Lasst doch endlich mal die Katze aus dem Sack

https://pixabay.com/de/figur-mann-fernglas-zaun-gag-2687801/

pixabay.com

Der Gag der Woche – oder wieso man vieles ernst nehmen sollte

Habet den Mut und handelt entsprechend. Na, wovon mag wohl die Rede sein? Stellvertretend für all jene Mißstände, die nicht nur viel Leid hervorrufen, sondern obendrein letztlich völlig unnötig wären, könnte man es auch anders formulieren. Wer haut mal auf den Tisch, greift beherzt durch? Ganz einfach, niemand. Schweigen im Karton, ein wenig Widerstand, Proteste, letztlich ändert sich nichts.

Na, klingelt’s? Es geht um die Bagatellisierung eines sich etablierenden Rechtsradikalismus und Nationalismus, deutschland-, europa- und gar weltweit. Ob in Ungarn, Italien oder in den USA, wo dieser Donald Trump twitternd tobt, hierzulande die Justiz offensichtlich besonders im Osten Deutschlands einfach wegschaut oder verharmlost, aber Hauptsache Dschungelcamp, Klatsch und Tratsch bis hin zu christdemokratischem Techtelmechtel eines Merz-Komplexes, will er, darf er oder kann er nicht ein Pöstchen erhalten. Vollkommen Wurscht, neoliberale Politik bleibt am Ball.

Es gibt beherzte Widerstände neben einer Antifa, einer linken Partei, in den Reihen gar der Grünen, vor allem bei etlichen ohne Parteizugehörigkeit, bei Kunstschaffenden, ganz normalen Bürgern, sie beanspruchen zu Recht für sich, mehr zu sein als jener grölende Mob, der behauptet, er sei das Volk. Pustekuchen, genauso eine glatte Lüge wie deren eigene inszenierten Fakenews, um im nächsten Moment mit der „Lügenpresse“ um die Ecke zu kommen oder „Gutmenschen“ zu diffamieren. Billigste, polemische Propaganda ohne Hand und Fuß, außer daß es immer noch Willige gibt, die ihnen auf den Leim gehen.

Während ein, einem beleidigten Teenager gleichend, sogenannter US-Präsident feixend seine Mauer durchsetzen will, mit Notstandsgesetzen droht, den längsten Shutdown ohnehin zu verantworten hat, zieht jene trotzige Haltung immer mehr Leid in diesen unnötigen Bann. Alles nur deshalb möglich, weil die Menschen solche „Herrschende“ walten lassen, absehbare Entwicklungen, die der Mehrheit viel eher Schaden zufügen.

Manipulation wohin das Auge reicht, der Ost-West-Konflikt, der Kalte Krieg längst fortgesetzt wird, neue Mächte sich hinzugesellen, denkt man an China, sie alle wollen vom großen Kuchen ein Stück, nehmen es sich einfach. Mit stoischer Selbstverständlichkeit Hetze, Parolenbrüllerei begleitend propagandistische Maßnahmen unterstützt, vergiftete Stimmungen Gewalteskalationen in der Gesellschaft hervorrufen, die Kommunikation im Alltag darunter zu leiden hat.

Verpassen wir es, die Katze aus dem Sack zu lassen, setzt jene bösartige Brut unverblümt kaltschnäuzig ihr Werk fort. In diesem Sinne wachsam bleiben, sie rechtzeitig stoppen.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Quergedachtes

Veröffentlicht unter Quergedachtes | Verschlagwortet mit , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Nichts denken

https://pixabay.com/de/gruselig-hintergrund-b-w-horror-3659001/

pixabay.com

Da wälzen sich,
die stets zu kurz
Gekommenen
im Sumpf
der vulgären Sprache,
mit dieser ordinären
Schnodderigkeit
wollen sie glänzen
im Rampenlicht
der Herrschaftlichkeit.

Verinnerlicht ist ihnen
das alleinige Besitzrecht
zur Erniedrigung
all jener,
die sich in dieser
Sprachgülle
nicht wohlfühlen,
ihre Übelkeit
spucken sie
mit Neid,
Haß und Groll
auf die Straßen
der Willigen.

