TOTAL läßt Regenwald für Palmöl und geplanter Bioraffinerie abholzen

HVO-Produzenten rechtfertigen Wettbewerbs-vorteile

Während seitens der EU-Kommission längst beschlossen wurde, den Einsatz von Pflanzenölen für Biosprit bis zum Jahre 2020 auslaufen zu lassen, läßt der Mineralölkonzern TOTAL nonchalant weiterhin den Regenwald für Palmöl und einer geplanten Bioraffinerie bei Marseille abholzen. TOTAL verkehrt meint auch der Verein Rettet den Regenwald mit dieser Petition.

Obwohl Europa auf den festgelegten Standard mit der EU Norm EN14214 besteht, suchen Hersteller des Biodiesels auf der Grundlage von hydriertem Pflanzenöl (HVO) nach billigen Möglichkeiten, ihre Wettbewerbsvorteile zu rechfertigen.

Palmöl gewinnträchtiger Segen zu Ungunsten der Umwelt

Wenn weltweit riesige Regenwaldflächen abgeholzt werden, damit Konzerne wie TOTAL, aber auch die Lebensmittelbranche schnellwachsende Palmölplantagen pflanzen können, die wiederum deren Profite dienlich, spätestens dann sollten Umweltschützer auf der Matte stehen.

Konzerne wie Nestlé dulden Kinderarbeit für Palmöl, jenes moderne Sklaventum wird weltweit längst praktiziert, dies kann auch die kleine Schweiz nicht davon abhalten, per Freihandel Bruno Mansers Erbe mit Füßen zu treten. Und obwohl inzwischen bekannt, daß Glycidol als hochgiftiger Stabilisator für Pflanenöle eingesetzt wird, hält man am Palmöl auch in der Lebensmittelindustrie fest, wissend ob dadurch entstehender Krebsleiden.

Was für die einen, nämlich die Großkonzerne ein gewinnträchtiger Segen, bedeutet für die Umwelt und somit ebenso uns Menschen ein sich verselbständigendes Leid, eine Umweltzerstörung im großen Stil.

TOTAL und andere Großkonzerne läßt man einfach weiter gewähren

Was besonders verantwortliche Politiker zulassen. Europas Gier nach Palmöl steht insofern im Widerspruch zu den EU-Beschlüssen, die sich im Grunde einig sind, was da verkehrt läuft. Ob die Gaspipeline von Myanmar nach Thailand, was in Folge zu Zwangsarbeit, Vertreibung und Mord vor Ort bedeutete, die Ölförderung in Afrika, eine Tiefenbohrung vor der Küste Angolas Korallenriffe bedroht oder die Ölpest in Sibirien, TOTAL läßt man einfach weiter gewähren.

Es wird daher allerhöchste Zeit, daß weltweit wesentlich mehr Proteste sich formieren, um jenen Konzeren wie TOTAL, Nestlé und Co. ihr Treiben zu stoppen, denn Mutter Erde sollte uns allen dies nicht nur wichtig sein, obendrein im Sinne des Überlebens selbst stattfinden.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Umwelt

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Vergeudete Zeit alles andere als wichtig

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Ein wenig mehr Gelassenheit ohne das Leben zu vertrödeln

Wenn die Zeit zusammengezählt werden würde, die man vergeudet, in der ein Parkplatz gesucht wird, in der die Ampel einfach nicht auf grün umschalten will, in der der Zug Verspätung hat, und man sich die Beine in den Bauch steht, in der langen Reihe der möglichen Wartezeiten beim Friseur, beim Arztbesuch, im Stau, dann könnte man mit dieser Zeit schätzungsweise monatelang Urlaub genießen.

