Kladden

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Die Treppe ist auch nicht mehr das, was sie einmal war. Noch während sie in Gedanken den Satz formulierte, hielt sie die linke Hand vor ihren Mund. Wie jemand, dem gerade ungewollt ein Geheimnis über die Lippen kam, das er mit der Hand zurückhalten wollte, obwohl es längst ausgesprochen. Oder ein Versuch, den grinsenden Mund zu verstecken, weil eine Situation urkomisch sich anfühlte, man seine Regung nicht zeigen will, sie unangebracht erscheint. Oder, weil man seine Zähne nicht im Mund hat, antwortete sie sich. Die Zähne sind drin, das Grinsen ist da, und meine Gedanken sind immer noch genauso schlagfertig, wie mein Handeln schnell ist.

Schmunzeln zu können, obwohl man schnauft wie ein Pferd, das gerade mit der Gerte angetrieben wird, um als erster durchs Ziel zu laufen. Für einen Pokal. Für einen Preis. Fürs Ansehen. Zum Betrachten und geachtet werden. Sie beäugte die Treppe, ihre Stufen, ihren Handlauf, die Absätze oben und unten. Noch zwei Stockwerke und die Anstrengung liegt hinter ihr. Ihr Herz raste. Ihr Preis für diese Anstrengung war das Ankommen zuhause.

„Ich nehm’s zurück“, sagte sie und ihre Stimme kam ihr lauter vor, als sie sie ansonsten wahrnahm.

Sie setzte sich auf den Stuhl, der im Wohnzimmer nahe der Balkontüre stand. Neben ihm lagen mehrere Stapel Bücher. Es war der einzige Platz in der Wohnung, in dem Bücher zu sehen waren. Nein, nicht ganz, manchmal noch stapelten sich Bücher neben dem Kopfende ihres Bettes. Selten zwar, denn sie bemühte sich, nur eins, höchstens zwei Bücher dort abzulegen. Vor dem Einschlafen in mehreren Bücher zu lesen, hatte schon lange nicht mehr den Effekt, vom Schlaf übermannt zu werden. Das Alter verlangt nach einer gewissen Beständigkeit. Zu dieser Einsicht gelangte sie, nachdem sie sich vor die Wahl gestellt fühlte, entweder den Tagesablauf zu verändern, nur noch nach Lust und Laune, oder nach einem einigermaßen festgelegten Schema ihr Leben einzurichten.

Die gewisse Beständigkeit obsiegte gegenüber eines flatterhaften Umhertreibens. Schließlich hatte sie Termine. Zwar keine festgelegten, zeitlich eingeschränkte, aber wie sollte sie ansonsten ihre Kurzreisen bewältigen, ihre Einkäufe, ihr Schlendern durch Parks. Und sie war sich sicher, jeder Park zeigte ihr sein schönstes Gesicht, wenn sie nicht wahllos, ohne ihm die Möglichkeit zu geben, für sie sein Herz zu öffnen, die angelegten Wege beging. Sie sind so unterschiedlich in ihrer Art, mir ihre ganze Pracht zu zeigen. Der Luisenpark im Nachmittagsfrühling, der Klostergarten morgens im Sommer, Savigny-Park abends im Herbst, göttlich, unaussprechlich.

Die Wohnung war spärlich eingerichtet. Nicht ärmlich. Auf das Notwendigste beschränkt, ohne viel Firlefanz. Ein wenig Nippes. An den Wänden standen verglaste Vitrinen, gefüllt mit Kladden. Unterschiedliche Vitrinen, aus Holz, aus Kunststoff, aus Metall, aus Bambus, antik, modern, zu einer Stilrichtung zählend oder eher dafür geeignet, in einem Werkstattraum zu stehen. Wo ein wenig Platz übrigblieb, hingen Bilder, Gemälde, Ansichtskarten, sie folgten dem Anschein nach keinem Geschmack, der als Stil bezeichnet werden könnte.

„Kladden, natürlich führen Sie Kladden! Junge Frau, das Gestell hinter Ihnen ist voll davon.“

„Hier heißen sie Notizbücher oder Skizzenbücher“, entgegnete die Verkäuferin in einem spitzen, herablassenden Ton.

