Menschen haben nichts mehr zu verlieren (Teil 1)

pixabay.com

pixabay.com

Ein Drama mit offenem Ende

Als Gott die Erde erschaffen hatte, lange nach den ersten Tagen, Jahren und Jahrtausenden, irgendwann erschienen die Menschen, um sie sich untertan zu machen. Zumindest redeten sie sich dies ein, manche waren sogar davon überzeugt, andere wiederum zweifelten sowieso am Leben selbst, sahen überall die Apokalypse. Doch bisherig setzte sie im letzten Moment jedes mal einfach aus.

Fluchend stand Homo sapiens am Meeresstrand oder in den Bergen, das dürfen Sie sich aussuchen, ganz wie es Ihnen gefällt und schrie frei heraus: Menschen haben nichts mehr zu verlieren, wann gehen sie auf allen Vieren? Und der Philosoph, der Seher, Dichter und Denker ward geboren, um endlich das stets hinterfragende Sein zu gestalten. Hat dies gefruchtet? Mal schauen.

Bevor der Vorhang sich leise öffnet, werfen wir doch einen Blick auf die Akteure des Bühnengeschehens:

Hauptpersonen

Beerde – das Firmenkonstrukt

Angie – die Kanzleuse

Sackohrzieh – der Zwerg

Die Zeit – Stellvertreterin der MSM

USA – Vereinigte Schlitzohren Amerikas

Der Bär – Wladimirowitsch

Die Elfe – Muse der Liebe und Künste

Q – Querdenkender oder der Kommentator

Das Gewissen – Menschliches Rückgrat

Nebenrollen

Flüchtlinge – I, II und III

Sid – der Punker

Freddy – der Hells Angel

Jürgen – der Spießbürger

und manch andere

Irgendwo in einem Hinterhof einer deutschen Großstadt, kurz bevor die Nacht den Abend eingeholt hat, der Verkehrslärm ebbt wohl nie ganz ab, ein Baby schreit im dritten Stock.

Die Elfe: Siehst den kleinen Unterschied wohl nie, den ich dir gerade erklärt? Versuch es mal mit ein wenig mehr Geduld, dich hetzt doch niemand, zumal du erst neulich genug Bestätigung erhalten, denk ans letzte Wochenende, oder?

Freddy: Na klar doch, Kleene, ick kann dir ja nüscht widasprechen, hast voll recht. Jeduld is nich jerade meene Stärke. Besonders weil ausjerechnet der Mike mir übern Wech jeschlappt is, mit dem hatte ich noch ne Rechnung offen. Obendrein starrte der die janze Zeit meene Olle an, nich ins Jesicht, in den Ausschnitt. Paßte mir jar nich in den Kram.

Die Elfe klopft ihm vorsichtig auf die Schulter, während Flüchtling II ahnungslos in den Hof schlendert, ein Fahrrad übersieht, sein Gleichgewicht verliert und hinfällt. Freddy hilft ihm freundlich auf.

Flüchtling II: Du mich nicht anfassen, deutscher Mann. Suchen du Streit?

Freddy: Nur die Ruhe, bist doch hinjefallen, wollte dir nur mal uffhelfen. Ansonsten, nem Streit gehst du man besser aus dem Weg, du schmales Hemd!

Flüchtling II: Ich dich aufschlitzen!

Viel zu unbeholfen zieht Flüchtling II ein Messer, welches Freddy ihm mit einem gezielten Schlag auf dessen Handwurzel aus der Hand schlägt, um einen Moment später den Arm auf den Rücken zu drehen und ihn in die Knie zu zwingen.

Freddy: Und, wat machste nu? Ick sachte doch, laß es eenfach.

Die Elfe hilft dem Flüchtling II auf, der kreidebleich verwirrt auf die beiden starrt, aber keinen Ton mehr rausbekommt. Dessen Kumpel taucht auf, winkt ab, greift dessen schmerzfreie Hand. Beide verlassen den Hof.

Der Vorhang schließt sich, ganz kurzer Szenenwechsel. Q tritt vors Publikum.

Q: Das kennen Sie doch allesamt, jene schweigende Wand, wobei zugleich Mauern eingerissen! Ich weiß, drauf geschissen. Aber mal ohne Scheiß: Der Rocker den Fremden in die Flucht schlägt, wenn dann Die Zeit erscheint, ist’s zu spät? Na, mal sehen, was geht.

