Kleine Hunde bellen laut

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Zuckerkorn und Wolkenball.
Sie sind wieder da.
Herrschaftsgebaren,
um Werte zu narren.
Scheinbar überall.
Der Eindruck täuscht.

Verdreht werden
Worte und Werte.
So wie man sie gerne hätte.
Laut muß es sein.

Blöd und einfältig.
Sonst man selber
nicht versteht,
um was es sich dreht.

Der Lärm ist wichtig,
kleine Hunde
bellen laut,
sonst keiner auf
die Schnauze schaut.

Ballwolken und Kornzucker.
Zuckerwolken und Ballkorn.
Ballzucker und Kornwolken.
Wolkenzucker und Kornball.
Wer euch verstehen will,
braucht einen Knall.

Sie wollen wieder da sein.
Scheinbar wahr.
Gehorsamspflichten,
um Toleranz zu vernichten.
Die Täuschung beeindruckt
nicht.
Es sind Gartenzwerge
mit Geräuschmechanik.

Nafia

Kategorie: Gedichte

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Donald Trump dritter Kandidat für ein Amtsenthebungsverfahren

Vertrauensverluste so weit das Auge reicht

Bereits im Wahlkampf verdeutlichte Donald Trump unerschrocken, wohin die Reise mit ihm als Präsidenten geht. Während ziemlich schadenfroh die Gegner eines gesichteten Establishments mit Hillary Clinton an deren Spitze den Wahlsieg des 45. Präsidenten feierten, reagierten weltweit viele Menschen mit Entsetzen, erahnend, was da auf sie zukommen mag.

Interessanterweise erfreut sich The Donald hoher Beliebtheit bei Rechtsradikalen und sogenannten Putinisten, die sich ohnehin die Welt gern in Gut und Böse aufteilen, frei nach dem Motto, wer ein wahrer Patriot, dem Nationalimus frönt, sei friedliebend unterwegs, während alle anderen als potientielle Gegner erklärt, dem Globalismus verfallen für Not und Elend sorgen. Bisherig paßte hierzu brillant das Feindbild einer aggressiven US-Politik mit Barack Obama an deren Spitze. Plötzlich scheint mit Donald Trump sich alles zu ändern?

Blauäugigkeit nutzt stets einer gezielten Manipulation

Propaganda findet tatsächlich überall statt, die Mär der Lügenpresse kann sich insofern ziemlich simpel ausbreiten, um auf diese Weise gerade im Zeitalter des Internets selbsterklärten Nachrichtenportalen zu verfallen. Wo bleibt hierbei eine echte Objektivität? Sie wird nonchalant ausgeblendet, weil eine derartige Blauäugigkeit stets einer gezielten Manipulation dient.

Das FBI ermittelt längst gegen Trumps Wahlkampfteam, allein schon eine derartige Meldung sollte kritische Stimmen aufhorchen lassen. Hämisches Grinsen bei all jenen, für die der Spiegel mal soeben in die Ecke der Lügenpresse verfrachtet wird. Nützt nur nichts, wenn dieser Präsident im Spiegelkabinett der Lügen sich längst verstrickt hat. Weiterhin hält er stoisch daran fest, Obama habe ihn abgehört, obwohl jedwede Beweise ausbleiben.

Eine Panne nach der nächsten – solch einer regiert die USA?

Was soll man von einem solchen Präsidenten halten, der zwischen Krieg und Frieden taumelt? Seine Formulierung, die USA müßten wieder Kriege gewinnen, klingelt bei etlichen Kritikern noch in den Ohren. Diplomatie kann von einem Choleriker keineswegs erwartet werden, daher nicht verwunderlich, daß Trump Merkels Hand nicht schütteln wollte trotz unüberhörbarer Nachfrage der Presse. In den Reihen patriotischer Recken wird seine Weigerung als Unabhängigkeit und Charakterstärke gefeiert, eine Frau Merkel mißachtet zu haben.