„Kladde steht für Schmutz, Schmiererei. Sie dienten als vorläufige Geschäftsbücher. Es war eine mühsame Arbeit, sie ordentlich zu führen, dazu gehörte Konzentration und ein gutes Schriftbild. Wissen Sie was? Behalten Sie Ihre Schmierbücher, so einen Dreck will ich nicht kaufen“, sprach’s und verließ den Laden in der Gewissheit, ihn nie wieder zu betreten, nie wieder Kladden zu kaufen, sondern sie selbst anzufertigen.

So jedenfalls ist die Szene in ihrem Gedächtnis präsent. Vielleicht ist dies auch der Grund, warum viele der Kladden unförmig wirken, schief, gequetscht, zerfranst, keine einheitliche Größe und Dicke zu erkennen sind. Angefangen, Kladden zu bekleben, später gelernt, sie zu binden, hat sie am 26. Juli, das Jahresdatum weiß sie nicht mehr. Sie hatte aufgeräumt, ihre Tagebücher der Kindheit gefunden, alte Bücher von damals, und sie konnte sich nicht so recht davon trennen. Also riß und schnitt sie einzelne Seiten aus den Tagebüchern, aus den Büchern meistens die dritte Seite, auf der der Titel und Autor zu lesen sind, klebte die Seiten in ein Notizbuch.

Das war der Beginn ihrer Kladdensammlung. Ab diesem Tag schnitt sie aus jedem Buch, das sie gelesen hat, eine Seite, anfangs nach strikten Auswahlkriterien. Etliche Kladden waren beklebt mit aufsteigenden Seitenzahlen, weil sie aus den Büchern die Seiten herausschnitt, die nötig waren, um in der Kladde von eins zu fünfhundertsechs oder achthundertdreiundneunzig zu blättern. In einigen Kladden gab es nur DIN A5-Seiten, in anderen stets dieselbe Seitenzahl, manche Kladden bestanden nur aus zusammengefalteten Seiten, bei den meisten konnte man keine Systematik erkennen.

Sie hatte mehrere Bibliothekkarten, nicht nur aus den umliegenden Städten, landesweit. So reich, alle Bücher zu kaufen, die sie gerne lesen wollte, war sie nicht, obwohl sie als Sekretärin gearbeitet hatte. Anfangs kostete sie es Überwindung, aus diesen geliehenen Büchern Seiten herauszuschneiden, aber entdeckte sie nicht selbst immer wieder Seiten in diesen Büchern, die verschmiert oder bekritzelt waren? Was macht es schon, wenn eine Seite fehlt. Schließlich kann kein Mensch alle seine Tage lückenlos wiedergeben. Wird nicht ständig Leben beschönigt, ausradiert, hinzugedichtet, herausgestrichen, verändert, um bestaunt zu werden wie Pokale? Selbst die Geschichtsbücher sind oftmals dem wahren Zeitgeschehen entfremdet, sind nur Kladden. Zeitkladden. Wenn sie die Kladden durchsah, und das tat sie genauso oft wie neue Bücher lesen, erinnerte sie sich an Tage, Stunden, die in ihrem Leben bedeutsam waren. Als sie mal wieder Rilkes Malte Laurids Brigge las, erfuhr sie auf Seite 51, „Und wehrte sich nicht mehr. Und ich wehre mich noch.“, durch einen Anruf, das eine liebste Freundin verstorben ist. Dies birgt auf ewig Erinnerung.