Nit bedeutet
Neid, Haß, Groll,
das Futter,
das sie den Gierigen
und Geifernden
schenken,
mit nichts bekommen
sie den Rachen voll,
denn über Null, nada,
niente, nix braucht man
nicht nachdenken.

Nafia

Kategorie: Gedichte

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , , , , | 1 Kommentar

Die Neue Rechte zerlegt sich

https://pixabay.com/de/stop-genug-es-reicht-politik-1001138/

pixabay.com

Poggenburgs „Aufbruch deutscher Patrioten“ ein kläglicher Versuch

Wie doch parteipolitische Widersprüche sich ähneln in ihrer Wirkung. Was hat die Neue Rechte frohlockt angesichts der Zersplitterung bei den Linken, denken wir an Sahra Wagenknechts Alleingänge hinsichtlich der Migration oder zuletzt ihr Anlegen einer gelben Weste kurz vor Weihnachten.

Doch Rechtspopulisten sollten unbedingt die Füße stillhalten, bei ihnen schaut es keineswegs besser aus, ganz im Gegenteil zerlegen sich Rechtsextreme zunehmend. Eine Frauke Petry kehrte Ende September 2017 der AfD den Rücken, um kurz zuvor Die blaue Partei zu initiieren. Nunmehr trat André Poggenburg ebenso aus der AfD aus, um jetzt die Partei Aufbruch der Patrioten zu gründen.

Blaue Kornblume unverblümtes Symbol der AdP

Um noch eins draufzusetzen, benutzt Poggenburg das einstige Symbol der österreichischen Nationalsozialisten, die blaue Kornblume. Blau, blauer, am blausten, ob jene AfD, Petrys Partei oder nunmehr per blauer Kornblume die AdP, Hauptsache der überzeugt willige Fan rechtsradikalen Gedankenguts findet sich wieder in trauter Eintracht, eine sichere Heimat, notfalls als Patriot getarnt, es möge der Sache dienen.

Zu dumm, daß auch hierzulande genügend Widerstand sich formiert, der über den Slogan „Nazis raus“ hinausgeht. Das hätten jene rechtspopulistischen Schergen gerne anders, wie man schon unschwer bei Streifen sogenannter Bürgerwehren erleben durfte, Wichtigtuer ohne gesetzliche Handhabe. Wenn schon die 80 Tage jüngere Frauke Petry es nicht rocken kann, dann wenigstens ein Herr André Poggenburg, meint er.

Einigkeit in der Sache trotz Parteizersplitterung?

Davon sollte man unbedingt ausgehen und sich nicht blenden lassen, selbst wenn viele AfD-Mitglieder kategorisch ausschließen, z.B. nicht mit der NPD zusammenzuarbeiten. In Wirklichkeit hält die Neue Rechte sehr wohl zusammen, nutzt jede Gelegenheit, ihren Haß und Rassismus nach außen zu tragen. Keineswegs zufällig hatte neulich Herbert Grönemeyer darauf bestanden, daß wir uns die Freiheit nicht nehmen lassen dürfen. Weil genau darauf zielt jene Neue Rechte, das Ganze könnte dann schnell wieder in einen altbekannten Faschismus münden!

Selbstverständlich muß ein Verfassungsschutz diese rechtsradikalen Strömungen und Parteien beobachten, schlimm genug die fragwürdigen Machenschaften beim NSU, das Stillhalten deutscher Politik zu jener Thematik, eine Justiz, die auf dem rechten Auge blind ist. Grund genug, äußerst wachsam hinzuschauen, zu beobachten.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Politik

Veröffentlicht unter Politik | Verschlagwortet mit , , , | 1 Kommentar

Schwere Leere

https://pixabay.com/de/verwischen-verschwommen-buch-1283865/

pixabay.com

Ein Buch im Schrank,
vor langer Zeit hineingestellt,
die Seiten von Anfang bis Ende,
kariert, ohne Zeilen,
voll mit Widersprüchen,
gefüllt mit Räumen zum Verweilen.

Schwer liegt es in der Hand,
früher und später ziehen sich an,
wie Magnete blättern auf die Seiten.
Ungeschriebene Worte wiegen,
Leere pausiert vom Gedankentoben,
verhindert Gekritzel am Fliegen.

