Der Welt entrückt

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Der Welt entrückt.
Ein stilles Glück.
Sand und Wasser,
kein Desaster,
sondern Matsch zum Kneten,
um in andere Leben zu treten.

Die Freude des Erschaffen,
Seele bringt zum Lachen.
Blick fest nach außen und innen,
Geistesflüsse springen
fröhlich zu Bergen und Täler,
die Welt ringsum wird schmäler.

Die Kirchenglocken
auf die Zeit pochen,
bringen keine Eile,
sie sind Musik für eine Weile,
verstärken das Lebensgefühl,
entronnen zu sein vom Gewühl.

Dreck an Händen –
in den Haaren hängen,
Gesicht verschmiert,
neue Welten kreiert.
Schätze der Phantasie
erbaut mit Ton, vergißt man nie.

Nafia

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Massentierhaltung: EU unterstützt deutsche Firma in Weißrussland

flickr.com/ Quasimondo/ (CC BY-NC 2.0)

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„FIT Farm Innovation Team“ – das Grauen für Hennen

Nach einer langen Zeit etlicher Proteste einigte sich die EU darüber, daß seit 2012 den Hennen ein höheres Platzangebot eingeräumt wird als zuvor. Die sogenannte Legehennenverordnung verbietet kurzerhand die konventionelle Käfighaltung, obwohl rund 200 cm² mehr für die eingepferchten Tiere wieder rechtens sein sollen. Welch frapante Logik, die eine Tierquälerei weiterhin zuläßt, ganz im Sinne einer profitorientierten Wirtschaft.

Doch damit nicht genug. Was in der EU einer Alibi-Verbesserung gleicht, möchten findige Geschäftsleute erneut für ihre Bedürfnisse ausnutzen. Die Firma „FIT Farm Innovation Team“ mit Sitz in Steinfurt präsentiert stolz ihre Käfigproduktionsbauten, die sie gern in Weißrussland dem Eierproduzenten Servolux anbieten möchte, der daher 25 Millionen Euro bei der Europäischen Entwicklungsbank beantragte. Keine öffentlichen Gelder für Tierfabriken, die es zu stoppen gilt, fordert diese Petition.

Die widerlichen Geschäfte mit der Massentierhaltung

Scheinen keineswegs zu verebben. Dem Verbraucher sei Dank. Dies mag jetzt für den ein oder anderen vorwurfsvoll klingen, aber genau darauf läuft es hinaus. Erst wenn die Verbraucher begriffen haben, daß sie selbst mittels ihrer Eßgewohnheiten entscheidenden Einfluß haben auf solch verbrecherische Geschäftspraktiken, ändern sich die tierquälerischen Zustände.

Es fängt beim Ei an, ob Käfig-, Boden- oder Freilandhaltung. Wer heute noch Eier kauft, deren Hennen in Käfigen zusammengepfercht ihr Dasein fristen müssen, begünstigt die „kriminellen“ Gedanken solcher Firmen wie FIT. Hauptsache gute Gewinne einfahren, was interessiert dabei das Leid der Tiere, so deren Haltung. Die erst kürzlich stattgefundene Demo gegen Massentierhaltung, das TTIP und Genfood unter dem Motto „Wir haben es satt“ unterstrich den Unmut der Teilnehmenden. Während ein erkennbares Umdenken in der Bevölkerung stattfindet, suchen sich findige Geschäftsleute neue Lücken und Schlichen.

Ware Tier – im Fokus der Kritik

Man darf durchaus das beherzte Auftreten der Veganer mit Entsetzen beäugen, manche können schon ziemlich aggressiv Fleischessern begegnen, sie gar bedrohen, ihr Eßverhalten zu ändern. Andererseits darf man sich nicht wundern angesichts des weltweit angewandten Tierleids. Nutztiere werden rücksichtslos eben per Massentierhaltung herangezüchtet, durchleben einen extremen Leidensweg, bis sie auf dem Teller landen.