Heute Abend wird sie die letzten Seiten von Márquez, Die Liebe in Zeiten der Cholera, lesen. Sie kennt das Ende. Es wird morgen nicht das erste Mal sein, daß sie eine Seite aus diesem Buch herausschneidet wie bei vielen anderen Büchern auch. Morgen würde sie die letzte Seite, die, auf der in dieser Auflage keine Seitenzahl gedruckt wurde, ausschneiden und in die neu gefertigte Kladde legen. Eine Erinnerung mehr. „Das ganze Leben“, sagte er.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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Rassismus allerorten spürbar

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Im Kleinen wie im Großen

Das Verdrehen der Augen können Sie sich getrost sparen, im Alltag mitten unter uns herrscht er längst, versteckt er sich kaum noch, der Rassismus, schon gleich gar in Zeiten einer sich ungeniert zeigenden Neuen Rechten, die obendrein europaweit ihre Chancen wittert, bis hinein Regierungspolitik gestalten zu dürfen.

Was die Bürger im Alltag untereinander austragen, von Beleidgungen bis handfesten Argumenten per Gewalt, praktizieren gleichwohl Ordnungshüter, Ämter. Unter der sinnigen Überschrift „Kafka lebt“ beschreibt Heinrich Schmitz im Tagesspiegel Causa, wie bundesdeutsche Bürokratie einen Asylbewerber behandeln, der zweifellos sich korrekt verhält, nur daß ihm die Menschen in den Amtsstuben bewußt Steine in den Weg legen.

Wenn drei Behörden gemeinsam versagen

Dabei als oberste Richtschnur die Justiz eigentlich Herrn P. schützen sollte, schließlich gibt es das Grundgesetz, auf das sich die meisten vollmundig gern berufen. Doch was nützt jene deutsche Verfassung, wenn sie fortlaufend ignoriert wird, obendrein Behörden und das Familiengericht sich gegen ihn verschworen haben? Dabei Unlogik vorherrscht?

Gar nichts, vor allem ist er der Leidtragende, zu allem Übel sein Kind, welches ihm am Ende genommen wird, ihm gar Abschiebung droht, obwohl dies gesetzlich nicht sein dürfte. Naheliegend, wenn der Autor sich an Kafka erinnert, der oftmals der Staatsgewalt den Spiegel vors Gesicht hielt, sie somit in Frage stellte.

Soziale Not wird gezielt mit Füßen getreten

Die da unten kann man schnell verhöhnen, mit dem Finger auf sie zeigen, sie demütigen, schlagen, gar anzünden, über sie hetzen, im Alltag, in Medien, Politiker tun das, denken wir an die bösartigen Phrasen gegen Hartz-IV-Empfänger. Auch die jüngste Diskussion über die Abschaffung jenes Agenda 2010-Monstrums läßt tief blicken. Während besonders die Union an ihm festhält, Sanktionen werden als dringend notwendig erachtet, übrigens auch von Sigmar Gabriel, grübeln zumindest mal die Grünen, die es in Regierungsverantwortung mit beschlossen hatten. Wenigstens ein Anfang.

Dennoch ohne Aussicht auf Erfolg. Es paßt so wunderbar ins Konzept jenes Raubtierkapitalismus, die Ausbeutung in jeder Form, daher auch die Hofierung des Niedriglohns, prekärer Arbeitsverhältnisse. In Österreich darf man beobachten, wie die Neue Rechte tickt, am liebsten ein 16-Stunden-Tag, Rente mit 80, malochen, pennen, malochen, der Sarg am Arbeitsplatz, schöne neue Welt des Sklaventums, gepriesen sei dein Arbeitgeber, Hauptsache Profit für die superreiche Klientel. Wer kritisiert, wird als Neider vorgeführt. So simpel tickt Verunglimpfung, Hauptsache die große Masse schweigt. Appelle, sich die Freiheit nicht nehmen zu lassen, verpuffen, solange keiner sich mehr rührt.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Soziales

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Der, der nebenan wohnt

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Im Zimmer nebenan wohnt ein Lektor,
ein menschlicher Detektor,
er spürt auf jeden kleinen Fehler,
er ist ein Falschstehler.
Ob Semikolon oder Komma,
groß oder klein, was auch imma,
er findet es, ohne zu suchen,
ohne den Herrgott anzurufen.

Meine Texte säubert er akkurat
wie andere beim Kochen den Spinat.
Sind auch Ausdrucksweisen redigiert,
den Lesern wird Sprache serviert,
die alles inhaltlich erlaubt,
manchem den Atem raubt.
Egal, ob die Inhalte gefallen oder nicht,
ich finde, zusammen sind wir ein Gedicht.

