicht mal Liebe, sie kannte Vertrauen, sie wurde vergewaltigt, sie wurde in ein Leben gerissen, daß sich keiner vorstellen mag. Damals schon gar niemand. Die Familie und deren Unbeflecktheit waren die Themen, das mußte gehütet werden, nicht das Kind, mit 14 ist man noch Kind. Also zu Verwandten geschickt, bis das Kind geboren wurde, dann Adoption. Viel Geschrei, Prügel, keine Liebe. Muß man das verstehen?

Sie starb, Mitte 20, drogenabhängig, Familiengrab beigelegt, beigelegt und abgelegt. Mich wollen sie nicht haben bei der Familie, das sei alter Krempel, das nütze niemanden etwas, sie sei tot, ich sei tot. Verdammt, ich bin eure Enkelin. Seien sie vernünftig, wir kennen sie nicht, und Lore kannte sie auch nicht. Lore ist tot, Lore wollte sie nicht. Wir wollen nicht mehr daran erinnert werden. Sie haben Lores Leben zerstört, und zum Vererben gibt’s auch nichts, das wäre ja noch schöner. Erst die Familie in Verruf der Schande bringen und dann noch Forderungen stellen.

Ich bin sowas von tot. Wie lange schon? Kein Sternenstaub, ein Nichts. Es wird Zeit, daß ich aufstehe und nach einem Auto winke wie die alte Frau damals.

„Darf ich mich zu Ihnen setzen?“ „Ja, aber!“ „Ich tu ihnen schon nichts, bin auf der Flucht vor meiner Frau und meiner Tochter, die belagern das ganze Zimmer, schon seit Stunden. Wir wollen, nein, sie, also Tami, meine Tochter, feiert heute Verlobung, aber die beiden verhalten sich so, als ob es schon die Hochzeit wäre. Und Sie sind die einzige, die hier alleine sitzt, da dachte ich, ich leiste Ihnen Gesellschaft.“ „Oh, herzlichen Glückwunsch für Ihre Tochter!“ „Ja, ja, sie hat es gut getroffen, aber diese Übertreibungen, meine Frau und ich haben in einem VW-Käfer Verlobung gefeiert, wenn man das so sagen kann. Andere Zeiten damals. Heute, ach was, gönnen wir ihnen die Freude. Meine Tochter holt all den Kitsch nach, den wir nicht mitgemacht haben. So komme ich ein wenig in den Genuß, das, was ich anscheinend verpaßt habe, wenigstens bei meiner Tochter mitzuerleben.“ „Feiern Sie hier im Hotel?“ „Ja, ja, darauf habe ich bestanden, verstehen Sie, Flucht und so.“

Er lachte schallend auf und Elisabeth ließ sich anstecken, so daß sie sich fast verschluckt hätte. Das ist sicher ein Sternenstaubkind.

„Tami ist unsere einzige Tochter. Wir hatten nicht mehr daran geglaubt, jemals Eltern zu werden, deshalb wird sie von meiner Frau auch so verwöhnt. Auch von mir, das will ich gar nicht leugnen, aber diese beiden zusammen, die gebären mehr Sterne, als das Universum verkraften kann.“ „Sterne gebären?“ „ Ja, ja, das ist mein Ausdruck dafür, wenn die beiden und das sind sie beide, mit ihrem Temperament alles um sich herum anstecken mit ihrer fröhlichen Natur. Sie verstehen, sie verteilen Sternenstaub.“ „Aha!“

„Wissen Sie, meine Tochter, also, sie, sie war einfach eines Tages da. Meine Frau ahnte nichts von der Schwangerschaft, sie hatte Magenkrämpfe, ihr ging es schlecht, wir sind ins Krankenhaus gefahren und mit einer Tochter wieder nach hause. Sie ist unsere Sternengeburt.“ „Oh!“

„Ist Ihnen schlecht?“ „Nein, nein, das klingt interessant, ich glaube, ich bin auch sowas wie eine Sternengeburt.“ „Das war mir sofort klar, als ich Sie hier sitzen sah.“

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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Bundestag: Politik ohne Anstand und Moral

Sahra Wagenknechts Konter perlt ab

Je abgebrühter und gleichgültiger desto höher die Stellung nach außen, im Bade der Menge man sich zu profilieren scheint, ginge es nach herrischem Gutdünken manch verantwortlicher Politiker wie gestern in der 231. Bundestagssitzung, bei der ausgerechnet der jüngst ins Amt erhobene Außenminister Sigmar Gabriel vor laufenden Kameras sich entsprechend gebährdet, wohl nicht die Kritik zum CETA-Abkommen wahrhaben will.

Sahra Wagenknecht kontert in jenen unübersehbaren Momenten vollkommen berechtigt, nimmt Stellung zur Eröffnungsrede der Bundeskanzlerin, kritisiert, Frau Merkel habe sich nicht zur jüngsten Verhaftungswelle in der Türkei geäußert, sie nicht verurteilt, während die EU als auch Deutschland weiterhin fleißig Waffengeschäfte mit Erdogan betreibe, dies sei eine Politik ohne Anstand und Moral, untragbar für die Linken. Doch Sahra Wagenknechts Konter perlt ab.

SPD verdeutlicht ihre arrogante Haltung

All diejenigen, die noch bei dieser SPD an eine Rückbesinnung halbwegs sozialverträglicher Positionen zusammen mit friedenssichernder Entspannungspolitik glauben, werden längst eines Besseren belehrt, in wie weit ein neoliberales Diktat neben Rüstungswünschen gezielte Forderungen und Realitäten schaffen. Genau eine derart arrogante Haltung verdeutlicht die SPD im Grunde bereits seit Helmut Schmidt.

Nur daß sie nach der Kohl-Ära, dem Scheitern unter Gerhard Schröder nunmehr als Steigbügelhalter der Union ergeben funktioniert. Ihr haltloses Taktieren in Wahlkampfzeiten, jetzt im Mai stehen gleich zwei Landtagswahlen an, kann nicht hinwegtäuschen, was zur Bundestagswahl folgen wird. Die Optionen liegen offen auf dem Tisch, wobei ein rot-rot-grünes Bündnis gänzlich in die Ferne rückt, nahezu ausgeschlossen werden kann.

EU-Erfolgsgeschichte alles andere als wahr

Sahra Wagenknecht spricht von einer „Verpulverisierung der SPD“ im Zusammenhang zur angeblichen EU-Erfolgsgeschichte, ein Seitenhieb der letzten Wahlergebnisse anderer sozialdemokratischer Parteien innerhalb Europas, mahnt obendrein die Einschüchterungsversuche zur Sicherung des europäischen Zusammenhalts im Hinblick zum Brexit an, bescheinigt einer solchen Haltung, man würde dadurch Europa eher aufgeben.

Recht hat sie. Denn von Erfolg kann keine Rede sein angesichts von Massenarbeitslosigkeit, Lohndumping, Zunahme kriegerischer Einmischungen etlicher Bündnisfälle, einem erneuten Aufkommen des Nationalismus wie zuletzt bei der Frankreichwahl, bis hin zur Steuergeschenkpolitik Konzernen gegenüber. Da darf sich die derzeitige Politik nicht wundern, wenn die EU-Kritik zunimmt, obendrein rechtsradikale Parteien dies zu ihren Gunsten ausschlachten.

„Fahre nicht aus der Haut, wenn du kein Rückgrat hast.“ (Stanislaw Sterzy Lec)

Daran sollten sich all die ein Beispiel nehmen, die an gewissen Schaltstellen sitzen, vor allem Politiker.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Politik

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