Es gibt aber auch Menschen, die behaupten, nie ihre Zeit zu vergeuden, weil sie stets zu geschäftig ihren Aufgaben und Pflichten nachgehen und selbst bei der Berechnung der unvermeindlichsten Wartesituationen, höchstens ein paar Tage Zeit der unvergeudeten Momente zu Buche schlagen würden. Wie auch immer, ob dies nun darauf hindeutet, hier einem Schwindler aufzusitzen oder einem Menschen, dem ruhelos das Gefühl überkommt, ohne ihn würde die Welt sich nicht mehr drehen, selbst sie vergeuden ihre Zeit, zumal bei zu viel Streß die Fehlerquote sich erhöht.

Vergeudet werden kann nicht nur die Zeit, sondern ebenso das Vermögen, die Kräfte oder sogar das Leben.

Vergeuden, mittelhochdeutsch verguiden, von guiden, prahlen, großtun, prassen, dem ursprünglichen Sinn nach, den Mund aufreißen. Die Synonyme sind verprassen, verschwenden, verwirtschaften, verjubeln, vertrödeln, verschleudern. Das Wort ist verwandt mit gähnen.

Gähnen, mittelhochdeutsch genen, ginen, althochdeutsch ginēn, ursprünglich klaffen, weit offenstehen. Gähnen wird als verstärkendes Verb angewandt in Verbindung mit langweilig, im Sprachgebrauch, die Rede war zum Gähnen langweilig, in Verbindung mit Kluft, unter ihm gähnte der Abgrund, in Verbindung mit leer, im Saal herrschte gähnende Leere. Und nicht zu vergessen als Zeichen von Müdigkeit, er gähnte.

Rein vom Gesichtspunkt der körperlichen Verhaltensweisen in Bezug zu den beiden oben genannten Wörtern kann sicherlich davon ausgegangen werden, daß das Wort für gähnen als Ausdruck von Müdigkeit, Trägheit zuerst als Begrifflichkeit in die Sprache Einzug hielt. Das Wort vergeuden kann erst durch einen übertragenen Sinn, weit offenstehen, klaffen, gebildet worden sein.

Durch Tierbeobachtungen, vor allen Dingen bei Löwen und Tigern, also Großkatzen, ist das Gähnen ein Zeichen für wohlfühlen, zufrieden sein, voller Bauch. Wenn diese Tiere ansonsten das Maul aufreißen, dann heißt es eher Gefahr, oder? Die Gebärdenspräche des weit geöffneten Maules ist bei vielen Säugetieren zu ersehen, meistens reicht diese Mimik, um damit durch dieses „Drohen“ Rivalen abzuschrecken. Oder haben Sie einen gähnenden Löwen gesehen, der auf dem Sprung zum Angriff war?

Gerade durch das Verhalten bei Großkatzen und Katzen können diese beiden Wortbegriffe bestens erklärt werden. Sind sie doch „Meister“ in der Verschwendung von Zeit. Sie können stundenlang gelassen, gähnend herumliegen und im nächsten Moment mit weit aufgerissenem Maul ihren Unmut kundtun. Bei Katzen in Form von Gemaunze, daß der Freßnapf leer ist, sie ihre Streicheleinheiten möchten, oder eine Fliege hat ihren dösenden Schlaf gestört. Bei Großkatzen ist dies nicht unähnlich, nur daß sie weniger ihre Stimme einsetzen, denn es ist ja kein Herrchen oder Frauchen anwesend, die auf diese Laute hin alles stehen und liegen lassen, um dienlich zu sein, denn hierfür ist dies selbst für die Großkatzen eine Vergeudung.

Vielleicht vergeudet man gar nicht so viel Zeit, wie anfangs beschrieben, sondern man nimmt sie einfach zu wichtig. Geben ihr den gleichen Stellenwert wie für das Leben. Denken, Vermögen und Kraft seien Attribute, mit denen man sich über andere erheben kann, die man deshalb nicht vergeuden darf.

Gähnen soll ja ansteckend sein, ist es demnach auch Vergeuden? Eher nicht, es wird von klein auf darauf geachtet, daß man seine Talente nicht zu vergeuden habe, sein Vermögen hüten soll, mit seinen Kräften zu haushalten hat, die Zeit nicht vertrödelt, das Leben… Ja, was ist mit dem Leben, sollte man das vergeuden?