Nafia

Kategorie: Gedichte

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Wer schön will sein, muss leiden Pein

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Haare färben – Wettbewerb der Eitelkeiten

„Sind sie nicht pfuiteuflisch anzuschauen? Plötzlich färben sich die Klassefrauen, weil es Mode ist, die Nägel rot!“ So die ersten Zeilen von Erich Kästners Gedicht „Sogenannte Klassefrauen“, und Mensch funktioniert vorbildlich im gegenseitigen Vergleichen, wer denn der Bessere, die Schönere sei. Das gilt seit längerem auch für Haare färben, einem Wettbewerb der Eitelkeiten.

Kein Gedanke an die Folgen unserer Umwelt, die permanent belastet wird, von den eigenen Gefahren mal ganz zu schweigen. Wer schön will sein, muß leiden Pein – eine wortwörtlich ernstzunehmend eintretende Wahrscheinlichkeit, die einigen noch bevorsteht nach Jahren der unbedachten Haarfärberei?

Wider der Natur trotz Krebsgefahr

„Wenn es Mode wird, sie abzukauen, oder mit dem Hammer blau zu hauen, tuns sie’s auch und freuen sich halbtot.“, setzt sich Kästners Gedicht fort. Und wenn man es vertiefter verinnerlicht, kann man sich nur noch wundern, mit welcher Ahnungslosigkeit immer mehr Frauen, obendrein selbst Männer, sich ihre Haare färben.

An und für sich zunächst eine uralte Methode, die Mensch schon vor drei bis vier Tausend Jahren praktizierte, ob mit Henna oder Indigo, welche auf pflanzlicher Basis weder den Haaren noch der Haut weitreichenden Schaden zufügten. Wer dies heute möchte, kann auf sie zurückgreifen, sollte dennoch darauf achten, daß die Pflanzen pestizidfrei sind.

Doch Mensch, in seiner neugierig fortschreitenden Entwicklung, nahm sich den chemischen Verbindungen im Laufe der folgenden Jahrhunderte an. Bestanden noch vor dem zwanzigsten Jahrhundert die Haarfärbemittel aus anorganischen Silbernitratlösungen oder anderen Metallsalzen, welche bereits mit einer hochgiftigen Pyrogallol-Lösung angereichert wurden, entstand 1895 das erste Haarfärbemittel unter dem Namen „Chenie’s Haarfarbe Fo“ mit dem dauerhaft haltbaren, synthetischen Azofarbstoff. Wider der Natur nimmt Mensch trotz Krebsgefahr das Haarefärben in Kauf?

Ahnungslosigkeit oder Verdrängung – Narzißmus hat die Oberhand

Mithalten, stets dabei sein, bloß nicht auffallen in der Masse gleichgültig sich gegenseitig posierender Zurschaustellung. Pure Ahnungslosigkeit oder Verdrängung? Am Ende hat der Narzißmus die Oberhand, da vielleicht manche keine Mittel mehr haben, sich auf andere Weise zu behaupten oder hervorzutun.

Dann lieber per Kopfschmuck, was selbst das Friseurhandwerk für sich beansprucht bei der Weltmeisterschaft der Friseure. Schaut ganz nett aus, dabei werden sogar richtig tolle, kreative Ideen entwickelt. Bloß im Alltag mag sie kaum jemand wirklich tragen.

Trotz etlicher Warnungen fleißiges Haarefärben

Andererseits muß man auch mal die Dinge beim Namen nennen. Während die USA bereits zurückrudern, was die sogenannten Bleiacetate bzw. Lead Acetate (Farbstoffe CI11680, CI1580, CI20470, und noch wesentlich mehr) anbelangt, die in Haarfärbemitteln vorhanden, dort somit einem Verbot unterliegen, meint die EU einfach, sie weiterhin zu erlauben, obwohl sie nachweisbar unter dem Verdacht stehen, Krebs zu verursachen Aber das verträgt sich halt nicht mit den hohen Gewinnen einer chemischen Industrie, bei der nicht der Mensch wichtig zu sein scheint, sondern unbedingt die eigenen Profite!