Auf dem politisch-wirtschaftlichen Parkett gelten allerdings andere Spielregeln, die Donald Trump einfach außer acht läßt. Aber wer Richter im eigenen Land kritisiert, sollte wissen, daß eine unabhängige Justiz sich gleichwohl nicht von einem Präsidenten derart bevormunden läßt. Verständlich, daß Neil Gorsuch, der laut Trump den Posten des im Februar 2016 verstorbenen Richters Antonin Scalia einnehmen soll, auf Distanz zu Trump geht, auch wenn Sean Spicer, der Pressesprecher des Weißen Hauses, vermeldete, Gorsuchs Äußerungen seien fehlinterpretiert worden.

Folgt nach Andrew Johnson und Bill Clinton etwa Donald Trump?

Um sich als dritter im Bunde einem Amtsenthebungsverfahren stellen zu müssen? Andrew Johnson, der nach dem Lincoln-Attentat als Vizepräsident sofortigst dessen Nachfolger wurde, entging sehr knapp einem Amtsenthebungsverfahren. Der demokratische Andrew Johnson weigerte sich u.a., afroamerikanischen Sklaven umfassendere Bürgerrechte zu gönnen.

Bill Clinton hatte sich wegen Meindeids und Behinderung der Justiz im Zuge der Lewinsky-Affäre einem Amtsenthebungsverfahren gestellt, welches zu seinen Gunsten ausging. Wie realistisch käme ein solches bei Donald Trump in Frage? Sollte er sich weiterhin in Lügen und Alternative News verstricken sowie auf der politischen Weltbühne manchen Fauxpas leisten, könnte durchaus ein Amtsenthebungsverfahren eingeleitet werden.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Politik

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Wie die Zahnräder des Lebens den Takt vorgeben

Es wäre eine falsche Interpretation der Wesenszüge von Herrn Brunner, würden die täglichen Besuche, die fast auf die Minute zur gleichen Uhrzeit stattfinden, als pingelige Charaktereigenschaft tituliert. Für ihn waren sie der Weg zurück zu seiner Existenz, zum Ursprung des Lebens, ein Suchen und Finden im Glück und Unglück. Beides hatte für ihn den Stellenwert wie die Zahnräder eines Uhrwerkes, die unverrückbar ineinandergreifen.

Hier wurde er geboren. In der Wohnung gegenüber, die er jeden Nachmittag gegen halb vier betrat. Er hatte den Schlüssel, um die Türe zu öffnen. Seine Beine nahmen es ihm zuweilen übel, da er nicht den eingebauten Fahrstuhl benütze, der immer noch den Reiz alter Tage ausströmte. Mitten im Treppenhaus eingebaut, mit verziertem Eisen ummantelt, war er über all die Jahre regelmäßig gewartet und nur technisch auf den neuesten Stand gebracht worden. Die breiten Treppenstufen führten um ihn herum. Aus den Fahrstuhlfenstern konnte das Treppenhaus überblickt werden.

Jetzt stand er in sich versunken auf einer Stufe, streichelte das Geländer, so als ob er es polieren wollte. In seinen Gedanken jedoch bedankte er sich für den Halt, den der Treppenlauf ihm oft bot, wenn er sich mit einer Hand leicht festhielt, um drei Stufen auf einmal zu überwinden und gleichzeitig seine Hand über das Geländer glitt. Zweimal ist diese Stufenüberwindung völlig fehlgeschlagen. Ein verstauchter Fuß, der über Wochen seinen Bewegungsdrang einschränkte und eine Gehirnerschütterung, der er es verdankte, den Weg in die Welten der Kunst zu finden.

Ein Schmunzeln war in seinem Gesicht zu sehen. In den letzten Jahren schien das Treppenhaus fast so etwas wie ein Jungbrunnen für ihn zu sein. Als er vor Wochen laut auflachte, eilten aus den Wohnungen Menschen zu Hilfe in der Annahme, er rufe um Hilfe. Die erschreckten, besorgten Gesichter amüsierten seine Gedanken noch Tage später.