Nafia

Kategorie: Gedichte

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Rückbesinnung in der Flut der Meldungen

https://pixabay.com/de/system-netz-nachrichten-netzwerk-3653380/

pixabay.com

Politik findet besonders im Alltag statt

Wenn wir uns nicht nur seit den Hartz-IV-Gesetzen vergegenwärtigen, wie perspektivlos Kinder und Jugendliche vor allem in die Zukunft blicken dürfen, stellt sich bei halbwegs wachen und interessierten Geistern die berechtigte Frage, woran dies noch liegen möge.

Sind es lediglich die vielen weltweiten Horrormeldungen, die medienwirksam um den Globus in Windeseile, besser geschrieben in Internetgeschwindigkeit, uns alle erreichen und dabei nach schlaflosen Nächten selbst den Alltag heimsuchen? Oder steckt in dieser Nachrichtenflut doch ein „Orwell’sches Prinzip“, welches einer Anspielung auf die „Haßwochen“ gleichkommt?

Wenn die Welt den Atem anhält

Nein, dies allein wäre wohl doch zu weit hergeholt. Dennoch läßt sich eines gewiß nicht verleugnen: Die Welt hält den Atem an und das schon ziemlich lange in dieser schnellebigen Zeit. Das zeigte sich nicht nur an den nordafrikanischen Unruhen, wobei quer durch alle Schichten Menschen sich zusammentaten, um auf der Straße sich „Luft zu machen“ angesichts jahrzehntelanger Unterdrückung. Die politischen Systeme mögen unterschiedlich sein, das Prinzip ist überall dasselbe: Es herrscht eine große Kluft zwischen arm und reich.

Wer meint, er müsse jetzt unser Land als Paradebeispiel für gute Politik beschönigen, der schaut entweder gnadenlos mit Scheuklappen weg oder aber ist einfach nur noch blauäugig. Auch in Europa weht ein eisiger Wind des Sozialabbaus, die Politik ordnet sich unter, ist der Hochfinanz, dem Kapital dienlich, wann immer diese Wirtschaftsdomäne es bestimmt. Das hat keineswegs mit kommunistischen Gedanken etwas zu tun, dies sollte sich längst herumgesprochen haben, wie einfältig diese „platte Debatte“ eines Schwarz-Weiß-Denkens daherkommt, zumal sie nicht mehr zeitgemäß ist.

Viel eher sollten einer weltweiten Bewußtseinsänderung, die längst begonnen hat, endlich Taten folgen, bevor noch mehr Völker unsanft aufstehen und ihre Rechte einfordern. Diese Entwicklung läßt sich eben nicht mehr aufhalten, auch wenn beispielsweise die chinesischen Machthaber meinen, sie könnten ihre Politik der Menschenrechtsverletzungen fortsetzen.

Außerparlamentarische Initiativen fördern

Mit all diesem Wissen brauchen wir uns somit nicht zu wundern, wenn junge Menschen verzweifeln, bevor sie überhaupt begonnen haben, ihr Leben zu gestalten. Es liegt an uns, Perspektiven aufzuzeigen, vor allem in kleinen Schritten, in unserer unmittelbaren Umgebung. Dabei dürfen wir nicht den globalen Blick verkennen, aber dennoch haben wir uns mehr einzumischen in die Politik.

Es ist eben nicht damit getan, alle Jahre zu wählen, zumal oftmals die Kreuzchen an den verkehrten Stellen stehen, angesichts einer Parteipolitik, die ohnehin in Frage zu stellen ist aufgrund der Machtstrukturen. Es müssen wesentlich mehr Möglichkeiten der außerparlamentarischen Einflußnahme geschaffen werden, vor Ort, was nicht nur mit Volksbegehren einhergehen darf, sondern mit unbürokratisch wirksamen Initiativen. Mit anderen Worten, es fehlt der Mut, die zündenden Ideen, eben weil zu viele Hürden uns im Weg stehen.