Inzwischen können wir beobachten, daß auch zunehmend Jugendliche längst im Fokus gewinnträchtiger Mode- und Chemieindustrie stehen, die alles mit entsprechender Werbung unternimmt, um ihre Kunden zu ködern. Dabei verhelfen selbst etliche TV-Formate, diesen Trend zu pushen. Es fragt niemand, wenn am Ende Folgeerkrankungen eintreten, die Umwelt ohnehin erheblich belastet wird, denken wir an das Grundwasser.

Die dritte Strophe von Kästners Gedicht lautet:

Wenn es Mode wird, die Brust zu färben
oder – falls man die nicht hat – den Bauch…
wenn es Mode wird, als Kind zu sterben
oder sich die Hände gelb zu gerben
bis sie Handschuh’n ähneln, tun sie’s auch.

Vielleicht kann die eine oder der andere Leser/in ein wenig mitnehmen an kritischen Gedanken zum unbedarften Haarefärben. Sie mögen ganz toll aussehen mittels raffinierter Chemie, eventuell „lästiges Grau“ überdecken, doch der Preis kann sehr hoch sein. Unsere Gesundheit sollten wir nicht einfach so riskieren, die Umweltbelastung keinesfalls fördern.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Gesellschaft

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Geht dir auch manchmal ein Licht auf?

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Hell erleuchtet deine Erkenntnis,
dein Einfall,
ohne flackernde Zweifel,
klar, erfrischend
wie die erste sprudelnde Wasserquelle
im Paradies,
pures reines Wissen
mit jungfräulichem Nichts.

Da, schon wird es dir vergönnt,
diese stille Weisheit,
jungfräulich,
und schon züngelt
ein Windhauch
an der strahlenden Flamme,
wirft Schatten,
die unruhig
ein Schauspiel
an Gedanken
entwerfen.

Jungfrau,
die Reine,
Wertgeschmeide,
Charakterfeine,
deren Nacktheit
keine Blöße ist,
unbefleckt,
unberührt,
unwissend,
ohne Licht,
ohne Schatten,
kein Glitzern,
kein Nichts.

Ohne Jungfräulichkeit
bist du nichts,
junge Frau,
nicht mal ein Nichts.
Frau, nichts.
Geht dir manchmal
ein Licht auf?
Puste es aus.
Wissen gibt es
nur zum Schein
im Singular,
Erkenntnis
benötigt den Einfall
von Lichtermeer,
am besten im Plural.

Nafia

Kategorie: Gedichte

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Kandidat Merz: Talkshow-Geplapper offenbart manches

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Bessi-Wessi bei Anne Will hat wohl gute Chancen

Manche Menschen können Argumente auffahren wie sie wollen, die ganze Körpersprache und Mimik sprechen Bände über das Wesen solcher Figuren. Friedrich Merz kann sich ebenso nicht davonschleichen, dessen Zeichen vermögen eindeutiger kaum sein. Und doch erreicht er Sympathiewerte jenseits von gut und böse, AKK und Jens Spahn dürften schon jetzt als chancenlos gelten.

Die CDU hat keine anderen Kandidaten auf dem Schirm als jene drei, die zunächst das Amt des/der CDU-Vorsitzenden anstreben, naheliegend die weitere Vorgehensweise, baldigst Frau Merkel abzulösen, um den Sessel der Kanzlerschaft sich zu genehmigen. Welch Farce einer einstmaligen Volkspartei, gerade mal 25 Prozent in Umfrageprognosen deuten genau daraufhin, daß Parteien immer weniger Vertrauen erhalten.