„Das ist nicht mein Kind! Das ist nicht mein Kind! Das Kind muß zu seiner Mutter!“ Völlig hysterisch klangen diese Sätze, schrill und widerhallend durch das Treppenhaus. Alle hatten es gehört, hatten gehört, wie sie kamen, wie sie an der Tür pochten, wie sie den Türflügel zerbrachen, das Geschrei vieler Stimmen, die abgehackten Befehle, die Dringlichkeit des Tuns. Was machen? Wohnungstüren wurden einen Spalt breit geöffnet, selbst das Flüstern, sofort die Türe wieder zu verschließen, konnte man wahrnehmen. Alles stand still, die Welt tobte.

Erna Altpfennig stand mit einem Kind an sich gedrückt vor der Wohnungstür von Rosa und Ernst Brunner. „Hier, nimm das Kind, nimm das Kind! Du bist doch seine Mutter! Rosa, es schläft so friedlich! Nimm es!“ Rosa Brunner drückte das kleine Bündel Leben an ihre Brust. „Ist das Ihr Kind?“, wurde sie angebrüllt. In diesem Moment trat Ernst Brunner ganz nah an seine Frau heran, nahm das immer noch schlafende Kind und ging, ohne ein Wort zu sagen in die Wohnung zurück. Erna Altpfennig und ihr Mann wurden in dieser Nacht abtransportiert. Sie haben ihr Gesicht im Schein der Straßenlaterne ein letztes Mal gesehen, als sie von dem Lastwagen, der unten auf der Straße stand, hoch sah, verwirrt und doch ruhig. Das ganze Haus war über Wochen still, es schien, als ob das Leben sich wie in einem dichten Nebel abspielte, der jedes Geräusch verschluckt.

Herr Brunner strich mit seinem rechten Schuh über eine Stufe, wobei er den Druck des Beines mal stärker, mal schwächer über die Stufen schleifen ließ. Die Geräusche, die durch diese Bewegungen zu hören waren, klangen fast wie eine Melodie für ein Kinderlied.

Diese Stufe war seine liebste, sie war der Grund, warum er den Fahrstuhl mied. Auf ihr hat er Stunden seiner Kindertage verbracht, wenn er mal wieder über die Stränge geschlagen hatte, wenn er einfach Ruhe brauchte. Bei jeder Umbaumaßnahme in diesem Haus stand zu befürchten, daß diese Stufe ihrer Individualität gegenüber den anderen Stufen einbüßen müßte, und das nur weil sie knarrte.

Niemand der Hausbewohner hat Einwände erhoben, als das Ehepaar Brunner die Geburt ihres Sohnes, übrigens der fünfte, einige Tage später auf dem Amt beurkundet haben. Manfred Brunner. Manfred wuchs als Nesthäkchen auf, und Vater Brunner scherzte oft, wenn du mich nicht an meinen Opa erinnert hättest, hätte ich dich nicht angenommen. Damals allerdings wußte Manfred nichts über seine Herkunft, auch nicht über die Bemühungen seiner Eltern, etwas über den Verbleib von Erna und Johannes Altpfennig zu erfahren. Bereits am nächsten Morgen nach den nächtlichen Geschehnissen haben sie Nachforschungen angestellt, sie wurden von einer Dienststelle zur nächsten geschickt, und die Wohnung der Altpfennigs wurde nachmittags von einem Trupp Männer komplett geräumt.

Ein paar Jahre nach Kriegsende wurde ihnen mitgeteilt, über die Personen, die sie suchten, gäbe es keinerlei Unterlagen, zwar könnte ersehen werden, daß Familie Altpfennig tatsächlich im selben Haus wohnhaft waren, über deren Verschwinden allerdings gab es keine Belege. Sie mußten  sich anhören: „Die sind sicher geflüchtet, hatten doch genug Geld.“