Nein, natürlich nicht! Aber man sollte seinen Weg gehen dürfen, ohne Zeitdruck in Bezug auf seine Talente, sein zu erschaffendes Vermögen, seine Kräfte, und wenn man dies berücksichtigen würde, vielleicht würde man dann nicht mehr so oft den Schwindlern und Predigern aufsitzen, die allen weis- machen wollen, nur durch ständiges Prahlen (guiden, den Mund weit aufreißen), würde man nichts vergeuden (verguiden, verschwenden). Vielleicht vergeuden gerade sie ihr Leben, weil sie nicht gähnen?

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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Türkei: Das Ja zum Präsidialsystem festigt Erdogans Alleinherrschaft

Wes Brot ich eß, des Lied ich sing

Kaum war die Mehrheit der Stimmen beim Referendum am Ostersonntag abends ausgezählt, stand wenn auch erwartungsgemäß äußerst knapp fest, daß Erdogans angestrebtes Präsidialsystem mehrheitlich von den 55,3 Millionen Wahlberechtigten befürwortet wurde.

Eine tief gespaltene Türkei verbleibt ohnehin, wie schon all die letzten Jahre zuvor, selbst wenn dieser despotische Präsident meint, sein Volk stehe hinter ihm. Kaum ein Staatsmann hat in den letzten Jahren mehr polarisiert wie dieser Recep Tayyip Erdoğan, der sich nunmehr ein großes Stück weiter in jener Rolle sieht, die er explizit anstrebt: als Alleinherrscher. In dieser Funktion sieht er als erste Aufgabe die Wiedereinführung der Todesstrafe an.

Europa braucht mitnichten eine zweite Diktatur an ihren Außengrenzen

Östlich von der Volksrepublik Polen grenzt bereits mit Präsident Aljaksandr Lukaschenka an der Spitze von Weißrussland, der Republik Belarus, ein diktatorisch geführtes Land, mit der Türkei wäre es daher jetzt die zweite Diktatur an den Außengrenzen Europas. Das wollen die Europäer mitnichten, erst recht nicht mit Blick zur jüngsten Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg, als noch Portugal, Spanien, Griechenland und Jugosloawien von den Alleinherrschaften sich nach und nach verabschiedeten.

Bei vielen werden bestimmt noch die letzten Provokationen über Nazi-Schelten und -vergleiche in den Ohren klingeln, die jener Despot zum Besten gegeben hatte, für reichlich Mißstimmung sorgte, wenngleich mit kaum merklichen politischen Reaktionen, außer halbherziger Schelte seitens der Bundeskanzlerin. Sigmar Gabriels Reaktion in der Rolle des Außenministers, man solle doch jetzt einen kühlen Kopf bewahren, erscheint in diffus fragwürdigem Licht, denkt man zurück an die Panzer-Deals mit Saudi-Arabien. Was lange währt, wird endlich gut?

Jürgen Todenhöfers Reaktion läßt aufhorchen

Natürlich könnte man dem ehemaligen CDU-Politiker Jürgen Todenhöfer die christliche Überzeugung abnehmen, „liebe deine Feinde, segnet, die euch fluchen…“, sie auch im Fall von Erdogan anzuwenden. Aber hat die Welt tatsächlich diese äußerst manipulierte Wahl zu respektieren, wo doch sich inzwischen längst herumgesprochen haben sollte, wie jener Herr Erdogan im eigenen Lande verfährt, Repressalien, Freiheitsberaubung per willkürlicher Verhaftungen, Einschränkung der Medien, ein gezeichneter Weg hin zur Diktatur? Nein, hat sie nicht, genauso wenig wie sehr wahrscheinlich die Mehrheit der Türken ihn ablehnt.

Den Vergleich zu den USA mag Jürgen Todenhöfer anführen, aber seine Behauptung, wir hätten nie gegen eine US-Regierung protestiert, kann man so niemals stehen lassen, es sei denn, Herr Todenhöfer war während der Vietnamkrieg-Demos vor lauter eigener CDU-Karriere eher abwesend, von zwischenzeitlichen Demos danach gegen den Nato-Doppelbeschluß oder gegen Bushs Irak-Krieg mal ganz zu schweigen, um nur mal diese größeren Proteste zu benennen!

