Reise nach Paris

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Zustände sind das hier,
da trägt einer ein Klavier
mitten durch die Altstadt,
der doch ´nen Schatten hat.

Kein Klavier, ein Akkordeon,
ein Unterschied ist das schon.
Es heißt auch Schifferklavier,
der Typ ist aber nicht von hier.

Ein Fremder, das heißt Vorsicht!
Schau ihm nicht direkt ins Gesicht,
der denkt, du findest ihn nett,
halt den Kopf unten, jetzt direkt!

Ist er schon vorbeigelaufen?
Hab ihn erkannt, das war Claußen!
Du hast geguckt, bist du verrückt?
Er hat mich doch nicht angeblickt!

Der sammelt mit Musik sicher Geld,
ist es so schlimm um ihn bestellt?
Na, von mir kann er nichts kriegen,
muß mein Geld sauer verdienen!

Das Schild steht leicht schief,
der Hut daneben ist nicht tief.
„Spendet für an Krebs erkrankte Marie-Louise,
ihr letzter Wunsch, eine Reise nach Paris!“

Nafia

Kategorie: Gedichte

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Frühlingsanfang mit Rockaway Beach

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Irgendwann hörte Saiphania mit dem Zählen auf, zu viele Ameisen liefen bereits äußerst schnell über ihre warmen Beine, das ein oder andere mal spürte sie die Säure, was ihr aber nicht viel auszumachen schien. Überhaupt glänzte sie an diesem nachmittag mit einer Gelassenheit, die so gar nicht ihr selbst entsprach. Normalerweise zog die 16-Jährige es vor, trübsalblasend in ihrem Zimmer zu verweilen, ließ sich ablenken von Punkmusik, die sie im letzten Herbst lieben lernte, Mareike, ihre beste Freundin, war ein absoluter Ramones-Fan.

An jenem Frühlingstag zog es Saiphania aber nach draußen zum nahen Wald, erste Knospen an weitverzweigten Ästchen kündigten baldige Blüten an, die Vogelwelt war zwitschernd auf der Balz, drei Rotkehlchen sprangen mehr als zu fliegen im Geäst, beachteten das dunkelbraunhaarige Mädchen kaum, ein viertes sorgte für noch mehr Aufregung, die glockenhelle Stimme von Mareike beendete das Spiel um Nebenbuhler und Balzgebärden.

„Was treibt dich denn hierher, Saiphi, kriegst wohl den Steven nich aus’m Kopp, wa?“, entglitt es Mareike, die im nächsten Moment im Takt zu Ramones „Rockaway Beach“ mitsang… Chewing out a rhythm on my bubble gum… The sun is out and I want some, während Saiphania sie eher genervt fixierte.

„Menno, mußt du jetzt hierher kommen und mitten in die Natur platzen?!“ Als Mareike so gar nicht reagierte, vor lauter Ekstase breitbeinig den Punkklängen ergeben um sie tanzte, stellte Saiphania ihr ein Bein, so daß Mareike der Länge nach erschrocken ins zarte Gras fiel.

„Sach mal, wat is denn mir dir los? Gönn mir doch mal die Freude, die Ramones tun mir so richtig jut, zumal meen Papa mal wieder mit ner anderen Tusse unterwegs war, der jeht mir langsam uff den Keks, seitdem er Mama unbedingt den Laufpaß jeben mußte, weeßte?!“

Saiphania hörte nur mit halben Ohr hin, langsam nervte sie der Rosenkrieg von Mareikes Eltern, schon knapp ein halbes Jahr lang ging das Theater, ohne daß es den beiden irgendwas gebracht hätte, ganz im Gegenteil, in der Kleinstadt tuschelten die Leute bereits hinter deren Rücken, die Mutter ihrer Freundin galt als Flittchen, obwohl Mareikes Papa der offensichtlich potentielle Fremdgeher war. Das interessierte nur niemand, eine Alleinerziehende hatte hier noch mit jeder Menge Vorurteile und miesem Gerede zu tun, Männer galten als unantastbar, erst recht je nach wichtigem Berufsstand. Und mit einem Zahnarzt verscherzte es sich kaum jemand, so hatte Mareikes Papa leichtes Spiel.