AfD-Phrasen sind schnell nachgeplappert – Gabriel in Erklärungsnot

Vor allem scheint es schick zu sein, um auf diese Weise Wählerstimmen ergattern zu wollen am ganz rechten Rand, nichts anderes verbirgt sich hinter den Äußerungen eines Friedrich Merz in der jüngsten Talkshow bei Anne Will, wo er sich kurzerhand auf AfD-Niveau begab. Dabei weiß auch jemand aus der „oberen Mittelschicht“ wie Herr Merz nur zu gut, daß die Grenzen stets offen waren und eben nicht extra für Flüchtlinge seitens Frau Merkel geöffnet wurden. Aber rechtspopulistische Phrasen wirken simpelst markant, was für ein Armutszeugnis, solch einer will Kanzler werden!

So manch hellseherische Fähigkeiten kursieren gern mal am Politikhimmel, auch seitens Sigmar Gabriel, der kürzlich meinte, Angela Merkel könne nach der Europawahl im Mai nächsten Jahres das Amt der Regierungschefin abgeben. Herr Merz stünde längst bereit. Dabei betont er, die SPD würde dabei wohl nicht mitmachen. Ein schlechter Treppenwitz, oder? Was soll denn eine SPD mit gerade mal 15% ausrichten bei nächster Bundestagswahl, außer mit jener AfD in der Opposition sitzen zu müssen, die in etwa gleich stark besetzt sein wird im Plenum? Die Union kann nur noch mit den Grünen regieren, eine FDP erreicht keine mehrheitsfähige Wählerschaft zum Mitregieren, vielleicht gelingt doch noch eine Jamaika-Koalition, was eher bezweifelt werden darf.

Der Fall bleibt aus, Hochmut obsiegt

Das Fazit jener Redewendung, daß Hochmut vor dem Fall kommt. Mit Friedrich Merz an der Spitze der CDU, die CSU als möglicher Kanzler gleich mitgekauft, zieht personifizierte Arroganz in die Waschmaschine, insofern wird nicht im Geringsten gefallen oder gestolpert, das hat er schon lange Jahre sattelfest mit seinen Pöstchen in der freien Wirtschaft zugenüge geübt.

Die dunklen Wolken am Zenit mit dem Ende der Ära Merkel beschäftigen schon sehr bald die politische Wetterlage hierzulande. Anstatt endlich die Menschen zu entlasten, eine gänzlich andere Verteilung allen zu gönnen, verhöhnt das Großkapital uns weiterhin, ein Herr Merz wird es meisterhaft verstehen, viele zu seinen Gunsten zu blenden.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Politik

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Als Mutter Erde den Atem anhielt – Teil 2

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‚Ob die Batterie noch funktioniert?‘, überlegte Steven, entschied sich im gleichen Moment, es auszuprobieren, drückte auf „Power“ und drehte den Lautstärkeregler nach rechts. „There’s a giant doing cartwheels, a statue wearin‘ high heels.”, erklang da. ‚Wow, ein Song von Creedence Clearwater Revival, nur welcher?‘, grübelte der zwei Jahre ältere Bruder, fand die leere Cassettenhülle im Handschuhfach. Das mußte sich um den 1970 erschienenen Song „Lookin‘ Out My Back Door“ handeln, erkannte er zugleich mit kurzem Blick auf die Songliste. Sein Vater hatte jene Musik oftmals laut angehört, wenn ihre Mutter nachts gerarbeitet hatte. Amelie schwang rhythmisch ihre Hüften zur Musik.

Plötzlich vernahmen die Geschwister ein sehr laut näher kommendes Brummen, Steven warf sich erschrocken auf den Beifahrersitz, duckend nach unten, während seine Schwester unter den Kadett kroch, dabei ihr linker Jackenärmel bis zum Ellenbogen aufriß. Dann stürzte ganz hinten irgend etwas schweres aufs Schuppendach, kullerte lautstark herunter und schlug scheppernd auf einen Schrotthaufen. Gleichzeitig wurde das Tor aufgerissen, zwei Uniformierte stürmten hinein. Ein Lichtkegel von einer großen Stabtaschenlampfe durchbrach den Raum, die beiden entdeckten die Geschwister aber nicht.

Der größere der Uniformierten schrie seinem Kumpel zu, hier sei wohl nichts, besser sie würden wieder verschwinden, außerdem sollen gleich die nächsten Bomben fallen. Daraufhin verließen sie den Schuppen wieder, Amelie und Steven atmeteten zunächst erleichert auf.

