Vom Streit zum Krieg

Trotz etlicher Beispiele hält Mensch daran fest?

Es begegnen sich zwei Gruppen von Schimpansen und signalisieren gegenseitig lautstark durch Geschrei ihre Wut. Eine verbale, eindeutige Ablehnung. Ein Affe entdeckt beim Zugreifen eines Knochens, diesen als Waffe gebrauchen zu können: Die Tierwelt hat eine neue Spezies erhalten, auf bestem Wege zum Homo sapiens, die als erste und einzige Krieg ausübt.

Die meisten von Ihnen werden in dieser kurzen Beschreibung sicherlich die Szene aus Stanley Kubricks Film „2001: A Space Odyssey“ (2001- Odyssee im Weltraum) erkannt haben, dessen Romanvorlage Arthur C. Clarke mit dem Originaltitel The Sentinel diente.

Was veranlaßt Menschen dazu, sich auf so grausame, vielfältige Weise gegenseitig zu töten? Reduziert sich dies tatsächlich nur auf Neid, Haß und eine undefinierbare Macht?

Weit über vier Milliarden Jahre war Mutter Erde ohne diese häßliche Begleiterscheinung ausgekommen, weil in der gesamten Tierwelt es keine kriegerischen Auseinandersetzungen je gegeben hat und dies bis heute auch so sich verhält. Nur der Mensch mit seinem Anspruch, das höchste Wesen auf Erden zu sein, stellt sein Unvermögen der eigenen Spezies gegenüber seit seiner Entstehung vor einigen Millionen Jahren ständig und sehr erfinderisch unter Beweis.

In dem Filmklassiker Die Götter müssen verrückt sein (Drehbuch und Regie: Jaymie Uys) findet der Buschmann Xixo in der Wüste Kalahari eine achtlos aus einem Flugzeug geworfene Coca-Cola-Flasche. Das „böse Ding“ stiftet in dem bis dahin glücklich zusammenlebenden Eingeborenenstamm Unfrieden, weil dieses neue „Werkzeug“ jetzt urplötzlich eine Einmaligkeit erhält, die es sonst vorher eben nicht gab. Somit ist es die Aufgabe von Xixo, es wieder in diese unbekannte Zivilisation zurückzubringen.

Dieser Film hat eine ganz entscheidende Kernaussage, nämlich die, daß es nur Unfrieden bedeutet, wenn wir Menschen dem Habitus verfallen, uns bekriegen. So schließt sich auch der Kreis dieser Metapher gleichzeitig mit den berechtigten philosophischen Erkenntnissen eines Erich Fromm, der genau dies in seinem Werk Haben oder Sein ausführlichst geschildert hat, daß eben die Menschheit am Scheideweg steht, sich endgültig zu entschließen hat: entweder die völlige Zerstörung allen Lebens zugunsten des Habens oder aber das Sein endlich konsequent gerecht zu pflegen. Dabei kann Krieg kein Weg mehr sein, sondern eine Ächtung nur noch daraus folgern.

Selbstverständlich kann eine Welt ohne Krieg nicht einfach so sich erträumt, sie nicht ohne weiteres in die Tat umgesetzt werden, eben weil dieses „Muster“ schon viel zu lang als gegebene Handlungsfolgerung angewandt wird, zumal Mensch meint, es gäbe keine anderen Möglichkeiten. Haß und Zerstörung sind stets einfachere Wege, wie uns die Geschichte gelehrt haben sollte. Frieden und Aufbau dagegen bedürfen einer sehr behutsamen Pflege, einer Rücksichtsnahme, der Nächstenliebe, die dabei völlig frei ist von religiösen Ansprüchen.

Kriege haben bereits im täglichen Zusammenleben ihren Anfang, sie werden somit im Kleinen in Familien ausgetragen oder halt auch nicht. Je gerechter die Verteilung im Volke, je mehr soziale Zusammengehörigkeit gepflegt wird, um so weniger Unfrieden herrscht in einer solchen Gesellschaft. Statt genau dies wesentlich konsequenter anzuwenden, ziehen es insbesondere unsere Eliten vor, ihre Macht weiter auszubauen. Die Folgen sind Armut, Sozialabbau, Unfrieden bis hin zu Gewaltzunahme. Dabei werden natürlich erst recht Waffengeschäfte gehegt und gepflegt, die Verdienstspannen mit den billigend in Kauf genommenen Folgen, Kriege und somit Massensterben, müssen einem moralisch-ethischen Gewissen weichen, es zählt nur der Maximalgewinn, das Leben im luxuriösen Überreichtum.