„Anstatt mal auf eine Antwort meinerseits zu reagieren, hast du ja nen Pogodance vorgezogen. Sei dir zwar gegönnt, aber ich hab halt meine Gründe, mir hier eine Auszeit zu gönnen!“, entfuhr es Saiphania, die jedoch im nächsten Moment sich anstecken ließ, Mareikes Hände ergriff, sie nach oben zog, um sie zum Weitertanzen zu animieren. Eine kleine Schar vorbeifliegender Spatzen sah ein dunkelbraunhaariges und ein rothaariges Mädchen am Waldesrand abrocken, verschwand zwitschernd auf einem nahe gelegenen Walnußbaum. Die Sonne lugte zwischen rasant vorbeiziehenden weißgrauen Wolkenpaketen hervor, der Wind schien nachzulassen, in der Ferne war ein Martinshorn zu vernehmen.

Mareike mußte nach Luft schnappend irgendwann sich setzen, riß ihre Freundin mit aufs frische Gras, zwei Teenager wälzten sich voller Lebensfreude im jungen Grün, ein Mäusebussard zog seine Bahn über ihnen, um gleich weiter zu fliegen, bei solch Lärmen würde sich ohnehin keine Maus mehr nach draußen wagen.

„Wieso denn eigentlich ne Auszeit, hab ick da wat verpaßt, Saiphi?“, fragte Mareike und strich eine rote Haarsträhne aus ihrem Gesicht. Die Angesprochene richtete sich grübelnd auf.

„Nun, Steven hat Schluß gemacht, aus heiterem Himmel, ich hab keine Ahnung wieso. Erst dachte ich, er hätte eine Neue, wie die Melanie aus der Parallelklasse, die den ständig hinterhergestarrt hatte in letzter Zeit. Aber inzwischen ist die ja mit dem Mike zusammen, wie wir alle wissen.“

„Ach so, sach dat doch gleich, immer dieser Beziehungsmist, machs wie icke, heute den, morgen keenen und so, is viel entspannter, weeßte!“, bemerkte Mareike grinsend und stand wieder auf, „da will ick dir mal nich weiter stören, muß eh wieder los, bis morgen dann, Saiphi.“

Bevor Saiphania antworten konnte, war ihre Freundin hinter der Buxbaumhecke verschwunden, ein Eichhörnchen sprang entsetzt auf, um im nächsten Augenblick an einem Ahornbaumstamm nach oben zu huschen. Ein wunderschön blauer Frühlingshimmel erwartete das Mädchen, die Sonne strahlte am Horizont, ihre Wärme tat ihr gut.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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PKW-Maut: Trick mit der Infrastrukturgesellschaft

Entscheidung fällt in heutiger Bundestagsabstimmung

Alexander Dobrindt spricht in seiner Eröffungsrede zur heutigen Abstimmung im Plenarsaal des Deutschen Bundestages, beschönigt sie erwartungsgemäß mit den Argumenten einer ökologischen Variante, diejenigen zu befreien, die z.B. in Elektroautos investieren. Hauptargument die Infrastrukturabgabe, das neue Wort für die Rechtfertigung einer Maut.

Kein Wort zur Infrastrukturgesellschaft, die aufgrund geheimer Gutachten sich als Trick entpuppt, skandalöser kaum sein könnte. Herbert Behrens (Die Linke) kontert, ein Minusgeschäft käme auf den Autofahrer zu, vergleicht das Maut-Verfahren mit Ephraim Kishons Blaumilchkanal, zitiert sofort im Anschluß den Artikel der Berliner Zeitung.

Bundesregierung täuscht wissentlich die Wähler und Autofahrer

Allen voran eine SPD als Partner der Großen Koalition, der BT-Abgeordnete Sören Bartol (SPD) hebt zunächst seine Verläßlichkeit hervor, bekundet das Nein zur PKW-Maut, um im nächsten Atemzug dennoch die Zustimmung der SPD zu rechtfertigen. Welch Fauxpas, genauso wie sein Versuch im Hinblick zur Landtagswahl im Saarland Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer zu diskreditieren, weil die CDU-Politikerin nicht an eine PKW-Maut glaube.