Dabei wird der Umwelt erheblichen Schaden zugefügt, denken wir an den radikalen Soja- oder Maisanbau in Südamerika, die Vernichtung des Regenwaldes, den enorm hohen Wasserverbrauch. Diese Entwicklung wird sich fortsetzen, da immer mehr Menschen hinzukommen, die jene Eßgewohnheiten übernehmen, obwohl parallel wenigstens die Zahl der Vegetarier und Veganer ansteigt.

Lotar Martin Kamm

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Fliegen

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Fliegen,
ein Traum so Vieler,
doch manche vermögen
nicht mal richtig zu stehen

zu ihren Worten, Partnern,
Freunden.

Sie fliegen dahin,
hoch in die Lüfte
besehen die Welt
als fremd.

Empfinden hoch oben
keine Emotionen
für die da unten.

Manche stecken fest im Sand
ihres Leidens und Kummer

und schauen hoch zu denen,
die schon fliegen und erkennen
deren Flatterhaftigkeit.

Und wissen, nur die, die mit
ihnen den Sand zu Boden
stampfen, sind auch
diejenigen, die
hoch oben in der Luft
nur gemeinsam mit
ihnen ihre Runden drehen.

Nafia

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CETA: Vorläufiges Inkrafttreten ohne Zustimmung des Bundestages

flickr.com/ Mehr Demokratie e.V./ (CC BY-SA 2.0)

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Die abenteuerlichen Vorstellungen des Herrn Gabriel

Pessimisten ohne jedweden Hoffnungsschimmer müssen sich wohl damit abfinden, daß sowohl das CETA als auch das TTIP verabschiedet werden, zumal hüben wie drüben des Atlantiks die verantwortliche Politik sich einig ist, jene Abkommen unbedingt durchzuboxen.

Der Bundesregierung fällt nunmehr nichts besseres ein, als das vorläufige Inkrafttreten von CETA ohne Zustimmung des Bundestages zuzulassen, wie man der Ausschußdrucksache des Bundeswirtschaftsministeriums unschwer entnehmen kann. Der zuständige Chef, Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel, stand somit nicht zu seinem Wort, hatte er doch noch vor zwei Jahren verkündet, die nationalen Parlamente müßten dem Abkommen zustimmen, alleinig durch die EU käme ein Abschluß nicht in Frage.

Trotz juristisch fragwürdigem Beschluß traut Gabriel sich auf glatten Boden

Darin scheint der Vizekanzler wohl Gefallen gefunden zu haben, obwohl ihm der Europa- und Völkerrechtler Prof. Dr. Wolfgang Weiß der Uni Speyer in einem Gutachten widerspricht, es sei verfassungsrechtlich wie demokratiepolitisch unakzeptabel, wenn die vorläufige Anwendung jetzt in diesem Herbst an den Parlamenten vorbei erfolge. Recht hat er, doch dies scheint Herrn Gabriel wenig zu taxieren, viel zu zielgerichtet agiert die Politik in Zusammenarbeit mit den profitorientierten Konzernen. Was intereressieren dabei die wenigen Gegenstimmen, die große Masse schweigt und fügt sich, schließlich drängt die EU-Kommission auch beim TTIP auf eine sichere Verabschiedung.

Trotz etlicher Proteste, millionenfacher Unterschriften gegen die neuen Freihandelsabkommen, die von Beginn an hinter verschlossenen Türen verhandelt wurden, folglich den Zorn und Skepsis berichtigter Kritik verursachte, fühlt sich die befürwortende Politik auf sicherem Terrain, läßt all die Widerstände eiskalt abblitzen. Wer kann ihnen noch ans Leder?

Hobbyjuristin und Musiklehrerin klagt vorm Bundesverfassungsgericht

Nachdem Marianne Grimmenstein etwas zu voreilig im Jahr 2014 mit ihrer Verfassungsbeschwerde zum CETA scheiterte, will die Musiklehrerin und „Hobbyjuristin“ aus Lüdenscheid diesmal alles richtig machen bei der größten Bürgerklage der BRD, wie die Süddeutsche berichtete.