Müssen all diese Folgen von Kriegen weiterhin tatsächlich hingenommen werden, schweigend, ängstlich, ohnmächtig, weil es sowieso keine Wege gibt aus dieser Bürde? Sind die Menschen, die uns gewaltfrei vorgemacht haben, wie unser Weg sein könnte, wie Mahatma Gandhi, Martin Luther King oder Jesus von Nazareth nicht Beweis genug, daß es sich lohnt, sich einzusetzen für den Weltfrieden?

Man muß endlich das Bewußtsein in unseren Köpfen verankern, daß Kriege keinen Sinn machen, es keine Sieger gibt, sondern nur Verlierer, und wir vor allem damit beginnen, dies zu leben.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Quergedachtes

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Türkei: Ende des „Marsches für Gerechtigkeit“ mit klarer Botschaft

Kemal Kılıçdaroğlu will die Wahl in zwei Jahren gewinnen

Wenn zwischen 1,6 und zwei Millionen Menschen in Istanbul sich mit Kemal Kılıçdaroğlu, dem Vorsitzenden der CHP, bei dessen Schlußkundgebung nach dem langen „Marsch der Gerechtigkeit“ solidarisieren, dann kann dies nicht spurlos an Recep Erdoğan vorbeigehen.

Es sei nicht das Ende des Marsches, sondern der Anfang der Freiheit, hatte gestern Kemal Kılıçdaroğlu betont, der am 15. Juni den „Marsch für Gerechtigkeit“ in Ankara begann, weil sein Parteikollege Kadri Enis Berberoğlu, stellvertretender Leiter für Medienbeziehungen und Kommunikation, zuvor zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt worden war, weil dieser zwei Jahre zuvor entlarvende Bilder präsentiert hatte, die Waffenlieferungen an syrische Rebellen aufzeigten, so daß dadurch die türkische Regierung in Verdacht geriet, sich aktiv am syrischen Krieg zu beteiligen.

Für Erdoğan der Protestmarsch eine Billigung der Gnade

Ein Kalkül, um sein Gesicht zu bewahren, obwohl doch ein selbstverständliches Grundrecht in Demokratien? Dieser despotische Präsident scheint sich seiner Sache ziemlich sicher, zumal seine bisherigen Handlungen dies erst recht unterstreichen, denken wir an die Verhaftung von Taner Kiliç, dem türkischen Chef von Amnesty International.

Zwar hatte sich Kemal Kılıçdaroğlu mitsamt seiner sozialdemokratischen Partei der CHP (Cumhuriyet Halk Partisi), der Republikanischen Volkspartei, die 1923 der türkische Präsident, Mustafa Kemal Atatürk gegründet hatte, direkt nach dem Putschversuch am 15. Juli 2016 noch hinter Recep Erdoğan gestellt, jedoch wenig später seit dem Anschlagversuch auf eine Fahrzeugkolonne, worin sich Kemal Kılıçdaroğlu am 25. August befunden hatte, ein begleitender Soldat ums Leben kam, änderte sich die Haltung des CHP-Chefs.

Im Interview mahnt er zurecht den Weg des Präsidenten an, obwohl dieser schon lange vorhersehbar war, er nicht hätte zögern dürfen Eine echte parlamentarische Arbeit wird seitens Erdoğans vereitelt, Kılıçdaroğlu bleibt nichts anderes übrig, als auf der Straße mehr Aufmerksamkeit zu erlangen, hofft darauf, die Wahl in zwei Jahren gewinnen zu können.

Chancen für diese noch lebendige Opposition?