Selbstverständlich sind unsere türkischen Mitbewohner unsere Freunde, aber mit Sicherheit kein gewählter Präsident, der sich zum Despot entwickelt, obendrein die eigenen Landsleute ziemlich offensichtlich bedroht. Da kann es kein Wegschauen geben, sondern ganz im Gegenteil, die Oppositionskräfte in der Türkei sind viel eher zu bestärken, anstatt Herrn Erdgogan den roten Teppich auszurollen.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Politik

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Als die Schubkarre Freiheit bedeutete

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Sie quietschte, knarrte und bei genauem Hinsehen eierte sie, selbst wenn sie ohne Inhalt geschoben wurde. Aber sie wurde geliebt, wenn man überhaupt je von einer Liebe sprechen kann, die einem Gegenstand entgegengebracht wird. Denn es ist eine äußerst einseitige Liebe jedenfalls, oder haben Sie eine Erwiderung auf Ihre Zuneigung zu Ihrem bunten Sommerkleid, Ihrem Auto, der zärtlich gepflegten Sammlung, die Ihr Wohnzimmer ziert und, ach, eigentlich interessiert es mich gar nicht, was Sie als sammlungswürdig erachten, auch habe ich nicht vor, mir von Ihnen Ihre eventuellen bestätigenden Gefühlsäußerungen von Dingen anzuhören.

Die Schubkarre, hatte ich dies bereits erwähnt, die Schubkarre war es, die geliebt wurde und sie ihrerseits dankte dies, indem sie alles, fast alles über sich ergehen ließ. Sie dankte es natürlich nicht wörtlich, also in Sprache oder Lauten eher, und dies war ihr Liebesbeweis, sie war nicht kaputt zu kriegen. Welches Alter sie bereits auf dem Buckel hatte, war nicht mehr festzustellen, da sie aus einer Baureihe stammte, die über mehrere Jahre nicht verändert wurde. Als die Liebe zu ihr ihren Anfang nahm, war an ihr vieles verändert, repariert und herumgebastelt worden. Nein, es lag nicht an ihrem Alter, auch nicht unbedingt an ihrer ausgebeulten Wanne, an den Rostflecken oder an dem abgebrochenen Nagel, der kurz hinter dem noch zu erkennenden ehemaligen Haltegriff aus Gummi auf der rechten Seite steckte, es war wohl die Freiheit, die sie so liebenswert machte.

Nicht ihre Freiheit, hatte ich schon erwähnt, daß Dinge keine Gefühle besitzen, außer der Mensch besteht darauf, seine Befindlichkeiten unbedingt in zweifacher Bestätigung zu erleben, in seiner eigenen und der von ihm gewünschten Reflektion, sei sie noch so absurd, um dadurch eine Steigerung seiner Gefühlsduselei als wahr zu bestätigen, so in etwa wie, doppelt genäht hält besser. Wobei die meisten den Fehler begehen, daß sie das Doppelt als einen Haufen sehen, wie die doppelte Portion des Essens und deshalb in die gleichen oder dicht nebeneinanderliegenden Nadelstiche einstechen, anstatt die Doppelnaht als nebeneinanderlaufende Nähte zu verstehen.

Die Schubkarre, die die Freiheit brachte, stand über einen längeren Zeitraum auf einem Abbruchgelände einer einstigen Fabrikanlage, entweder, und diese Frage konnte ebenso nie geklärt werden, wurde sie von den Arbeitern einfach vergessen, nachdem die Hallen abgerissen waren oder sie wurde benützt, um still und heimlich nachts noch etwaiges Verwertbares vom weitläufigen Gelände zu ergattern.