Vorhanglicht aus, er öffnet sich nahezu geräuschlos. Hinter den Glastüren im Gang zum Deutschen Bundestag. Gerade applaudiert es noch im Plenum.

Fortsetzung folgt.

Lotar Martin Kamm

Veröffentlicht unter Theaterstücke | Verschlagwortet mit , , , , | 1 Kommentar

Anerkennung erhalten um fast jeden Preis

flickr.com/ h.koppdelaney/ (CC BY-ND 2.0)

flickr.com/ h.koppdelaney/ (CC BY-ND 2.0)

Wer letzt, zeigt seinen wahren Kern meist ohne Rücksicht

Viele Zeitgenossen letzen danach, anerkannt zu werden, einen guten Eindruck zu vermitteln, eine gehobene Stellung inne zu haben, berühmt zu werden, weil sie selbst nicht fähig sind, sich anzuerkennen, einen Eindruck hinterlassen können, nur durch höhere Sitzpositionen meinen, einen Überblick zu bekommen, der Meinung sind, Ruhm würde einen besseren Menschen aus ihnen machen.

Also letzen (laben, erquicken) sie andere mit Zungenfertigkeit der schönen Worte, um ihr Ziel zu erreichen. Sie letzen die Menschen mit vermeintlichen Geschenken, Preisausschreiben, Gewinnversprechungen. Sie letzen die Menschen mit Sicherheit, durch Freundschaft, Zugehörigkeit einer Gruppe, Verein, Partei. Sie letzen die Menschen mit Gesundheit durch mentales Denken, Kauf ihrer Produkte. Sie gestatten den Menschen, sich zu letzen an der Kunst und Kultur, damit sie rundherum zufrieden, abgelenkt und manipulierbar sind.

Sollen wir all den Letzern erzählen, was das wirklich bedeutet? Letzen stammt vom mittelhochdeutschen letzen, althochdeutschen lezzen und bedeutet eigentlich schlaff machen, sprachverwandt mit lassen.

Ihr Zeitgenossen, die ihr gierig danach letzt, etwas in eurem Leben zu erreichen, das euch aus der Masse der anderen hervorhebt, macht das nur, weil ihr zu schnell schlaff macht und die Kraft der Ausdauer nicht besitzt. Deshalb letzt ihr nach Menschen, die ihr für euer Ansehen braucht, um euch in deren Licht zu sonnen, um auf deren Kosten euren Lebensunterhalt zu bewerkstelligen.

Aber wehe diese Menschen sind verletzt, entweder durch eigenes Verschulden oder vermeintlichen Verletzungen durch andere, dann kann es sein, daß sie schlaff und in sich zurückgezogen, mitleiderhaschend sich verkriechen, um danach umso letzender die Welt wieder zu betreten. Oder die Verletzungen lassen sie in blinder Wut alles niedertrampeln, um die anderen dafür verantwortlich zu zeigen.

Der Duden erklärt zu verletzen: mittelhochdeutsch verletzen, zu letzen in der älteren, besonders landschaftlichen Bedeutung »quälen, schädigen«

Letzen wir nicht nach Anerkennung, Ruhm, wenn wir selbst zu schlaff sind, dann verletzen (quälen, schädigen) wir niemanden und sind wahre Persönlichkeiten.

Doris Mock-Kamm

Veröffentlicht unter Kolumne | Verschlagwortet mit , , , | 1 Kommentar

Syrien-Krieg: Fortsetzung der Kampfhandlungen

flickr.com/ flöschen/ (CC BY 2.0)

flickr.com/ flöschen/ (CC BY 2.0)

Genfer Friedensgespräche scheitern kläglich

Wirklich verwundern mag man sich nicht über die Meldung, daß die Genfer Friedensgespräche schon nach wenigen Tagen nunmehr scheiterten, im Syrien-Krieg weiterhin Kampfhandlungen stattfinden. Schließlich sind die kompliziert komplexen Fronten alles andere als einfach, zumal gerade der US-Westen eine nicht unerhebliche Schuld trägt, explizit alles Erdenkliche unternimmt, um Baschar al-Assad von seinem Präsidentenstuhl zu befördern.

Diese Rechnung geht aber seit der militärischen Intervention Russlands keineswegs auf. Im Gegenteil, die syrische Armee fühlt sich gestärkt, vermeldet zunehmende Erfolge. Die Rolle des deutschen Außenministers wird erneut deutlich, in dem er einseitig dem Assad-Regime die Schuld gibt zum Abbruch der Genfer Friedensgespräche. Steinmeier scheint wohl zu übersehen, daß Assad auch nur sich gegen Terror-Verbände wehrt. Aber dies wird im Sinne der USA mal eben ausgeblendet.