Das kann niemand tatsächlich behaupten, alldieweil jener „türkische Pascha“ garantiert nicht die Macht aus seinen Händen geben wird, schon gleich gar nicht freiwillig und somit sämtliche Register zieht, um dies zu verhindern. Der Rosenpicker aus der Türkei hatte ohnehin mal wieder verdeutlicht, was er von internationaler Verantwortung hält. Einerseits sich im Bade der G20 sonnen, andererseits genauso wie Donald Trump das Pariser Klimaabkommen negieren, schließlich müßte dann die Türkei zahlen, möchte sich lieber als Schwellenland wegducken.

Deutschland, Europa und der Welt täte ein türkischer Machtwechsel reell sehr gut, mit einem Kemal Kılıçdaroğlu bestünde wieder Hoffnung. Dennoch hat Recep Tayyip Erdoğan bisherig ganze Arbeit geleistet, seine Anhängerschar, auch in Deutschland selbst, scheint ihm weiterhin treu ergeben. Wer weiß schon, was in zwei Jahren sein wird.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Politik

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Nichts ist niemand, keinem recht

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Nichts ist niemand, keinem recht,
jeder Anlaß ein Ruf zum Gefecht.

Mode ist es,
andere zu denunzieren,
um selbst im Lichte zu poussieren.

Mode ist es,
die Welt schlecht zu reden,
mit Haß, Häme kann man Geld vermehren.

Mode ist es,
zu hetzen, fliegen zu lassen die Fetzen.
Grölen bis zur Heiserkeit.
Wut macht sich in Köpfen breit.

Mode ist es,
alles besser zu wissen.
Hinter Antworten Geheimnisse wittern,
zum Schaden aller, nur für den Pöbler nicht,
seine Weisheit ist wasserdicht.

Mode ist es,
Prügel, Keile zu verteilen,
zur Strafe, zum nicht Einigen.

Mode ist es,
Angst zu schüren, damit alle spüren,
Gewissenlose werden dafür auserkoren

Mode ist es,
alte Denkmuster neu zu beleben.
Herrschaft, Gehorsam, Untertänigkeit,
die Zeichen für eine bessere Zeit.

Mode ist es,
niemanden ein Auskommen zu gönnen.
Nur das Eigene darf schlemmen.

Mode ist es,
keinen zu lieben,
der nicht bereit ist, zu dienen.
Furcht vergiftet auf simpelste Art,
was Freiheit nicht vermag?

Nichts ist niemand, keinem recht,
jeder Anlaß ein Ruf zum Gefecht.
Mode ist eine Zeiterscheinung,
als Modus fürs Leben eine Verdummung.

Freiheit ist es,
der wir verantwortlich sind, vom Greis bis zum Kind.
Jede Frucht ist eine Schöpfung, wer sie vergiftet,
Menschen, Natur, Gedanken, der baut Schranken,
der ist nur sich selbst verpflichtet.

Nafia

Kategorie: Gedichte

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G20-Gipfel: Bewußte Provokationen ohne nennenswerte Ergebnisse

Demokratische Rechte teilweise aufgehoben

Dieser G20-Gipfel endete nicht in jenes Desaster wie vor 16 Jahren beim G8-Gipfel in Genua, als ein Demonstrant erschossen und eine Demonstrantin von einem Panzerfahrzeug überrollt wurde. Dennoch bewahrheiteten sich die befürchteten Krawalle, zumal die Polizei selbst erheblich mit dazu beitrug, per bewußter Provokationen jene heraufzubeschwören.

Der Gipfel selbst erbrachte eben keine nennenswerte Ergebnisse zur Sache, eine berechtigte Hinterfragung, ob er überhaupt notwendig gewesen sei, sollte durchaus angemahnt werden. Man kann daraus auch ganz andere Schlüsse ziehen, die mitnichten irgendwelchen verschwörungstheoretischen Charakter haben, sondern ziemlich pragmatisch diesen G20-Gipfel in Frage stellen.