Sollte ihr dies etwa gelingen, immerhin steht ihr der Rechtsprofessor Prof. Dr. Andreas Fisahn von der Universität Bielefeld bei, könnte sie auch das Zustandekommen des TTIP gefährden. Andererseits sollte man dabei berücksichtigen, daß die Seilschaften zwischen Politik, Wirtschaft und der Justiz enge Bande sind, die sich stets neue Schlichen einfallen lassen, um ihre Ziele am Ende durchzusetzen. Halten wir Marianne Grimmenstein dennoch die Daumen, geben noch lange nicht auf, solange ein Funken Hoffnung besteht, diese Abkommen zu verhindern.

Lotar Martin Kamm

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Auch wenn ich mich drehe und wende

flickr.com/ ThomasKohler/ (CC BY 2.0)

flickr.com/ ThomasKohler/ (CC BY 2.0)

Auch wenn ich mich drehe und wende
und nach unten und oben sehe,
nichts, aber auch gar nichts
ist da, was mich interessiert.
Es gibt nichts an Angeboten, die mir
sagen, kauf mich, nimm mich mit.

Die Regale sind überfüllt mit Sinn
und weniger Sinnvollem.
Hier und da leuchtet ein kleines
Blinklämpchen, um auf sich
aufmerksam zu machen.
Aber alles erscheint mir wie ein
großer Tandhaufen.

Konsum, Konsum, die schnelle Mark,
reizvolle Sinnlosigkeiten locken das
Geld aus der Tasche.
Fühle mich selbst wie ein zum Platzen
gefüllter Sack.
Warum, warum nur reizt es mich, nicht
zuzugreifen und eben das zu tun, was
die anderen tun, kaufen, kaufen, kaufen.

Dies und jenes wäre sicher praktisch
in der Anwendung, aber es widerstrebt
mir, es mit nach Hause zu nehmen.
Viel zu viel steht bei mit schon herum
und verstaubt nur.
Ich brauche Platz, Platz, Platz.
Platz für all das, was in meinem Kopf ist.

Platz, damit ich all meine Gedanken in
meinem Haus unterbringe.
Ich benötige Leere, damit ich meine
Gedankengebäude aufstellen kann.
Deshalb, ihr lieben, zum Kauf angebotenen
Waren, dürft ihr weiterhin in euren Regalen
und Schaufenstern stehen und für andere
feilgeboten werden, die nicht so viele
Gedanken in ihr Heim stellen möchten.

Nafia

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Aufrechte Streiter hoch zu Ross in gnadenloser Mission

flickr.com/ Kass3tte/ (CC BY-SA 2.0)

flickr.com/ Kass3tte/ (CC BY-SA 2.0)

Nationalismus – unbelehrbares Relikt aus dem letzten Jahrtausend

Selbstherrlich glänzten sie im grellen Sonnenlicht, rüstungsgleich, um lautstark der gröhlenden Masse sich erhobenen Hauptes zu präsentieren. Ein paar Versprengte stießen zu ihnen, hatten wohl anderweitig dringendes erledigt. Nunmehr war die Riege der Auserwählten komplett, zeigten sich dem gemeinen Fußvolk, welches voller Andacht den aufrechten Streitern hoch zu Roß zujubelte. Deren einziges Ziel: in gnadenloser Mission all diejenigen aufspüren, die sich weigerten, diese Herrschaft anzuerkennen.

Irgendwo in einem weit zurückliegenden Jahrhundert oder in den Köpfen manch abstruser Phantasten mögen derartige Heldenepen den Restverstand umnebeln, der ihnen suggeriert, die Welt läge ihnen zu Füßen, alles würde linientreu einem gezielten System gehorchend funktionieren. Weit gefehlt. Welch fataler Irrtum, genauso wie die Mär des Nationalismus, wobei der inklusive lediglich theoretisch fruchten mag, was angesichts eines sich schnell verselbständigenden Chauvinismus zum exklusiven Nationalismus sich entwickelt. Die Falle schnappt zu, wir gelangen exakt an die Stelle der Geschichte, die zum fanatischen Völkerkult führte, jede andere Nation ächtend, um schließlich im Zuge gewinnbringender Vorteile Kriege anzuzetteln, beste Voraussetzung ein Feindbild zu erschaffen.