Leidtragend in diesem Syrien-Krieg: die Zivilbevölkerung. Was wiederum zu Flüchtlingsströmen führt. Der UN-Kompromiß auf Abwegen hat sich somit als Flop gezeigt, man muß von einem verheerenden Signal ausgehen, fraglich ob auf diese Weise die angekündigten Friedensgespräche ab 26. Februar stattfinden und zu Ergebnissen führen.

Lotar Martin Kamm

Veröffentlicht unter Kurznachrichten | Verschlagwortet mit , , , | 1 Kommentar

Die Narren sind los – nicht nur zur Faschingszeit

pixabay.com

pixabay.com

Narrenfreiheit findet stets ihre Wege

Die Narren sind los! Wirklich? Rennen sie nicht vielmehr dauernd durchs Weltgeschehen, um ihre Narreteien zu verbreiten? Im Wissen und der Hoffnung nicht erkannt zu werden, verschleiern sie ihre Absichten, Thesen, Meinungen in sprachgewandte Wortgefüge, dessen sie selbst nicht mehr zu folgen imstande sind. Durch Rechtsgelehrte in mühevoller Arbeit wieder in verständliche Form gebracht, aufgelistet in seitenweise differenzierter, fast tabellenartiger Erklärungen zu Erklärungen, bleiben am Ende des Verstehens mehr Fragen als Antworten.

Doch so soll es sein. Ein Narr, der glaubt, andere auf Dauer täuschen zu können. Ein Narr, der Täuschungen nicht erkennt. So leben sie friedlich nebeneinander her, bis das Spiel seinen Reiz verliert. Bis beide behaupten, das Spiel gewinnen zu können, weil in ihrer Hand der höhere Trumpf, die besseren Karten liegen.

Der Narr, der Tölpel, Tollpatsch, Unwissende, eine Figur, geliebt wie gehaßt, durfte bei Hofe ungestraft Stellungen beziehen, Dinge aussprechen, die andere im Traum nicht gewagt hätten, zu denken, geschweige auszusprechen. Heute noch gilt für die Narren die Narrenfreiheit, die in unserer Zeit sehr oft in der Rolle der Kabarettisten, scharfzüngige Reden schwingen, die der Wahrheit mehr ähneln als ein Werbeplakat.

Die Faszination des Narren, der Narretei finden wir auch in den Geschichten des Barons Münchhausen, der Schildbürger, Don Quijote. In vielen Filmen „als die Bilder laufen lernten“ spielt gerade der Tollpatsch, der Narr, die Figuren, die scheinbar Richtiges in Frage stellten und somit den Zuschauern eine Art Spiegel vorhielten. Kleinkinder, Kinder geben sehr oft durch ihre Unbefangenheit (Prädikat für Narr) die aufrichtigsten Antworten. Hinterfragen mit Inbrunst nicht verstandene Begriffe und führen oftmals Erwachsene selbst an die Grenzen des Wahnsinns und der Narretei, wenn die Logik der Erwachsenenerklärung entlarvt wird.

Der Narr vielleicht der bessere Mensch? Er darf ungezügelt mit List und Tücke, Schlauheit, Naivität alles in Frage stellen, ohne gespaltene Zunge alles ehrlich aussprechen und sich nicht so wichtig nehmen, da er die Fähigkeit hat, sich selbst den Spiegel vorzuhalten.

Auf ihr Narren, zeigt der Welt ihre böse Fratze, nehmt sie mit in die unbeschreibliche Schönheit des freien Denkens, in der durch Reflektion, Spiegelbild, kein Narr durch Ehrlichkeit sein Gesicht verliert.

Doris Mock-Kamm

Veröffentlicht unter Kolumne | Verschlagwortet mit , , , | Hinterlasse einen Kommentar

TTIP: Seine Auswirkung setzt gefährliche Prioritäten

flickr.com/ campact/ (CC BY-NC 2.0)

flickr.com/ campact/ (CC BY-NC 2.0)

Widerstand in der Bevölkerung noch viel zu gering

Was nützen beherzte Widerstände seitens einer Vielzahl von Organisationen wie Attac, Greenpeace, Vereinen wie foodwatch oder unzähligen Prominenten bis hin zu Parteien im Deutschen Bundestag, wobei die Linke das TTIP gänzlich ablehnt, die Grünen halbherzig das intransparente Verfahren mockieren, Ausstiegsklauseln im Vertragstext fordern, statt wie die Linke besser gleich deren Ablehnung mitzutragen? Dies bedeutet nämlich nichts anderes als ein Hintertürchen im Hinblick zukünftiger Regierungsverantwortung.