Ein Lob zuviel an die Kanzlerin

Etliches zuvor formuliertes darf man ohne weiteres mit einfügen, denken wir an das merkwürdige Verhalten dem „türkischen Pascha“ gegenüber, an das sture Festhalten zum Thema Maidan-Putsch oder an die unnötige Entscheidung, Bundeswehrsoldaten beim Syrien-Krieg mit zu verpflichten. Alles mit freundlicher Unterstützung ihres Koalitionspartners, eine SPD kann sich insofern keineswegs herausreden, den hegemonial-neoliberalen Weg gemeinsam gegangen zu sein.

Aus diesem Grund darf unbedingt fragend der Kopf geschüttelt werden, was denn als Fazit jenes zweitägigen Gipfels so positiv gewesen sein solle, welches die Kanzlerin dermaßen euphorisch hervorhob? Daß Märkte offen gehalten werden sollten, Protektionismus und unfaire Handelspraktiken bekämpft gehörten, war ohnehin lange vorher bekannt und abgemacht, gerade jenes ominöse JEFTA zeugt von einem dramatischen Festhalten, vorbei am Bürger, hin zur Konzernmeierei. Da sind jetzt schon berechtige Widerstände und Proteste vorprogrammiert.

Nach Hamburgs Generalprobe bald Premiere zum Polizeistaat?

Selbstverständlich mahnt Gabriele Heinecke vom Anwaltlichen Notdienst des Republikanischen Anwältinnen- und Anwältevereins das harsche Verhalten der Polizei während der Proteste an, rügt deren Fakenews. Gezielte Absicht in Form einer Generalprobe, die gerade bei der „Welcome to Hell“-Demo ihre Bewährungsprobe erhielt, ein sogenannter Schwarzer Block durch Hamburgs Straßen des nachts gezielt verwüsten sollte? Zumal bekanntlich staatlicherseits gelenkt und instrumentalisiert?

Ein verwüstetes Schlachtfeld im Schanzenviertel spricht Bände, wes Geistes Kind dahinter sich verbergen wollte und vor allem sollte. Der Eindruck einer chaotisch-zerstörerischen Szenerie daher beste Voraussetzung, den Polizeistaat weiter auszubauen. Premiere folgt bekanntlich nach dieser Hamburger Generalprobe, wo auch immer!

Da kann ebenso die geäußerte Betroffenheit des Hamburger Bürgermeisters Olaf Scholz nicht hinwegtäuschen. Sicher doch, Gewaltausschreitungen sind per se zu verurteilen, aber polizeiliche Provokationen genauso wie jener G20-Gipfel, der im Grunde auch auf einer einsamen Insel inmitten eines Ozeans hätte stattfinden können, mit denselben längst bekannten Ergebnissen.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Proteste und Widerstände

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Pracht zerfiel

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Die Bohlen schwankten,
zäh, auf, ab, Kaugummi,
die Socken brannten,
heiß, flimmernd, Glut.

Da war kein Schiff,
da war kein Segel,
da war sie, allein,
inmitten sich selbst.

Die Stimme vernahm,
leise, monoton, Entwürfe,
das Kind lachte,
herzhaft, schmerzhaft, du Narr!

Da war kein Abend,
da war kein Morgen,
da war sie, allein,
inmitten sich selbst.

Die Kruste löste,
bröckelnd, zerrend, Stücke,
der Krater qualmte,
diesig, neblig, Gestalten.

Da war kein Ende,
da war kein Anfang,
da war sie, allein,
inmitten sich selbst.

Die Pracht zerfiel,
langsam, stetig, Türme,
Lichter blinkten,
kalt, flackernd, Melodie.

Da war sie da,
da war sie hier
da war sie erfühlt,
da war sie mitten in sich.

Nafia

Kategorie: Gedichte

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Das ist der Gipfel: Europa und die Welt an Angelas Rockzipfel

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Satirischer Rückblick…

Konstruktive Politik macht sich ohnehin ständig rar, kommt nichts bei rum außer Bla,bla,bla. Denn was och immer geschah, die Bürger läßt man im Unklaren stehen, Hauptsache gewisse Eliten mögen ihre wohlverdienten Pfründe sehen. Es wurde stets geflissentlich vermieden die Suche nach Frieden. Die Losung lautet ständiger Krieg, Medien umlullen uns hinterher von Sieg.