Als vierter Redner wartet Dr. Anton Hofreiter (Bündnis 90/Die Grünen) auf, der sofort die CSU und deren Dobrindt-Politik anprangert, die Ausländer-Maut ins Spiel bringt, die nur ablenken soll von den tatsächlichen Problemen dieses „absurden Projekts jener Provinzpartei mit Sitz in Bayern“. Lobbypedia faßt diese fragwürdige Infrastrukturgesellschaft Verkehr als eine gefährliche Möglichkeit zur später folgenden Privatisierung zusammen, selbst wenn seitens etlicher Maut-Befürworter genau dies kategorisch abgestritten wird. Wie war das nochmal im Jahre 2013, als Bundeskanzlerin Angela Merkel vehement von sich gab, mit ihr würde es keine PKW-Maut geben?

Einnahmen dienen erneut nicht dem Straßenerhalt

Wer dieser Großen Koalition zur Regierungsgewalt verholfen hat, darf sich gefälligst an die eigene Nase packen, wenn heute mit der Stimmenmehrheit von CDU/CSU und SPD die PKW-Maut eingeführt wird, die „kleinen“ Protestnoten seitens des EU-Rechts werden sie wohl kaum verhindern genauso wenig wie die gut begründeten Gegenargumente des ADAC.

Am Ende reiben sich Leute wie Finanzminister Wolfgang Schäuble frohlockend die Hände, füllen sich doch die Einnahmen in der Steuerkasse, Großkonzerne belohnt man mit entsprechenden Steuergeschenken, der einfache Bürger hat erneut die Kosten gefälligst zu berappen, die Gelder fließen weiterhin nicht zugunsten des Straßenerhalts. Diese Ausbeutung findet seit eh und je statt, nur daß genügend Blendwerkzeug die Bürger stillhalten möge, Hauptsache er merkt nichts.

Lotar Martin Kamm

 Kategorie: Politik

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Betrug durch Traumwelten

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Visionen voller Schreckensszenarien oder Heile-Welt-Bilder?

Wenn man sich mit Menschen unterhält, welche Erlebnisse, Erfahrungen nicht im wachen Zustand, sondern während des Schlafes passieren, so kann dies bisweilen spannender erzählt werden als das Geschehen im täglichen Umfeld.

Die Traumgeschichten bieten, wenn man das im Jargon von Verkäufern so benennen kann, eine große Bandbreite an Erzählstoffen. Vom lieblichen Traum, aus dem man nicht erwachen will, bis zu den schrecklichsten Traumsequenzen, die „das Blut in den Adern gefrieren“ lassen, ist alles möglich.

Nicht jeder Mensch erlebt und empfindet Träume genauso wie seine Mitmenschen, der eine „verarbeitet“ sie durch Nichtbeachtung, der andere notiert akribisch jedes nur mögliche Erinnerungsteil. Menschen träumen wochenlang nicht, täglich, überhaupt nie, ab und zu, immer die gleichen Träume oder ähnliche Traumsequenzen, interessieren sich nicht dafür oder deuten jede mögliche Variante zu allen erdenklichen Lebensumständen.

Da wir davon ausgehen können, dieses Phänomen, der Traum, ist ein „angeborener“ Bestandteil des Lebens (auch andere Säugetiere träumen), muß man davon ausgehen, alle unsere Vorfahren träumten. In manchen alten überlieferten Erzählungen wird dies zudem beschrieben.

Immer wieder kann man sich die Frage stellen, warum Menschen auf Betrüger, Betrugsmaschen hereinfallen, obwohl gewisse Muster bekannt sind, nach denen sie agieren, vorgehen, um jemanden „übers Ohr zu hauen“.

Betrug, mittelhochdeutsch betroc, ist gleichzusetzen mit Bauernfängerei, Abzocke, Schwindel, Täuschung, Verschaukelung, Schummel, Gaunerei. Das Wort ist abgeleitet von betrügen.

Betrügen, mittelhochdeutsch betriegen, althochdeutsch bitriugan. Synonyme dafür sind gaunern, hintergehen, mogeln, verladen, prellen, anschmieren.