In einer Gesellschaft, in der nur noch der Konsum zählt, der äußerliche, sichtbare Reichtum, der innere nicht zur Debatte steht vor lauter „Glanz“, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn Stillstand, Bewegungslosigkeit herrscht, weil in Wirklichkeit nur diejenigen dahi kommen, die entweder über genug Skrupellosigkeit verfügen oder aber hineingeboren wurden in entsprechenden Familien. Mit ehrlichem Fleiß und Schaffen hat das nicht das geringste zu tun. In sofern gehen die anderen leer aus, um sich obendrein noch an Bildschirmen „vorführen“ zu lassen – welch Zynismus sich dabei offenbart, wer es denn erkannt hat!

Bauernfänger und Verschwörungstheoretiker unterwegs

Diese Bestandsaufnahme kann nur ein kleines Fenster sein im großen und ganzen Kontext einer Welt, die nicht nur langsam aber sicher zerstört wird. Sie hat auch die Chance, all jene wachzurütteln, aufzufordern, mal genauer hinzuschauen. Dazu bedarf es nicht unbedingt irgendwelcher „Weltverbesserer“, die meist auch nur nach Bauernfänger-Manier handeln, sondern des gesunden Menschenverstandes.

Schauen Sie sich um, vergleichen Sie die Mediennachrichten mit der unmittelbaren Wirklichkeit, soweit Sie es vermögen. Was sind die Hauptthemen? Neben den alltäglichen Katastrophen- und Horrormeldungen kaum noch Perspektiven. Natürlich wäre es verkehrt, wegzuschauen, nur noch „gute Nachrichten“ zu verbreiten. Müssen Sie sich dieser Nachrichtenflut überhaupt ständig aussetzen? Und vor allem, was bewirken sie real?

Ein ungutes Gefühl, wobei nicht einmal gewährleistet ist, was echt, was falsch, was manipuliert wurde. Dabei haben insbesondere Verschwörungstheoretiker im Internet Hochkonjunktur, wen wundert’s dann noch, daß erneut eine Neue Rechte Fuß faßt?!

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gesellschaft

Veröffentlicht unter Gesellschaft | Verschlagwortet mit , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Dekadenz behauptet sich

https://pixabay.com/de/innerhalb-zimmer-m%C3%B6bel-tisch-3141442/

pixabay.com

Kaschieren ohne Unterlaß,
Hauptsache keiner merkt was.
Fakenews im Taumel der Realität,
noch ist’s nicht zu spät.
Durchschaut dieses fiese Spiel,
bevor sie erreichen ihr Ziel.

Was kostet uns dieser Spaß?
Außer viel Geld entsprechend Haß.
Man spricht dabei von Pietät,
wer wohl an wen aneinandergerät?
Welch fragwürdiger Stil,
so gänzlich ohne Gefühl.

Was manch einer einst besaß,
morgen wächst darauf Gras.
Nützt nichts, wenn man fleht,
kein Hahn mehr danach kräht.
Reichtum bleibt stets stabil,
macht den geeigneten Deal.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gedichte

Veröffentlicht unter Gedichte | Verschlagwortet mit , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Bettina von Arnim prangerte sozialen Abbau an

„Unnütz sind eure Zucht-, Schweig- und Isolierhäuser“

Als Mitte des 18. Jahrhunderts das Zeitalter der Aufklärung seinen Höhepunkt hatte, erlebte Europa einige Jahrzehnte später die Französische Revolution, während in Deutschland erst im Jahre 1848 die Märzrevolution wütete. Heutzutage sind wir auch nicht weit entfernt von Revolten, und immer öfter mögen wir staunend feststellen, daß die Aufklärung in Frage gestellt wird angesichts sozialen Abbaus. Daher sollten wir uns ganz besonders jener Menschen widmen, die den staatlichen Sozialgedanken nicht nur entwickelten, sondern ihn bekannt machten.

So mancher mächtige Mann mag aufgeatmet haben, als Bettina von Arnim im Jahre 1859 im Alter von vierundsiebzig Jahren verstarb. Schon in früher Kindheit durchschaute sie den „beengenden Unsinn“ des Lebens und bezeichnete unverblümt die Vorurteile der Eliten als „das bösartigste Gift der Lüge“. Trotz vieler privater Initiativen, in denen sie gegen Konvention, Egoismus und Philister kämpfte, redegewandt und schriftlich, wagte sie es aber auch, sich in Briefen an König Friedrich Wilhelm IV. zu wenden. Zu Beginn erweckten seine romantischen Neigungen noch große Hoffnung in ihr. Doch ihrer Größe nicht gewachsen, reagierte er meist gekränkt, wenn sie seine Minister oder ihn selbst heftig angriff, denn er erahnte in ihr eine „polische Macht“, wie dies wohl zu Recht auch sich so verhielt.