Solange die Menschheit jenes simple Spiel nicht begreift, wird sie halt weiterhin einjeseift. Man tut scheinheilig Buße, nach CETA und TTIP folgt JEFTA auf dem Fuße. Jetzt darf och Japan mitmischen, dem Bürger kann Politik einfach altbekannte Lügen auftischen.

Was für armselige Politnieten, statt dem eigenen Sein Chancen bieten, folgt sie dem ausbeuterischen Weg. Woran das wohl läg? Na, juter Mann, jute Frau, dann mach dich mal schlau, solange Menschen stets ihre Obrigkeiten wählen, werden am Ende keene Bürgerrechte zählen! Findste in etlichen Gazetten, es gilt eben nicht, einen Unschuldigen retten. Vor jedem Gericht als oberste Pflicht gilt alleweil: Geiz und Überreichtum ist geil.

Während fehlendende Rettungsgassen sowie Gaffer nicht für schnelle Hilfe sorgen, heißt’s bereits schon morgen, was interessieren uns eure Belange, Hauptsache ihr haltet uns die Stange. Abzüglich der Anzüglichkeiten lautet’s für die: Vorbereiten auf sämtliche Wahrscheinlichkeiten.

Daß schädlicher Isoglucose aus den USA auf dem Vormarsch gen Deutschland sich befindet, die EU dabei sich heuchlerisch windet, sollte möglichst viel Menschen zu Bedenken geben, es sei denn, die meisten pfeifen auf ein gesundes Leben. Ick hab dir wat mitjebracht: viel Lärm in der Nacht.

Dat is der Hohn, manche wußten es schon, daß dieser G20-Gipfel nur ne Generalprobe sein kann, bis irgendwann deutschlandweit Aufstände niedergeknüppelt werden, nicht wie früher auf Pferden, vielmehr mit entsprechendem Rüstzeug und technisch-logistischen Wahrscheinlichkeiten, auf die sie sich bereits damit vorbereiten. Schön wenn kunstvoll 1.000 Gestalten in Hamburg unterwegs sind, es weiß bereits jedes Kind, neue Inspirationen sich lohnen.

Und doch werden Staatsmacht und bewußt inszenierter Schwarzer Block niemand schonen. Vorprammierte Gewalt bei „Welcome to Hell“ macht somit Sinn, schaut besser genauer hin, bevor sie Euch das Fell über die Ohren ziehen. Alles verrückt, Mutter Erde keinesweg entzückt. Das bewußte geplante Konzept insofern alles andere als mißglückt.

Lotar Martin Kamm

Kategorie: Satire

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Inno auf dem Schlauch

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„Innozenz, hier spielt die Musik!“ Scharf klangen die Worte, wie immer wenn Lehrer Huber mehr als zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen wollte, in seinem Ohr. Er hatte nicht geschlafen, er war hellwach, wachsam wie immer, horchend. Neugierig. Gespannt. Zugegebenermaßen nicht an den Sprechmonologen von Lehrer Huber, der mit weitschweifenden Wörtern, aber ohne Klang, monoton, der Klasse die aufregenden Geschichtsepisoden näher bringen wollte.

Trotz der aus den Sätzen fließenden Begeisterungsstürme, die erkennen ließen, Huber war ergriffen von seinem kenntnisreichen Wissen sämtlicher vergangener Jahrhunderte, gelang es ihm nicht, die Klasse wirklich dafür zu interessieren, was in früheren Zeiten geschah. Nicht nur bei Innozenz. Obwohl einige andere auch ihren Tagträumen in der Geschichtsstunde nachhingen, war Lehrer Huber ständig auf Augenkontaktsuche bei Innozenz und wenn er auch nur die Vermutung hegte, Innozenz wäre nicht bei seinen Ausführungen, sondern in seinen scheinbar unendlichen Traumwelten, erfüllte er den Satz, Innozenz, hier spielt die Musik, mit so viel ausdrucksfähiger Intonation, die seinem Sprachgebrauch völlig widersprach.