Die Ursprungsaussage kommt von trügen, das so viel heißt wie irreführen, täuschen, narren, auf die falsche Fährte locken, vom rechten Weg abbringen, zu einer falschen Annahme verleiten. Trügen, mittelhochdeutsch triegen, althochdeutsch triugan. Das Wort ist verwandt mit Traum.

Der Traum, althochdeutsch troum, die Phantasievorstellung, Illusion, Vision, Wunschdenken, Wahn, Hirngespinst sind artverwandte Begriffe.

Um „übers Ohr gehauen zu werden“, ist es demnach nur erforderlich, den Phantasievorstellungen, der Illusion Glauben zu schenken, die dem Zweck der Täuschung dienen. Erstaunlich in diesem Zusammenhang ist sehr oft die Tatsache, je unglaublicher, je unfaßbarer, je wahnwitziger diese trügerischen Erzählungen aufgetischt werden, desto mehr scheinen sie als wahr und richtig registriert zu werden. Ist erstmal die Vision als real, als möglich „identifiziert“, ist der Betrug, der Schwindel, die Gaunerei quasi nicht mehr aufzuhalten.

Wobei der Betrug nicht ausschließlich auf das Ergaunern von materiellen Werten beschränkt ist, diese Arten der Täuschung geschehen ebenso im zwischenmenschlichen Miteinander, als Beispiel bei der Liebe, bei Mißbrauch von Gefühlen. Und natürlich bei den neuzeitlichen Varianten von Verschwörungstheorien, Fake News, alternativen Fakten, die es allerdings schon immer gab und meistens vermehrt in Umlauf waren, wenn umwälzende Phasen in den verschiedenen Epochen sich anbahnten.

Wenn unsere Vorfahren um den Betrug der Inhalte von Träumen wußten, aber ebenso die Visionen der Träume erkannten, warum sollten wir anders handeln? Warum sollten wir diese unglaublichen Vorstellungswelten, die durch Träume den Weg zu unserem Bewußtsein finden, alle als irreal abtun und nicht beachten? Haben nicht schon Traumvisionen neue Errungenschaften in der technischen Welt erst ermöglicht, haben nicht schon Traumphantasien sich als wahre Begebenheiten, als Anlaß für positive Veränderungen in vielen Bereichen entpuppt? Und genau diese Aussichten, daß eine Möglichkeit der Wahrheit in der Täuschung steckt, so unreal sie erscheint, ist der Grund, warum Betrüger leichtes Spiel haben, andere zu hintergehen, sie zu einer falschen Annahme zu verleiten, sie vom rechten Weg abzubringen, sie zu betrügen.

Lassen Sie sich Ihre Träume nicht nehmen, bedenken Sie aber, hinter jeder Vision kann sich eine Täuschung verbergen. Dabei ist es unerheblich, ob die Visionen Schreckensszenarien oder „Heile-Welt“ Bilder zeigen.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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Irritation der Menschen Lohn

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Sei nicht so stumm.
Kümmere dich drum.
Verletzlichkeit
ist kein Gottes Urteil.

Sei nicht so hörig,
wenn der Geist ist abwegig.
Dummheit
frißt keine Wirklichkeit.

Sei nicht so empfindsam.
Stehe nicht stramm.
Unterwürfigkeit
ist keine Freiheit.

Sei nicht so versprechend.
Schicksal ist nicht berechnend.
Vielfältigkeit
ist keine Verwerflichkeit.

Sei nicht so kurzsichtig.
Weite ist wichtig.
Unendlichkeit
ist kein Grund zur Ängstlichkeit.

Ich sitze im Zug.
Die Landschaft fährt vorbei.
Irritation
ist der Menschen Lohn.

Nafia

Kategorie: Gedichte

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Facebook: Gruppenvergewaltigungen per Live-Übertragungen

Nach Uppsala jüngst in Chicago – Sensationslust für sexuell abartige Gewalt

Das Entsetzen und der Aufschrei waren groß, als die Medien von Massenvergewaltigungen auf dem indischen Subkontinent berichteten, die vor knapp fünf Jahren vermehrt bekannt wurden, Ende 2012 erfolgten daher massive Proteste.