Kai entdeckte sie zuerst, Kai ist mein älterer Bruder, er besaß ein Rad, auf dem er zwar nicht sitzen konnte und deshalb sozusagen im Stehen mit dem Rad seine Runden fuhr, erlaubt war nur auf dem Hof, aber wenn wir ihn nicht verpfiffen, wenn er seine Abstecher machte, durften wir auf dem Gepäckteil sitzen. Das Gepäckteil war ein Stück Brett, das hinter den Sattel gelegt wurde, an dem man sich festhielt, und man fiel auch nicht herunter, solange Kai nicht zu schnell fuhr. Irgendwie schaffte er es, sie zu uns auf den Hof zu bringen, und wir stürzten uns auf sie, wir bewunderten sie, wir testeten abwechselnd ihr Gewichtsvermögen, indem Kai und Bastian sich in die Wanne setzten oder ich und Bastian besser darin Platz hätten. Schon am ersten Tag kannte sie das gesamte Areal unseres Hofes, einschließlich Hühnerstall, die alte Scheune und den Anbau, in dem Holz gelagert war.

Vaters Schubkarre war gegen unsere nicht zu vergleichen, sie war zwar neu, aber sie durfte nur für die Arbeit eingesetzt werden. Unsere Schubkarre dagegen genoß mit uns Freiheit. Bastian wollte unbedingt auch mal das alte Fabrikgelände kennenlernen, und wir übten auf dem Hof verschiedene Möglichkeiten aus, da ich natürlich ebenso mit wollte und drohte, die beiden zu verpetzen. Vielleicht wäre es klug gewesen, mich einfach in die Schubkarre zu setzen und loszumarschieren, aber dies hätte zu viel Zeit in Anspruch genommen. Bastian stellte sich sehr ungeschickt an, wenn er rücklings auf dem Brett zu sitzen hatte und die Schubkarre einfach nur festhalten sollte, während Kai in die Pedale trat. Ich dagegen konnte ohne große Schwierigkeiten mein Gewicht auf dem Brett balancieren und die Schubkarre samt Bastian halten.

Und ohne uns Bescheid zu geben, wann wir die große Fahrt antreten würden, brauste Kai eines Tages einfach durchs Hoftor über einige Feldwege bis zum alten Fabrikgelände, auf dem wir kurz pausierten, weil wir Kai anbettelten doch mit uns noch ein wenig weiter hinaus zu fahren, bis ans Ende vom Ende.

Das Ende vom Ende endete in Strafen für Kai und Bastian, Fahrradverbot für Kai, für beide eine Woche Stubenarrest und für uns alle Drei eine Standpauke, was hätte alles passieren können. Aber das Freiheitsgefühl war nicht mehr zu verlieren. Wir gelobten, so etwas nie mehr zu tun, drehten unsere Runden auf dem Hof und beim kleinsten Gefühl nicht beobachtet zu werden, fuhr Kai mit uns aus dem Hof. Diese kleinen Abstecher wurden von Mal zu Mal größer und von Mal zu Mal wurde das Geschimpfe der Eltern weniger.

Vater und Kai befestigten eines Tages die Schubkarre fest an dem Gepäckträger, ebenso wie das Brett, auf dem ich ansonsten saß, so daß ich ab diesem Zeitpunkt hinter dem Rücken von Kai nach vorne sehen konnte auf unseren Fahrten. Es gab viele Dinge, über die wir uns als Kinder gestritten haben, wir konnten uns regelrecht zeitweise nicht ausstehen, und meine Brüder haben mich auch oft spüren lassen, daß ich nur die kleine Schwester bin, die Schubkarre blieb all diese Zeit über nie ein Streitthema. Sie war für uns eine gemeinsame Liebe, eine Liebe, die man pflegt, nicht in dem sie ständig von jedem kleinen Dreckfleck befreit, sondern indem man sie teilhaben läßt an seinem Leben. Liebe halt, Liebe für immer.