An seinem 21. Geburtstag überreichten ihm die Brunners die von ihnen gesammelten Unterlagen der Suche nach seinen richtigen Eltern, Erna und Johannes Altpfennig, damit er selbst Nachforschungen anstellen konnte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten sie ihm seine wahre Herkunft nicht erzählt. Nie war darüber gesprochen worden, auch seine Brüder hatten, obwohl sie Erinnerungen an jene Nacht hatten, nicht gewußt, daß Manfred nicht ihr leiblicher Bruder war. Manfred Brunner hat Verwandte ausfindig machen können und dadurch viel Leidensgeschichten erfahren, die ihn eine Weile lang fast aus der Bahn geworfen hätten. Zu dieser Zeit war er bereits verheiratet, hatte einen Sohn und war selbst unzufrieden in seinem Beruf.

„Hallo Manfred, bist du es?“ „Ja, Mutter, ich bin’s!“ Rosa Brunner war inzwischen 101 Jahre alt, ihre Kinder sorgten dafür, daß sie ihren Lebensabend in ihrem Zuhause verbringen darf, dafür haben sie eine Pflegerin angestellt, die mit ihr in der großen Wohnung lebt. Manfred besucht sie täglich. „Ja, Mama, ich bin’s, dein Kind!“ Und Manfred spürt, wie die Zahnräder des Lebens den Takt vorgeben.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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Ankreiden

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Die Kreide fast aufgebraucht.
An der Tafel stehen keine
Wörter mehr.
Jedes Ding bekommt
Zeichen.
Ein neues Zeichen.
Quasi ein anderes
Erkennen.
Ein paar Striche,
das muß ausreichen.

Die Kreide ist fast alle.
Kleine Stummel sind es.
Noch sind es viele.
Sie können nicht mehr
mit den Fingern
gefaßt werden.
Die Pinzette malt Codes
gegen das Vergessen.
Das Alphabet war
zu schnell ausgefüllt.

Ich steh nicht mehr
in der Kreide.
Keiner steht bei mir
in der Kreide.

Nafia

Kategorie: Gedichte

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EU-Kommission: Lockerung der Quecksilber-Grenzwerte

Profit weiterhin höheren Stellenwert als unsere Gesundheit

Wie war das nochmal mit dem Siggi und den Kohlekraftwerken? Einerlei, Herr Gabriel tummelt sich inzwischen als Außenminister in der Welt, während ganz besonders Raubfische das hoch giftige Schwermetall Quecksilber in ihrem Körper anreichern, welches bekanntlich mittels Kohlekraftwerke in die Luft gepustet letztendlich im Meer landet, wo sich das 100-fach giftigere Methl-Quecksilber entwickelt.

Der aufgeklärt ernährungsbewußte Verbraucher hadert ohnehin beim Verzehr allerlei Speis und Trank, so auch was Meeresgetier wie Fische anbelangt. Das interessiert allerdings etliche in der Wirtschaft mitnichten, Hauptsache die Geschäfte florieren, Profit hat ehedem einen höheren Stellenwert als unsere Gesundheit. Die EU-Kommission spielt ernsthaft mit dem Gedanken zur Lockerung der Quecksilber-Grenzwerte.

Quecksilber – das hochtoxisch flüssige Silber

Es war Daniel Gabriel Fahrenheit, der um 1720 das erste Quecksilberfieberthermometer entwickelte. Inzwischen ist seit Beginn April 2009 das Inverkehrbringen von neuen quecksilberhaltigen Fieberthermometern, Barometern und Blutdruckmessgeräten innerhalb der EU verboten. Ausnahmen bestehen für Messgeräte bei medizinischer oder wissenschaftlicher Verwendung, so auch für Alt- und Gebrauchtgeräte.

Amalgam-Zahnplombenfüllungen stehen in der Kritik, weil deren Quecksilberlegierung als gesundheitsschädlich gelten, obwohl etliche Studien bisherig meinen, sie seien vergleichsweise gesundheitlich gering gefährdend. Ob die Skepsis verschwindet, nur weil das OLG Hamm vor gut einem Jahr per Urteil feststellte, die Verwendung von Amalgam bei Zahnfüllungen sei grundsätzlich unbedenklich, bleibt mal dahingestellt.