In Uppsala, der viertgrößten Stadt Schwedens, wühlte Ende Januar dieses Jahres eine im Facebook live übertragene Gruppenvergewaltigung etliche Bürger auf, nunmehr geschah ähnliches im US-amerikanischen Chicago, wobei Sensationslust für jene sexuell abartige Gewalt dazu führte, daß zunächst keine Polizei eingeschaltet wurde.

Chicago und Uppsala – gegensätzliche Städte mit ähnlichen Verbrechen

Während Chicago ziemlich bekannt sein sollte für sein enormes Gewaltpotential, scheint zunächst das wesentlich kleinere, auch Einwohner zählende Uppsala eher harmlos. Doch der Schein trügt enorm, weil Schweden selbst wohl nicht nur die höchste Rate an sexuellen Übergriffen hat, sondern darüber hinaus derartige Verbrechen selten strafrechtlich verfolgt werden. Vom angeblich vorbildhaften Sozialstaat Schweden kann kaum die Rede sein, wenn Frauenhäuser dort überfüllt, gar Notrufnummern außer Betrieb nicht zur Verfügung stehen.

In der drittgrößten Stadt der USA, 2,7 Millionen Menschen leben in Chicago, eskaliert die Gewalt dramatisch, 763 Morde waren 2016 zu beklagen, im Gegensatz zu New York mit 8,5 Millionen Einwohnern als Vergleich, wo es 335 Morde waren. In der Metropole von Illinois beherrschen Gangs das tägliche Leben, illegale Waffen und eine lasche Gesetzgebung verhindern eine Besserung.

Gaffermentalität und sexuelle Macht

Was treibt meist Männer dazu, Mädchen und Frauen gar in Gruppen zu vergewaltigen, darüber hinaus solch üble Verbrechen live ins Internet zu senden? Solche Täter leben ohnehin ihre Dominanz aus, die Opfer auf ihre pervertierte Weise zu beherrschen. Muß es darüberhinaus noch als besonderer Kick die Schaulust sein, öffentlich per Gaffermentalität punkten zu wollen?

Jene Sensationslust erleben wir ohnehin schon bei tragischen Unfällen, vor einem knappen Jahr drehte die Hagener Polizei völlig zurecht den Spieß um und stellte Gaffer an den Facebook-Pranger. Folgt nach Big Brother, Dschungelcamp eine neuartige Sensationslust mit derartig brutalen sexuellen Übergriffen in den Social Media wie im Facebook, während Polizeibehörden nahezu machtlos oft verspätet eingreifen können, weil obendrein manche Zuschauer solcher Live-Übetragungen erst gar nicht reagieren und dies melden?

Man mag die Vergleiche zwischen Reality-Soaps und Gruppenvergewaltigungen als übertrieben rügen, aber eine Gesellschaft sollte sich schon fragen, warum viele Menschen mit Gleichgültigkeit und Sensationslust reagieren.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gesellschaft

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Ächtung der Gemeinnützigkeit

Nächstenliebe zur Belanglosigkeit degradiert?

Sprache kann sehr verwirrend sein, auch wenn versucht wird, Sprichwörter, Redewendungen in eine andere Sprache zu übersetzen. Selbst wenn dies einigermaßen gelungen erscheint, ist oftmals der Sinngehalt dieser Ausdrücke nicht völlig nachvollziehbar. Aber selbst die Sprache, die täglich angewandt wird, um mit den Mitmenschen zu kommunizieren, kann so ihre Tücken aufweisen, nicht nur im Bereich der Orthographie, sondern auch in der Sinnhaftigkeit von verschiedenen Wörtern ihrer Aussagekraft. Redewendungen können Hinweise bieten auf die Lebensverhältnisse früherer Generationen und auf die Weltanschauungen in verschiedenen Bereichen. Wörter sind Schlüssel, Codes zum Verständnis ganzer Epochen.