Und sie, die Schubkarre, dankt es uns damit, indem sie, inzwischen ausrangiert, weil wir älter geworden sind und nicht mehr bei den Eltern leben, uns bei jedem Besuch zuhause zu erinnern an unsere Freiheitstouren, die wir gemeinsam erlebt haben. Dafür darf sie im inzwischen angebauten Wintergarten stehen, einfach so, mit Blick auf den Garten und die alten Geschichten anhören, die mit und durch sie erst möglich geworden sind. Hab ich erwähnt, daß Gegenstände keine Gefühle haben, nun, die Schubkarre schon, denn sie scheint jedesmal zu strahlen, wenn wir uns wiedersehen.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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Umweltschutz versagt auf halber Strecke

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Profite bestimmen den Kurs

Unser blauer Planet kann den fortschreitenden Umweltsünden einer Menschheit nicht mehr standhalten, die nach wie vor tatenlos zuschaut, wie Mutter Erde ob dieser Belastungen leidet. Dies betrifft sämtliche Bereiche der Geologie und Biologie, zumal sich niemand den existenzdrohenden Giften um uns herum entziehen kann.

Während sich alles dem Profit unterordnet, weltweite Ignoranz ihre Spuren hinterläßt, glauben manche Gesellen tatsächlich, sie könnten sich davonschleichen, bräuchten keinerlei Verantwortung zu tragen oder meinen sogar Umweltbewegungen oder Parteien würden maßlos übertreiben, es sei alles halb so schlimm.

Ob AKWs, Plastikmüll oder Fracking – die Umweltsünden halten an

Optimismus kam zunächst auf, da wenigstens vor Jahrzehnten eine Umweltbewegung entstand, denken wir an die ersten Anti-AKW-Demos, an die vielen Bürgerbewegungen, in denen sich wache Zeitgeister zusammenschlossen, um auf etliche Umweltskandale aufmerksam zu machen.

Daraus entwickelte sich ein Umweltbewußtsein, wurden die grünen Parteien gegründet, konnte selbst die konservativ-geprägte Politik sich dieser Strömung nicht länger entziehen, mußte ein Umdenken erfolgen bis hinein in die Wirtschaft, die bekanntlich als Hauptverursacher dieser Mißstände zur Rechenschaft gezogen und zu entsprechenden Gegenmaßnahmen gezwungen wurde. Anfangs mit viel uneinsichtigen Widerstand, der stückweise jedoch bröckelte.

Dennoch verbleiben die unsäglich toxischen Belastungen wie der Plastikmüll, wenn dieser auf dem Globus verteilt entweder als gigantischer Teppich auf den Meeren schwimmend oder in kleinste Bestandteile überall die Umwelt gefährdet.

Erfolgte bereits mit dem Tschernobyl-Super-GAU kein Ende der Atompolitik, ruderte zwar Deutschland schnell nach dem zweiten Super-GAU in Fukushima zurück, stoppte die Laufzeitverlängerung der AKWs, zeigt sich weiterhin keinerlei Einsicht, denken wir an Atommülltransporte übers Meer, unabhängig davon, daß die gewaltige Strahlenlast ohnehin noch etliche Generationen in Zukunft beschäftigen wird.

Es bedrohen uns weiterhin die großen Gefahren durch die Supertanker, die hin und wieder auseinanderbrechen und ganze Strände, das Meer mit dem Schwarzen Gold vergiften. Aber auch der Ölsandabbau in Kanada, ein Leck in einer Ölpipeline des Konzerns Shell in Nigeria sorgten für großen Unmut bei den Menschen.

Anstatt wenigstens aus dem Unvermögen vergangener Jahrzehnte zu lernen, rechtzeitig auf warnende Stimmen mit fundiert begründeten Argumenten zu hören, leisten sich vorneweg in Nordamerika sowohl Kanada als auch die USA das Fracking, die jüngste Umweltzeitbombe. Während ausgerechnet Frankreich diese Schiefergas-förderungsmethode strikt ablehnt, – AKWs haben immer noch eine starke Lobby im Land -, befürwortet sie Großbritannien, Polen, die Ukraine und erneut verstärkt die USA unter Donald Trump.