„Über was habe ich gerade eben gesprochen?“ War klar, daß er jetzt damit wieder ankommt. Innozenz war inzwischen geübt darin, Lehrer Hubers Ausführungen zu hören, dennoch aber in seiner eigenen Gedankenwelt spazieren zu gehen. „Am 23. Mai 1618 wurden drei Männer aus der Hofkanzlei in Prag von zweihundert Vertretern der…“, begann Innozenz ruhig und gefaßt, eher herunter leiernd, als Lehrer Huber ihn strafend anblickte, ihn unterbrach, indem er den Satz wiederholte und einfach den Unterricht weiterführte. Nichts war geschehen. Gar nichts.

Wenn er jetzt Glück hatte, würde er die Unterrichtsstunde ohne weitere Unterbrechung in seinen eigenen Gedanken verbringen können. Es ist nicht wahr, wenn die anderen behaupten, er träume, im Gegenteil, er war hellwach, wenn er seinen Gedanken nachhing. Er folgte ihnen. Zurzeit führten sie ihn zu der bevorstehenden Hochzeit seiner ältesten Schwester, die ihn immer noch als kleines Kind behandelte, natürlich nicht bösartig, aber stichelnd, herzlos, gnadenlos sogar vor Fremden Zenzi rief. Für sie ein Überbleibsel aus der schwesterlichen Rivalität, weil ihm mehr Beachtung geschenkt worden wäre, als sich die Eltern trennten als ihr, und weil er mit seinen braunen Löckchen, die immer noch als Lockenpracht sein Gesicht umranken, unwiderstehlich aussah für sämtliche Personen, und ihm deshalb keine kleinste Bitte abschlugen, er eine Narrenfreiheit besaß, von der sie überzeugt war, daß er alle mit seinem Mädchengesicht nur täuschte.

Heute Nachmittag sollte er seinen zweiten Anzug, den ersten bekam er zur Kommunion, mit seiner Mutter bei „Witbert“, Anzüge nach Maß, aussuchen. Nach anfänglichen Abwehrmechanismen, denen er fähig war, sich dagegen zu sträuben, willigte er schließlich ein, unter der Bedingung dies nur über sich ergehen zu lassen, wenn sein Vater dabei anwesend sei. Seine Eltern waren zwar geschieden und lebten an verschiedenen Orten, genauer gesagt etwa fünf Kilometer voneinander entfernt, dennoch führten sie wieder eine Beziehung, nachdem sie nach der Scheidungsphase ihrer Aussage nach festgestellt haben, sie liebten sich, aber nur mit räumlicher Trennung.

Für Innozenz war diese Situation eine Selbstverständlichkeit, weil er von klein auf damit aufwuchs, seine Geschwister hingegen drängten die Eltern anfangs mit verzweifelter Vehemenz, wieder zusammenzuziehen, weil alle Eltern nun mal zusammen wohnen würden und sie sich vor ihren Freunden lächerlich vorkamen, inzwischen aber ist es auch für sie eine gewohnte Lebenssituation geworden, gegen die sie sich nicht mehr auflehnen.

Innozenz leckte an seinem Eis, für das er extra einen Umweg gegangen ist, nicht weil er eine Auswahl an Eisdielen gehabt hätte, es gab nur eine im Dorf und war eher eine Kneipenwirtschaft, sondern weil er den Nachhauseweg hinauszögern wollte. In seiner Vorstellung war dieser Anzugskauf ein Raub seiner Jugend, er wollte noch nicht erwachsen sein, das heißt eigentlich schon, es fühlte sich zumindest ab und an so an, als sei nicht nur seine Kindheit, auch seine Jugend verloren, wenn er seine Gedanken wandern ließ und bemerkte, sie glichen mehr oder weniger den Gedanken von Erwachsenen, wenn er sie mit deren Gesprächen verglich oder deren Inhalt in Büchern fand.