„Setz dich zu mir, Amelie“, forderte sie ihr großer Bruder auf. Kaum geschehen, startete er den Motor, der Kadett sprang erstaunlicherweise sofort an. Ohne zu zögern, legte Steven den ersten Gang ein und gab Vollgas. Laut aufheulend, mit quitschenden Reifen durchbrach Sekunden später der orangefarbene Wagen das Tor des Schuppens, die Geschwister befanden sich mitten im Krieg, rechts und links fielen irgendwelche brennende Teile vom Himmel, Amelie schrie nur noch, ihr großer Bruder fuhr ziemlich geschickt über den Hof.

Ein Ticket in eine ungewisse Zukunft

Der gesamte Horizont schien in Flammen zu stehen, wie Tanja unschwer bemerkte, als sie einen kurzen Blick beim Kochen aus dem Küchenfenster warf. Erschrocken zuckte sie zusammen, weil just in diesem Moment ein Feuerschweif übers Haus zurauschte. Sie dachte noch panikartig an ihre beiden Kinder, wo sie denn so lange blieben, entschied sich aber, nicht weiter zu grübeln.

‚Nichts wie weg hier‘, dachte sie nur noch, schlüpfte in Windeseile in ihre Stiefel, schnappte sich ihre Jacke, die Handtasche und stürzte durchs Treppenhaus nach unten. Ganz nah krachte es ziemlich laut, der Schall drang durch sämtliche Mauern, das Glas der Scheibe im zweiten Flurfenster zerbarst, Splitter flogen ihr entgegen, doch Tanja lief einfach weiter.

Sie riß die Haustür und nicht die Hoftür auf, was sie selbst verwunderte, sah den kurz scharf bremsenden, organgefarbenen Kadett, Amelie sprang aus dem Wagen, klappte den Beifahrersitz nach vorne, schwang sich nach hinten auf die Rücksitzbank, damit Tanja vorne Platz nehmen konnte. Sofort beschleunigte Steven den Opel, der natürlich aufheulte, was dennoch im Lärm des Bombenhagels kaum störte.

„Ihr fragt euch sicherlich, wem der gehörte, oder? Ich nehme mal an, ihr wißt es schon. Euer Vater konnte sich nie von ihm trennen, sein alter Kumpel, der Thorsten, hat ihn all die Zeit in meinem Auftrag gewartet, wollte ich irgendwann einmal als Oldtimer verkaufen“, berichtete sie ihren Kindern, freute sich zugleich, daß Steven so zielsicher den Wagen lenken konnte.

„Bevor du mich mit Vorwürfen überschüttest, Mama, genau dieser Thorsten war es, der mich ab und zu mal mit seinem Auto fahren ließ, stets dabei war. Jetzt kommt es uns zugute“, bemerkte ihr Sohn grinsend um sich schauend. Amelie lächelte ihn kurz an und drückte erleichtert die linke Hand ihrer Mutter. Alle drei wußten nunmehr, daß ihr Leben einen gänzlich anderen Verlauf nehmen würde.

Jedwede Verbindung zu alten Freunden oder entfernten Verwandten verloren in jener Nacht an Bedeutung, es galt, irgendwie weg zu kommen vom Krieg, der sie eingeholt hatte. Wie gut, daß sie sich hier sehr genau auskannten. Binnen weniger Minuten verließen sie bereits die Stadt, im Rückspiegel konnte Steven das Aufflackern brennender Straßenzüge erkennen, vor ihnen lag die tiefe schwarze Nacht, ein Ticket in eine ungewisse Zukunft. Niemand konnte vorherbestimmen, was jene Kriegstreiber noch alles an Bösartigkeiten den Menschen antun wollten.

Lotar Martin Kamm

Als Mutter Erde den Atem anhielt – Teil 1

Erschienen im Buch „Hrabans geheimnisvolle Reise zum Kontinent des Lächelns“ (BoD)

Kategorie: Kurzgeschichten

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