Dabei sollte auch den Grünen die Auswirkung des TTIPs deutlich sein, welches mit einer Vertragsunterzeichnung, die höchstwahrscheinlich noch diesjährig stattfindet, gefährliche Prioritäten setzt. Dies wissen selbstverständlich ebenso Gegner auf der anderen Seite des Atlantiks, die Senatorin Elizabeth Warren bestätigte vor allem, wieso die Inhalte vom TTIP geheim sein sollen: Die US-amerikanische Öffentlichkeit könnte sich gegen das TTIP wenden. Da fragt sich doch der aufmerksame Beobachter, warum dies dennoch in den USA zu wenig geschieht. Keine Informationen seitens dortiger Medien oder herrscht eher Gleichgültigkeit? Im Klartext wird bereits das Zustandekommen billigend in Kauf genommen?

Ein völlig unnötiger Hickhack zwischen Juristen und verantwortlicher Politik

Letztere hat ohnehin ihre Glaubwürdigkeit gänzlich an der Garderobe abgelegt. Was soll man von jenen Bundespolitikern halten, die halbherzig, wenn überhaupt, den neu eröffneten Leseraum betreten, um die wenigen Inhalte des TTIP-Vertragswerkes sich reinzuziehen? Wenn sie davon in der Kürze der ihnen angebotenen Zeitspanne entscheidenes verstehen, was ziemlich angezweifelt werden darf.

Sowohl die EU-Kommission als auch der Vizekanzler Sigmar Gabriel propagierten als Alibi ein sogenanntes „Investitionsgericht“, welches im Falle von rechtlichen Streitereien eine Schiedsanlaufstelle sein solle. Dem hat jüngst verständlicherweise der Richterbund widersprochen, lehnt dies ab, weil sowohl die Rechtsgrundlage fehle, es eine Kompetenzverschiebung nur darstelle, als auch insofern überflüssig sei, da die BRD ohnehin Rechtsstaatlichkeit garantiere. Juristerei kontra Politik, dazwischen ein verunsichertes Volk?

Wollen wir wirklich sehenden Auges das TTIP auf uns zukommen lassen?

Angesichts all der Ablenkung, die seit einiger Zeit hierzulande und europaweit geschieht, denken wir an die Flüchtlingsströme, an zunehmende Kriege, an gleichzeitig wachsende Armut, sozialem Abbau, gönnen sich die Großkonzerne eine neue Spielwiese, die da TTIP lautet, auf der man beherzt eigene Vorhaben profitorientiert umsetzen darf, die Menschen ausgetrickst werden, sich zu fügen haben, während ihre gewählten „Volksverräter“, die eigentlich Volkvertreter sein sollten, dieses Abkommen genehmigen werden mittels der Mehrheit einer Großen Koalition.

Frau Merkel hat bereits überdeutlich selbst eine hohe Zahl von Unterschriften gegen dieses TTIP höhnisch kommentiert, zeigt damit die Haltung dieser Regierung, die sich lieber den USA mit Haut und Haaren verschreibt, als warnende, kritische Stimmen anzuhören. Es liegt in sofern mal wieder an den Menschen selbst, sehenden Auges das TTIP auf sich zukommen zu lassen, noch in diesem Jahr, oder aber endlich wesentlich mehr Widerstand zu mobilisieren.

Lotar Martin Kamm

Veröffentlicht unter Proteste und Widerstände | Verschlagwortet mit , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Stiften gehen – zwischen Streichen und Stiftungen

flickr.com/ Maggi_94/ (CC BY-NC-ND 2.0)

flickr.com/ Maggi_94/ (CC BY-NC-ND 2.0)

Nicht hinter jedem Stifter steckt ein Wohltäter

Hand aufs Herz, nein, das war nur Quatsch, schließlich wissen Sie selbst am besten, ob Sie sich belügen, beschwindeln, das brauchen Sie doch wirklich nicht beschwören. Denn selbst wenn Sie sich bei den nachfolgenden Sätzen nicht wiedererkennen, so werden Sie dennoch nicht behaupten können, nie stiften gegangen zu sein.