Wenigstens setzte per Richtlinie das Governing Council (GC) des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP), in dem Zeitraum als Klaus Töpfer das UNEP leitete, im Jahre 2001 fest, Quecksilber auf die Liste regulierter Substanzen globaler Umweltverschmutzungen zu setzen.

Jean-Claude Junckers EU-Kommission im Bann des Konzernlobbyismus?

Seit über zwei Jahren schaltet und waltet Jean-Claude Juncker als Präsident der EU-Kommission, steht er selbst oftmals in heftiger Kritik in der Rolle des Steigbügelhalters, Großkonzerne besondere Steuervorteile zu verschaffen, keineswegs verwunderlich, weil er in seiner Zeit als Finanzminister Luxemburgs genügend Wege und Schliche fand, dies zu verinnerlichen.

Selbst bei Umweltgesetzen scheut diese EU-Kommission nicht davor zurück, sie auszuhöhlen, insofern spielt sie mit dem Gedanken, jetzt nonchalant den Quecksilber-Grenzwert bei größeren Raubfischen von derzeit 1 Milligramm pro Kg Fisch auf 2 Milligramm zu verdoppeln. Obwohl foodwatch bereits vor zwei Jahren per Unterschriftenaktion dagegen protestierte, erwog die EU-Kommission damals bereits die Grenzwert-Lockerung, scheint sie inzwischen das Vorhaben umsetzen zu wollen.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gesundheit

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Die Zeit läuft davon

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Mit Siegestaumel der „Tanz ums goldene Kalb“?

Die Zeit ist abgelaufen. Es ist kurz vor zwölf. Damit wird die Aussage getätigt, eigentlich ist alles mehr oder weniger vorbei, keine Änderung kann mehr eintreten. Dies ist das Ergebnis, wenn nicht noch ein Wunder geschieht.

Diese Art Wunder gibt es tatsächlich, wenn auch nur spärlich. Bei Rennwettbewerben geschieht es ab und an, daß auf den letzten Metern der Läufer, der kurz vor der Ziellinie sich befindet, überholt wird. Dies war kurz vor zwölf. Der Jubel fällt in solchen Momenten wesentlich stärker aus, die Menschen sind aus dem Häuschen, manche tanzen sogar, viele können nicht mehr auf den Stühlen sitzen bleiben. Ereignisse, mit denen niemand mehr gerechnet hat oder gänzlich unerwartet eintreten, treibt die Menschen nicht nur körperlich in einen Taumel, sondern auch geistig. Da kann es ohne weiteres passieren, einen anderen Menschen, den man nicht kennt oder sogar nicht sonderlich mag und schätzt, einfach in den Arm zu nehmen und gemeinsam jubelnd zu tanzen.

Laufen als Training zum Muskelaufbau, aber auch als Empfehlung bei depressiver Stimmung erweitert nicht nur die körperlichen Bewegungsmöglichkeiten, sondern die geistige Ausgeglichenheit. Eigentlich überhaupt nicht erstaunlich, wenn man den Ursprung des Wortes kennt.

Laufen, mittelhochdeutsch loufen, war ursprünglich der Begriff für hüpfen, tanzen, im Kreise drehen. In unserem heutigen Verständnis wird es eingesetzt für eilen, sausen, schwirren, spurten, marschieren, strömen, geschehen, stattfinden, passieren, gelten. Außer in den umschreibenden Begriffen, die mit Wasser in Verbindung zu bringen sind, wie etwa sprudeln, strömen, fluten, ist wenig von hüpfen und tanzen, im Kreis drehen übriggeblieben.

Um den Begriff besser zu verstehen, kurz die Erwähnung der Herkunft von „tanzen“, das über das (alt)französisch danser in mittelniederdeutsch dansen in die Sprache aufgenommen wurde und dem ursprünglichen Sinn nach, sich hin- und herbewegen, bedeutete.