Das Visier nach unten geklappt stürmten die Reiter aufeinander zu. Fahnen verdeutlichten die jeweilige Nation zusammen mit markanten Symbolen, Farben und Mustern, wer hier für wen im Kriege kämpfen und bei Verlust sich opfern mochte. Ehrenvoll und stolzen Blickes droschen sie aufeinander ein im Waffengeklirr lautstarker Schreie, die Erde zerwühlend, manch Roß schnaubend gen Boden geschleudert, den Reiter unter sich begrabend, viel Blut zierte die wenig erhaltenen Gräser, die Schlacht verlief wie etliche zuvor. Am Ende viel Leid und Elend, Leben dahingerafft, im Sinne der jeweiligen Nation dienend gekämpft.

Heute nennen sie sich identitär, friedlich patriotisch Gesinnte, die zugleich keineswegs davor zurückschrecken, keinen kulturellen Austausch in einem gesellschaftlichen Miteinander zu dulden. Schön fein säuberlich schnitzt man sich sein verschroben behütetes Weltbild zusammen, Berührungsängste im Auge, daß da ja niemand es wage, die Ehre der Nation zu beschmutzen. Welch wunderbare schicksalshafte Laune der Geschichte, nach geduldigem Verharren ob des „multikulturellen Experiments“, das gar unbedingt den Grünen angelastet, gelangen in Scharen Horden voller Flüchtlinge ins Land, die sofort die eigene Pflicht und Ehre herausfordert, die Nation zu retten. Befreiung von einer verfehlten Politik, die gänzlich es versäumte, an alte Werte der Tradition festzuhalten. Mit Vehemenz werden die Messer gewetzt, natürlich in friedlichem Einklang, um ja keine schlafenden Hunde zu wecken.

In Wirklichkeit strategisch gutdurchdachte Strukturen von langer Hand aufgebaut längst in den Startlöchern stehen, um das Ruder herumzureißen, ein Europa der Nationen vorbildhaft erneut zu etablieren. Gleichwohl dazu einige Gleichgesinnte sich stets einfinden, die jetzt lediglich ihre Rolle aufsuchen sollten, um gemeinsam notwendige Schritte einzuleiten. Sie dürfen raten, wie das zu bewerkstelligen sei. Noch lassen sie sich wählen, europaweit ein Rechtsschwenk ohne weiteres sichtbar sich formiert. Ob hinterher die eine Nation die andere noch „riechen“ mag, bleibt mal dahingstellt. Schließlich bewegt es sich schlecht in nationalistischer Gesinnung, wenn stets der eigene Staat seine Interessen durchsetzen will.

Mal Hand aufs Herz eines jeden halbwegs klar denkenden Zeitgenossen: Wie soll das fruchten? Eine ohnehin komplett chaotisch aus dem Ruder laufende Welt, in der sowieso kaum Einigkeit herrscht, außer in dem Bemühen der Eliten, sich stets das größte Stück Kuchen zu gönnen, während die Völker einfach zu funktionieren haben. Wer will dabei noch eine nationale Gesinnung einfordern und gar umsetzen? Wobei gerade die Wirtschaft in ihrem Wachstumswahn keinerlei Rücksichten nimmt, der Globalismus längst den Kurs diktiert in seinem Raubbau sämtlicher Ressourcen, der Ausbeutung von Humankapital.

Sie sind gestorben für eine Idee, die letztlich zum Scheiten verurteilt war. Sinnlose Kriege forderten zig Millionen Menschenleben, ohne daß auch nur annähernd sie sinnvoll waren. Sie dienten lediglich einer selbstgefälligen Kaste von Herrschern, die bis heute ihre Ziele verfolgen. Solange die Völker sich dermaßen instrumentalisieren lassen, jedem politischen System blindlings dienen, ändert sich nichts.