Umweltschutz wird nach wie vor ignoriert

Trotz etlicher berechtigter Warnungen herrscht keinerlei Einsicht, obwohl viele besorgte Bürger sich organisieren, stets erfolgreiche Umweltgesetze verabschiedet wurden, enstehen andere Methoden des Ressourcenabbaus. Dabei wird Mutter Erde selbst in den entferntesten, oftmals naturbelassenen Winkeln wie eine überreife Zitrone ausgepresst, die Gier nach gewinnträchtigen Rohstoffen, Monokulturanbau, industriellen Abgasbelastungen bis hin zur fortschreitenden Autoindustrie mit ihrem Anteil an der Umweltschädigung, trägt entscheidend dazu bei, den Umweltschutz schlicht im Ergebnis zu ignorieren.

Mensch schaufelt sich sein eigenes giftiges, irreparables Grab, egal, ob dabei all die anderen Wesen auf Erden zu Schaden kommen, beweist damit lediglich seine Vorherrschaft, der Kreis schließt sich, denn der Satz der Cree (lassen wir ihn mal als Sinn so gelten) bewahrheitet sich in seiner erschreckenden Erkenntnis.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Umwelt

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Eigentlich einen ganzen Tag auf der Bahnhofsbank

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Ihre Augen wirkten von einem auf den anderen Moment riesengroß, größer als die bunten Lollies, die man den Kindern gerne anbietet, damit sie ihren Schnabel halten und die Erwachsenen in Ruhe ihre Gespräche fortsetzen können, weil das Ablutschen eine gewisse Zeit in Anspruch nimmt, die größeren von dieser Sorte haben einen Durchmesser von zwei Zentimetern, sodaß sie bisweilen erst komplett im Mund verschwinden können, wenn bereits einige Minuten an ihrer Oberfläche entlang gelutscht worden ist.

So aufgerissene Augen sahen zu mir herüber, ehe ich denken konnte, an was sie mich erinnerten, waren sie wieder klein wie die Schlitze an Münzautomaten, in die man 50 Cent einwerfen konnte, um eine Miniausgabe von dem Kaugummi zu erhalten, der im Supermarkt für den gleichen Preis die fast doppelte Menge an Kaugenuß erlaubt, um die doppelte Zeit zwischen den Zähnen hin und her und auf und nieder zu zermalmen, immer in der Hoffnung, den kriege ich in seine Bestandteile zerlegt. Hätten die Augen wie der Schlitz für eine Zwei-Euromünze gewirkt, wären sie als groß zu bezeichnen gewesen, aber sie waren zusammengekniffen, nicht die Augen, die Lider waren gepreßt, und auf der Stirn zeichneten sich Falten ab, so deutlich als wären sie mit einem Bleistift nachgezogen worden.

Eigentlich, eigentlich denke und spreche ich eigentlich nicht mehr, seit ein Freund mir erklärt hat, dies Wort würde die egoistische Seite eines Menschen ins rechte Licht rücken, indem er mittels dem Wort eigentlich versucht, über die tatsächlichen Inhalte, also das, was er wirklich denkt, sich zu erheben, indem er eigentlich voranstellt, damit er sich nicht direkt zu einer Aussage verpflichtet. Quasi sein eigenes Licht, Gedanken verdeckt, bei einem Gegenargument sein Ego ja nicht betroffen ist, denn er hat eigentlich nicht von sich gesprochen, sein Ego bleibt rein.

Ziemlich egoistisch sowas, eigentlich. Aber eigentlich wollte ich, ich hatte es so jedenfalls geplant, gestern Abend spontan hierher fahren, um meinen Freund Percy, eigentlich Peter, Peter hieß er solange, bis es diese Fernsehserie gab, in der Percy Stuart jeden Mittwoch in spannende Abenteuer verwickelt war, die er alle souverän und mit einem charmanten Lächeln löste, der Held, der nicht nur Frauenherzen schneller schlagen ließ. Peter hatte das gewisse Etwas, schon damals, er war der Meister, wenn es darum ging, andere Menschen reihenweise um den Finger zu wickeln, er hätte ohne Probleme in Anwesenheit sämtlicher Familienmitglieder ganze Häuser leerräumen können, weil seiner Art so etwas von Unschuld und Weltgewandtheit inne war.