Die Stimmung, die man vermeint, unter den Menschen wahrzunehmen, mehr oder weniger weltweit, scheint einem Lauf zu gleichen. Der Großteil hat allerdings unter verschiedenen Aspekten das Gefühl, die Zeit läuft davon, es ist nicht mehr möglich, die Welt zu retten. So unterschiedlich die Begründungen ausfallen, warum, sei es in Anbetracht der klimatischen Veränderungen, sei es aus sozialen, wirtschaftlichen, politischen Handlungsweisen, sei es aus religiöser Sicht oder aus esoterischen Ansichten, geeint werden alle diese Befürchtungen in dem Begriff, die Zeit läuft ab.

Nun wissen wir, unsere Vorfahren haben, den Tanz, das im Kreise hüpfen, angewandt, um den Regengott anzuflehen, um sich für einen bevorstehenden Kampf gemeinsam zu stärken, um Friedensverhandlungen zu besiegeln, um je nach Kultur eine zu achtende Tradition zu pflegen. Bei all diesen Tänzen trat zuweilen der gleiche stimulierende Effekt ein wie oben beschrieben, eine ausgelassene, fast trunkene, betäubende Stimmung, die ein immenses Glücks- und Stärkegefühl hervorbringen konnte.

Der Run, das Laufen um das Schlimmste, das man erwartet zu verhindern oder den besten Platz ganz vorne zu ergattern, ist daher also nicht gänzlich unverständlich. Weder für die Läufer, also diejenigen, die eine Führerrolle übernommen haben, noch für die Zuschauer, also diejenigen, die sich durch den Läufer (Führer) vertreten fühlen, ist das Ergebnis wirklich bekannt, denn „The winner is…“ kann erst bekanntgegeben werden, wenn der Schlußpfiff ertönt oder der Läufer über die Ziellinie gerannt ist.

Jedes Rennen, jeder Lauf ist mit höchster Wahrscheinlichkeit mit einem Pokal, Trophäe, Siegerkranz ausgelobt, in gleichzeitiger Verbindung mit Ehre, Ruhm und der eventuelle Eintrag in der Berühmtheitsskala.

Um dieses „goldene Kalb“ wollen alle tanzen, wem kann man das wirklich verdenken? Bedenken allerdings sollte man den inhaltlichen Wert dieses „goldenen Kalbes“. Ist es nur eine Götzenfigur, der wahre Gott, die Abwendung von gewissenhaften ökonomischen Handlungsweisen in Bezug auf das Klima, die Abkehr von demokratischer Weltanschauung, die Rückkehr zum Herrschaftsprinzip nach „Kulturen“, der neuerlichen Rückkehr des „Jeder ist sich selbst der Nächste“, anstatt die Pflege des Humanismus?

Es ist unser aller Lauf, weil wir alle in oder auf dieser Welt leben. Jeder kann entscheiden, ob er Mitläufer ist oder entscheidend mitwirkt, welches Ziel er für seine Vorstellung einer friedlichen Welt erkennt und danach alles in Bewegung setzt, das Laufen kann. Wer den Taumel des Sieges spüren möchte, der kann zwar um das „goldene Kalb“ im Kreis sich bewegen, aber nur der Läufer wird den Pokal gewinnen.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kolumne

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Entfernungen sind relativ

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Ich erinnere mich
an dein Gesicht.
Du lachst.
Du weinst.
Du sprichst.

Ich erinnere mich
an deine Bewegungen.
Du gehst.
Du rennst.
Du machst Verrenkungen.

Ich erinnere mich
an dein Wesen,
als wär es
gestern gewesen.
An deinen Willen,
deine Neugier war
kaum zu stillen.

Ich erinnere mich
an dich.
Du bist mir nah,
obwohl dies
nicht mehr wahr.
Ich erinnere mich,
ein wertvolleres
Geschenk
gibt es nicht.

Entfernungen
sind relativ.
Fühl dich aus der Ferne
zärtlich umschlungen.

Nafia

Kategorie: Gedichte

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