Sie widmete ihm zwei Bücher, die sie in den letzten beiden Jahrzehnten ihres Lebens geschrieben hatte. „Mir schwebte eine Fabel vor, wie sich der Volksgeist deutlich bezeichnen lasse gegenüber einer Scheinmacht der Staatskunst, die zwar die Zügel lenkt, aber einen hölzernen Gaul reitet, der nicht vorwärts geht, während die Volksbegeisterung ein Flügelpferd ist, das mit seinem Feuerhuf die Wolken zerstampft, um sich Licht zu verschaffen… Dem Volk Genius sein, es umfassend stärken und erleuchten zur kühnen Tat, das ist des Königs Beruf“- dies schrieb sie in einem Widmungsbrief an den König. Dabei forderte sie sowohl in erdachten Gesprächen als auch in Erzählungen von ihm: „Es steht in den Sternen geschrieben: das Philistertum der Weltklugheit ist die Mördergrube des Herrschergeistes!“ Jedoch weder der König selbst noch die herrschenden Schichten hatten kaum die „Königsbücher“ gelesen oder gar verstanden, es mag auch an ihrem prophetisch visionären Stil gelegen haben. Bettina wußte, daß ihre kühnen Gedanken Zukunftsmusik war. „Die Zukunft wird einstimmen in den Grundton meines Geistes und der wird ihre Modulationen leiten und stützen, des sei gewiß.“

Werfen wir aber zunächst erst mal einen Blick auf ihre Vita

Catharina Elisabetha (Bettina) Ludovica Magdalena Bretano erblickte das Licht der Welt am 4. April 1785 in Frankfurt am Main. Sie entstammte einer etablierten italienischen Familie. Nach dem Tode der Mutter wurde sie seit 1794 im Pensionat des Ursulinenklosters in Fritzlar, ab 1797 von ihrer Großmutter, Sophie von La Roche, der Verfasserin des ersten deutschen Frauenromans „Die Geschichte des Fräulein von Sternheim“(1771), in Offenbach erzogen.

Sie lebte seit 1802 meist in Frankfurt und erhielt Privatunterricht in Zeichnen und Kompositionslehre. Es war wohl der Einfluß der Großmutter, der Bettina verleiten ließ, bei der selbst angestrebten romantischen Revolutionierung des Alltaglebens nicht in reiner Privatsphäre zu verharren, pflegte man doch in Sophies Salon in Frankfurt republikanisch engagierte Geselligkeit. Sowohl Künstler als auch Jakobiner, die dort verkehrten, prägten somit das Denken von Bettina in aufklärerischer, rationalistischer Weise. Sie unterhielt mit ihrem Bruder Clemens Brentano eine intensive Beziehung und war seit 1799 mit Karoline von Gründerode befreundet. Seit 1806 hatte sie eine enge Beziehung zu Goethes Mutter und letztlich auch zu Goethe selbst während der Besuche in Weimar 1807, 1810 und 1811. Diese waren die Grundlage zur Veröffentlichung (1835) des stark überarbeiteten Briefwechsels.

1802 lernte sie den Dichter Achim von Arnim kennen, während dieser ihren Bruder besucht hatte. 1811 heirateten beide. Die Zeit der Ehe als siebenfache Mutter verbrachte sie bis 1817 auf dem Gut von Arnim in Wiepersdorf. Danach lebte sie meist getrennt von ihrem Mann in Berlin bis zu seinem Tod 1831. Danach begann sie erst aufzublühen und empfing in ihrem Salon, Unter den Linden 21, die intellektuellen Größer jener Zeit, machte ihr Haus zum Treffpunkt unabhängiger Geister.