Kaum war ich hier, bin ich schnurstracks durch die Bahnhofsvorhalle geeilt, als mich das Gefühl überkam, mich zu irren, in was ich mich nun irrte, irritierte mich schließlich so intensiv, daß ich beschloß, erstmal hier auf den Bänken zu sitzen, die ähnlich wie in Kinos oder Theatern in einer Richtung standen, bis auf zwei Reihen, da standen die Bänke sich gegenüber. Da fand ich erstmal Platz zum Denken über den Irrtum oder über die Irritation über einen Irrtumsgedanken.

Anfangs haben mich die Geschäftigkeiten der zu den Zügen eilenden oder von den Zügen und dem Bahnhofsgelände weg eilenden Menschen gestört, denn war ich der Irritation auf den Fersen, erkannte den Grund, stand jemand neben mir auf, begrüßten sich welche lautstark, schlug ein Koffer gegen mein Knie, weil die Person zu hastig durch die Bankreihe sich einen Weg bahnte, bis ich mehr und mehr irritiert war durch die mich umgebenden Menschen, die alle, so schien es mir, ohne Zweifel und völlig frei gegenüber dem Verhalten der anderen ihrer Wege gingen. So blieb ich sitzen mit kurzen kleinen Unterbrechungen, die der menschlichen Natur eigen sind, essen, trinken und kleine, aber auch große Geschäfte machen und war gerade in der Situation zu entscheiden, den letzten Zug nachhause zu nehmen oder doch noch bei Percy aufzutauchen, als die großen, kleinen Augen sich mir gegenüber setzten.

An und für sich, daß eigentlich auch eigentlich bedeutet, ich aber nicht mehr denke, war sie eine äußerst adrette Erscheinung, obwohl sie es irgendwie nicht unterlassen konnte, wenn ich ihren Blick striff, natürlich tat ich völlig uninteressiert, indem ich mich bemühte, mich auf die Geschehnisse um mich herum zu konzentrieren. Aber wenn sich unsere Augen wiedertrafen, waren sie in Sekundenbruchteilen von groß auf klein niedergedrückt. Fast gleichzeitig sind wir von unserem Sitzplatz aufgestanden, wir standen vis-à-vis, und sie flüsterte: „Your fly is open!“ mit groß aufgerissenen Augen, um sie im nächsten Moment wieder zu einem Schlitz zu formen, der diesmal einem verschmitztem Lächeln glich.

Und genau da fiel mir ein, daß ich diese Hose eigentlich nur noch innerhalb der Wohnung anzog, weil der Zipper nicht mehr richtig funktionierte und ich einen ganzen Tag auf der Bahnhofsbank verbrachte, weil ich eigentlich wußte, irgendetwas stimmt nicht und ich mich eigentlich an und für sich irrte in Bezug auf meine Irritation.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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Menschen nur noch Zaungäste

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Stets in Bewegung bleiben
oberste Priorität.
Noch ist es nicht zu spät,
so kurz vor erneutem Kriegstreiben.

Da, ein Innehalten aufkommt
während zweifelnder Gedanken.
Manch Theorien um uns ranken,
wenn der Hegemon mal wieder bombt.

Menschen zaudernd erschrocken blicken,
als grelles Licht erscheint.
Unter brenndendem Stahl ein Kind weint,
bei weiß Vermummten Geräte ticken.

Mutter Erde dreht ihre Bahnen
wie eh und je im All.
Homo sapiens war ein spezieller Fall,
selbst Gott konnt’s nicht erahnen.

Was Weisheit alles vollbringt,
all das Erschaffene und Zerstörte.
Macht am Ende Menschheit betörte,
ihr Lebensschiff für immer sinkt.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gedichte

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