Sei es als Kind, beim Klingelstreich, oft in Gemeinschaft mit anderen an den Türen geklingelt, um danach mit den Beinen unterm Arm wegzurennen. Als wir das Weite gesucht haben, wenn der Bauer uns beim Kirschen-, Apfel-, Beerenklauen erwischt hat. Wenn wir die Tafel im Klassenzimmer mit sogenannten Schmierereien verschönt haben und nicht dafür eingestanden sind, die „Übeltäter“ gewesen zu sein. Das alles ist Stiften gehen, sich aus der Verantwortung ziehen, abhauen.

Aber auch jemanden etwas schenken, bedeutet stiften, den Kuchen für die Kindergarten- Schulfeste, das Stiften von Kleidung an karitative Organisationen. Stifteressen werden veranstaltet, um das gesammelte Geld an hilfebedürfte Menschen oder Tiere weiterzuleiten, um Kunst zu bewahren.

Bei einem »Stiftermahl« für eine gemeinnützige Einrichtung kam die Frage auf, wie die Wendung stiften gehen im Sinne von ›abhauen, sich verdrücken‹ entstanden sein mag. In den Lexika, die mir vorliegen, auch bei Lutz Röhrich, findet sich der Ausdruck wohl erwähnt, aber ohne Erklärung. Könnte nicht das Wort Stift in der Bedeutung ›etwas Geringes, Kleinigkeit‹ – man vergleiche Stift als ›Lehrling‹ – der Ausgangspunkt sein? Wer sich schnell aus dem Staub macht, »sich dünne macht«, wirkt nur noch wie ein Strich in der Landschaft? Auszug aus GfdS (Gesellschaft für deutsche Sprache e.V.)

Irgendwie paßt das nicht zusammen, oder? Stiftengehen: weglaufen, stiften: schenken.

Angenommen wie im Text für Gesellschaft für deutsche Sprache zu lesen, der Stift, die Kleinigkeit, etwas weniges wird gestiftet, um sich dann schnellstmöglichst aus dem Staub zu machen, damit man nicht wirklich zur Tat der Veränderung schreiten muß. Ist das dann Stiften gehen? Man hat seine Pflicht und Schuldigkeit getan, sein Gewissen beruhigt, alles weitere wird sich schon geben. Samaritertum im Deckmantel des Desinteresses?

Der Brandstifter geht stiften, nachdem er Feuer gelegt hat. Da sitzen gut betuchte Damen und Herren, lassen sich beim Stiftermahl beköstigen mit Speis und Trank, hören über die Dringlichkeit der benötigten Spenden für ein Projekt, pflegen ihre persönlichen, wirtschaftlichen Kontakte, stiften eine Kleinigkeit, nicht zu viel, denn das Jahr ist noch lang, und ob alle Kontakte wirklich fruchten, ist ungewiß, sowieso muß man auch bei anderen Veranstaltungen präsent sein, und das Budget soll zehn Prozent des Jahresgewinns nicht überschreiten.

Sie befinden sich in einer äußerst schwierigen Lebenssituation, Krankheit, finanzielle Probleme, Trauer um einen geliebten Menschen, anfangs stehen Ihnen noch viele Freunde zur Seite, stiften Ihnen Trost, aber wenn die Heilung, Aufarbeitung über einen längeren Zeitraum dauert, gehen manche Freunde stiften.

Der Brandstifter muß nicht unbedingt Feuer mit echtem Brennmaterial legen, Brandstifter sind auch all jene, die mit Wörtern die Gemüter von Menschen aufheizen, sich aber aus der Verantwortung ziehen, wenn die Lunte anfängt zu brennen. Selbst wenn Sie unter Pseudonymen Standpunkte vertreten oder verlauten lassen, die nicht direkt nachvollziehbar sind, ist das Stiften gehen.

Informiert man sich über die Anzahl der Stiftungen in Deutschland, über ihr Kapitalvermögen und Gesamtausgaben, dann sei die Frage erlaubt: Stiften sie oder gehen sie stiften?

Nicht hinter jedem Stifter steckt ein Wohltäter, der sich nur profilieren will, viele sind überfordert von der Flut der zu erbringenden Hilfe, es liegt an uns, die ehrlichen und am Wohl der Mitmenschen Interessierten von denen zu unterscheiden, die nur im Licht der Aufmerksamkeit stehen wollen.