Selbst wenn es heute nicht mehr so oft in der Sprache angewandt wird, so dürften viele die Redewendung 08/15 (nullachtfünfzehn) noch geläufig sein. 08/15 bedeutet, ohne Nutzen, nichts Besonderes, unwichtig, oberflächlich, alltäglich. Es gibt zwei verschiedene Versionen, wie diese Redewendung zustandekam. Ein Maschinengewehr von 1908, verbessert 1915, diente der Infanterie als Übungsgewehr. Da dieses Modell als veraltet galt, zudem serienmäßig produziert, wurde es im I. Weltkrieg von den Soldaten abwertend mit 08/15 tituliert, in der Bedeutung von Mittelmäßigkeit, Gewöhnlichem. Die zweite Version bezieht sich auf die beiden Produktionsjahre, 1908 und 1915, 1908 steht hier für veraltetes Modell und 1915 für zwar verbesserte Version, aber mit schlechterem Material. Zur Verbreitung dieses Ausdruckes soll die „Romantrilogie 08/15“ beigetragen haben. Hans Hellmut Kirsts Roman wurde einer der ersten Bestseller und die Geschichten des Leutnants Asch mit Joachim Fuchsberger verfilmt.

Es gibt auch einen anderen Ausdruck für Belangloses, Unbedeutendes. Das Wort banal bedeutet so viel wie flach, abgeleiert, abgegriffen, einfallslos, gewöhnlich, durchschnittlich, nichtssagend, ordinär, trivial. Banal, aus dem französischen banal, zu altfranzösisch ban für Bann, ursprüngliche Bedeutung gemeinnützig.

Hier irritiert die Sprache unser Verständnis, oder? Bann, althochdeutsch ban von bannen, der Bedeutung nach Ausschluß aus einer Gemeinschaft, beherrschende Einflußnahme, magische Kraft, Verzauberung, Ächtung.

Bannen, mittelhochdeutsch bedeutet unter Strafandrohung verbieten. Althochdeutsch bannan, gebieten, befehlen, ursprünglich aber sprechen. Synonyme sind behexen, fesseln, beschwören, ächten.

Hier läßt sich doch die Frage stellen, wie kann ein Wort, das in seiner ursprünglichen Aussage, gemeinnützig bedeutet hat, sich komplett verändern zu abgegriffen, gewöhnlich, gebieten, behexen? Also quasi von einem Aspekt der Nächstenliebe in einen Kontext zu nichtsagend, belanglos, befehlen, ächten? Im Vergleich das Wort zollen, also Gebühren erheben, hat sich zu einer positiven Charakterbezeichnung entwickelt.

Der Grund hierfür liegt im Verständnis beziehungsweise im Unverständnis des zwischenmenschlichen Miteinanders. Bannan, sprechen, wurde auch als Ausdruck für „vor Gericht fordern“ benützt, ab etwa dem 15. Jahrhundert wurde es als Ableitung von „Bann“ empfunden.

Bezieht man das geschichtliche Wissen in diese Wortverwandlung mit ein, so kann man davon ausgehen, daß die Umsetzung der „christlichen Nächstenliebe“ nicht in die gesellschaftlichen Wertevermittlungen aufgenommen wurde. Die Gemeinnützigkeit wurde zur Ächtung, oder war sie das immer schon?

„Gutmensch“ ist „Bösmensch“? Wer gemeinnützig denkt, im Sinne aller oder doch zumindest vieler, der handelt falsch, der leidet an einem „Hilfesyndrom“? Der wird geächtet, weil er sich um Belangloses kümmert? Wer es wagte, vor Gericht zu sprechen und eine Forderung aussprach, wurde mit dem Bann belegt, weil er sich vielleicht für Gerechtigkeit einsetzte, dies aber als falsche Beschwörung gesehen wurde?

Diese Umkehr von gemeinnützig und sprechen in beschwören, nichtsagen, sollte einen neuen Denkansatz wert sein, warum so viele Menschen sich immer noch nicht mit Nächstenliebe und Toleranz anfreunden können. Bei zollen war dies möglich, da ging es um materiellen Wert, bei bannen, banal geht es um menschlichen „Wert“.

Sind wir wirklich nicht fähig, uns vom veralteten Herrschaftsprinzip zu trennen und Humanität als oberstes Prinzip für die Gesellschaft zu vermitteln?

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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