1843 veröffentlichte sie das Buch „Dies Buch gehört dem König“. Taktisch klug war ihre Widmung im beiliegenden Brief, weil sie ansonsten der Zensur zum Opfer gefallen wäre. Trotzdem wurde sie völlig zu Unrecht als Kommunistin verschrien, weil die Dichterin wenig Einsicht in wirtschaftliche, kapitalistische Verhältnisse hatte. Sie war viel eher dem utopisch-rationalistischen Sozialismus (Saint-Simonisten) zuzuordnen, der das Elend auf die Gleichgültigkeit und Unwissenheit des Menschen zurückführte. Ihr Bruder nahm zunehmend eine religiös-konservative Haltung an, während Bettina den Anschluß an die demokratische Bewegung Vormärz fand. 1842 traf sie vermutlich Karl Marx, auch weil sie sich den Ideen der Frühsozialisten verbunden fühlte, um dennoch den „Volkskönig“ in ihren Überlegungen einzubeziehen.

1844 begann sie Stoff für ein Armenbuch zu sammeln, verzichtete aber auf die Veröffentlichung während das preußische Militär den Hungeraufstand der schlesischen Weber niederschlug. Der Hauptgrund war wohl, weil sie in Verdacht der Verschwörung der Aufständischen stand. Im Jahre 1847 verurteilte man sie im Magistratsprozeß zu zwei Monaten Gefängnis, die höchste Strafe für Adelige, aber durch Intervention eines verwandten Ministers erhielt sie Straferlaß. Sie veröffentlichte die Flugschrift „An die aufgelöste Preußische Nationalversammlung“ (1849) und trug mit dazu bei, daß der Revolutionär Gottfried Kinkel freigelassen wurde. 1852 schlug sie dem König diesmal vor, die freiheitlich-demokratischen Tendenzen zu fördern und selbst ein Volkskönig zu werden. 1854 befiel sie ein Schlaganfall, der sie einseitig lähmte, und sie verlor dabei ihr Hör- und Sehvermögen. Am 20. Januar 1959 schloß sie für immer die Augen im Kreise ihrer Familie und wurde an der Kirche von Wiepersdorf neben ihrem Mann beigesetzt.

Vogtländer, bejammre nicht dein eignes Geschick

Betrachten wir einmal näher, welche Ansichten sie nicht nur vertrat, sondern nach außen auch vehement verkündete, einforderte. Es war ebenso die Altersweisheit und der Mutterwitz der Frau Rat Goethe, mit der sie sich seelenverwandt fühlte, und sie veranlaßte, wenn meist auch in poetischer Wirrnis, aber mit genialer Ausdrucksweise, höchste Erkenntnisse über das Wesen des Menschen, der Moral, der Religion vor allem beherzt dem König darzulegen. Ganz besonders setzte sie sich für die Verbrecher, die Verlierer der Gesellschaft ein.

„Unnütz sind eure Zucht-, Schweig- und Isolierhäuser… Diesen vom Schicksal Zerschmetterten, der meist von jener Kehrseite des irdischen Glückes herkommt, der wir den Rücken kehren, den nennen wir nicht krank, sondern Verbrecher, weil er in seiner unberatnen Leidenschaftlichkeit unseren Egoismus verletzt; in jenen bittern Heilanstalten der Moral empfängt ihn die Verzweiflung statt der Krankenpflege… Wären wir geistig ganz gesund, so ist unmöglich, daß wir nicht auch den Verbrecher heilten… Wären die Großen nicht mit dem Wahn behaftet, das Richteramt sei ihnen von Gott vertraut, so würden sie ihre Sinne anstrengen, einen Weg der Gesundung für die Verbrecher zu finden.“

Dies waren bereits Therapievorschläge, die erst viel später beachtet und eingesetzt wurden. So schlug sie auch in diesem Sinne vor: „Musik, allgemeine Weltsprache! Warum fragt ihr nicht in dieser sein Herz, seinen Geist? Er würde tiefer antworten, für euch belehrender! Musik! Trieb, den versunkenen Lebensgeist aus dem Wahnsinn zu wecken! Bedenkt, Menschen! Es ist ja nur ein Verneinen, das Böse! – fragt ihn doch so, daß er müsse mit ja antworten, so habt ihr ihn gerettet.“