„Mensch, entledige dich deiner Fesseln, die da lauten: Niemand hat das Recht, Nationalismus einzufordern, schon gleich gar kein Rassismus zuzulassen.“ Wir sind alle rein geboren, entsprungen aus Mutters Schoß, es gilt, die Welt friedlich zu gestalten, in einem Miteinander, ohne jeweden falschen Stolz, verlogene Ehre und anderweitige Doktrin. Nie wieder Nationalismus, der oftmals auch in getarnten Gewändern daherkommt!

Diesen Beitrag widme ich liebend gern Sylvias Projekt „Gegen das Vergessen“.

Lotar Martin Kamm

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Die Leserin (Teil 1)

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Sie wußte, wenn sie die Treppenstufen des Hinterhauses in den zweiten Stock hochging, würde ihr Herz wieder so fürchterlich pochen, würden ihre Beine gleichzeitig starr und ungelenk und dennoch butterweich zähflüßig die Stufen treten, sie müßte wieder das Treppengeländer mit ihrer schwitzigen Hand umklammern und sich einbilden, sich an einem Strang nach oben zu ziehen, der sie in die Wohnung führte, an deren Eingangstür nur das Schild festgenagelt war mit dem Namenskürzel V.B.

Anonym, so anonym wie selbst die anderen Teilnehmer, die sie dort seit einem halben Jahr jeden Dienstag Abend antraf. Um überhaupt dort sein zu dürfen, mußte sie einwilligen, ihre Persönlichkeit äußerlich zu verändern, deshalb hatte sie an diesen Dienstagen blonde lange Haare, einen wallenden langen Rock und eine unförmige blaue Bluse an. Männliche Teilnehmer trugen ebenfalls Perücken, aber auch vereinzelt aufgeklebte Bärte und mußten ebenfalls in blauen Hemden erscheinen. Stillschweigen über das Gehörte wurde schriftlich vereinbart und bei Zuwiderhandlungen drohten je nach Schwere Gefängnisstrafen.

Namen durften nicht erwähnt werden, ihre gegenseitige Ansprache lautete immer, die Leserin oder der Leser und dabei mußten sie einen blauen Stock, der ihnen ausgehändigt wurde bei jedem Treffen, nach vorne ausstrecken. Es waren schwere Momente, die sie durchleiden mußte, aber immerhin besser, als gebrandmarkt durchs Leben zu gehen. Denn sie hatte es getan und sie machte es bisweilen immer noch, heimlich, und trotz ihres schlechten Gewissens erlebte sie dabei doch immer wieder ein absolutes Hochgefühl, wenn sie die an manchen Stellen kaum noch lesbaren Sätze entziffern konnte und so die Gesamtheit des Textes erlas.

Ja, ich bin eine Leserin. Das war der Satz, den jeder Teilnehmer jeden Dienstagabend zur Begrüßung zu sagen hatte. Heute hat sie mit den Einleitungssätzen die Therapiestunde zu eröffnen, sie hatte schon die ganze letzte Woche diese Sätze ständig wiederholt, damit sie ihr ja nicht verloren gingen. Und heute sollten alle hören, wie bei ihr das Laster anfing. Lesen allgemein war nicht verboten, denn wie sollten sonst Maßregelungen und Hinweise weitergegeben werden, aber das Lesen von Dichtern und Denkern, von Poesie und Romanen, von Philosophie und Religion und alles andere, das auf der Liste für verbotenen Bücher stand, und diese Liste war lang.

Sie hoffte, ihre Einleitung würde nicht so katastrophale Auseinandersetzungen nach sich ziehen, wie vor vierzehn Tagen, obwohl man konnte nie sicher sein, sie hatte sich deshalb vorgenommen, ihre Geschichte ein wenig zu verändern, und wenn sie schon von Schuld sprechen würde, dann von ihrer eigenen und nicht von ihren Großeltern, der Nachbarin und ihrem Onkel. Vor vierzehn Tagen wäre es beinahe zum Ausschluß eines Teilnehmers gekommen, weil er bei seinen Einleitungssätzen sich verleiten ließ, immer intensiver und fast nur noch seinem Gefühl ergeben über das am meisten verbotene Buch zu sprechen. Seither war sie überzeugt, er kenne das Buch auch auswendig wie sie. Der erste Satz aus diesem Buch, die Überschrift von Kapitel I wurde in der Runde kaum mehr als sonst auch aufgenommen:

“Staaten, die den Menschen, aus welchen Gründen auch immer sie in dieser Gesellschaft wohnen und leben, die Angst vermitteln und sogar fördernd mitwirken, die Ängste zu verstärken, allein gelassen zu werden bei Krankheit, Alter, bei allen nur erdenklichen Problemen, die Menschen widerfahren können, können nicht erwarten, daß selbstbewußte aufrichtige und ehrliche Mitmenschen in dieser Gesellschaft leben.“

Gelangweilt hörten die meisten über diesen Satz hinweg, wußten doch alle, woher er stammte. Bis dahin gab es solche Einleitungen nicht, die meisten Teilnehmer saßen hier auf Grund ihrer Vorlieben für Poesie und Romane, das jedenfalls hatte sie bis dahin angenommen. Und sie war sich seither auch nicht mehr so sicher, ob einzelne Gruppenteilnehmer oder vielleicht alle Lügen erzählten, um von ihren wahren Interessen für das Buch abzulenken.

„Jeder Mensch ist ein Individuum, egal in welcher gesellschaftlichen Schicht er hineingeboren wurde, damit ist er einzigartig und die größtmöglichste Förderung seiner Talente erhält, und sein Wesens obliegt dem gesamtem Staat, denn nur ein Wesen, das gemäß seinen Anlagen in die Gesellschaft intrigiert ist, kann dem Gemeinwohl sein Bestes geben, auch wenn das Wesen selbst nicht fähig ist, für sich zu sorgen, so fördert es durch seine Hilflosigkeit den Wert der verantwortungsvollen Mitmenschen (Pfleger).“ Das war ein Satz aus Kapitel III, zweiter Abschnitt, und kaum war er zu Ende gesprochen, zeigte der Gesprächstherapeut mit seinem blauen Stab auf den Teilnehmer, der nun mit weinerlicher Stimme über die schlimmen Verhältnisse in seinem Elternhause berichtete und nur sein Zurückziehen mit einem Gedichtband über romantische Liebe, das er, als er mal wieder abgehauen war, auf einem Hochsitz fand, ließ ihn nicht am Leben verzweifeln.

„Nur wenn in einem Staat kein materieller Besitz als Wertbemessung für ein Individuum angesehen wird und 100g Apfel genauso viel wert sind wie 100g Gold, wird dies gelingen. Bringen die Menschen ihre gefertigten Waren oder ihre gepflanzten Erzeugnisse in die gemeinschaftlichen Häuser (Füllhallen), damit jeder nach seiner Facon sich bedienen kann, dessen er bedarf, wird es keine Neider und Habgier, geschweige denn Raub mehr geben. – Dieser Wechselhandel setzt voraus, daß kein Produkt teurer bewertet wird als das andere.“

Die letzten Wörter wurden jetzt im Chor von mehreren Teilnehmern ausgesprochen, und das Aufzeigen mit dem blauen Stab konnte den Redefluß nicht stören. Der Therapeut schlug nun mit seinem Stab an die während der Sitzung nach vorne gestreckten Stäbe der Teilnehmer, und wie erstarrt waren alle stumm, nur der Teilnehmer, der die Einleitung begonnen hatte, sprach unbeeindruckt weiter, vielleicht auch deshalb, weil er als der Sprechende seinen Stab in die Höhe halten mußte. Er erzählte von seinen Eltern, denen irgendwann Arbeit und Familie über ihre Kräfte stieg und wie sie ausgezerrt ihre Hilflosigkeit an den Kindern ausließen, indem sie anfangs schlugen und brüllten, schließlich aber die Kinder ihrem Schicksal überließen und irgendwann nur noch Kraft aufwanden, um an Alkohol zu kommen.

Fortsetzung folgt.

Doris Mock-Kamm

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