Doris Mock-Kamm

Veröffentlicht unter Kolumne | Verschlagwortet mit , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Saudi-Arabien: Todesstrafe des Dichters Ashraf Fayadh umgewandelt

flickr.com/ Fotogaleria oficial/ (CC BY-NC-SA 2.0)

flickr.com/ Fotogaleria oficial/ (CC BY-NC-SA 2.0)

Erfolgsmeldung oder politisches Kalkül?

Kein Märchen aus 1000 und einer Nacht, wenn das Königreich Saudi-Arabien die Todesstrafe des Dichters Ashraf Fayadh umwandelt, um ihm anstatt für weitere acht Jahre im Gefängnis zu lassen und obendrein die 800 verhängten Peitschenhiebe zu vollstrecken. Ein Sieg der Vernunft, des Humanismus, eine Erfolgsmeldung oder doch eher politisches Kalkül?

Immerhin erfolgte eine Welle der Empörung zum verhängten Todesurteil im Dezember des letzten Jahres, an die 70 Autoren und Menschenrechtsverbände protestierten dagegen. Diese weltweite Solidarität scheint nunmehr die Herrscher Saudi-Arabiens beflügelt zu haben, wenigstens dieses Todesurteil nicht vollstrecken zu lassen.

Abwendung vom Glauben – ein Verbrechen wegen Verhöhnung des Propheten

Die Saudis fördern insofern geradezu eine Islamophobie, geben dem IS-Terror recht, weil Abwendung vom Glauben der Gerichtsbarkeit schon ausreicht, um die Todesstrafe zu verhängen. Dabei wurde dem in Saudi-Arabien geborenen palästinensischem Dichter, der genau deshalb keinerlei Bürgerrechte erhalten hatte, staatenlos im Lande lebte, Islamkritik vorgeworfen, wobei der Nachweis nicht erbracht werden konnte. Nach erster Verhaftung im August 2013 folgte die zweite im Januar 2014, wonach er vier Monate später zu vier Jahren Gefängnis und 800 Peitschenhieben verurteilt wurde. Fayadh reichte Revision ein, die dann im November zu diesem Todesurteil führte.

Eine angeblich, nicht mal nachgewiesene Verhöhnung des Propheten Mohammed kann im Königreich Saudi-Arabien zur Todesstrafe führen, gilt als abschreckende Maßnahme. Die Herrscher erreichen viel eher das Gegenteil, widersprechen gar dem Koran selbst, in dem ebenso das kosmische Gesetz „Du sollst nicht töten“ enthalten ist.

Auslegung des Islam – Weltpolitik im Diskurs zum Humanismus

Der Prozeß der unterschiedlichen Auslegungen im Christentum hat bereits einen viel längeren Werdegang als dies dem Islam bisher vergönnt wurde, allein schon deshalb, weil das Christentum viel mehr Zeit hatte. Nicht mal fünfzehnhundert Jahre später seit der Gründung des Islam durch den Propheten Mohammed gibt es Einigkeit in der zweitgrößten Weltreligion, verdeutlichen die unterschiedlichen Strömungen dessen Auslegung, im Interview macht dies auch Yavuz Özuguz deutlich, um zugleich die Verfehlungen des US-Westens berechtigt anzumahnen.

Vergessen wir nicht, welche Rolle gerade Europa und die USA spielen mit Blick gen Nahen und Mittleren Osten, was keineswegs zufällig geschieht. Umso befremdlicher die Rüstungsgeschäfte mit Saudi-Arabien, der kritische Zeitzeuge sich schon fragt, wie man dies mit den Ansprüchen zum Humanismus rechtfertigen kann. Waffen sorgen letztlich nicht für Frieden, sie werden irgendwann doch eingesetzt. Die Aufhebung der Iran-Sanktionen darf man in diesem Zusammenhang folglich skeptisch beäugen.

Was hat dies alles mit dem Dichter Ashraf Fayadh zu tun, den nunmehr die ursprüngliche doppelte Haftstrafe erwartet und gar 800 Peitschenhiebe, die im tragischsten Fall auch zum Tode führen können? Es zeigt auf, in welch barbarischer Welt wir leben, bedenken wir, die USA verhängen ebenso Todesstrafen.

Lotar Martin Kamm

Veröffentlicht unter Politik | Verschlagwortet mit , , , , | Hinterlasse einen Kommentar