Im berühmt gewordenen Brief an den Berliner Magistrat, bei dem sie gerade noch wegen Beleidigung einer Gefängnisstrafe entging, bekannte sie: ,,…Ebenso stelle ich noch höher (als das Berliner Bürgerrecht) die Klasse des Proletariats, ohne dessen ihm angeborenen Charakterkräfte, des Ausharrens im Elend, im Entsagen… wenig Ersprießliches zum Wohl des Ganzen würde befördert werden… Die Gründe also, warum ich den Proletarier am höchsten stelle, ist, weil er der Gemeinheit enthoben ist, als Wucherer dem Weltverhältnis etwas abzugewinnen… Offenbar ist daher das Verhältnis des letzteren zur Nation das edlere, durch seine Hilflosigkeit das Ehrfurchterweckendste.“

Lange vor Gerhart Hauptmann klagte sie die Öffentlichkeit an, was das Elend der schlesischen Weber anbelangte, schreckte nicht zurück, zusammen mit einem jungen Schweizer die berüchtigte Armenkolonie vor den Toren Berlins zu begutachten. Im dortigen „Vogtland“ waren in nur 400 Zimmern 2.500 hungernde Menschen zusammengepfercht, mußten sich gegenseitig ihre Kleider entlehnen, damit einer von ihnen auf die Straße gehen konnte. Im Anhang ihres Königsbuches setzte sie die Worte voran: Vogtländer, bejammre nicht dein eignes Geschick. Beklage nur die, die kein Mitleid fühlen mit dir. So war es auch ein entfernter Verwandter ihres verstorbenen Mannes, der damalige Innenminister von Arnim, der sie am Aufstand von 1848 mitbeschuldigte.

Ihr war es auch zu verdanken, daß den Brüdern Grimm nach jahrelangen Verhandlungen eine ehrenvolle Lehrtätigkeit an der Berliner Universität angeboten wurde. So kommentierte sie den Empfang: „Den irdisch Verkümmerten, denen wollen wir helfen, aber jene, die geistig sich der Wahrheit opfern wie die Grimm, denen wollen wir die Knie umfassen, daß ihr Segen über uns komme.“

Es gab aber neben vielen anderen sozialpolitischen Belangen auch bei Bettina noch das wichtige Kapitel in ihrem Leben, was das Verhältnis zu den unterdrückten Juden anbelangte, deren Elend sie hautnah im Frankfurter Judenviertel verfolgen konnte. „Da wird das Herz mir ganz schwer, ich muß mich verachten, daß mir nichts fehlt am Lebensgenuß, da fühl ich mich beschämt durch die Judenkinder… dann kränkt mich aller Lebensglanz wie Spott… dann schwör ich der vornehmen Welt ab, die so viel Not hat, ihre Ahnen zu zählen, bloß um das Volk verachten zu können. Der Jude kennt die Christen und fühlt, was sie ihm antun, sie aber kennen nicht den Juden und nicht sich selber, und ihrer Religion Versöhnungsmilde ist ihnen verlorengegangen… Die gesamte Christenheit drängt die Juden in die Hölle… dieser Hohn gegen den älteren Menschenstamm, der ist der Aussatz der Christen… Alle Heiligung der Kirche ist Lüge, solange sie Verfolgung übt.“

Das Leben der Bettina von Arnim ist viel zu vielfältig verlaufen, als es in einem einzigen Artikel umfassend zu entblättern wäre, und dennoch sei angemerkt, daß im Jahre 1985 im Umfeld der Bettina-von-Arnim-Oberschule die Bettina-von-Arnim-Gesellschaft als literarische Namensgesellschaft und Schulverein gegründet wurde.

Eines dürfen wir nicht vergessen, es waren in erster Linie mutige Menschen wie Bettina von Arnim, wie auch schon vor ihr Sophie Charlotte, die entscheidend mit dazu beigetragen haben, daß der soziale Gedanken mit der Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV) am 23. Mai 1863 in Leipzig, dem offiziellen Datum der daraus entstandenen SPD, endete. Daß diese erste Arbeiterpartei hierzulande den Sozialstaat wieder zugunsten der Herrschenden abbaut, kann beschämender kaum sein, wenn man an die Herzlichkeit und das Engagement der Bettina von Arnim denkt.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Soziales

Veröffentlicht unter Soziales | Verschlagwortet mit , , , , | Hinterlasse einen Kommentar