Ein Eis so langsam zu genießen wie einen Lutscher, den man über Minuten hinweg einfach in der Hand halten konnte, ohne Bedenken etwas von dem Genuß zu verpassen, wenn man nicht schnell genug leckte, war ihm spätestens dann ins Bewußtsein gerückt, als das Eis anfing, sich durch die Waffel einen Weg über seine Finger Richtung Erde zu unternehmen. Hastig beeilte er sich, das Fließende aufzuhalten, indem er die Eiswaffel in verschiedenste Richtungen hielt und somit zu verhindern suchte, die Fließrichtung zu ändern, natürlich unter Einsatz der immer flinker lutschenden Zunge. Vielleicht war es seiner ständigen wechselnden Kopfhaltung zuzuschreiben oder dem klebrigen Gefühl an seinen Fingern, daß er auf die Idee kam, seinen eingeschlagenen Nachhauseweg noch ein bißchen mehr zu verlängern und den am Waldrand entlang fließenden Bach barfuß durchwaten wollte. Dies sollte ausreichen, die Verzögerung, die sich dadurch ergab, den anstehenden Anzugskauf möglichst schnell hinter sich zu bringen, da sein Vater einen wichtigen Termin wahrnehmen wollte, den er schon ihm zuliebe um eine Stunde verschoben hatte.

Das Bachwasser war trotz Sonnenbestrahlung extrem kühl, eher kalt aber erfrischend und Innozenz gedanklich auf dem Weg zu Abenteuern, die nur ein Mensch bestehen konnte, der in der Vergangenheit mit Ungeheuern, wilden Ureinwohnern, Gespenstern, Feen, Trollen und Phantasietieren gekämpft hat. Nachdem die Füße anfingen, sich eher wie kleine Eisklumpen anzufühlen, beschloß er, es sei nun an der Zeit, über die noch nicht gemähte Wiese schnurstracks den Weg nach Hause zu nehmen, da erblickte er im Bach liegend einen schwarzen Schlauch, der an einer Umwälzpumpe angeschlossen war, die leise vor sich hin brummelte. Er wußte Bescheid.

Dies war Lehrer Hubers Wasserversorgung für seine in einem Gewächshaus stehenden Pflanzen. Gehört hatte er davon. Das Dorf war sich nicht einig, ob dies gestattet sei, Wasser abzuzapfen, das nicht bezahlt würde. Die einen meinten, daß dies nicht rechtens sei, sie müßten ihr Wasser auch bezahlen, die anderen hielten dagegen, das Wasser diene ja nicht zur Trinkwasserversorgung, sondern fließe in den Ammerbach, der wiederum genügend Wasser führe, um eine Stadt damit zu versorgen.

Er begutachtete die Pumpe, die er bombastisch fand, ganz im Gegensatz zu dem Schlauch, der schwarz mit Dreieckslinien ihm nur als mickrig erschien. Er trat auf den Schlauch, der sich merklich unter seinen Füßen niederdrücken ließ. Seine Schuhe stopfte er in seinen Schulrucksack und folgte mit den Händen das Gleichgewicht auspendelnd den Weg des Schlauches durch die bis zu seinen Knien hochstehenden Gräser. Auf und ab, auf und ab, Wasser marsch, Wasser stop. Etwa in der Mitte der Wiese war ihm die Lust vergangen und er spurtete sich, nach Hause zu kommen, da drehte er sich mitten im Lauf um, rannte zurück an die Stelle, an der der Wasserschlauch lag und hopste zweimal mit beiden Füßen auf den runden Schlauch, der nach dem zweiten Sprung sich aufgelöst hatte. Etwas irritiert, weil es nicht seine Absicht war, den Schlauch zu zerstören und müßte jetzt nicht Wasser hochspritzen, stellte er beim genaueren Hinsehen fest, da liegt gar kein Schlauch auf dem Wiesenboden.

Wie lange eine Ewigkeit dauert, die in Sekundenbruchteilen ganze komplexe Zusammenhänge von Erkenntnissen vermittelt, verstand Innozenz, als er abends im Bett nicht nur über die von den besorgten Eltern geäußerten Bedenken hinsichtlich seines Verhaltens nachdachte, sondern auch, als er immer und immer wieder das Gefühl unter seinen Fußsohlen spürte von diesem runden warmen Schlangenkörper, der blitzartig seine Wärme durch die erkalteten Beine in sein Bewußtsein schoss.

Doris Mock-Kamm

Kategorie: Kurzgeschichten

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